Cover: Mein Leben im Schatten meiner Selbst

Mein Leben im Schatten meiner Selbst


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-7116-0495-8
Erscheinungsdatum: 11.09.2025
An der renommierten Mason Academy will Liana endlich neu anfangen. Die dunklen Schatten ihrer Vergangenheit kommen jedoch immer näher und schon bald kann sie nicht mehr verstecken, wer sie wirklich ist.
Prolog


Ich höre einen Schrei. Oh, lieber Gott, wenn du existierst, dann sei jetzt bitte an meiner Seite. Dieser Schmerz. Meine Nerven pochen, meine Zellen schreien. Was ist das? Ist das echt? Bin ich tot? Ein eisiger Geschmack lässt sich auf meiner Zunge nieder. Ich tippe mal auf Blut.
„Liana!“ Was ist passiert? Wieso liege ich hier? Wo liege ich überhaupt? Mir ist kalt … so schrecklich kalt. Aber die Heizung ist an, oder? Vielleicht bin ich gar nicht mehr zu Hause. Ich weiß, dass ich nach Hause gekommen bin und meine Familie begrüßt habe. Aber dann? Was ist dann passiert? Komm schon, Liana! Sei nicht so und versuch, dich zu erinnern.
„Liana!“ Gedämpfte Stimmen rufen nach mir, aber meine Augenlider sind so schwer, dass ich sie einfach nicht öffnen kann… Nachdem ich es geschafft habe, meine Lider halb zu öffnen, sehe ich etwas Licht. Ist es eine Lampe oder doch die Sonne? Ich weiß nicht mehr, wo vorne und hinten ist.
„Liana, hörst du mich?! Du musst wach bleiben!“ Wer ist das? Ist mir eigentlich egal. Mein Atem, der sich vorhin noch beschleunigt hatte, wird nun mit jedem Zug langsamer, schmerzhafter und stockender. Es fühlt sich so an, als wäre meine Seele nur noch mit einem losen Faden an meinen Körper gebunden. Ein Schnitt, und sie fliegt ohne meinen Körper weiter, in ein Reich, das niemandem bekannt ist. Jetzt wird mir heiß. Meine Augenlider sind so schwer, ich müsste sie nur schließen. Soll ich es tun? Aber was ist, wenn ich sie danach nie wieder öffnen werde? Würde es jemanden interessieren? Ja, es würde Noah interessieren. Ich muss wach bleiben! Für meinen kleinen, tollen und nervigen Stiefbruder Noah. Aber es fällt mir so schwer … Ich glaube, sie zu schließen, wäre einfacher … Ich sollte es tun. Nein, ich sollte es nicht tun! Auch wenn sich mein Verstand so gut es geht dagegen sträubt, bleibt mir die Kraft nicht, meine Augen offen zu halten.
„Lia …“ Ich höre Sirenen. Die Polizei? Oder vielleicht doch der Krankenwagen? Ich höre Handschellen und eine Frau sauer aufschreien. Plötzlich höre ich sie nicht mehr. Nein, ich höre gar nichts mehr. Mir ist schwarz vor Augen.




Kapitel 1
Liana


„Liana, kommst du?“ Ich höre meinen besten Freund Leo rufen.
