Cover: Mit Pfoten im Gepäck

Mit Pfoten im Gepäck
Elvira entdeckt das Leben neu – mit zwei Katzen, einem Fahrrad und ohne Plan


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 442
ISBN: 978-3-7116-1608-1
Erscheinungsdatum: 05.05.2026
Wer würde nicht gern einfach einmal alles hinter sich lassen – Arbeit, Wohnung, die eigene Stadt – und mit seinen Haustieren ins Ungewisse aufbrechen? Wagen Sie die Reise mit der Büroangestellten Elvira und lassen Sie sich überraschen.
Kapitel 1

Der frühe Morgen war eine Mischung aus Postkartenidylle und verschlafener Tragikomödie: Durch die geblümten Vorhänge schlüpfte das Licht wie ein freundlicher, aber viel zu aufdringlicher Besucher, der keine Ahnung davon hatte, wie unpassend sein Timing war. Draußen veranstalteten die Vögel ein fröhliches, beinahe übermotiviertes Konzert. Die Luft war so mild, dass sie zum Nichtstun einlud – eine Einladung, die Elvira nur zu gerne angenommen hätte.
Auf dem Sofa lag sie, eine Königin wider Willen inmitten einer kleinen, katzenumsäumten Festung, unversehens eingeschlummert bei der nächtlichen Lektüre. Hotzenplotz, der Herrscher mit Schnurrbart, hatte es sich an ihrem rechten Bein bequem gemacht und tat so, als sei jeder Versuch, ihn zu stören, ein Angriff auf die Weltordnung. Finchen dagegen lag wie ein kleiner, flauschiger Wärmflaschenersatz an ihrem anderen Bein und schnurrte, als gäbe es dafür Punkte in einer geheimen Meisterschaft. Alles war so friedlich, dass es fast unmoralisch anstrengend schien, überhaupt einen Gedanken ans Aufstehen zu verschwenden.
Doch der Alltag kennt kein Pardon. Elvira seufzte, drehte sich und besiegelte damit das Schicksal eines weichen Samtkissens, das mit einem empörten Plopp auf den Boden segelte. Es klang fast beleidigt, als wollte es sagen: „Warum ich? Ich hab’ doch nichts getan!“
Hotzenplotz, halb wach, halb vorwurfvoll, streckte die Pfoten nach Elvira aus, als wollte er sie scherzhaft zurück ins Reich der Kissen ziehen. Seine schilffarbenen Augen blitzten dabei mit einem Anflug von Verschwörung: „Bleib liegen. Frühstück ist überbewertet. Die Welt kann warten.“
Und für einen kurzen Moment glaubte Elvira ihm. Vielleicht hatte der Kater ja recht. Vielleicht war es tatsächlich unsinnig, diese stille, sonnendurchflutete Oase zu verlassen – nur weil irgendwo da draußen eine Uhr schrillte, die von Gemütlichkeit noch nie etwas gehört hatte.
Elvira blieb liegen wie ein Fels in der Brandung, eingekuschelt in die wohltuende Wärme ihrer Decke, während draußen die Sonne immer aufdringlicher um Aufmerksamkeit bettelte. Es fühlte sich an wie ein geheimer Pakt zwischen ihr und den Katzen: Die Welt wartete gefälligst – und wenn nicht, war das eben Pech.
Doch kaum hatte sie den Triumph des Liegenbleibens ausgekostet, zerriss eine vertraute Melodie die Idylle. „House of the Rising Sun“. Laut, schneidend, unerbittlich. Elvira starrte an die Decke, als habe der Himmel persönlich beschlossen, sie zu verhöhnen. Das Lied kroch aus dem Schlafzimmer wie ein musikalischer Folterknecht, der allzu genau wusste, dass er ihr die letzten Falten der Gemütlichkeit glattbügeln würde.
