Cover: Jenseits vom Verstand

Jenseits vom Verstand
Vier Erzählungen


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 144
ISBN: 978-3-7116-0805-5
Erscheinungsdatum: 07.07.2025
Vier Geschichten, ein Thema: das Unerwartete, jenseits vom Verstand, gemeinsam meistern. Luise wird eine Andere durch Klara, Florian überlebt, Uli versöhnt die beiden Ehepaare mit ihrem Albtraum von Hotel, und Jan öffnet sich einer neuen Liebe.
1:0 für Krokantpralinen


Mama stand strahlend vor mir und wedelte aufgeregt mit einem Umschlag.
„Klara, stell dir vor, endlich passiert was Schönes!“ Ihre Augen sahen mich erwartungsvoll an. „Na, rate schon, was passiert ist!“
Meine höchste Vorstellung vom Glück – abgesehen von einer schulfreien Welt – war, reich und schön zu sein. Schön, fand ich selbstbewusst, war nicht mehr nötig, reich dagegen sehr.
„Haben wir im Lotto gewonnen? Mit Superzahl und allem Drumherum?“, fragte ich mit leiser Stimme. Ich glaubte nämlich fest daran, dass man Erwartungen nicht hinausschreien sollte, so nachdem Motto „Hurra, wir haben gewonnen, gewonnen!“, und dann womöglich noch dumm herumhüpfen und in die Hände klatschen. Das schreckte das Glück nur ab, verständlicherweise.
„Nein, Kind, nein …, das nun auch wieder nicht, aber beinahe so gut.“
Ich konnte mir beim besten Willen nichts vorstellen, was beinahe so gut sein könnte. Also zuckte ich fragend mit den Schultern.
Meine Mutter, ein wenig enttäuscht angesichts meiner fehlenden Begeisterung, packte mich an der Hand und wirbelte mich einmal um mich herum. „Klara, wir beide haben eine Einladung von Luise bekommen. Sie freut sich, uns endlich einmal wiederzusehen“, rief meine Mama, und ihre Stimme klang tatsächlich erfreut.
Das wunderte mich. Hatte sie denn schon wieder alles vergessen oder nur verdrängt? Luises laute Stimme, ihr falsches, schrilles Lachen, ihre Art, Leute zu behandeln, als wären sie eklige Insekten – Freunde eingeschlossen. Oder war es einfach nur die Freude auf die Abwechslung? Mama hatte nicht viel, worauf sie sich freuen konnte, außer auf mich natürlich. Nur, so eine 13-Jährige mit einem Hang zum „Leute-wahnsinnig-Machen“ war nicht unbedingt immer ein Glücksbringer …
„Zur Luise“, wiederholte ich langsam, um Zeit zu gewinnen. „Nett von ihr. Und wann?“, fragte ich freundlich. Das „Wie lange?“ wollte ich jetzt noch gar nicht wissen, frei nachdem Motto „Das Schlimmste bitte zum Schluss“.
„In den Sommerferien, Liebling. Luise hat sich extra in dieser Zeit eine Woche Urlaub für uns aufgespart. Das ist doch super von ihr, nicht?“
Etwas in meinem Gesicht muss Mama daran erinnert haben, dass nicht alles mit und um Luise super war. „Ach, Liebling, stell dir vor, eine Woche in dieser herrlichen Umgebung …, die Berge, die Seen, die gute Luft.“
„Jaaaa, ich weiß, Mama“, dachte ich. Luise wohnte im Schwarzwald. Das war allerdings das Beste an ihr. „Eine Woche, wirklich?“ fragte ich sicherheitshalber nach, denn eine Woche konnte ich das Ganze Mama zuliebe sicherlich aushalten. Zwei allerdings niemals, und wenn ich mir die Pocken zulegen müsste.