„Komme!“ Mit diesen Worten setze ich mich auf meinen Koffer und nutze mein ganzes Körpergewicht, um ihn zusammenzuquetschen, um diesen alten Koffer schließen zu können. Vorfreude kommt in mir auf, denn ich kann es einfach nicht fassen. Erst vor zwei Monaten bekamen Leo und ich die Zusage von unserem Traumcollege per E-Mail. Der Mason Academy. Auch wenn wir immer davon träumten, vermisse ich nun Deutschland … Zwar spielt sich mein Leben schon lange in den USA ab, doch mein Vater lebte währenddessen immer in Deutschland. Das gab mir die Möglichkeit, in allen Ferien zu ihm zu kommen. Doch ich bin mir sicher, wenn er wüsste, dass ich nicht in Therapie war, hätte er mich zur Adoption freigegeben. Aber ich in einer Therapie? Beschissenste Lüge überhaupt, aber na ja, Samael besteht auf Diskretion und den ganzen Scheiß. Letztes Jahr sind wir endlich offiziell aus zwei Gründen nach Amerika gezogen. Erstens wegen meines Traumcolleges und zweitens, um neu anzufangen ‚wie Papa es sagt. Bisschen spät für einen Neuanfang, finde ich. Ich meine, das mit Noah und meiner Stiefmutter ist jetzt wie viele Jahre her? Neun? Wow, neun Jahre sind vergangen und es fühlt sich an, als wäre es erst gestern gewesen. In Deutschland haben mir alle immer gesagt, ich solle es hinter mir lassen und vergessen. Ich würde es ja gern vergessen, nur erinnert mich diese riesige Narbe an der linken Seite meines Bauches noch genau an den Schmerz. Na gut, so groß ist sie jetzt auch nicht, aber selbst diese sechs Zentimeter erinnern mich an den Unfall. Unfall. Ich nenne es so, obwohl es reine Absicht war. Seit neun Jahren schlafe ich unruhig, vertraue niemandem außer Onkel Elias und Papa und habe mich von der Außenwelt abgegrenzt. Seit neun Jahren fühle ich mich schuldig und seit neun Jahren kreisen meine Gedanken nur noch um diese Kollision. Trotzdem bin ich das perfekte Beispiel für extrovertiert. Wenn man meint, mich zum Schweigen bringen zu wollen, könnte das etwas schwer werden. Außerdem liebe ich es, mich unter Leute zu mischen, außer es geht um irgendwelche kindischen Partys. Leo ist das komplette Gegenteil von mir. Obwohl er immer bei mir bleibt und Filmabende mit mir macht, weiß ich, dass er lieber ausgehen, feiern, Partys schmeißen würde, halt alles, was man so mit neunzehn macht oder machen sollte. Es ist ja nicht so, als würde ich Partys nicht mögen. Aber das sind keine Partys, sondern Treffen kindischer Idioten, die sich Wodka in den Hals kippen, nur um Mami und Papi eins auszuwischen. Zusammengefasst, es ist LANGWEILIG. Leo ist immer leise, wenn ihn etwas stört. Mister Überkorrekt hasst nämlich Konflikte. Trotzdem bin ich mehr als glücklich, dass Leo und seine Eltern ein paar Monate nach dem Umzug von mir und meinem Papa beschlossen haben, auch zu uns nach Amerika auszuwandern. Seine Eltern waren vor allem nach dem Unfall eine riesige Stütze für mich. Ich schüttele meinen Kopf, um die Schauer loszuwerden, die über mich gekommen sind. Egal, du freust dich auf jeden Fall auf die Academy, Liana. Die Masons sind bis heute noch eine ganz bekannte Familie,schließlich ist sie immer noch eine der reichsten der Welt. Sie waren auch sprachlich sehr begabt und reisten immer viel. Sie wollten das Wissen ihrer Reisen und die Erfahrungen, die sie in den verschiedensten Religionen und Stämmen gesammelt hatten, unbedingt mit der Welt teilen, weshalb sie 1964 die Mason Academy gründeten. Die Schule wird immer noch von den Masons gezahlt, aber die Direktorin ist aus einer anderen Familie. Ich glaube, sie heißt Direktorin Jones oder so. Der letzte der Mason-Reihe, also der milliardenschwere Erbe, hat keinen so guten Ruf. Er soll brutal und einschüchternd sein. Aber welcher Mason ist das schon?
„Liana! Digga, beeil dich! Wir verpassen unseren Bus!“ Es kommt eine große Person mit schwarzen Locken in mein Zimmer. Leo halt. Ich grinse. Er trägt heute eine Jeans und als Oberteil ein für ihn untypisches weißes Hemd. Leo macht einen großen Schritt zu mir und nimmt eine meiner zwei Taschen.
