Cover: Der Weihnachtskarpfen und andere seltsame Weihnachtsgeschichten

Der Weihnachtskarpfen und andere seltsame Weihnachtsgeschichten
Erzählungen voller Magie und Spannung


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 78
ISBN: 978-3-7116-1639-5
Erscheinungsdatum: 08.04.2026
Dieses Buch erzählt Weihnachtsgeschichten, die so anders sind und gerade deswegen besonders tief berühren. Vom Weihnachtskarpfen bis zur verschwundenen Perlenkette findet der Leser Geschichten, die ihn nicht mehr loslassen.
Das etwas andere Weihnachten


Es war ein schöner, milder Abend, der 21. Dezember im letzten Jahr. Der Winter brachte mehr Sonnenschein als sonst, vom Schnee war keine Spur zu sehen. „Eigentlich schade“, dachte ich. Zum Weihnachtsfest gehörte für mich die weiße Pracht dazu. Als Kinder drückten wir uns die Nasen an kalten Fensterscheiben platt und hauchten die schönen, zarten Eisblumen fort. Der glitzernde Schnee knirschte unter unseren Füßen, als wir alle gemeinsam zur Mitternachtsmesse in die Kirche gingen. Diese Erinnerung ließ mich versonnen lächeln: lang ist’s her. Schön war es, aber heute, heute ist es auch schön, nur eben anders.

Ich schaute ins Wohnzimmer und das laute Geräusch der Motoren machte mir klar: Mein Mann sah sich zum wiederholten Mal eine Aufzeichnung des letzten Autorennens an. Es lief sein Sport, seine Leidenschaft: die Formel 1. Und mein Mann befand sich voll auf den Spuren von Sebastian Vettel, nur dass dieser gerade von seinen Konkurrenten überholt wurde. Am Ende wurde Vettel nur 5., und das Gesicht meines Mannes sprach Bände. Von Begeisterung keine Spur. Leider gewann auch noch Hamilton, was den Familienfrieden in der Skala von 0 bis 10 auf die Null brachte. Er drückte wütend auf die Fernbedienung und löschte die Aufzeichnung. Mit einer schnellen Bewegung schaltete er den Fernseher aus. „Das muss ich mir nicht mehr antun“, murmelte er und lehnte sich zurück. Unentschlossen schaute er sich um, nicht wissend, was er als Nächstes tun sollte. Und das war meine Chance.

„Recht hast du, das muss nicht sein. Nächstes Jahr steht wieder unser Sebastian Vettel auf dem Treppchen, du wirst es sehen“, ich lächelte ihn freudig an und ging sofort zum Angriff über. „Schau, Liebling, heute Abend verkaufen die Pfadfinder an der Christus-Kirche ihre Weihnachtsbäume. Jetzt haben wir noch die Chance, einen schönen auszuwählen und …“, weiter bin ich erst gar nicht gekommen. Mit einem Satz sprang er aus dem Sessel: „Was? Jetzt? Heute? Es ist noch lange nicht Weihnachten“, schnaubte er.

„Aber bald! Genauer gesagt in 3 Tagen!“, meine Stimme gewann ebenfalls etwas an Höhe. „Und jetzt ist der perfekte Zeitpunkt dafür. Später kriegst du nur das, was übrig bleibt, was niemand mehr will.“ „Das ist mir egal! Schon mein Vater und der Vater meines Vaters brachten genau am 24., am Heiligabend, den Baum nach Hause. So war es immer: So will es die Tradition! Und so wird es bleiben!“, sprach’s und schritt aufgebracht durch die Tür. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Im Geiste sah ich meine Großmutter, wie sie sich mit dem mickrigen Bäumchen abmühte, das Großvater anschleppte. Der Baum, früher war es wohl eine grüne Tanne, hatte abstehende Zweige, sehr transparent, fast ohne Nadeln. Mit viel Lametta, Kugeln, Schokoladenherzen und vielem mehr verdeckte sie das Elend.
Meistens gelang es ihr, aus diesem Ausschuss der Natur, genannt Weihnachtsbaum, doch noch eine Weihnachtstanne zu machen und ihr etwas Glanz und Gloria zu geben. Viele Generationen haben das durchgemacht, zuletzt meine Mutter.