Mit einem gequälten Seufzer stemmte sie sich vom Sofa hoch. Ein weiteres Kissen purzelte noch trotzig vom Sofa, während Hotzenplotz ihr einen Blick zuwarf, der deutlich sagte: „Du Närrin. Du brichst den Pakt.“ Finchen hingegen öffnete nur träge ein Auge, als müsse sie feststellen, dass ihr Hausmensch eindeutig die falschen Prioritäten setzte.
Elvira schlurfte ins Schlafzimmer, eine Märtyrerin der Morgenstunde. Das Handy auf dem Nachttisch spielte unbeeindruckt weiter, als sei es der Dirigent eines persönlichen Krisenkonzerts. Mit einem gemurmelten Fluch, der irgendwo zwischen „Nie wieder Fanni!“ und „Ich brauche eine Axt!“ schwankte, griff sie nach dem Apparat.
Es war ja nicht ihr Fehler. Fanni hatte mit Engelsgeduld – und einem missglückten Humor – diese Melodie als Weckton eingestellt.
„Klassiker helfen beim Aufstehen“, hatte sie gesagt. Blödsinn. Klassiker halfen höchstens beim Erinnern, dass Freunde mitunter eine sadistische Ader haben. Und Elvira wusste schon beim ersten schrillen Akkord, dass sie absolut keine Ahnung hatte, wie man die Einstellung wieder ändern konnte.
Das Handy verstummte schließlich unter ihrem Griff, beleidigt, als hätte man ihm die große Bühnenkarriere vermasselt. Stille. Doch Elvira wusste – das war nur eine Atempause. Morgen würde das Lied wieder sein grinsendes Haupt erheben und sie zur selben Tortur begleiten.
Um jeglichem Katzenprotest zuvorzukommen – und um die morgendliche Weltordnung nicht bereits um sieben Uhr in Schutt und Asche zu legen – begab sich Elvira in die Küche, bewaffnet mit einer Konsequenz, die sie sonst nur vom Steuererklärungstag kannte. Sie füllte gewissenhaft den plätschernden Katzenbrunnen auf, damit niemand auf die Idee kam, das Trinkangebot ihrer Wassergläser zu bevorzugen. Dazu gesellten sich kunstvoll arrangierte Schälchen: eines mit saftigem Feuchtfutter, das schon bei der kleinsten Gabelbewegung streng nach Fleisch und Fisch roch, ein anderes mit Trockenfutter in Form kleiner Dreiecke. Sogar an die morgendlichen Extras hatte sie gedacht: Leckerlis für die Diva Finchen – schließlich war Madame ein wenig anfälliger für Stimmungsschwankungen – und Katzenmilch für Hotzenplotz, der stets tat, als stünde ihm eine eigene Speisekarte samt Kerzenschein zu.
Im Bad drehte Elvira das Radio auf. Nicht, weil sie Freude an der überdrehten Morgenmoderation hatte, sondern weil sie wusste: Jeder gedankenschwache Moment in Stille würde damit enden, dass sie wieder unter ihre Decke kroch. Finchen trottete gemächlich hinterher, ließ sich anschließend mit graziöser Drama-Queen-Attitüde plumps auf die Badematte fallen, gähnte in aller Breite und streckte den Bauch nach oben, als handle es sich hier um einen Wellness-Club mit Vollpension. Mit einem melodischen Gurren forderte sie die obligaten Streicheleinheiten ein.
Elvira tat ihr den Gefallen. Minutenlang strich sie durch das seidige Fell, während Finchen in glückseliger Ekstase vibrierte wie ein schnurrender Heizstrahler. Danach widmete Elvira sich dem weniger glamourösen Teil des Morgens: Katzenklo säubern, Streu vom Boden zusammenfegen – ein Job, der mehr Zirkusartistik erforderte, als man glaubt, wenn die Katze derweil versuchte, mit einem angefangenen Purzelbaum die Frische des gerade geputzten Einsatzes sofort wieder infrage zu stellen.
