Mo
Der Junge, der mein Leben prägte
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 428
ISBN: 978-3-99130-649-8
Erscheinungsdatum: 14.01.2025
Matz und Mo erleben eine intensive und dramatische Freundschaft, die – vom ersten Schultag an – eine ganz besondere ist. Eine lebensbedrohliche Krankheit wird jedoch ein bewegtes Leben total verändern und dennoch wird es einen Lichtblick geben.
Ich hätte es wissen müssen, dass es kein gutes Ende nehmen würde, und niemals so vorschnell mit Ja antworten sollen, als Mo mich fragte, ob ich ihm bei einer bestimmten Sache helfen würde. Mo war nämlich der chaotischste Chaot, den man sich vorstellen konnte.
Er hatte hunderte Ideen und Vorhaben, ohne je einen Plan zu haben.
Mo war Moritz, mit dem ich eingeschult wurde und in dieselbe Klasse kam.
Er setzte sich sofort zu mir und war ganz hippelig vor Aufregung. Unsere Schultüten lagen vor uns auf dem Pult und hinter uns standen die nicht minder aufgeregten Väter und Mütter. Die Lehrerin stellte uns nacheinander vor und wir mussten vortreten, um uns ein Namensschild abzuholen, das wir vor uns aufstellten. Nachdem ich Moritz’ Namen wusste, grüßte ich ihn: „Hi, Mo!“
„Hi, Matz!“, kam es von der Seite. So hatte auch ich einen neuen Spitznamen.
Von nun an waren wir unzertrennlich, eigentlich wie Brüder. Auch, weil er bei uns und ich bei ihm zuhause ein- und ausgingen. Wir verbrachten jede erdenkliche Minute zusammen, sodass kaum Platz für andere Freunde war; da wir uns eben genügten. Lediglich auf dem Bolzplatz gesellten wir uns zu den anderen und kamen öfter mit aufgeschrammten Knien, verdreckten Klamotten und völlig ausgepumpt nachhause.
Was wir alles anstellten (aus heutiger Sicht recht harmlos), hätte für acht Jungs gereicht.
Schon in der ersten Klasse hatte es Mo voll drauf. Unsere damalige Klassenlehrerin, Fräulein Maier (sie bestand darauf, Fräulein genannt zu werden!), war eine liebe, gerechte, aber strenge, dicke Frau, die uns mit wogendem Busen und Oberarmen wie Oberschenkel, durch unsere ersten beiden Schuljahre begleitete. Ihr graues, streng zurückgekämmtes Haar endete in einem mächtigen Dutt, aus dem ab und zu die zwei Spitzen verschiedener Haarnadeln hervorlugten, was Mo, wie hätte es auch anders sein können, zu einer frechen Bemerkung veranlasste: „Fräulein Maier! Ich glaube, Ihre Vogeljungen haben Hunger!“
Erstaunt fragte sie nach: „Moritz, wie kommst du bloß darauf? Und was für Vogeljunge?“
„Na, die, die ihre Schnäbelchen aus ihrem Vogelnest auf Ihrem Kopf strecken!“, prustete es unter dem brüllenden Gelächter der Klasse aus ihm heraus. Unsere Lehrerin tat, als ob sie richtig böse auf ihn war, und er musste zur Strafe ein Bild malen, mit einem Nest voller hungriger Vogeljungen. Dabei blitzten ihre Augen so liebevoll amüsiert, dass es im krassen Gegensatz zu ihren zornig zusammengezogenen Augenbrauen stand. Wir liebten sie!
Und da war noch die Sache mit dem dicken Marcel! Dem legte ich eine Stinkbombe unter das Tischbein. Da wir seine Gewohnheiten kannten, musste unser Plan aufgehen: Kurz nach Unterrichtsbeginn haute Marcel sich mit vollem Gewicht mit beiden Armen und Ellbogen auf seinen Pult, um seinen fetten Schädel in die feisten Hände fallen zu lassen. Als die Glasampulle knirschend zerbrach, machte Mo ein langgezogenes Furzgeräusch, um gleich darauf empört zu Marcel gewandt zu rufen: „Buh … ähhhh! Marcel, du Sau!!!“
Marcel saß mit hochrotem Kopf da und schüttelte abwehrend mit den Händen. Der „Duft“ hatte sich rasend schnell im Raum verteilt und alle Mitschüler machten Würgegeräusche.
„Das war mit Sicherheit nicht Marcel! Also? Wer hat die Stinkbombe platzen lassen?!“, schimpfte Herr Zehntner, unser Mathelehrer.
