Nele und der steinerne Pan
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 250
ISBN: 978-3-7116-1313-4
Erscheinungsdatum: 21.07.2026
Ein spöttisch lockendes Lachen, eine Figur aus Stein und eine junge Frau. Als Nele in einem geheimnisvollen, uralten Garten zwischen die Welten gerät, verändert sich nicht nur ihre Realität – auch Pan kämpft um sein Überleben. Kann Nele seine Welt noch retten?
Kapitel 1
Nie wieder, das schwor sich Nele, nie wieder würde sie irgendjemandem davon erzählen. Wie sie gelacht hatten. Die Augen verdreht. Die Münder weit geöffnet. Bis ihnen die Tränen über die Wangen liefen, während ihre eigenen vor Scham glühten. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, sich derart preiszugeben?
Wutentbrannt stapfte sie die matschig vereiste Straße entlang. Vorbei an den weihnachtlich geschmückten Schaufenstern. Von stilvoll bis völlig geschmacklos waren alle Arten der Dekoration vertreten. Gut, dass sie wütend war. Gut, dass sie sich ärgerte, bis sie vor Zorn die Fäuste ballte. Früher wäre sie nur verletzt gewesen. Hätte womöglich geweint. Schlimmer noch: Wäre womöglich noch vor den anderen in Tränen ausgebrochen. Gut, dass sie wütend war.
Nele bog in die Galgengasse ein und verließ die festlich geschmückte Innenstadt. Die Straße hatte früher einmal hinaus vor die Stadt zum Galgenberg geführt. Galgengasse. Jedes Mal lief ihr ein wohlig gruseliger Schauer über den Rücken. Hier waren die Todgeweihten gelaufen. Hier hatten Angst und Schmerzen regiert. Vielleicht war auch der ein oder andere erlösende Seufzer zwischen den Häusern entlang geweht. Nele fühlte sich hier stets daheim und willkommen. In der Galgengasse gab es früher schon nichts zu lachen und heute musste sie es auch nicht, wenn sie an den spärlich beleuchteten Häusern vorbeilief.
Ulla Hansen. Eines der beliebtesten Mädchen der Schule. Ulla hatte sie vorige Woche auf dem Schulhof angesprochen. Sie! Wie sich Nele gewundert hatte. Zuerst hatte sie hinter und neben sich geschaut, um sich zu vergewissern, dass keine Verwechslung vorliegen konnte. Aber Ulla hatte tatsächlich sie – Nele Kellermann – angesprochen. Und sie zu ihrem Geburtstag eingeladen. Zum achtzehnten. Sie lade den gesamten Jahrgang ein, erklärte sie Nele, als wolle sie sich dafür rechtfertigen, warum ein Mädchen wie Ulla ein Mädchen wie Nele zu ihrem Geburtstag einlüde. Nele hatte mit den Achseln gezuckt und gesagt, dass sie kommen werde. Ihre Antwort hatte Ulla schon nicht mehr gehört, aber das war nichts Neues für Nele. Die Leute schienen sie einfach nicht richtig wahrzunehmen. Nicht zu sehen. Konnten sie auch gar nicht. Einmal war Nele mit pinken Hosen, grünem Pullover und gelben Schuhen zur Schule gegangen. Nur um zu schauen, wie die anderen reagierten. Sie selbst hatte ihr Spiegelbild kaum ertragen. Aber auch an diesem Tag. Nichts. Eine gewaltige rauschende Leere. Ein Nebel, der Nele in all dem Trubel und Lärm zu umgeben schien, wie der Kokon den baldigen Schmetterling. Nur dass Nele nicht nach vierzehn Tagen entschlüpfen und sich durch ihre Schönheit aller Aufmerksamkeit gewiss sein würde, sondern sich nun seit bereits achtzehn Jahren und genau zehn Monaten in ihrem Kokon befand. Und niemand hatte sich je die Mühe gemacht, an ihre Schale zu klopfen und zu fragen, ob sie nicht herauskommen wolle.
Sie bog in die Geraniengasse ein. Die einzige weitere Straße, die Gasse genannt wurde, die es in der Stadt gab. Der Name täuschte. Niemand verwendete hier sein Geld auf so etwas wie Fensterkästen. Und schon gar nicht auf so etwas wie blühende Geranien. Das durfte hier auch niemand. Denn niemand hier hatte genug, um es auf luxuriöse Dinge wie Blumen oder anderes zu verwenden.
Hier in der Geraniengasse war Nele zu Hause. Die Häuserfassaden präsentierten sich sämtlich in tristen Grau- und Brauntönen. Hin und wieder von ehemals gelblichen Tupfern gesprenkelt. In einem besonders grauen und windschiefen Häuschen wohnte Nele seit ihrer Geburt mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern. Ein Bruder, der Älteste, und eine Schwester, die Mittlere. Nele war die Jüngste der drei und wurde bei jeder Gelegenheit und gerne daran erinnert. Nein, Nele, das ist noch nichts für dich, hatte ihr Bruder damals hämisch grinsend gesagt, wenn er sich mit seinen Kumpels zum sogenannten Fluss begeben hatte. Im Sommer war der breite Bach außerhalb der engen Straßen ein beliebter Tummelplatz der Jugend. Und Nele hatte zu Hause bleiben müssen, weil sich ihr Bruder weigerte, sie mitzunehmen. Auf ihre Schwester hatte sie ebenfalls nicht zählen können. Die war nur damit beschäftigt, ihren Teint zu pflegen, ihre Haut orangenfrei zu halten und sich mit ihren Freundinnen über die neuesten Schminkempfehlungen zu unterhalten. Auch dafür war Nele in den Augen der Älteren noch zu jung gewesen. Wofür sie allerdings nie zu klein, zu jung oder zu unerfahren war, waren die mütterlichen Aufträge. Nele, bring deinem Vater die Zeitung. Nele, hole mir die Kartoffeln aus dem Keller. Nele, weck deinen Bruder auf, er muss zur Schule. Auch kleinere Besorgungen durfte Nele stets erledigen. Wenn die Mutter ihre Schwester damit beauftragt hatte, ging diese schnurstracks zu Nele und umschmeichelte sie. Sie sei doch nun auch schon so groß, nicht wahr? Sie wolle doch immer so erwachsen sein, jetzt sei der Moment gekommen, dies zu beweisen. Und Nele lief. Jedes Mal. Sie lief in den Keller, lief zum Vater, lief in die Innenstadt zum Markt, lief und lief und lief.
