Overlander-Anekdoten
Erlebnisse von Gabi und Peter zum Schmunzeln
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 120
ISBN: 978-3-7116-0694-5
Erscheinungsdatum: 29.07.2025
Ein Schweizer Paar, ein selbst designtes Expeditionsmobil namens Globi und der große Traum von Freiheit: Durch Wüsten, Berge und Bürokratiedschungel geht’s rund um die Welt. Charmant, turbulent und mit Augenzwinkern erzählt – Lesevergnügen garantiert!
Prolog
Vor gut zehn Jahren haben wir, Gabi und ich, begonnen, unseren Traum in die Tat umzusetzen; wir reisen mit unserem Expeditionsmobil Globi durch die Welt. Die Realisierung unseres Expeditionsfahrzeugs hat schon einige Jahre vor dem Start in Anspruch genommen. Um all unsere Wünsche und Vorstellungen zu erfüllen, bauten wir unser Haus für unterwegs auf einem Sechs-mal-sechs-Lastwagen auf. Heute leben wir sehr autark und Offroad-tauglich in unserem Reisemobil. Wir haben unsere Langzeitreise als völlige Greenhorns gestartet. Wir sind und waren keine Camper. Wir sind beide unabhängig voneinander viel gereist, geschäftlich und privat, jedoch nie mit Zelt und schon gar nicht auf Campingplätzen. Alles, was mit Campieren zusammenhängt, kannten wir perfekt vom Hörensagen. Die ganze Ausrüstung, die man zum Campieren in der Wildnis benötigt, packten wir in unseren Reise-Lastwagen, Platz und Gewichtsreserven waren genügend vorhanden. Wir sind beide keine Handwerker, sondern ehemalige «Bürogummis», was vor allem die technischen Probleme, die auf einer so langen Reise auf einen zukommen, auf jeden Fall sehr vereinfacht. Zur Absicherung unserer nicht vorhandenen Fähigkeiten verpackten wir eine komplette Werkstatt in unseren Globi, so fühlten wir uns sicher! Dann kam der Abreisetag, wir sind ziemlich blauäugig losgereist. Wir stellten uns vor, dass wir unseren Lastwagen an den schönsten Orten dieser Welt hinstellen und im Paradies leben, dass wir draußen wohnen und über den größten Garten, den es gibt, verfügen, dass es da, wo wir hinreisen, meistens angenehmes Wetter ist und dass unser neues Reisegefährt immer einwandfrei funktioniert. Dass dann doch nicht immer alles so paradiesisch verlief, erzählen wir anhand von Kurzgeschichten, die das Reisen schrieb, in diesem Büchlein. Bis jetzt haben wir allerdings nichts erlebt, das uns bewogen hätte, mit unserem Traum aufzuhören.
Testfahrten
Um nicht völlig unvorbereitet loszufahren, beschließen wir zuerst, zwei Testreisen zu absolvieren. Als Erstes reisen wir einen europäischen Winter lang nach Marokko, um uns an die südliche Wärme zu gewöhnen und mit dem Lastwagen durch den Sand zu fahren. Ich bin früher viel durch die Dünen gefahren und kann Sand fahren, aber mit einem Lastwagen ist das dann doch eine andere Dimension. Die Regeln sind dieselben, aber die Bergung ist dann etwas komplizierter.
Die zweite Testfahrt führt uns einen Sommer lang nach Island. In Island wollen wir vor allem unser neues Heim auf Rädern in den Furten, dem Wasser und der Kälte testen. Fairerweise müssten wir sagen, wir testen, ob wir mit diesen Umständen zurechtkommen, denn das Fahrzeug kann viel mehr als wir. Wir müssen ihm lediglich die richtigen Inputs geben.
Beide Testfahrten sind so ausgelegt, dass wir immer wieder zurück nach Europa kommen, um allfällige Anpassungen am Fahrzeug vorzunehmen. Beides ist auch notwendig.
Ein weiterer unausgesprochener Test ist, ob wir es vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche, auf achtzehn Quadratmetern miteinander aushalten. Früher gingen wir beide arbeiten und konnten uns abends die Freuden und Ärger des Tages erzählen. Das ist jetzt nicht mehr möglich, wir erleben immer genau dasselbe. Wir müssen eine neue Tagesstruktur einrichten und unsere Zuständigkeiten definieren. Wir reisen immer noch zusammen!
Test 1
Endlich, nach siebenjähriger Planungs- und Bauphase, geht es los, wir starten in unser neues Abenteuer «Leben im Lastkraftwagen». Wir, Gabi und Peter, sind während unserer Erwerbstätigkeit häufig sowohl geschäftlich wie privat durch die Welt gereist. Man kann uns durchaus als reiseerfahren bezeichnen. Wir wissen ziemlich genau, was wir alles mitnehmen müssen. Nach mehrtägiger Beladung unseres neuen Hauses auf Rädern fahren wir los, nicht überstürzt, aber voller Erwartungen, was uns der neue Lebensabschnitt so alles bringen wird. Zum Glück sind wir von Schindellegi nur bis Cham etwa fünfundzwanzig Kilometer gefahren, bis wir feststellen, dass auch bei Reisen mit dem Expeditionsmobil es an den Ländergrenzen viel einfacher ist, wenn wir uns mit unserem Reisepass ausweisen können. Es hat in so einem Fernreisemobil enorm viel auch Unnötiges Platz, den Pass, etwas sehr Nötiges, haben wir vergessen! Eine Stunde nach der Abfahrt zu einem längeren, neuen Lebensabschnitt sind wir schon wieder zurück an unserer Wohnadresse. Wir nehmen den Reisepass mit und fahren erneut los. Vielleicht ist es unsere Art, einen kleinen Wechsel in unserem Leben zweimal zu vollziehen, damit wir ihn intensiver erleben. In den folgenden Jahren erleichtert uns der Besitz des kleinen roten Büchleins sehr viel und wir sind heute noch froh, dass wir damals nach der ersten halben Stunde Reisen wieder umgedreht sind und unsere große Reise kurz neu gestartet haben. Erfahrung schützt vor Vergesslichkeit nicht.