„Ja, eine Woche, Klara. Sie hätte uns gern zwei Wochen behalten, aber die Firma hat nur eine Woche genehmigt.“
Ich dankte in Gedanken Gott und der Firma, bei der Luise arbeitete, für diese Auskunft. Zwar wusste ich nicht genau, was Luise wirklich tat, wenn sie arbeitete, aber es interessierte mich auch nicht wirklich.
Die Zeit bis zu dieser „einen Woche Urlaub mit Luise“ war genau fünf Wochen lang. In unserem kleinen Haushalt – Mama und ich lebten allein – wurden Vorbereitungen getroffen und Pläne diskutiert. Völlig unnötigerweise, wie sich später herausstellte, denn Luise hatte schon für uns alle drei vorgeplant.
Ach ja, vollständigkeitshalber sollte ich erklären, wo mein Papa war. Der war nämlich nicht mehr bei uns und fehlte uns sehr. Manchmal, wenn ich mich ganz doll an ihn erinnerte, konnte ich lachen und weinen zugleich. Es war so ein starkes Gefühl: die Mischung aus Glück und Trauer! Jetzt war es ziemlich genau drei Jahre her, dass zwei verlegene Polizisten bei uns vor der Tür gestanden hatten und meine Mutter – allein –, wohlgemerkt allein – sprechen wollen. Mama hatte mich ins Kinderzimmer geschickt und die Polizisten in unsere geräumige Küche, an unseren schönen runden Tisch, gebeten. Sie war zu aufgeregt gewesen, um zu bemerken, dass ich mich unauffällig in der Nische im Flur versteckt hatte.
So habe ich ziemlich schnell und schonungslos erfahren, dass mein Papa nie mehr heimkäme. Ein Autounfall auf der Autobahn – Papa war nicht schuld gewesen; er hatte angehalten, um den anderen Leuten zu helfen, die den Unfall verursacht hatten. Ein nachfolgender Lkw hatte nicht mehr bremsen können … Noch heute, wenn ich solche Geschichten im Fernsehen sah, musste ich mich zusammennehmen, um nicht meine Wut hinauszuschreien. Es war so ungerecht! Ich hatte mir geschworen, dass ich nie und nimmer anhalten würde, um anderen zu helfen. So was wurde nicht belohnt …, siehe mein Papa.
Ich hatte gesehen, wie Mamas Körper sich versteifte, und ihre Tränen langsam auf den runden Tisch fallen sehen. Die Oberfläche war poliert gewesen, und die Tränen waren dann über den Rand gekullert. Es war eine unwirkliche Szene gewesen … Ich konnte nie mehr an diesem Tisch sitzen, ohne dass ich dran denken musste und die perlenden Tränen sah. Keinen Bissen brachte ich mehr hinunter. Obwohl sich Mama den Zusammenhang nicht erklären konnte, hatte sie bald den Tisch verkauft. Was sollen auch zwei Personen an einem großen runden Tisch?
Heute war es so, dass wir wieder fröhlich sein konnten und mit unserem Leben einverstanden waren. Mama ging ins Büro; sie arbeitete in einer großen Versicherungsgesellschaft, und ich ging in die Schule. Beide gezwungenermaßen, zumindest konnte ich das von mir mit Sicherheit behaupten. Eigentlich konnte ich mir gut vorstellen, dass Mama auch lieber in der Sonne oder am Strand gelegen hätte, als sich mit blöden Papierwerken und langweiligen Kollegen zu beschäftigen. Doch das Leben spielte nun mal nicht immer so mit, wie man sich das erträumte. Auch mir war das inzwischen klar geworden.

