Leben mit verbeulter Krone
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 106
ISBN: 978-3-99185-003-8
Erscheinungsdatum: 24.03.2026
Schon in jungen Jahren erleidet Ben einen schweren Autounfall. Nur mit viel Glück überlebt er den Aufprall. Doch schon bald teilen ihm die Ärzte mit, dass seine Beine gelähmt sind. Wie soll sein Leben jetzt weitergehen?
Es scheint, dass die Lage ernst ist
In nomine Dei Patris
in nomine Jesu Christy Fili Dei vivi
in nomine Spiritus Sancti
„Es scheint, dass die Lage ernst ist, das dachte Benjamin, als er die gemurmelten lateinischen Worte des Priesters als Teil seiner eigenen Krankensalbung einordnen konnte. Vor 10 Jahren, damals gerade ein Zweitklässler, hatte er erstmals an einem solchen Abschiedsritual teilnehmen dürfen. Während der Krankensalbung seiner sterbenden Großmutter hatte er neugierig die anwesenden Eltern, Onkel und Tanten beobachtet. Dabei hatte er intuitiv verstanden, dass er sich still und unauffällig zu verhalten habe, denn die ernsten Gesichter der Erwachsenen hatten Unheil verheißen, wenn er es gewagt hätte, eine der Fragen zu stellen, die ihm auf den Lippen gebrannt hatten. Er war noch nie beim Sterben eines Menschen dabei gewesen, und weil zu jener Zeit Kinderfragen wenig Bedeutung zugemessen worden war, war seine Neugier über den geheimnisvollen Vorgang ungestillt geblieben.
Diesmal war er selbst der Empfänger der Krankensalbung, der lebensfreudige 17-jährige Jungspund, der unmittelbar nach dem Unfall in eine tiefe Ohnmacht gesunken war. Die Rückkehr aus dem Koma verlief keinesfalls gradlinig. Es war, als ob sein Bewusstsein in Trampolinsprüngen aufstiege, um gleich wieder der Schwerkraft nach ins Nichts der schwarzen Nacht abzutauchen. Den Medizinern gaben diese Trampolinsprünge Rätsel auf, denn sie konnten zu den sich stets ändernden Tiefen von Benjamins Koma keine schlüssige Erklärung finden.
Hunger nach Bewunderung
Aus der Fülle der Eindrücke, die an diesem schicksalhaften Unglückstag auf Joe eindrangen, plagte ihn vor allem die Enttäuschung darüber, dass Désirée ihn, trotz seines rasanten Fahrstils, keines Blickes würdigte. Désisirée war sein Schwarm,seit er sie in der Klinik entdeckt hatte, in der seine Schwester vor ein paar Jahren wegen ihrer Kinderlähmung hospitalisiert war. Désirée, Die Tochter des Klinikprofessors war ihm damals ins Auge gestochen durch ihre attraktive Erscheinung, aber auch durch ihr sicheres Auftreten und ihren scharfen Verstand. Joe war schon damals bewusst, dass er als Sohn eines Fabrikarbeiters wenig Chancen haben würde sie zu erobern gegen ihre Herkunft als Tochter des Klinikprofessors und als Studentin mit scharfem Verstand. Er hatte deshalb schon damals mit Charme und etwas extravagantem Verhalten ihre Aufmerksamkeit zu erobern. Jetzt, nach dem Unfall, durch den sein Bruder schwer verletzt worden war, meinte er, dass die Situation außergewöhnlich genug sei um Désirées Beachtung zu erwirken.
Er beschuldigte in seinem Gram über die Nichtbeachtung seiner Heldin Benjamin, die Aufmerksamkeit aller durch seine Bewusstlosigkeit auf sich zu bündeln.
Kurz zuvor hatte jemand aus der Anwohnerschaft, durch den Lärm des Unfalls alarmiert, den Krankenwagen gerufen. Die ärztlichen Helfer hatten den Beifahrer des Unfallwagens in einer seltsam verdrehten Haltung gefunden, kaum auf Ansprache reagierend. Nach einer eiligen Prüfung der Vitalparameter wurde er in die naheliegende Regionalklinik eingewiesen. Dort stellten die diensthabenden Ärzte fest, dass Benjamin in schlechtem Zustand war, nur momentweise wach. Die anwesenden Ärzte und Pflegefachpersonen waren unsicher, was mit einem Patienten mit Paraplegie, mit möglichen inneren Verletzungen sowie Schädel-Hirntrauma zu tun sei, außer allfällige Angehörige zu benachrichtigen und den Priester zur Krankensalbung herbeizurufen.
Letzte Ölung
Nun lag er also in einem Raum, eher einer Kammer, in die schwerkranke Patienten zum Empfang der letzten Ölung gebracht wurden. Teilnehmende Familienmitglieder mussten sich an die Wände schmiegen, um dem Priester genug Bewegungsfreiheit zu lassen. Der Geruch, eine Mischung aus erloschenen Kerzen und Weihrauch, verlieh dem Raum eine sakrale Atmosphäre. Am Kopfende des Bettes hing eine Christusfigur am Kreuz. Der Priester zelebrierte nun die Krankensalbung, die ältere Schwester Adelheid und der inzwischen wieder aufgetauchte Bruder Joe standen stumm mit den Eltern an der Wand. Benjamins Bewusstsein mäanderte durch Zeit und Räume. Dieser Dämmerzustand war so angenehm wie der Zustand, in den er sich früher winters geflüchtet hatte, wenn er die tägliche Frühmesse geschwänzt und in der Wärme des Bahnhofwartesaals seine unerledigten Schulaufgaben nachgeholt oder sich vor Schulbeginn ein kleines Nickerchen gegönnt hatte. Das Bett, in dem Benjamin jetzt lag, war deutlich weicher als damals die Wartebank. So ergab er sich der feierlich traurigen Stimmung so lange, bis sich schließlich wieder der Gedanke formte: „Es scheint, dass die Lage ernst ist.“
Benjamin konnte sich erinnern, dass er mit seinem Bruder Joe im Auto gesessen hatte, und sein letzter Gedanke vor dem Aufprall „JETZT“ blitzte in Hirn und Körper wieder auf und setzte dabei alle Zellen in Erregungszustand. Die Überreizung auszuhalten und den heftigen Gedankenfragmenten zu folgen, war für Benjamin so anstrengend, dass er sich dem gnädigen Schlaf ergab.
