Jedermann-Syndrom
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 278
ISBN: 978-3-7116-0298-5
Erscheinungsdatum: 29.10.2024
Waldemar erwacht allein, verwundet und ohne jegliche Erinnerungen auf einer einsamen Insel. Mit viel Mühe schafft er es seinen Weg zurück in die Zivilisation zu finden. Gelingt es ihm auch herauszufinden, wie er in diese Situation geraten ist?
1 Eine böse Überraschung
Ach, nee, was sollte denn diese Scheiße. Ein dumpfes Hämmern in meinem Kopf, das ich nicht zuordnen konnte. War ich von einem Blitz getroffen worden? Völlig erstarrt wartete ich auf Linderung, aber jede kleine Bewegung brachte nur einen weiteren Schub, noch unerträglicher Schmerzen, und was mich besonders irritierte, ich war blind. Offensichtlich war ich, ob meiner Pein, in Ohnmacht gefallen, denn trotz des widerlichen Klopfens in meinem Kopf, konnte ich, als ich aufwachte, instinktiv erkennen, dass sich meine Umwelt verändert hatte. Es war entgegen meinen ersten Empfindungen etwas kühler. Entweder hatte ich zuvor hohes Fieber gehabt oder es ist möglicherweise nach einem heißen Tag eine kühle Nacht angebrochen. So versuchte ich zu eruieren, wo denn die Ursache meines Leidens lag. Ich konnte zwar nichts sehen, aber mein Tastsinn schien noch zu funktionieren. Ich kontrollierte meinen ganzen Körper, bemerkte kein nennenswertes Gebrechen, es musste sich alles in meinem Kopf abspielen. Wenn ich nur gewusst hätte, wo dieses Ungemach, was eher keine adäquate Beschreibung meines Zustands war, herrührte. Genau genommen war ich völlig orientierungslos. Nicht nur, dass ich nicht sehen konnte, ich wusste auch nicht, wer ich war und was geschehen war. Ein Unfall? Ein Überfall? Vielleicht handelte es sich um ein kurzfristiges Trauma und meine Erinnerungen würden wieder kommen. Zudem bahnte sich ein, zuvor noch unbemerktes, unerbittliches Rinnsal von Flüssigkeit seinen Weg aus meinem Kopf. Nun erfasste mich Panik. An die Stelle aus der Blut austrat, vermutlich aus meinem rechten Auge, konnte ich nicht ran, da würde ich sicher mehr zerstören als retten, aber jeder Mensch hat zwei Augen – hoffentlich war ich überhaupt ein Mensch. Ich war etwas beruhigt, als ich feststellte, das linke Auge, war nur stark verklebt, wahrscheinlich hatte das Rinnsal des rechten Auges, das verursacht. Heftig wischte ich daran, doch Superkleber hätte nicht stärker haften können. Wo könnte ich etwas Flüssigkeit herbekommen, um mein Auge in die Gänge zu bringen? Eine Flasche Wasser wäre super gewesen – aber nicht vorhanden. Spucke ist auch flüssig, also wäre die naheliegendste Option, aber leider konnte ich mein Kiefer nicht öffnen. Mit einem Finger zwischen den Lippen presste ich mit meiner Zunge etwas Flüssigkeit durch die Zähne und befeuchtete mein, hoffentlich, gesundes Auge. Unter Schmerzen spreizte ich das linke Auge auf und konnte einen sternenklaren Nachthimmel erkennen. Wieder nur Schmerzen und ich fiel nochmals in einen komaähnlichen Tiefschlaf. Als ich aufwachte, waren meine ersten Gedanken, könnte ich einfach sterben, keine Schmerzen mehr, nie wieder aufwachen, aber mein Lebenswille war unerbittlich. Nicht nur ich, auch der Tag erwachte und ich erhielt einen ersten Eindruck meiner Umgebung. Vor mir stand ein Helikopter beide Türen waren geöffnet, weit und breit erblickte ich keine Menschenseele. Ich stützte mich ab, richtete mich auf und erschrak. Neben meiner rechten Hand befand sich ein Revolver. Ich hob ihn auf, klappte die Trommel heraus, offensichtlich kannte ich mich mit einer derartigen Waffe aus, von den sechs Patronen waren vier noch ungebraucht. Vorsichtig blickte ich mich um. Rechts hinter mir sah ich eine tote mir unbekannte Person in US-Militäruniform. In einiger Entfernung eine weitere Leiche und wieder in Uniform. Meine Kleidung, war eine helle Hose und Hemd sowie ein blaues Blouson. Ich schien dieser Truppe nicht anzugehören, viel eher hatte ich gegen die zwei gekämpft und gewonnen. ‚Ein Pyrrhussieg‘.