Komischerweise nahmen die anderen sie, sobald sie getan hatte, was sie von ihr verlangt hatten, nicht mehr wahr. Es war, als wäre Nele nur existent, wenn sie gebraucht wurde. Auch sprach sie niemand an, wenn es nicht um die Erledigung irgendeiner sehr dringenden Angelegenheit ging. Im Laufe der Zeit war Nele aufgefallen, dass sie ihr auch nicht zuhörten, wenn sie etwas erzählen wollte, das über die fügsamen Auskünfte über alles Erledigte hinausging. Zu Anfang dachte sie noch, es wäre normal in ihrer Familie, wenn während der gemeinsamen Mahlzeiten alle durcheinanderredeten. Ihre Mutter erzählte von ihrem Tag zu Hause, die Schwester von ihrer neuen Traumfrisur, der Bruder prahlte davon, wie er alle seine Kumpel übertraf – in allem – und der Vater schimpfte über seinen Vorgesetzten und die Dummheit seiner Kollegen. Zu Anfang sprach Nele noch davon, dass sie wieder einmal die Klassenbeste gewesen sei oder dass ihre Lehrerin sie gelobt habe. Bald aber, als sie ungefähr vierzehn Jahre alt war, fand sie heraus, dass niemand aus ihrer Familie ihre eigenen Beiträge zum allgemeinen Gerede kommentierte. Und im Kommentieren der Angelegenheiten anderer Menschen war ihre Familie normalerweise großartig. Der Vater kommentierte die Mutter, die Mutter den Bruder und der Bruder kommentierte die Frisur der Schwester. Nicht immer löblich. Oft sogar recht gehässig. Aber immerhin. Er sah sie, machte sich seine Gedanken, bildete ein Urteil und sprach es aus. Jahrelang saß Nele da und wartete darauf, dass ihre Familie kommentierte, was sie selbst sagte. Vergeblich. Es war, als kämen ihre Worte gar nicht erst durch den wirren Dunst, der über dem Küchentisch schwebte, bis hin zu den Ohren der anderen.
Einmal war Nele so drastisch geworden, dass sie aufgestanden war und lauthals gebrüllt hatte. So laut sie konnte. Ohne jeden Inhalt. Einfach nur laut. Danach hatte sie sich gesetzt und abwartend in die Runde geschaut. Kurz hatte der Vater mit der Augenbraue gezuckt, der Bruder dümmlich gelächelt und die Schwester irritiert geguckt. Hast du etwas gesagt, Kind, hatte ihre Mutter, aus dem Konzept gebracht, gefragt. Nele holte Luft und wollte hoffnungsfroh zu erzählen beginnen, dass ein Junge sie heute angeschaut habe, als die Mutter auch schon in ihrem Bericht über ihren Einkaufsbummel fortfuhr und das Wortgetümmel über dem Tisch seinen gewohnten Gang nahm. Danach hatte Nele nie wieder versucht, etwas zu erzählen. Was ebenfalls niemand bemerkte.
Seltsamerweise begannen Neles Züge, wenn sie sich im Spiegel betrachtete, nach diesem Versuch, sich Gehör zu verschaffen, irgendwie zu verschwimmen. Nicht, dass Nele oft dorthinein geschaut hätte, aber eben ab und zu. Und bei jedem Ab und jedem Zu waren die Konturen stärker verschwommen. Zunächst verblassten ihre Wangenknochen zu einem undeutlichen Flackern. Dann verlief die Linie des Kinns in unbestimmte Gefilde. Der Mund war nach einiger Zeit nur noch ein rötlicher Fleck und zum Schluss verlor Nele ihre Augen. Dunkle Ovale waren das Einzige, was ihr geblieben war. Sie wusste inzwischen nicht einmal mehr, welche Farbe ihre Augen hatten. Das hatte sie ebenso vergessen, wie sie auch den Bogen ihrer Oberlippe nicht mehr hätte beschreiben können. Neles Gesicht war einfach verschwunden.
Entgegen jeglicher Logik konnte Nele aber sehr wohl – und sehr deutlich und genau – erkennen, wie der Rest von ihr aussah. Die Ovale mussten demnach also durchaus funktionstüchtig sein. Sie hatte etwa schulterlanges, hellbraunes Haar, lange Gliedmaßen und eine Figur, die ältere Menschen mit dem Wort ansehnlich beschrieben hätten. Nur ihr Gesicht hatte sich Neles Wahrnehmung entzogen. Wie gerne hätte sie jemanden gefragt, ob es noch da war!
Und nun, an diesem unsäglich jammervollen und scheußlichen Tag, hatte sie auf gewisse Weise genau das getan. Wie dumm, dumm, dumm. Sie hätte es wissen müssen. Sie hätte wissen müssen, dass die Mädchen auf Ullas Geburtstagsfeier nicht die richtigen dafür waren, eine solche Frage zu diskutieren. Eingelullt in das sanfte Lachen und müßige Kichern in der Runde, in der scheinbar jede irgendeinen Patzer, ein Geheimnis oder eine persönliche Schrulle frei zum Besten gab und sich vertraulich auf die Gutmütigkeit der anderen verließ, hatte Nele sich aus einer plötzlichen Eingebung heraus ein Herz gefasst und die anderen gefragt, ob sie ihr Gesicht sähen. Ein schweres, dumpfes Schweigen war ihren Worten gefolgt. Ihr größter Fehler jedoch war, als sie in dieses Schweigen hinein hinzufügte, sie könne es nämlich nicht. Sehen. Nach einigen Sekunden, in denen die ganze Runde wie erstarrt zu sein schien, brach es aus ihnen hervor. Zuallererst aus Ulla. Dicht gefolgt von ihren engsten Freundinnen und schließlich auch von allen anderen. Ein herzloses, ans Hysterische grenzendes Lachen, das in den Ohren schrillte und alles in Dreck verwandelte, was ihm zu nahe kam. Während Nele vor Schock die Luft wegblieb, hielten sich Ulla und ihre Freundinnen die Bäuche und ließen ihre Tränen über die adrett geschminkten Wangen laufen. Neles Versuche, ihre Frage nachträglich als Missverständnis darzustellen, sie in eine Frage des Schminkens abzuändern, scheiterten allesamt. Ihre Worte drangen nicht mehr bis zu den anderen vor. Es war ganz wie zu Hause bei ihrer Familie. Nur viel schlimmer. Denn zu Hause fühlte sie sich wenigstens noch sicher. Schließlich war es auch ihr Zuhause. Und ein Zuhause sollte Zufluchtsort und Verankerung in der Welt sein, egal, ob nun andere einem zuhörten oder nicht. Das dachte sich jedenfalls Nele, während sie grimmig durch die Geraniengasse stapfte und am anderen Ende ihren Schlüssel in das Türschloss von Nummer fünf steckte.