Dann war es Zeit für den finalen Schritt in Richtung Tatkraft: die Dusche. Elvira stellte die Handbrause auf „Regenwald-Modus“. Die Wassermenge war dabei ungefähr so ökologisch sinnvoll wie ein SUV für einen Ein-Personen-Haushalt, aber das war jetzt egal. Warmes, üppiges Wasser prasselte auf sie herab, so dicht, dass es sich tatsächlich anfühlte wie ein sommerlicher Tropenregen. Sie schloss die Augen, spannte Schultern und Nacken, ließ die Wärme in jede verschlafene Muskelfaser sickern und vergaß kurz, dass sie eigentlich mitten in einer Berliner Mietwohnung und nicht in einem balinesischen Spa stand.
Doch sie wäre nicht Elvira, hätte sie nicht zugleich an ganz Alltagspraktisches gedacht: Noch tropfnass griff sie nach dem altbewährten Plastikschaber und strich gewissenhaft die Duschwände trocken, als hinge die Rückgabe ihrer gesamten Lebenswürde von der Mietkaution ab. Und vielleicht tat sie das sogar mit einem winzigen Schmunzeln. Denn, so absurd der Morgen auch war – zumindest war die Welt jetzt frisch geputzt, tierseits wohlgenährt und angenehm warm.
Beim Anziehen hatte Elvira das Gefühl, in einer kleinen, privaten Morgen-Show aufzutreten. Noch halb im Durcheinander zwischen Sockenbergen und Kleiderstapeln rief sie: „Alexa, wie wird das Wetter?“ Die nüchterne Computerstimme meldete zurück, dass es in Berlin keinen Regen geben würde – eine Information, die Elvira triumphierend aufnahm, als habe sie soeben die Schlacht gegen die Elemente gewonnen. Perfekt für die Fahrradtour ins Büro! Nichts hasste sie mehr, als mitten im Radeln so durchnässt zu werden, dass selbst die Socken ein eigenständiges Klima bildeten.
Auf ihrem Handy jedoch verlief die Wetterlage gewissermaßen international. Elvira hatte ihre App nämlich nie auf Berlin eingestellt. Warum auch? Das Berliner Grau war ohnehin vorhersehbar. Stattdessen gönnte sie sich exotische Prognosen, die ihr wie kleine Postkarten aus Parallelwelten vorkamen. Weihnachten hatte sie zum Beispiel Schweden ausgewählt – mit dem beruhigenden Wissen, dass dort Schnee quasi Garantie war. Momentan aber las sie die Wetterausblicke aus Kroatien, wo die Sonne gefühlt nie Feierabend machte. Ab und an wechselte sie die Orte, je nach Sehnsucht. Indien war manchmal spannend, bis die Regenzeit einsetzte. Und die Sache mit Marokko hatte sie flott beendet, spätestens nachdem die App konsequent Sandstürme vermeldete.
Bevor sie sich endgültig entschied, ob es nun das luftige Oberteil oder doch die langärmelige Bluse werden sollte, gönnte sie sich noch das morgendliche Pflichtprogramm: zwei Witze von „Alexa“. Die Auswahl war stets erstaunlich brav – keine Bärbeißigkeit, keine Tabus, nur makellose Kindergeburtstags-Pointen. Elvira fand das herrlich. Tiefgang war um diese Uhrzeit ein Luxus, den sie weder fordern noch verkraften konnte. Also kicherte sie widerstandslos über Schenkelklatscher aus der digitalen Konservendose.
Und während sie so lachte und die Katzen sie mit diesem unverwechselbaren Gesichtsausdruck ansahen, der irgendwo zwischen „Siehst du Gespenster?“ und „Hast du den Verstand endgültig verloren?“ lag, kam ihr der Gedanke: Vielleicht war das heimliche Erfolgsrezept dieser Sprachassistentin genau das – die Fähigkeit, einen stinknormalen Morgen in eine Abfolge kleiner, harmloser Absurditäten zu verwandeln.
