Cover: Neuestes zur Rattenfängersage

Neuestes zur Rattenfängersage
Hamelns fast gelöster Kriminalfall


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 294
ISBN: 978-3-99130-491-3
Erscheinungsdatum: 05.08.2024
Spielt ein verbotener Ort eine Rolle bei der Rattenfängersage? Und hing ebenjener Ort mit dem Kampf der Kirche gegen heidnisches Brauchtum an uralten Kultplätzen zusammen? Darauf versucht das Buch „Neuestes zur Rattenfängersage“ Antworten zu finden.
Vorwort


Die Pandemie des Jahres 2020 mit ihren Einschränkungen hat den Anstoß für dieses Buch über die Sage vom Rattenfänger von Hameln gegeben. Meine nähere Beschäftigung mit diesem stark emotional beladenen Thema wurde nicht über die literarische Schiene initiiert, sondern über eine seltsame Entdeckung im Herbst des Jahres 1987 an den Felsklippen des nördlichen Iths bei Coppenbrügge, 15 Kilometer östlich von Hameln. In dieser Zeit war ich mit dem Aufbau eines neu zu gestaltenden Museums in der Burg der Grafen von Spiegelberg in Coppenbrügge beschäftigt. Bei den schriftlichen Unterlagen aus der Sammlung von Irmgard Netter für das neu geplante Museum befand sich auch eine von der Autorin Waltraud Woeller signierte Arbeit über die Sage vom Rattenfänger von Hameln, die sie im Jahr 1957 verfasst hatte. Mit dieser Habilitationsschrift bewarb sich die damals junge Autorin für den Lehrstuhl der Völkerkunde an der Humboldt Universität Berlin.
Irmgard Netter, Philologin und Besitzerin des Sanatoriums Lindenbrunn bei Coppenbrügge, hatte selbst viel schriftliches Material zur Rattenfängersage gesammelt. Dieses wurde später für meine Forschung sehr hilfreich. Sie hat vor allem die immer wieder zur Sage erschienenen vielen Artikel in der Hamelner Lokalzeitung DEWEZET aufgehoben.
Erst mit der Entdeckung der Felsgesichter im Ith war mein Interesse an der Theorie von Waltraud Woeller geweckt worden. Sie kannte damals 1956 die Felsgesichter noch nicht und der Bürgermeister von Coppenbrügge Fritz Beckmann auch nicht. Der nämlich hatte sie für ihre Recherche auf den Ith zur Teufelsküche verwiesen, denn ihre heiße Spur auf der Suche nach dem Sagenort „Koppen“ hatte sie nach Coppenbrügge geführt. Für mich erhielt ihre Theorie jetzt erst einen ganz anderen, einen höchst brisanten Hintergrund, wenn sich zeigen sollte, dass zwischen den Felsköpfen, der Teufelsküche und der Sage ein Zusammenhang besteht.
Dieser Vermutung über einzelne Aspekte der Sage bin ich dann in neun eigenen Aufsätzen in der Wochenendausgabe der Lokalzeitung unter der Rubrik „Feierabend“ genauer nachgegangen. Einige der Ergebnisse aus den Untersuchungen der alten Quellen konnte ich in drei ausführlicheren Aufsätzen im Jahrbuch des Museumsvereins Hameln veröffentlichen. Das Echo darauf war zwar vorhanden, doch mit der Akzeptanz der Felsköpfe tat man sich in wissenschaftlich aufgeklärten Kreisen noch schwer. So hat der damalige Leiter des Landesmuseums in Hannover, Günter Wegner, in einer Stellungnahme zur Sendereihe „Bilderbuch Deutschland“ im Beitrag über das Weserbergland die Felsgesichter im Ith als ideologisches Erbe aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft bezeichnet, wo es diese unhaltbaren Behauptungen schon einmal gegeben habe. Wohlmeinender gestimmte Wissenschaftler der Archäologie halten die Gesichter an den Felsen für zufällige Ergebnisse der natürlichen Verwitterung.
Das Neue über die Sage besteht darin, dass die von Waltraud Woeller entwickelte Theorie zum Ith bei Coppenbrügge durch meine intensive Beschäftigung mit dem Berg eine zusätzliche Bestätigung nach Korrektur einiger verhängnisvoller geographischer Fehler erfährt, aber auch eine Verschiebung und Erweiterung, ja sogar eine Dramatisierung, die bereits von Erich Heinicke aus Magdeburg erkannt wurde, bei ihm jedoch mangels Ortskenntnis in Vermutungen steckenblieb.
Der Berg steht für eine alte Weltanschauung, die durch eine neue, die christliche, verdrängt wurde. Beide, der heilige Berg und der alte Glaube, sind in Vergessenheit geraten, nur in der Sage schwingt etwas von diesem verbotenen Ort „Koppen“ nach, umrankt von „Calvarie“, diesem ungeklärten, dunklen Geheimnis. In der Gestalt des Rattenfängers hat sich jener weltanschauliche Konflikt gebündelt und ist in seiner ganzen Dynamik noch heute zu spüren. Vielleicht liegt darin der Grund für die Faszination und die weltweite Verbreitung der Sage.
Die große Zahl an Bildern im Buch dient nicht der Illustrierung, sondern der Veranschaulichung, aber auch als Beleg für die gefundenen Fakten sowie der Erleichterung des eigenen Suchens und Nachschlagens im lateinischen Wörterbuch. Bild und Text sollen nun alle meine Forschungsbemühungen zusammenfassen, nicht als Roman, sondern als ein spannendes Sachbuch.