Allmählich drangen der priesterliche Singsang und die unterdrückten Schluchzer von Mutter und Schwester in Benjamins Bewusstsein und damit die Frage, ob er gerade auf dem Weg ins Jenseits sei oder ob er noch lebe. Wie damals, als er als Zweitklässler der Krankensalbung der sterbenden Großmutter beigewohnt hatte, traute er sich jetzt in der gedrückten Stimmung nicht, zu fragen, was mit ihm gerade passiere und warum der Priester da sei. Er hatte zuhause von den gläubigen Eltern schon früh von der Existenz von Himmel und Hölle und vom Fegefeuer gehört, sodass er jetzt fürchtete, wegen seiner häufigen Absenzen der Frühmesse bald im Purgatorium entsetzlich leiden zu müssen.
Engelserscheinung
Unvermittelt tauchte eine engelhafte Erscheinung im Raum auf. Eine hellblonde, hinreißend schöne junge Frau berührte ihn sanft und erklärte mit glockenheller Stimme, dass sie jetzt seine Temperatur und seinen Puls messen werde. Benjamin verliebte sich augenblicklich in die Lichtgestalt, die sich ihm später als Schwester Rösi, Schwesternschülerin im zweiten Ausbildungsjahr, vorstellte. Benjamin befürchtete jetzt auf direktem Weg ins Fegefeuer zu sein, weil er zur Schulzeit so oft die Frühmesse geschwänzt hatte. Zwar kannte Benjamin nur die Kindergebete, die ihn seine Mutter früher gelehrt hatte, aber in seiner panischen Furcht vor dem Fegefeuer begann Benjamin inbrünstig zu beten. Verzweifelt richtete er sich direkt an Gott mit dem Hilferuf „lass mich nicht sterben“
Nach einer Weile beruhigte er sich und sein Herz begann zu hüpfen, als er merkte, wie seine Familie mit dem Priester den Raum verließ und er mit Schwester Rösi allein war.
Jetzt endlich wagte er, sie zu fragen, warum er in diesem engen Zimmer liege.
Schwester Rösi erklärte Benjamin, dass er einen Unfall gehabt habe, und sie versprach ihm, dem Arzt ans Herz zu legen, seine Fragen bald zu beantworten. Mittlerweile wurde Benjamins Familie in einem angrenzenden Besprechungsraum über seinen Zustand aufgeklärt und über seine Prognosen. Der wortführende Arzt bemühte sich, möglichst verständlich zu sprechen für die Familie, die er einem medizinfernen Milieu zuordnete. Benjamins Vater konzentrierte sich, um ja kein Fachwort zu verpassen. Er verstand, dass die Ärzte von Benjamins Schädel-Hirn-Trauma nicht allzu sehr beunruhigt schienen. Als Vater von zwei Wildfängen hatte er verschiedentlich erlebt, dass seine Jungen sich nach Stürzen bald von „Hirnerschütterungen“, wie der Hausarzt Schädel-Hirn-Verletzungen jeweils benannt hatte, erholt hatten. So ordnete er jetzt Benjamins Schädel-Hirn-Trauma den jugendlichen Verletzungen zu, die seine Söhne früher jeweils mit ein paar Tagen Bettruhe und Schulabsenz kuriert hatten. Auch jetzt nahm er an, das werde sich mit der nötigen Ruhe von selbst ergeben. Der Wirbelbruch hingegen, so prognostizierten die Ärzte, bedeute zweifelsfrei ein Leben im Rollstuhl und meistens den früher oder später eintretenden Tod durch sekundäre Komplikationen. Benjamins Mutter empfing die Mitteilung, ohne deren ganze Tragweite ermessen zu können. Als tiefgläubige Frau hatte sie bereits ein großes Wunder erfahren. Als ihre damals 16-jährige Tochter mit Kinderlähmung in der eisernen Lunge um ihr Leben gerungen hatte, hatte sie Gott gelobt, dass die ganze Familie zeitlebens vor jeder Mahlzeit ein „unser Vater“ beten würde, wenn Adelheid am Leben bliebe. Jetzt hoffte sie auf die Wirkung eines weiteren Gelöbnisses, dem „unser Vater“ würde ab sofort ein „gegrüßt seist du, Maria“ hinzugefügt, wenn Benjamin den Unfall und seine Folgen überleben würde. Die Mutter stand nach der Genesung Adelheids mit Gott auf gutem Fuß. Sie war davon überzeugt, dass Gott in seiner Gnade es nicht zulassen würde, dass ihr ältester Sohn Joe, ihr Liebling, Schuld am Tod seines Bruders trüge.
Nachdem Schwester Rösi Benjamins Puls und Temperatur gemessen und darüber hinaus einige Zeit vertrödelt hatte, verließ sie leise das Zimmer und Benjamins Familie versammelte sich wieder um sein Bett. Sein Vater drückte ihm die Hand und blickte ihn lange an, ohne ein Wort zu sagen. Er konnte es beinahe nicht verkraften, seinen quirligen Sohn bewegungslos dort liegen zu sehen. Er litt unter der verlorenen Bewegungsfreiheit Benjamins. Allerdings verbarg er den Schmerz tief in seiner Seele und zeigte sich als stiller, Kämpfer der in der Fabrik unermüdlich zentnerschwere Zementsäcke buckelte. Benjamins Mutter schniefte beim Anblick ihres Sohns und seines vor Schmerz versteinerten Vaters. Sie rappelte sich aber auf und putzte mit einem riesigen Männertaschentuch Rotz und Wasser aus dem Gesicht. Schon immer hatte Sie Schicksalsschlägen mit Glauben und mit eisernem Willen getrotzt. Jetzt wandte sie sich an Benjamin mit der Ermahnung: „Bub, nimm dich zusammen, lass den Kopf nicht hängen. Ich werde für dich beten, dann wird alles gut, du kannst den Rollstuhl schon bald locker manövrieren und wieder nach Hause kommen. Joe wird dich die paar Stufen zur Wohnung hochhieven.“
Sein Leben im Rollstuhl sitzend verbringen zu müssen, war für Benjamin unvorstellbar. Seine Freunde und Bekannten waren alle imstande, sich ohne Einschränkung zu bewegen. Keiner war auf ein Hilfsmittel angewiesen. Zudem hatte er erst kürzlich sein neues Fahrrad so waghalsig eingeweiht, dass er kopfüber über die Lenkstange geflogen war. Jahre später war er immer noch davon überzeugt, dass er es damals dem Eingreifen von Schutzengeln zu verdanken gehabt hatte, dass ihm bei seinem halsbrecherischen Manöver nichts geschehen war. Das Fahrrad war das erste, das ihm ganz alleine gehörte. Er hatte dafür eisern die Münzen gehortet, die ihm geblieben waren, nachdem er von seinem mageren Lehrlingslohn seinen Obolus zum Familienbudget beigesteuert hatte. So wertvoll war ihm dieses Gefährt, dass er darauf keinesfalls verzichten wollte, schon gar nicht, um es gegen einen Rollstuhl einzutauschen, aber er träumte davon, Schwester Rösi zu einer Ausfahrt auf dem Rad einzuladen.