Aber ich nicht! Ich spiele hier nicht mit! Voller Entschlossenheit und Wut folgte ich meinem Mann in den Keller, um das Ganze auszudiskutieren. Um es gleich zu sagen: leicht war es nicht, aber nach ca. 1 Stunde fuhr Markus stumm und mit zusammengekniffenen Lippen los. Es dauerte nicht lange, und mein Göttergatte präsentierte mir stolz den von ihm ausgesuchten Baum. Beinahe wäre ich in Ohnmacht gefallen, doch der Rest meiner Selbstbeherrschung siegte und ließ mich lächeln. „Wie schön, bring ihn doch gleich ins Wohnzimmer“, brachte ich hervor.
Dieser Baum, das sah ich mit einem Blick, sah genauso aus wie seine Vorgänger, die alle für Diskussionen und Ärger sorgten. Dieser hier war, bei Gott, nicht anders. Das Aussuchen des Baumes, sein gerades Wachstum, die Beschaffenheit der Äste, mit einem Wort: die volle Schönheit einer zukünftigen Weihnachtstanne zu erkennen, lag nicht in den Genen meines Mannes. „Was soll’s“, seufzte ich innerlich. Es ist bald Weihnachten und immerhin hat er den Baum schon jetzt geholt, wenn auch den falschen. Ich beschloss, das ganze Dilemma großzügig zu übersehen.

Es kam der Tag aller Tage: Der Kalender zeigte den 24. Dezember an. Heiligabend! Nach diesen 3 Tagen sah der Baum aus, als hätte er viel durchgemacht, irgendwie ist er schnell gealtert, trotzdem er in einem Ständer voll Wasser, mit etwas Glyzerin versetzt, stand. Die wenigen dunkelgrünen Nadeln waren jetzt noch einen Ton blasser geworden, in einigen Ästen fehlte der Farbe das Grün komplett und manche Zweige ließen ihre nicht vorhandenen Spitzen hängen. „Ist er nicht schön“, mein Mann kam strahlend näher, um sein Prachtstück zu bewundern. „Nun ja“, antwortete ich zögerlich, „etwas transparent“. „Ach was, er ist doch schön, nicht so dick und nicht so grob. Nein, er ist eher zart und elegant, genau passend für uns“. Markus kam geradezu ins Schwärmen. Gut, dass er hinter mir stand und nicht sehen konnte, wie ich resigniert die Augen verdrehte.

Er holte das kleine Tischchen hervor und stellte den Baum mit dem hässlichen eisernen Ständer darauf. Ich eilte los, um eine Tischdecke zu holen, die ich um dieses Eisengestell drapieren wollte. Mein Mann suchte indessen im Keller die Kartons mit den Kugeln heraus und pfiff vergnüglich vor sich hin.
„Mein Gott“, dachte ich, als ich vor dem Baum stand. „Nicht nur, dass er nach nichts aussieht, er ist auch viel zu klein gewachsen“! Entschlossen holte ich einen Pappkarton aus der Garage, schob den Baum vom Tisch herunter, stellte den Karton kopfüber auf den Tisch und das Elend vom Baum wieder drauf. Seitlich auf dem Karton prangte ein weißes Etikett: Made in Germany“. „Na bitte. Der wird sicher halten. Das ist gute deutsche Qualität!“ Schnell versteckte ich meinen Anbau unter der schönen roten Weihnachtsdecke. Als mein Mann endlich alle Weihnachtskisten stöhnend im Wohnzimmer verteilte und sich von dieser „schweren“ Arbeit erholt hatte, holte ich eine eiskalte Flasche Sekt aus dem Kühlschrank und die 2 wunderschönen alten Sektflöten von meiner Oma.
Diese Erbstücke feierten ihren Höhepunkt immer zur Weihnachtszeit. Wir beide prosteten uns vergnügt zu und langsam vergaß ich den blöden Stress mit der Tanne.