Gernot Hüsam

Um den Plagiatsjägern zuvorzukommen, habe ich mich entschlossen, alle wörtlichen Zitate kursiv zu setzen, ebenso die Bildunterschriften, um sie vom laufenden Text stärker abzusetzen und stehende Begriffe besser hervorzuheben.




1
Warum dieses Buch?


Die Sage vom Rattenfänger von Hameln hat durch ihre Faszination über alle Zeiten und Länder hinweg sehr viele Menschen immer wieder in ihren Bann gezogen. So wie sie heute erzählt wird, geht sie auf die Fassung der Brüder Grimm aus dem Jahre 1816 zurück. Danach leidet die mittelalterliche Stadt unter einer Rattenplage, von der sie ein bunt gekleideter fremder Pfeifer durch sein zauberisches Flötenspiel befreit. Da er von den Stadtvätern um den ausgemachten Lohn geprellt wird, sinnt er auf Rache und kommt ein zweites Mal. Diesmal lockt er 130 Hamelner Kinder und Jugendliche zu Johannis und Pauli am 26. Juni des Jahres 1284 mit seinem verführerischen Flötenspiel aus der Stadt und verschwindet mit ihnen in einer Höhle auf dem Koppenberg, östlich von Hameln. So weit informieren uns die wesentlichen Überlieferungen, zu denen im Laufe der Zeit noch weitere Einzelheiten hinzukommen wie etwa die verzweifelte Suche der Eltern oder der Zeitpunkt der Entführung während des Gottesdienstes oder auch die Tradition, dass zur Erinnerung an die schlimme Untat in der Bungelosenstraße keine Musik mehr erklingen darf.
Die immer wieder erfolgte Beschäftigung mit der Sage hat zu einer Flut von Schriften, Büchern, Kunstwerken und Forschungen über sie geführt. Dabei hat sie bis heute nichts von ihrer Anziehung verloren. „Warum dann noch ein Buch?“, wird sich der Leser fragen, der dieses Buch aber dennoch aufgeschlagen hat, weil der Mensch eben von Natur aus neugierig ist. Dieses Buch soll durchaus neugierig machen, denn noch immer lassen sich neue Erkenntnisse über die Sage und ihre dunklen Hintergründe entdecken, so lange dieser Kriminalfall aus dem Mittelalter nicht gelöst ist.