So machte er sich in seinem misslichen Zustand wenig Sorgen um seine aktuelle Lage und war zunächst einfach froh, dass Schwester Rösi ihm während seines Krankenhausaufenthaltes Puls und Fieber messen würde. Er wusste, wie wichtig das Fiebermessen war, denn während der Familienquarantäne, die sie während der Wochen von Adelheids Krankheit tageweise mit dem Monopolyspiel verbracht hatten, hatte das Messen der Temperatur zur festen, täglichen Routine gehört.
Behandlungsplanung
Während Benjamin von einer Möglichkeit träumte, Schwester Rösi vor sich auf die Lenkstange zu setzen und mit ihr eine Spazierfahrt zu machen, unterhielten sich die Ärzte im Dienstzimmer ernsthaft über Benjamins Behandlung. Obwohl der Josefstag ein heiliger Feiertag war, beschlossen sie, bei ihrem Chef, Professor Ehrsam, Rat zu einzuholen. Der Zufall wollte es, dass der Sohn Professor Ehrsams, selbst auch Arzt, sich in Kalifornien befand, wo er sich in einer Spezialklinik mit den neuesten Behandlungsmethoden für querschnittgelähmte Menschen vertraut machen wollte. Professor Ehrsam ließ sich auf eine transatlantische Weiterbildung bei seinem Sohn ein. Benjamin wurde also, ohne es zu ahnen, nach den damals modernsten Erkenntnissen aus Amerika behandelt.
Der Professor setzte sein ganzes Wissen und seinen Ehrgeiz darein, dass er Benjamin zwar im Rollstuhl, aber gesund entlassen könne und dieser in seiner Klinik nicht zu den bedauernswerten Todesopfern in der Folge einer Querschnittlähmung werden sollte.
Er berief eine Versammlung aller medizinischen Angestellten ein und sprach eindringlich davon, dass alle ihr Bestes geben sollten, damit dieser frische, junge Patient keine der bekannten Komplikationen erleiden sollte. Die Abteilung wurde so organisiert, dass Tag und Nacht genug Absolventinnen der Pflegefachschule auf Station waren, um Benjamin regelmäßig umzulagern.
Die Stationsleiterin, Schwester Martha, eine tüchtige, erfahrene Pflegefachfrau, drohte den Schülerinnen Maßnahmen an, wenn Benjamin eine wundgelegene Stelle (Dekubitus) entwickeln würde. Dekubiti oder Druckgeschwüre sind offene Wunden, die durch anhaltenden Druck entstehen. Sie entwickeln sich meist direkt über einem Knochen, etwa an Steißbein oder Ferse. Durch Benjamins fehlende Sensorik hatte er keinerlei spontanen Impulse, Gesäß oder Fersen zu entlasten, wie das unverletzte Menschen automatisch, sogar im Schlaf tun, indem sie die Position ändern. Benjamin musste also prophylaktisch umgelagert werden, zuerst halbstündlich, später stündlich.
Pflegedevise
Blasen-Darm-Management wurde nebst Umlagerung zur prioritären Pflegedevise für Benjamin erklärt.
Als erste Maßnahme wurde Benjamin ein Blasenkatheter gelegt. Das durch den Penis in die Harnblase eingeführte flexible Kunststoffröhrchen (Katheter) sollte dafür sorgen, dass der Harn stetig abgeführt würde und einen bakteriellen Blaseninfekt verhindern würde. Das körperferne Ende des Katheters war ein transparenter Kunststoffsack, an dessen Füllung die abgegangene Harnmenge abgelesen werden konnte. Der Wechsel des vollen Harnsacks war ein Klacks. Dafür brauchte es keine besonderen, pflegerischen Kenntnisse. Etwas aufwendiger war der Wechsel des gesamten Katheter Systems. Die meisten Pflegeschülerinnen waren noch ungeübt im Umgang mit dem männlichen Genital und deshalb manchmal etwas ungeschickt. Benjamin empfand diese intimen „Behandlungen“ von Frauen, die kaum älter waren als er selbst, als unangenehm, und er versuchte, mit Galgenhumor seine Verlegenheit in Schranken zu halten.
Umlagerung
Noch bevor die ersten technischen und emotionalen Schwierigkeiten mit der Handhabung des Katheters überwunden waren, ging es darum, die halbstündliche Umlagerung zu meistern. Schwester Martha demonstrierte mit zwei Schülerinnen, wie das Drehen des Patienten vor sich gehen sollte. Zwei Pflegende würden nebeneinanderstehen, ihre Hände und Unterarme müssten sie auf Höhe der Schulterblätter, respektive des Beckens, zwischen Matratze und Körper schieben. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte die Person zu stehen, die verhindern würde, dass Benjamin durch die allzu schwungvolle Drehhilfe der Kolleginnen aus dem Bett fallen würde.
So kam es, dass der junge Patient sich vor jedem Lagewechsel auf das muntere Geplauder der Pflegeschülerinnen freute, auf deren nach Handseife riechenden Hände und die steifen, nach Wäschestärke duftenden Schürzen. Ein besonders angenehmer Wohlgeruch erfreute seine Nase und ließ seinen Herzschlag beschleunigen, wenn Schwester Rösi an der Reihe für das Drehmanöver war. Sie pflegte sich vor Arbeitsbeginn nicht bloß die Hände zu waschen, sondern auch, sich einen Hauch Parfum auf Handgelenke und Halsgrübchen zu tupfen.