Die Zeit verging schnell, irgendwie zu schnell, und plötzlich standen wir mit unserem Koffer und Rucksack vor Luises Tür und klingelten. „Nur Ruhe“, sagte ich zu meinen aufgeregten Nerven und „Freudig lächeln!“ zu meinem Gehirn.
Die Tür flog auf, und eine hagere Frau mit weit aufgerissenem Mundschrie los: „Oh mein Gott, ihr seid ja schon da!“ Sie drückte meine Mutter an sich und gab ihr rechts und links zwei Schmatzer, die wie Ohrfeigen knallten. Ich ging vorsichtshalber zwei Schritte zurück, doch das nützte natürlich nichts. Auch ich wurde fest, wenn auch nicht innig, an ihren Busen (falls dieser diese Bezeichnung überhaupt verdient) gedrückt. Ihre Hand fuhr mir plump durch das Haar …Mein Gott, wie ich das hasste! Warum mussten fast alle Erwachsene ständig am Kopf der Kinder herumtätscheln? Ich ging ihr auch nicht an die Frisur, obwohl es hier nicht viel zum Zerstören gegeben hätte. Anscheinend musste Luise das Gleiche von meinem Haar gedacht haben, denn sie schrie weiter, ohne die Stimme zu senken: „Was die jungen Dinger sich nur dabei denken, sich die Haare so lang wachsen zu lassen! Das sieht leicht so ungepflegt aus und wirr. Na ja, das wird sich schon mit der Zeit geben, wenn sie zu mehr Verstand kommen.“
Ich gab mir alle Mühe, ihr nicht an den dürren Hals zu gehen, entblößte meine Lippen zu einem angedeuteten Lächeln und sagte: „Du hast dich gar nicht verändert, Luise, so herzlich wie immer.“
Mamas Blick ließ mich meine Ausführungen jäh beenden. Luise schaute mich etwas verwirrt an und beschloss dann, das Ganze als Kompliment zu nehmen. Als Kind hatte ich immer „Tante Luise“ sagen müssen, und irgendwas riet mir, diesen Status nochmals auszuprobieren.
Ich setzte mein bestes Unschuldslächeln auf: „Ach, Tante Luise, nicht jeder kann so schönes Haar haben wie du und damit so vollendete Frisuren tragen. Es passt so wunderbar zu dir, Tante Luise.“
„Lass das mit der Tante, Klara. Du bist nicht mehr so klein. Du darfst ruhig Luise zu mir sagen. Wir werden bestimmt noch gute Freundinnen.“
„Bestimmt, du blöde Schnepfe!“, dachte ich. „Auf die Bemerkung von den Haaren ist sie nicht eingegangen… Hm, klug von ihr. Es verspricht noch spannend zu werden.“
„Hast recht, Luise, danke. Außerdem klingt ‚Tante‘ immer so alt, und davor haben die meisten Frauen doch Angst, nicht wahr?“ Sie schaute mich unsicher an, nicht wissend, wie sie diesen Satz einordnen sollte. Ihr Blick sagte: „Das dumme Kind hat es doch gar nicht verstanden, was es da eben gesagt hatte.“ „Ja, ja“, murmelte sie, „aber alt sind wir noch lange nicht, deine Mama und ich.“
Ich schaute sie an und dachte: „Wer sprach denn von meiner Mama?“, und lächelte höflich.
Wäre ich ein Mann gewesen, hätte ich mich niemals in sie verlieben können. Kein Wunder, dass sie längst geschieden war. Um die Wahrheit zu sagen: Ich konnte mich noch nicht mal mehr an ihren Mann erinnern, so lange war das her. Ihr Körper war hager, kein bisschen weiblich. Der Kopf klein, die Augen wirkten merkwürdig wimpernlos und kalt, das Gesicht wie mit einer Mehlmaske überzogen … Die Mundwinkel gaben sich alle Mühe, sich nach oben zu ziehen, fielen aber immer wieder in die natürliche Stellung hinunter. Die leichtgebogene Nase trug auch nicht dazu bei, das Ganze eine „sympathische Erscheinung“ zu nennen. Die Frisur bestand aus einer Ansammlung schwarz gefärbter Haare, die, mit roten Strähnchen (grauenhaft) durchzogen, zu einem undefinierbaren Schnitt gezwungen wurden. Diese „Frisur“ endete kurz über den Ohren, in verschiedenen Stufen, die sich nur jemand ausgedacht haben konnte, der Luise bestimmt nicht verschönern wollte. Kurz gesagt: Ihr Friseur musste sie hassen!