a.
Ein Blick auf die vielen Schriften
und Kunstwerke

An dieser Stelle soll keine reine Aufzählung der ins schier Unermessliche ausufernden Schriften erfolgen, sondern die zeitbedingten Hintergründe sollen beleuchtet werden, die für das immer wieder aufflammende Interesse an der Sage verantwortlich zu sein scheinen. Die ersten zweihundertsiebzig Jahre nach dem Katastrophenjahr 1284 herrschte unter den Hamelnern ein fast eisernes Schweigen, weil keine Chronik darüber berichtet1, wenn da nicht ein paar kirchliche Texte wären wie das noch im gleichen Jahr entstandene Reimgebet in lateinischer Abfassung, das in einem Messbuch, dem „Passionale Sanctorum“ des Hamelner St. Bonifatiusstifts, überliefert ist (Näheres unter 3d), oder auch das ehemalige gotische Glasfenster in der Marktkirche (der Bürgerkirche) mit seiner deutschen Textumschrift fällt in diese Zeit der Stille, ebenso der Spruchbalken hoch oben am Rattenfängerhaus an der Längsseite zur Bungelosenstraße. Dessen Text ist fast identisch mit dem des Glasbildes in der Marktkirche (Näheres unter 3c).
Ein weiterer Hinweis auf das Geschehen am 26. Juni 1284 ist ein Eintrag der Sage in der Lüneburger Handschrift2 um 1440/50, ein lateinischer Text aus kirchlicher Feder, in dem die ersten Einzelheiten zur mirakulösen Geschichte in Hameln auftauchen wie etwa eine Augenzeugin des Auszugs der Kinder. Ins Mittelalter gehören auch bildliche Darstellungen nicht nur in der Marktkirche, sondern auch an Bürgerhäusern, wo das Geschehen in kostbaren Glasfenstern festgehalten worden war. (Näheres unter 3e) Die Sache mit der eigenen Hamelner Zeitrechnung3 soll auf einen Neubeginn in der Stadtgeschichte hinweisen, da die Schwere des Ereignisses für die Hamelner als einschneidende Zäsur erlebt worden sein muss. Sie hat aber für die inhaltliche Forschung über die Sage nichts beizutragen.
Dem angeblich stillen Zeitraum im Mittelalter folgt dann mit der allmählichen Entfaltung einer neuen Epoche, angekündigt durch die Reformation Martin Luthers und noch stärker vorangetrieben durch die Erfindung des Buchdrucks und die damit ausgelöste neue vielfältige Verbreitungsmöglichkeit von Informationen, eine intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit. Dieser so ausgelöste allgemeine Wissensdurst hat ab Mitte des 16. Jahrhunderts auch zu einer großen und weit über hundert Jahre anhaltenden Beschäftigung mit Hamelns Sage und dem unerklärlichen Verlust von 130 Kindern geführt. Jetzt beginnen sich die gebildeten Menschen ihr eigenes Bild über die bis dahin sehr dürftige Überlieferung zu machen, die vor allem von den wenigen lateinischen, kirchlichen Aufzeichnungen geprägt war. Man hörte jetzt auf die Leute in Hameln und auf das, was sie über das Schicksal ihrer Kinder damals zu berichten wussten. Über die bisherige Decke des Schweigens setzte man sich jetzt bewusst hinweg. Sie mag aus kollektiver Verdrängung entstanden sein, weil das zutiefst erschütternde und unfassbare Ereignis ein bis dahin unbewältigtes Schockerlebnis für die Bürger war.
So schreibt der damalige Bürgermeister von Bamberg, Hans Zeitlos, in der Chronik seiner Stadt4 im Jahre 1557 über die Sage von Hameln, wie sie ihm bei seinem unfreiwilligen Aufenthalt 1553 im Zuge der Verschleppung als Geisel während der Bauernkriege dort erzählt wurde.
Jobus Fincelius, ein Pastor aus Pommern, nimmt die Hamelner Sage 1556 in seine Sammlung „Wunderzeichen,Teil I“ von „schröcklichen Wunderzeichen und Geschichten“ auf. Er beginnt so: „Von des Teuffels gewalt unnd boßheyt wil ich hie ein warhafftige Historiam melden.“5 Der Verweis auf die „wahre Geschichte“ verrät seine gut gemeinte Absicht, dem Leser berechtigte Furcht vor den Verführungskünsten des Teufels zu machen, weil er in der Sage ein überzeugendes Beispiel für eine wirklich geschehene Höllenfahrt sieht. Ähnliche Wunderberichte tauchen in dieser Zeit mehrfach auf wie etwa die 1571 vom Lüneburger Lateinschulrektor Lucas Lossius lateinisch verfassten Warnungen vor dem zerstörerischen Werk Satans am Beispiel des Hamelner Geschehens.