„Ja, chill doch mal.“ Das Wissen, meinen Vater schon wieder verlassen zu müssen, obwohl ich ihn gerade mal ein Jahr wieder an meiner Seite habe, lässt mich genervt reagieren. Das College ist fünf Stunden entfernt, also werde ich wahrscheinlich nur in den Ferien kommen. Ich nehme mein restliches Gepäck, also eine Tasche und einen Koffer, und laufe zu meiner Zimmertür. Bevor ich sie schließe, drehe ich mich noch einmal um, um zu überprüfen, ob ich wirklich nichts vergessen habe. Wieder ein leeres Zimmer, eigentlich sollte ich daran gewöhnt sein, doch das bin ich nicht. Das ist ungewohnt und auch irgendwie komisch. Ich laufe in unserer kleinen Wohnung hin und her und als ich zur hölzernen Haustür gehe, sehe ich ihn. Den Mann, der mir half, als ich mentale Unterstützung brauchte. Und trotzdem weiß er nicht alles über mich. Fast schon gar nichts könnte man behaupten. Meinen Vater. Vielen fällt es schwer, sich ein Leben ohne Mutter vorzustellen. Mir nicht. Es ist nicht so, als hätte ich mir keine gewünscht. Ganz im Gegenteil, ich habe mir immer eine gewünscht. Vor allem an den Tagen, an denen die Mütter meiner Mitschüler ein Büfett mit Essen und Getränken in der Schule aufgestellt haben. Aber meine hat mich verlassen. Ich durfte sie nicht einmal kennenlernen. Eine Stiefmutter wollte ich haben, bis ich na ja … bis ich sie kennengelernt habe. Sie, die alles auf den Kopf gestellt hat. Die, die mich nicht wollte. Schon allein dahin zurückzudenken, lässt mich an Noah denken. Auch wenn ich sie immer noch hasse, vermisse ich Noah. Ich fühle mich für das alles schuldig. Schließlich bin ich es auch.
schuld
schuld
schuld.
Seine Mutter war die Bosheit in Person, aber Noah war ein Kind. Doch ich war auch noch eins …
„Ich kann nicht glauben, wie erwachsen ihr geworden seid.“ Mein Vater geht zu mir, umarmt mich und mir treten Tränen in die Augen.
„Papa, ich hab dich lieb!“ Ich drücke ihn noch fester, aber als ich merke, dass ihm Tränen über das Gesicht laufen, löse ich mich aus der Umarmung.
„Ich dich doch auch, mein Liebling.“ Er dreht sich zu Leo und breitet die Arme aus.
„Also Leo, pass gut auf meinen Goldengel auf, okay?“ Leo erwidert die Umarmung.
„Natürlich, Lennard.“ Die beiden lösen die Umarmung und Leo und ich laufen, besser gesagt rennen, zur Bushaltestelle und erwischen gerade noch rechtzeitig unseren Bus. Im Bus bleiben wir relativ weit vorne und verstauen unser Gepäck unter den Sitzen. Dann setzen wir uns und ich schaue zuerst aus dem Fenster, bis Leo mich antippt und mir mit einem Zunicken einen seiner Kopfhörer anbietet. Nach ungefähr einer halben Stunde kann ich meine Augen nicht mehr offen halten und schlafe ein.