Auch das war eine Tradition, unsere eigene: immer, bevor wir mit dem Schmücken der Weihnachtstanne anfingen, stimmten wir uns mit einem Glas Sekt ein. Und natürlich waren es immer die beiden (übrigens letzten) Sektflöten aus Omas Erbe. Es ging alles glatt von der Hand und schon bald hatten wir dem Baum alle Kugeln angehängt und ihn zu dem gemacht, was er eigentlich sein sollte: einer wunderhübschen Weihnachtstanne. Zum Abschluss hob mein Mann den goldenen Engel mit seinem Stern hoch und befestigte ihn an der Spitze des Baumes. Dazu musste er sogar eine kleine Leiter holen. „Und du sagst, der wäre zu klein. Der ist noch größer als der vom letzten Jahr“, sagte er zufrieden. Ich dachte an den Karton unter der Decke und sagte nichts.

In der Flasche war noch ein wenig Sekt übrig und so hoben wir zum letzten Mal unsere Gläser. „Auf ein schönes, ruhiges Weihnachtsfest“, mein Mann nickte zustimmend. Doch sein zweiter Gedanke galt augenblicklich seinem leiblichen Wohl. „Ich räume nur schnell die leeren Kartons auf und dann könnten wir eigentlich unser Weihnachtsessen starten“, grinste er voller Vorfreude. Stimmt, die Zeit war schnell vergangen, ich musste noch einiges vorbereiten und so ging ich in meinen „Arbeitsraum“, in die Küche. Ich hörte ihn pfeifend die Treppen rauf und runter gehen, ich sah den zarten Rehbraten, der in friedlicher Gesellschaft von geschmorten Zwiebeln vor sich hin duftete, und genoss den wunderbaren, stillen Augenblick.

Ich platzierte vorsichtig die Silberschale mit dem Braten mitten auf den Tisch und schaute noch einmal zu der Tanne hin. „So schlecht siehst du gar nicht aus“, sagte ich laut zu ihr. Dann ging ich zurück in die Küche. Hier hatte ich mir, schon beim Kochen, eine Kerze angezündet, die jetzt ein sanftes Licht verbreitete, im Radio sang jemand „Stille Nacht, heilige Nacht“. Ich fühlte mich glücklich und geborgen. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllte meine Seele.

Plötzlich wurde ich innerhalb von Sekunden in die Realität zurückgeschleudert. Ein ohrenbetäubender Knall erfüllte die Luft. Ich hörte einen langen, zischenden Ton und irgendetwas zerbarst mit voller Wucht. Ich stand wie paralysiert vor Angst, nicht fähig, mich zu rühren. Die darauffolgende Totenstille jagte mir einen Schauer über den Rücken und endlich lösten sich meine Füße vom Boden und ich begann zu rennen. Mein erster Weg führte mich in den Keller. „Bitte, lieber Gott, lass es nicht zu, dass Markus etwas passiert ist. Bitte!“ Voller Angst schaute ich in jedem Kellerraum nach. Doch Markus war nirgends zu sehen. Ich rannte nach oben und prallte in der Eingangstür mit ihm zusammen.
„Gott sei Dank“, stammelte ich, „dir ist nichts geschehen.“ Erleichtert schmiegte ich mich in seine Arme. „Was war das“, fragte er unsicher. „Ich habe draußen so einen lauten Krach gehört. Ich dachte, der Braten ist explodiert und die Küche ist in die Luft geflogen“, versuchte er zu scherzen. Ich zuckte ratlos mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich weiß nicht, was das war“.