Wenn es wenigstens zwei Russen gewesen wären, hätte ich sagen können ich gehörte zu den ‚Guten‘. Vielleicht war ich aber Russe? Wie auch immer, es gibt auch gute Russen und böse Amis. Nach weiterer Erkundung der Umgebung konnte ich feststellen, dass ich mich auf einer sehr kleinen Insel befand. Der Helikopter war auf einer Felsklippe gelandet, was einen guten Rundumblick gewährleistete. Der Umstand der Überlebende zu sein, war vorerst positiv, andererseits hätte aus dem naheliegenden Wäldchen ein Trupp Soldaten stürzen können, um mich festzunehmen. Wer hätte denn wohl die beiden getötet? Jetzt nur nicht in Panik verfallen, auf diesem einsamen Eiland werde ich sowieso an Hunger und Durst sterben, diese destruktiven Gedanken kreisten unaufhörlich in meinem Kopf, der noch immer heftig schmerzte. Aber noch hatte ich nicht aufgegeben und überlegte, wie ich aus dieser Lage herauskommen könnte. Meine Optionen waren begrenzt. Waffen, mit denen ich Tiere zu meinem Schutz und zum Essen erlegen konnte, waren eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit für mein Überleben. Die Insel war stark bewaldet, so könnte ich auch Quellwasser finden. Nun sollte ich die zwei Toten durchsuchen, vielleicht würde ich neue Erkenntnisse oder verwertbare Überlebenshilfen wie Medizin, Essen und Geld erhalten. Die Sonne erhob sich zu ihrem Zenit und mit zunehmender Hitze wurden meine Schmerzen unerträglich. Die zwei Leichen mussten warten. Ich zog mich in den Helikopter zurück, ließ beide Türen offen, um ein leichtes Lüftchen durchziehen zu lassen. Suchte verzweifelt nach einem Erste-Hilfe-Koffer, der hoffentlich neben Verbandsmaterial auch Schmerztabletten beinhalten würde. Als ich einen Koffer und auch eine Flasche Wasser gefunden hatte, kam der Rückschlag. Ich konnte es kaum glauben, zufällig sah ich einen im Cockpit angebrachten Spiegel und mir starrte eine entstellte Fratze entgegen. Es fehlte gefühlsmäßig das halbe Gesicht. Dass ich schwer verletzt war, meinen Schmerzen nach logisch, aber ein derart grauenvoller Anblick war kaum zu ertragen, vor allem da es mein eigener war. Offensichtlich war eine Kugel von unten in meinen Kiefer eingedrungen und beim rechten Auge ausgetreten. Wenn man die Verletzung sah, hätte man einen Selbstmordversuch vermuten können, aber das hätte ich wohl besser hingekriegt. Meine Verletzung konnte nur anders entstanden sein. Obwohl das nicht meine größte Sorge sein sollte, spielte ich alle Möglichkeiten im Geiste durch und kam nur zu einem für mich denkbaren Ergebnis: Der Mann, der rechts neben mir sein Leben verloren hatte, war zuerst von seinem Kollegen angeschossen worden und ließ seine Waffe fallen, die ich instinktiv ergriff. Ich schoss dann im Zurückfallen und gleichzeitiger Körperdrehung auf seinen Gegner, der wiederum schoss zurück und traf mich unten am Kiefer. Die Kugel setzte ihren Weg durch meinen Kopf fort, bis sie an meinem Auge austrat. Auge kaputt Leben gerettet – aber was für ein Leben! Nun hatte ich wenigstens den Erste-Hilfe-Koffer, und fand Desinfektionsmittel, eine Menge Verbandsmaterial und das Wichtigste, Schmerztabletten. Zwei davon schob ich sofort in den kleinen Spalt meines Kiefers, träufelte Wasser nach und lutschte daran bis sie sich auflösten. Ich reinigte die Wunde mit Feuchttüchern, auf das kaputte Auge klebte ich einen Wundfleck, der wegen des Desinfektionsgels etwas ekelig zu handhaben war, darüber brachte ich noch einen Druckverband an. Über die nur laienhaft angelegten Verbände legte ich die Ärmel meines Hemds, die ich abgetrennt hatte, wickelte alles kunstvoll um meinen Kopf und mein ramponiertes Auge. Fertig war ein etwas abenteuerliches Aussehen! Auch wenn ich kein Arzt war, glaubte ich, dass dies eine super Behandlung war und schätzte meine Überlebenschance als gut ein.