Test 2
In Algeciras, Spanien, finden wir die Agentur, die die Tickets zum Verlassen von Europa verkauft. Es ist ein kleines, unscheinbares Büro, das eigentlich fast nicht beschriftet ist. Wir sind stolz, dass wir ein Billett für den folgenden Morgen erstehen können, aber reichlich verunsichert ob des physischen Ausdrucks. Alles ist so handgemacht und nicht so professionell wie die schweizerischen Billette, die wir gewohnt sind. Ganz, wie wir uns das in unseren Träumen vorgestellt haben, übernachten wir idyllisch auf dem großen Asphaltparkplatz vor dem Hafen. Die Fähre geht anderntags zwar nicht wie behauptet um elf Uhr, sondern erst um ein Uhr nachmittags, wir müssen uns auch von der zentraleuropäischen Präzision verabschieden. Dafür erreichen wir aber bereits nach zwei Stunden Tanger. So weit, so gut. In allen einschlägigen Reiseführern und Reiseblogs ist vermerkt, dass die Ausreiseformalitäten auf der Fähre zu erledigen sind. Wir lesen keine Reiseführer, wir möchten die Welt unvoreingenommen erleben. Auf dem Schiff beobachten wir die Menschen, wie sie an einem Tisch anstehen, um ihren Reisepass abstempeln zu lassen. Wir denken, dass das nur für die anderen wichtig sei, wir würden das dann wie üblich am Zoll erledigen. Der Beamte, der uns kontrolliert, als wir aus dem Schiffsrumpf fahren, ist eindeutig anderer Ansicht. Er beanstandet den fehlenden Ausreisestempel von Spanien. Unser Haus auf Rädern dürfen wir neben der Schiffsausfahrt parken, wir erhalten jedoch keine Erlaubnis, den afrikanischen Kontinent zu betreten, bis wir einen Ausreisestempel vorweisen können. Zurück auf dem Schiff erfahren wir, dass der spanische Zollbeamte zum Essen in die Stadt gefahren sei und erst kurz vor Abfahrt nach Spanien wieder zurück an Bord erwartet würde. Wir beobachten leicht angespannt, wie das Schiff vollständig ent- und wieder beladen wird. Unser Fernreisemobil gut sichtbar, aber für uns unerreichbar vor dem Schiff in Afrika, wir im Schiff in Europa. Der Beamte kommt dann tatsächlich auch vor dem Ablegemanöver wieder an Bord und wir finden ihn glücklicherweise auch, leicht aufgeregt und gestresst. Wir haben uns vorgenommen, uns nach Beendigung unserer Erwerbstätigkeit nie mehr stressen zu lassen. Er ist sehr freundlich und wohlgenährt nach seinem Essen, er stempelt unsere Pässe lächelnd ab und wir können gerade noch vor dem Hochziehen der Ladeklappe von Bord springen. Wir verlieren mit unserem Missgeschick keine Zeit, graue Haare haben wir schon. Als wir den marokkanischen Zoll erreichen, stehen unsere Kollegen, die mit uns auf der Fähre waren, immer noch in der Kolonne vor dem Zollschalter. Wir warten noch einmal zwei Stunden. Die Kontrolle durch den Zoll selbst dauert dann jedoch nur ein paar Augenblicke und schon sind wir bereit für Marokko. Auch wenn man nicht gerne Betriebsanleitungen, Reiseführer und Reiseblogs liest, sollte man sich trotzdem über die Gegebenheiten, die so auf einen zukommen, informieren. Das Leben wird dadurch etwas einfacher.
Test 3
Die Timguelchte-Schlucht, die wir von Tafraoute in Marokko aus befahren, ist eine der schöneren Schluchten von Marokko. Wir freuen uns riesig, endlich mal richtig Landschaft reinziehen zu können. Die Einfahrt durch ein Dorf ist etwas eng und die Piste wird offensichtlich hauptsächlich von Defendern und ähnlichen Fahrzeugen befahren. Wir sind guter Dinge und ziehen anfangs die Köpfe ein, wenn die bösen Äste unser Fahrzeug malträtieren. Dann wird die Route anspruchsvoll, weil sie in den Felsen geschlagen ist und wir dauernd gegen den Abgrund ausweichen müssen, da wir sonst mit unserer Aufbauhöhe den Fels streifen würden. Wir wollen ja nicht plötzlich in einem Cabriolet weiterreisen müssen! Die Piste ist vom Unwetter der letzten Monate überall weggebrochen und ähnelt ein wenig der Via del Muerte in Bolivien, aber wir sind voller Tatendrang und denken immer, wir schaffen das. Als die Piste in den Kurven so eng wird, dass ein Rad quasi über dem Abhang schwebt, muss Gabi aussteigen, da sie Angst hat und mich lieber alleine abstürzen lässt. Dadurch wurde aber die Gewichtsverteilung optimaler und wir kommen durch die kritische Passage. Die Piste kommt endlich unten im Oued an, wir können somit nicht mehr abstürzen, und sind ziemlich erleichtert. Die Piste löst sich aber plötzlich vollständig im Nichts auf, es gibt einfach keine weiterführenden Wege mehr. Wir beschließen einfach abenteuerlich im Flusslauf weiterzufahren und finden auch einen entsprechenden Einstieg. Die Einfahrt in das Oued kontrollieren wir natürlich seriöserweise zuerst zu Fuß und planen die beste Fahrspur. Es sieht nicht einfach aus. Gabi beschließt zur Sicherheit die Einfahrt mit dem Expeditionsmobil zu filmen, damit wir im Ernstfall etwas für die Nachwelt hätten. Ich chauffiere. Die Schwierigkeit ist aber selbst für mich, mit meiner über einmonatigen Lastkraftwagenerfahrung zu hoch und ich