Sie rief ihr übliches Hallo in den düsteren Hausflur und erhielt wie üblich keine Antwort. Rasch stieg sie die schmale Treppe hinauf in den ersten Stock, öffnete die zweite Tür auf der linken Seite und betrat ihr Zimmer. Es war klein und nur spärlich möbliert. Ein Bett. Ein Schrank. Und ein Schreibtisch. Der Schreibtisch stand vor dem einzigen Fenster des Raumes. Dorthin zog sich Nele zurück, wenn sie Trost brauchte, und starrte stundenlang hinaus in die Welt. Sie träumte dann davon, ein Teil von ihr zu sein. Angesprochen zu werden und manchmal sogar davon, beliebt zu sein, Freunde zu haben, ihren Eltern von ihren guten Noten erzählen zu können. Hier endlich, in ihrem vertrauten kleinen Reich, flossen die Tränen, die bislang von ihrer Wut unter Kontrolle gehalten worden waren. Nie wieder, schwor sie sich. Nie wieder!
Von ihrem Fenster aus konnte Nele zu den Häusern am Stadtrand hinüberschauen. Es waren große Gebäude mit ebensolchen Gärten. Dort wohnen die Geldsäcke, sagte ihr Vater immer. Für Nele waren es Einladungen zum Träumen. Besonders eines hatte es ihr angetan. Oft stellte sie sich vor, darin zu leben. Wie eine Diva würde sie durch die weiträumigen Zimmer schweben und sich mit einem Getränk unter den großen, alten Kastanienbaum in der Mitte des Gartens setzen. Seufzend ließ sich Nele an ihrem Schreibtisch nieder und entfloh allem, was sie umgab. Sie ließ Ulla und ihre Freundinnen zurück, entzog sich dem unbändigen Gelächter, entschwand aus ihrer lauten Familie und wurde zur allseits geachteten Dame des Hauses. Nach einigen stillen Minuten wurde Nele jedoch unsanft wieder aus ihrer eigenen in die von allen bewohnte Welt zurückkatapultiert. Zurück in das Haus Nummer fünf in der Geraniengasse. Sie schüttelte ungläubig den Kopf, rieb sich die Augen und schaute erneut hinüber zu ihrem Lieblingshaus. Aber es sollte doch niemand zu sehen sein, dachte sie verwirrt. Es stand seit Jahren leer. Nele konnte sich nicht daran erinnern, dort jemals irgendwen gesehen zu haben. Und nun fuhr ein großer Lkw vor das Tor. Es war ein altes, schmiedeeisernes Tor, das in die Mauer eingelassen war, die das gesamte Grundstück umgab. Das Haus in seiner Mitte war zwar eines der kleinsten in der Gegend, aber dafür das schönste, wie Nele fand. Es war alt und wirkte seltsam einladend und geheimnisvoll. Nun fuhr ein weiters Fahrzeug vor. Ein Taxi. Es hielt, entließ eine elegant gekleidete ältere Frau mit weißen, zu einem Knoten geschlungenen Haar, und fuhr wieder davon. Die Frau stand ruhig da und schaute durch das Tor zum Haus. Dann ging sie darauf zu und schloss es auf. Sie schloss es auf! Sie ging in Neles Garten. Sie lief über den Schotterweg bis zur Haustür und schloss auch diese auf. Sie ging hinein. Sie war in Neles Haus. Männer mit Kisten und Möbeln schlossen sich ihr an. Einer nach dem anderen ging in das kleine Steinhaus, trug etwas hinein und kam wieder hinaus, um eine neue Kiste, einen Stuhl, eine Lampe, einen Blumentopf zu holen. Hilflos musste Nele mit ansehen, wie ihr Refugium von einer Fremden in Besitz genommen wurde. Sie war vollkommen machtlos. Sie konnte nichts dagegen tun.
Nele fühlte sich plötzlich uralt. Ihre Glieder waren bleischwer und in ihrem Kopf, der eben noch mit wohltuenden Fantasien gefüllt war, herrschte nun eine kalte Leere. Es war zu viel. Zu viel für einen Tag. Die Überwindung, die Offenbarung, das Lachen, der Rückzugsort, die Zerstörung. Einfach alles. Bewegungslos saß Nele auf ihrem Stuhl, den Blick unstet dem Zimmer zugewandt, und starrte ins Nichts, bis ihre Mutter zum Abendessen rief. Sie stieg die Stufen schlafwandlerisch hinunter in die Küche, setzte sich aus Gewohnheit zu ihrer Familie und stand wieder auf, als es alle anderen taten. Gegessen hatte sie nichts. Wortlos stieg sie die Stufen wieder hinauf. Bemerkt hatte niemand etwas. Wieso sollten sie auch ausgerechnet heute damit anfangen, fragte sich Nele, die einen kurzen Moment darauf gehofft hatte. Sie schalt sich erneut. Wie dumm, dumm, dumm.
Unendlich erschöpft putzte sich Nele die Zähne, zog sich um und legte sich in ihr altes Kinderbett. Noch nie zuvor hatte sie sich dermaßen entkräftet gefühlt. Morgen ist ein neuer Tag, dachte sich Nele und schloss die Augen. Der erlösende Schlaf kam augenblicklich.
Doch auch der nächste Tag sollte wenig Erfreuliches bringen. Nele stand auf, duschte und ging wie jeden Morgen seit Jahren zur Schule. Durch die Geraniengasse, in die Galgengasse, quer durch die Innenstadt und am Ende der Feldmannstraße in die Schiller-Schule. Eine sogenannte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Bereits in der ersten Stunde, Mathematik bei Herrn Unstet, durfte Nele erleben, was sie den gesamten restlichen Tag und auch die folgenden Wochen zu erwarten hatte. Die Mädchen riefen durcheinander.
„Na, möchtest du in meinen Spiegel schauen? Ach nein, entschuldige, den braucht eine wie du ja nicht.“
Wie Freude wohl schmecken würde?
„Hey, faceless, soll ich dir eine Maske besorgen? Das Phantom der Oper hatte auch eine, um sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.“
Was Ameisen reden würden, wenn sie sprechen könnten? Wie real war die Realität?