Für heute hatte ich genug geleistet. Ich fand neben dem Wasser im Pilotenfach noch einen Müsliriegel, den ich bis auf den letzten Krümel weglutschte, denn an kauen war mit diesem Kiefer nicht zu denken. Die Tabletten müssen eine besondere Substanz beinhaltet haben, da ich ansatzlos in einen tiefen Schlaf fiel. Der neue Morgen begann wieder mit Kopfschmerzen, doch ich wollte die verbliebenen Tabletten nicht vergeuden, wer wusste schon wie sich die nächsten Tage gestalten würden. Meine erste Tätigkeit war, geflissentlich alles nach Dingen abzusuchen, die mein Überleben möglich machen könnten. Neben den noch nicht verbrauchten Medikamenten entdeckte ich eine goldfarbene Kälteschutzplane. Ich packte all das in eine Tragetasche, die unter dem Pilotensitz lag. Danach durchsuchte ich die beiden Toten. Der Erste, der schräg hinter meiner rechten Seite lag, hatte einen Ausweis der US-Militärpolizei in seiner Brieftasche und einige hundert Dollar. Der zweite, den ich erschossen hatte, hatte ebenfalls eine wohl gefüllte Brieftasche und auch einen MP Ausweis. Aber was ich danach an ihm fand, sprengte all meine Erwartungen und gab den Grund der Ermordung seines Kumpanen preis. Ein fast unscheinbares Ledersäckchen, in der Innentasche seines Uniform Blousons, erweckte meine Neugier. Es waren einige hundert funkelnde Brillanten in dem kleinen Beutel, ein Vermögen. Obwohl ich hier keine Chance sah, diese Steine zu Geld zu machen, nahm ich das Säckchen an mich. Eine kleine Wiedergutmachung für mein malträtiertes Gesicht. Irgendwie sollte mit diesem Schatz eine Operation möglich sein, natürlich nur falls ich es schaffte hier wegzukommen. Auch den Revolver des zweiten Soldaten und die Zusatzpatronen steckte ich in die Tragetasche. Alles, was sonst noch von Interesse gewesen wäre, wie elektronisches Equipment hätte mich möglicherweise in den Fokus eventueller Verfolger bringen können. Die Entsorgung würde anstrengend werden, aber alles, was mit dem Hubschrauber hier gelandet war, musste über die Klippen entsorgt werden. Nur die Revolver würde ich erst dann im Meer versenken, wenn ich eine Möglichkeit gefunden hatte, die Insel zu verlassen. An meinem ärmellosen Blouson fand ich am unteren Rand eine Doppelnaht, die eine Kordel zur Enger- und Weiterstellung beinhaltete. Diese entfernte ich und platzierte bedächtig einen Brillanten nach dem anderen an die Stelle der Kordel. Den Helikopter mittels eines großen Astes in mühseliger Kleinarbeit über den Abgrund der Klippe zu schieben richtige Schwerarbeit. Es war zwar etwas pietätlos, aber auch die zwei MP-Leute warf ich über die Klippen ins Meer. Für Freunde hätte ich ein Grab geschaufelt, diese beiden hatten sich keines verdient. Die Anstrengung war so groß und meine Schmerzen unerträglich, jetzt musste ich noch zwei der guten Pillen aufwenden.
Anfangs war das pure Überleben das Wichtigste, Wasser war fast überall in kleineren Mengen und in guter Qualität vorzufinden. In der Morgendämmerung genügte oft der Morgentau, der von den Blättern in die bereits geleerte Plastikflasche tropfte. Da war Geduld gefragt, aber Zeit hatte ich ohne Ende. Bei der Beschaffung von Essen war das größte Problem, geeignete Wurzeln zu finden, die ich in kleinen Mengen ausprobierte, schließlich wollte ich keine Vergiftung riskieren. Die bessere Wahl wäre das zarte Bruststück eines Vogels gewesen, doch das Einfangen eines solchen ist ohne eine geeignete Falle praktisch unmöglich. Aber ich hatte zwei Revolver mit genügend Munition, also legte ich mich auf die Lauer und wartete. Ein Vogel pickte gemütlich einen Regenwurm aus dem schlammigen Boden. Ungeduldig mit dem Revolver im Anschlag lag ich auf der Lauer, spannte den Hahn aber das Klicken verscheuchte den fressenden Vogel. Aus Fehlern kann man nur lernen und so versuchte ich es erneut geduldig und mit gespannten Hahn. Der nächste Vogel war im Blick und wie bei einem Rechtshänder üblich drückte ich das linke Auge zu, um über Kimme und Korn das Tier anzuvisieren, ich hatte vergessen, dass das rechte Auge kaputt war und ich blind kaum treffen konnte. Dem Rechnung tragend versuchte ich, mit dem linken Auge zu zielen. Das führte erst beim fünften Versuch zum Erfolg. War ja klar, denn mit der rechten Hand über das linke Auge anzuvisieren, war ein Kunststück. In den nächsten fünf Stunden machte ich ein Feuer, briet das Fleisch an, schnitt es klein, da die Kiefersperre es mir nur erlaubte, Zentimeter große Stücke auf meinem Gaumen zu zerdrücken, und spülte diese dann mit Wasser runter. Das war eindeutig zu aufwendig, so konnte es nicht weiter gehen. Eine fette Wildgans war genug Essen für eine ganze Woche und auch einige Wurzeln waren, nach mehreren Tests, genießbar. Das war schon ein richtiges Festmahl. Mit einer primitiven Falle konnte ich kleine Vögel fangen, super! Die noch vorhandenen Patronen sparte ich für Wildgänse und Rebhühner auf, da genügte jeweils ein Schuss. Es war kaum zu glauben, wie schnell ich mich auf dieser kleinen Insel eingelebt hatte. Als ich mich auf den Weg durch den Regenwald machte, wo ich wie erträumt, nach einigen Wochen eine kleine Quelle entdeckt hatte, sichtete ich einen Fischkutter, der vor der Küste kreuzte. So schnell es ging, stolperte ich den Hang hinunter aber als ich am Ufer ankam, war der Kahn weg. Nur das Heck konnte ich noch ausmachen, als das Boot um die kleine Landzunge verschwand. Künstlerpech, aber ich wollte für eine weitere Sichtung gerüstet sein. Also holte ich meine bescheidenen Habseligkeiten und richtete mich am Strand häuslich ein. Ich baute eine Feuerstelle, die ich jederzeit entzünden könnte. Um das trockene Holz nicht der Feuchtigkeit auszusetzen, deckte ich es mit der goldenen Plane aus dem Helikopter ab, mit Steinen beschwerte ich diese, um gegen etwaig stärkeren Wind gerüstet zu sein. Es könnte noch Monate dauern bis ich wieder Kontakt mit einem Fischerboot herstellen könnte, aber nun war ich vorbereitet.