In der Küche war Elvira gleichzeitig Köchin, Proviantmeisterin und strenge Diätberaterin ihrer selbst. Der Wasserkocher zischte, während sie hastig einen Tee aufbrühte, den sie zwischen Tür und Kühlschrank schluckweise trank. In einer Brotdose landete eine kleine Mahlzeit fürs Büro – liebevoll zurechtgelegt, ganz so, als würde sie sie jemand anderem servieren. Aber wehe, ihr Blick streifte nur kurz den Teller mit dem restlichen Kuchen vom Vortag! Da wurde der noble Gedanke gesunder Ernährung schwupps auf die Probe gestellt. Schließlich war sie nicht nur Mensch, sondern auch eine erklärte Naschkatze. Ein Stück Kuchen für „nachmittags“ – man brauchte es ja nur zu nennen – und schon wanderte das Backwerk in die Tasche wie ein Spion, der später im Büro überraschend zuschlagen würde.
Dann ging Elvira in die Hocke und sammelte ein paar kleine Bällchen aus Alufolie, die sich überall wie stumme Schätze häuslicher Improvisation stapelten. Hotzenplotz’ Augen weiteten sich begierig. Kaum wirbelte das erste Kügelchen durch die Luft, jagte er hinterher wie ein gepanzerter Blitz auf vier Samtpfoten. Seine Schwanzspitze zuckte im Gleichklang mit seiner übersprudelnden Freude, ein unscheinbares Alubällchen zu seinem Lebensziel zu erklären.
Allerdings war es noch früh. Apportieren, die hohe Kunst des Zurückbringens, überstieg seine morgendliche Energieverwaltung bei Weitem. Die Bälle heckten ihre eigenen Abenteuer in den Winkeln aus – und Hotzenplotz hinterließ dafür ein Trommelfeuer an zufriedenem Schnurren, das wie ein kleines Motorengeräusch durch die ganze Wohnung vibrierte.
Elvira lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, lächelte und strich ihm über den Rücken, als er triumphierend von seiner Jagd zurückkehrte – ohne Ball, aber mit dem Stolz eines Siegers. Und sie dachte bei sich, dass es im Grunde unbezahlbar war, so einen wuscheligen, lebhaften Begleiter zu haben, der selbst das banale Packen einer Lunchbox in eine Freudenaufführung verwandelte.
Schließlich fiel die Tür der Wohnung mit einem satten Klick ins Schloss, und Elvira trat hinaus in den Morgen, der schon beinahe zu hell und zu emsig wirkte, um ihrem schläfrigen inneren Tempo gerecht zu werden. Da stand es schon vor der Haustür: ihr Hollandrad, ihr „Schweinchen“. Der Name war liebevoll-irritierend, denn das Gefährt sah tatsächlich so aus, als habe es jüngst ein Schlammbad hinter sich – dreckig, aber eben unverwüstlich, treu und fahrtüchtig. Ein bisschen quietschend, ein bisschen ächzend, aber zuverlässig wie ein alter Freund, der zwar ständig schimpft, aber immer da ist, wenn man ihn braucht.
Elvira beugte sich hinunter, öffnete das Schloss mit dem Ernst einer Tresorknackerin und verstaute ihre Habseligkeiten in den seitlichen Packtaschen. Diese hatten ihre besten Tage deutlich hinter sich: die Nähte leicht zerfleddert, die Farbe verblichen, ein bisschen wie müde Lederarmaturen eines Autos, das zu viele Campingurlauber ertragen musste. Aber sie hielten – irgendwie. Mit einem kleinen Hüftschwung schwang Elvira sich auf den Sattel und trat ihren urbanen Morgenritt an.
