Cover: Jetzt aber ... ich

Jetzt aber ... ich
Der Weg zu mir: Schmerzhaft – heilend und schlussendlich voller Hoffnung


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 140
ISBN: 978-3-7116-0781-2
Erscheinungsdatum: 30.07.2025
„Jetzt aber … ich“ ist eine Selbstfindung, die gut glückt. Eine Reise allein ins Nirgendwo ermöglicht der Protagonistin, die Vergangenheit ruhen zu lassen und beherzt nach vorne zu schauen. Sie erkennt die Schönheit des Augenblicks und die Chancen der Zukunft!
Aufbruch


Ihre erste, früheste Kindheitserinnerung sollte sie ihr ganzes Leben begleiten:

Sie war etwa 3 Jahre alt und stand vor der grünen kalten Kellertür und hämmerte mit ihren kleinen Fäusten dagegen. Ihr Vater hatte sich dort eingesperrt. Sie ahnte, dass etwas Schreckliches geschehen sollte. Sie schrie immer wieder: „Papa, Papa, mach auf, mach das nicht, hab dich lieb! Papa …“ Irgendwann öffnete sich diese verdammte Tür und er stand da, völlig betrunken, hinter ihm standen viele leere Flaschen, aber er kam raus. Wahrscheinlich dachte sie, so klein, wie sie war, dass sie ihn gerettet hatte, vor was auch immer. Hatte sie aber nicht, ein Jahr später nahm er sich dann doch das Leben.

Seitdem versuchte sie immer wieder, anderen zu helfen, für sie da zu sein, damit das nicht mehr passierte. Sie gab sich irgendwie die Schuld an seinem Tod nach seinem ziemlich verkorksten Leben. Sie gab immer alles und noch mehr, versank selbst in schwere Depressionen. Was für ein Blödsinn!

Niemand sprach mit ihr darüber, der Tod und vor allem der Grund waren tabu. Ihre Mutter sah in ihr immer das Ebenbild des versoffenen, spielsüchtigen, untreuen Ex-Mannes und versagte ihr die Liebe, die sie so dringend brauchte und der sie immer hinterherlief, bis die Mutter dann starb.

Jetzt, über 50 Jahre später, steht sie vor ihrem schicken Wohnmobil, streichelt fast schon zärtlich den Spiegel und denkt: „Ach Leute, schlagt euch doch den Schädel ein, rauft euch selbst zusammen, rettet euch selbst oder bringt euch doch von mir aus auch um! Es ist doch nicht meine Schuld, wie ihr handelt. Sorry, ich bin nicht mehr euer Depp, Fußabtreter. Habe euch oft genug meine helfende Hand hingehalten, bin mit euch auch durch schwere Zeiten. Jetzt könnt ihr mich mal, jetzt bin ich dran, mir selbst zu helfen und mich, nur mich, zu retten. Die Welt kann mich mal!“

Dann stieg sie ein und fuhr los.


„Manchmal muss man
einfach weg.
Egal, wohin,
Hauptsache ans Meer.“




Die erste Etappe


Franziska lenkte Willi (denn so hatte sie ihr Wohnmobil, einen roten Bus, getauft) von der Hauseinfahrt auf die Straße und verließ das kleine Eifelstädtchen, in dem sie seit über 20 Jahren wohnte. Sie fuhr souverän durch die kurvigen Eifelstraßen, die sie mittlerweile wie ihre Westentasche kannte. Auch war sie schon seit über einem Jahr mit Willi vertraut. Sie hatte sich ihn von dem Erbe ihres Stiefvaters gekauft.

Willi war irgendwann aufgetaucht, als sie acht oder neun Jahre alt war, und war bei ihrer Mutter und Franziska geblieben. Er war der Vater, den sie nie wirklich hatte, und sie nannte ihn immer Väterchen. Alle Welt lachte über diese Bezeichnung, war er doch jünger als ihre Mutter, aber das war ihr damals so was von egal.

Die beiden heirateten und blieben auch zusammen. Er pflegte ihre Mutter die letzten Jahre, bis sie dann in seinen Armen starb. Nach ihrem Tod hatte er noch viele Träume, aber der Krebs war schnell und brutal, sodass er ihr nach sieben Monaten folgte.

Das Erbe, welches Franziska erhielt, steckte sie in ihren Traum von einem Wohnmobil, um ihre immerwährende Reiselust zu stillen. Als Erinnerung taufte sie den Bus auf den Namen ihres Stiefvaters, Willi.

Ihr brauner, junger Labradorrüde Floh fiepte hinten in seinem Körbchen. Aber das kannte sie schon, das würde sich nach ein paar Kilometern legen. Er war das Reisen in Willi ja schon gewohnt. Sie waren in den 1,5 Jahren schon durch halb Westeuropa gefahren, von Dänemark bis runter an die Algarve. Sie, Floh und ihr liebster Mann Christian. Beim Gedanken an Christian musste sie unwillkürlich schlucken. Er war noch auf der Arbeit und wusste nicht, dass er in ein leeres Haus (bis auf die drei Kater Filou, Otto und Simba) kommen würde.

Sie hatte ihm einen Brief hingelegt und hoffte, er würde verstehen. Sie hatte es ihm so oft gesagt, dass sie nicht mehr in diesem Haus, in diesem Städtchen wohnen wollte. Es war einfach zu viel passiert, und es waren so viele Erinnerungen dort, die sie nicht ertragen konnte.

Auch wenn es ihr schwerfiel, sie schob den Gedanken an Christian beiseite und konzentrierte sich auf die Straße. Floh hörte auf zu fiepen und rollte sich auf seiner Reisedecke zusammen. Es war noch früh, und die Wintersonne kam durch die Wolken hervor. Sie dachte kurz, was für ein Geist sie geritten hätte, ausgerechnet im Januar auf Sinnsuche zu gehen. Aber dann lächelte sie und dachte, es ist jetzt eben an der Zeit!

Franziska drehte die Musik auf und summte leise die Melodie mit. Ihr erstes Ziel war die belgische Küste und dann mal schauen. Der Tank war voll, sie hatte genug dabei für sich und Floh. Sie würde sich treiben lassen. Das Navi zeigte etwas mehr als 3 Stunden an, aber sie wusste, es würde länger dauern, allein schon wegen Floh. Mit jedem Kilometer weg von diesem Ort, von diesem Haus wurde ihr Herz leichter, ihre Laune besser und das Lächeln strahlender. Ihre blauen Augen fingen an zu leuchten, und sie war sich gewiss, dass sie ihrem Wunsch nach Frieden in ihrem Herzen näherkommen würde. Vor allem, wenn sie dies alleine macht. Es musste endlich Ordnung in ihr geschaffen werden. Die traurigen Gedanken sollten nicht weiter ihr Leben bestimmen. Sie wollte sich jetzt selbst retten. Die Vergangenheit und die Verletzungen sollten keine Macht mehr über sie haben.

Nach etwa der halben Strecke hielt sie an einem Wanderparkplatz an, nicht nur, weil Floh mal rausmusste, sie brauchte eine kleine Stärkung, denn sie war früh raus, damit sie möglichst weit weg war, bevor Christian, ihr geliebter Christian, zu Hause war und sie eventuell jetzt schon aufgab und umdrehte. Der Parkplatz war menschenleer, und sie trank eine Tasse Tee, ließ Floh kurz raus, damit er sein Geschäft erledigen konnte, und fuhr weiter, dem ersten Ziel entgegen. Gegen Mittag erreichte sie den kleinen Campingplatz direkt am Meer an der belgischen Küste, checkte ein und ging erst mal mit Floh eine große Runde an den menschenleeren Strand.




Christian


Christian verließ nach der Frühschicht das Werksgelände. Er war müde, der Tag war anstrengend, aber jetzt war endlich Feierabend. Er arbeitete jetzt schon über 36 Jahre in der Firma. Er hatte dort seine Lehre absolviert und war dort hängen geblieben. Er war zufrieden in seinem Job, aber die Schichten nahmen ihn mit zunehmendem Alter immer mehr mit. Die Frühschicht mochte er so gar nicht, weil der Wecker immer um 04:00 Uhr klingelte. Und die letzte Nacht war kurz, aber heiß. Er grinste in sich hinein, Franziska konnte zwar manchmal ziemlich anstrengend sein, aber der Sex mit ihr war immer noch extrem geil. Es war zwar nicht mehr so oft wie am Anfang ihrer Beziehung, aber doch noch immer sehr intensiv.

Er dachte noch oft an ihr erstes Kennenlernen, als seine Ex ihn unbedingt für einen anderen loswerden wollte. Sie stellte ihm eines Abends Franziska vor und fragte später: „Na, wie findest du sie?“ Er antwortete damals: „Die ist mir zu alt.“ Sie fragte Franziska das Gleiche: „Na, wie findest du ihn?“ Und sie antwortete damals ähnlich: „Er ist mir zu jung.“ Sie lachten später immer wieder darüber, denn es hatte von Anfang an zwischen ihnen beiden geknistert. Gut, sie war sechs Jahre älter und hatte zwei Kinder, die sie alleine großzog, Rebekka und Charlotte, aber sie versuchten es miteinander, und er bereute es keine Sekunde. Das Leben mit ihr war nicht immer einfach, sie hatte ein ungestümes Temperament, war jedoch auch sehr zärtlich und einfühlsam. Aber sie trug auch eine tiefe Traurigkeit in sich, vor allem nach der Sache mit Rebekka, die sie, ihr Vertrauen, ihre Liebe vor ein paar Jahren dermaßen mit Füßen getreten hatte, dass Franziska fast daran zerbrochen war. Ihr großes Herz wurde von Rebekka in Stücke zerrissen und heilte nur langsam. Er hoffte wenigstens, dass es endlich heilte. Die Traurigkeit tat auch ihm weh. Er konnte ihr nicht wirklich helfen.

Doch jetzt war erst mal Feierabend, und er wollte noch schnell etwas einkaufen, bevor er zu Hause ankam. Er hatte Hunger und freute sich auf Franziska, besonders nach der Nacht.

Er setzte sich ins Auto, drehte die Musik laut und fuhr los. Nach dem kurzen Einkaufsstopp bog er auf die Straße zum Haus ein. Er stutzte, der Bus war weg. Sein Magen zog sich ein wenig zusammen. Sie war mit Willi weg? Das war ungewöhnlich, sie hatte gar nicht gesagt, dass sie weg wollte, dann hätte er ihr doch das kleine Auto dagelassen. Er war verwundert, aber ging erst mal durch die Garage in den Werkzeugkeller. Ihm fiel sofort auf, dass die Schuhe weg waren. Er atmete tief durch und steckte sich erst mal eine Zigarette an. Dann ging er nach oben, wo die Kater schon angestürmt kamen. Ihre beiden eigenen, Otto und Filou, und der Gastkater Simba, den Charlotte bei ihnen geparkt hatte, während sie in der Welt unterwegs war.

Floh fehlte. Sein Körbchen war leer. Sie hatte ihn wohl mitgenommen. Er schluckte. Was war hier los?

Dann entdeckte er auf dem Küchentisch die kleine Vase mit einer einzelnen Rose und einen Brief auf dem Küchentisch. Er starrte auf den Tisch, und seine schönen braunen Augen füllten sich mit Tränen. „Sie hat mich verlassen!“, dachte er. Er traute sich nicht, den Brief sofort zu öffnen, und machte sich erst mal einen Kaffee, setzte sich mit der Tasse an den Tisch und sah wie erstarrt auf den Brief. Die drei Kater saßen auf dem Tisch, und Otto kam auf ihn zu, als ob er ihn trösten wollte. Dabei trat er auf den Brief und schob ihn direkt auf Christian zu, als wollte er ihm sagen, “Jetzt mach schon, so schlimm wird es nicht sein!“ Christian streichelte Otto und öffnete den Brief.

***

Er sah die schöne Handschrift von Franziska und begann zu lesen:

Mein Liebster,

vorweg erstmal:
1. Ich liebe dich, das war so, das ist so und das wird auch so bleiben!
2. Auch wenn ich jetzt nicht da bin, ich habe dich nicht verlassen, auch wenn es gerade so wirken mag. Ich nehme mir eine dringend notwendige Auszeit. Ich komme wieder, nicht heute, nicht morgen, wahrscheinlich auch nicht nächste Woche. Wann, weiß ich noch nicht. Aber ich komme wieder!
3. Mach dir keine Sorgen um mich. Du sagst selbst, dass ich mir helfen lassen sollte und eventuell noch mal eine Reha machen sollte. Aber ich mag keine Therapien mehr machen. Ja, es ist nicht immer einfach mit mir und meiner ständigen Traurigkeit. Vor allem nach der Sache mit Rebekka komme ich so gar nicht mehr in den Tritt, so sehr ich mich auch bemühe. Ich muss jetzt einfach mal weg aus dem Haus der Erinnerungen und mir selbst helfen, indem ich endlich mal in mir drinnen die Geister vertreibe, die mich lähmen, einsperren, vergiften. Ich möchte, nein, ich will endlich wieder lachen, unbeschwert sein. Das kann ich nur mit mir selbst ausmachen, da kann mir keiner bei helfen, auch du nicht, mein Geliebter. Denn du kennst die Geister nicht, die mich seit frühester Kindheit quälen. Ich habe nie gelernt, diesen Geistern die Stirn zu bieten, ihnen das echt mal nötige „Nein“ entgegenzuschreien. Jetzt, genau jetzt habe ich den Mut dazu, und wenn ich sie vertrieben habe und mich endlich als das sehe und akzeptiere, was und wer ich wirklich bin, komme ich zurück.