setze mit dem Überhang hinten auf. Auch mit dem Einlegen aller Differenzialsperren geht es nicht mehr vor oder zurück. Das Gewicht liegt auf der hinteren Staubox und die Räder drehen frei durch. Die einzige Möglichkeit ist ein Schaufeleinsatz! Im Gegensatz zum Reisepass haben wir die zu Hause nicht vergessen. Sofort finden sich Einheimische, die aus dem Nichts auftauchen, mir helfen. Sie erklären uns, dass es wirklich kein Weiterkommen gäbe, auch im Oued nicht, eine klassische Sackgasse. Wir schaufeln zu dritt abwechselnd eine ganze Weile Geröll und Steine beiseite, bis ich es nach mehreren Anläufen mit Schwielen an den Bürohänden schaffe, ins Oued zu fahren. Wir sind glücklich, erschöpft, aber auch stolz, dass wir es geschafft haben. Nur, wir müssen die überwundenen Schwierigkeiten jetzt alle noch einmal befahren! Wir wenden im Flusslauf und erklimmen die freigeschaufelte Abfahrt wieder und treten leicht beklommen die Rückfahrt an. Es ist grundsätzlich nicht einfach, zurückzufahren, wer befährt schon gerne einen bereits befahrenen Weg, und zusätzlich mit dem Bewusstsein, dass einem dabei einige Risiken bevorstehen, macht es nicht einfacher. Diese Art von Abenteuer sind auf einer Fernreise nicht zu umgehen. Kein Mensch kann einem versichern, dass der eingeschlagene Weg für einen wirklich begehbar ist oder nicht, man muss es selbst erfahren und den Point of no Return nicht verpassen. Das sind die Abenteuer des Lebens.
Test 4
Wir campieren irgendwo im Nirgendwo in Marokko. Es hat keine Behausungen und keine Menschen in Sicht und wir haben auch schon eine ganze Weile keine gesehen. Ein Camp nach unserem Gusto, einsam in der Landschaft. Wir lernen jedoch, dass Einsamkeit in Marokko nicht so einfach zu erreichen ist. Aus dem Nichts taucht eine Menge Einheimische auf, woher ist uns schleierhaft, aber sie sind da. Sie setzen sich in einem Halbkreis um uns herum und beobachten uns. Wir fühlen uns wie Tiere im Zoo! Das Gefühl ist überhaupt nicht bedrohlich, die Menschen sind freundlich, aber sehr neugierig. Das Gefühl, so beobachtet zu werden, ist sehr unangenehm. Ich versuche, mit den Menschen zu reden. Die Marokkaner sprechen bekannterweise als zweite Sprache Französisch, was auch eine unserer Landessprachen ist. Neben den fehlenden Gesprächsthemen sind die Leute auch überhaupt nicht gesprächig, sie wollen nur beobachten, wie wir was machen. Sie starren uns einfach an, wir sind einfach keine Stars, wir mögen das nicht. Wir sind das nicht gewohnt. Als meine Kommunikationsaufnahme nicht fruchtet, weil niemand mit mir reden möchte, setze ich mich auf unsere Treppe und tue es ihnen gleich. Ich starre zurück. Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Einheimischen darob auch unangenehm fühlen, ob sie uns dadurch als langweilig empfinden oder ob sie erwartet haben, dass wir allen Beobachtern Schokolade verteilen, ist eines der ewigen Geheimnisse unserer Reise, aber sie verschwinden so, wie sie erschienen sind, wohin ist uns schleierhaft. Wir lernen daraus, dass wir uns als Gast in einem fremden Land immer den örtlichen Gebräuchen anpassen sollten.
Test 5
Wir genießen einen wunderschönen Naturpark in Marokko, wir sind ganz alleine. Es ist herrlich, wir leben unseren Traum. Als wir den Standplatz wechseln möchten, gibt die Kupplung unseres Fernreisemobils den Geist auf. Sie will keinen Schaltvorgang mehr zulassen. Schalten ist theoretisch möglich, den Gang rausnehmen ist ja noch relativ einfach, der Motor darf dabei weder beschleunigen noch bremsen, es braucht etwas Fingerspitzengefühl. Einen Gang einlegen ist viel schwieriger, ich muss die Motordrehzahl der Rollgeschwindigkeit anpassen. In der Theorie ist das möglich, mir gelingt das in den nächsten Stunden lediglich zweimal. Anhalten geht nur mit Abwürgen des Motors und Starten lediglich über den Anlasser. Der Elektromotor des Anlassers ist nicht gebaut, um das Gewicht eines Lastkraftwagens aus dem Stand zu bewegen. Wir müssen also einfach fahren, ohne irgendwo anhalten zu müssen, die schöne Natur muss warten. Auf den engen Pisten des Parks drohen wir jedem potenziellen Entgegenkommenden mit Abdrängen von der Straße. Wir sind deshalb sehr angespannt und suchen uns mit den Augen jede mögliche Ausweichstelle aus. Es kommt aber keiner, wir haben wirklich Glück und sind einsam hier. Das Einbiegen in die Hauptstraße ohne Stopp nach dreistündiger ruhiger Parkfahrt geht flüssig, ein Reisebus muss etwas vom Gas, aber wir finden das nicht weiter schlimm. Er zum Glück auch nicht. Leider müssen wir in diesem Zustand über einhundertzwanzig Kilometer zur nächsten Stadt fahren. Es ist eine ruhige Fahrt konstant im dritten Gang. Ein handgeschaltetes Fahrzeug mit einer Kupplung, die nicht mehr geht, ist einfach unpraktisch. In Fes, der nächsten Stadt, fahren wir bis zum ersten Rotlicht. Nach dem Abwürgen stehen wir. Über die Internet-Suchmaschine suchen wir nach einer