Wir gingen ins Wohnzimmer herein und blieben wie angewurzelt stehen. Das Bild, das sich hier unseren Augen bot, werden wir nicht so schnell vergessen! Unsere schön geschmückte Weihnachtstanne lag quer am Boden. Der Länge nach hingefallen, nahm sie im Flug gleich Omas Gläser und die Sektflasche mit. Die vielen kleinen Glasscherben erinnerten an die alten, wunderschönen Weihnachtskugeln, die dieses Unglück nicht überlebt hatten. Und als Zugabe ergoss sich das Wasser spielerisch bis in den kleinsten Winkel des Wohnzimmers. Der große Engel, der eben noch auf der Spitze des Baumes thronte, steckte aufgespießt in unserem Rehbraten.

Der Baum streckte stumm und anklagend seinen in den eisernen Halter einklemmten Stamm hoch in die Luft. Wir sahen uns an, unfähig, etwas zu sagen. Und da! Da sahen wir den eingenickten, durchweichten Pappkarton auf der Erde liegen, direkt vor dem kleinen Tisch. Irgendwie muss das Wasser wohl aus dem undichten Baumständer in den Karton hineingelaufen sein; die Pappe machte ihrem Namen Ehre, sie wurde pappweich, leistete keinen Widerstand und kippte nach vorn. Ich seufzte tief: „Heutzutage kann man sich auf nichts verlassen. Noch nicht einmal auf einen Karton ‚Made in Germany‘. Keine Qualität mehr, nur Schrott.“

Mein Mann sah mich entsetzt an: „Wo, zum Teufel, kommt dieser blöde Karton her?“ Ich gab keine Antwort und schaute nach unten. Ich sah mir meine Füße an, die jetzt in pitschnassen Schuhen steckten und so gar nicht festlich aussahen. „Du hast dich doch gefreut, wie schnell der Baum gewachsen ist“, antwortete ich trotzig. „Ich habe ihm doch nur eine kleine Stütze gegeben, damit er groß und würdevoll aussieht.“ „Das ist dir ja hervorragend gelungen.“ Markus legte den Arm um mich und in dieser Sekunde begannen wir beide laut zu lachen.

„Warte“, mein Mann ging in die Küche und brachte zwei Gläser herein. Er nahm die Flasche Rotwein, die als einzige unversehrt auf dem Tisch stand, und schenkte uns ein. „Diese Gläser sind zwar von Ikea und keine Erbstücke, aber der Wein schmeckt trotzdem.“ Er nahm meine Hand und zog mich zu der zermatschten Tanne. Wir beide setzten uns mitten in den Baum. Dieser ließ seine sowieso schon vorher lädierten Äste jetzt einfach platt gedrückt liegen. Er wehrte sich nicht, er piekte noch nicht mal.

Mein Mann hob sein Glas in Richtung der Baumspitze und sagte: „Danke, dass du den Wein verschont hast, Baum“, dann drehte er sich wieder zu mir und lächelte. „Fröhliche Weihnachten, Liebes, und denk an das alte Sprichwort: Scherben bringen Glück!“ Ich nickte mit Tränen in den Augen: „Hoffentlich verkraften wir so viel Glück auf einmal. Dieses hier reicht für Jahre!“ Markus lachte schallend und gab mir einen Kuss.
Und zum zweiten Mal an diesem Abend erfüllte mich wieder dieses dankbare Gefühl der Geborgenheit, für das man nur schwer Worte finden kann.

Wir ließen den Baum liegen, entfernten den Engel aus dem Braten und genossen das Weihnachtsessen. Anschließend machten wir ein Foto von der platten Tanne und schickten es per Handy an unseren Sohn. Die Reaktion war umwerfend: „Lass alles so liegen, Papa“, schrieb er. „So einen coolen Baum hat nicht jeder. Wir freuen uns auf morgen! Dann setzen wir uns alle um den liegenden Weihnachtsbaum und feiern Weihnachten. Das ist mal ganz etwas anderes: So ein Fest werden wir nie vergessen.“ Markus grinste und schaute mich an: „Den Humor hat er von dir. Zum Glück hast du ihm nicht auch noch dein technisches Talent vererbt!“ Das war gemein, aber irgendwie auch richtig, daher fiel mir auch keine passende Antwort ein.