2 Die Rettung
So schnell hätte ich nicht damit gerechnet. Schon nach einigen Tagen war wieder ein Fischerboot, wie eine wundersame Erscheinung, vor der Insel unterwegs. Zuerst konnte ich es kaum glauben. Vielleicht hatte der Wunsch, eines zu sehen, zu einer Art Fata Morgana geführt, die mein Auge täuschte. Plötzlich kreisten in meinem Kopf Gedanken von früher. Bei einer Reise in der Wüste hatte ich das Spiegelbild einer Stadt gesehen. Diese Erinnerung aus vergangenen Tagen blockierte mich kurz. Ich riss die goldene Plane von der Feuerstelle, zündete die trockenen Äste an und schwenkte wie wild mit der Plane. Das fachte das Feuer an und durch die Reflexion der Sonne und die Funken des lodernden Feuers hatte dies einen richtigen Show-Charakter. Ein etwas unerwarteter Erfolg, das Schiff legte an Land an und zwei Männer stiegen aus. Schnell verscharrte ich die Waffen mit dem Fuß im Sand, nur zur Sicherheit. Sie betrachteten meine ausgemergelte Gestalt verwundert, aber meines Erachtens auch freundlich. Sie waren nicht groß aber von athletischer Figur und hatten bronzefarbene Haut. Ich hatte das Gefühl, diesen Menschenschlag zu kennen. Insulaner, aber von wo? Vielleicht verstand ich ihre Sprache? Bislang hatte ich noch keine Möglichkeit mit jemanden zu sprechen. Diese Gelegenheit war jetzt da, aber die Laute, die ich meinem deformierten Kiefer entlocken konnte, waren eine Mischung aus Schmerzlauten und Grunzen, je nach Stimmungslage. Einer der zwei Männer kam auf mich zu und sprach mich freundlich an, aber ich konnte ihn beim besten Willen nicht verstehen, obwohl ich von den vielen Reisen in meiner Vergangenheit zumindest die Grundlagen verschiedener Sprachen kennen sollte. Ich breitete meine Arme aus, aber sie sahen wahrscheinlich nur die verzweifelte Fratze, die auch ich in dem Helikopterspiegel gesehen hatte. Die Grunzlaute die ich aus meiner Kehle herausdrückte konnte niemand verstehen. Vielleicht könnte ich mich mit Gesten verständlich machen. Ich zeigte mit beiden Händen auf meinen Körper und dann auf das Meer. Mit einem hundert Dollarschein in der Hand deutete ich eine Bezahlung an. Ich hätte auch mehr bezahlt, aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, reich zu sein. Sie nickten freundlich nahmen respektvoll das Geld und deuteten mir einzusteigen aber leichter gesagt als getan. Mein ausgemergelter Körper machte da nicht mit. Kurzentschlossen packten sie mich mit ihren kräftigen Händen und hoben mich samt meiner Tasche in den Kutter. Das war nun mal geschafft. Mein erster Eindruck war sehr wackelig, aber nichts wie weg von hier. Da ich sowieso wenig bis gar nichts im Magen hatte, war das Bedürfnis mich sofort zu übergeben wohl da, aber der Mühe es zu unterdrücken nicht wert. Es war nichts vorhanden, was ich nicht längst schon verdaut hatte. Das Auslaufen des Bootes war das Wichtigste für mich. Ich wollte nur weg von dieser Insel. Mit der Zeit konnte ich Gefallen an der Schaukelei finden und wieder erinnerte ich mich an frühere Zeiten, in denen ich in Vergnügungsparks besonders die aufregenden Fahrten mit der Hochschaubahn genossen hatte. Aber das war alles Schnee von gestern, oder um bei dieser Metapher zu bleiben, von vorvorgestern.
Diese Erinnerungen halfen mir nicht weiter, ich musste zu späteren Erkenntnissen kommen. Vielleicht verdrängte ich die letzten Tage bzw. Wochen vor meinem Unfall, weil ich mir selbst die Schuld an dieser Misere gab. Es schien so zu sein, dass ich nicht gerade mustergültig in diese Lage gekommen war. Ich hatte einen Mann erschossen und mir unrechtmäßig Brillanten angeeignet. Und ja, möglicherweise konstruiere ich mir mit einer Amnesie unbewusst eine ‚weiße Weste‘. Wenn es so war, würde ich vielleicht noch sehr lange auf eine Klärung hoffen müssen. Wie sollte man seinen eigenen Verstand überlisten? Gut, aber es würde nicht ewig dauern und ich musste positiv denken. Wieso bildete ich mir ein, dass positives Denken schon immer mein Grundsatz war. Wie auch immer, mit so einer Schaukelkiste war ich sicher noch nie unterwegs gewesen. Meine Angst, dass es auf hoher See noch ungemütlicher werden würde, war zum Glück unbegründet. Das Gegenteil war der Fall, nachdem wir den Nahbereich der Insel verlassen hatten. Das Meer wurde fast spiegelglatt und das Boot tuckerte langsam durch die sanften Wellen. Die Fischer warfen ihre Netze aus und ich gab mich der Erforschung meiner jüngsten Vergangenheit hin. Wer war ich eigentlich? Ich wollte meine Vergangenheit von hinten aufrollen, da mein Langzeitgedächtnis vielleicht leichter zugänglich war als das Kurzzeitgedächtnis. Dies trifft vor allem im höheren Alter zu und der Jüngste dürfte ich, nach meinem Aussehen zu urteilen, nicht mehr sein, auch wenn man meine Verletzung unberücksichtigt ließ.