geeigneten Werkstatt. Wir werden fündig und melden uns telefonisch. Die Mechaniker kommen mit einem Pick-up und schleppen uns mit einer Abschleppstange, die sie fest am Querlenker des Expeditionsmobils befestigen, ab. Zum Glück ist der Pick-up nicht so stark motorisiert, sonst wäre eine saubere Lenkung in Bälde nicht mehr möglich. Der kleine Pick-up muss dabei den schweren Lastwagen anziehen und auch bremsen. Vor allem das Bremsen vor einer Kreuzung sieht aus dem Fahrerhaus sehr abenteuerlich aus. Wir erreichen nach etwa einer halben Stunde die Werkstatt. Der Inhaber versichert uns, dass er den Schaden beheben kann. Unser Fahrzeug passt nicht in die kleine Werkstatt, also wird die Kupplung am Freitagabend auf der Straße vor der Werkstatt demontiert und die Teile sofort begutachtet. Ich erlaube den Mechanikern nicht, das Fahrerhaus zu kippen, da unsere Wohnung sonst einfach offen auf der Straße mitten in Fes stehen würde. Zum Glück hat die Werkstatt einen besonders kleinen Angestellten, der durch den Radkasten die notwendigen Arbeiten von oben erledigt. Die schwergewichtige Antriebswelle wird ohne Sicherung oder Unterstützung einfach losgeschraubt, sie erschlägt glücklicherweise niemanden. Wir ziehen in ein Hotel! Am Samstag werden die neuen Originalteile in Casablanca bestellt, am Sonntag werden sie geliefert und am Abend fahren wir vom Hof! Das nenne ich Kundenservice. Den Preis, den wir aushandeln können, würde in Mitteleuropa vermutlich gerade mal die Diskussion mit dem Verantwortlichen, ob er den Auftrag annehmen will oder nicht, abdecken. Auch in unmöglichen Situationen gibt es eine einfache, effiziente Möglichkeit oder weniger Administration und Vorschriften ermöglicht schnellere, praktische Problemlösungen.
Test 6
Nicht nur fast alle Touristen, und davon gibt es im Sommer in Island eher mehr als Einheimische, campieren mit Zelten und Wohnmobilen auf Zeltplätzen und in der Natur, sondern auch die Isländer selbst. Vermutlich hat jeder Isländer einen Wohnanhänger, mit dem er jedes Sommerwochenende mit Familie und Freunden zum Campen fährt. Das ist jedenfalls unsere Wahrnehmung. So gesehen tummelt sich die doppelte Anzahl Einwohner Islands jedes Wochenende auf den Zeltplätzen des Landes. Die Plätze sind meist, mindestens für Schweizer Verhältnisse, riesig – der Nachfrage entsprechend. Jeder kann sich eine relativ private Ecke aussuchen. Die Isländer haben aber ein extrem großes Anlehnungsbedürfnis, sie kuscheln sich auf kleinstem Raum zusammen, dabei sind sie auch nicht scheu Fremden gegenüber. Als ich eines Morgens Frühstück mache, erblicke ich aus unserem Küchenfenster ein sehr nahes Zeltdach. Die genauere Überprüfung der Lage ergibt, dass sich eine Familie nachts, als wir vermutlich bereits geschlafen haben, an Globi gekuschelt hat. Es ist in Island zuweilen sehr windig und eine Böe kann schon mal ein paar Heringe ausreißen. Um das zu verhindern, hat die Familie ihre Zeltschnüre direkt an Globi befestigt, der Windschatten von Globi und die Stabilität der Verankerung der Zeltschnüre gibt ihnen so viel Sicherheit, dass sie ruhig schlafen können. Da sie offensichtlich viel später zu Bett gegangen sind als wir, schlafen sie auch noch nach unserem ausgiebigen Frühstück und ich muss sie vor unserer Abfahrt wecken. Da sie uns ihr Zelt nicht überlassen wollen, lösen sie es von Globi und wir können ohne Zelt weiterziehen. Es ist durchaus erhaben, wenn sich jemand in deinem Windschatten sicher niederlässt, aber überheblich werden wir deshalb nicht, da ja nicht wir die Sicherheit gewähren, sondern Globi.
Test 7
Im Globi nutzen wir neben Diesel ausschließlich elektrische Energie. Dies ist somit auch eine empfindliche Stelle unseres Mobils. Als wir Gäste bewirten, will Gabi zeigen, was sie in Sachen Kochmaschinen so alles zur Verfügung hat, und nutzt neben dem Backofen, zwei Kochfeldern auch noch die Powertaste des Kochherdes. Neben allen anderen Verbrauchern, die gerade Strom brauchen, ist das etwas zu viel für den Mass Combi Ultra, unserem leistungsstarken Wechselrichter und Ladegerät in einem. Er meldet sich mit einem lauten Knall ab. Wir sitzen mit unseren Gästen während des Kochens des Abendessens plötzlich im Dunkeln. Nichts geht mehr. Globi ist ohne Strom. Nach dem Schock kommt der Stress. Kein Strom bedeutet, dass in unserer Wohnkabine absolut nichts mehr funktioniert. Wir können so nicht weiterreisen, wir haben kein Wasser, keine Küche, keine Computer und kein Licht. Die Analyse und die Fehlersuche sind jedoch einfach. Der Mass Combi Ultra hat eine Überstromschutzeinrichtung, er ist also noch wohlauf, er hat sich einfach ausgeschaltet. Nach dem Neustart und dem sukzessiven Hochfahren der anderen Komponenten haben wir in Bälde wieder überall Strom und Gabi rührt die Powertaste am Kochherd nie mehr an. Wieder einmal werden wir uns bewusst, dass man besser nicht über seinen Kapazitäten agieren sollte.