„Na du Freak, noch irgendwelche Körperteile, die du suchst?“
„Aber sie trägt doch schon eine Maske“, kreischte Ulla unnatürlich begeistert, „Eine Helloweeeeeeeen-Maske!“
„Helloween, Helloween, Helloween“, fielen die anderen ein und bogen sich vor Lachen.
„Na wenigstens habt ihr jetzt einmal im Leben etwas zum Lachen“, versuchte Nele ohne großen Erfolg zu kontern. Gegen diese Kakophonie hielt nichts in ihr stand.
„Aber nein, wir sehen dich doch jeden Tag“, rief Ulla in die Runde. Erneuter Gelächtersturm. Nele gab auf.
Jeden Morgen der kommenden Wochen, jede gemeinsame Stunde begann und endete ebenso, wie die erste nach der verhängnisvollen Feier. Nele blieb stumm und ertrug die Schmähreden scheinbar unversehrt und stolz. Den Blick geradeaus. Die Schultern gerade. Das Haupt hocherhoben. Dass sie den anderen jetzt auch noch zeigte, wie es ihr mit ihren Gehässigkeiten ging, war wirklich zu viel verlangt. Wie in Trance durchlitt sie die Schulstunden, ging nach Hause und legte sich ins Bett. Ihre Lieblingseinladung war ihr vorerst vergällt und für eine andere konnte sie zurzeit nicht die nötige Energie aufbringen. Ein neues Haus hätte bedeutet, dass sie sich eine neue Geschichte hätte überlegen müssen. Und eine neue Geschichte überstieg ihre Kräfte.
Die Wochen zogen ins Land und langsam verebbte der tägliche Spott, bis er sie nur noch gelegentlich traf und das auch nicht mehr sonderlich wirkungsvoll oder einfallsreich. Nach sieben ewig langen Wochen wandten sich Ulla, ihre Freundinnen und solche, die es gerne wären, wieder ihren üblichen Themen zu: Jungs, Sex, Schminke, Kleidung, Partys. Nele wurde wieder zur unsichtbaren Teilhaberin und konnte sich endlich wieder in ihren gewohnten Bahnen bewegen, ohne belästigt zu werden. Jetzt empfand sie Dankbarkeit für die nebulöse Leere, die sie umgab. Sie war Geborgenheit, war Ruhe, war Sicherheit. Ich sollte dankbar sein, sagte sich Nele und empfand sie auch. Und wie es der Zufall wollte, schickte ihre Mutter sie an diesem Nachmittag los, etwas aus dem nahe gelegenen Einkaufscenter zu besorgen. Ihr sei das Paniermehl ausgegangen. Sie brauche es für die Koteletts heute Abend. Nele solle schnell loslaufen. Und Nele lief. Eine Alternative gab es nicht. Es kam ihr auch keine in den Sinn. Es war ihr Leben, zu laufen, wenn man es ihr sagte.
Nele lief los und stand lange an der Kasse an, da der Kassierer neu war und die Bedienung der Kasse nur leidlich beherrschte. Nach gefühlten Stunden ging Nele Richtung Ausgang und blieb aus plötzlicher Neugier stehen. Sie drehte sich um. Sie sah zu dem Brett, an dem alle und jeder Verkäufe, Ersuche und Ausschreibungen für die geringfügigsten Nebenjobs aushängen durfte. Sie ging darauf zu. Sie blieb vor einem lilafarbenen Zettel, an dem die unten abzureißenden Zettelstücke, die alle einzeln mit den Kontaktdaten versehen waren, sämtlich noch vorhanden waren, stehen. Elisenstraße 23. Eine Handynummer. Das Ersuch: Ältere alleinstehende Dame sucht hilfreiche, möglichst junge Hände und Füße für Haus, Garten und Besorgungen. Bezahlung gut, bei guter Arbeit, stand noch in Klammern dahinter. Nele nahm das lila Papier vollständig herunter. Sie machte sich keinen einzelnen Zettelstreifen ab, sie nahm den ganzen Aushang. Sie sah sich schnell um, ob sie jemand beobachtete, und ließ den Bogen dann in ihre Jackentasche gleiten. Mit schnellen Schritten lief sie heim zu ihrer Mutter. Sie übergab das Paniermehl, wurde wortlos wieder entlassen und nahm zwei Stufen auf einmal die Treppe hinauf und in ihr Zimmer. Dort angekommen, setzte sie sich nach all den Wochen wieder an ihren Schreibtisch und blickte auf das von der hohen Mauer umgebene kleine, alte Haus. Ihr Haus. Das Haus in der Elisenstraße 23. Nach zwei Stunden hingebungsvoller Träumerei zog sie den lila Bogen aus der Tasche und entfaltete ihn. Junge Hände, junge Füße. Die einzigen Anforderungen. Beides erfüllte sie. Und es war ihr Haus. Was, wenn die alte Dame ein Drache war und es schlecht behandelte? Was, wenn sie es nicht liebte, so wie Nele es liebte? Was, wenn sie den Charme nicht erkannte und … zum Beispiel alles in Glas und Chrom einrichtete? Ein Gefühl von Angst beschlich Nele. Das konnte sie nicht zulassen. Das durfte sie nicht zulassen! Gleich morgen würde sie hingehen und ihre jungen Hände und ihre jungen Füße anbieten. Da niemand sonst sich vorstellen würde, rechnete sich Nele gute Chancen aus, den Job zu bekommen. Sie müsste nur dafür sorgen, dass keine weiteren Ersuche aufgehängt würden. Weitere Ersuche… Ein Stromschlag durchzuckte Neles Körper. Weitere Ersuche! Jeder Supermarkt hatte ein solches schwarzes Brett! Und sie musste unbedingt verhindern, dass irgendjemand sonst zu der alten Dame ging und sich bewarb. Denn dann hätte Nele ganz gewiss keine Chance mehr. Jeden anderen würde die Dame besser sehen können als sie. Jeder andere hätte ein Gesicht. Nele sprang auf, schnappte sich ihre Jacke und lief, ohne etwas zu sagen, aus dem Haus. Da ihr sowieso niemand zuhören würde, hatte sie vor einiger Zeit aufgehört, ständig zu erzählen, wohin sie ging und was sie machen wolle. So schnell sie konnte, klapperte Nele systematisch die Supermärkte und Läden ab, die Aushänge machten. Sie hatte recht gehabt. Überall hingen lilafarbene, feste Bögen Papier. Überall derselbe Ersuch. Zwei Streifen fehlten. Jeweils einer in verschiedenen Läden. Dafür war sie zu spät. Zwei gegen eine. Eine Chance von eins zu drei. Es zahlte sich aus, dass Nele so viel lief. Eine solche Chance wäre besser als die, die sie gehabt hätte, wenn sie nicht sämtliche Läden und ihre Aushänge gekannt hätte.
