Kurzgeschichten von Hamandus
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 72
ISBN: 978-3-7116-1722-4
Erscheinungsdatum: 21.07.2026
Gefühlvoll und mit feinem Humor erzählt Hamandus von den kleinen Widrigkeiten und großen Momenten seines Lebens. In seinen beziehungstechnischen Abenteuern erkennen sich viele wieder – heitere Alltagsgeschichten zum Vorlesen, Nachdenken und Schmunzeln.
1
Hamandus stellt sich vor
Durch meine neue Liebe lernte ich auch Hamandus kennen. Hamandus ist eine fiktiv erfundene Figur, der zur Freude der Zuhörer kleine Geschichten zum Besten gibt, die den Alltag erfrischen.
Hamandus ist ein hagerer, sehr konservativ denkender Mann mittleren Alters mit klarem Blick und häufig veralteten Ansichten, der bei seinem Gegenüber alle Feinheiten achtsam beobachtet und anspricht.
Er hat eine Bekannte: Gretchen Pohlbrink. Diese seine Bekannte ist von kleiner, dicklicher Statur, hat rotes Haar und eine dicke Hornbrille, die ihre Augen doppelt so groß erscheinen lässt. Sie hat eine spitze Nase. Ihre Stimme ist etwas schrill und oft aufgeregt, was Hamandus dazu bewegt, nicht zu viel Freizeit mit Gretchen zu verbringen.
Peter ist Hamandus’ langjähriger Freund, der ihm Rückhalt in allen Lebenslagen gibt. Beide kennen sich schon Jahre und treffen sich mindestens einmal die Woche, oft am Donnerstag, im Kaffee, um sich auszutauschen.
Oft trifft sich Hamandus mit Peter, der oft nicht an sich halten kann und gern mal über die Welt allgemein und insbesondere über allerlei Menschen lästert.
So war es neulich, als Peter zu Hamandus spricht: Das Gretchen sieht aus wie eine Fledermaus mit zu kurzen Ohren. Peter schmunzelt über seine Formulierung, doch Hamandus ist sichtlich empört und sagt ganz konsterniert zu Peter: Das darfst du doch nicht sagen, das ist doch nicht schön und gehört sich nicht. (Hamandus’ Redensweise ist generell gern: Das geht doch nicht, das ist doch nicht schön.)
Eine kurze Diskussion entsteht zwischen Peter und Hamandus, so wird das Thema abgearbeitet und das nächste Mal finden beide eine neue Grundlage für ein Gespräch.
2
Der Pflegehund
Peter war bei seiner Freundin im Münsterland. Sie hat ein kleines Häuschen mit Garten, sehr schön, direkt am Wald. Peter blieb eine Woche dort, da seine Freundin einen kleinen Nachbarhund über Nacht hatte. Sie hatte der Nachbarin zugesagt, den braunen Chihuahua zu nehmen. Die Nachbarin ist sehr verbrüht mit ihrem kurzhaarigen Kläffer und würde ihn auch nicht jedem – nicht mal den nächsten Nachbarn – anvertrauen. Da sie mit Peters Freundin ein gutes Verhältnis hat und sie weiß, dass die Frau, die ja selbst immer Hunde hatte, ganz eigen ist, vertraut sie ihr ihren Fips an und da Peters Freundin noch arbeiten muss, bleibt der Hund dann bei ihrem eigenen Hund zu Hause. Nach der Arbeit geht sie dann mit beiden Gassi. Der kleine Fips ist sehr menschenbezogen und lieb, mag gern aufs Sofa oder Bett, ist schließlich ein VON, doch seine guten Manieren sind nur indoor. Draußen zeigt er, was für ein Macho er ist. Schleppt Blätter durch die Gegend und kratzt wie wild mit den Hinterbeinen, um zu zeigen, was für ein toller Hecht er ist. Wenn dann noch ein anderer Hund kommt, meint man, er mutiert zum Werwolf. Die Ohren gehen hoch, er macht sich steif, die Bürste geht bis zum Rücken und er sagt allen, was er von ihnen hält und dass die Gegend um den ganzen Wald herum sowieso sein Revier ist. Das verteidigt er dann so glaubwürdig, dass die anderen Hunde erst gar keine Anstalten machen, sich gegen Fips aufzulehnen. Aber wie gesagt, sonst ist er ein lieber Kerl und wenn er nichts verteidigen muss, kann er sogar kuscheln.