Dazu gehört wohl auch der wegen seiner eigenwilligen Erweiterung der Sage zu nennende Graf Froben Christoph von Zimmern6, der in seiner Chronik von 1565 zum ersten Mal die Ratten ins Spiel bringt. Woher er dieses neue Element bezogen hat, bleibt unklar. Möglicherweise hat er aus der Darstellung von Ratten auf den Glasfenstern in Bürgerhäusern seine eigenen Schlüsse gezogen, weil nun erst das Motiv des um seinen Lohn geprellten Pfeifers den eigentlichen Grund für die Entführung der Kinder liefert.
Das erwachte große historische Interesse an der Vergangenheit schlägt sich jetzt in zahlreichen Chroniken nieder, weil dahinter ein neues Bedürfnis sichtbar wird, geschichtliche Fakten zu bewahren und sie als Leitfaden für künftiges Handeln zu gebrauchen. In solche Chroniken werden Ereignisse wie die Sage von Hameln liebend gern aufgenommen. Manche dieser Chronisten haben sich deshalb selbst ein Bild vor Ort machen wollen, und sie recherchierten, modern gesprochen, bei den Hamelner Bürgern, Ratsherrn und kirchlichen Vertretern. Einige seien hier genannt: Heinrich Bünting7 in seiner Braunschweig-Lüneburgischen Chronik von 1584 oder der Verfasser der Thüringischen Chronik Adelar Erich und der viel fabulierende Johannes Letzner8 in seiner Hildesheimischen und Corbeyischen Chronica. Diese vielen Spuren der Sage aufgespürt und gesammelt zu haben, ist das Verdienst des Hamelner Gymnasialrektors Heinrich Spanuth, der in hohem Alter in seiner Dissertation (summa cum laude) von 1951 die Ergebnisse seiner umfangreichen Forschung zur Sage vorstellte.
Neben den ursprünglichen Berichten einer Kinderentführung übernehmen jetzt vermehrt Schreiber auch die Rattenplage in ihre Darstellungen der Sage auf. Für die Hamelner Bürger und vor allem die Stadtväter wurde diese neue Version ihrer Sage, die bisher so großes Aufsehen erregt hatte und als Lehrbeispiel zur Ermahnung für gottesfürchtiges Handeln genutzt wurde, zu einem großen Ärgernis. Jetzt fällt auf die Stadt ein dunkler Schatten, denn die Bürger und ihre Stadtoberen geraten in ein falsches Licht und die Schuld am Unglück ihrer Kinder fällt auf sie zurück.
In den Streitschriften des beginnenden 17. Jahrhunderts werden immer neue Behauptungen aufgestellt, andere Jahreszahlen tauchen auf und auch der Tag des Geschehens wird anderen Heiligen zugeordnet. Schließlich versucht der Hamelner Ratsherr und Jurist Sebastian Spilker9 in einem Gegenbericht zu den Aussagen des Hamelner Lateinschulrektors Samuel Erich 1654, die ganze Erzählung als eine Erfindung der Erwachsenen und Eltern abzutun, mit der sie ihre Kinder zu Gehorsam und Gottesfurcht erziehen wollten. Samuel Erich hatte das alte Reimgebet im Messbuch des Stifts als Beweis für ein tatsächliches Geschehen angeführt.10 Spilkers Gegenbeweis stützt sich auf die Tatsache der nicht mehr vorhandenen Originaltexte, da von ihnen nur noch lauter Kopien existieren. Das trifft auch auf die älteste Quelle, das Reimgebet, zu. Für ihn ist das Schweigen in der Hamelner Kirchenchronik aus dem Jahre 1384 über das erst hundert Jahre zurückliegende verhängnisvolle Unglück der schlagende Beweis dafür, dass der „Kinderauszug“ nicht geschehen sein kann. Damit konnte er aber nicht die Zugkraft der um das Rattenmotiv erweiterten und jetzt noch viel einprägsameren Rattenfängersage schwächen, geschweige denn auslöschen.
