Mehr als Worte
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 270
ISBN: 978-3-7116-0598-6
Erscheinungsdatum: 03.07.2025
Alexander steht vor dem Aus seines glamourösen Lebens. Seine Vergangenheit holt ihn ein. Werden seine Träume von Figuren der griechischen Mythologie ihm helfen, den Weg aus seiner Misere zu finden?
Prolog
Im Licht der Taschenlampe unter der Bettdecke konnte Alexander in Ruhe abends seine Bilder malen. Mit seinen elf Jahren war er ganz sicher, dass es nichts Schöneres für ihn gab, als zu malen. Auch an diesem Tag hatte er darauf hin gefiebert, in sein Zimmer gehen zu können und sich ins Bett zu legen. Schließlich hatte seine Mutter ihm noch den unausweichlichen Gutenachtkuss gegeben und das Licht ausgeschaltet. Dann war es ihm endlich möglich gewesen, mit seinem Malblock und den Stiften heimlich seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen.
Alexander hatte ein eigenes, großes Kinderzimmer in der ersten Etage eines herrschaftlichen Einfamilienhauses, weit entfernt von dem Wohnzimmer des Hauses, in dem sich die Eltern für gewöhnlich abends aufhielten. Die Eltern hatten das Haus in Düsseldorf-Carlstadt von den Großeltern väterlicherseits geerbt und lebten dort seit Anfang 1980, er selbst wurde fünf Jahre später geboren.
Die Tatsache, dass er ein Einzelkind war, hatte Alexander als gegeben hingenommen und nie hinterfragt. Er hatte sich selbst seine kleine Welt geschaffen, die bestimmt war vom Malen.
Seitdem er sich erinnern konnte, malte er, sobald sich ihm eine Möglichkeit bot. Dabei hinterließ er seine Werke nicht nur auf dem Malblock, sondern auf jedem Papier, das er fand. Solange er noch kleiner war, hatten seine Eltern dieses Verhalten belächelt. Als aber auch seine Schulhefte in seine Malleidenschaft mit einbezogen wurden, begannen die Kontrollen und Verbote.
Dies konnte jedoch seine Leidenschaft zu malen nicht verändern, vielmehr wurde sein Bestreben, alles was er sah und was in seinem Kopf vorging, auf Papier zu bringen, immer stärker.
Tagsüber an seinem Schreibtisch schaffte er es selten, Zeit zum Malen zu finden. Häufig kam seine Mutter kontrollierend ins Zimmer und frage ihn, ob er seine Hausaufgaben schon gemacht hätte oder ob er nicht doch lieber für die Schule lernen wollte. Nur sehr selten erlaubte sie ihm, längere Zeit zu malen. Er hatte ihr auch schon ein paar Bilder geschenkt, auf denen er ihre antiken Statuen, die überall in der Wohnung herumstanden, gezeichnet hatte. Sie schien sich sogar darüber zu freuen, doch er war sich dessen nicht ganz sicher, da sie die Bilder vor seinem Vater versteckte, was Alexander sehr enttäuschte. Er hätte sich gewünscht, sie würde seine Werke, wie andere Eltern, zumindest am Kühlschrank aufhängen.
Sobald der Vater zu Hause war, gab es keine Möglichkeit zu malen. Herr Breuer hatte die klare Vorstellung, dass sein Sohn gute Noten nach Hause bringen sollte, um, wie er, Jura zu studieren und schließlich seine Kanzlei zu übernehmen.
Alexander war ein eher unauffälliger Schüler. Er gehörte keiner speziellen Gruppierung innerhalb der Klasse an und machte selten die Raufereien seiner Mitschüler mit. Sein Lieblingsfach war Kunst und die Kunstlehrerin glaubte auch, dass er Talent besitze. Sie war beeindruckt von seinem Ehrgeiz, förderte ihn, wo sie nur konnte, und hatte ihn schon in die Arbeitsgruppe Kunst aufgenommen, die eigentlich erst für Schüler höherer Klassen eingerichtet worden war. Seine sehr gute Zeugnisnote im Fach Kunst konnte seinen Vater bei dem sonst eher gut durchschnittlichen Notenbild auch nicht versöhnen.
Nichts in seinem Leben war wichtiger, glaubte Alexander, als sein Ziel, ein berühmter Maler zu werden. Er hatte aufgehört, mit seinen Eltern deswegen zu streiten und seine eigenen Wege gefunden, um im Geheimen malen zu können. Er versuchte seinen Eltern den braven Sohn vorzuspielen, damit er sich nicht mit ihnen auseinandersetzen musste, und lebte in einer Welt der Künste, so wie er sich diese nach den Erklärungen seiner Kunstlehrerin ausmalte.
Sein Vater hatte einmal einige Malblöcke in seinem Zimmer gefunden und ihn zur Rede gestellt. Die laute Standpauke hatte Alexander aber nicht sonderlich beeindruckt, sondern nur dazu geführt, dass Alexander daraufhin ein besseres Versteck in seinem Zimmer suchte. Hinter dem Schrank würde sein Vater die Malereien kaum vermuten. Er musste auch eidesstattlich versprechen, nicht mehr zu malen. Alexander hätte alles versprochen, nur um von ihm in Ruhe gelassen zu werden.