Er kam am Sonntag früh, das heißt, Peters Freundin holte ihn bei ihm zu Hause ab. Da es noch früh war und Fips gerade erst aus dem Bett kam, steckte ihn die Frau direkt in die Jacke, sodass er nicht so klapperte, und ließ ihn nur schnell fürs Geschäftchen runter. Er war sichtlich froh, wieder ins Warme zu kommen. Eine gute Pflegestelle berücksichtigt aber natürlich auch die Schlafgewohnheiten von so einem VON, und wer jetzt denkt, dass der kleine, verwöhnte Fips nur fiepend an der Tür saß, irrt gewaltig. Die Fleischwurst zum Frühstück schmeckte ihm recht gut und auch sonst war er zufrieden. Natürlich war sein Frauchen glücklich, dass sie ihn am nächsten Tag wohlbehalten zurückbekam. Doch wer selbst ein Tier hat und so innig damit ist, weiß, wie gut es ist, wenn man im Notfall eine Pflegestelle hat, die in Ordnung ist.
Nichtsdestotrotz ist für alle das Zuhause immer am schönsten!
3
Die Rettungsaktion
Inzwischen war es doch noch Winter geworden, der See im Park war am Rand schon zugefroren. Da Gretchen sehr tierlieb ist, füttert sie gern im Winter die Enten und den einsamen Schwan. Dazu kauft sie eigens Trockenfutter und Körner aus der Genossenschaft, da die Tierchen ja eigentlich kein Brot bekommen sollen, um ein gutes Werk zu tun und natürlich auch, um sich an dem Federvieh zu erfreuen. Gretchen hatte eine ausrangierte Tupperdose, wo sie das Futter bevorratete. Sie hatte sich ein Thermokissen besorgt, damit sie auch bei Kälte auf der Bank bei den Enten sitzen konnte. Es war ein sonniger, klarer Tag. Gretchen beschloss, ihre Tierchen im Park zu besuchen, machte sich eine Tasche fertig, in die sie das Körnerfutter, das Thermokissen und eine kleine Thermokanne mit ihrem Lieblingstee steckte, zog ihren dicken, wollenen Mantel an und zog los Richtung Park. Mit dem Bus waren es zwei Haltestellen, die sie auch heute bei dem eisigen Ostwind mit dem Bus zurücklegte. Sie ging durch das große, schmiedeeiserne Tor am Eingang. Es sah hübsch aus, war erst im Herbst von der Gemeinde frisch gestrichen worden. Die Stäbe waren nun dunkelgrün, oben in regelmäßigen Abständen ragten goldene Kugeln. Vorher war der Zaun und das Tor aschgrau und die Farbe blätterte schon ab. Gretchen öffnete einen Flügel des schweren Tores und trat in den Park, der rote Schotter auf den Wegen und das Gras war an einigen Stellen weiß vom Frost. Gretchen steuerte schnurstracks auf den See zu. Sie war bei den Tieren schon bekannt und einige machten einen langen Hals, als sie in Sichtweite kam. Ihr Ziel war die Holzbank in der kleinen grünen Nische am Teich.
Sie packte ihr Kissen aus, zog den Schal etwas dichter um den Hals und setzte sich. Sie sprach mit den Tieren und als Gretchen in der Tasche nach dem Futter raschelte, kamen schon viele von den Enten angelaufen und sogar der Schwan gesellte sich gleich zu ihr. Einige Tiere ließen sich sogar von ihr anfassen, was sie besonders glücklich machte. Sie hielt Futter in der Hand hin, was gern angenommen wurde. Damit es kein Gedränge gab, denn es waren viele Enten, die Hunger hatten, streute sie einige Hände voll Körner auf den Weg breit aus. Auf einmal sah Gretchen, dass eine der weiblichen Enten einen Flügel nachzog. Voller Mitgefühl sah sie das braune Tier an. War es an einen zu stürmischen Liebhaber geraten oder hatte sich Frau Ente anderswo verletzt?
Gleich war Gretchen klar, dass man dieses Elend nicht so lassen konnte, vielleicht litt das Tierchen sogar Schmerzen. Sie lockte die verletzte Ente, die nicht ganz so zutraulich war wie einige andere, und mit etwas Überlistung schaffte es die ältere Dame, die Ente zu greifen. Vorsichtig setzte sie das Tierchen in ihre große Tasche. Etwas eher als sonst brach sie ihre Futteraktion ab. Den Tee würde sie dann halt zu Hause trinken. Erst mal wollte sie zum Tierarzt und ihr Gösselchen untersuchen lassen. Sie fuhr eine Station mit dem Bus. An einer Straßenecke markierte ein Schild den nächsten Tierarzt, den sie sogleich ansteuerte. Vorsichtig trug sie die Tasche mit dem piepsenden Entchen. Es war gegen Mittag, eigentlich hatte der Doktor schon zu, doch Gretchen versuchte es. Sie klingelte und tatsächlich öffnete ihr eine junge Frau, die sich als Frau Dr. Trees vorstellte. Sie ging mit Gretchen und dem Findelkind in einen Untersuchungsraum und nahm die Ente vorsichtig aus der Tasche. Sie untersuchte das Tier. Ja, der Flügel hatte etwas gelitten. Es war ein Bruch fühlbar, aber nicht verschoben. Gretchen redete dem Entlein gut zu. Frau Dr. gab der Ente erst eine Schmerzspritze und versorgte dann den Flügel.