„Okay! Es meldet sich kein Schuldiger, dann müsst ihr halt alle die Strafe entgegennehmen. Ich gehe jetzt raus und ihr bleibt hier und rechnet die Aufgaben auf Seite 21, Aufgaben 1–6! Viel Spaß!“
Bevor er durch die Tür ging, drehte er sich noch einmal um: „Und wehe, jemand macht ein Fenster auf!!!“ Was danach abging, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.
Unsere gemeinsame Schulzeit trennte sich, als ich ins Gymnasium wechselte, während er die Hauptschule besuchte, obwohl es für ihn zumindest für die Realschule gereicht hätte. Er traute es sich einfach nicht zu, trotz meiner heftigen Interventionen.
Zumindest die unterrichtsfreien Stunden gehörten nur uns. Wir machten zusammen die Hausaufgaben, balgten uns oder streunten in der Landschaft herum.
Hatten Spaß im Freibad, wo wir mit Arschbomben die Mädchen am Beckenrand vollspritzten. Oder als wir zum ersten Mal vom Dreier sprangen, das heißt, Mo sprang, ich wurde von ihm, als er wieder das Sprungbrett erklommen hatte und nachdem schon einige andere Jungs mich aufforderten endlich zu springen, damit sie auch mal drankämen, hinterrücks nach vorne bugsiert und hinuntergeschubst. Nach unendlich langen Minuten platschte ich unsanft auf dem Wasser auf und verursachte eine riesige Fontäne. Ich schluckte mindestens zehn Liter chlorige Brühe und dachte lieber nicht darüber nach, was da so alles noch enthalten war. Hustend tauchte ich wieder auf und schwamm zum Beckenrand. Hoch über mir hörte ich ein dreckiges Lachen. Ich sah Mo und die anderen, wie sie sich krümmten. Beleidigt und wütend hievte ich mich heraus und sprach stundenlang kein Wort mehr mit Mo, der sich bemühte, die Sache herunterzuspielen. Was das Ganze aber nur verschlimmerte. Ich teilte weder mein mitgebrachtes Vesper noch das Eis, das ich am Kiosk erstand.
Im Winter fuhren wir mit dem Kandelbus zu unserer Lieblingspiste zum Skifahren oder fuhren Schlittschuh auf dem zugefrorenen Stadtrainsee, auf dem wir im Sommer sonst zum Bootfahren waren.
Dann kam unsere Gameboyzeit, wobei es von unseren Eltern aber nicht so gerne gesehen wurde, wenn wir stundenlang herumdaddelten. An den Wochenenden übernachteten wir abwechselnd beim anderen, was zu ziemlich unausgeschlafenen Nächten führte.
Sobald es das Gesetz und vor allem unsere Eltern erlaubten, gingen wir offiziell Party machen. Es war ja nicht so, dass wir nicht schon vorher heimlich nach Freiburg fuhren und uns in diversen Läden amüsierten. Unseren Eltern sagten wir, dass wir jeweils beim anderen übernachteten. Gott sei Dank hatte mein Zimmer einen direkten Zugang vom Treppenhaus aus, sodass wir unentdeckt hineinschleichen konnten. Als ich das meinen Eltern viel später einmal erzählte, war meine Mutter erschüttert und von meinem Vater kam ein anerkennendes Augenzwinkern, gepaart mit ein wenig Vaterstolz.
Aber zu jenem Zeitpunkt, als Mo mich um Hilfe bat, war unsere Sturm- und Drangzeit so gut wie vorüber. Wir waren ja auch ein paar Jahre älter geworden.
Ich befand mich nach zwei Semestern Biologie jetzt im dritten Semester Medizin.
Nach drei abgebrochenen Lehren arbeitete Mo in Emmendingen in einem Lager.
Wir hatten uns dennoch nicht aus den Augen verloren, auch wenn die gemeinsame Zeit durch Studium und Arbeit doch merklich eingeschränkt war. Außerdem wohnte ich in einer WG in Freiburg und kam meist nur am Wochenende und in den Semesterferien nach Waldkirch.
Als ich mich damals zum Studium anmeldete, beharrte meine Mutter darauf, dass ich unbedingt unsere Dachgeschosswohnung beziehen sollte. Das aus dem 19. Jahrhundert stammende und mehrfach sanierte Haus war schon lange in Familienbesitz. Im Erdgeschoss befand und befindet sich noch heute ein Ladengeschäft. Das erste und zweite Obergeschoss wurden von meinen Eltern bewohnt. Das Dachgeschoss war an ein junges Paar vermietet.
