Cover: Nach all der langen Zeit

Nach all der langen Zeit


EUR 23,90

Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 292
ISBN: 978-3-7116-0265-7
Erscheinungsdatum: 09.04.2025
Dani Statham, 38, erfolgreicher Unternehmer und waschechter Amerikaner, reist zum ersten Mal in seinem Leben nach Wien, in die wunderschöne Heimat seiner Mutter. Die Familiengeheimnisse, die ihm sich dort offenbaren, stellen sein ganzes Leben auf den Kopf.
Kapitel 1

Ende April 2010
Wien

Den Entschluss, den Emilia vor 16 Jahren getroffen hatte, bereute sie bis heute nicht. Das große Haus am Stadtrand auf dem kleinen Hügel mit Blick über Wien, war längst nicht mehr mit dem Leben gefüllt, welches sie damals so glücklich machte.
Damals, als die Kinder noch Kinder waren, später dann Teenager wurden, da war immer etwas los. Die Schule, die kleinen und großen Leiden, Eifersüchteleien, Unsicherheiten, sportliche Erfolge und Misserfolge. Dann die ersten Beziehungen, Liebeskummer und Probleme, die eigentlich nicht groß waren, oder doch? Egal, man war ja da, hat geholfen, so gut es ging.
Nebenbei die Firma, aber sie war eben nicht nur nebenbei, sondern immer präsent. Jeden Tag, auch am Wochenende, beim Mittagessen und fast immer bis spät in die Nacht. Meistens hatte sie die Gespräche und Planungen rund um die Firma geliebt, immer wieder auch gehasst, nie richtig gewusst, ob sie Fluch oder Segen waren. Aber letztlich ist alles daraus entstanden, alles, ihr ganzes Leben, ihr Schicksal, ihre Freude, ihr Leid, ihre Reputation, ihre größte Niederlage, das alles war immer eng mit der Firma verbunden. Und das alles nicht nur für sie, sondern für ihre ganze Familie. Alles drehte sich immer um Kruger Kaffee. Kruger Kaffe war bestimmend, alles wurde der Firma untergeordnet.
Und dann die großen Feste. Allein diese nahmen viel Zeit in Anspruch. Da gab es viel zu planen, zu besprechen, zu organisieren. Drei Mal im Jahr wurden große Feste gefeiert. Der Frühlingsbrunch, das Sommerfest und der Sturmheurige. Immer professionell dekoriert, mit mehreren Bars und Essensstationen – geliefert von Unternehmen, die genau darauf spezialisiert waren, um den Gästen top Qualität und richtig gutes Service boten zu bieten. Eine kleine Bühne mit Livemusik und ein extra gelegter Tanzboden durfte dabei natürlich nicht fehlen und so wurde dann getratscht, gegessen, getrunken, getanzt, gelacht und gefeiert – immer bis spät in die Nacht hinein.
Rund 250 Gäste waren am Höhepunkt bei jedem einzelnen Fest gekommen und das alles für einen wohltätigen Zweck. Und natürlich für den eigenen Spaß, zum Geschäfte machen, um neue Leute, neue Frauen kennenzulernen oder auch einfach nur um für kurze Zeit alles zu vergessen und mit einem ordentlichen Alkoholrausch wieder heimzufahren.