Eigentlich hatte sie gehofft, den Fahrtweg mit einem spannenden Audiobook zu verzaubern, in dem Menschen Geheimnissen nachspüren, Welten retten oder mystische Rätsel lösen. Doch ihr Audible-Abo war gnadenlos: ein Buch im Monat, und das war längst aufgebraucht. Wie verhext – immer genau dann, wenn der Hunger nach literarischem Nervenkitzel besonders groß war, zeigte das Konto den Mittelfinger.
Also wischte sie durch ihr Handy-Menü, während sie den Lenker zwischen den Knien balancierte. Podcasts! Immerhin gab es die in Hülle und Fülle. Bloß – welche? „Geschichten aus der Geschichte“? Sehr spannend, aber viel zu gehaltvoll für die kurze Strecke ins Büro; das fühlte sich an, als würde man eine epische Doku im Schnellvorlauf sehen. „Schauergeschichten“? Kannte sie schon. Und außerdem wollte sie lieber nicht gleich am Morgen das Gefühl bekommen, es könne jederzeit jemand mit einer Axt hinter einem Altbau hervorlugen.
Ihre Wahl fiel schließlich auf „Weird Crimes“. Ein guter Mittelweg: bizarr genug, um die Gedanken an das ungeduldige Büro mit seiner Druckerpapier-Tristesse zu verdrängen, aber auch nicht so düster, dass sie an der nächsten roten Ampel misstrauisch nach links und rechts spähen musste. Während sie also kräftig in die Pedale trat, rumpelte Schweinchen über die Schlaglöcher hinweg, und Elvira ließ sich von schaurig-schrägen Verbrechen berieseln, als seien sie das passende Soundtrack-Gewürz zu einem Ritt in den Arbeitstag.
Elvira glitt mit „Schweinchen“ zunächst durch den Park, wo die Welt noch beinahe verträumt wirkte. Die Bäume neigten sich im Wind, als wollten sie höflich grüßen, und die Blätter wirbelten wie kleine, überschwängliche Tänzer über den Weg, die den Auftritt ihres Lebens probten, bevor sie von einem Wegrand in den nächsten fegten. Für einen Augenblick fühlte sich die Fahrt leicht, beinahe feierlich an, untermalt vom unerschütterlichen Knirschen ihres etwas angerosteten Fahrradketten-Repertoires.
Doch dann bog sie auf die Hauptverkehrsstraße ein, und die Idylle war wie weggeblasen. Willkommen im Dschungel der Großstadtlogistik: Autos, die in dreister Gleichgültigkeit quer auf dem Radweg parkten, als sei er lediglich eine besonders breite Fußmatte. Vor ihr schoben Mütter und Väter überdimensionierte Kinderanhänger, in denen die eigentlichen VIPs des Morgens thronend den Verkehr kontrollierten. Dahinter Elvira, wie eine geduldige Trabantin in der Umlaufbahn elterlicher Missionen.
Dann das genaue Gegenteil: eilige Rennradfahrer, gekleidet in hautengen Ganzkörperanzügen, als hätten sie sich für die Tour de France im Paralleluniversum vorbereitet. Sie rasten an ihr vorbei, so lautlos und effizient, dass Elvira unweigerlich an einen Insektenschwarm denken musste – nur mit sehr teuren Helmen. Ihre Beine traten so gnadenlos in die Pedale, dass man den Eindruck hatte, sie würden auch im Schlaf weiterradeln, ganz ohne Unterbrechung.
Der Radweg selbst war ein Wildwuchs aus menschlichen Überraschungen: Hier jemand, der in der Mitte einfach stehen blieb und seinen Schuh mit Detailverliebtheit band, dort eine Person, die sich in tiefer Konzentration auf das Warten des Busses spezialisiert hatte. Und dann gab es die ganz Wagemutigen, die den Radweg offenbar als Startrampe nutzten, um bei nächster Gelegenheit unvermittelt auf die Straße zu sprinten – das geopferte Überraschungsmoment stets im Gepäck.