Das Zimmer, das sie uns zugedacht hatte, war recht geräumig und hell. Auf der einen Seite des Zimmers stand eine ausziehbare Couch und gegenüber ein Gästebett. Ein Bauernschrank, mit grünen Holzfiguren verziert, und eine Kommode mit vier Schubladen boten genug Platz, um unsere wenigen Sachen zu verstauen. Neben dem Gästebett befand sich ein kleiner Glastisch mit einem Stuhl als Begleitung. Die bunten Blumentapeten an den Wänden taten nach längerem Hinsehen den Augen weh. Als Mittelpunkt der rechten Wand, über dem Ausziehtisch, hing ein Bild, dem ich sofort den Titel „Hirsch im Walde“ gab. Der leicht vergilbte Rahmen passte dazu. Im ganzen Zimmer gab es keinen einzigen Spiegel. Kein Wunder, warum sollte sich Luise in jedem Zimmer anschauen wollen?
Luise führte uns durchs Haus und machte uns mit den „nötigen Sachen“ vertraut. Vor allem die Küche wurde uns besonders eingehend erklärt. Erwartete sie etwa, dass wir sie jeden Abend bekochen würden?


Nun ja, heute Abend gab es zumindest „kalte Platte“, ein paar Butterbrote, Gurken im Glas, Aufschnitt. Irgendwie war ich enttäuscht. Nicht, dass ich ein Drei-Gänge-Menü erwartet hätte, aber zumindest ein leckeres Willkommensessen. Sie wusste doch schon seit Wochen, wann wir kämen. Wenn meine Mama enttäuscht war, ließ sie sich das nicht anmerken. Sie hätte umgekehrt Luise garantiert mit einem Lecker-Dinner beglückt …
Nachdem wir so „fürstlich“ gegessen hatten, speiste Luise mich mit den Worten ab: „Klara, du bist sicherlich müde? Macht nichts, geh ruhig in dein Zimmer, mach’s dir bequem. Deine Mutter und ich haben uns viel zu erzählen, was dich sicher nur langweilen würde.“
„Ach, lass sie doch, Luise“, sprang meine Mutter dazwischen. „Sie hat doch Ferien, und es ist noch früh.“ Zu mir gewandt, fuhr sie fort: „Willst du ein wenig fernsehen oder dir die Gegend anschauen?“
Das mit dem Fernsehen erledigte sich von selbst, da das einzige Gerät im Wohnzimmer stand, wo die beiden saßen. Ich ging also nach draußen, um mir die viel gelobte Landschaft anzusehen. Luises Haus stand am Rande des Dorfes, und ich beschloss, hinunterzulaufen. Das Wetter war superschön, der Wind wehte zart durch die Bäume, diese schauten mich „von oben herab“ an, und auf einmal fühlte ich mich wohl, leicht und beinahe glücklich.
Das Dorf war eine Ansammlung aus kleinen Geschäften, einem Marktplatz, ein paar Cafés und zwei bis drei Restaurants, wo man gutbürgerlich, so sagten die Schilder, essen konnte. Ich konnte mir nichts unter „gutbürgerlich“ vorstellen, aber es konnte nur besser sein als die Butterbrote heute Abend. Am Ende des Dorfes entdeckte ich ein Schild, das mir noch mehr gute Laune machte: „Schwimmbad“ stand darauf. Nun ja, der Urlaub war gerettet; sollten doch die beiden sich stundenlang ihre Jugend- oder Gegenwartsgeheimnisse erzählen. Ich wusste, wo ich besser meine Zeit verbringen konnte. Doch wer konnte schon ahnen, dass Luise für mich „vorgesorgt“ hatte?