Ja dann, passen Sie alle schön auf, wenn Sie Ihren Weihnachtsbaum aufstellen. Und: einen Pappkarton darunter zu stellen, wäre eine ganz schlechte Idee!




Der Himmel schickt Briwilo!


Es begann wie immer: Weihnachten stand vor der Tür und alle rannten durch die Geschäfte auf der Suche nach passenden Geschenken. Man hätte ja alles schon viel früher besorgen können, tja, hätte man, wenn nicht völlig überraschend das Weihnachtsfest doch tatsächlich am 24. Dezember stattfindet, und bis dahin sind es noch genau 5 Tage: 5 lange oder kurze Tage, je nachdem, wie man das sehen mag.

Für Brigitte und Willi, im Nebenberuf Oma und Opa von 3 wohlgeratenen Enkeln, waren es eher kurze Tage. Schon seit Langem zerbrachen sie sich ihre Köpfe und überlegten Tag und Nacht, womit sie ihre Enkel glücklich machen könnten. Auch Uroma Lola war da keine große Hilfe. Ihre Vorschläge wurden zwar angehört, aber dann dankend abgelehnt.
„Mein Gott“, stöhnte Oma Brigitte und schaute ihren Mann Willi vorwurfsvoll an, „fällt dir denn gar nichts ein?“ „Genauso viel wie dir“, brummte der Opa zurück. Da saßen sie nun und wussten nicht weiter.

Genau in diesem Moment schaute der Weihnachtsmann mal wieder auf Dormagen herunter. Er sah Brigitte und Willi, wie sie mit ihrer Mutter Lola am Tisch saßen, jeder von ihnen in Gedanken versunken, die, das wusste der Weihnachtsmann sofort, doch zu keinem Ergebnis führen würden. Alle schauten schweigend den Kalender an, als ob der etwas dafür könnte …
So konnte es nicht weitergehen. Der Weihnachtsmann schüttelte energisch seinen Kopf. So nicht! Das endet ja in einer Katastrophe! Und erst mal die armen Enkel; so gar nichts unter dem Tannenbaum? Geht nicht. Vor allem, weil die Kinder ihn, den Weihnachtsmann, dafür verantwortlich machen würden und nicht ihre Großeltern. Es war der Weihnachtsmann, der die Geschenke brachte. Basta!

Der Weihnachtsmann schaute sich in seinem Himmelreich um. Wen könnte er auf die Erde schicken? Wer wäre der ideale Geschenkberater für die drei? Alle seine guten Leute waren unterwegs. Die Wichtel, die Feen; sie alle waren schon seit Tagen fleißig und halfen den Menschen, die richtige Entscheidung zu treffen, die Geschenke zu verpacken, die Weihnachtskarten mit besinnlichen Sprüchen zu versehen. Der Weihnachtsmann marschierte durch die Räume und suchte nach einem geeigneten Helfer. Und da sah er ihn: das Rentier mit der roten Schleife um seinen dürren Hals. Es saß gelangweilt in der Ecke und polierte sein Geweih. Vor ihm stand ein großer Teller mit verschiedenen Süßigkeiten und Plätzchen. Im Minutentakt schob sich das Rentier ein Stück nach dem anderen in seine Schnauze. Der Weihnachtsmann seufzte innerlich. Er setzte sich dem Rentier gegenüber und schaute es an. „Wie ich sehe, langweilst du dich sehr“, stellte er fest. Das Rentier verzog seine breite Schnauze und zog seine Mundwinkel nach unten. „Und ob! Niemand will mit mir spielen, alle sind beschäftigt“, schmollte es. „Niemand braucht mich! Ich fühle mich so allein …“. Vor lauter Selbstmitleid kullerte eine Träne die Wange herunter.