Frau Dr. Trees: So, das war es schon, aber hier lassen können Sie die Ente nicht und bevor der Flügel nicht wieder in Ordnung ist, wäre es gut, wenn das Tierchen in Obhut bliebe.
Gretchen dachte kurz nach und sagte: „Na, irgendwie bekomme ich das schon hin.“
Frau Dr. hob die Ente wieder in die Tasche und verabschiedete sich bis zur nächsten Woche von Gretchen. Diese wiederum stieg in den Bus, ging nach Hause und rief sogleich Hamandus an, der ihr bestimmt helfen könnte.
Nachdem Gretchen Hamandus ihre Rettungsaktion geschildert hatte, war Hamandus gleich bereit zu helfen.
Gretchen stellte erst die Tasche, auf die sie ein Tuch legte, auf den Balkon und wartete auf Hamandus. Nach ca. eineinhalb Stunden erschien dieser. In der Hand einen großen Karton, in den er noch eine Packung Heu aus dem Tierbedarfsladen mitbrachte. Beide präparierten den Karton, stellten Schälchen mit Futter und Wasser hinein und so wohnte die Ente auf Gretchens Balkon, bis Frau Dr. das OK gab, sie wieder in den Park zu bringen. Gretchen und Hamandus sorgten sich so liebevoll um das Tierchen, dass es schnell auf den Namen Mine hörte. Natürlich war Mine dann das zutraulichste Entlein im Park und flog Gretchen sowie Hamandus schon entgegen, wenn sie zum Füttern kamen.
4
Peter erinnert sich
Wieder mal ist der obligatorische Männernachmittag. Hamandus und Peter treffen sich im Kaffee. Die Männer mögen ihren gemeinsamen Nachmittag, bei dem sie sich regelmäßig austauschen.
Hamandus: Hallo Peter, die Temperaturen haben sich doch noch für den Winter entschieden.
Die Herren gehen ins Café, hängen ihre Mäntel an die Garderobe und schäkern etwas mit der Bedienung, die sogleich zwei doppelte Espressi bringt. Da die Männer meist das Gleiche bestellen und schon lange Stammkunden sind, kennt man sich und es bedarf nur weniger Worte. Nach ein wenig Smalltalk über die neuesten Gerüchte, das Wetter und andere Dinge wendet sich das Gespräch zurück in die Kindheit.
Peter denkt zurück an seine Kindheit. Er schwärmt von den Ferien im kleinen Ort. Er fuhr oft zu Onkel und Tante aufs Land. Der besondere Zusammenhalt der gesamten Familie sprach ihn besonders an, und in Gedanken versunken erzählt er Hamandus:
Peter: Ein besonderes Verhältnis hatte ich zu meiner Cousine. Wir waren wie Geschwister, tauschten uns über alles Mögliche aus und unternahmen fast alles zusammen. Es war einfach schön. Sowas gibt es heute kaum noch.
Hamandus: Ja, wenn man so eine tolle Familie hat, das ist schon schön. So intensiv habe ich das leider nicht erlebt.
Peter: Auch zu Hause spielten wir noch wie richtige Kinder. Es waren circa 14 Kinder. Zwei Straßen, eine davon verkehrsberuhigt. Wir bildeten zwei Banden. Natürlich ärgerten sich beide Parteien und es kam zu Streitereien. Eine Gang gegen die andere.
Hamandus: Aber das geht doch nicht, das ist doch nicht schön.
Peter: Wir spielten noch wie richtige Kinder, nicht so wie heute, nur noch mit dem Computer.
Hamandus: Richtig, die Kinder heute kommen ja kaum noch an die Luft.
Peter: Du sagst es, das war so schön in unserer Kindheit. Wir machten uns schmutzig, es gab auch mal eine derbe Klopperei , wo auch schon mal die Fetzen flogen. Ich weiß noch: Einmal bekam ich einen Stein an die Stirn, das Blut lief nur so runter.
Hamandus: Oje, da hast du sicher eine Narbe behalten, oder?
Peter: Ja, aber nur eine kleine. Jedenfalls musste ich zum Doktor und weil mir die Situation peinlich war, versuchte ich, naiv wie ich mit etwa 10 Jahren war, den Arzt zu bestechen, dass er meinem Vater nichts sagt.
Hamandus: Aber es wäre doch eh aufgefallen, mit dem Verband.