Ich bin aber guten Mutes, dass ich es schaffen werde. Ich brauche dafür jetzt etwas Zeit und Ruhe, um mir selbst zu helfen, damit die Verletzungen heilen können. Keine Panik, ich will mich nicht neu erfinden oder grundlegend ändern, aber ich möchte lernen, dass ich gut bin, wie ich bin, mich einfach mal lieben, damit ich auch wieder Liebe geben kann, die du, mein Liebster, wirklich verdient hast.

Hoffentlich verstehst du und gibst mir etwas Zeit dafür.

Ich habe Floh mitgenommen, denn das wäre etwas viel, neben deinem anstrengenden Job, den auch noch zu versorgen. Außerdem habe ich so einen Aufpasser damit dabei :-)

Ich hoffe auch, dass ich nach meiner Rückkehr endlich auch mal in Frieden in diesem Haus der Erinnerung leben kann. Oder ob wir es tatsächlich schaffen, einen neuen Heimathafen zu finden und damit endgültig die Vergangenheit hinter uns lassen für den Neustart.

Ich bin dann jetzt weg, bis ich wiederkomme. Ich werde mich sicher zwischendurch melden, damit du dir keine Sorgen machst.

In ewiger Liebe
Deine kleine Hexe Franziska

***

Er starrte auf den Brief, in ihm arbeitete es, und die Gefühle fuhren Karussell. Auf der einen Seite war er verdammt traurig, auf der anderen Seite war er auch enttäuscht und wütend. Eine Träne tropfte auf das Papier. Er schaute die drei Kater an, die einträchtig nebeneinander auf dem Küchentisch direkt vor ihm saßen.

In der Mitte thronte Otto, ein imposanter British Kurzhaar mit seidig glänzendem grau-blauen Fell. Er war unbestritten der Chef des Trios und der erklärte Liebling von Franziska. An seiner rechten Seite saß Filou, der seinen Namen zu Recht trug. Er war eine Mischung aus Britisch-Kurzhaar und Langhaar. Er war der kleinste der drei und hatte die meisten Flausen im Kopf, total verspielt und anhänglich. An der linken Seite von Otto saß Simba, ein weißer Bengalkater mit dunklen Streifen und riesigen blauen Augen. Er schielte und sah dadurch lustig aus. Er war der Kater von Charlotte, die ihn bei Franziska und Christian geparkt hatte, um auf große Weltreise zu gehen. Simba hatte daraufhin beschlossen, dass Franziska ab sofort sein Frauchen sein sollte, und hing mit abgöttischer Liebe an ihr. Christian fluchte leise, er war nicht unbedingt der Katzenversteher.

Otto legte den Kopf leicht schief und ging etwas auf ihn zu. Er blieb mit einer Pfote auf dem Satz stehen: „Ich liebe dich!“ Christian starrte ihn an und sagte leise: „Ja, ich weiß, aber …“ Otto kam noch einen Schritt näher und blieb mit der anderen Pfote auf dem Satz stehen „Ich komme wieder“, als wollte er sagen: „Sie kommt doch wieder, jetzt stell dich mal nicht so an! Was sie sagt, das macht sie auch!“
Christian musste unwillkürlich grinsen und streichelte Otto über den mächtigen Kopf. „Du bist echt ein komischer Kerl, aber warum hat sie nichts gesagt? Warum jetzt? Warum so plötzlich?“ Otto schaute ihn mit seinen klugen Katzenaugen an, und Christian wusste, dass sie sehr wohl etwas gesagt hatte, und das mehr als einmal, dass sie sich in diesem Haus nicht mehr wohlfühlte, dass sie wegziehen wollte, mit ihm aus dem Haus der Erinnerung fliehen wollte, spätestens seit der Funkstille mit Rebekka.
Ja, er wusste es, hatte es auch ernst genommen, aber er war einfach zu bequem, um neu anzufangen. Außerdem fand er das Haus auch schön. Sie hatte viel daraus gemacht, schon bevor er da war.
In den letzten Jahren hatten sie das Haus noch mal fast ganz durchrenoviert, aber sie sagte immer, dass alles Renovieren nix nutzte, die Erinnerungen steckten einfach in den Mauern. Da er aber extrem an dem Ort hing, konnte er sich einen Wegzug nicht wirklich vorstellen, insbesondere auch deshalb, weil er noch einige Jahre zu arbeiten hatte.
...

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