Ein bisschen ging ihr immer noch die Gartenarbeit ab. Den Garten mit neuen Pflanzen zu gestalten. Mit den Händen in die Erde hineinzufahren, Blumen, Sträucher, Gemüse und Obst anzusetzen und sich Monate später an der Ernte zu erfreuen. Zu sehen, wie alles blühte und im Spätherbst wieder alles brach lag, nur um nach einem kalten Winter wieder in voller Kraft zu erblühen. Oder eben da oder dort auch nicht. Dann wurde wieder umgegraben, ausgegraben und neu eingegraben – andere Blumen, Pflanzen und Sträucher gesetzt, ausprobiert, geschnitten und gepflegt. Ehrliche Arbeit, vor allem ehrlich im Ergebnis.
Doch auch das wurde langsam immer beschwerlicher, das Grundstück zu groß für Emilia. Was damals sportlich und lustvoll betrieben wurde, war mehr und mehr eine Belastung.
So war auch diesbezüglich der Entschluss richtig, das Haus aufzugeben und sich eine Wohnung in der Innenstadt von Wien zu nehmen.
Von Anfang an wollte sie eine kleine, überschaubare Wohnung. Nett eingerichtet, hell, nichts Besonderes, mit guter Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel. um am Leben in der Stadt noch ordentlich teil haben zu können.
Letztlich war es dann ihre Tochter Gitta, die die Anforderungen an die Wohnung hochschraubte. Dankbar über Gittas Initiative wohnte sie nun ganz in der Nähe vom Schwarzenbergplatz in einer fast 120 m2 großen Luxus-Dachterrassenwohnung, mit einer viel zu großen Terrasse und einem Blick über halb Wien. Eine Klimaanlage schützte sie vor den immer heißer werdenden Wiener Sommern, der Lift führte sie direkt in ihre Wohnung bzw. in die Tiefgarage, wo ihr kleiner Mercedes parkte. Kaffeehäuser, Parks, Restaurants, Feinkostläden, Theater, die Oper – alles befand sich mehr oder weniger direkt vor ihrer Türe. Den Mercedes fuhr sie schon lange nicht mehr.
69 Jahre war Emilia, als sie sich endgültig aus der Firma zurückzog, und den Entschluss fasste, ihr großes Haus aufzugeben und in die Stadtwohnung zu übersiedeln. Das war Anfang der 90er-Jahre, konkret 1994, und wahrlich sie bereute es nicht und es fehlte ihr auch an nichts. Weit und breit keine Geldsorgen, die monatlichen Überweisungen aus der Firma kamen großzügig und pünktlich und ihr Bekanntenkreis war für ausreichend genügend soziale Kontakte intakt. Emilia war viel unterwegs. Regelmäßige Einladungen zu den sogenannten Society-Events waren nicht unüblich. Der Name Kruger war in Wien kein unbekannter. Eine Shoppingtour durch die Stadt, der Besuch einer Vernissage, ihr Opern-Abo mit ihrer guten Freundin Anna, da oder dort jemanden auf einen Kaffee treffen, die Tage und Wochen vergingen oft wie im Flug. Nicht selten war sie froh, mal nichts vorzuhaben und einfach nur vorm Fernseher auszuspannen oder auf ihrer Liege auf der Terrasse ein Buch lesen zu können.
Besondere Freude hatte sie immer mit den regelmäßigen Mittagessen mit ihrer Tochter Gitta oder ihrem Sohn Stephan. So lebte sie viele Jahre sehr aktiv inmitten von Wien und genoss ihr Leben in vollen Zügen.

Seit ihrem Auszug aus dem Haus waren nun schon wieder sechzehn Jahre vergangen und noch immer ging es ihr gut, wenngleich die Aktivitäten deutlich zurückgingen. Es wurde ruhig um Emilia, viele Freunde gab es nicht mehr und auch die Einladungen zu den Charityevents blieben irgendwann mal aus. Ihre beste Freundin Anna starb 2006 – vor vier Jahren. Ein Jahr noch ging sie allein in die Oper, dann wurde es ihr zu dumm, es machte so keinen Spaß mehr und abends raus wurde ihr sowieso mittlerweile viel zu anstrengend. Emilia kündigte ihr Abo – nach 34 Jahren ging sie nun nicht mehr regelmäßig in die Oper. Es tat ihr nicht leid.
Vielmehr freuten sie die technologischen Entwicklungen. Seit ein paar Jahren gab es Skype. Stephan hatte es ihr installiert. Sie wollte es unbedingt, als sie davon bei einer E-Business- Veranstaltung der Wirtschaftskammer erfuhr. Eine nette Einladung lag plötzlich in ihrem Briefkasten.
Erfolgreich und schneller mit E-Business.
Noch immer erhielt sie Post der Wirtschaftskammer Wien, obwohl sie schon lange außer Dienst war. Mehrmals hatte sie im Sekretariat angerufen und um Streichung aus der Mitgliederdatei gebeten, doch immer noch kamen Einladungen zu Veranstaltungen, die hauseigene Zeitung und Flugblätter mit Informationen, was die Vertretung der Arbeitgeber alles erreicht hätten. Mehr und mehr elektronisch per E-Mail. Emilia reklamierte nicht mehr. Warum auch, viele Jahre zahlten sie Mitgliedsbeiträge und, immerhin, ihr Mann Rudi war ja fast zwanzig Jahre Obmann der Fachgruppe der Lebensmittelindustrie in Wien. Der eine oder andere Gratisbesuch einer Veranstaltung musst auch jetzt noch möglich sein.

So ging sie wieder einmal zu einer Veranstaltung in die Wirtschaftskammer Wien. Ein fescher, eloquenter Moderator und ein sogenannter E-Business-Experte erklärten den Unternehmern, wie man ganz leicht erfolgreicher wird, wenn man ein bisschen über den Tellerrand blickt und sich mit E-Business beschäftigt. Vieles wird damit einfacher, schneller und sicherer. Emilia lernte viel. Die Veranstaltung war unterhaltsam aufgebaut und machte Spaß. Eines der letzten Kapitel beschäftigte sich mit Videokonferenzen. Click, Click und schon konnte man seinen Geschäftspartner am Monitor sehen – live, bewegt und in Echtzeit.
Emilia war tatsächlich bewegt, als sie ein paar Tage später mit ihrer Tochter Monika skypte. Monika lebte seit vielen Jahren mit ihrem Sohn Dani in San Francisco. Seit den 1970er-Jahren hatte sie ihre Tochter nicht mehr gesehen – außer auf Fotos. Die Rührung auf beiden Seiten war unendlich groß. Sie behielten das bei und skypten von nun an regelmäßig einmal im Monat.

Heute stand wieder einmal ein Kaffeehausbesuch mit Stephan auf dem Programm. Noch immer stolz, noch immer eine Frau von Welt aber eben etwas ruhiger. Sie freute sich auf Stephan.
Stephan sah sie von allen Kindern am seltensten, er war der Nachzügler unter den drei Kindern Emilias, das Nesthäkchen, der Verwöhnte und ganz typisch für diese Position in der Familienhierarchie der Lebemann, der Unbekümmertste und damit auch automatisch derjenige, der das Geld eher ausgab als es zu verdienen.
Um 14:50 Uhr läutete Emilias Haustürglocke, durch die Videoüberwachung und das kleine Display neben dem Eingang sah sie, dass es Stephan war.
Wie immer zu spät, 14:30 Uhr war ausgemacht, dachte Emilia. Aber schön, dass er jetzt wenigstens da war.
„Hallo mein Kleiner, du bist zu spät.“
„Ja, Mama, sorry. Kommst du gleich runter oder soll ich noch einen Sprung rauf kommen.“
Dieses „Mama“ tat ihr immer wieder gut. Monika und Stephan sagten immer noch Mama zu ihr. Es war dieses gemütliche, zufriedene, unschuldige und so liebevolle „Mama“ – kindlich und vertrauensvoll. Bei Gitta hieß sie immer nur „die Chefin“ und in der direkten Anrede „Mutter“.
Dann hieß es im Büro „Das fragen Sie bitte die Chefin“ oder „Bringen Sie das bitte meiner Mutter“ oder „Mutter, hast du von X oder Y schon eine Antwort zu unseren Vorschlägen erhalten“.
Unpersönlich war das, distanziert, kalt und nur auf den Zweck ausgerichtet. Nur Informationsaustausch.
„Nein, Stephan, warte unten auf mich, ich bin gleich bei dir und dann spazieren wir rüber ins Schwarzenberg.“
„Gut, ich warte Mama – kein Stress.“
Nein, Stress machte sich Emilia nicht mehr. Aber nur wenige Minuten später spazierten sie die Gusshausstraße hinunter, am Russen-Denkmal vorbei und über den Schwarzenbergplatz zum Café Schwarzenberg.
Emilia war auch dort bekannt und gerne gesehen. Ober Leopold, der in Wirklichkeit Sascha hieß, begrüßte Emilia freundlich an der Drehtüre und begleitete beide zu Emilias Lieblingstisch – am Fenster, in der Mitte des großen Caféhaussaals. Dort nahmen sie Platz, ganz selbstverständlich Emilia mit Blick auf die Eingangstüre.
„Na mein Kleiner, was magst du heute? Ham and Eggs oder eine Esterhazyschnitte?“
Stephan war 45 Jahre alt und das „Kleiner“ bezog sich demnach nicht auf sein Alter und auch nicht auf seine Größe. Aber als sogenannter Nachzügler war er 15 Jahre jünger als Monika und sogar 19 Jahre jünger als seine älteste Schwester Gitta und damit für Emilia liebevoll für immer und ewig ihr Kleiner.
„Nachdem es gestern spät wurde und ich erst seit Kurzem auf bin, nehme ich liebend gerne Ham and Eggs und ein kleines Bier“, erwiderte Stephan.
„Ach Stephan, es ist kurz vor halb vier am Nachmittag, wo warst du denn gestern wieder so lange?“
Stephan schnaufte innerlich durch. Wie solle er seiner Mutter nun erklären, dass er mal wieder mit seinen Freunden von einem Lokal in das nächste gewandert war und letztlich in dieser schicken Striptease-Bar geendet war, wo sie noch genüsslich ein paar Flaschen Champagner getrunken hatten, während leicht bekleidete Damen eng um sie herumsaßen, ihre halb nackten Brüste auf sie drückten, sich einladen ließen und auch gerne mit ihnen hinter der schlichten grauen Türe verschwanden – gegen Aufpreis natürlich.
Erzählte man das seiner Mutter? Er beließ es bei einem schlichten, aber freundlichen, mit Freunden unterwegs, du weißt schon Mama.
Und Mama wusste schon und beließ es dabei, sie kannte ihn ja.
Sehr gesprächig verlief das Gespräch an diesem Nachmittag nicht. Stephan war müde, aber Emilia genoss seine Anwesenheit. Sie bestellte sich ein Paar Sacherwürstel und beschloss, dass das auch gleich ihr Abendessen sein würde. Sie sprachen ein bisschen über aktuelle politische Themen, über die Firma und dann erzählte Stephan über seine Ambitionen, beim Traditions-Fußball-Verein SK Rapid Wien in den Vorstand einzuziehen. Als langjähriger Sponsor und glühender Rapidfan hätte er dafür auch durchaus gute Chancen.
Emilia musste schmunzeln und ihr wurde warm ums Herz bei dieser Vorstellung. Ihr Mann Rudi war ein Workaholic. Sein einziges Hobby war seine Rapid. Die beiden Töchter haben sich naturgemäß nur sehr kurz für Fußball interessiert. Bei Stephan war das anders. Schon als Fünfjähriger wollte er immer mit Papa ins Stadion. Emilia hatte das gefallen. So hatte der Kleine wenigstens ein bisschen was von seinem Vater. Und jetzt Stephan im Vorstand, das würde wiederum seinem Vater gefallen.
Plötzlich läutete Stephans Handy. Da wusste Emilia schon, was das bedeutete und kurz danach war er auch schon wieder weg.
„Mama, bitte sei mir nicht böse, aber ich bin ein bisschen im Stress. Ich müsste nun weiter, darf ich mich entschuldigen“?
„Ja natürlich mein Kleiner, kein Problem, das kenne ich ja schon. Immerhin heute haben wir 55 Minuten geschafft“, lachte sie ihn liebevoll an.
Und Stephan küsste sie herzlich auf beiden Wangen. Er liebte seine Mutter, auch weil sie ihm immer alles durchgehen ließ und dabei immer liebevoll und voller Verständnis war. Ja, da war auch dieses bisschen schlechte Gewissen. Er tröstete sich, dass viele seiner Freunde nicht einmal diese 55 Minuten aufbrachten.
Stephan zischte hinaus, wahrscheinlich am Weg zur nächsten Blödheit.