Peter: Hast ja recht. Doch ich hatte ja auch Respekt vor meinem Vater und Angst, dass er schimpft.
Hamandus: Mir wäre auch Angst und Bange gewesen. Hat denn dein Vater sehr getobt?
Peter: Nein. Mein Vater war immer ein gesitteter Mann mit viel Verständnis. Er schmunzelte mich nur an und fragte: Habt ihr wenigstens gewonnen?
Hamandus bestellt noch zwei Getränke, beide Männer reden noch von der einen oder anderen Anekdote der Kindheit.
Die Bedienung, die heute noch wenig zu tun hat, stand am Tresen und hörte das Gespräch teils mit, wobei auch sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. So war es für Peter und Hamandus wieder mal ein schöner Männernachmittag. Beide schwelgten in Erinnerungen an die Kindheit und freuen sich schon aufs nächste Treffen am nächsten Donnerstag.
5
Der Wäschetrockner
Der Winter machte eine kurze Pause. Auf einmal waren draußen 12 Grad und die Sonne zeigte ihr schönstes Lächeln. Gretchen dachte: Oh, wie schön, der Frühling schickt seinen ersten Gruß. Die Vögel sangen ihre ersten Lieder, auch das Futterhäuschen, das Hamandus ihr geschenkt hat, wurde gut angenommen. Gretchen freute sich über das ständige Hin und Her auf dem Balkon. Inzwischen ließen sich schon mindestens vier Sorten Vögel ausmachen, die es sich bei Gretchen schmecken ließen. Gretchen wollte das schöne Wetter nutzen, ihr Balkon war windstill und so setzte sie sich mit einer dicken Decke und einer Zeitung auf ihren Balkon. Sie beobachtete die Vögel und löste ein Rätsel in der Zeitung. Für Gretchen war die Welt in Ordnung. Sie fühlte sich wohl und war rundherum zufrieden. Als sie wieder in die Wohnung ging, sah sie nach und siehe da, sie hatte sogar noch eine Briefmarke. Sie schrieb die Lösung des Rätsels auf eine Postkarte, frankierte diese und beim nächsten Einkauf steckte sie die Karte in den Kasten. Der Einsendeschluss war in drei Wochen. Über dem Rätsel war eine lächelnde Redakteurin abgebildet, die meinte, der Gewinn sei ein Wäschetrockner. Ökologisch, unbedenklich, stromsparend, Farbe: Weiß.
Gretchen malte sich schon aus, wie der Wäschetrockner aussah, machte sich dann doch weiter keine Gedanken mehr und vergaß, dass sie überhaupt mitgemacht hatte. – Es vergingen drei Wochen, als ein Brief kam. „Eilig“ stand drauf. Gretchen dachte, es ist sicher Werbung, wie so oft, und legte ihn schon zum Altpapier. Als sie dieses dann in die Tonne bringen wollte, sah sie doch noch in den Brief (Frauen sind ja neugierig) und traute ihren Augen nicht. Es war eine Mitteilung von der Zeitung. Sie hatte tatsächlich den Wäschetrockner gewonnen. Gretchen konnte es kaum glauben. Sie ging in ihre Wohnung, nahm ein Maßband und guckte, wo der Trockner in der weißen Emaille hinpassen könnte. Die Küche hatte definitiv zu wenig Platz. Im Keller war es auch nichts, dann fiel ihr ein, dass im Badezimmer unter dem schrägen Fenster der richtige Platz sein könnte. Sie ging davon aus, dass die Maße denen der Waschmaschine ähnelten, und so stellte sie fest, dass neben der Badewanne der Platz unter dem Fenster der richtige sein könnte. Gretchen freute sich und hoffte, es kämen starke Männer mit, die das Gerät gleich anschließen könnten. In drei Tagen sollte geliefert werden. Gretchen blieb extra zu Hause und wartete auf den Kurierfahrer. Doch nichts passierte. Am späten Nachmittag fand sie dann ein Päckchen auf der Treppe, es hatte die Größe eines Backbleches und ungefähr die Höhe eines halben Schuhkartons. Sie konnte sich nicht vorstellen, was da drin war. Sie hatte doch gar nichts bestellt. Erst mal prüfte sie die Adresse. Stimmt. – Das war alles richtig. Sie nahm das recht leichte Paket mit in die Stube, machte es auf und traute ihren Augen kaum. Sie war davon ausgegangen, dass sie ihren Wäscheständer nicht mehr brauchte. Doch wie konnte sie glauben, dass bei einem solchen Rätsel so teure Geräte verlost wurden. War ja auch abwegig. Sie packte aus und ein weißer Plastik-Wäscheaufhänger, eher für Camping gedacht, kam zum Vorschein. Es war ein ovales Gestell, an dem Klammern angebracht waren, oben war ein Aufhänger zum Anklemmen. Gretchen musste herzhaft lachen.