Ach, nee, was sollte denn diese Scheiße. Ein dumpfes Hämmern in meinem Kopf, das ich nicht zuordnen konnte. War ich von einem Blitz getroffen worden? Völlig erstarrt wartete ich auf Linderung, aber jede kleine Bewegung brachte nur einen weiteren Schub, noch unerträglicher Schmerzen, und was mich besonders irritierte, ich war blind. Offensichtlich war ich, ob meiner Pein, in Ohnmacht gefallen, denn trotz des widerlichen Klopfens in meinem Kopf, konnte ich, als ich aufwachte, instinktiv erkennen, dass sich meine Umwelt verändert hatte. Es war entgegen meinen ersten Empfindungen etwas kühler. Entweder hatte ich zuvor hohes Fieber gehabt oder es ist möglicherweise nach einem heißen Tag eine kühle Nacht angebrochen. So versuchte ich zu eruieren, wo denn die Ursache meines Leidens lag. Ich konnte zwar nichts sehen, aber mein Tastsinn schien noch zu funktionieren. Ich kontrollierte meinen ganzen Körper, bemerkte kein nennenswertes Gebrechen, es musste sich alles in meinem Kopf abspielen. Wenn ich nur gewusst hätte, wo dieses Ungemach, was eher keine adäquate Beschreibung meines Zustands war, herrührte. Genau genommen war ich völlig orientierungslos. Nicht nur, dass ich nicht sehen konnte, ich wusste auch nicht, wer ich war und was geschehen war. Ein Unfall? Ein Überfall? Vielleicht handelte es sich um ein kurzfristiges Trauma und meine Erinnerungen würden wieder kommen. Zudem bahnte sich ein, zuvor noch unbemerktes, unerbittliches Rinnsal von Flüssigkeit seinen Weg aus meinem Kopf. Nun erfasste mich Panik. An die Stelle aus der Blut austrat, vermutlich aus meinem rechten Auge, konnte ich nicht ran, da würde ich sicher mehr zerstören als retten, aber jeder Mensch hat zwei Augen – hoffentlich war ich überhaupt ein Mensch. Ich war etwas beruhigt, als ich feststellte, das linke Auge, war nur stark verklebt, wahrscheinlich hatte das Rinnsal des rechten Auges, das verursacht. Heftig wischte ich daran, doch Superkleber hätte nicht stärker haften können. Wo könnte ich etwas Flüssigkeit herbekommen, um mein Auge in die Gänge zu bringen? Eine Flasche Wasser wäre super gewesen – aber nicht vorhanden. Spucke ist auch flüssig, also wäre die naheliegendste Option, aber leider konnte ich mein Kiefer nicht öffnen. Mit einem Finger zwischen den Lippen presste ich mit meiner Zunge etwas Flüssigkeit durch die Zähne und befeuchtete mein, hoffentlich, gesundes Auge. Unter Schmerzen spreizte ich das linke Auge auf und konnte einen sternenklaren Nachthimmel erkennen. Wieder nur Schmerzen und ich fiel nochmals in einen komaähnlichen Tiefschlaf. Als ich aufwachte, waren meine ersten Gedanken, könnte ich einfach sterben, keine Schmerzen mehr, nie wieder aufwachen, aber mein Lebenswille war unerbittlich. Nicht nur ich, auch der Tag erwachte und ich erhielt einen ersten Eindruck meiner Umgebung. Vor mir stand ein Helikopter beide Türen waren geöffnet, weit und breit erblickte ich keine Menschenseele. Ich stützte mich ab, richtete mich auf und erschrak. Neben meiner rechten Hand befand sich ein Revolver. Ich hob ihn auf, klappte die Trommel heraus, offensichtlich kannte ich mich mit einer derartigen Waffe aus, von den sechs Patronen waren vier noch ungebraucht. Vorsichtig blickte ich mich um. Rechts hinter mir sah ich eine tote mir unbekannte Person in US-Militäruniform. In einiger Entfernung eine weitere Leiche und wieder in Uniform. Meine Kleidung, war eine helle Hose und Hemd sowie ein blaues Blouson. Ich schien dieser Truppe nicht anzugehören, viel eher hatte ich gegen die zwei gekämpft und gewonnen. ‚Ein Pyrrhussieg‘.