Er fand es meist unangenehm, mit seinem Vater allein zu sein, da dieser ihn fast ausschließlich maßregelte. In Anwesenheit seiner Mutter war er damit seltsamerweise viel zurückhaltender. Oft kritisierte sie ihren Mann sogar wegen der ständigen Beschimpfungen seines Sohnes, brach in Tränen aus, womit sein Vater völlig überfordert schien und schwieg. Für Alexander bot diese Art der Kommunikation zwischen seinen Eltern immer die Möglichkeit, sich unauffällig zurückzuziehen und wieder in seine eigene Welt einzutauchen.
Mit der Zeit verlegte Alexander das Malen seiner Bilder in die nicht weit entfernte Villa, in dem sein Schulfreund Mark wohnte. Marks Eltern arbeiteten als Ärzte in einem Privatkrankenhaus und waren nur selten zu Hause. Daher konnten beide Jungen dort in Ruhe ihren Hobbys nachgehen.
Mark fühlte sich seelenverwandt mit Alexander, da er Musiker und Songwriter werden wollte. Er hatte die Möglichkeit, ganz ungestört zu Hause in ihrer großen Villa zu proben, da auch seine Kinderfrau vor einem Jahr in Rente gegangen war.
Alexander und Mark gingen in dieselbe Klasse des Gymnasiums. Mark war ein bestenfalls mittelmäßiger Schüler, der sowieso nicht verstand, weshalb er in der Schule für alle möglichen Fächer lernen sollte, wo er doch Musiker werden wollte. Auch er hatte sich nie wirklich in der Schule integrieren können und so hatten sich die beiden aufgrund ihrer Außenseiterposition zusammengefunden.
Die Freunde sprachen sehr oft über ihre Ziele und die besseren Zeiten, wenn sie endlich erwachsen sein würden und ihr Leben so einrichten könnten, wie sie es wollten …
Teil 1
I
Die Zigarette war ungeraucht im Aschenbecher verglüht. Alexander war letzte Nacht doch noch eingeschlafen. Im Dämmerzustand am frühen Morgen wälzte er sich unruhig hin und her, während sich ganz langsam wieder der quälende Gedanke in sein Bewusstsein schlich, dass etwas Unkontrollierbares mit ihm geschah. Sein Empfinden für sich selbst und seine Umwelt hatte sich merkwürdig verändert, er erlebte alles wie aus größerer Entfernung und es gab keine Höhe und Tiefen in seiner Stimmungslage mehr. Viele Gefühle nahm er nur noch abgeflacht wahr.
Seine Motivation zur Arbeit, das Interesse an den Kundengesprächen, sowie seine Konzentrationsfähigkeit hatten unverständlicherweise nachgelassen.
Er konnte sich kaum daran erinnern, in der letzten Zeit Gefühle wie Freude, Liebe, Glück, Lust oder Sehnsucht empfunden zu haben. Seine Umwelt stellte sich ihm eher farblos dar, was dazu führte, dass es sich nicht mehr wirklich an seinem Leben beteiligt glaubte. Zurück blieb, je intensiver er darüber nachdachte, eine ihm unerklärliche Form von Leere, die ihn umgab.
Er erlebte sich teilweise wie von außen gesteuert, obwohl er gleichzeitig meinte, selbst ganz rational Entscheidungen treffen zu können.
Es fiel ihm schwer, festzulegen, wann das alles begonnen hatte. Zumindest wurde ihm immer bewusster, dass dieser Zustand sich schon seit mehreren Wochen eingeschlichen hatte.
Zeitweise hatte er versucht, angenehme Gefühle durch Erinnerungen an erlebte schöne Erfahrungen oder Vorstellungen zu provozieren und zu intensivieren, jedoch ohne Erfolg.
Seine Gedanken über die Sinnlosigkeit eines solchen Daseins verunsicherten ihn und er fragte sich, ob er irgendwann seine Handlungen nicht mehr bewusst kontrollieren können würde.
Der Wecker klingelte laut und deutlich, sieben Uhr, fast eine Erleichterung trotz der bleiernen Müdigkeit, die ihn umfing. Alexander hatte sich nach dem letzten Meditationskurs vor einem Jahr angewöhnt, nach dem Wecker noch drei Minuten in einer damals empfohlenen Kontemplationshaltung zu verharren, um überlegt und entspannt in den Tag zu starten.
Jetzt drängten sich jedoch wieder die quälenden Fragen nach dem Grund für das zunehmende Nachlassen seiner Empfindungsfähigkeit auf. Was war es, das ihn so verändert hatte? Fühlte sich so eine psychische Erkrankung an? Würde er verrückt? Er grübelte fast jede Nacht verzweifelt über all diese Fragen, war aber bisher zu keinem sinnigen Ergebnis gekommen.
Alexander hatte irritiert mitansehen müssen, wie sich nach und nach sein Leben veränderte, seine berufliche Laufbahn, die er vor ein paar Jahren direkt nach dem Studium begonnen hatte, in eine Sackgasse geriet, sein privates Glück dahinschmolz und sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein sich in Auflösung befand.
Die Zerstörung seines Bildes vom erfolgreichen, glänzenden Karrieremacher hatte weitreichendere Auswirkungen auf ihn, als er sich zugestehen wollte. Sein bisheriges Lebenskonzept geriet ins Schwanken und der Traum, sein privilegiertes Leben würde ewig bestehen, zerrann. Die scheinbare Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit seines Alltags waren verschwunden. Seine exklusive Wohnung, sein tolles Auto und extravagante Restaurantbesuche hinterließen in ihm eher Gleichgültigkeit, der frühere Genuss stellte sich nicht mehr ein.
Seine Freundin Jasmin hatte ihn verlassen, da sie mit diesen Veränderungen seiner Persönlichkeit nicht zurechtgekommen war. Nach den langen Gesprächen und Versöhnungsbemühungen zog sie dann doch irgendwie ganz plötzlich aus, da er ihren Vorwürfen nichts hatte entgegensetzen können.
Alexander hatte ihr Gehen widerstandslos hingenommen. Es war nicht seine erste Trennung, aber dieses Mal war sie diejenige, die ihn verlassen hatte, wenn auch, wie sie sagte, sie noch nicht aufgehört hatte, ihn zu lieben. Sie hätte aber seine Gefühllosigkeit nicht mehr länger ertragen können. Nichts mehr wäre echt bei ihm gewesen, hatte sie ihm vorgeworfen, nur noch Sprüche und banale oberflächliche Begegnungen, die ihr nichts bedeuteten. Sie hätte keine Verbindung mehr zu ihm gefunden, er wäre abgekapselt gewesen, und alles wäre an ihm abgeprallt. Sie hätte auch Angst vor dieser Kälte gehabt, die von ihm ausging.
Schon zu Beginn der Beziehung hätte sie bemerkt, wie schwer es ihr fiel, wirkliche Nähe bei ihm zu spüren, hätte es aber in dem Stadium der Verliebtheit mit ihren eigenen Beziehungsängsten erklärt. Er schien damals der Mann ihres Lebens zu sein, und sie hätte unbedingt ein Leben mit ihm aufbauen wollen.
Alexander hatte auf ihre Vorwürfe nur erwidern können, er hätte kein Wort von dem, was sie sagte, verstanden, und er würde sich weiter zu ihr hingezogen fühlen. Wenn er aber ehrlich war, hatte er das mehr gewollt, als dass er ihre Nähe wirklich suchte und sie begehrte. Seine frühere Liebe zu ihr war verblasst.
Es war damals sehr einfach, sich in Jasmin zu verlieben. Ihre Attraktivität und ihre freundliche, liebenswerte Art hatten ihn verzaubert. Er hatte die Leichtigkeit bewundert, mit der sie ihre Hochschulkarriere meisterte.
All diese Faszination hatte nachgelassen, ohne dass er es wirklich registriert hatte, aber er hatte weiterhin ihre angenehme Gegenwart genossen und an seiner Beziehung zu ihr festgehalten. Sie gehörte zu seinem exzessiven Lebensstil.
In den einsamen Nächten nach der Trennung hatte Alexander noch versucht, die Änderung seiner Gefühle ihr gegenüber tiefer zu ergründen. Sie hatte recht damit, dass er derjenige war, der die Beziehung durch sein verändertes Verhalten zerstört hatte, aber er konnte ihr das nicht zugestehen.
Neben dem Beziehungsverlust drohte Alexander das berufliche Aus. Seine Arbeitsleistung hatte sich in den letzten Wochen so unübersehbar verschlechtert, dass er das Wohlwollen seines Arbeitgebers verloren hatte.
Seinen hochdekorierten Job zu verlieren, wäre für ihn ein harter Prestigeverlust. Der berufliche Erfolg war bisher die wichtigste Quelle seines Selbstverständnisses gewesen.
Auch wenn er für diese Situation offensichtlich verantwortlich war, konnte er keinen Sinn in dieser Entwicklung erkennen.
Alexander hatte sich zwei Tage krankgemeldet. Doch heute erschien eine weitere Konfrontation mit seinem Arbeitgeber unausweichlich. Nach dem Aufstehen würde er ins Büro gehen und sich der Kritik seines Arbeitgebers stellen müssen. Keine schöne Aussicht, zumal er weder Gegenargumente noch Erklärungen vorbringen konnte.
Er ging in sein geräumiges Designerbad aus Marmor und Glas, das wunderbar zu seiner exklusiven Penthouse-Wohnung auf der Inselstraße am Hofgarten in Düsseldorf passte.
Der Blick in den Spiegel hätte ihn zu einem früheren Zeitpunkt wohl maßlos erschreckt. Statt des gutaussehenden, athletischen jungen Mannes mit lockigen, dunklen Haaren und strahlenden Augen sah er ein aschfahles Gesicht mit leerem Blick und tiefen Augenringen.
Die Routine der eingeübten Morgenaktivitäten half ihm, dass er eine halbe Stunde später in seinem Mercedes saß und die kurze Strecke zur Arbeit fahren konnte.
Das Bürogebäude seiner Firma war ein wunderschöner Altbau in einer Seitenstraße der Königsallee. Alexander war hier bis vor Kurzem der hochdekorierte „Shootingstar“, der in diesem ehrwürdigen Etablissement direkt nach dem Designstudium begonnen hatte und aufgrund seiner hervorragenden Arbeiten schnell zum Liebling des Chefs aufgestiegen war. Dieser berufliche Erfolg hatte ganz den Erwartungen seiner Eltern entsprochen, und er hatte diesen auch als selbstverständlich hingenommen.