Ökologisch, unbedenklich, stromsparend. Farbe: Weiß
Hamandus stellt sich vor
Durch meine neue Liebe lernte ich auch Hamandus kennen. Hamandus ist eine fiktiv erfundene Figur, der zur Freude der Zuhörer kleine Geschichten zum Besten gibt, die den Alltag erfrischen.
Hamandus ist ein hagerer, sehr konservativ denkender Mann mittleren Alters mit klarem Blick und häufig veralteten Ansichten, der bei seinem Gegenüber alle Feinheiten achtsam beobachtet und anspricht.
Er hat eine Bekannte: Gretchen Pohlbrink. Diese seine Bekannte ist von kleiner, dicklicher Statur, hat rotes Haar und eine dicke Hornbrille, die ihre Augen doppelt so groß erscheinen lässt. Sie hat eine spitze Nase. Ihre Stimme ist etwas schrill und oft aufgeregt, was Hamandus dazu bewegt, nicht zu viel Freizeit mit Gretchen zu verbringen.
Peter ist Hamandus’ langjähriger Freund, der ihm Rückhalt in allen Lebenslagen gibt. Beide kennen sich schon Jahre und treffen sich mindestens einmal die Woche, oft am Donnerstag, im Kaffee, um sich auszutauschen.
Oft trifft sich Hamandus mit Peter, der oft nicht an sich halten kann und gern mal über die Welt allgemein und insbesondere über allerlei Menschen lästert.
So war es neulich, als Peter zu Hamandus spricht: Das Gretchen sieht aus wie eine Fledermaus mit zu kurzen Ohren. Peter schmunzelt über seine Formulierung, doch Hamandus ist sichtlich empört und sagt ganz konsterniert zu Peter: Das darfst du doch nicht sagen, das ist doch nicht schön und gehört sich nicht. (Hamandus’ Redensweise ist generell gern: Das geht doch nicht, das ist doch nicht schön.)
Eine kurze Diskussion entsteht zwischen Peter und Hamandus, so wird das Thema abgearbeitet und das nächste Mal finden beide eine neue Grundlage für ein Gespräch.
2
Der Pflegehund
Peter war bei seiner Freundin im Münsterland. Sie hat ein kleines Häuschen mit Garten, sehr schön, direkt am Wald. Peter blieb eine Woche dort, da seine Freundin einen kleinen Nachbarhund über Nacht hatte. Sie hatte der Nachbarin zugesagt, den braunen Chihuahua zu nehmen. Die Nachbarin ist sehr verbrüht mit ihrem kurzhaarigen Kläffer und würde ihn auch nicht jedem – nicht mal den nächsten Nachbarn – anvertrauen. Da sie mit Peters Freundin ein gutes Verhältnis hat und sie weiß, dass die Frau, die ja selbst immer Hunde hatte, ganz eigen ist, vertraut sie ihr ihren Fips an und da Peters Freundin noch arbeiten muss, bleibt der Hund dann bei ihrem eigenen Hund zu Hause. Nach der Arbeit geht sie dann mit beiden Gassi. Der kleine Fips ist sehr menschenbezogen und lieb, mag gern aufs Sofa oder Bett, ist schließlich ein VON, doch seine guten Manieren sind nur indoor. Draußen zeigt er, was für ein Macho er ist. Schleppt Blätter durch die Gegend und kratzt wie wild mit den Hinterbeinen, um zu zeigen, was für ein toller Hecht er ist. Wenn dann noch ein anderer Hund kommt, meint man, er mutiert zum Werwolf. Die Ohren gehen hoch, er macht sich steif, die Bürste geht bis zum Rücken und er sagt allen, was er von ihnen hält und dass die Gegend um den ganzen Wald herum sowieso sein Revier ist. Das verteidigt er dann so glaubwürdig, dass die anderen Hunde erst gar keine Anstalten machen, sich gegen Fips aufzulehnen. Aber wie gesagt, sonst ist er ein lieber Kerl und wenn er nichts verteidigen muss, kann er sogar kuscheln.
Er kam am Sonntag früh, das heißt, Peters Freundin holte ihn bei ihm zu Hause ab. Da es noch früh war und Fips gerade erst aus dem Bett kam, steckte ihn die Frau direkt in die Jacke, sodass er nicht so klapperte, und ließ ihn nur schnell fürs Geschäftchen runter. Er war sichtlich froh, wieder ins Warme zu kommen. Eine gute Pflegestelle berücksichtigt aber natürlich auch die Schlafgewohnheiten von so einem VON, und wer jetzt denkt, dass der kleine, verwöhnte Fips nur fiepend an der Tür saß, irrt gewaltig. Die Fleischwurst zum Frühstück schmeckte ihm recht gut und auch sonst war er zufrieden. Natürlich war sein Frauchen glücklich, dass sie ihn am nächsten Tag wohlbehalten zurückbekam. Doch wer selbst ein Tier hat und so innig damit ist, weiß, wie gut es ist, wenn man im Notfall eine Pflegestelle hat, die in Ordnung ist.
Nichtsdestotrotz ist für alle das Zuhause immer am schönsten!
3
Die Rettungsaktion
Inzwischen war es doch noch Winter geworden, der See im Park war am Rand schon zugefroren. Da Gretchen sehr tierlieb ist, füttert sie gern im Winter die Enten und den einsamen Schwan. Dazu kauft sie eigens Trockenfutter und Körner aus der Genossenschaft, da die Tierchen ja eigentlich kein Brot bekommen sollen, um ein gutes Werk zu tun und natürlich auch, um sich an dem Federvieh zu erfreuen. Gretchen hatte eine ausrangierte Tupperdose, wo sie das Futter bevorratete. Sie hatte sich ein Thermokissen besorgt, damit sie auch bei Kälte auf der Bank bei den Enten sitzen konnte. Es war ein sonniger, klarer Tag. Gretchen beschloss, ihre Tierchen im Park zu besuchen, machte sich eine Tasche fertig, in die sie das Körnerfutter, das Thermokissen und eine kleine Thermokanne mit ihrem Lieblingstee steckte, zog ihren dicken, wollenen Mantel an und zog los Richtung Park. Mit dem Bus waren es zwei Haltestellen, die sie auch heute bei dem eisigen Ostwind mit dem Bus zurücklegte. Sie ging durch das große, schmiedeeiserne Tor am Eingang. Es sah hübsch aus, war erst im Herbst von der Gemeinde frisch gestrichen worden. Die Stäbe waren nun dunkelgrün, oben in regelmäßigen Abständen ragten goldene Kugeln. Vorher war der Zaun und das Tor aschgrau und die Farbe blätterte schon ab. Gretchen öffnete einen Flügel des schweren Tores und trat in den Park, der rote Schotter auf den Wegen und das Gras war an einigen Stellen weiß vom Frost. Gretchen steuerte schnurstracks auf den See zu. Sie war bei den Tieren schon bekannt und einige machten einen langen Hals, als sie in Sichtweite kam. Ihr Ziel war die Holzbank in der kleinen grünen Nische am Teich.
Sie packte ihr Kissen aus, zog den Schal etwas dichter um den Hals und setzte sich. Sie sprach mit den Tieren und als Gretchen in der Tasche nach dem Futter raschelte, kamen schon viele von den Enten angelaufen und sogar der Schwan gesellte sich gleich zu ihr. Einige Tiere ließen sich sogar von ihr anfassen, was sie besonders glücklich machte. Sie hielt Futter in der Hand hin, was gern angenommen wurde. Damit es kein Gedränge gab, denn es waren viele Enten, die Hunger hatten, streute sie einige Hände voll Körner auf den Weg breit aus. Auf einmal sah Gretchen, dass eine der weiblichen Enten einen Flügel nachzog. Voller Mitgefühl sah sie das braune Tier an. War es an einen zu stürmischen Liebhaber geraten oder hatte sich Frau Ente anderswo verletzt?
Gleich war Gretchen klar, dass man dieses Elend nicht so lassen konnte, vielleicht litt das Tierchen sogar Schmerzen. Sie lockte die verletzte Ente, die nicht ganz so zutraulich war wie einige andere, und mit etwas Überlistung schaffte es die ältere Dame, die Ente zu greifen. Vorsichtig setzte sie das Tierchen in ihre große Tasche. Etwas eher als sonst brach sie ihre Futteraktion ab. Den Tee würde sie dann halt zu Hause trinken. Erst mal wollte sie zum Tierarzt und ihr Gösselchen untersuchen lassen. Sie fuhr eine Station mit dem Bus. An einer Straßenecke markierte ein Schild den nächsten Tierarzt, den sie sogleich ansteuerte. Vorsichtig trug sie die Tasche mit dem piepsenden Entchen. Es war gegen Mittag, eigentlich hatte der Doktor schon zu, doch Gretchen versuchte es. Sie klingelte und tatsächlich öffnete ihr eine junge Frau, die sich als Frau Dr. Trees vorstellte. Sie ging mit Gretchen und dem Findelkind in einen Untersuchungsraum und nahm die Ente vorsichtig aus der Tasche. Sie untersuchte das Tier. Ja, der Flügel hatte etwas gelitten. Es war ein Bruch fühlbar, aber nicht verschoben. Gretchen redete dem Entlein gut zu. Frau Dr. gab der Ente erst eine Schmerzspritze und versorgte dann den Flügel.