Wenn es wenigstens zwei Russen gewesen wären, hätte ich sagen können ich gehörte zu den ‚Guten‘. Vielleicht war ich aber Russe? Wie auch immer, es gibt auch gute Russen und böse Amis. Nach weiterer Erkundung der Umgebung konnte ich feststellen, dass ich mich auf einer sehr kleinen Insel befand. Der Helikopter war auf einer Felsklippe gelandet, was einen guten Rundumblick gewährleistete. Der Umstand der Überlebende zu sein, war vorerst positiv, andererseits hätte aus dem naheliegenden Wäldchen ein Trupp Soldaten stürzen können, um mich festzunehmen. Wer hätte denn wohl die beiden getötet? Jetzt nur nicht in Panik verfallen, auf diesem einsamen Eiland werde ich sowieso an Hunger und Durst sterben, diese destruktiven Gedanken kreisten unaufhörlich in meinem Kopf, der noch immer heftig schmerzte. Aber noch hatte ich nicht aufgegeben und überlegte, wie ich aus dieser Lage herauskommen könnte. Meine Optionen waren begrenzt. Waffen, mit denen ich Tiere zu meinem Schutz und zum Essen erlegen konnte, waren eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit für mein Überleben. Die Insel war stark bewaldet, so könnte ich auch Quellwasser finden. Nun sollte ich die zwei Toten durchsuchen, vielleicht würde ich neue Erkenntnisse oder verwertbare Überlebenshilfen wie Medizin, Essen und Geld erhalten. Die Sonne erhob sich zu ihrem Zenit und mit zunehmender Hitze wurden meine Schmerzen unerträglich. Die zwei Leichen mussten warten. Ich zog mich in den Helikopter zurück, ließ beide Türen offen, um ein leichtes Lüftchen durchziehen zu lassen. Suchte verzweifelt nach einem Erste-Hilfe-Koffer, der hoffentlich neben Verbandsmaterial auch Schmerztabletten beinhalten würde. Als ich einen Koffer und auch eine Flasche Wasser gefunden hatte, kam der Rückschlag. Ich konnte es kaum glauben, zufällig sah ich einen im Cockpit angebrachten Spiegel und mir starrte eine entstellte Fratze entgegen. Es fehlte gefühlsmäßig das halbe Gesicht. Dass ich schwer verletzt war, meinen Schmerzen nach logisch, aber ein derart grauenvoller Anblick war kaum zu ertragen, vor allem da es mein eigener war. Offensichtlich war eine Kugel von unten in meinen Kiefer eingedrungen und beim rechten Auge ausgetreten. Wenn man die Verletzung sah, hätte man einen Selbstmordversuch vermuten können, aber das hätte ich wohl besser hingekriegt. Meine Verletzung konnte nur anders entstanden sein. Obwohl das nicht meine größte Sorge sein sollte, spielte ich alle Möglichkeiten im Geiste durch und kam nur zu einem für mich denkbaren Ergebnis: Der Mann, der rechts neben mir sein Leben verloren hatte, war zuerst von seinem Kollegen angeschossen worden und ließ seine Waffe fallen, die ich instinktiv ergriff. Ich schoss dann im Zurückfallen und gleichzeitiger Körperdrehung auf seinen Gegner, der wiederum schoss zurück und traf mich unten am Kiefer. Die Kugel setzte ihren Weg durch meinen Kopf fort, bis sie an meinem Auge austrat. Auge kaputt Leben gerettet – aber was für ein Leben! Nun hatte ich wenigstens den Erste-Hilfe-Koffer, und fand Desinfektionsmittel, eine Menge Verbandsmaterial und das Wichtigste, Schmerztabletten. Zwei davon schob ich sofort in den kleinen Spalt meines Kiefers, träufelte Wasser nach und lutschte daran bis sie sich auflösten. Ich reinigte die Wunde mit Feuchttüchern, auf das kaputte Auge klebte ich einen Wundfleck, der wegen des Desinfektionsgels etwas ekelig zu handhaben war, darüber brachte ich noch einen Druckverband an. Über die nur laienhaft angelegten Verbände legte ich die Ärmel meines Hemds, die ich abgetrennt hatte, wickelte alles kunstvoll um meinen Kopf und mein ramponiertes Auge. Fertig war ein etwas abenteuerliches Aussehen! Auch wenn ich kein Arzt war, glaubte ich, dass dies eine super Behandlung war und schätzte meine Überlebenschance als gut ein.
Für heute hatte ich genug geleistet. Ich fand neben dem Wasser im Pilotenfach noch einen Müsliriegel, den ich bis auf den letzten Krümel weglutschte, denn an kauen war mit diesem Kiefer nicht zu denken. Die Tabletten müssen eine besondere Substanz beinhaltet haben, da ich ansatzlos in einen tiefen Schlaf fiel. Der neue Morgen begann wieder mit Kopfschmerzen, doch ich wollte die verbliebenen Tabletten nicht vergeuden, wer wusste schon wie sich die nächsten Tage gestalten würden. Meine erste Tätigkeit war, geflissentlich alles nach Dingen abzusuchen, die mein Überleben möglich machen könnten. Neben den noch nicht verbrauchten Medikamenten entdeckte ich eine goldfarbene Kälteschutzplane. Ich packte all das in eine Tragetasche, die unter dem Pilotensitz lag. Danach durchsuchte ich die beiden Toten. Der Erste, der schräg hinter meiner rechten Seite lag, hatte einen Ausweis der US-Militärpolizei in seiner Brieftasche und einige hundert Dollar. Der zweite, den ich erschossen hatte, hatte ebenfalls eine wohl gefüllte Brieftasche und auch einen MP Ausweis. Aber was ich danach an ihm fand, sprengte all meine Erwartungen und gab den Grund der Ermordung seines Kumpanen preis. Ein fast unscheinbares Ledersäckchen, in der Innentasche seines Uniform Blousons, erweckte meine Neugier. Es waren einige hundert funkelnde Brillanten in dem kleinen Beutel, ein Vermögen. Obwohl ich hier keine Chance sah, diese Steine zu Geld zu machen, nahm ich das Säckchen an mich. Eine kleine Wiedergutmachung für mein malträtiertes Gesicht. Irgendwie sollte mit diesem Schatz eine Operation möglich sein, natürlich nur falls ich es schaffte hier wegzukommen. Auch den Revolver des zweiten Soldaten und die Zusatzpatronen steckte ich in die Tragetasche. Alles, was sonst noch von Interesse gewesen wäre, wie elektronisches Equipment hätte mich möglicherweise in den Fokus eventueller Verfolger bringen können. Die Entsorgung würde anstrengend werden, aber alles, was mit dem Hubschrauber hier gelandet war, musste über die Klippen entsorgt werden. Nur die Revolver würde ich erst dann im Meer versenken, wenn ich eine Möglichkeit gefunden hatte, die Insel zu verlassen. An meinem ärmellosen Blouson fand ich am unteren Rand eine Doppelnaht, die eine Kordel zur Enger- und Weiterstellung beinhaltete. Diese entfernte ich und platzierte bedächtig einen Brillanten nach dem anderen an die Stelle der Kordel. Den Helikopter mittels eines großen Astes in mühseliger Kleinarbeit über den Abgrund der Klippe zu schieben richtige Schwerarbeit. Es war zwar etwas pietätlos, aber auch die zwei MP-Leute warf ich über die Klippen ins Meer. Für Freunde hätte ich ein Grab geschaufelt, diese beiden hatten sich keines verdient. Die Anstrengung war so groß und meine Schmerzen unerträglich, jetzt musste ich noch zwei der guten Pillen aufwenden.