Nächster Morgen. Tatort: Frühstückstisch. Besser gesagt: Tisch mit dem gleichen Aufschnitt wie gestern Abend, nur die Gurken fehlten. „Unsere ländlichen Spezialitäten“, hatte Luise gestern diese Ansammlung von fetten Würsten, Speck und undefinierbarem Irgendwas an Pastete genannt. Abends ging es ja noch, aber zum Frühstück?
Auch Mamas Augen suchten fieberhaft nach etwas anderem …
„Marmelade“, sagte ich etwas tonlos, „hast du auch Marmelade mit Quark?“
„Ich bin noch nicht dazugekommen, einzukaufen, meine Liebe. Ich arbeite schließlich bis in den späten Abend hinein. Die meisten Geschäfte haben schon zu, wenn ich nach Hause komme. Gestern hat dir doch die Wurst eindeutig geschmeckt („Wie kommt die bloß darauf?“, dachte ich), so wird sie dir zum Frühstück gut genug sein, oder?“
„Ich mag morgens nichts so Fettiges“, murmelte ich, schon ein wenig sauer. „Dann esse ich eben ein Brötchen mit Butter, ist auch okay.“
„Es gibt nur Knäckebrot“, antwortete sie spitz. „Ist viel gesünder. Wenn du Brötchen haben möchtest, musst du welche holen gehen. Unten im Dorf ist ein Bäcker.“ Sie goss sich und Mama seelenruhig Kaffee ein.
An meinem Platz standen eine Flasche Mineralwasser und ein Glas. Ich spürte, wie die Wut sich langsam in meinem Hals vergrößerte: „Wenn ich denn auch eine Tasse Kaffee bekommen könnte …“, sagte ich aufmüpfig.
„Du lässt die Kleine Kaffee trinken?“, fragte Luise ungläubig mit einem Seitenblick auf meine Mutter.
Bevor Mama reagieren konnte, lächelte ich süß: „Am liebsten mit einem Cognac, aber das nur nachmittags –wegen der Fahne in der Schule, du verstehst?“ Ich wandte mich an meine Mutter, ohne Luise zu beachten.
„Bitte gib mir Kleingeld für Brötchen und Marmelade.“ Eine peinliche Stille entstand.
„Meine Tasche ist oben, Klara. Hol mir bitte die Geldbörse.“ Luise rührte sich nicht …
Ich rannte nach oben, griff nach der Börse und legte sie meiner Mutter hin. „Möchtest du auch ein Brötchen, Mama?“
„Ja, gern. Und bring ein paar mehr, Luise wird sicherlich auch eins haben wollen.“
„Wirklich?“ Ich schaute in Luises Richtung, ohne sie anzusehen. „Knäcki ist doch so gesund. Aber ich spendiere dir gern eins, musst nur sagen.“
Sie hatte doch tatsächlich die Frechheit zu antworten: „Ach ja, ein wenig Abwechslung kann nicht schaden. Bring mir ein Mohnbrötchen mit.“ Ich bedachte sie mit einem Blick, der normalerweise ihr Blut hätte zum Gefrieren bringen sollen, doch irgendwie wirkte er nicht.


Doch das sollte erst der Anfang von Luises „Gastfreundschaft“ sein. Ab da durfte ich jeden Morgen Brötchen holen, mit Mamas Geld selbstverständlich. Als ich meiner Wut mal abends auf dem Zimmer Luft machte, beschwichtigte mich meine Mutter, indem sie die Sache als eine „Kleinigkeit“ darstellte. „So können wir auch was zum Essen beitragen, Liebes. Schließlich machen wir hier Urlaub. Umsonst. Vergiss das nicht.“
Oh nein, vergessen konnte ich das nicht, dafür sorgte schon Mamas „beste Freundin“.
Als ich zum Freibad wollte, fragte sie mich – in Mamas Beisein natürlich – ob es mir was ausmachen würde, eben den Boden in der Küche und im Bad zu wischen. „Der ist ja immer so nass, mein Gott. Ich weiß nicht, wie Kinder das machen, aber nach dem Duschen sieht alles so versprenkelt aus.“ Mit „Kindern“ war ich gemeint, egal, ob der Boden schon vorher nassgewesen war oder nicht. Sie hatte jetzt einen „Sündenbock“, mich. Das kostete sie voller Freude aus. „Ach ja, Klara, und wenn du schon dabei bist, dann sei so lieb und sauge die Küche durch. Danke.“ Sprach’s und verschwand in den Garten. Mama schaute mich bittend an und folgte ihr.
Ich kochte vor Wut. Schnappte mir den Schrubber und trocknete den „versprenkelten“ Boden. Eine Sache von zwei Minuten. Nun kam der Staubsauger dran. Vorher legte ich aber meine Lieblings-CD in ihre veraltete Stereoanlage in der Küche ein und legte los. Der knatternde Ton des Staubsaugers hatte versucht, sich gegenüber meiner Musik durchzusetzen. Keine Chance: Ich drehte die Anlage voll auf, so dass die Bässe nur noch knallten, und saugte mit Hingabe den Küchenboden ab. Die Stühle bedachte ich mit kräftigen Tritten, damit sie auch Platz für den Sauger machten … Es war ein bisschen wie Fitnessmachen, nur rauer.
„Bist du wahnsinnig?“, schrie eine Stimme an meinem Ohr. „Mach sofort die Musik leiser!“ Luises sonst so blasses Gesicht hatte doch tatsächlich Farbe bekommen.
„Purpurrot steht dir gut, solltest du öfter tragen!“, schrie ich zurück, nachdem ich mich überzeugt hatte, dass Mama im Garten geblieben war.
„Du blöde Zicke!“, gab Luise zurück, ebenfalls schreiend. Ihr Pech, dass ich gerade neben der kleinen Anlage stand und den Ton abdrehte.
Mama stand in der Küche und schaute Luise entsetzt an. „Wie kannst du so mein Kind anschreien?“, schrie sie nun ihrerseits. „Sie macht hier für dich die Putzfrau, und du beschimpfst sie noch dafür.“ Sie packte mich an die Hand. „Lass den Staubsauger los, Klara. Geh schwimmen. Schließlich sollte das hier deine Ferienwoche sein.“
„Danke, Mama.“ Ich ließ aus purer Berechnung ein paar Tränen fließen, lief in mein Zimmer und verschwand kurz darauf mit meiner Badetasche.
Leider erwähnte Mama trotz meiner zaghaften Anspielungen am Abend auf unserem Zimmer mit keinem Satz, wie Luise darauf reagiert hatte. Eine gute Erziehung konnte auch ein Fluch sein!