… Meinen Kopf an meinen besten Freund gelehnt, wache ich langsam auf. Ich greife nach meinem Handy, um zu wissen, wie viel Uhr es ist, und oh mein Gott, ich habe gerade vier Stunden geschlafen. Na gut, um diesen Bus zu erwischen, mussten wir auch um halb sechs aufstehen. Wir brauchen nur noch 32 Minuten bis zum College. Als ich nach links blicke, sehe ich, dass Leo auch weggenickt ist. Ich nehme ihm sein Handy aus der Hand und stecke mir seine Kopfhörer ins Ohr, dann verliere ich mich im Klang der Musik und blicke hinaus. Die Aussicht ist wunderschön. Ich sehe Segelboote auf dem hellblauen und klaren Meereswasser. Das Wasser spiegelt die Sonne, und durch die weiße Gischt der Wellen fühlt man sich wie in einem anderen Land. Die Straße, auf der wir fahren, ist so nah an dem rauschenden Meer, dass ich sogar die Menschenmenge sehen kann, die dort ihre Picknickdecken ausbreitet, oder Kinder, die im Wasser spielen. Schon sehe ich ein riesiges und wunderschönes Gebäude, das mit den zwei großen Türmen einem Schloss ähnelt. Das ist sie, die Mason Academy. Das alte, große und luxuriös aussehende Gebäude ist von einer sehr hohen Steinmauer umgeben. Sie könnte mal renoviert werden. Man kann genau sehen, wie Ziegel auf Ziegel gesetzt wurden. Alt, aber doch wunderschön. In diesem Gebäude sind nur die Klassenzimmer, aber ich meine Klassenzimmer, von denen man direkt aufs Meer blicken kann. Die Wohnhäuser, von denen es zwei gibt, sind eher in einem großen, orange schimmernden Wald versteckt. Ich blicke zu Leo, und als ich merke, dass er immer noch schläft, schüttle ich ihn leicht.
„Leo, wach auf. Wir sind gleich da.“ Leo wird wach und dreht seinen Blick ebenfalls Richtung Fenster.
„Wow.“
Auf dem kleinen Fernseher, der an der Decke des Busses angebracht ist, kann ich sehen, dass wir jetzt aussteigen müssen. Ich schätze, Leo hat es auch gesehen, denn er steht auf und holt unser Gepäck, welches wir zuvor unter den Sitzen verstaut hatten. Der Bus hält, und Leo kommt ins Schwanken. Ich muss lachen, als ich aufstehe und mit meinem ganzen Körpergewicht gegen Leo pralle. Wir laufen aus dem Bus, und ich atme sofort die warme Luft der Küste mit geschlossenen Augen ein. Sie ist salzig, frisch. Mein Haar wird von einem Windstoß zurück geweht, mein T-Shirt flattert.
„Also, wir brauchen vierzehn Minuten zu Fuß bis zu unserem Gebäude. Wir wurden im alten untergebracht, also werden wir wahrscheinlich nicht so viele Rich Kids sehen.“ Leo und ich hassen wohlhabende Menschen. Wir sind beide in einer Familie aufgewachsen, die jeden Cent dreimal umdrehen musste, um genug Essen kaufen zu können, und na ja, man kann sich ja wohl denken, dass das an einer Highschool nicht so gut angekommen ist. Mittlerweile haben wir beide genug Geld, um uns Klamotten zu kaufen oder ins Kino zu gehen, aber es gibt trotzdem Menschen, die mehr Geld haben und es nicht unbedingt zu verstecken versuchen. Ich glaube aber, dass wir schon immer genug Geld hatten, aber Stiefmutter es damals in ihre Scheiße wie die Drogen und den Alkohol steckte. Schon bei dieser Vorstellung brodelt Wut und Zorn in mir. Klar, ich bin in der Elite der Elite aufgezogen worden, von Samael und Elias, doch das war nie genug. Nie. Ich öffne meine zugekniffenen Augen und blicke in Leos braune Augen.
„Okay, du Frosch! Wo müssen wir lang?“ Er verdreht spaßig die Augen, weil ich ihn Frosch nenne, wie schon vor vierzehn Jahren.
„Also, du Schlumpf“, auf dem Wort Schlumpf liegt eine gewisse belustigte Betonung, die mir zeigen soll, dass ich ihn nicht provozieren soll. Aber das ist mir doch egal!