Anfangs war das pure Überleben das Wichtigste, Wasser war fast überall in kleineren Mengen und in guter Qualität vorzufinden. In der Morgendämmerung genügte oft der Morgentau, der von den Blättern in die bereits geleerte Plastikflasche tropfte. Da war Geduld gefragt, aber Zeit hatte ich ohne Ende. Bei der Beschaffung von Essen war das größte Problem, geeignete Wurzeln zu finden, die ich in kleinen Mengen ausprobierte, schließlich wollte ich keine Vergiftung riskieren. Die bessere Wahl wäre das zarte Bruststück eines Vogels gewesen, doch das Einfangen eines solchen ist ohne eine geeignete Falle praktisch unmöglich. Aber ich hatte zwei Revolver mit genügend Munition, also legte ich mich auf die Lauer und wartete. Ein Vogel pickte gemütlich einen Regenwurm aus dem schlammigen Boden. Ungeduldig mit dem Revolver im Anschlag lag ich auf der Lauer, spannte den Hahn aber das Klicken verscheuchte den fressenden Vogel. Aus Fehlern kann man nur lernen und so versuchte ich es erneut geduldig und mit gespannten Hahn. Der nächste Vogel war im Blick und wie bei einem Rechtshänder üblich drückte ich das linke Auge zu, um über Kimme und Korn das Tier anzuvisieren, ich hatte vergessen, dass das rechte Auge kaputt war und ich blind kaum treffen konnte. Dem Rechnung tragend versuchte ich, mit dem linken Auge zu zielen. Das führte erst beim fünften Versuch zum Erfolg. War ja klar, denn mit der rechten Hand über das linke Auge anzuvisieren, war ein Kunststück. In den nächsten fünf Stunden machte ich ein Feuer, briet das Fleisch an, schnitt es klein, da die Kiefersperre es mir nur erlaubte, Zentimeter große Stücke auf meinem Gaumen zu zerdrücken, und spülte diese dann mit Wasser runter. Das war eindeutig zu aufwendig, so konnte es nicht weiter gehen. Eine fette Wildgans war genug Essen für eine ganze Woche und auch einige Wurzeln waren, nach mehreren Tests, genießbar. Das war schon ein richtiges Festmahl. Mit einer primitiven Falle konnte ich kleine Vögel fangen, super! Die noch vorhandenen Patronen sparte ich für Wildgänse und Rebhühner auf, da genügte jeweils ein Schuss. Es war kaum zu glauben, wie schnell ich mich auf dieser kleinen Insel eingelebt hatte. Als ich mich auf den Weg durch den Regenwald machte, wo ich wie erträumt, nach einigen Wochen eine kleine Quelle entdeckt hatte, sichtete ich einen Fischkutter, der vor der Küste kreuzte. So schnell es ging, stolperte ich den Hang hinunter aber als ich am Ufer ankam, war der Kahn weg. Nur das Heck konnte ich noch ausmachen, als das Boot um die kleine Landzunge verschwand. Künstlerpech, aber ich wollte für eine weitere Sichtung gerüstet sein. Also holte ich meine bescheidenen Habseligkeiten und richtete mich am Strand häuslich ein. Ich baute eine Feuerstelle, die ich jederzeit entzünden könnte. Um das trockene Holz nicht der Feuchtigkeit auszusetzen, deckte ich es mit der goldenen Plane aus dem Helikopter ab, mit Steinen beschwerte ich diese, um gegen etwaig stärkeren Wind gerüstet zu sein. Es könnte noch Monate dauern bis ich wieder Kontakt mit einem Fischerboot herstellen könnte, aber nun war ich vorbereitet.