Nach langem Zureden, auch durch meinen Vater, konnten wir sie überzeugen, dass ich mir in Freiburg ein Zimmer in Freiburg nehmen würde. Eventuell in einer WG, wozu es schlussendlich auch kam. Sie entließ mich dann doch in die Selbstständigkeit. Ausschlaggebend war, dass ich ihr versprach mein „Jugendzimmer“ zu behalten, damit ich auch mal zuhause übernachten konnte.
Mo saß auf seiner anthrazitfarbenen „echten Wildledercouch“, die in Wirklichkeit lediglich mit Alcantara bezogen war, was ich ihm aber nie sagte. Er war so stolz darauf, weil er sie selbst ausgesucht und gekauft hatte. Die Füße lagerten in fadenscheinigen Socken auf dem wohl hässlichsten Anfang-siebziger-Jahre-Couchtisch, den ich je gesehen habe.
Auch da hielt ich mich zurück, denn es war ein Erbstück seiner verstorbenen Großmutter, die liebevoll von allen nur Ömchen genannt wurde. Infolgedessen hieß nun der Horrortisch Ömchentisch. Aber die skandinavische Designerlampe war grandios! Sie war ein Original und ein kleines Vermögen wert. Mo konnte sie nicht leiden, deshalb versuchte ich sie ihm abzuschwatzen. Ohne Erfolg!
Seine Erbtante Maria, die Schwester seiner Mutter, hatte sie ihm zum Einzug geschenkt und er wollte sie nicht vergrätzen, wenn er die Lampe nicht aufgehängt hätte. Sie war Witwe und hatte keine Kinder. Deshalb besuchte sie Mo manchmal zu Kaffee und Kuchen, Letzteren natürlich selbstgebacken. In der Regel waren es Streuselkuchen mit jahreszeitlichem Obst. Die liebte Mo wie nichts sonst.
Ansonsten stammten die wenigen Restmöbel von IKEA. Mit ihnen erlebten wir einige lustige Aufbaunachmittage, da Mo alles intuitiv aufbauen wollte, während ich strikt nach Plan vorgehen wollte. Erst als auch noch der zweite Billy in sich zusammenfiel, kam Mo zur Vernunft. Nicht zuletzt gaben ein paar Fläschchen Bier das Ihrige, um dem Ganzen etwas Fröhliches abzugewinnen. Zu Lachen gab es reichlich. Für Mo natürlich mal wieder mehr, da ich mir das eine oder andere Mal den Hammer auf einen Finger klopfte. Ich jaulte vor Schmerz und Mo vor Schadenfreude. Aber stets kam er dann mit einem Eiswürfel angerannt und kühlte meinen lädierten Finger.
Manchmal pustete er danach darauf wie bei einem kleinen Kind. Ich genoss es und stöhnte ein wenig mehr als notwendig, damit Mos Fürsorge hinausgezögert wurde.
„Und wobei soll ich dir denn nun helfen? Hast du wieder etwas zum Zusammenschrauben?“, fragte ich Mo mit leicht jammervollem Unterton.
„Nööö! S’geht um was ganz anderes. Du weißt doch, dass ich im Betrieb etwas Probleme mit meinem Chef, dem Arschloch Wenke, habe!“, murrte er.
Na klar wusste ich Bescheid. Dieser Vollpfosten musste ein ziemlich pedantischer, unberechenbarer und cholerischer Schleifer sein.
„Also, der nervt nicht nur bei der Arbeit. Nix ist ihm recht und außerdem sind wir in seinen Augen nur nichtsnutzige Faulpelze, die nicht mal ein Loch in den Schnee pinkeln könnten! Aber damit nicht genug: Wenn einer von uns Jungen auf die Toiletten geht, steht der Alte kurz darauf nebenan am Pissoir und lugt uns, vermute ich, auf unser Teil! Das perverse Schwein!“, schimpfte Mo empört.
„Warum geht ihr nicht in eine Kabine?“, wunderte ich mich.
„Na, die ist doch seit vielen Wochen abgesperrt, weil die Verstopfung einfach nicht zu reparieren sei. Und die andere hat keine Türe mehr. Angeblich Vandalismus. Und im Freien pinkeln? Strikt verboten! Zuwiderhandlung führt zur fristlosen Kündigung. Sagt Wenke!“
„Klingt gar nicht so doll!“
„Isses auch nicht und nervt gewaltig!“, bestätigte Mo.