…
Nie wieder, das schwor sich Nele, nie wieder würde sie irgendjemandem davon erzählen. Wie sie gelacht hatten. Die Augen verdreht. Die Münder weit geöffnet. Bis ihnen die Tränen über die Wangen liefen, während ihre eigenen vor Scham glühten. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, sich derart preiszugeben?
Wutentbrannt stapfte sie die matschig vereiste Straße entlang. Vorbei an den weihnachtlich geschmückten Schaufenstern. Von stilvoll bis völlig geschmacklos waren alle Arten der Dekoration vertreten. Gut, dass sie wütend war. Gut, dass sie sich ärgerte, bis sie vor Zorn die Fäuste ballte. Früher wäre sie nur verletzt gewesen. Hätte womöglich geweint. Schlimmer noch: Wäre womöglich noch vor den anderen in Tränen ausgebrochen. Gut, dass sie wütend war.
Nele bog in die Galgengasse ein und verließ die festlich geschmückte Innenstadt. Die Straße hatte früher einmal hinaus vor die Stadt zum Galgenberg geführt. Galgengasse. Jedes Mal lief ihr ein wohlig gruseliger Schauer über den Rücken. Hier waren die Todgeweihten gelaufen. Hier hatten Angst und Schmerzen regiert. Vielleicht war auch der ein oder andere erlösende Seufzer zwischen den Häusern entlang geweht. Nele fühlte sich hier stets daheim und willkommen. In der Galgengasse gab es früher schon nichts zu lachen und heute musste sie es auch nicht, wenn sie an den spärlich beleuchteten Häusern vorbeilief.
Ulla Hansen. Eines der beliebtesten Mädchen der Schule. Ulla hatte sie vorige Woche auf dem Schulhof angesprochen. Sie! Wie sich Nele gewundert hatte. Zuerst hatte sie hinter und neben sich geschaut, um sich zu vergewissern, dass keine Verwechslung vorliegen konnte. Aber Ulla hatte tatsächlich sie – Nele Kellermann – angesprochen. Und sie zu ihrem Geburtstag eingeladen. Zum achtzehnten. Sie lade den gesamten Jahrgang ein, erklärte sie Nele, als wolle sie sich dafür rechtfertigen, warum ein Mädchen wie Ulla ein Mädchen wie Nele zu ihrem Geburtstag einlüde. Nele hatte mit den Achseln gezuckt und gesagt, dass sie kommen werde. Ihre Antwort hatte Ulla schon nicht mehr gehört, aber das war nichts Neues für Nele. Die Leute schienen sie einfach nicht richtig wahrzunehmen. Nicht zu sehen. Konnten sie auch gar nicht. Einmal war Nele mit pinken Hosen, grünem Pullover und gelben Schuhen zur Schule gegangen. Nur um zu schauen, wie die anderen reagierten. Sie selbst hatte ihr Spiegelbild kaum ertragen. Aber auch an diesem Tag. Nichts. Eine gewaltige rauschende Leere. Ein Nebel, der Nele in all dem Trubel und Lärm zu umgeben schien, wie der Kokon den baldigen Schmetterling. Nur dass Nele nicht nach vierzehn Tagen entschlüpfen und sich durch ihre Schönheit aller Aufmerksamkeit gewiss sein würde, sondern sich nun seit bereits achtzehn Jahren und genau zehn Monaten in ihrem Kokon befand. Und niemand hatte sich je die Mühe gemacht, an ihre Schale zu klopfen und zu fragen, ob sie nicht herauskommen wolle.
Sie bog in die Geraniengasse ein. Die einzige weitere Straße, die Gasse genannt wurde, die es in der Stadt gab. Der Name täuschte. Niemand verwendete hier sein Geld auf so etwas wie Fensterkästen. Und schon gar nicht auf so etwas wie blühende Geranien. Das durfte hier auch niemand. Denn niemand hier hatte genug, um es auf luxuriöse Dinge wie Blumen oder anderes zu verwenden.
Hier in der Geraniengasse war Nele zu Hause. Die Häuserfassaden präsentierten sich sämtlich in tristen Grau- und Brauntönen. Hin und wieder von ehemals gelblichen Tupfern gesprenkelt. In einem besonders grauen und windschiefen Häuschen wohnte Nele seit ihrer Geburt mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern. Ein Bruder, der Älteste, und eine Schwester, die Mittlere. Nele war die Jüngste der drei und wurde bei jeder Gelegenheit und gerne daran erinnert. Nein, Nele, das ist noch nichts für dich, hatte ihr Bruder damals hämisch grinsend gesagt, wenn er sich mit seinen Kumpels zum sogenannten Fluss begeben hatte. Im Sommer war der breite Bach außerhalb der engen Straßen ein beliebter Tummelplatz der Jugend. Und Nele hatte zu Hause bleiben müssen, weil sich ihr Bruder weigerte, sie mitzunehmen. Auf ihre Schwester hatte sie ebenfalls nicht zählen können. Die war nur damit beschäftigt, ihren Teint zu pflegen, ihre Haut orangenfrei zu halten und sich mit ihren Freundinnen über die neuesten Schminkempfehlungen zu unterhalten. Auch dafür war Nele in den Augen der Älteren noch zu jung gewesen. Wofür sie allerdings nie zu klein, zu jung oder zu unerfahren war, waren die mütterlichen Aufträge. Nele, bring deinem Vater die Zeitung. Nele, hole mir die Kartoffeln aus dem Keller. Nele, weck deinen Bruder auf, er muss zur Schule. Auch kleinere Besorgungen durfte Nele stets erledigen. Wenn die Mutter ihre Schwester damit beauftragt hatte, ging diese schnurstracks zu Nele und umschmeichelte sie. Sie sei doch nun auch schon so groß, nicht wahr? Sie wolle doch immer so erwachsen sein, jetzt sei der Moment gekommen, dies zu beweisen. Und Nele lief. Jedes Mal. Sie lief in den Keller, lief zum Vater, lief in die Innenstadt zum Markt, lief und lief und lief.