2 Die Rettung
So schnell hätte ich nicht damit gerechnet. Schon nach einigen Tagen war wieder ein Fischerboot, wie eine wundersame Erscheinung, vor der Insel unterwegs. Zuerst konnte ich es kaum glauben. Vielleicht hatte der Wunsch, eines zu sehen, zu einer Art Fata Morgana geführt, die mein Auge täuschte. Plötzlich kreisten in meinem Kopf Gedanken von früher. Bei einer Reise in der Wüste hatte ich das Spiegelbild einer Stadt gesehen. Diese Erinnerung aus vergangenen Tagen blockierte mich kurz. Ich riss die goldene Plane von der Feuerstelle, zündete die trockenen Äste an und schwenkte wie wild mit der Plane. Das fachte das Feuer an und durch die Reflexion der Sonne und die Funken des lodernden Feuers hatte dies einen richtigen Show-Charakter. Ein etwas unerwarteter Erfolg, das Schiff legte an Land an und zwei Männer stiegen aus. Schnell verscharrte ich die Waffen mit dem Fuß im Sand, nur zur Sicherheit. Sie betrachteten meine ausgemergelte Gestalt verwundert, aber meines Erachtens auch freundlich. Sie waren nicht groß aber von athletischer Figur und hatten bronzefarbene Haut. Ich hatte das Gefühl, diesen Menschenschlag zu kennen. Insulaner, aber von wo? Vielleicht verstand ich ihre Sprache? Bislang hatte ich noch keine Möglichkeit mit jemanden zu sprechen. Diese Gelegenheit war jetzt da, aber die Laute, die ich meinem deformierten Kiefer entlocken konnte, waren eine Mischung aus Schmerzlauten und Grunzen, je nach Stimmungslage. Einer der zwei Männer kam auf mich zu und sprach mich freundlich an, aber ich konnte ihn beim besten Willen nicht verstehen, obwohl ich von den vielen Reisen in meiner Vergangenheit zumindest die Grundlagen verschiedener Sprachen kennen sollte. Ich breitete meine Arme aus, aber sie sahen wahrscheinlich nur die verzweifelte Fratze, die auch ich in dem Helikopterspiegel gesehen hatte. Die Grunzlaute die ich aus meiner Kehle herausdrückte konnte niemand verstehen. Vielleicht könnte ich mich mit Gesten verständlich machen. Ich zeigte mit beiden Händen auf meinen Körper und dann auf das Meer. Mit einem hundert Dollarschein in der Hand deutete ich eine Bezahlung an. Ich hätte auch mehr bezahlt, aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, reich zu sein. Sie nickten freundlich nahmen respektvoll das Geld und deuteten mir einzusteigen aber leichter gesagt als getan. Mein ausgemergelter Körper machte da nicht mit. Kurzentschlossen packten sie mich mit ihren kräftigen Händen und hoben mich samt meiner Tasche in den Kutter. Das war nun mal geschafft. Mein erster Eindruck war sehr wackelig, aber nichts wie weg von hier. Da ich sowieso wenig bis gar nichts im Magen hatte, war das Bedürfnis mich sofort zu übergeben wohl da, aber der Mühe es zu unterdrücken nicht wert. Es war nichts vorhanden, was ich nicht längst schon verdaut hatte. Das Auslaufen des Bootes war das Wichtigste für mich. Ich wollte nur weg von dieser Insel. Mit der Zeit konnte ich Gefallen an der Schaukelei finden und wieder erinnerte ich mich an frühere Zeiten, in denen ich in Vergnügungsparks besonders die aufregenden Fahrten mit der Hochschaubahn genossen hatte. Aber das war alles Schnee von gestern, oder um bei dieser Metapher zu bleiben, von vorvorgestern.
Diese Erinnerungen halfen mir nicht weiter, ich musste zu späteren Erkenntnissen kommen. Vielleicht verdrängte ich die letzten Tage bzw. Wochen vor meinem Unfall, weil ich mir selbst die Schuld an dieser Misere gab. Es schien so zu sein, dass ich nicht gerade mustergültig in diese Lage gekommen war. Ich hatte einen Mann erschossen und mir unrechtmäßig Brillanten angeeignet. Und ja, möglicherweise konstruiere ich mir mit einer Amnesie unbewusst eine ‚weiße Weste‘. Wenn es so war, würde ich vielleicht noch sehr lange auf eine Klärung hoffen müssen. Wie sollte man seinen eigenen Verstand überlisten? Gut, aber es würde nicht ewig dauern und ich musste positiv denken. Wieso bildete ich mir ein, dass positives Denken schon immer mein Grundsatz war. Wie auch immer, mit so einer Schaukelkiste war ich sicher noch nie unterwegs gewesen. Meine Angst, dass es auf hoher See noch ungemütlicher werden würde, war zum Glück unbegründet. Das Gegenteil war der Fall, nachdem wir den Nahbereich der Insel verlassen hatten. Das Meer wurde fast spiegelglatt und das Boot tuckerte langsam durch die sanften Wellen. Die Fischer warfen ihre Netze aus und ich gab mich der Erforschung meiner jüngsten Vergangenheit hin. Wer war ich eigentlich? Ich wollte meine Vergangenheit von hinten aufrollen, da mein Langzeitgedächtnis vielleicht leichter zugänglich war als das Kurzzeitgedächtnis. Dies trifft vor allem im höheren Alter zu und der Jüngste dürfte ich, nach meinem Aussehen zu urteilen, nicht mehr sein, auch wenn man meine Verletzung unberücksichtigt ließ.