„Und wie soll ich da helfen? Etwa ’ne neue Tür einbauen oder Wache schieben?“, entgegnete ich.
„Quatsch! Du sollst nur herausfinden, ob wir uns täuschen oder diese Drecksau wirklich schwul ist. Du kennst dich doch mit so was aus, oder?“, erklärte er mir mit hochgezogenen Augenbrauen.
Er spielte darauf an, dass ich mich mit sechzehn bei ihm outete.
Ich merkte, dass Mo mich mehr als nur als Kumpel interessierte. Im Gegenteil: Er reizte mich enorm. Wenn ich ihn sah, an ihn dachte oder gar absichtlich unabsichtlich berührte, brannte es in mir. Ich war regelrecht verknallt in meinen besten Freund. Wenn ich nachts von ihm träumte, erwachte ich erigiert. Ich fürchtete mich davor, dass mir dasselbe bei unseren gemeinsamen Übernachtungen passieren könnte, was dann auch der Fall war. Mo hatte glücklicherweise einen festen Schlaf und merkte nichts. Es gelang mir, meinen Zustand gut zu verbergen.
Ich rang monatelang mit mir, um ihm zu gestehen, wie es um mich stand. An einem besonders schönen Abend in meinem Zimmer, wir hörten gerade Musik, beschloss ich, es Mo zu sagen. Zuerst druckste ich herum:
„Weißt du Mo, ich muss dir etwas sagen, was man seinem besten Freund nicht sagen möchte. Äh … weil er damit zu tun hat … äh … und weil er vielleicht schockiert sein könnte.“
„Ey, Alter! Was’n los?! Red’ schon! Oder was soll die Scheiße!“, insistierte Mo.
„Jaaaa … also … die Sache ist die … also, ich meine …“, stammelte ich.
„Stotter nich’ rum, lass es endlich aus!!!“, ärgerte er sich.
„Okay! Gut! Also … Du weißt, wir sind die dicksten Freunde, die es gibt. Die immer zueinander gehalten haben.“
„Okeeei!?“, benutzte Mo das Modewort mit dem Unterton, „verstehe, aber noch nicht ganz, rede mal weiter, bis hierher habe ich es registriert!“
„Äh … und wir stehen uns ziemlich nahe.“
„Okeeei!?“
„Mmh … aber unterschiedlich nahe, wenn du verstehst!“
„Nööö!?“
„Puh, ist das schwer! Also ich bin dir näher, als dir vielleicht lieb ist!!!“
„Okeeei!?“
Ich schluckte und atmete tief durch.
„Ich bin hochgradig verknallt in dich!“, gestand ich nun erleichtert, aber angespannt.
„Okay! Du verarschst mich jetzt. Aber wie! Ich dachte schon … du hast das so toll rübergebracht. Ich wäre glatt darauf hereingefallen!“, feixte er.
Mit nun tränenerstickter Stimme gab ich ihm aber zu verstehen:
„Das ist todernst gemeint! Du glaubst doch nicht, dass ich mit so was rumspinne! Verdammt noch mal: ICH … LIEBE … DICH!!!“, schrie ich verzweifelt, bevor ich in mir zusammensackte.
Nach kurzem Überlegen löste er meine Anspannung: „Bleiben wir trotzdem Freunde, wenn ich nicht so empfinde wie du?“
Ich war so erleichtert, alles offenbart und endlich mit ihm geredet zu haben, dass ich ihn im Überschwang umarmte und einen dicken Kuss auf seine Wange schmatzte. Er löste sich aus der Umarmung und wischte sich die Wange mit seinem legendären schlabberigen Sweatshirt trocken.
„Hehehe! Nicht so stürmisch! War das jetzt kumpelig oder schwul?!“
„Nur erleichtert! Boah, hatte ich einen Bammel. Ich dachte, du würdest mich zu Boden schlagen und fluchtartig das Zimmer verlassen.“
„Spinnst du jetzt komplett?! Wir sind doch Brüder, die besten Freunde! Und solange du nicht verlangst, dass ich dir einen … du weißt schon, wird’s auch so bleiben!“, versicherte er mir. „Aber dass du deinem besten Freund dein Geheimnis so lange nicht offenbart hast, nehm’ ich dir durchaus übel. Schließlich haben wir uns alles erzählt, auch die intimsten Details!“
Vor Erleichterung hätte ich ihn beinahe nochmals umarmt, konnte mich aber gerade noch bremsen.
„Und wie soll das Ganze vonstattengehen?“, hakte ich nach.