Schwester Martha hatte im Laufe ihrer langjährigen Funktion als Vorgesetzte im Erstellen der Einsatzpläne Routine entwickelt. Im Nu füllte sie jeweils das Raster, aus, dem ihre Schülerinnen und die diplomierten Fachleute die Zeit, den Ort ihres Einsatzes und ihre Aufgabe entnehmen konnten.
Jetzt, mit der aufwendigen Umlagerung Benjamins, wurde es komplizierter, das Puzzle so zu erstellen, dass alle zu ihrer berechtigten Freizeit kamen. Zum Glück erinnerte sie sih daran, dass seit einigen Monaten auf dem Spind ein sogenanntes Sandwichbett eingelagert war. Sie schlug vor, Benjamin mit dem Sandwichbett umzulagern statt die halbstündliche Umlagerung den Pflegeschülerinnen zu delegieren.
Das Sandwichbett kann mit einem Sandwich verglichen werden, bei dem eine Scheibe Schinken zwischen zwei Scheiben Toastbrot eingeklemmt ist. Anstelle des Toastes dient eine Matratze, auf der der Patient bequem auf dem Rücken liegt. Sozusagen als Baldachin schwebt die zweite Matratze über dem Patient, mit einer Öffnung, die später Platz bietet für die Nase.
Um zu verhindern, dass der Patient beim Wendemanöver zwischen den beiden Matratzen durch auf den Boden gleitet, wird er an mehreren Stellen mit einem Gurtsystem gesichert. Wenn der Baldachin bis zum Anschlag auf den Körper des Patienten gesenkt ist, kann eine Person mühelos den Schwenkmechanismus bedienen. Der Patient wird so – schwupps- von der Bauchlage in Rückenlage gewuchtet oder umgekehrt.
Benjamin liebte den Moment des Drehens, denn dieser erinnerte ihn an seine Ritte auf der Jahrmarktschaukel, die er als Knabe auf der jährlichen Kirmes ausgekostet hatte, so oft sein Taschengeld das erlaubt hatte. Damals war der Ritt auf der Schaukel dann am aufregendsten gewesen, wenn die Schaukel ihren Höhepunkt erreicht hatte und nach einem lauten Begeisterungsjauchzer der Schaukelnden mit deren hüpfenden Mägen wieder abwärts gesaust war. Sein jetziges Lager verursachte ihm beim Drehen zwar keinen hüpfenden Magen wie damals die Schaukel, aber schon der relativ sanfte Moment des Wechsels zwischen Bauchlage und Rückenposition löste jedes Mal einen angenehmen Schauer der Erinnerung an das kindliche Schaukelabenteuer von damals aus.
Seit seiner Einlieferung in die Klinik hatten beinahe ausschließlich Frauen und Männer in Spitaluniform mit Benjamin geredet. Er vermisste es, sich natürlich unterhalten zu können, ohne dass seine Aussagen sofort als Diagnose für seinen psychischen Zustand ausgelegt wurden.
Benjamin freute sich daher darüber, dass die enorme Größe des Sandwichbettes die Platzreserve seiner kleinen Kammer sprengte und er in ein geräumiges Zweibettzimmer verlegt werden sollte. Zwei Pflegeschülerinnen manövrierten das klotzige Drehgestell mitsamt seinem Patient an die freie Stelle des Zimmers Nummer 17. Der neue Zimmernachbar, Felix, hatte eine Schulteroperation hinter sich und lag mit einem unhandlichen Gestell im Bett. „Hallo“, machte Benjamin sich dem künftigen Bettnachbar, von dem er nur den roten Haarwusch sah, bemerkbar, „ich bin Benjamin und werde eine Weile dieses Zimmer mit dir teilen müssen. „Falls du dich fragst, was das für eine seltsame Maschinerie sein könnte, in der ich liege, wirst du es spätestens in einer halben Stunde mit eigenen Augen zu sehen bekommen.“
Als Reaktion auf diese Ansprache arrangierte Felix sein Schultergestell so, dass er mit Benjamin in Blickkontakt treten konnte „Da bin ich ja mal gespannt“, meinte er, „so ein Vehikel habe ich noch nie gesehen – und übrigens, ich bin Felix und ich hoffe, dass es mit dir nicht mehr so grauenvoll langweilig sein wird wie bisher.“
Kaum gesagt klopfte es und drei Burschen mit Irokesenfrisur und Militärstiefeln vertrieben durch ihr dezidiertes Eintreten jeden möglichen Anflug von Langeweile. Als dann auch noch die beiden Pflegeschülerinnen den Wechsel von Benjamins Urinsack ankündigten und meinten, dass es Zeit sei, in die Bauchlage zu wechseln, war für Felix die Show eröffnet. Die drei „Irokeser“ kommentierten jeden Handgriff der Schülerinnen und machten Witze über den vollen Urinbeutel, bis die eine der beiden Schülerinnen, zufälligerweise war es Schwester Rösi, ihnen den Sack mitsamt Schlauch vor die Nase hielt und fragte, ob sie gerne davon kosten würden.
Die schlagfertige Reaktion Schwester Rösis beeindruckte offensichtlich die drei Besucher, denn sie setzten sich widerspruchslos auf die ihnen zugewiesenen Sitzgelegenheiten. Der „Irokese“ mit der extremsten Haartolle stieß einen Pfiff aus und zwinkerte Schwester Rösi zu. Sie hatte in ihren beiden bisherigen Ausbildungsjahren gelernt, mit widerspenstigen Patienten und deren Besuchern umzugehen. Sie blieb deshalb gelassen, auch wenn die Erscheinung und das Verhalten der „Irokeser“ noch ein paar künftige Herausforderungen versprachen.
Mit einem dezidierten „so“ leitete sie den nächsten Teil der Show ein. „Jetzt ist es aber Zeit, Benjamin auf den Bauch zu drehen, damit er nicht wund liegt.“ Schwester Rösis entschiedene Anweisungen beeindruckten Felix’ Freunde dermaßen, dass sie sich allfälliger weiterer Kommentare enthielten und sich nach einiger Zeit kleinlaut verabschiedeten.
Die beiden Patienten von Zimmer Nummer 17 gewöhnten sich schnell aneinander. Die Kollegen von Felix freundeten sich, trotz Schwester Rösis drakonischer Anweisungen, bald mit Benjamin an, und so gestalteten sich deren Besuche für alle kurzweilig. Benjamins Eltern hatten ihm schweizerische Karten (für den nationalen Jass (eine Art Skatspiel) geschickt, sodass die Besuchszeit jeweils im Nu mit unterhaltsamem Spiel verflog.
In nomine Dei Patris
in nomine Jesu Christy Fili Dei vivi
in nomine Spiritus Sancti
„Es scheint, dass die Lage ernst ist, das dachte Benjamin, als er die gemurmelten lateinischen Worte des Priesters als Teil seiner eigenen Krankensalbung einordnen konnte. Vor 10 Jahren, damals gerade ein Zweitklässler, hatte er erstmals an einem solchen Abschiedsritual teilnehmen dürfen. Während der Krankensalbung seiner sterbenden Großmutter hatte er neugierig die anwesenden Eltern, Onkel und Tanten beobachtet. Dabei hatte er intuitiv verstanden, dass er sich still und unauffällig zu verhalten habe, denn die ernsten Gesichter der Erwachsenen hatten Unheil verheißen, wenn er es gewagt hätte, eine der Fragen zu stellen, die ihm auf den Lippen gebrannt hatten. Er war noch nie beim Sterben eines Menschen dabei gewesen, und weil zu jener Zeit Kinderfragen wenig Bedeutung zugemessen worden war, war seine Neugier über den geheimnisvollen Vorgang ungestillt geblieben.
Diesmal war er selbst der Empfänger der Krankensalbung, der lebensfreudige 17-jährige Jungspund, der unmittelbar nach dem Unfall in eine tiefe Ohnmacht gesunken war. Die Rückkehr aus dem Koma verlief keinesfalls gradlinig. Es war, als ob sein Bewusstsein in Trampolinsprüngen aufstiege, um gleich wieder der Schwerkraft nach ins Nichts der schwarzen Nacht abzutauchen. Den Medizinern gaben diese Trampolinsprünge Rätsel auf, denn sie konnten zu den sich stets ändernden Tiefen von Benjamins Koma keine schlüssige Erklärung finden.
Hunger nach Bewunderung
Aus der Fülle der Eindrücke, die an diesem schicksalhaften Unglückstag auf Joe eindrangen, plagte ihn vor allem die Enttäuschung darüber, dass Désirée ihn, trotz seines rasanten Fahrstils, keines Blickes würdigte. Désisirée war sein Schwarm,seit er sie in der Klinik entdeckt hatte, in der seine Schwester vor ein paar Jahren wegen ihrer Kinderlähmung hospitalisiert war. Désirée, Die Tochter des Klinikprofessors war ihm damals ins Auge gestochen durch ihre attraktive Erscheinung, aber auch durch ihr sicheres Auftreten und ihren scharfen Verstand. Joe war schon damals bewusst, dass er als Sohn eines Fabrikarbeiters wenig Chancen haben würde sie zu erobern gegen ihre Herkunft als Tochter des Klinikprofessors und als Studentin mit scharfem Verstand. Er hatte deshalb schon damals mit Charme und etwas extravagantem Verhalten ihre Aufmerksamkeit zu erobern. Jetzt, nach dem Unfall, durch den sein Bruder schwer verletzt worden war, meinte er, dass die Situation außergewöhnlich genug sei um Désirées Beachtung zu erwirken.
Er beschuldigte in seinem Gram über die Nichtbeachtung seiner Heldin Benjamin, die Aufmerksamkeit aller durch seine Bewusstlosigkeit auf sich zu bündeln.
Kurz zuvor hatte jemand aus der Anwohnerschaft, durch den Lärm des Unfalls alarmiert, den Krankenwagen gerufen. Die ärztlichen Helfer hatten den Beifahrer des Unfallwagens in einer seltsam verdrehten Haltung gefunden, kaum auf Ansprache reagierend. Nach einer eiligen Prüfung der Vitalparameter wurde er in die naheliegende Regionalklinik eingewiesen. Dort stellten die diensthabenden Ärzte fest, dass Benjamin in schlechtem Zustand war, nur momentweise wach. Die anwesenden Ärzte und Pflegefachpersonen waren unsicher, was mit einem Patienten mit Paraplegie, mit möglichen inneren Verletzungen sowie Schädel-Hirntrauma zu tun sei, außer allfällige Angehörige zu benachrichtigen und den Priester zur Krankensalbung herbeizurufen.
Letzte Ölung
Nun lag er also in einem Raum, eher einer Kammer, in die schwerkranke Patienten zum Empfang der letzten Ölung gebracht wurden. Teilnehmende Familienmitglieder mussten sich an die Wände schmiegen, um dem Priester genug Bewegungsfreiheit zu lassen. Der Geruch, eine Mischung aus erloschenen Kerzen und Weihrauch, verlieh dem Raum eine sakrale Atmosphäre. Am Kopfende des Bettes hing eine Christusfigur am Kreuz. Der Priester zelebrierte nun die Krankensalbung, die ältere Schwester Adelheid und der inzwischen wieder aufgetauchte Bruder Joe standen stumm mit den Eltern an der Wand. Benjamins Bewusstsein mäanderte durch Zeit und Räume. Dieser Dämmerzustand war so angenehm wie der Zustand, in den er sich früher winters geflüchtet hatte, wenn er die tägliche Frühmesse geschwänzt und in der Wärme des Bahnhofwartesaals seine unerledigten Schulaufgaben nachgeholt oder sich vor Schulbeginn ein kleines Nickerchen gegönnt hatte. Das Bett, in dem Benjamin jetzt lag, war deutlich weicher als damals die Wartebank. So ergab er sich der feierlich traurigen Stimmung so lange, bis sich schließlich wieder der Gedanke formte: „Es scheint, dass die Lage ernst ist.“
Benjamin konnte sich erinnern, dass er mit seinem Bruder Joe im Auto gesessen hatte, und sein letzter Gedanke vor dem Aufprall „JETZT“ blitzte in Hirn und Körper wieder auf und setzte dabei alle Zellen in Erregungszustand. Die Überreizung auszuhalten und den heftigen Gedankenfragmenten zu folgen, war für Benjamin so anstrengend, dass er sich dem gnädigen Schlaf ergab.
Allmählich drangen der priesterliche Singsang und die unterdrückten Schluchzer von Mutter und Schwester in Benjamins Bewusstsein und damit die Frage, ob er gerade auf dem Weg ins Jenseits sei oder ob er noch lebe. Wie damals, als er als Zweitklässler der Krankensalbung der sterbenden Großmutter beigewohnt hatte, traute er sich jetzt in der gedrückten Stimmung nicht, zu fragen, was mit ihm gerade passiere und warum der Priester da sei. Er hatte zuhause von den gläubigen Eltern schon früh von der Existenz von Himmel und Hölle und vom Fegefeuer gehört, sodass er jetzt fürchtete, wegen seiner häufigen Absenzen der Frühmesse bald im Purgatorium entsetzlich leiden zu müssen.
Engelserscheinung
Unvermittelt tauchte eine engelhafte Erscheinung im Raum auf. Eine hellblonde, hinreißend schöne junge Frau berührte ihn sanft und erklärte mit glockenheller Stimme, dass sie jetzt seine Temperatur und seinen Puls messen werde. Benjamin verliebte sich augenblicklich in die Lichtgestalt, die sich ihm später als Schwester Rösi, Schwesternschülerin im zweiten Ausbildungsjahr, vorstellte. Benjamin befürchtete jetzt auf direktem Weg ins Fegefeuer zu sein, weil er zur Schulzeit so oft die Frühmesse geschwänzt hatte. Zwar kannte Benjamin nur die Kindergebete, die ihn seine Mutter früher gelehrt hatte, aber in seiner panischen Furcht vor dem Fegefeuer begann Benjamin inbrünstig zu beten. Verzweifelt richtete er sich direkt an Gott mit dem Hilferuf „lass mich nicht sterben“
Nach einer Weile beruhigte er sich und sein Herz begann zu hüpfen, als er merkte, wie seine Familie mit dem Priester den Raum verließ und er mit Schwester Rösi allein war.
Jetzt endlich wagte er, sie zu fragen, warum er in diesem engen Zimmer liege.
Schwester Rösi erklärte Benjamin, dass er einen Unfall gehabt habe, und sie versprach ihm, dem Arzt ans Herz zu legen, seine Fragen bald zu beantworten. Mittlerweile wurde Benjamins Familie in einem angrenzenden Besprechungsraum über seinen Zustand aufgeklärt und über seine Prognosen. Der wortführende Arzt bemühte sich, möglichst verständlich zu sprechen für die Familie, die er einem medizinfernen Milieu zuordnete. Benjamins Vater konzentrierte sich, um ja kein Fachwort zu verpassen. Er verstand, dass die Ärzte von Benjamins Schädel-Hirn-Trauma nicht allzu sehr beunruhigt schienen. Als Vater von zwei Wildfängen hatte er verschiedentlich erlebt, dass seine Jungen sich nach Stürzen bald von „Hirnerschütterungen“, wie der Hausarzt Schädel-Hirn-Verletzungen jeweils benannt hatte, erholt hatten. So ordnete er jetzt Benjamins Schädel-Hirn-Trauma den jugendlichen Verletzungen zu, die seine Söhne früher jeweils mit ein paar Tagen Bettruhe und Schulabsenz kuriert hatten. Auch jetzt nahm er an, das werde sich mit der nötigen Ruhe von selbst ergeben. Der Wirbelbruch hingegen, so prognostizierten die Ärzte, bedeute zweifelsfrei ein Leben im Rollstuhl und meistens den früher oder später eintretenden Tod durch sekundäre Komplikationen. Benjamins Mutter empfing die Mitteilung, ohne deren ganze Tragweite ermessen zu können. Als tiefgläubige Frau hatte sie bereits ein großes Wunder erfahren. Als ihre damals 16-jährige Tochter mit Kinderlähmung in der eisernen Lunge um ihr Leben gerungen hatte, hatte sie Gott gelobt, dass die ganze Familie zeitlebens vor jeder Mahlzeit ein „unser Vater“ beten würde, wenn Adelheid am Leben bliebe. Jetzt hoffte sie auf die Wirkung eines weiteren Gelöbnisses, dem „unser Vater“ würde ab sofort ein „gegrüßt seist du, Maria“ hinzugefügt, wenn Benjamin den Unfall und seine Folgen überleben würde. Die Mutter stand nach der Genesung Adelheids mit Gott auf gutem Fuß. Sie war davon überzeugt, dass Gott in seiner Gnade es nicht zulassen würde, dass ihr ältester Sohn Joe, ihr Liebling, Schuld am Tod seines Bruders trüge.
Nachdem Schwester Rösi Benjamins Puls und Temperatur gemessen und darüber hinaus einige Zeit vertrödelt hatte, verließ sie leise das Zimmer und Benjamins Familie versammelte sich wieder um sein Bett. Sein Vater drückte ihm die Hand und blickte ihn lange an, ohne ein Wort zu sagen. Er konnte es beinahe nicht verkraften, seinen quirligen Sohn bewegungslos dort liegen zu sehen. Er litt unter der verlorenen Bewegungsfreiheit Benjamins. Allerdings verbarg er den Schmerz tief in seiner Seele und zeigte sich als stiller, Kämpfer der in der Fabrik unermüdlich zentnerschwere Zementsäcke buckelte. Benjamins Mutter schniefte beim Anblick ihres Sohns und seines vor Schmerz versteinerten Vaters. Sie rappelte sich aber auf und putzte mit einem riesigen Männertaschentuch Rotz und Wasser aus dem Gesicht. Schon immer hatte Sie Schicksalsschlägen mit Glauben und mit eisernem Willen getrotzt. Jetzt wandte sie sich an Benjamin mit der Ermahnung: „Bub, nimm dich zusammen, lass den Kopf nicht hängen. Ich werde für dich beten, dann wird alles gut, du kannst den Rollstuhl schon bald locker manövrieren und wieder nach Hause kommen. Joe wird dich die paar Stufen zur Wohnung hochhieven.“
Sein Leben im Rollstuhl sitzend verbringen zu müssen, war für Benjamin unvorstellbar. Seine Freunde und Bekannten waren alle imstande, sich ohne Einschränkung zu bewegen. Keiner war auf ein Hilfsmittel angewiesen. Zudem hatte er erst kürzlich sein neues Fahrrad so waghalsig eingeweiht, dass er kopfüber über die Lenkstange geflogen war. Jahre später war er immer noch davon überzeugt, dass er es damals dem Eingreifen von Schutzengeln zu verdanken gehabt hatte, dass ihm bei seinem halsbrecherischen Manöver nichts geschehen war. Das Fahrrad war das erste, das ihm ganz alleine gehörte. Er hatte dafür eisern die Münzen gehortet, die ihm geblieben waren, nachdem er von seinem mageren Lehrlingslohn seinen Obolus zum Familienbudget beigesteuert hatte. So wertvoll war ihm dieses Gefährt, dass er darauf keinesfalls verzichten wollte, schon gar nicht, um es gegen einen Rollstuhl einzutauschen, aber er träumte davon, Schwester Rösi zu einer Ausfahrt auf dem Rad einzuladen.