„Wir müssen zweimal rechts, einmal links und dann wieder rechts.“ Ich setze ein provokantes Lächeln auf, bevor ich sage:
„Wer zuletzt am Haus ist, gibt die nächsten Drinks aus.“ Schon fange ich an, entlang der Straße zu rennen. Leo legt den Kopf kurz zurück und lacht. Wenige Sekunden später hat er mich eingeholt und ein zielsicheres Lächeln aufgesetzt. Nach der Hälfte der Strecke geht mir plötzlich die Luft aus, und ich bleibe stehen. Keuchend stelle ich meinen Koffer ab, setze mich auf ihn, um kurz zu verschnaufen. Leo kommt lachend zu mir zurück gejoggt und hält mir seine Wasserflasche hin.
„Hier. Wir müssen nur noch vier Minuten laufen, also können wir das auch gechillt angehen.“ Ich öffne schon meinen Mund, um zu protestieren und ihn zu beleidigen, natürlich nur aus Spaß, da unterbricht mich ein Hupen. Ich zucke zusammen, nehme mein Gepäck und ziehe es mit mir zurück in die Fußgängerzone. Ein kurzer Blick nach hinten, und mir wird eine riesige Limousine präsentiert.
„Oh Gott, genau so einem Kerl wollte ich aus dem Weg gehen.“ Leo lacht ironisch und stimmt meiner Aussage mit einem Kopfnicken zu. Mein Körper geht in Abwehrhaltung, und ich setze einen arroganten Blick auf. Als die Limousine an uns vorbeigefahren ist, trinke ich aus Leos blauer Flasche, schaue dann zu ihm und beginne langsam zu laufen. Der Weg kommt mir voll lang vor, obwohl es nur vier Minuten sind. Ich bin verdammt nochmal aufgeregt, und das spüre ich mit jedem Schritt mehr. Und sofort kommen die Gedanken wieder an die Oberfläche. Sie sind nie weg, schwimmen immer ganz dicht unter der Oberfläche, und wenn ich einmal nicht konzentriert bin, tauchen sie auf. Werde ich gut genug sein? Wird mich jemand erkennen? Wird jemand Leo etwas antun wollen? Solche Gedanken plagen mich schon seit dem Ende der Kampfausbildung von Samael. Ich bin nun gut im Kämpfen und kann mich verdammt gut verteidigen, aber meine Sozialisation ist aufgrund der vielen Übungen und der mangelnden Kontrolle meiner Selbstbeherrschung etwas anders ausgegangen, als erwartet. Als ich das erste Mal meine Kontrolle verlor, war es, weil die Polizisten mir mitteilten, dass Noah höchstwahrscheinlich tot sei. Ich glaube es nicht. Schon damals glaubte ich diesen Scheiß nicht. Mein Kopf kann es sich schon gut vorstellen, schließlich war er erst neun, aber mein Herz … Mein Herz akzeptiert diesen abscheulichen Gedanken nicht. Und wenn er tot ist, dann wegen mir. Wenn die Polizisten die Leiche finden sollten, werde ich Rosanna aufsuchen. Selbst, wenn ich weiß, dass es meine Schuld ist und nicht ihre. Gehören die Worte Blut und Rache wirklich in einen Satz? Oder würde dies immer ein Fehler sein?
Wir kommen vor dem Gebäude an, als grelle Blitze mein Augenlicht trügen und ich zum Schutz eine Hand vor meine Augen halte. Es sind keine Gewitterblitze, nein, ganz im Gegenteil, es sind Kamerablitze, die Fotos von einem Mann machen, der aus einer Limousine steigt. Er hat dunkelbraunes Haar, trägt eine Stoffhose und einen abartig teuren Pullover. Ich habe keine Ahnung, von welcher Marke dieser Rollkragenpullover ist, aber er sieht verdammt teuer aus. Er hebt seine Hand, um seine schwarze Sonnenbrille von Ray-Ban abzunehmen, und … Oh mein Gott … Er ist verdammt nochmal heiß! Anscheinend bin ich nicht die Einzige, der das auffällt. Hinter den Paparazzi kann man eine Schar Mädchen entdecken, die wie ich im ersten Semester sein müssten.