Mit angstvollen, unklaren Erwartungen betrat er sein Büro. Nichts hatte sich verändert, sein aufgeräumter, makelloser Schreibtisch glänzte wie poliert, die Blumen in der Vase auf dem Beistelltisch waren noch nicht verblüht, es war alles so gepflegt wie immer, wenn nicht …
Alexander hatte sich gerade auf seinen Schreibtischstuhl gesetzt, als es an seiner Tür klopfte. Ohne auf eine Aufforderung zu warten, trat sein Chef ein.
Herr Mayer entsprach mit seiner imposanten Erscheinung ganz dem Bild des Vorsitzenden eines gut gehenden, modernen Unternehmens. Er war sehr groß und stattlich und mit seinem dunkelgrauen Maßanzug sehr elegant gekleidet. Trotzdem wirkte er mit seinen fünfundvierzig Jahren und den leicht ergrauten Schläfen noch jugendlich.
„Und, hast du es dir überlegt? Was willst du unternehmen?“, überfiel Herr Mayer seinen Angestellten.
Man duzte sich hier mit allen Mitarbeitern, um die flache Hierarchie in diesem modernen Unternehmen zu betonen. Doch diese direkte Ansprache, ohne freundliche Begrüßung, war für ihn als Chef sehr ungewöhnlich und spiegelte am ehesten seine echte Besorgnis um die Leistungsfähigkeit seines wertvollen Angestellten wider. Alexander bemerkte aber nichts von dieser Sorge seines Chefs und sprang erschrocken auf.
Da war sie wieder, die Frage, auf die Alexander ja selbst keine Antwort wusste. Beide hatten dieses Gespräch in den letzten Wochen schon mehrfach geführt. Herr Mayer hatte mit Besorgnis erfahren müssen, dass die Leistungen von Alexander, den er über lange Zeit als seine beste Arbeitskraft schätzen gelernt hatte, in den letzten Monaten so abgestürzt waren, dass viele Kunden ihre Unzufriedenheit deutlich zum Ausdruck gebracht hatten. Ihm schien es, als ob Alexander all seine Kreativität und Schaffenskraft verloren hatte, sowie seine hervorstechende Fähigkeit, die Wünsche und Bestrebungen der Auftraggeber minuziös zu erfassen und glänzend umzusetzen.
Herr Mayer nahm ihm auch nicht ab, dass er die Ursache seines Versagens nicht erklären könnte. Die Probleme mit seiner Freundin als Grund zu sehen, schien ihm zu oberflächlich. Er kannte Alexanders Ehrgeiz und wusste, dass dies keine ausschlaggebende Rolle spielen konnte. Alexander hatte bisher, da war Herr Mayer sich sicher, immer Beruf und Persönliches trennen können. Seine Karriere hatte für ihn immer an erster Stelle gestanden.
Alexander zögerte noch mit der Antwort auf die Frage seines Chefs, der ihn erwartungsvoll ansah. Als er endlich seine Stimme erheben wollte, fuhr sein Chef schon ungeduldig fort:
„Du weißt schon, dass ich dich auf Dauer so nicht unterstützen kann, trotz meines Wohlwollens. Die Kollegen sind verärgert über deine Position in dieser Firma, ich kann dich nicht mehr schützen. Ich verordne dir Zwangsurlaub von einer Woche und möchte dann deine Pläne präsentiert bekommen, wie du wieder einer meiner besten Mitarbeiter werden kannst. Falls dir dies nicht überzeugend gelingt, muss ich Konsequenzen ziehen!“
Alexander sah seinem Chef an, wie ernst es ihm mit dieser Aussage war. Er hatte ihn noch nie so hart und bestimmend erlebt, sondern kannte ihn bisher nur als jovialen, toleranten Mann, der seinem Gegenüber das Gefühl gab, entgegenkommend behandelt zu werden. Jetzt aber erschien er ihm wie verwandelt.
In diesem Augenblick gelang es Alexander nur schwer, seine Selbstbeherrschung zu wahren. Da er selbst nicht wusste, was mit ihm los war, konnte er seinem Chef ganz sicher keinen Plan präsentieren, der seine vollkommene Erholung sicherte. Seine Entlassung erschien Alexander unausweichlich, gleichzeitig aber auch irreal und mit seinem Selbstbild nach seiner steilen Karriere unvereinbar. Nur mühsam konnte er seine Verunsicherung unterdrücken.
„Reiß dich zusammen und gib mir bald eine vernünftige Antwort!“, hörte er seinen Chef wie von ganz weit her in dem scharfen Ton eines Generals ausrufen.
„Ja, ja … du hast vollkommen recht, mach ich genau so … Bis nächste Woche“, stammelte er unkontrolliert vor sich hin.
Alexander schaute seinen Chef nicht einmal mehr an, drehte sich um, nahm seine Arbeitstasche, verließ schnell das Bürohaus und ging zu seinem Auto. Bevor er startete, zündete er sich eine Zigarette an und inhalierte tief.
Das Rauchen hatte er sich auch erst vor ein paar Wochen wieder angewöhnt. Nur wissen durfte das keiner, dass er dieser Schwäche unterlag. Seine Freundin hatte Zigarettenrauch gehasst, außerdem passte es eigentlich nicht zu seinem modernen Lebensentwurf.
Zumindest zurzeit war das auch egal, er griff nach allem, was ihn irgendwie stabilisieren oder positiv beeinflussen konnte. Ihm wurde aber eher übel von dem Rauch, als dass er sich besser fühlte.
...
Im Licht der Taschenlampe unter der Bettdecke konnte Alexander in Ruhe abends seine Bilder malen. Mit seinen elf Jahren war er ganz sicher, dass es nichts Schöneres für ihn gab, als zu malen. Auch an diesem Tag hatte er darauf hin gefiebert, in sein Zimmer gehen zu können und sich ins Bett zu legen. Schließlich hatte seine Mutter ihm noch den unausweichlichen Gutenachtkuss gegeben und das Licht ausgeschaltet. Dann war es ihm endlich möglich gewesen, mit seinem Malblock und den Stiften heimlich seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen.
Alexander hatte ein eigenes, großes Kinderzimmer in der ersten Etage eines herrschaftlichen Einfamilienhauses, weit entfernt von dem Wohnzimmer des Hauses, in dem sich die Eltern für gewöhnlich abends aufhielten. Die Eltern hatten das Haus in Düsseldorf-Carlstadt von den Großeltern väterlicherseits geerbt und lebten dort seit Anfang 1980, er selbst wurde fünf Jahre später geboren.
Die Tatsache, dass er ein Einzelkind war, hatte Alexander als gegeben hingenommen und nie hinterfragt. Er hatte sich selbst seine kleine Welt geschaffen, die bestimmt war vom Malen.
Seitdem er sich erinnern konnte, malte er, sobald sich ihm eine Möglichkeit bot. Dabei hinterließ er seine Werke nicht nur auf dem Malblock, sondern auf jedem Papier, das er fand. Solange er noch kleiner war, hatten seine Eltern dieses Verhalten belächelt. Als aber auch seine Schulhefte in seine Malleidenschaft mit einbezogen wurden, begannen die Kontrollen und Verbote.
Dies konnte jedoch seine Leidenschaft zu malen nicht verändern, vielmehr wurde sein Bestreben, alles was er sah und was in seinem Kopf vorging, auf Papier zu bringen, immer stärker.
Tagsüber an seinem Schreibtisch schaffte er es selten, Zeit zum Malen zu finden. Häufig kam seine Mutter kontrollierend ins Zimmer und frage ihn, ob er seine Hausaufgaben schon gemacht hätte oder ob er nicht doch lieber für die Schule lernen wollte. Nur sehr selten erlaubte sie ihm, längere Zeit zu malen. Er hatte ihr auch schon ein paar Bilder geschenkt, auf denen er ihre antiken Statuen, die überall in der Wohnung herumstanden, gezeichnet hatte. Sie schien sich sogar darüber zu freuen, doch er war sich dessen nicht ganz sicher, da sie die Bilder vor seinem Vater versteckte, was Alexander sehr enttäuschte. Er hätte sich gewünscht, sie würde seine Werke, wie andere Eltern, zumindest am Kühlschrank aufhängen.
Sobald der Vater zu Hause war, gab es keine Möglichkeit zu malen. Herr Breuer hatte die klare Vorstellung, dass sein Sohn gute Noten nach Hause bringen sollte, um, wie er, Jura zu studieren und schließlich seine Kanzlei zu übernehmen.
Alexander war ein eher unauffälliger Schüler. Er gehörte keiner speziellen Gruppierung innerhalb der Klasse an und machte selten die Raufereien seiner Mitschüler mit. Sein Lieblingsfach war Kunst und die Kunstlehrerin glaubte auch, dass er Talent besitze. Sie war beeindruckt von seinem Ehrgeiz, förderte ihn, wo sie nur konnte, und hatte ihn schon in die Arbeitsgruppe Kunst aufgenommen, die eigentlich erst für Schüler höherer Klassen eingerichtet worden war. Seine sehr gute Zeugnisnote im Fach Kunst konnte seinen Vater bei dem sonst eher gut durchschnittlichen Notenbild auch nicht versöhnen.
Nichts in seinem Leben war wichtiger, glaubte Alexander, als sein Ziel, ein berühmter Maler zu werden. Er hatte aufgehört, mit seinen Eltern deswegen zu streiten und seine eigenen Wege gefunden, um im Geheimen malen zu können. Er versuchte seinen Eltern den braven Sohn vorzuspielen, damit er sich nicht mit ihnen auseinandersetzen musste, und lebte in einer Welt der Künste, so wie er sich diese nach den Erklärungen seiner Kunstlehrerin ausmalte.
Sein Vater hatte einmal einige Malblöcke in seinem Zimmer gefunden und ihn zur Rede gestellt. Die laute Standpauke hatte Alexander aber nicht sonderlich beeindruckt, sondern nur dazu geführt, dass Alexander daraufhin ein besseres Versteck in seinem Zimmer suchte. Hinter dem Schrank würde sein Vater die Malereien kaum vermuten. Er musste auch eidesstattlich versprechen, nicht mehr zu malen. Alexander hätte alles versprochen, nur um von ihm in Ruhe gelassen zu werden.
Er fand es meist unangenehm, mit seinem Vater allein zu sein, da dieser ihn fast ausschließlich maßregelte. In Anwesenheit seiner Mutter war er damit seltsamerweise viel zurückhaltender. Oft kritisierte sie ihren Mann sogar wegen der ständigen Beschimpfungen seines Sohnes, brach in Tränen aus, womit sein Vater völlig überfordert schien und schwieg. Für Alexander bot diese Art der Kommunikation zwischen seinen Eltern immer die Möglichkeit, sich unauffällig zurückzuziehen und wieder in seine eigene Welt einzutauchen.
Mit der Zeit verlegte Alexander das Malen seiner Bilder in die nicht weit entfernte Villa, in dem sein Schulfreund Mark wohnte. Marks Eltern arbeiteten als Ärzte in einem Privatkrankenhaus und waren nur selten zu Hause. Daher konnten beide Jungen dort in Ruhe ihren Hobbys nachgehen.
Mark fühlte sich seelenverwandt mit Alexander, da er Musiker und Songwriter werden wollte. Er hatte die Möglichkeit, ganz ungestört zu Hause in ihrer großen Villa zu proben, da auch seine Kinderfrau vor einem Jahr in Rente gegangen war.
Alexander und Mark gingen in dieselbe Klasse des Gymnasiums. Mark war ein bestenfalls mittelmäßiger Schüler, der sowieso nicht verstand, weshalb er in der Schule für alle möglichen Fächer lernen sollte, wo er doch Musiker werden wollte. Auch er hatte sich nie wirklich in der Schule integrieren können und so hatten sich die beiden aufgrund ihrer Außenseiterposition zusammengefunden.
Die Freunde sprachen sehr oft über ihre Ziele und die besseren Zeiten, wenn sie endlich erwachsen sein würden und ihr Leben so einrichten könnten, wie sie es wollten …
Teil 1
I
Die Zigarette war ungeraucht im Aschenbecher verglüht. Alexander war letzte Nacht doch noch eingeschlafen. Im Dämmerzustand am frühen Morgen wälzte er sich unruhig hin und her, während sich ganz langsam wieder der quälende Gedanke in sein Bewusstsein schlich, dass etwas Unkontrollierbares mit ihm geschah. Sein Empfinden für sich selbst und seine Umwelt hatte sich merkwürdig verändert, er erlebte alles wie aus größerer Entfernung und es gab keine Höhe und Tiefen in seiner Stimmungslage mehr. Viele Gefühle nahm er nur noch abgeflacht wahr.
Seine Motivation zur Arbeit, das Interesse an den Kundengesprächen, sowie seine Konzentrationsfähigkeit hatten unverständlicherweise nachgelassen.
Er konnte sich kaum daran erinnern, in der letzten Zeit Gefühle wie Freude, Liebe, Glück, Lust oder Sehnsucht empfunden zu haben. Seine Umwelt stellte sich ihm eher farblos dar, was dazu führte, dass es sich nicht mehr wirklich an seinem Leben beteiligt glaubte. Zurück blieb, je intensiver er darüber nachdachte, eine ihm unerklärliche Form von Leere, die ihn umgab.
Er erlebte sich teilweise wie von außen gesteuert, obwohl er gleichzeitig meinte, selbst ganz rational Entscheidungen treffen zu können.
Es fiel ihm schwer, festzulegen, wann das alles begonnen hatte. Zumindest wurde ihm immer bewusster, dass dieser Zustand sich schon seit mehreren Wochen eingeschlichen hatte.
Zeitweise hatte er versucht, angenehme Gefühle durch Erinnerungen an erlebte schöne Erfahrungen oder Vorstellungen zu provozieren und zu intensivieren, jedoch ohne Erfolg.
Seine Gedanken über die Sinnlosigkeit eines solchen Daseins verunsicherten ihn und er fragte sich, ob er irgendwann seine Handlungen nicht mehr bewusst kontrollieren können würde.
Der Wecker klingelte laut und deutlich, sieben Uhr, fast eine Erleichterung trotz der bleiernen Müdigkeit, die ihn umfing. Alexander hatte sich nach dem letzten Meditationskurs vor einem Jahr angewöhnt, nach dem Wecker noch drei Minuten in einer damals empfohlenen Kontemplationshaltung zu verharren, um überlegt und entspannt in den Tag zu starten.
Jetzt drängten sich jedoch wieder die quälenden Fragen nach dem Grund für das zunehmende Nachlassen seiner Empfindungsfähigkeit auf. Was war es, das ihn so verändert hatte? Fühlte sich so eine psychische Erkrankung an? Würde er verrückt? Er grübelte fast jede Nacht verzweifelt über all diese Fragen, war aber bisher zu keinem sinnigen Ergebnis gekommen.
Alexander hatte irritiert mitansehen müssen, wie sich nach und nach sein Leben veränderte, seine berufliche Laufbahn, die er vor ein paar Jahren direkt nach dem Studium begonnen hatte, in eine Sackgasse geriet, sein privates Glück dahinschmolz und sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein sich in Auflösung befand.
Die Zerstörung seines Bildes vom erfolgreichen, glänzenden Karrieremacher hatte weitreichendere Auswirkungen auf ihn, als er sich zugestehen wollte. Sein bisheriges Lebenskonzept geriet ins Schwanken und der Traum, sein privilegiertes Leben würde ewig bestehen, zerrann. Die scheinbare Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit seines Alltags waren verschwunden. Seine exklusive Wohnung, sein tolles Auto und extravagante Restaurantbesuche hinterließen in ihm eher Gleichgültigkeit, der frühere Genuss stellte sich nicht mehr ein.