Komischerweise nahmen die anderen sie, sobald sie getan hatte, was sie von ihr verlangt hatten, nicht mehr wahr. Es war, als wäre Nele nur existent, wenn sie gebraucht wurde. Auch sprach sie niemand an, wenn es nicht um die Erledigung irgendeiner sehr dringenden Angelegenheit ging. Im Laufe der Zeit war Nele aufgefallen, dass sie ihr auch nicht zuhörten, wenn sie etwas erzählen wollte, das über die fügsamen Auskünfte über alles Erledigte hinausging. Zu Anfang dachte sie noch, es wäre normal in ihrer Familie, wenn während der gemeinsamen Mahlzeiten alle durcheinanderredeten. Ihre Mutter erzählte von ihrem Tag zu Hause, die Schwester von ihrer neuen Traumfrisur, der Bruder prahlte davon, wie er alle seine Kumpel übertraf – in allem – und der Vater schimpfte über seinen Vorgesetzten und die Dummheit seiner Kollegen. Zu Anfang sprach Nele noch davon, dass sie wieder einmal die Klassenbeste gewesen sei oder dass ihre Lehrerin sie gelobt habe. Bald aber, als sie ungefähr vierzehn Jahre alt war, fand sie heraus, dass niemand aus ihrer Familie ihre eigenen Beiträge zum allgemeinen Gerede kommentierte. Und im Kommentieren der Angelegenheiten anderer Menschen war ihre Familie normalerweise großartig. Der Vater kommentierte die Mutter, die Mutter den Bruder und der Bruder kommentierte die Frisur der Schwester. Nicht immer löblich. Oft sogar recht gehässig. Aber immerhin. Er sah sie, machte sich seine Gedanken, bildete ein Urteil und sprach es aus. Jahrelang saß Nele da und wartete darauf, dass ihre Familie kommentierte, was sie selbst sagte. Vergeblich. Es war, als kämen ihre Worte gar nicht erst durch den wirren Dunst, der über dem Küchentisch schwebte, bis hin zu den Ohren der anderen.
Einmal war Nele so drastisch geworden, dass sie aufgestanden war und lauthals gebrüllt hatte. So laut sie konnte. Ohne jeden Inhalt. Einfach nur laut. Danach hatte sie sich gesetzt und abwartend in die Runde geschaut. Kurz hatte der Vater mit der Augenbraue gezuckt, der Bruder dümmlich gelächelt und die Schwester irritiert geguckt. Hast du etwas gesagt, Kind, hatte ihre Mutter, aus dem Konzept gebracht, gefragt. Nele holte Luft und wollte hoffnungsfroh zu erzählen beginnen, dass ein Junge sie heute angeschaut habe, als die Mutter auch schon in ihrem Bericht über ihren Einkaufsbummel fortfuhr und das Wortgetümmel über dem Tisch seinen gewohnten Gang nahm. Danach hatte Nele nie wieder versucht, etwas zu erzählen. Was ebenfalls niemand bemerkte.
Seltsamerweise begannen Neles Züge, wenn sie sich im Spiegel betrachtete, nach diesem Versuch, sich Gehör zu verschaffen, irgendwie zu verschwimmen. Nicht, dass Nele oft dorthinein geschaut hätte, aber eben ab und zu. Und bei jedem Ab und jedem Zu waren die Konturen stärker verschwommen. Zunächst verblassten ihre Wangenknochen zu einem undeutlichen Flackern. Dann verlief die Linie des Kinns in unbestimmte Gefilde. Der Mund war nach einiger Zeit nur noch ein rötlicher Fleck und zum Schluss verlor Nele ihre Augen. Dunkle Ovale waren das Einzige, was ihr geblieben war. Sie wusste inzwischen nicht einmal mehr, welche Farbe ihre Augen hatten. Das hatte sie ebenso vergessen, wie sie auch den Bogen ihrer Oberlippe nicht mehr hätte beschreiben können. Neles Gesicht war einfach verschwunden.
Entgegen jeglicher Logik konnte Nele aber sehr wohl – und sehr deutlich und genau – erkennen, wie der Rest von ihr aussah. Die Ovale mussten demnach also durchaus funktionstüchtig sein. Sie hatte etwa schulterlanges, hellbraunes Haar, lange Gliedmaßen und eine Figur, die ältere Menschen mit dem Wort ansehnlich beschrieben hätten. Nur ihr Gesicht hatte sich Neles Wahrnehmung entzogen. Wie gerne hätte sie jemanden gefragt, ob es noch da war!
Und nun, an diesem unsäglich jammervollen und scheußlichen Tag, hatte sie auf gewisse Weise genau das getan. Wie dumm, dumm, dumm. Sie hätte es wissen müssen. Sie hätte wissen müssen, dass die Mädchen auf Ullas Geburtstagsfeier nicht die richtigen dafür waren, eine solche Frage zu diskutieren. Eingelullt in das sanfte Lachen und müßige Kichern in der Runde, in der scheinbar jede irgendeinen Patzer, ein Geheimnis oder eine persönliche Schrulle frei zum Besten gab und sich vertraulich auf die Gutmütigkeit der anderen verließ, hatte Nele sich aus einer plötzlichen Eingebung heraus ein Herz gefasst und die anderen gefragt, ob sie ihr Gesicht sähen. Ein schweres, dumpfes Schweigen war ihren Worten gefolgt. Ihr größter Fehler jedoch war, als sie in dieses Schweigen hinein hinzufügte, sie könne es nämlich nicht. Sehen. Nach einigen Sekunden, in denen die ganze Runde wie erstarrt zu sein schien, brach es aus ihnen hervor. Zuallererst aus Ulla. Dicht gefolgt von ihren engsten Freundinnen und schließlich auch von allen anderen. Ein herzloses, ans Hysterische grenzendes Lachen, das in den Ohren schrillte und alles in Dreck verwandelte, was ihm zu nahe kam. Während Nele vor Schock die Luft wegblieb, hielten sich Ulla und ihre Freundinnen die Bäuche und ließen ihre Tränen über die adrett geschminkten Wangen laufen. Neles Versuche, ihre Frage nachträglich als Missverständnis darzustellen, sie in eine Frage des Schminkens abzuändern, scheiterten allesamt. Ihre Worte drangen nicht mehr bis zu den anderen vor. Es war ganz wie zu Hause bei ihrer Familie. Nur viel schlimmer. Denn zu Hause fühlte sie sich wenigstens noch sicher. Schließlich war es auch ihr Zuhause. Und ein Zuhause sollte Zufluchtsort und Verankerung in der Welt sein, egal, ob nun andere einem zuhörten oder nicht. Das dachte sich jedenfalls Nele, während sie grimmig durch die Geraniengasse stapfte und am anderen Ende ihren Schlüssel in das Türschloss von Nummer fünf steckte.