„Na, nicht doch …“, der Weihnachtsmann berührte seinen Arm. „Deine Langeweile hat ein Ende. Ich habe eine Aufgabe für dich …“ Und er erklärte dem Rentier, warum er es herunter nach Dormagen, in die Villa Flora, schicken würde. Er machte ihm klar, wie sehr ihn Brigitte, Willi und die Oma Lola brauchten. Das Rentier lächelte glücklich und legte stolz seine Pfoten auf die Brust. „Ich werde dich nicht enttäuschen“, sagte es und wollte schon auf die Erde herunterrennen, als der Weihnachtsmann es sanft an den Hörnern packte. „Warte, warte. Du brauchst einen Namen, mit dem dich die Menschen ansprechen können.“ Das Rentier scharrte ungeduldig mit den Hufen. „Ich könnte Fridolin heißen, oder so. Ist doch egal“, murmelte es ungeduldig. „O nein, mein Guter. So geht das nicht. Nach einer alten Himmelstradition muss der Helfer einen Vornamen annehmen, der sich aus den ersten Buchstaben der Menschen zusammensetzt, denen er helfen soll“, erklärte ihm der Weihnachtsmann. Als er in sein ratloses Gesicht schaute, musste der Weihnachtsmann lachen. „Keine Sorgen. Ich weiß schon längst alle Vornamen. Schließlich bin ich ja der Weihnachtsmann. Du wirst Briwilo heißen.“ „Briwilo?“, wiederholte das Rentier fragend. „Ja. Bri von Brigitte, Wi von Willi und Lo von Lola, der Urgroßmutter!“
„Okay“, nickte das Rentier begeistert. „Gefällt mir.“

Ein paar himmlische Minuten später stand Briwilo vor der Villa Flora und drückte aufgeregt auf die Klingel. Willi öffnete die Tür: „Brigitte! Du wirst es nicht glauben!“, rief er erschrocken. „Hier steht ein Rentier vor der Tür!“ Brigitte verdrehte vielsagend ihre Augen und schaute ihre Mutter an. „Jetzt ist es so weit“, sagte sie leise. „Andere sehen weiße Elefanten vor lauter Stress, aber Willi sieht Rentiere.“ Sie erhob sich langsam von der Couch und ging zur Tür, Lola folgte ihr neugierig. Dort blieben sie, wie vom Blitz getroffen, stehen. Tatsächlich! Ein großes, starkes Rentier schaute sie mit seinen sanften, braunen Augen an und lächelte. Ja, es lächelte. Jetzt waren es Brigitte und ihre Mutter, die ihren Augen nicht trauten! Gut, dass die beiden vor Schreck stumm waren, so konnte Briwilo sie in Ruhe aufklären. Zuerst stellte er sich vor: „Briwilo ist mein Name. Und ich bin hier, weil …“ Er sprach leise und langsam, um die beiden nicht noch mehr zu verschrecken. Sie hörten ihm zu und ihre Gedanken fingen an zu kreisen. Wie eine Spirale drehten sich die Sätze zu einem Bild zusammen und auf einmal war alles so klar, so verständlich. Ein Blitz durchfuhr ihre Körper und plötzlich waren sie imstande, alles zu begreifen. Auch die Tatsache, dass ein Rentier mit ihnen sprach.
...

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Der Weihnachtskarpfen und andere seltsame Weihnachtsgeschichten

Marie Likisch

Idealia. Das Territorium der Schmetterlinge, Wälder und Seen. Der Blaue Goldpreis.

Weitere Bücher von diesem Autor

Cover: Der Weihnachtskarpfen und andere seltsame Weihnachtsgeschichten

Gabriela Rodenbach

Jenseits vom Verstand

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder