Cover: Mobbing ist Ansichtssache

Mobbing ist Ansichtssache
Die Demontage eines Lehrers durch die Bildungsdirektion


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 112
ISBN: 978-3-99130-557-6
Erscheinungsdatum: 17.10.2024
Bei der Bildungsdirektion werden zwei Mobbingbeschwerden eingereicht – Aussage steht gegen Aussage. Doch wer ist nun der Gemobbte – die Schulleiterin oder der Lehrer? Die folgenden Verwicklungen kosten den Lehrer Paul Pirtubek beinahe seine Existenz.
VORWORT

„NEUES VON PANOPTIKUM 2000
Endlich ist es so weit. In den Weiten des Alls wurde
ein Stern mit intelligenten Lebewesen entdeckt.
Das ist unsere einmalige Chance zu einer
sprunghaften Vorwärtsentwicklung.“
Aus der ZV LehrerInnenzeitung 3/96

Viele Jahre habe ich Panoptikum 2000 beobachtet und von den teils skurrilen Begebenheiten auf diesem der Erde nicht unähnlichen Planeten berichtet. Manchmal entlockten uns die Erzählungen ein Lächeln, manchmal ein ungläubiges Kopfschütteln. Immer aber hofften wir, dass es bei uns nie so weit kommen möge.
Kürzlich traf ich meinen alten Freund Paul Pirtubek wieder. Er war fast 40 Jahre lang Lehrer in der panoptischen Hauptstadt Isnetvar und hatte so einiges erlebt. Fast beiläufig erzählte er mir die Geschichte von seinem überraschenden Karriereende.
Während ich seine Erzählung niederschrieb, kamen mir immer wieder die Worte in den Sinn, mit denen anno dazumal jeder meiner Berichte endete:
„Zum Glück“, so denke ich mir schlicht, „ist’s bei uns anders, oder nicht?“

„Auch eine Reise von tausend Meilen
beginnt mit dem ersten Schritt.“
Laotse

Ein schöner Satz! Aber was ist der erste Schritt? Die Formulierung eines Zieles? Die Planung? Das Einpacken notwendiger Utensilien? Die Buchung von Fortbewegungsmitteln und Hotel? Der erste Schritt aus dem Haus? Wo ist der Anfang?
Reicht es, ein Ziel zu haben und loszumarschieren? Oder braucht man gar kein Ziel? Kann man einfach so losreisen? Ist das dann eine Reise oder nur Herumirren? Wenn man zu lange plant, läuft man Gefahr, nie abzureisen. Reist man einfach drauflos, läuft man Gefahr, viele Umwege zu machen, ja sogar nie anzukommen, weil man sich verirrt und das Ziel aus den Augen verliert.
Kinder haben eine Idee und rennen los. Für sie gibt es keine Hindernisse, für sie ist alles einfach. Leider scheitern sie nicht selten, aber sie lernen daraus. Auch ich war so ein Kind und habe durch Versuch und Irrtum herausgefunden, dass es durchaus sinnvoll ist, sich einen Plan zurechtzulegen, wenn man etwas erreichen will. Man sollte sich auf Eventualitäten vorbereiten, um flexibel reagieren zu können, wenn einmal etwas nicht nach Plan läuft – der berühmte Plan B oder C. Ich habe für mich gelernt, dass der erste Schritt die Planung ist.
Natürlich habe ich nun vorausgesetzt, dass dies alle Menschen so sehen würden, da bin ich ein naives Kind geblieben. Besonders bei den Menschen, die in der Hierarchie über mir standen, vertraute ich darauf, dass sie keine Weisungen erteilen würden, ohne sich über deren Konsequenzen Gedanken gemacht zu haben. Ich setzte voraus, dass sie ihre Positionen erreicht hatten, weil sie des planvollen Handelns mächtig waren und umsichtig agierten. Selbst als ich mit meiner Pflichtschulinspektorin mehrfach die Erfahrung machen musste, dass sie gerne mit dem vierten oder fünften Schritt begannen, um darauf zu kommen, dass es so nicht funktionierte, und alle anderen für dieses Scheitern verantwortlich zu machen, glaubte ich, dass auch sie es noch lernen würde.
Irren ist menschlich.
Meine Frau Inspektor träumte von der „inklusiven Schule“, wobei ich nie ganz sicher war, ob das tatsächlich ihr eigenes Anliegen war oder ob sie nur ihrem Ehemann zur Seite stehen wollte, der dieses Thema zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Sie redete sehr viel darüber, meist in gut eingelernten Floskeln und unter Verwendung vieler Zitate von mehr oder weniger bekannten Experten, die sie irgendwo schon mal gehört hatte. Auf Fragen zur pragmatischen Umsetzung oder Zweifel an der Realisierbarkeit ihrer Vorhaben regierte sie sauer und mit sehr persönlichen, unsachlichen Angriffen. Richtig argumentieren habe ich sie nie gehört, darum auch meine Zweifel am persönlichem Anliegen.
Es ergab sich, dass die Volksschule in unserer unmittelbaren Nachbarschaft an Kinderschwund litt. Die Schule befand sich wie mein Schulstandort auch in einem Gebiet mit vielen Altbauten und überalterter Bevölkerung, zumindest in Bezug auf Schulpflicht. Ganz in der Nähe gab es auch ein sonderpädagogisches Zentrum, von Insidern SPZ genannt, in welchem Kinder mit sehr speziellen Bedürfnissen, im Insiderfachjargon S-Kinder genannt, betreut wurden. Diese Kinder kamen aus ganz Wien und wurden von einem Fahrtendienst gebracht und wieder abgeholt. Das SPZ befand sich in einem ziemlich desolaten Gebäude, das noch älter war als die Volksschule.
Frau Inspektor sah ihre Chance gekommen: Auflösung der Volksschule, Umsiedlung des SPZ in das Volksschulgebäude, Einschulung der wenigen Volksschulkinder, die es in der Gegend noch geben würde, in Inklusionsklassen im SPZ, egal, ob die Eltern dies so wollten oder nicht. Mangels Alternativen würden sie schon wollen.
Und schon tat sie den ersten Schritt. Allerdings nicht im Sinne meiner Überlegungen. Bei ihr hieß „erster Schritt“ sofortiges Losrennen. Sie beschwatzte die zuständige Magistratsabteilung sowie den Bezirksvorsteher und teilte im Rahmen einer Elternversammlung der Öffentlichkeit Mitte Dezember mit, dass an dieser Volksschule keine Kinder mehr eingeschrieben würden, weil das Gebäude nun saniert und barrierefrei gemacht würde, damit danach das SPZ einziehen könnte. Der Zeitpunkt der Kundmachung war super gewählt. Im Jänner sollten die Schuleinschreibungen stattfinden und die in der Umgebung wohnenden Eltern von bald volksschulpflichtigen Kindern hatten mit einem Schulplatz in der Nähe des Wohnortes gerechnet. Die hatten jetzt nur noch gut drei Wochen Zeit, sich nach Alternativen umzusehen. Gut, zwei Wochen davon waren Weihnachtsferien, in denen Schulen bekanntlich geschlossen sind, aber mit ein bisschen Engagement würde das schon gehen.
Wäre Frau Inspektor so gestrickt gewesen, wie ich es bin, hätte sie sich überlegt, ob die anderen Volksschulen in der Gegend überhaupt in der Lage wären, all die Volksschulkinder, die es trotz allem noch geben würde, aufzunehmen. Ich hatte in meinen ersten Dienstjahren erlebt, was passiert, wenn man nicht sorgfältig über Folgen nachdenkt. Damals wurde die Hauptschule, an der ich unterrichtete, wegen Schülermangels geschlossen Zwei Jahre später musste man sie wieder eröffnen, da die anderen Hauptschulen, die halbwegs in der Nähe lagen, die nicht alle Kinder aufnehmen konnten. In dem Gebiet gab es für drei Schulen eine Spur zu wenige Kinder im entsprechenden Alter, für zwei Schulen waren es aber eindeutig zu viele. Ich hatte ihr schon mehrfach von dieser Begebenheit erzählt, aber Geschichte interessierte sie nicht. Auch nicht, dass geplant war, in nächster Zukunft 150 neue Wohnungen in der Nähe der Volksschule zu errichten, mit dem Ziel, Jungfamilien anzusiedeln und so die Region wiederzubeleben, was auch zu einer Wiederbelebung der Volksschule geführt hätte.
Als sie bei der Elternversammlung genau mit diesen Dingen konfrontiert wurde, wertete sie dies als Angriff auf ihre Idee. Der Bezirksvorsteher unterstütze sie mit den Worten: „Ich lasse mir die behinderten Kinder nicht schlecht reden!“ Nur weil jemand gemeint hatte, das Gebäude würde nicht ausreichend barrierefrei sein, selbst nach einer Renovierung. „Außerdem“, so meinte sie, „ist es für Volksschulkinder leichter, den Weg in den neu entstehenden Campus zu bewältigen.“ In etwa zwei Kilometern Entfernung sollte dieser Campus entstehen. Zum Zeitpunkt der Besprechung war er noch im Planungsstadium.
Ich brachte einen Vorschlag ein:„Wäre es nicht klüger, das SPZ dorthin zu übersiedeln? Man könnte schon beim Bau auf die besonderen Bedürfnisse Rücksicht nehmen und dem Fahrtendienst ist es schließlich egal, wo die Kinder hingebracht werden sollen.“
Frau Inspektor erwiderte:„Das SPZ ist seit vielen Jahren in diesem Viertel. Die Kinder haben sich an diese Umgebung gewöhnt und die Menschen hier haben sich an die Kinder gewöhnt. Das SPZ bleibt im Viertel.“
Punkt. Ende der Diskussion.
Schon während der Renovierungsarbeiten gestand mir die Direktorin des SPZ: „Ich weiß jetzt schon, dass das Haus zu klein sein wird, aber wir fühlen uns halt in der Gegend so wohl!“
Als ginge es um einen Wohnungsumzug! Die Kinder, die jetzt da waren, würden altersbedingt irgendwann wegfallen, den neuen Kindern wäre es egal, wo sie sich eingewöhnen müssten, zumal sie aus der ganzen Stadt kamen.
Und so kam es, wie es kommen musste: Das alte Volksschulgebäude wurde nach den Wünschen des SPZ hergerichtet, parallel dazu entstanden neue Wohnungen und kaum war das SPZ in sein „neues“, renoviertes Haus eingezogen, gab es auch schon zu viele Kinder für zu wenig Platz.

„Ein Fehler, den Du mehr als einmal
wiederholst, ist eine Entscheidung!“
Paulo Coelho

Die Chance für Frau Inspektor, ihre Reise durch Entscheidung fortzusetzen, sah sie, als wenige Jahre später meine Direktorin ankündigte, mit Schuljahresende in Pension zu gehen. Wieder setzte Frau Inspektor einen späteren Schritt als Ersten. Wenigstens tat sie diesmal so, als würde sie einen ersten Schritt setzen, obwohl es genau genommen wieder nur der Zweite war, weil die Planung komplett fehlte: Sie teilte dem Kollegium des SPZ im Herbst 2015 mit, dass das SPZ und unsere Mittelschule ab dem folgenden Schuljahr einen Schulcluster unter Führung der SPZ-Leiterin bilden und eine Klasse mit S-Kindern bei uns im Haus untergebracht werden würde. Damit entspräche man dem Wunsch nach Schulclustern und somit Verwaltungseinsparungen. Mit der Unterbringung der S-Klasse bei uns würde zudem ein Synergieeffekt geschaffen. Sicherheitshalber verbot sie dem Lehrkörper des SPZ, mit irgendjemandem darüber zu reden. Schon gar nicht mit uns, den LehrerInnen des ebenfalls betroffenen Hauptschulstandortes! Durch diesen genialen Schachzug durchkreuzte sie die Möglichkeit, dass sich nun jemand anderes mit einem möglichen Konzept beschäftigte und so den ersten Schritt nachholen könnte.
Wir am Mittelschulstandort erfuhren erst sehr spät von der Sache. Am 9. Februar 2016 informierte Frau Inspektor meine scheidende Leiterin und mich, ihren Stellvertreter, von dem, was bereits entschieden war, und erklärte: „Und übermorgen bei der Dienstbesprechung mit den designierten Klassenvorsteherinnen der nächstjährigen ersten Klassen möchte ich dann mit diesen ein Konzept erarbeiten, wie diese Klasse in euer Jahrgangsteam integriert werden kann!“
Hätte das nicht der erste Schritt sein sollen?
Und zu mir sagte sie: „Da die Frau Direktor des SPZ keine Ahnung von der Sekundarstufe hat, brauche ich an eurem Haus jemanden, der sich gut auskennt und dort die Organisation übernimmt. Da habe ich an Dich gedacht. Dafür wird Deine Unterrichtsverpflichtung um eine Stunde reduziert.“
Offensichtlich hatte auch sie keine Ahnung von der Sekundarstufe. Für diese Tätigkeit, die sie sich hier für mich vorstellte, war meine jetzige Leiterin komplett vom Unterricht freigestellt. Oder war ich tatsächlich so gut, dass ich das in einer Stunde pro Woche schaukeln konnte?
Zwei Tage später erschien Frau Inspektor mit dem Landesschulinspektor für Sonderschulangelegenheiten im Schlepptau an unserer Schule. Sie staunte nicht schlecht, als statt der erwarteten drei Lehrerinnen der gesamte Lehrkörper anwesend war. Mit eisiger Stimme und einem Blick, der Medusa zur Ehre gereicht hätte, stellte sie fest: „Das war so nicht vereinbart!“
Frau Direktor erwiderte: „Mein Lehrkörper findet, die Integration der S-Kinder ist ein Thema, das alle angeht. Schließlich müssen alle das Konzept mittragen, da es auch in Zukunft Bestand haben soll.“
Frau Inspektors Miene blieb versteinert, der Herr Landesschulinspektor strahlte über das ganze Gesicht. So viel Interesse für Inklusion hatte er noch selten erlebt.
Frau Inspektor stellte in gut gelernten Redewendungen ohne verwertbaren Inhalt ihre Idee vor. Da die Idee ausschließlich daraus bestand, eine S-Klasse bei uns unterzubringen, war es schon erstaunlich, wie viele Worte sie darüber zu machen im Stande war. Da wurde munter aus dem Auftrag der EU-Kommission an ihre Mitgliedsstaaten zitiert, Wortspenden ihres Göttergatten fehlten nicht und überhaupt redete sie uns ins Gewissen, uns nicht vor Diversität und Inklusion zu drücken. Es war mehr eine Predigt als die Vorstellung einer Idee. Der simple Sachverhalt: „Ihr bekommt eine Klasse mit schwerstbehinderten Kindern ins Haus und sollt Euch überlegen, wie Ihr sie in die Jahrgangsstufe integrieren könnt“ wurde zu einem mehr als zehnminütigen einschläfernden Erklärungsmarathon.
Auf Fragen, auch wenn sie noch so logisch erschienen, war sie offenbar nicht vorbereitet.
Erste Frage: „Wie viele Kinder werden das sein?“
Antwort (unwirsch): „Das wissen wir noch nicht!“
Zweite Frage: „Welche Art der Behinderung werden diese Kinder haben?“
Antwort (unwirscher): „Das wissen wir noch nicht!“
Die Raumtemperatur näherte sich dem Gefrierpunkt.
Dritte Frage: „Und wie sollen wir mit praktisch keiner Information jetzt ein Konzept basteln?“
Peng! Raumtemperatur im Minusbereich.
Strenger Blick und böse Miene nützten ihr nichts:
„Frau Inspektor!“, setzte eine Kollegin an. „Als wir nach der Renovierung in dieses Haus zurückkehrten, nahmen Sie uns eine Klasse mit dem Hinweis weg, die Baubehörde hätte das Gebäude nur für neun Klassen zugelassen. Wir haben jetzt neun Klassen. Zwar geben wir drei Vierte ab, wir haben aber mehr als genug Anmeldungen, um drei Erste zu eröffnen. Wir haben keinen Platz für eine S-Klasse!“
So muss sich der absolute Nullpunkt anfühlen, sofern man da noch etwas fühlt.
Herr Landesschulinspektor sah Frau Inspektor an: „Davon weiß ich ja gar nichts. Das hast Du mir nicht erzählt.“
„Ich kann mich auch nicht daran erinnern“, meinte Frau Inspektor ziemlich kleinlaut, was sonst gar nicht ihre Art war.
„Nun gut“, sagte der Herr Landesschulinspektor, „da muss es ja schriftliche Unterlagen geben. Ich werde diese einsehen und wenn das tatsächlich so drinnen steht, ist die Idee mit der S-Klasse gestorben.“
Er sah ein – es stand so drinnen – die Idee war gestorben. Dachten wir!
Irren ist menschlich.