Vor gut zehn Jahren haben wir, Gabi und ich, begonnen, unseren Traum in die Tat umzusetzen; wir reisen mit unserem Expeditionsmobil Globi durch die Welt. Die Realisierung unseres Expeditionsfahrzeugs hat schon einige Jahre vor dem Start in Anspruch genommen. Um all unsere Wünsche und Vorstellungen zu erfüllen, bauten wir unser Haus für unterwegs auf einem Sechs-mal-sechs-Lastwagen auf. Heute leben wir sehr autark und Offroad-tauglich in unserem Reisemobil. Wir haben unsere Langzeitreise als völlige Greenhorns gestartet. Wir sind und waren keine Camper. Wir sind beide unabhängig voneinander viel gereist, geschäftlich und privat, jedoch nie mit Zelt und schon gar nicht auf Campingplätzen. Alles, was mit Campieren zusammenhängt, kannten wir perfekt vom Hörensagen. Die ganze Ausrüstung, die man zum Campieren in der Wildnis benötigt, packten wir in unseren Reise-Lastwagen, Platz und Gewichtsreserven waren genügend vorhanden. Wir sind beide keine Handwerker, sondern ehemalige «Bürogummis», was vor allem die technischen Probleme, die auf einer so langen Reise auf einen zukommen, auf jeden Fall sehr vereinfacht. Zur Absicherung unserer nicht vorhandenen Fähigkeiten verpackten wir eine komplette Werkstatt in unseren Globi, so fühlten wir uns sicher! Dann kam der Abreisetag, wir sind ziemlich blauäugig losgereist. Wir stellten uns vor, dass wir unseren Lastwagen an den schönsten Orten dieser Welt hinstellen und im Paradies leben, dass wir draußen wohnen und über den größten Garten, den es gibt, verfügen, dass es da, wo wir hinreisen, meistens angenehmes Wetter ist und dass unser neues Reisegefährt immer einwandfrei funktioniert. Dass dann doch nicht immer alles so paradiesisch verlief, erzählen wir anhand von Kurzgeschichten, die das Reisen schrieb, in diesem Büchlein. Bis jetzt haben wir allerdings nichts erlebt, das uns bewogen hätte, mit unserem Traum aufzuhören.
Testfahrten
Um nicht völlig unvorbereitet loszufahren, beschließen wir zuerst, zwei Testreisen zu absolvieren. Als Erstes reisen wir einen europäischen Winter lang nach Marokko, um uns an die südliche Wärme zu gewöhnen und mit dem Lastwagen durch den Sand zu fahren. Ich bin früher viel durch die Dünen gefahren und kann Sand fahren, aber mit einem Lastwagen ist das dann doch eine andere Dimension. Die Regeln sind dieselben, aber die Bergung ist dann etwas komplizierter.
Die zweite Testfahrt führt uns einen Sommer lang nach Island. In Island wollen wir vor allem unser neues Heim auf Rädern in den Furten, dem Wasser und der Kälte testen. Fairerweise müssten wir sagen, wir testen, ob wir mit diesen Umständen zurechtkommen, denn das Fahrzeug kann viel mehr als wir. Wir müssen ihm lediglich die richtigen Inputs geben.
Beide Testfahrten sind so ausgelegt, dass wir immer wieder zurück nach Europa kommen, um allfällige Anpassungen am Fahrzeug vorzunehmen. Beides ist auch notwendig.
Ein weiterer unausgesprochener Test ist, ob wir es vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche, auf achtzehn Quadratmetern miteinander aushalten. Früher gingen wir beide arbeiten und konnten uns abends die Freuden und Ärger des Tages erzählen. Das ist jetzt nicht mehr möglich, wir erleben immer genau dasselbe. Wir müssen eine neue Tagesstruktur einrichten und unsere Zuständigkeiten definieren. Wir reisen immer noch zusammen!
Test 1
Endlich, nach siebenjähriger Planungs- und Bauphase, geht es los, wir starten in unser neues Abenteuer «Leben im Lastkraftwagen». Wir, Gabi und Peter, sind während unserer Erwerbstätigkeit häufig sowohl geschäftlich wie privat durch die Welt gereist. Man kann uns durchaus als reiseerfahren bezeichnen. Wir wissen ziemlich genau, was wir alles mitnehmen müssen. Nach mehrtägiger Beladung unseres neuen Hauses auf Rädern fahren wir los, nicht überstürzt, aber voller Erwartungen, was uns der neue Lebensabschnitt so alles bringen wird. Zum Glück sind wir von Schindellegi nur bis Cham etwa fünfundzwanzig Kilometer gefahren, bis wir feststellen, dass auch bei Reisen mit dem Expeditionsmobil es an den Ländergrenzen viel einfacher ist, wenn wir uns mit unserem Reisepass ausweisen können. Es hat in so einem Fernreisemobil enorm viel auch Unnötiges Platz, den Pass, etwas sehr Nötiges, haben wir vergessen! Eine Stunde nach der Abfahrt zu einem längeren, neuen Lebensabschnitt sind wir schon wieder zurück an unserer Wohnadresse. Wir nehmen den Reisepass mit und fahren erneut los. Vielleicht ist es unsere Art, einen kleinen Wechsel in unserem Leben zweimal zu vollziehen, damit wir ihn intensiver erleben. In den folgenden Jahren erleichtert uns der Besitz des kleinen roten Büchleins sehr viel und wir sind heute noch froh, dass wir damals nach der ersten halben Stunde Reisen wieder umgedreht sind und unsere große Reise kurz neu gestartet haben. Erfahrung schützt vor Vergesslichkeit nicht.