Mit seinen braunen Augen, die einen kleinen grünen Schimmer haben, und seinen zartrosa Lippen ist sein Gesicht wie aus einem Märchenbuch. Ich kneife mich selbst, um wieder zur Besinnung zu kommen. Liana! Er ist reich, also höchstwahrscheinlich ein arrogantes Arschloch! Vielleicht sind das auch nur Vorurteile, aber ganz ehrlich … Sicher ist sicher. Ich verabscheue die Elite seit Samael. Er hat mir den Blickwinkel der anderen Seite gezeigt. Den der Bösen. Doch ich kann meinen Blick nicht von ihm lenken. Ich spüre eine Sehnsucht in mir, die ihn berühren will. Ich will nur seine Hand auf meiner spüren. Eine eigentlich ganz simple Sache. What the fuck? Liana? Für den Moment, in dem ich ihn ansehe, verschwindet alles. Meine inneren Schmerzen, meine Ängste, der Lärmpegel und ja, ich sehe nicht einmal mehr die Menschenmenge, geschweige denn die Kamerablitze. Ich sehe nur ihn. Einen vielleicht zwanzigjährigen jungen Mann mit einer unbeschreiblichen Schönheit. Was bitte geht in mir vor?
„Liana, lass uns reingehen. Er sieht schon aus wie ein Arsch.“ Leo hat gemerkt, dass ich den Typen nicht sonderlich sympathisch finde, und zieht mich leicht am Ärmel. Ich sehe, wie die Professoren unserer Schule versuchen, die Paparazzi vom Schulgelände zu schicken, was aber erst nach mehreren Minuten klappt. Jetzt richte ich meinen Blick wieder stur nach vorne. Leo und ich laufen die drei kleinen Stufen bis zum Haupteingang, und na ja, ich habe nicht gedacht, dass dieses mit Efeu überwucherte Gebäude so wunderschön ist. Es ist innen weiß, und zwei Treppen aus weißem Marmor geben noch den letzten Kick, um das Ganze wirklich wie in einem Märchen aussehen zu lassen. Die Wände sind ebenfalls aus Marmor, genau wie der Boden. Goldene Details bilden wundervolle Ranken im Gestein. Nicht zu übersehen ist die wunderschöne weiße Statue in der Mitte, die die Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, darstellt. Da bin ich wohl im falschen Haus, denn bei mir sollte eher Hel, die Göttin des Totenreichs, stehen, denn ich war vieles, aber definitiv nicht gerecht. Wir haben uns online eingecheckt, weshalb wir jetzt nicht ins Sekretariat müssen, sondern unsere Schlüssel am Haupteingang bekommen. Zumindest bekommen sollten. Ich sehe hier nämlich niemanden, der so aussieht, als würde er uns die Schlüssel geben.
„Ups, sorry. Geht’s dir gut? Welche Nummer?“ Ein rothaariger Junge mit Sommersprossen, der mich gerade versehentlich angerempelt hat, entschuldigt sich. Als ich ihn irritiert betrachte, erklärt er sich.
„Oh, sorry, wie unhöflich von mir. Ich bin Max, der Sohn von Direktorin Jones. Mom wollte, dass ich dieses Jahr die Schlüssel verteile.“ Er zeigt mir die Schlüssel für die Zimmer in einer Kiste in seiner rechten Hand. Die Kiste kommt ins Schwanken, und ihm fallen die Schlüssel runter. Unsicher blickt er auf den Boden.
„Offensichtlich nicht ihre beste Idee. Wisst ihr, ich bin auch im ersten Semester, und trotzdem wollte sie unbedingt, dass ich die Schlüssel verteile. So ist es wohl …“ Den Rest verstehe ich nicht wirklich, weil er sich bückt, um die Schlüssel aufzuheben. Natürlich bin ich gut erzogen und bücke mich auch, um zu helfen. Ich bemerke erst jetzt, wie angespannt er ist. Mein Gefühl sagt mir, dass ihm diese Situation unangenehm ist.
...

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