Seine Freundin Jasmin hatte ihn verlassen, da sie mit diesen Veränderungen seiner Persönlichkeit nicht zurechtgekommen war. Nach den langen Gesprächen und Versöhnungsbemühungen zog sie dann doch irgendwie ganz plötzlich aus, da er ihren Vorwürfen nichts hatte entgegensetzen können.
Alexander hatte ihr Gehen widerstandslos hingenommen. Es war nicht seine erste Trennung, aber dieses Mal war sie diejenige, die ihn verlassen hatte, wenn auch, wie sie sagte, sie noch nicht aufgehört hatte, ihn zu lieben. Sie hätte aber seine Gefühllosigkeit nicht mehr länger ertragen können. Nichts mehr wäre echt bei ihm gewesen, hatte sie ihm vorgeworfen, nur noch Sprüche und banale oberflächliche Begegnungen, die ihr nichts bedeuteten. Sie hätte keine Verbindung mehr zu ihm gefunden, er wäre abgekapselt gewesen, und alles wäre an ihm abgeprallt. Sie hätte auch Angst vor dieser Kälte gehabt, die von ihm ausging.
Schon zu Beginn der Beziehung hätte sie bemerkt, wie schwer es ihr fiel, wirkliche Nähe bei ihm zu spüren, hätte es aber in dem Stadium der Verliebtheit mit ihren eigenen Beziehungsängsten erklärt. Er schien damals der Mann ihres Lebens zu sein, und sie hätte unbedingt ein Leben mit ihm aufbauen wollen.
Alexander hatte auf ihre Vorwürfe nur erwidern können, er hätte kein Wort von dem, was sie sagte, verstanden, und er würde sich weiter zu ihr hingezogen fühlen. Wenn er aber ehrlich war, hatte er das mehr gewollt, als dass er ihre Nähe wirklich suchte und sie begehrte. Seine frühere Liebe zu ihr war verblasst.
Es war damals sehr einfach, sich in Jasmin zu verlieben. Ihre Attraktivität und ihre freundliche, liebenswerte Art hatten ihn verzaubert. Er hatte die Leichtigkeit bewundert, mit der sie ihre Hochschulkarriere meisterte.
All diese Faszination hatte nachgelassen, ohne dass er es wirklich registriert hatte, aber er hatte weiterhin ihre angenehme Gegenwart genossen und an seiner Beziehung zu ihr festgehalten. Sie gehörte zu seinem exzessiven Lebensstil.
In den einsamen Nächten nach der Trennung hatte Alexander noch versucht, die Änderung seiner Gefühle ihr gegenüber tiefer zu ergründen. Sie hatte recht damit, dass er derjenige war, der die Beziehung durch sein verändertes Verhalten zerstört hatte, aber er konnte ihr das nicht zugestehen.
Neben dem Beziehungsverlust drohte Alexander das berufliche Aus. Seine Arbeitsleistung hatte sich in den letzten Wochen so unübersehbar verschlechtert, dass er das Wohlwollen seines Arbeitgebers verloren hatte.
Seinen hochdekorierten Job zu verlieren, wäre für ihn ein harter Prestigeverlust. Der berufliche Erfolg war bisher die wichtigste Quelle seines Selbstverständnisses gewesen.
Auch wenn er für diese Situation offensichtlich verantwortlich war, konnte er keinen Sinn in dieser Entwicklung erkennen.
Alexander hatte sich zwei Tage krankgemeldet. Doch heute erschien eine weitere Konfrontation mit seinem Arbeitgeber unausweichlich. Nach dem Aufstehen würde er ins Büro gehen und sich der Kritik seines Arbeitgebers stellen müssen. Keine schöne Aussicht, zumal er weder Gegenargumente noch Erklärungen vorbringen konnte.
Er ging in sein geräumiges Designerbad aus Marmor und Glas, das wunderbar zu seiner exklusiven Penthouse-Wohnung auf der Inselstraße am Hofgarten in Düsseldorf passte.
Der Blick in den Spiegel hätte ihn zu einem früheren Zeitpunkt wohl maßlos erschreckt. Statt des gutaussehenden, athletischen jungen Mannes mit lockigen, dunklen Haaren und strahlenden Augen sah er ein aschfahles Gesicht mit leerem Blick und tiefen Augenringen.
Die Routine der eingeübten Morgenaktivitäten half ihm, dass er eine halbe Stunde später in seinem Mercedes saß und die kurze Strecke zur Arbeit fahren konnte.
Das Bürogebäude seiner Firma war ein wunderschöner Altbau in einer Seitenstraße der Königsallee. Alexander war hier bis vor Kurzem der hochdekorierte „Shootingstar“, der in diesem ehrwürdigen Etablissement direkt nach dem Designstudium begonnen hatte und aufgrund seiner hervorragenden Arbeiten schnell zum Liebling des Chefs aufgestiegen war. Dieser berufliche Erfolg hatte ganz den Erwartungen seiner Eltern entsprochen, und er hatte diesen auch als selbstverständlich hingenommen.