Test 2
In Algeciras, Spanien, finden wir die Agentur, die die Tickets zum Verlassen von Europa verkauft. Es ist ein kleines, unscheinbares Büro, das eigentlich fast nicht beschriftet ist. Wir sind stolz, dass wir ein Billett für den folgenden Morgen erstehen können, aber reichlich verunsichert ob des physischen Ausdrucks. Alles ist so handgemacht und nicht so professionell wie die schweizerischen Billette, die wir gewohnt sind. Ganz, wie wir uns das in unseren Träumen vorgestellt haben, übernachten wir idyllisch auf dem großen Asphaltparkplatz vor dem Hafen. Die Fähre geht anderntags zwar nicht wie behauptet um elf Uhr, sondern erst um ein Uhr nachmittags, wir müssen uns auch von der zentraleuropäischen Präzision verabschieden. Dafür erreichen wir aber bereits nach zwei Stunden Tanger. So weit, so gut. In allen einschlägigen Reiseführern und Reiseblogs ist vermerkt, dass die Ausreiseformalitäten auf der Fähre zu erledigen sind. Wir lesen keine Reiseführer, wir möchten die Welt unvoreingenommen erleben. Auf dem Schiff beobachten wir die Menschen, wie sie an einem Tisch anstehen, um ihren Reisepass abstempeln zu lassen. Wir denken, dass das nur für die anderen wichtig sei, wir würden das dann wie üblich am Zoll erledigen. Der Beamte, der uns kontrolliert, als wir aus dem Schiffsrumpf fahren, ist eindeutig anderer Ansicht. Er beanstandet den fehlenden Ausreisestempel von Spanien. Unser Haus auf Rädern dürfen wir neben der Schiffsausfahrt parken, wir erhalten jedoch keine Erlaubnis, den afrikanischen Kontinent zu betreten, bis wir einen Ausreisestempel vorweisen können. Zurück auf dem Schiff erfahren wir, dass der spanische Zollbeamte zum Essen in die Stadt gefahren sei und erst kurz vor Abfahrt nach Spanien wieder zurück an Bord erwartet würde. Wir beobachten leicht angespannt, wie das Schiff vollständig ent- und wieder beladen wird. Unser Fernreisemobil gut sichtbar, aber für uns unerreichbar vor dem Schiff in Afrika, wir im Schiff in Europa. Der Beamte kommt dann tatsächlich auch vor dem Ablegemanöver wieder an Bord und wir finden ihn glücklicherweise auch, leicht aufgeregt und gestresst. Wir haben uns vorgenommen, uns nach Beendigung unserer Erwerbstätigkeit nie mehr stressen zu lassen. Er ist sehr freundlich und wohlgenährt nach seinem Essen, er stempelt unsere Pässe lächelnd ab und wir können gerade noch vor dem Hochziehen der Ladeklappe von Bord springen. Wir verlieren mit unserem Missgeschick keine Zeit, graue Haare haben wir schon. Als wir den marokkanischen Zoll erreichen, stehen unsere Kollegen, die mit uns auf der Fähre waren, immer noch in der Kolonne vor dem Zollschalter. Wir warten noch einmal zwei Stunden. Die Kontrolle durch den Zoll selbst dauert dann jedoch nur ein paar Augenblicke und schon sind wir bereit für Marokko. Auch wenn man nicht gerne Betriebsanleitungen, Reiseführer und Reiseblogs liest, sollte man sich trotzdem über die Gegebenheiten, die so auf einen zukommen, informieren. Das Leben wird dadurch etwas einfacher.
Test 3
Die Timguelchte-Schlucht, die wir von Tafraoute in Marokko aus befahren, ist eine der schöneren Schluchten von Marokko. Wir freuen uns riesig, endlich mal richtig Landschaft reinziehen zu können. Die Einfahrt durch ein Dorf ist etwas eng und die Piste wird offensichtlich hauptsächlich von Defendern und ähnlichen Fahrzeugen befahren. Wir sind guter Dinge und ziehen anfangs die Köpfe ein, wenn die bösen Äste unser Fahrzeug malträtieren. Dann wird die Route anspruchsvoll, weil sie in den Felsen geschlagen ist und wir dauernd gegen den Abgrund ausweichen müssen, da wir sonst mit unserer Aufbauhöhe den Fels streifen würden. Wir wollen ja nicht plötzlich in einem Cabriolet weiterreisen müssen! Die Piste ist vom Unwetter der letzten Monate überall weggebrochen und ähnelt ein wenig der Via del Muerte in Bolivien, aber wir sind voller Tatendrang und denken immer, wir schaffen das. Als die Piste in den Kurven so eng wird, dass ein Rad quasi über dem Abhang schwebt, muss Gabi aussteigen, da sie Angst hat und mich lieber alleine abstürzen lässt. Dadurch wurde aber die Gewichtsverteilung optimaler und wir kommen durch die kritische Passage. Die Piste kommt endlich unten im Oued an, wir können somit nicht mehr abstürzen, und sind ziemlich erleichtert. Die Piste löst sich aber plötzlich vollständig im Nichts auf, es gibt einfach keine weiterführenden Wege mehr. Wir beschließen einfach abenteuerlich im Flusslauf weiterzufahren und finden auch einen entsprechenden Einstieg. Die Einfahrt in das Oued kontrollieren wir natürlich seriöserweise zuerst zu Fuß und planen die beste Fahrspur. Es sieht nicht einfach aus. Gabi beschließt zur Sicherheit die Einfahrt mit dem Expeditionsmobil zu filmen, damit wir im Ernstfall etwas für die Nachwelt hätten. Ich chauffiere. Die Schwierigkeit ist aber selbst für mich, mit meiner über einmonatigen Lastkraftwagenerfahrung zu hoch und ich setze