Frau Dr. Trees: So, das war es schon, aber hier lassen können Sie die Ente nicht und bevor der Flügel nicht wieder in Ordnung ist, wäre es gut, wenn das Tierchen in Obhut bliebe.
Gretchen dachte kurz nach und sagte: „Na, irgendwie bekomme ich das schon hin.“
Frau Dr. hob die Ente wieder in die Tasche und verabschiedete sich bis zur nächsten Woche von Gretchen. Diese wiederum stieg in den Bus, ging nach Hause und rief sogleich Hamandus an, der ihr bestimmt helfen könnte.
Nachdem Gretchen Hamandus ihre Rettungsaktion geschildert hatte, war Hamandus gleich bereit zu helfen.
Gretchen stellte erst die Tasche, auf die sie ein Tuch legte, auf den Balkon und wartete auf Hamandus. Nach ca. eineinhalb Stunden erschien dieser. In der Hand einen großen Karton, in den er noch eine Packung Heu aus dem Tierbedarfsladen mitbrachte. Beide präparierten den Karton, stellten Schälchen mit Futter und Wasser hinein und so wohnte die Ente auf Gretchens Balkon, bis Frau Dr. das OK gab, sie wieder in den Park zu bringen. Gretchen und Hamandus sorgten sich so liebevoll um das Tierchen, dass es schnell auf den Namen Mine hörte. Natürlich war Mine dann das zutraulichste Entlein im Park und flog Gretchen sowie Hamandus schon entgegen, wenn sie zum Füttern kamen.
4
Peter erinnert sich
Wieder mal ist der obligatorische Männernachmittag. Hamandus und Peter treffen sich im Kaffee. Die Männer mögen ihren gemeinsamen Nachmittag, bei dem sie sich regelmäßig austauschen.
Hamandus: Hallo Peter, die Temperaturen haben sich doch noch für den Winter entschieden.
Die Herren gehen ins Café, hängen ihre Mäntel an die Garderobe und schäkern etwas mit der Bedienung, die sogleich zwei doppelte Espressi bringt. Da die Männer meist das Gleiche bestellen und schon lange Stammkunden sind, kennt man sich und es bedarf nur weniger Worte. Nach ein wenig Smalltalk über die neuesten Gerüchte, das Wetter und andere Dinge wendet sich das Gespräch zurück in die Kindheit.
Peter denkt zurück an seine Kindheit. Er schwärmt von den Ferien im kleinen Ort. Er fuhr oft zu Onkel und Tante aufs Land. Der besondere Zusammenhalt der gesamten Familie sprach ihn besonders an, und in Gedanken versunken erzählt er Hamandus:
Peter: Ein besonderes Verhältnis hatte ich zu meiner Cousine. Wir waren wie Geschwister, tauschten uns über alles Mögliche aus und unternahmen fast alles zusammen. Es war einfach schön. Sowas gibt es heute kaum noch.
Hamandus: Ja, wenn man so eine tolle Familie hat, das ist schon schön. So intensiv habe ich das leider nicht erlebt.
Peter: Auch zu Hause spielten wir noch wie richtige Kinder. Es waren circa 14 Kinder. Zwei Straßen, eine davon verkehrsberuhigt. Wir bildeten zwei Banden. Natürlich ärgerten sich beide Parteien und es kam zu Streitereien. Eine Gang gegen die andere.
Hamandus: Aber das geht doch nicht, das ist doch nicht schön.
Peter: Wir spielten noch wie richtige Kinder, nicht so wie heute, nur noch mit dem Computer.
Hamandus: Richtig, die Kinder heute kommen ja kaum noch an die Luft.
Peter: Du sagst es, das war so schön in unserer Kindheit. Wir machten uns schmutzig, es gab auch mal eine derbe Klopperei , wo auch schon mal die Fetzen flogen. Ich weiß noch: Einmal bekam ich einen Stein an die Stirn, das Blut lief nur so runter.
Hamandus: Oje, da hast du sicher eine Narbe behalten, oder?
Peter: Ja, aber nur eine kleine. Jedenfalls musste ich zum Doktor und weil mir die Situation peinlich war, versuchte ich, naiv wie ich mit etwa 10 Jahren war, den Arzt zu bestechen, dass er meinem Vater nichts sagt.
Hamandus: Aber es wäre doch eh aufgefallen, mit dem Verband.
Peter: Hast ja recht. Doch ich hatte ja auch Respekt vor meinem Vater und Angst, dass er schimpft.
Hamandus: Mir wäre auch Angst und Bange gewesen. Hat denn dein Vater sehr getobt?