Elvira wusste: Nur eine Strategie half hier. Sie schaltete den Kopf auf „Abstand-halten“-Modus. Ihr Blick wanderte automatisch ein Stück weiter voraus als üblich, die Hände krallten sich fester um den Lenker. Gleichzeitig füllte der Podcast in ihren Ohren ihre Gedanken mit schauerlich-amüsanten Details eines Mordfalls, sodass sie fast in einer Parallelwelt radelte: außen hupende, stolpernde, rennende Großstadt; innen ein Kriminalhörspiel, das spannender war als jeder Ampelwagenstau.
So glitt die Zeit unauffällig vorbei. Erst als sie an einem Rosenbeet vorbeifuhr, riss sie ein ungeahnter Duft aus der Trance. Zart, süß und beinahe surreal hob sich das Aroma der Blüten vom üblichen Cocktail ab, den sie sonst einatmete – Abgas, Staub, erhitztes Gummi. Elvira schmunzelte: ein winziger Luxusmoment mitten im Strampel-Alltag. Schmucklos, aber kostbar.
Und sie dachte: Wenn schon Mordgeschichten in den Ohren, dann wenigstens Rosen in der Nase – das machte die Balance des Lebens aus.
Vor ihr schaukelte eine ältere Dame auf ihrem Rad dahin – ein Bild aus Geduld und Trägheit. Jede Pedalbewegung wirkte bedächtig, als müsse sie erst einen Diplomabschluss im „Fuß-vor-Fuß“-Prinzip ablegen, bevor es weiterging. Das Fahrrad unter ihr schien sich leise zu fragen, wie es trotz dieser Geschwindigkeit noch in der Senkrechten blieb. Man hätte fast wetten können, dass ein kräftigerer Windstoß es zum Kippen gebracht hätte – und doch hielt sie sich, störrisch standhaft wie ein Stehaufmännchen auf zwei Reifen.
Elvira näherte sich mit einer Mischung aus Respekt und innerer Verzweiflung. Einerseits wollte sie nicht ungeduldig draufloshetzen und das Mütterchen erschrecken, andererseits drohte ihr eigenes „Schweinchen“ schon fast aus Langeweile einzuschlafen. Schließlich setzte sie zum Überholen an – vorsichtig, sanft, geradezu ritterlich – und rauschte dann gemächlich vorbei, den Windzug als höfliches „Grüß Gott“ hinterlassend.
Gerade noch dachte sie: Na also, geht doch!, da bremste der Alltag in Form einer roten Ampel jäh all ihre guten Vorsätze aus. Elvira hielt vernünftig an, der Fuß am Bordstein, ein Musterbeispiel an verkehrstauglichem Verhalten. Schweinchen quietschte einmal beleidigt, als sei es selbst nicht glücklich mit dem abrupten Stopp.
Und siehe da: Wer zog mit stoischer Ruhe an ihr vorbei? Richtig – die ältere Dame. Sie radelte unbeeindruckt über die Kreuzung hinweg, als sei die rote Ampel lediglich eine hübsche Beleuchtung. Kein Blick nach links, keiner nach rechts, kein Zögern. Einfach weiter. Elvira blieb zurück, die Kiefer leicht gespannt zwischen Empörung und Bewunderung.
Na super, dachte sie, da strampelt man wie eine Vernünftige, und Madame Moses fährt hier einfach durch die Ewigkeit, als sei sie von allen Verkehrsregeln befreit. Und am Ende kommt sie auch noch vor mir ans Ziel.
Und für einen schmunzelnden Moment erinnerte sie sich daran: Erfahrung schlägt Tempo. Manchmal reichte es eben, einfach stur durchzutreten.

Das Bürogebäude wirkte auf Elvira wie die architektonische Version eines eingeschlafenen Fußes: grau, kantig, von einer Sachlichkeit, die so aufregend war wie eine Kellerassel im Zoo. Nichts darin versprach Glanz oder Glamour, und doch war es der Ort, an dem sie den Großteil ihrer wachen Stunden verbringen würde.