Emilia hatte keine Eile, das Wetter draußen war wunderschön, der Frühling schien in Wien angekommen zu sein. Sie beobachtete das bunte Treiben am Ring, beobachtete die Geschäftsleute, die Mütter mit ihren Kinderwagen, die ohne Eile unter den Ringbäumen spazierten, junge Leute mit ihren Kopfhörern in den Ohren, Essens-Botenfahrer, Fiaker, Radfahrer, E-Scooter-Fahrerinnen und viele mehr. Sie alle sahen glücklich aus. Sie alle waren froh, dass die dunkle, kalte aber vor allem nasse Zeit scheinbar wieder vorbei war. Heute war der erste Tag über 20 Grad. Es war wundervoll, alle schienen fest durchzuatmen, alle sprühten vor Energie und auch Emilia nahm dieses Gefühl auf – auch sie fühlte sich kräftiger als noch vor ein paar Wochen.
Sogar Leopold, der Emilia freudig und fröhlich fragte, ob sie noch einen Wunsch hätte und sie so aus ihren Beobachtungen rausriss, war heute anders als noch vor ein paar Tagen.
„Ja, Leopold, bringen Sie mir bitte ein Glas Prosecco“, erwiderte sie auf seine Frage.
„Sehr gerne, gnädige Frau, kommt sofort“, war seine freundliche Antwort.
Der Prosecco kam tatsächlich unverzüglich. Emilia machte einen lustvollen Schluck und schweifte mit dem Blick durch das Kaffeehaus.
Auch hier lauter gut gelaunte Menschen. Da hinten rechts fiel ihr allerdings ein Mann auf, der alleine und nachdenklich wirkte. Und plötzlich schaute er auf und blickte Emilia ohne Umschweife direkt in die Augen. Emilia blickte weg. Sie war etwas verstört. Der Blick war nicht böse, nicht herausfordernd, nicht bedrohlich, aber auch nicht freundlich, kokett oder gar betörend, das hätte sie mit ihren fünfundachtzig Jahren auch am wenigsten erwartet. Aber der Blick war zielgenau, er war bewusst auf sie gerichtet und Emilia wusste nicht warum.
….

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