„Na ganz einfach: Du musst ihn anbaggern und dann schau’n, wie er reagiert!“, gab er mir in fast betulichem Ton zu verstehen.
„Mal von allem abgesehen: Wie soll das funktionieren? Ich kann ihn doch nicht wie ein Stricher fragen: ‚Na, Süßer wie wär’s mit uns beiden?!“, gab ich zu bedenken.
Mo setzte sein Unschuldsgesicht auf, fuhr sich mit der Rechten durch seine dunkle Lockenmähne und gurrte: „Du bist doch das Brain! Ich bin nur das dumme Landei, das von seinem allerallerbesten Freund ein wenig Beistand möchte … ich bin dann auch ganz lieb zu dir!“
„Verarschen kann ich mich selber, Dumpfbacke! Aber ich werde mir was überlegen“, gab ich beleidigt zurück.
Mo überraschte mich mit einem feuchten Schmatzer auf die Stirn und knuffte mich in die Seite.
„Bäh … Igitt!“, schüttelte ich mich gespielt angeekelt.
Mo kringelte sich kichernd auf der Couch. Im Laufe der Zeit hatte er seine anfänglichen Berührungsängste verloren und schlief inzwischen auch unbefangen wieder mit mir in einem Bett. Anfangs lag er noch die ganze Nacht wach. Aber nach einer kurzen Gewöhnungsphase, als er merkte, dass ich ihm nicht an die Wäsche ging, befand er es für richtig, dass seine Sorgen überhaupt nicht nötig waren.
Zwei Tage später stand mein Plan, der mir genial und für mich unverfänglich schien. Ich sagte Mo noch nichts und fragte nur, wann denn die beste Uhrzeit wäre, um Wenke alleine zu treffen. Mo meinte, dass dies vormittags zwischen zehn und elf am besten sei. Er war schon superneugierig, wie und wann alles stattfinden sollte. Ich beruhigte ihn, sagte ihm, dass es besser sei, so wenig wie möglich zu wissen und dass er schon noch mitbekommen werde, was los ist.
Am Vormittag des nächsten Tages fand dann „Aktion Wenke“ statt.
Nachdem ich mich von Mo ortskundig machen ließ, betrat ich, mit meinem Aufreißeroutfit, die Eingangshalle von Mos Firma.
Sie war modern gestaltet, mit viel Glas und Stahl. Links befand sich eine halbrunde Empfangstheke, rotlackiert mit einer Marmorplatte belegt. Einige Prospektständer und eine Bonbonniere standen darauf herum. Eine Treppe schlang sich um den Aufzugschacht nach oben. Der Tresen war Gott sei Dank nicht besetzt. So konnte ich in aller Ruhe nach rechts durch eine Flügeltüre hindurch zu dem hinteren Trakt gehen. Nirgendwo waren Menschen zu sehen. Mo hatte recht: Die waren alle beim Frühstück!
Es war nicht schwierig zum Lager zu gelangen. Auch das Büro der Lagerverwaltung hatte ich schnell gefunden. Ich wollte erst im Flur herumlungern, aber wie es der Zufall so wollte, kam ein Mann in einem offenen, kittgrauen Arbeitsmantel aus dem Büro. Sorgfältig schloss er die Türe ab, bevor er sich zu mir umwandte. Jetzt erst hatte er mich entdeckt. Nach Mos Beschreibung musste es Wenke sein: klein, untersetzt, etwas linkisch in der Bewegung, mit zum Kittel passendem lichten Haar, das kunstvoll über die weit zurückgerutschten Geheimratsecken drapiert war. Seine Gesichtshaut hatte etwas kindhaft Glattes, wie so mancher verklärte Bischof.
Er grüßte überraschend freundlich und fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ach ja, vielleicht. Ich war eben bei der Geschäftsleitung wegen eines Vorstellungsgespräches und wollte gerade gehen. Aber ich muss auf die Toilette und habe mich wohl verlaufen.“
„Das trifft sich gut! Ich wollte auch gerade dahin, kommen Sie einfach mit“, sabberte Wenke. Mir war jetzt schon klar, was Sache ist, aber ich wollte das Spielchen dennoch auf die Spitze treiben.
„Vielen Dank!“, sagte ich fast übertrieben höflich.
Gerhard Wenke, Lagerverwalter, wie aus seinem Namensschild ersichtlich war, scharwenzelte mit wiegendem Gang vor mir her, leise ein Lied vor sich hin pfeifend.
…