Mit einem stoischen Seufzer bugsierte sie ihr „Schweinchen“ an den Fahrradständer. Eine Kunst für sich: möglichst so parken, dass es unauffällig und gleichzeitig uninteressant wirkte. Sie schob es zwischen ein blitzendes E-Bike – samt funkelndem Display, wahrscheinlich teurer als ihr Monatsgehalt – und ein fabrikfrisches Cityrad, das aussah, als hätte es höchstens Werbefotoshooting-Erfahrung. Dort stand nun ihr treues, ein wenig verdrecktes Hollandrad wie ein Schweinchen zwischen zwei Rassepferden. „Na, wenn einer klauen will, dann doch bitte nicht mich“, stellte sie sich vor, wie es trotzig murrte. Elvira grinste. „So doof kann kein Junkie sein.“
Mit der sportlichen Betätigung für den Tag wusste sie sich bereits im Reinen: Immerhin war sie geradelt. Punkt für die Gesundheit. Damit fiel jede Selbstverpflichtung zu weiteren Treppenstufen kategorisch aus. Der Aufzug war ihrer, und zwar ohne schlechtes Gewissen.
Die Türen glitten auf, und da stand auch schon Ibo, Kollege im besten Party-Modus. Ehe Elvira die Chance hatte, sich hinter einem knappen „Guten Morgen“ zu verschanzen, sprudelte er los. Sein jüngerer Bruder hatte Geburtstag gefeiert. Ibo erzählte es mit einer Begeisterung, als sei es die Oscarverleihung des Jahres gewesen. Geschenke hier, Kuchen dort, aufwändige Kulinarik in der Küche, lauter Onkel mit fragwürdigen Tanzeinlagen – Ibo malte die Szenen so farbenfroh aus, dass man sich förmlich mittendrin wähnte. Seine Energie war ansteckend, beinahe wie ein Espresso, der sich eigenmächtig zu Wort meldete.
Elvira beobachtete ihn fasziniert und musste sich zusammenreißen, nicht laut loszulachen über den Enthusiasmus, mit dem er sogar die Wahl der Papierservietten dramatisch untermalte. Sie fand ihn sympathisch, keine Frage – sein Elan war ein unverkennbares Gegengewicht zu der Kellerassel-Sachlichkeit des Gebäudes. Aber um diese Uhrzeit, mit einem erst halb wirksamen Tee im Magen, fühlte sie sich noch nicht bereit, tief in die soziokulturelle Bedeutung von Familienfeiern einzutauchen.
Also nickte sie freundlich, schmunzelte leise und ließ Ibo in seinem Erzählrausch weiterwirbeln, froh, dass es Menschen gab, die selbst einen sterilen Aufzug mit Leben füllen konnten.
5 Sterne
Eine unterhaltsame Lebensreise - 07.06.2026
Leseratte

Petra Leisters "Mit Pfoten im Gepäck" ist ein Roman, der von Anfang bis Ende fesselt und unterhält. Die Protagonistin, eine Frau im besten Alter, lässt ihr altes Leben mutig hinter sich und wagt mit zwei Katzen im Gepäck einen Neuanfang. Auf ihrer Reise stößt sie immer wieder auf Herausforderungen, für die sie oft unkonventionelle Lösungen findet.Elvira ist eine unerschütterlich optimistische Lebenskünstlerin, mit der man sich sofort identifizieren kann. Leisters fantasievoller Stil und die lebendige Sprache sind ein Genuss und tragen maßgeblich zur besonderen Atmosphäre des Buches bei.Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen. Es inspiriert und eröffnet neue Perspektiven. Ich würde es uneingeschränkt jedem empfehlen, der eine unterhaltsame Geschichte über Mut und Neuanfänge sucht.

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