Auch der Hamelner Bürgermeister Gerhard Reiche11 versuchte in seinem „Bericht nach Hofe“ an den Merian-Verlag in Frankfurt a. M. aus dem Jahre 1653 Einfluss auf die Beschreibung der Stadt Hameln in den Merian’schen Städtedarstellungen zu nehmen, indem er mit dem Hinweis argumentierte, dass die Chroniken um die Zeit des angeblichen Unglücks nichts vermelden. Merian verzichtete zwar nicht auf die Sage, jedoch auf die Vorgeschichte mit der Rattenplage.
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts tauchen nun auch erste Erzählungen in England auf. Dafür verblasst in Deutschland die Zugkraft der Sage, weil die unrealistischen Ausschmückungen über das Verschwinden im Berg und das Zauberhafte der Pfeiferfigur immer mehr angezweifelt werden. Ein Beispiel dafür bietet die Meinung des großen Gelehrten Wilhelm Leibnitz12, der 1692 an ein historisches Ereignis als Erklärung glaubte. Er sah im Kern der Sage eine Verbindung zu den Kinderkreuzzügen, die allerdings viel früher im Jahre 1212 stattfanden.
Mit der beginnenden Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert sind die Erwähnungen der Hamelner Sage nur noch kurzgefasste Einlassungen, da man von den nicht mehr geglaubten unrealistischen Behauptungen in der Sage Abstand nimmt. Um 1750 forscht der Hamelner Garnisonsprediger Christoph Friedrich Fein13 nach einem neuen Ansatz über den historischen Hintergrund der Entführungssage. Er kombiniert die drei Zahlen auf einem Gedenkstein am Neuen Tor so, dass die Sage ins Jahr 1259 vorrückt und zeitlich in die Nähe der Schlacht von Sedemünder kommt, bei der viele Hamelner Jungmänner gefallen sind (Näheres unter 2c). Diese Deutung der Sage hat danach sehr lange als die wahrscheinlichste gegolten. Erst als der Hamelner Historiker Otto Meinardus14 das genaue Datum der Schlacht am 28. Juli 1261 ermittelte, verlor sie ihre Überzeugungskraft dann im beginnenden 20. Jahrhundert.
Ihren Abschluss, die endgültige Fassung, erhielt die Sage durch die Arbeit der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm15 im Jahre 1816. In der Zeit der Romantik verbreitete sie sich jetzt in ganz Deutschland. Sie wurde zum Gegenstand der Kunst. Zwar gab es auch weit früher schon gereimte Fassungen, doch erst als sich Johann Wolfgang von Goethe 1803 anschickte, sein bekanntes Gedicht über den verführerischen Rattenfänger zu schreiben, wurde die Sage Quelle für immer wieder neue literarische Werke. Die Romantik überzieht die Sage mit einem mythologischen Schleier, bei dem germanische Urbilder wie etwa das der Ratten als Sinnbilder der Seelen erkannt werden. Später im Jahre 1883 hat der Schriftsteller Julius Wolff mit seiner Versdichtung „Der Rattenfänger von Hameln“ ein nachhaltiges Echo in der Stadt ausgelöst. Ihm wurde deshalb auch die Ehrenbürgerschaft verliehen. Dieser Dichtung verdankte Hameln sogar einen Brunnen, der heute aber wieder verschwunden ist. Die eigens von ihm in die Sage aufgenommene süßliche Liebesgeschichte hat bald wieder zur Abkehr von seinem Werk geführt.
Auch die Malerei entdeckt jetzt die Sage. Vor allem reizt die schillernde Figur des Rattenfängers mit ihrer zauberhaften Wirkung auf die Menschen, sowohl in seiner dämonischen als auch in seiner verführerischen Wirkung. Bald nach Goethes Rattenfängerlied entstehen jetzt Illustrationen dazu. In der ersten Sammlung deutscher Volkslieder von 1806 durch Achim von Arnim und Clemens Brentano in „Des Knaben Wunderhorn“ ist die Sage in Liedform aufgenommen und mit einer Federzeichnung illustriert. Der junge Historienmaler Gustav Adolf Spangenberg hat die Rattenfängersage um 1860 in einem Ölgemälde als fröhlichen Auszug der Kinderschar gemalt. Die Kinder verschiedenen Alters werden von einem Dudelsack spielenden Pfeifer gerade in den Wald geführt.