So machte er sich in seinem misslichen Zustand wenig Sorgen um seine aktuelle Lage und war zunächst einfach froh, dass Schwester Rösi ihm während seines Krankenhausaufenthaltes Puls und Fieber messen würde. Er wusste, wie wichtig das Fiebermessen war, denn während der Familienquarantäne, die sie während der Wochen von Adelheids Krankheit tageweise mit dem Monopolyspiel verbracht hatten, hatte das Messen der Temperatur zur festen, täglichen Routine gehört.
Behandlungsplanung
Während Benjamin von einer Möglichkeit träumte, Schwester Rösi vor sich auf die Lenkstange zu setzen und mit ihr eine Spazierfahrt zu machen, unterhielten sich die Ärzte im Dienstzimmer ernsthaft über Benjamins Behandlung. Obwohl der Josefstag ein heiliger Feiertag war, beschlossen sie, bei ihrem Chef, Professor Ehrsam, Rat zu einzuholen. Der Zufall wollte es, dass der Sohn Professor Ehrsams, selbst auch Arzt, sich in Kalifornien befand, wo er sich in einer Spezialklinik mit den neuesten Behandlungsmethoden für querschnittgelähmte Menschen vertraut machen wollte. Professor Ehrsam ließ sich auf eine transatlantische Weiterbildung bei seinem Sohn ein. Benjamin wurde also, ohne es zu ahnen, nach den damals modernsten Erkenntnissen aus Amerika behandelt.
Der Professor setzte sein ganzes Wissen und seinen Ehrgeiz darein, dass er Benjamin zwar im Rollstuhl, aber gesund entlassen könne und dieser in seiner Klinik nicht zu den bedauernswerten Todesopfern in der Folge einer Querschnittlähmung werden sollte.
Er berief eine Versammlung aller medizinischen Angestellten ein und sprach eindringlich davon, dass alle ihr Bestes geben sollten, damit dieser frische, junge Patient keine der bekannten Komplikationen erleiden sollte. Die Abteilung wurde so organisiert, dass Tag und Nacht genug Absolventinnen der Pflegefachschule auf Station waren, um Benjamin regelmäßig umzulagern.
Die Stationsleiterin, Schwester Martha, eine tüchtige, erfahrene Pflegefachfrau, drohte den Schülerinnen Maßnahmen an, wenn Benjamin eine wundgelegene Stelle (Dekubitus) entwickeln würde. Dekubiti oder Druckgeschwüre sind offene Wunden, die durch anhaltenden Druck entstehen. Sie entwickeln sich meist direkt über einem Knochen, etwa an Steißbein oder Ferse. Durch Benjamins fehlende Sensorik hatte er keinerlei spontanen Impulse, Gesäß oder Fersen zu entlasten, wie das unverletzte Menschen automatisch, sogar im Schlaf tun, indem sie die Position ändern. Benjamin musste also prophylaktisch umgelagert werden, zuerst halbstündlich, später stündlich.
Pflegedevise
Blasen-Darm-Management wurde nebst Umlagerung zur prioritären Pflegedevise für Benjamin erklärt.
Als erste Maßnahme wurde Benjamin ein Blasenkatheter gelegt. Das durch den Penis in die Harnblase eingeführte flexible Kunststoffröhrchen (Katheter) sollte dafür sorgen, dass der Harn stetig abgeführt würde und einen bakteriellen Blaseninfekt verhindern würde. Das körperferne Ende des Katheters war ein transparenter Kunststoffsack, an dessen Füllung die abgegangene Harnmenge abgelesen werden konnte. Der Wechsel des vollen Harnsacks war ein Klacks. Dafür brauchte es keine besonderen, pflegerischen Kenntnisse. Etwas aufwendiger war der Wechsel des gesamten Katheter Systems. Die meisten Pflegeschülerinnen waren noch ungeübt im Umgang mit dem männlichen Genital und deshalb manchmal etwas ungeschickt. Benjamin empfand diese intimen „Behandlungen“ von Frauen, die kaum älter waren als er selbst, als unangenehm, und er versuchte, mit Galgenhumor seine Verlegenheit in Schranken zu halten.
Umlagerung
Noch bevor die ersten technischen und emotionalen Schwierigkeiten mit der Handhabung des Katheters überwunden waren, ging es darum, die halbstündliche Umlagerung zu meistern. Schwester Martha demonstrierte mit zwei Schülerinnen, wie das Drehen des Patienten vor sich gehen sollte. Zwei Pflegende würden nebeneinanderstehen, ihre Hände und Unterarme müssten sie auf Höhe der Schulterblätter, respektive des Beckens, zwischen Matratze und Körper schieben. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte die Person zu stehen, die verhindern würde, dass Benjamin durch die allzu schwungvolle Drehhilfe der Kolleginnen aus dem Bett fallen würde.
So kam es, dass der junge Patient sich vor jedem Lagewechsel auf das muntere Geplauder der Pflegeschülerinnen freute, auf deren nach Handseife riechenden Hände und die steifen, nach Wäschestärke duftenden Schürzen. Ein besonders angenehmer Wohlgeruch erfreute seine Nase und ließ seinen Herzschlag beschleunigen, wenn Schwester Rösi an der Reihe für das Drehmanöver war. Sie pflegte sich vor Arbeitsbeginn nicht bloß die Hände zu waschen, sondern auch, sich einen Hauch Parfum auf Handgelenke und Halsgrübchen zu tupfen.
Schwester Martha hatte im Laufe ihrer langjährigen Funktion als Vorgesetzte im Erstellen der Einsatzpläne Routine entwickelt. Im Nu füllte sie jeweils das Raster, aus, dem ihre Schülerinnen und die diplomierten Fachleute die Zeit, den Ort ihres Einsatzes und ihre Aufgabe entnehmen konnten.