„Aber ich will!“
Kind in der Trotzphase

Kaum zu glauben, wie viel Trotzphase in einem erwachsenen Menschen in Führungsposition der mittleren Hierarchieebene stecken kann.
Ich machte meiner Frau Direktor ein Wettangebot: „Frau Inspektor lässt uns nur zwei Klassen eröffnen. Die überzähligen Kinder schickt sie an die Hauptschule Purzelgasse die nur sehr wenige Kinder angemeldet hat, und schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Dort sichert sie den Lehrerbestand, und bei uns ist Platz für ihre S-Klasse!“
Frau Direktor zog verächtlich die Mundwinkel herunter: „Niemals!“
„Willst Du wetten?“
„Aber so was von. Und Du weißt, ich wette nur, wenn ich gewinne!“
Zu ihrem Glück hatten wir keinen Wetteinsatz vereinbart, sie hätte Haus und Hof verloren. Es kam genau, wie ich es vorhergesagt hatte. Allerdings ohne S-Klasse. Der Herr Landesschulinspektor hatte unser Schulhaus nun doch noch persönlich in Augenschein genommen. Bisher hatte er sich auf die Aussagen von Frau Inspektor verlassen. Seit der Geschichte mit der behördlichen Auflage hielt er sie wohl nicht mehr für eine verlässliche Informantin.
„Das Gebäude ist aufgrund seiner BarriereUNfreiheit für eine S-Klasse absolut, ungeeignet. Es wird hier keine derartige Klasse untergebracht, jetzt nicht und auch in Zukunft nicht!“ Und wenn er das sagte, dann war das so. Frau Inspektor wusste das, als sie uns nur zwei Klassen eröffnen ließ. Sie wollte uns doch nur Gutes tun. In der Konferenz hätten wir noch geklagt, so wenig Platz zu haben, und nun regen wir uns auf, dass sie uns Platz schafft.
Wir waren empört! Eine Klasse weniger bedeutete auch weniger Lehrerstunden, was wiederum bedeutete, dass uns zwei Personen aus dem bewährten Team verlassen mussten. Eine Kollegin ging in ein Sabbatical. Hier würde sich erst in einem Jahr das Problem stellen, ob sie zurückkehren könnte. Sie hatte allerdings vor, das Jahr zu nützen, um sich nach einem anderen Standort umzusehen. Eine weitere Lehrkraft, die man an einen anderen Standort versetzen könnte, musste noch gefunden werden. Auf wen konnte man verzichten? Auf den einzigen Musiklehrer, die einzige Turnlehrerin oder oder oder …? Genau genommen konnten und vor allem wollten wir auf niemanden verzichten. Schließlich waren der bei uns herrschende Teamgeist und die vielschichtigen Talente unseres Lehrkörpers genau die Gründe, warum jedes Jahr so viele Eltern ihre Kinder zu uns schickten.
Auf Bitten der Kollegenschaft wandte ich mich per Mail an den Abteilungsleiter. Ich schilderte ihm die Situation. Wie wir von den bevorstehenden Veränderungen erfahren hatten, dass uns eine Klasse vorenthalten wurde, obwohl wir genügend Anmeldungen gehabt hatten, wie uns Frau Inspektor in den letzten Jahren bei den Ressourcenvergaben immer wieder über den Tisch gezogen hatte und noch so einiges mehr. Mein Schlusssatz kam einem Hilferuf gleich: „Warum hilft uns seit Jahren niemand?!“