mit dem Überhang hinten auf. Auch mit dem Einlegen aller Differenzialsperren geht es nicht mehr vor oder zurück. Das Gewicht liegt auf der hinteren Staubox und die Räder drehen frei durch. Die einzige Möglichkeit ist ein Schaufeleinsatz! Im Gegensatz zum Reisepass haben wir die zu Hause nicht vergessen. Sofort finden sich Einheimische, die aus dem Nichts auftauchen, mir helfen. Sie erklären uns, dass es wirklich kein Weiterkommen gäbe, auch im Oued nicht, eine klassische Sackgasse. Wir schaufeln zu dritt abwechselnd eine ganze Weile Geröll und Steine beiseite, bis ich es nach mehreren Anläufen mit Schwielen an den Bürohänden schaffe, ins Oued zu fahren. Wir sind glücklich, erschöpft, aber auch stolz, dass wir es geschafft haben. Nur, wir müssen die überwundenen Schwierigkeiten jetzt alle noch einmal befahren! Wir wenden im Flusslauf und erklimmen die freigeschaufelte Abfahrt wieder und treten leicht beklommen die Rückfahrt an. Es ist grundsätzlich nicht einfach, zurückzufahren, wer befährt schon gerne einen bereits befahrenen Weg, und zusätzlich mit dem Bewusstsein, dass einem dabei einige Risiken bevorstehen, macht es nicht einfacher. Diese Art von Abenteuer sind auf einer Fernreise nicht zu umgehen. Kein Mensch kann einem versichern, dass der eingeschlagene Weg für einen wirklich begehbar ist oder nicht, man muss es selbst erfahren und den Point of no Return nicht verpassen. Das sind die Abenteuer des Lebens.
Test 4
Wir campieren irgendwo im Nirgendwo in Marokko. Es hat keine Behausungen und keine Menschen in Sicht und wir haben auch schon eine ganze Weile keine gesehen. Ein Camp nach unserem Gusto, einsam in der Landschaft. Wir lernen jedoch, dass Einsamkeit in Marokko nicht so einfach zu erreichen ist. Aus dem Nichts taucht eine Menge Einheimische auf, woher ist uns schleierhaft, aber sie sind da. Sie setzen sich in einem Halbkreis um uns herum und beobachten uns. Wir fühlen uns wie Tiere im Zoo! Das Gefühl ist überhaupt nicht bedrohlich, die Menschen sind freundlich, aber sehr neugierig. Das Gefühl, so beobachtet zu werden, ist sehr unangenehm. Ich versuche, mit den Menschen zu reden. Die Marokkaner sprechen bekannterweise als zweite Sprache Französisch, was auch eine unserer Landessprachen ist. Neben den fehlenden Gesprächsthemen sind die Leute auch überhaupt nicht gesprächig, sie wollen nur beobachten, wie wir was machen. Sie starren uns einfach an, wir sind einfach keine Stars, wir mögen das nicht. Wir sind das nicht gewohnt. Als meine Kommunikationsaufnahme nicht fruchtet, weil niemand mit mir reden möchte, setze ich mich auf unsere Treppe und tue es ihnen gleich. Ich starre zurück. Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Einheimischen darob auch unangenehm fühlen, ob sie uns dadurch als langweilig empfinden oder ob sie erwartet haben, dass wir allen Beobachtern Schokolade verteilen, ist eines der ewigen Geheimnisse unserer Reise, aber sie verschwinden so, wie sie erschienen sind, wohin ist uns schleierhaft. Wir lernen daraus, dass wir uns als Gast in einem fremden Land immer den örtlichen Gebräuchen anpassen sollten.
Test 5
Wir genießen einen wunderschönen Naturpark in Marokko, wir sind ganz alleine. Es ist herrlich, wir leben unseren Traum. Als wir den Standplatz wechseln möchten, gibt die Kupplung unseres Fernreisemobils den Geist auf. Sie will keinen Schaltvorgang mehr zulassen. Schalten ist theoretisch möglich, den Gang rausnehmen ist ja noch relativ einfach, der Motor darf dabei weder beschleunigen noch bremsen, es braucht etwas Fingerspitzengefühl. Einen Gang einlegen ist viel schwieriger, ich muss die Motordrehzahl der Rollgeschwindigkeit anpassen. In der Theorie ist das möglich, mir gelingt das in den nächsten Stunden lediglich zweimal. Anhalten geht nur mit Abwürgen des Motors und Starten lediglich über den Anlasser. Der Elektromotor des Anlassers ist nicht gebaut, um das Gewicht eines Lastkraftwagens aus dem Stand zu bewegen. Wir müssen also einfach fahren, ohne irgendwo anhalten zu müssen, die schöne Natur muss warten. Auf den engen Pisten des Parks drohen wir jedem potenziellen Entgegenkommenden mit Abdrängen von der Straße. Wir sind deshalb sehr angespannt und suchen uns mit den Augen jede mögliche Ausweichstelle aus. Es kommt aber keiner, wir haben wirklich Glück und sind einsam hier. Das Einbiegen in die Hauptstraße ohne Stopp nach dreistündiger ruhiger Parkfahrt geht flüssig, ein Reisebus muss etwas vom Gas, aber wir finden das nicht weiter schlimm. Er zum Glück auch nicht. Leider müssen wir in diesem Zustand über einhundertzwanzig Kilometer zur nächsten Stadt fahren. Es ist eine ruhige Fahrt konstant im dritten Gang. Ein handgeschaltetes Fahrzeug mit einer Kupplung, die nicht mehr geht, ist einfach unpraktisch. In Fes, der nächsten Stadt, fahren wir bis zum ersten Rotlicht. Nach dem Abwürgen stehen wir. Über die Internet-Suchmaschine suchen wir nach einer geeigneten Werkstatt. Wir werden fündig und melden uns telefonisch. Die Mechaniker kommen mit einem Pick-up und schleppen uns mit einer Abschleppstange, die sie fest am Querlenker des Expeditionsmobils befestigen, ab. Zum Glück ist der Pick-up nicht so stark motorisiert, sonst wäre eine saubere Lenkung in Bälde nicht mehr möglich. Der kleine Pick-up muss dabei den schweren Lastwagen anziehen und auch bremsen. Vor allem das Bremsen vor einer Kreuzung sieht aus dem Fahrerhaus sehr abenteuerlich aus. Wir erreichen nach etwa einer halben Stunde die Werkstatt. Der Inhaber versichert uns, dass er den Schaden beheben kann. Unser Fahrzeug passt nicht in die kleine Werkstatt, also wird die Kupplung am Freitagabend auf der Straße vor der Werkstatt demontiert und die Teile sofort begutachtet. Ich erlaube den Mechanikern nicht, das Fahrerhaus zu kippen, da unsere Wohnung sonst einfach offen auf der Straße mitten in Fes stehen würde. Zum Glück hat die Werkstatt einen besonders kleinen Angestellten, der durch den Radkasten die notwendigen Arbeiten von oben erledigt. Die schwergewichtige Antriebswelle wird ohne Sicherung oder Unterstützung einfach losgeschraubt, sie erschlägt glücklicherweise niemanden. Wir ziehen in ein Hotel! Am Samstag werden die neuen Originalteile in Casablanca bestellt, am Sonntag werden sie geliefert und am Abend fahren wir vom Hof! Das nenne ich Kundenservice. Den Preis, den wir aushandeln können, würde in Mitteleuropa vermutlich gerade mal die Diskussion mit dem Verantwortlichen, ob er den Auftrag annehmen will oder nicht, abdecken. Auch in unmöglichen Situationen gibt es eine einfache, effiziente Möglichkeit oder weniger Administration und Vorschriften ermöglicht schnellere, praktische Problemlösungen.
Test 6
Nicht nur fast alle Touristen, und davon gibt es im Sommer in Island eher mehr als Einheimische, campieren mit Zelten und Wohnmobilen auf Zeltplätzen und in der Natur, sondern auch die Isländer selbst. Vermutlich hat jeder Isländer einen Wohnanhänger, mit dem er jedes Sommerwochenende mit Familie und Freunden zum Campen fährt. Das ist jedenfalls unsere Wahrnehmung. So gesehen tummelt sich die doppelte Anzahl Einwohner Islands jedes Wochenende auf den Zeltplätzen des Landes. Die Plätze sind meist, mindestens für Schweizer Verhältnisse, riesig – der Nachfrage entsprechend. Jeder kann sich eine relativ private Ecke aussuchen. Die Isländer haben aber ein extrem großes Anlehnungsbedürfnis, sie kuscheln sich auf kleinstem Raum zusammen, dabei sind sie auch nicht scheu Fremden gegenüber. Als ich eines Morgens Frühstück mache, erblicke ich aus unserem Küchenfenster ein sehr nahes Zeltdach. Die genauere Überprüfung der Lage ergibt, dass sich eine Familie nachts, als wir vermutlich bereits geschlafen haben, an Globi gekuschelt hat. Es ist in Island zuweilen sehr windig und eine Böe kann schon mal ein paar Heringe ausreißen. Um das zu verhindern, hat die Familie ihre Zeltschnüre direkt an Globi befestigt, der Windschatten von Globi und die Stabilität der Verankerung der Zeltschnüre gibt ihnen so viel Sicherheit, dass sie ruhig schlafen können. Da sie offensichtlich viel später zu Bett gegangen sind als wir, schlafen sie auch noch nach unserem ausgiebigen Frühstück und ich muss sie vor unserer Abfahrt wecken. Da sie uns ihr Zelt nicht überlassen wollen, lösen sie es von Globi und wir können ohne Zelt weiterziehen. Es ist durchaus erhaben, wenn sich jemand in deinem Windschatten sicher niederlässt, aber überheblich werden wir deshalb nicht, da ja nicht wir die Sicherheit gewähren, sondern Globi.
Test 7
Im Globi nutzen wir neben Diesel ausschließlich elektrische Energie. Dies ist somit auch eine empfindliche Stelle unseres Mobils. Als wir Gäste bewirten, will Gabi zeigen, was sie in Sachen Kochmaschinen so alles zur Verfügung hat, und nutzt neben dem Backofen, zwei Kochfeldern auch noch die Powertaste des Kochherdes. Neben allen anderen Verbrauchern, die gerade Strom brauchen, ist das etwas zu viel für den Mass Combi Ultra, unserem leistungsstarken Wechselrichter und Ladegerät in einem. Er meldet sich mit einem lauten Knall ab. Wir sitzen mit unseren Gästen während des Kochens des Abendessens plötzlich im Dunkeln. Nichts geht mehr. Globi ist ohne Strom. Nach dem Schock kommt der Stress. Kein Strom bedeutet, dass in unserer Wohnkabine absolut nichts mehr funktioniert. Wir können so nicht weiterreisen, wir haben kein Wasser, keine Küche, keine Computer und kein Licht. Die Analyse und die Fehlersuche sind jedoch einfach. Der Mass Combi Ultra hat eine Überstromschutzeinrichtung, er ist also noch wohlauf, er hat sich einfach ausgeschaltet. Nach dem Neustart und dem sukzessiven Hochfahren der anderen Komponenten haben wir in Bälde wieder überall Strom und Gabi rührt die Powertaste am Kochherd nie mehr an. Wieder einmal werden wir uns bewusst, dass man besser nicht über seinen Kapazitäten agieren sollte.