Mit angstvollen, unklaren Erwartungen betrat er sein Büro. Nichts hatte sich verändert, sein aufgeräumter, makelloser Schreibtisch glänzte wie poliert, die Blumen in der Vase auf dem Beistelltisch waren noch nicht verblüht, es war alles so gepflegt wie immer, wenn nicht …
Alexander hatte sich gerade auf seinen Schreibtischstuhl gesetzt, als es an seiner Tür klopfte. Ohne auf eine Aufforderung zu warten, trat sein Chef ein.
Herr Mayer entsprach mit seiner imposanten Erscheinung ganz dem Bild des Vorsitzenden eines gut gehenden, modernen Unternehmens. Er war sehr groß und stattlich und mit seinem dunkelgrauen Maßanzug sehr elegant gekleidet. Trotzdem wirkte er mit seinen fünfundvierzig Jahren und den leicht ergrauten Schläfen noch jugendlich.
„Und, hast du es dir überlegt? Was willst du unternehmen?“, überfiel Herr Mayer seinen Angestellten.
Man duzte sich hier mit allen Mitarbeitern, um die flache Hierarchie in diesem modernen Unternehmen zu betonen. Doch diese direkte Ansprache, ohne freundliche Begrüßung, war für ihn als Chef sehr ungewöhnlich und spiegelte am ehesten seine echte Besorgnis um die Leistungsfähigkeit seines wertvollen Angestellten wider. Alexander bemerkte aber nichts von dieser Sorge seines Chefs und sprang erschrocken auf.
Da war sie wieder, die Frage, auf die Alexander ja selbst keine Antwort wusste. Beide hatten dieses Gespräch in den letzten Wochen schon mehrfach geführt. Herr Mayer hatte mit Besorgnis erfahren müssen, dass die Leistungen von Alexander, den er über lange Zeit als seine beste Arbeitskraft schätzen gelernt hatte, in den letzten Monaten so abgestürzt waren, dass viele Kunden ihre Unzufriedenheit deutlich zum Ausdruck gebracht hatten. Ihm schien es, als ob Alexander all seine Kreativität und Schaffenskraft verloren hatte, sowie seine hervorstechende Fähigkeit, die Wünsche und Bestrebungen der Auftraggeber minuziös zu erfassen und glänzend umzusetzen.
Herr Mayer nahm ihm auch nicht ab, dass er die Ursache seines Versagens nicht erklären könnte. Die Probleme mit seiner Freundin als Grund zu sehen, schien ihm zu oberflächlich. Er kannte Alexanders Ehrgeiz und wusste, dass dies keine ausschlaggebende Rolle spielen konnte. Alexander hatte bisher, da war Herr Mayer sich sicher, immer Beruf und Persönliches trennen können. Seine Karriere hatte für ihn immer an erster Stelle gestanden.
Alexander zögerte noch mit der Antwort auf die Frage seines Chefs, der ihn erwartungsvoll ansah. Als er endlich seine Stimme erheben wollte, fuhr sein Chef schon ungeduldig fort:
„Du weißt schon, dass ich dich auf Dauer so nicht unterstützen kann, trotz meines Wohlwollens. Die Kollegen sind verärgert über deine Position in dieser Firma, ich kann dich nicht mehr schützen. Ich verordne dir Zwangsurlaub von einer Woche und möchte dann deine Pläne präsentiert bekommen, wie du wieder einer meiner besten Mitarbeiter werden kannst. Falls dir dies nicht überzeugend gelingt, muss ich Konsequenzen ziehen!“
Alexander sah seinem Chef an, wie ernst es ihm mit dieser Aussage war. Er hatte ihn noch nie so hart und bestimmend erlebt, sondern kannte ihn bisher nur als jovialen, toleranten Mann, der seinem Gegenüber das Gefühl gab, entgegenkommend behandelt zu werden. Jetzt aber erschien er ihm wie verwandelt.
In diesem Augenblick gelang es Alexander nur schwer, seine Selbstbeherrschung zu wahren. Da er selbst nicht wusste, was mit ihm los war, konnte er seinem Chef ganz sicher keinen Plan präsentieren, der seine vollkommene Erholung sicherte. Seine Entlassung erschien Alexander unausweichlich, gleichzeitig aber auch irreal und mit seinem Selbstbild nach seiner steilen Karriere unvereinbar. Nur mühsam konnte er seine Verunsicherung unterdrücken.
„Reiß dich zusammen und gib mir bald eine vernünftige Antwort!“, hörte er seinen Chef wie von ganz weit her in dem scharfen Ton eines Generals ausrufen.
„Ja, ja … du hast vollkommen recht, mach ich genau so … Bis nächste Woche“, stammelte er unkontrolliert vor sich hin.
Alexander schaute seinen Chef nicht einmal mehr an, drehte sich um, nahm seine Arbeitstasche, verließ schnell das Bürohaus und ging zu seinem Auto. Bevor er startete, zündete er sich eine Zigarette an und inhalierte tief.
Das Rauchen hatte er sich auch erst vor ein paar Wochen wieder angewöhnt. Nur wissen durfte das keiner, dass er dieser Schwäche unterlag. Seine Freundin hatte Zigarettenrauch gehasst, außerdem passte es eigentlich nicht zu seinem modernen Lebensentwurf.
Zumindest zurzeit war das auch egal, er griff nach allem, was ihn irgendwie stabilisieren oder positiv beeinflussen konnte. Ihm wurde aber eher übel von dem Rauch, als dass er sich besser fühlte.
...