Sie rief ihr übliches Hallo in den düsteren Hausflur und erhielt wie üblich keine Antwort. Rasch stieg sie die schmale Treppe hinauf in den ersten Stock, öffnete die zweite Tür auf der linken Seite und betrat ihr Zimmer. Es war klein und nur spärlich möbliert. Ein Bett. Ein Schrank. Und ein Schreibtisch. Der Schreibtisch stand vor dem einzigen Fenster des Raumes. Dorthin zog sich Nele zurück, wenn sie Trost brauchte, und starrte stundenlang hinaus in die Welt. Sie träumte dann davon, ein Teil von ihr zu sein. Angesprochen zu werden und manchmal sogar davon, beliebt zu sein, Freunde zu haben, ihren Eltern von ihren guten Noten erzählen zu können. Hier endlich, in ihrem vertrauten kleinen Reich, flossen die Tränen, die bislang von ihrer Wut unter Kontrolle gehalten worden waren. Nie wieder, schwor sie sich. Nie wieder!
Von ihrem Fenster aus konnte Nele zu den Häusern am Stadtrand hinüberschauen. Es waren große Gebäude mit ebensolchen Gärten. Dort wohnen die Geldsäcke, sagte ihr Vater immer. Für Nele waren es Einladungen zum Träumen. Besonders eines hatte es ihr angetan. Oft stellte sie sich vor, darin zu leben. Wie eine Diva würde sie durch die weiträumigen Zimmer schweben und sich mit einem Getränk unter den großen, alten Kastanienbaum in der Mitte des Gartens setzen. Seufzend ließ sich Nele an ihrem Schreibtisch nieder und entfloh allem, was sie umgab. Sie ließ Ulla und ihre Freundinnen zurück, entzog sich dem unbändigen Gelächter, entschwand aus ihrer lauten Familie und wurde zur allseits geachteten Dame des Hauses. Nach einigen stillen Minuten wurde Nele jedoch unsanft wieder aus ihrer eigenen in die von allen bewohnte Welt zurückkatapultiert. Zurück in das Haus Nummer fünf in der Geraniengasse. Sie schüttelte ungläubig den Kopf, rieb sich die Augen und schaute erneut hinüber zu ihrem Lieblingshaus. Aber es sollte doch niemand zu sehen sein, dachte sie verwirrt. Es stand seit Jahren leer. Nele konnte sich nicht daran erinnern, dort jemals irgendwen gesehen zu haben. Und nun fuhr ein großer Lkw vor das Tor. Es war ein altes, schmiedeeisernes Tor, das in die Mauer eingelassen war, die das gesamte Grundstück umgab. Das Haus in seiner Mitte war zwar eines der kleinsten in der Gegend, aber dafür das schönste, wie Nele fand. Es war alt und wirkte seltsam einladend und geheimnisvoll. Nun fuhr ein weiters Fahrzeug vor. Ein Taxi. Es hielt, entließ eine elegant gekleidete ältere Frau mit weißen, zu einem Knoten geschlungenen Haar, und fuhr wieder davon. Die Frau stand ruhig da und schaute durch das Tor zum Haus. Dann ging sie darauf zu und schloss es auf. Sie schloss es auf! Sie ging in Neles Garten. Sie lief über den Schotterweg bis zur Haustür und schloss auch diese auf. Sie ging hinein. Sie war in Neles Haus. Männer mit Kisten und Möbeln schlossen sich ihr an. Einer nach dem anderen ging in das kleine Steinhaus, trug etwas hinein und kam wieder hinaus, um eine neue Kiste, einen Stuhl, eine Lampe, einen Blumentopf zu holen. Hilflos musste Nele mit ansehen, wie ihr Refugium von einer Fremden in Besitz genommen wurde. Sie war vollkommen machtlos. Sie konnte nichts dagegen tun.
Nele fühlte sich plötzlich uralt. Ihre Glieder waren bleischwer und in ihrem Kopf, der eben noch mit wohltuenden Fantasien gefüllt war, herrschte nun eine kalte Leere. Es war zu viel. Zu viel für einen Tag. Die Überwindung, die Offenbarung, das Lachen, der Rückzugsort, die Zerstörung. Einfach alles. Bewegungslos saß Nele auf ihrem Stuhl, den Blick unstet dem Zimmer zugewandt, und starrte ins Nichts, bis ihre Mutter zum Abendessen rief. Sie stieg die Stufen schlafwandlerisch hinunter in die Küche, setzte sich aus Gewohnheit zu ihrer Familie und stand wieder auf, als es alle anderen taten. Gegessen hatte sie nichts. Wortlos stieg sie die Stufen wieder hinauf. Bemerkt hatte niemand etwas. Wieso sollten sie auch ausgerechnet heute damit anfangen, fragte sich Nele, die einen kurzen Moment darauf gehofft hatte. Sie schalt sich erneut. Wie dumm, dumm, dumm.
Unendlich erschöpft putzte sich Nele die Zähne, zog sich um und legte sich in ihr altes Kinderbett. Noch nie zuvor hatte sie sich dermaßen entkräftet gefühlt. Morgen ist ein neuer Tag, dachte sich Nele und schloss die Augen. Der erlösende Schlaf kam augenblicklich.
Doch auch der nächste Tag sollte wenig Erfreuliches bringen. Nele stand auf, duschte und ging wie jeden Morgen seit Jahren zur Schule. Durch die Geraniengasse, in die Galgengasse, quer durch die Innenstadt und am Ende der Feldmannstraße in die Schiller-Schule. Eine sogenannte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Bereits in der ersten Stunde, Mathematik bei Herrn Unstet, durfte Nele erleben, was sie den gesamten restlichen Tag und auch die folgenden Wochen zu erwarten hatte. Die Mädchen riefen durcheinander.
„Na, möchtest du in meinen Spiegel schauen? Ach nein, entschuldige, den braucht eine wie du ja nicht.“
Wie Freude wohl schmecken würde?
„Hey, faceless, soll ich dir eine Maske besorgen? Das Phantom der Oper hatte auch eine, um sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.“
Was Ameisen reden würden, wenn sie sprechen könnten? Wie real war die Realität?
„Na du Freak, noch irgendwelche Körperteile, die du suchst?“
„Aber sie trägt doch schon eine Maske“, kreischte Ulla unnatürlich begeistert, „Eine Helloweeeeeeeen-Maske!“
„Helloween, Helloween, Helloween“, fielen die anderen ein und bogen sich vor Lachen.