Jetzt, mit der aufwendigen Umlagerung Benjamins, wurde es komplizierter, das Puzzle so zu erstellen, dass alle zu ihrer berechtigten Freizeit kamen. Zum Glück erinnerte sie sih daran, dass seit einigen Monaten auf dem Spind ein sogenanntes Sandwichbett eingelagert war. Sie schlug vor, Benjamin mit dem Sandwichbett umzulagern statt die halbstündliche Umlagerung den Pflegeschülerinnen zu delegieren.
Das Sandwichbett kann mit einem Sandwich verglichen werden, bei dem eine Scheibe Schinken zwischen zwei Scheiben Toastbrot eingeklemmt ist. Anstelle des Toastes dient eine Matratze, auf der der Patient bequem auf dem Rücken liegt. Sozusagen als Baldachin schwebt die zweite Matratze über dem Patient, mit einer Öffnung, die später Platz bietet für die Nase.
Um zu verhindern, dass der Patient beim Wendemanöver zwischen den beiden Matratzen durch auf den Boden gleitet, wird er an mehreren Stellen mit einem Gurtsystem gesichert. Wenn der Baldachin bis zum Anschlag auf den Körper des Patienten gesenkt ist, kann eine Person mühelos den Schwenkmechanismus bedienen. Der Patient wird so – schwupps- von der Bauchlage in Rückenlage gewuchtet oder umgekehrt.
Benjamin liebte den Moment des Drehens, denn dieser erinnerte ihn an seine Ritte auf der Jahrmarktschaukel, die er als Knabe auf der jährlichen Kirmes ausgekostet hatte, so oft sein Taschengeld das erlaubt hatte. Damals war der Ritt auf der Schaukel dann am aufregendsten gewesen, wenn die Schaukel ihren Höhepunkt erreicht hatte und nach einem lauten Begeisterungsjauchzer der Schaukelnden mit deren hüpfenden Mägen wieder abwärts gesaust war. Sein jetziges Lager verursachte ihm beim Drehen zwar keinen hüpfenden Magen wie damals die Schaukel, aber schon der relativ sanfte Moment des Wechsels zwischen Bauchlage und Rückenposition löste jedes Mal einen angenehmen Schauer der Erinnerung an das kindliche Schaukelabenteuer von damals aus.
Seit seiner Einlieferung in die Klinik hatten beinahe ausschließlich Frauen und Männer in Spitaluniform mit Benjamin geredet. Er vermisste es, sich natürlich unterhalten zu können, ohne dass seine Aussagen sofort als Diagnose für seinen psychischen Zustand ausgelegt wurden.
Benjamin freute sich daher darüber, dass die enorme Größe des Sandwichbettes die Platzreserve seiner kleinen Kammer sprengte und er in ein geräumiges Zweibettzimmer verlegt werden sollte. Zwei Pflegeschülerinnen manövrierten das klotzige Drehgestell mitsamt seinem Patient an die freie Stelle des Zimmers Nummer 17. Der neue Zimmernachbar, Felix, hatte eine Schulteroperation hinter sich und lag mit einem unhandlichen Gestell im Bett. „Hallo“, machte Benjamin sich dem künftigen Bettnachbar, von dem er nur den roten Haarwusch sah, bemerkbar, „ich bin Benjamin und werde eine Weile dieses Zimmer mit dir teilen müssen. „Falls du dich fragst, was das für eine seltsame Maschinerie sein könnte, in der ich liege, wirst du es spätestens in einer halben Stunde mit eigenen Augen zu sehen bekommen.“
Als Reaktion auf diese Ansprache arrangierte Felix sein Schultergestell so, dass er mit Benjamin in Blickkontakt treten konnte „Da bin ich ja mal gespannt“, meinte er, „so ein Vehikel habe ich noch nie gesehen – und übrigens, ich bin Felix und ich hoffe, dass es mit dir nicht mehr so grauenvoll langweilig sein wird wie bisher.“
Kaum gesagt klopfte es und drei Burschen mit Irokesenfrisur und Militärstiefeln vertrieben durch ihr dezidiertes Eintreten jeden möglichen Anflug von Langeweile. Als dann auch noch die beiden Pflegeschülerinnen den Wechsel von Benjamins Urinsack ankündigten und meinten, dass es Zeit sei, in die Bauchlage zu wechseln, war für Felix die Show eröffnet. Die drei „Irokeser“ kommentierten jeden Handgriff der Schülerinnen und machten Witze über den vollen Urinbeutel, bis die eine der beiden Schülerinnen, zufälligerweise war es Schwester Rösi, ihnen den Sack mitsamt Schlauch vor die Nase hielt und fragte, ob sie gerne davon kosten würden.
Die schlagfertige Reaktion Schwester Rösis beeindruckte offensichtlich die drei Besucher, denn sie setzten sich widerspruchslos auf die ihnen zugewiesenen Sitzgelegenheiten. Der „Irokese“ mit der extremsten Haartolle stieß einen Pfiff aus und zwinkerte Schwester Rösi zu. Sie hatte in ihren beiden bisherigen Ausbildungsjahren gelernt, mit widerspenstigen Patienten und deren Besuchern umzugehen. Sie blieb deshalb gelassen, auch wenn die Erscheinung und das Verhalten der „Irokeser“ noch ein paar künftige Herausforderungen versprachen.
Mit einem dezidierten „so“ leitete sie den nächsten Teil der Show ein. „Jetzt ist es aber Zeit, Benjamin auf den Bauch zu drehen, damit er nicht wund liegt.“ Schwester Rösis entschiedene Anweisungen beeindruckten Felix’ Freunde dermaßen, dass sie sich allfälliger weiterer Kommentare enthielten und sich nach einiger Zeit kleinlaut verabschiedeten.
Die beiden Patienten von Zimmer Nummer 17 gewöhnten sich schnell aneinander. Die Kollegen von Felix freundeten sich, trotz Schwester Rösis drakonischer Anweisungen, bald mit Benjamin an, und so gestalteten sich deren Besuche für alle kurzweilig. Benjamins Eltern hatten ihm schweizerische Karten (für den nationalen Jass (eine Art Skatspiel) geschickt, sodass die Besuchszeit jeweils im Nu mit unterhaltsamem Spiel verflog.