Peter: Nein. Mein Vater war immer ein gesitteter Mann mit viel Verständnis. Er schmunzelte mich nur an und fragte: Habt ihr wenigstens gewonnen?
Hamandus bestellt noch zwei Getränke, beide Männer reden noch von der einen oder anderen Anekdote der Kindheit.
Die Bedienung, die heute noch wenig zu tun hat, stand am Tresen und hörte das Gespräch teils mit, wobei auch sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. So war es für Peter und Hamandus wieder mal ein schöner Männernachmittag. Beide schwelgten in Erinnerungen an die Kindheit und freuen sich schon aufs nächste Treffen am nächsten Donnerstag.
5
Der Wäschetrockner
Der Winter machte eine kurze Pause. Auf einmal waren draußen 12 Grad und die Sonne zeigte ihr schönstes Lächeln. Gretchen dachte: Oh, wie schön, der Frühling schickt seinen ersten Gruß. Die Vögel sangen ihre ersten Lieder, auch das Futterhäuschen, das Hamandus ihr geschenkt hat, wurde gut angenommen. Gretchen freute sich über das ständige Hin und Her auf dem Balkon. Inzwischen ließen sich schon mindestens vier Sorten Vögel ausmachen, die es sich bei Gretchen schmecken ließen. Gretchen wollte das schöne Wetter nutzen, ihr Balkon war windstill und so setzte sie sich mit einer dicken Decke und einer Zeitung auf ihren Balkon. Sie beobachtete die Vögel und löste ein Rätsel in der Zeitung. Für Gretchen war die Welt in Ordnung. Sie fühlte sich wohl und war rundherum zufrieden. Als sie wieder in die Wohnung ging, sah sie nach und siehe da, sie hatte sogar noch eine Briefmarke. Sie schrieb die Lösung des Rätsels auf eine Postkarte, frankierte diese und beim nächsten Einkauf steckte sie die Karte in den Kasten. Der Einsendeschluss war in drei Wochen. Über dem Rätsel war eine lächelnde Redakteurin abgebildet, die meinte, der Gewinn sei ein Wäschetrockner. Ökologisch, unbedenklich, stromsparend, Farbe: Weiß.
Gretchen malte sich schon aus, wie der Wäschetrockner aussah, machte sich dann doch weiter keine Gedanken mehr und vergaß, dass sie überhaupt mitgemacht hatte. – Es vergingen drei Wochen, als ein Brief kam. „Eilig“ stand drauf. Gretchen dachte, es ist sicher Werbung, wie so oft, und legte ihn schon zum Altpapier. Als sie dieses dann in die Tonne bringen wollte, sah sie doch noch in den Brief (Frauen sind ja neugierig) und traute ihren Augen nicht. Es war eine Mitteilung von der Zeitung. Sie hatte tatsächlich den Wäschetrockner gewonnen. Gretchen konnte es kaum glauben. Sie ging in ihre Wohnung, nahm ein Maßband und guckte, wo der Trockner in der weißen Emaille hinpassen könnte. Die Küche hatte definitiv zu wenig Platz. Im Keller war es auch nichts, dann fiel ihr ein, dass im Badezimmer unter dem schrägen Fenster der richtige Platz sein könnte. Sie ging davon aus, dass die Maße denen der Waschmaschine ähnelten, und so stellte sie fest, dass neben der Badewanne der Platz unter dem Fenster der richtige sein könnte. Gretchen freute sich und hoffte, es kämen starke Männer mit, die das Gerät gleich anschließen könnten. In drei Tagen sollte geliefert werden. Gretchen blieb extra zu Hause und wartete auf den Kurierfahrer. Doch nichts passierte. Am späten Nachmittag fand sie dann ein Päckchen auf der Treppe, es hatte die Größe eines Backbleches und ungefähr die Höhe eines halben Schuhkartons. Sie konnte sich nicht vorstellen, was da drin war. Sie hatte doch gar nichts bestellt. Erst mal prüfte sie die Adresse. Stimmt. – Das war alles richtig. Sie nahm das recht leichte Paket mit in die Stube, machte es auf und traute ihren Augen kaum. Sie war davon ausgegangen, dass sie ihren Wäscheständer nicht mehr brauchte. Doch wie konnte sie glauben, dass bei einem solchen Rätsel so teure Geräte verlost wurden. War ja auch abwegig. Sie packte aus und ein weißer Plastik-Wäscheaufhänger, eher für Camping gedacht, kam zum Vorschein. Es war ein ovales Gestell, an dem Klammern angebracht waren, oben war ein Aufhänger zum Anklemmen. Gretchen musste herzhaft lachen.
Ökologisch, unbedenklich, stromsparend. Farbe: Weiß