„Na wenigstens habt ihr jetzt einmal im Leben etwas zum Lachen“, versuchte Nele ohne großen Erfolg zu kontern. Gegen diese Kakophonie hielt nichts in ihr stand.
„Aber nein, wir sehen dich doch jeden Tag“, rief Ulla in die Runde. Erneuter Gelächtersturm. Nele gab auf.
Jeden Morgen der kommenden Wochen, jede gemeinsame Stunde begann und endete ebenso, wie die erste nach der verhängnisvollen Feier. Nele blieb stumm und ertrug die Schmähreden scheinbar unversehrt und stolz. Den Blick geradeaus. Die Schultern gerade. Das Haupt hocherhoben. Dass sie den anderen jetzt auch noch zeigte, wie es ihr mit ihren Gehässigkeiten ging, war wirklich zu viel verlangt. Wie in Trance durchlitt sie die Schulstunden, ging nach Hause und legte sich ins Bett. Ihre Lieblingseinladung war ihr vorerst vergällt und für eine andere konnte sie zurzeit nicht die nötige Energie aufbringen. Ein neues Haus hätte bedeutet, dass sie sich eine neue Geschichte hätte überlegen müssen. Und eine neue Geschichte überstieg ihre Kräfte.
Die Wochen zogen ins Land und langsam verebbte der tägliche Spott, bis er sie nur noch gelegentlich traf und das auch nicht mehr sonderlich wirkungsvoll oder einfallsreich. Nach sieben ewig langen Wochen wandten sich Ulla, ihre Freundinnen und solche, die es gerne wären, wieder ihren üblichen Themen zu: Jungs, Sex, Schminke, Kleidung, Partys. Nele wurde wieder zur unsichtbaren Teilhaberin und konnte sich endlich wieder in ihren gewohnten Bahnen bewegen, ohne belästigt zu werden. Jetzt empfand sie Dankbarkeit für die nebulöse Leere, die sie umgab. Sie war Geborgenheit, war Ruhe, war Sicherheit. Ich sollte dankbar sein, sagte sich Nele und empfand sie auch. Und wie es der Zufall wollte, schickte ihre Mutter sie an diesem Nachmittag los, etwas aus dem nahe gelegenen Einkaufscenter zu besorgen. Ihr sei das Paniermehl ausgegangen. Sie brauche es für die Koteletts heute Abend. Nele solle schnell loslaufen. Und Nele lief. Eine Alternative gab es nicht. Es kam ihr auch keine in den Sinn. Es war ihr Leben, zu laufen, wenn man es ihr sagte.
Nele lief los und stand lange an der Kasse an, da der Kassierer neu war und die Bedienung der Kasse nur leidlich beherrschte. Nach gefühlten Stunden ging Nele Richtung Ausgang und blieb aus plötzlicher Neugier stehen. Sie drehte sich um. Sie sah zu dem Brett, an dem alle und jeder Verkäufe, Ersuche und Ausschreibungen für die geringfügigsten Nebenjobs aushängen durfte. Sie ging darauf zu. Sie blieb vor einem lilafarbenen Zettel, an dem die unten abzureißenden Zettelstücke, die alle einzeln mit den Kontaktdaten versehen waren, sämtlich noch vorhanden waren, stehen. Elisenstraße 23. Eine Handynummer. Das Ersuch: Ältere alleinstehende Dame sucht hilfreiche, möglichst junge Hände und Füße für Haus, Garten und Besorgungen. Bezahlung gut, bei guter Arbeit, stand noch in Klammern dahinter. Nele nahm das lila Papier vollständig herunter. Sie machte sich keinen einzelnen Zettelstreifen ab, sie nahm den ganzen Aushang. Sie sah sich schnell um, ob sie jemand beobachtete, und ließ den Bogen dann in ihre Jackentasche gleiten. Mit schnellen Schritten lief sie heim zu ihrer Mutter. Sie übergab das Paniermehl, wurde wortlos wieder entlassen und nahm zwei Stufen auf einmal die Treppe hinauf und in ihr Zimmer. Dort angekommen, setzte sie sich nach all den Wochen wieder an ihren Schreibtisch und blickte auf das von der hohen Mauer umgebene kleine, alte Haus. Ihr Haus. Das Haus in der Elisenstraße 23. Nach zwei Stunden hingebungsvoller Träumerei zog sie den lila Bogen aus der Tasche und entfaltete ihn. Junge Hände, junge Füße. Die einzigen Anforderungen. Beides erfüllte sie. Und es war ihr Haus. Was, wenn die alte Dame ein Drache war und es schlecht behandelte? Was, wenn sie es nicht liebte, so wie Nele es liebte? Was, wenn sie den Charme nicht erkannte und … zum Beispiel alles in Glas und Chrom einrichtete? Ein Gefühl von Angst beschlich Nele. Das konnte sie nicht zulassen. Das durfte sie nicht zulassen! Gleich morgen würde sie hingehen und ihre jungen Hände und ihre jungen Füße anbieten. Da niemand sonst sich vorstellen würde, rechnete sich Nele gute Chancen aus, den Job zu bekommen. Sie müsste nur dafür sorgen, dass keine weiteren Ersuche aufgehängt würden. Weitere Ersuche… Ein Stromschlag durchzuckte Neles Körper. Weitere Ersuche! Jeder Supermarkt hatte ein solches schwarzes Brett! Und sie musste unbedingt verhindern, dass irgendjemand sonst zu der alten Dame ging und sich bewarb. Denn dann hätte Nele ganz gewiss keine Chance mehr. Jeden anderen würde die Dame besser sehen können als sie. Jeder andere hätte ein Gesicht. Nele sprang auf, schnappte sich ihre Jacke und lief, ohne etwas zu sagen, aus dem Haus. Da ihr sowieso niemand zuhören würde, hatte sie vor einiger Zeit aufgehört, ständig zu erzählen, wohin sie ging und was sie machen wolle. So schnell sie konnte, klapperte Nele systematisch die Supermärkte und Läden ab, die Aushänge machten. Sie hatte recht gehabt. Überall hingen lilafarbene, feste Bögen Papier. Überall derselbe Ersuch. Zwei Streifen fehlten. Jeweils einer in verschiedenen Läden. Dafür war sie zu spät. Zwei gegen eine. Eine Chance von eins zu drei. Es zahlte sich aus, dass Nele so viel lief. Eine solche Chance wäre besser als die, die sie gehabt hätte, wenn sie nicht sämtliche Läden und ihre Aushänge gekannt hätte.
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