Wir hatten damals 60 Kinder angemeldet, 15 weitere hatten angegeben, sollten sie nicht an ihrer Erstschule genommen werden, wollten sie eben zu uns. Genau genommen hätten wir aus einem Reservoir von 75 Kinder schöpfen können. Und das an einer Mittelschule in einem „sterbenden“ Gebiet ohne angeschlossene Volksschule, Tür an Tür mit einer katholischen Privatmittelschule, einer ganztägig geführten Mittelschule und einer Mittelschule mit sprachlichem Schwerpunkt im Umkreis von nicht einmal 1,5 Kilometern und vier Gymnasien in nicht einmal zwei Kilometern Entfernung. Die Konkurrenz war riesig und wir konnten uns behaupten. Offenbar hatten wir weit über die Bezirksgrenzen hinaus einen hervorragenden Ruf. Während 2016 60 Kinder für nur zwei Klassen mit je 24 Kindern reichten, durften im Herbst 2023 am selben Standort mit insgesamt 25 Kindern ebenfalls zwei Klassen eröffnet werden!
Kleiner Treppenwitz der Geschichte: Ein Jahr später, im Herbst 2017, mussten wir genau auf dieser Schulstufe eine Klasse aus dem Nichts eröffnen, weil es so viele Kinder im Bezirk gab und wir die einzige Schule mit freiem Klassenraum waren. Zusätzliche Lehrkräfte gab es natürlich nicht. Wir fingen mit neun Kindern an, also fast so viele, wie wir im Vorjahr abgegeben hatten. Hätte man uns damals drei Klassen eröffnen lassen, hätten wir locker bis zu 15 Kinder in mittlerweile funktionierende Klassengemeinschaften integrieren können. So stampften wir eine Klasse aus dem Boden, die im Laufe weniger Wochen 24 Kinder beherbergte. Während die eine Hälfte als außerordentliche Schüler, weil Fluchthintergrund, geführt wurde, war die andere Hälfte der Kinder älter als auf dieser Schulstufe üblich, weil Klassenwiederholungshintergrund. Unterrichten wurde in dieser Klasse zu einer unlösbaren Aufgabe. Das hätten wir uns sparen können.
Die Angst, dass KollegInnen den Standort verlassen müssten, konnte Frau Inspektor übrigens nicht teilen. Dass bei einer Klasse weniger auch weniger Lehrerstunden gebraucht wurden, war in ihrer Logik nicht vorgesehen. Und ihre arithmetischen Defizite waren hinlänglich bekannt. Während der Umbauarbeiten wies ich in einer Baubesprechung darauf hin, dass die Streichung eines Turnsaales zu unüberwindbaren Hindernissen führen würde.
„Wieso?“, fragte sie mich.
„Gemäß der Stundentafeln von SPZ und uns bräuchten wir für 54 Stunden pro Woche einen Turnsaal, damit beide Schulen alle ihre Turnstunden unterbringen könnten. Bei Streichung des einen Saales haben wir dann aber nur für 50 Stunden einen zur Verfügung.“
„Da muss man eben kreative Lösungen finden.“
„Wenn in einen Topf nur ein Liter Wasser passt, werde ich auch mit größter Kreativität nicht eineinhalb Liter hineinkriegen.“
„Ihr werdet das schon machen!“
Frau Inspektor war der lebende Beweis für die Richtigkeit des „Peter-Prinzips“. Gemäß der Theorie des kanadischen Soziologen Laurence Peter wird „jeder, der Mitglied in einer komplexen Hierarchie ist, so lange befördert, bis er seine absolute Unfähigkeit erreicht hat.“
Soll heißen: Erfolgreiche werden so lange befördert, bis sie auf einer Stufe angelangt sind, für die sie absolut ungeeignet sind. Da ein Rückschreiten nicht vorgesehen ist, bleiben sie dort bis zu ihrem natürlichen Ausscheiden aus dem System. Damit schädigen sie das System doppelt: Einmal, indem sie den Job, den sie noch gut gemacht hatten, nicht mehr machten, und einmal, indem sie, obwohl unfähig, jemand anderem womöglich Fähigem den Aufstieg verwehrten.

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