Pompöse künstlerische Bearbeitungen historischer Themen werden nun zu Wegbereitern des aufkommenden Historismus. Das geschärfte historische Bewusstsein führt dazu, dass die Stadt Hameln im Jahre 1884 ein erstes großes Fest veranstaltet, um der 600-jährigen Wiederkehr des Schicksalsjahres 1284 zu gedenken. In der Geschichtswissenschaft werden die Archive nach kritischen Methoden neu ausgewertet, auch die des Stadtarchivs in Hameln und die kirchlichen Archive.
Durch die neue Wertschätzung der Historie kommt es 1912 zur Einrichtung eines Stadtmuseums, in dem neben Exponaten zur Stadtgeschichte auch Zeugnisse über die Stadtsage aufgenommen werden. Große Verdienste hat sich dabei Heinrich Spanuth erworben, der mit seiner akribischen Forschung viele neue Spuren über die Sage aufgedeckt hat, die dann zur Grundlage für neuere Forschungsansätze wurden, wie etwa seine Wiederauffindung der Lüneburger Handschrift oder das Aquarellbild von 1592 in der Reisechronik des Augustin von Mörsperg.
Am Ende des katastrophal ausgehenden Ersten Weltkriegs zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt der damals schon pensionierte Geheime Justizrat Freydanck aus Hameln, auch ein glühender Forscher, Interpret und Anhänger der Rattenfängersage, ein Pergament mit einem mundartlichen Gedicht über die Sage, als er bei Testamentssachen einen Bauern im „Schaumburgischen“ aufsuchte. Der Bauer hat ihn lediglich eine Abschrift davon machen lassen, die uns erhalten ist, doch das Original ist nicht mehr aufgefunden worden, weil dem Finder der Ort und der Name des Bauern entfallen waren. Auf Freydanck geht auch ein Ölbild zurück, das er zur Sage gemalt hat. Die Entdeckung eines martialischen männlichen Kopfes mit einer seltsamen Kopfbedeckung auf dem Innenblatt eines alten Folianten im Amtsgericht Hameln geht ebenfalls auf ihn zurück. Seine Schrift von 1929 über die Ortsnamen des Kreises Hameln-Pyrmont hat mancherlei Verwirrung über die Sage gestiftet.16

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