Ab da spielten Luise und ich das schöne Spiel „Ich hasse dich, aber keiner soll’s merken“. Die Regeln beherrschten wir beide recht gut, wobei ihr wahrscheinlich die langjährige Erfahrung in solchen Dingern zugute kam. Dafür hatte sie jedoch nicht meine Phantasie. Meine Lehrerin, die immer behauptete, ich könnte, wenn ich wollte, wäre stolz auf mich gewesen. Sehrrrr stolz!
Meine Strategie lag darin, a) mich gut vorzubereiten, b) den Plan immer ohne Zeugen allein durchzuführen, c) mich niemals erwischen zu lassen und d) das meiste schon vorher – immer im Beisein von anderen – unschuldig aufzudecken.
Ich musste – „dank“ meiner Faulheit – einige Übungshefte in Deutsch und Mathe in den Ferien durchgehen und später ausgefüllt in der Schule abgeben. Damit das Ganze nicht zu einem „Horrortrip“ wurde, gewöhnte ich mir an, diese Aufgaben immer kurz nach dem Abendessen auf der kleinen Terrasse zu erledigen. Mama und Luise saßen da noch in der Küche und tranken ein Glas Wein. Meine Stimmung war eh meistens nicht so toll, was nach einem Abendessen mit Luise nicht weiter verwunderte.
Ihre ländlichen Spezialitäten“ liefen mir schon nach; es war eine recht unfreiwillige Diät, die ich hier machte. Den Kalorienverlust machte ich während des Tages mit Schokokeksen, Lakritze und Gummibärchen wieder wett, die ich heimlich in dem kleinen Laden im Dorf kaufte. Frei nach dem Motto „Entweder sparen oder verhungern!“
An diesem Abend fing es an zu regnen. Da es aber nur ein leichter, vorübergehender Schauer war, so dachte ich, legte ich die Hefte in eine Plastiktüte und verstaute sie unter dem Sitz auf der Bank, auf der ich immer saß. „Ich lauf noch eine Runde ins Dorf“, rief ich den beiden zu und marschierte los. Als ich in meinem Lieblingsladen ankam, regnete es bereits heftig. „Nicht schlimm“, dachte ich. „Je später ich nach Hause gehe, umso besser.“ Was erwartete mich da schon Tolles? Ein Abend vor dem Fernsehen. Wir schauten natürlich die Sendungen an, die Luise sehen wollte. Schließlich war sie hier zu Hause und wir „nur“ Gäste. Bei uns wäre es genau umgekehrt gewesen: Mama hätte niemals zugelassen, dass Luise sich langweilte.
...
5 Sterne
Jenseits vom Verstand  - 24.10.2025
Helga

⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️Ich habe mich sofort in Gabriela Rodenbachs Schreibstil verliebt. Jenseits vom Verstand ist eines dieser Bücher, die nicht laut daherkommen – und gerade deshalb so tief berühren. Jede der vier Erzählungen hat mich auf ihre eigene Weise bewegt.Rodenbach schreibt mit einer wunderbaren Mischung aus Klarheit und Poesie. Ihre Sprache ist leicht und doch voller Bedeutung.. Es gibt Sätze, die man zweimal liest, weil sie so schön klingen – und weil sie etwas in einem anstoßen.Für mich ist Jenseits vom Verstand ein kleines literarisches Juwel.

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