Cover: ICH ICH BIN

ICH ICH BIN
Die absoluten ICH-BIN-Worte Jesu


EUR 27,90

Format: 18 x 27 cm
Seitenanzahl: 382
ISBN: 978-3-99130-451-7
Erscheinungsdatum: 03.07.2024
Dem endlichen und relativen „Ich bin“ des Menschen steht das unendliche und absolute „ICH-ICH-BIN“ Gottes gegenüber, erfahrbar in Jesus. Der Eintritt des Menschen in dieses Gott-Verhältnis schenkt Freiheit, Leben, Orientierung, Wahrheit und Leben in Fülle.
Vorwort



Zum Warum dieses Buches

„Sie haben kürzlich über die sogenannten Ich-bin-Worte-Jesu gesprochen; ich würde das gern nachlesen; könnten Sie mir eine Literaturempfehlung geben?“ Auf diese Frage antwortete ich spontan: „Das ist kein Problem; ich vermute, dass es dazu mindestens einen Meter Literatur gibt; ich mache mich kundig und gebe Ihnen dann einen Tipp.“ Dieses Versprechen konnte ich noch immer nicht einlösen, denn es gibt in der Tat unzählige Beiträge zu den sogenannten Ich-bin-Worten Jesu; aber eben alle verstreut in exegetischen Kommentaren, exegetischen Fachzeitschriften oder auch in umfangreichen Jesus-Büchern.

Dabei sind die sogenannten Ich-bin-Worte Jesu von zentraler Bedeutung sowohl für das Selbstverständnis Jesu als auch – daraus abgeleitet – in ihrem existentialen Bezug für das menschliche Selbstverständnis. Letztlich geht es um Grundfragen wie: Wer bist du, o Gott? Und wer bin – angesichts dessen – ich?




Zum Vorgehen


Die sogenannten Ich-bin-Worte Jesu – das sei hier vorweggenommen – müssen eigentlich ICH-ICH-BIN-Worte Jesu heißen. Diese haben ihrerseits zwei große vorausgehende Entwicklungsschritte: Der unmittelbar voraufgehende Schritt ist die Selbstäußerung Gottes im Alten Testament, in dem Gott nicht nur mit seinem Namen tausendfach genannt wird, sondern ihn auch – ein einziges Mal – erklärt: „Jahwe: ICH-ICH-BIN als der ich sein werde“ (Ex 3,14). Und auch dieser exklusive Augenblick hat eine lange Vorgeschichte: die der religiösen Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Von daher legt es sich nahe, diese beiden Schritte auch hier nach- und mitzuvollziehen: den Weg von der Schöpfung des Universums bis hin zum Menschen und seinem religiösen Bewusstsein und weiter bis hin zum personalen Bundesverhältnis, in dem sich der Gott des Alten Bundes selbst erschließt.

Ich versuche, so zu sprechen, dass sich jedes meiner Worte auf die Autorität irgendeines Gelehrten stützt, der vor mir das behandelte Thema noch eingehender als ich untersucht hat. Deshalb ist der überwiegende Teil des Vorgelegten aus deren Feder. Die Quellen sind grundsätzlich und vollständig angegeben. Auf Zitationszeichen wurde verzichtet, da ansonsten durch die Fülle von Hervorhebungs- und Hinweiszeichen die Lesbarkeit zu sehr gelitten hätte. Vieles sind also Exzerpte aus den Werken anderer. Aber gerade deren Zusammenstellung, Vorlage und Rezeption an den entscheidenden Stellen lässt aus den vielen Mosaiksteinen ein Gesamtwerk entstehen und sichtbar werden. Dieses Gesamtwerk ist die Person Jesu Christi, der uns den Vater offenbart.




1
Praeludium – Der Horizont – Wer bin ich? –
Wer bist du, Gott?


Die Stellung des Menschen im Kosmos

Das Universum hat vor Milliarden von Jahren begonnen. Vor etwa zwei Milliarden Jahren entwickelte sich aus einem verglühenden Stern die Erde.

Wenn wir uns »Entwicklung« im Grundsätzlichen und Allgemeinen nicht nur zeitlich-chronologisch von außen, sondern von innen her in den großen Entwicklungsabschnitten vor Augen führen, dann erkennen wir, wie sich Phasen der Ausweitung und solche der Konzentration abwechseln. Zunächst sehen wir eine Ausweitung, z. B. in der Vermehrung der Atome; dann eine Phase der Konzentration, beispielsweise durch Molekularisierung, bis dann auf dem Höhepunkt eine höhere Existenzform beginnt. In der Biogenese entstand das Leben, es breiten sich Zellen aus (Phase der Ausweitung); in der nachfolgenden Phase der Konzentration entwickelte sich vor allem die Gehirnbildung bis zur nächsten Entwicklungsstufe, in der der Mensch kommt. Der Mensch nimmt eine schwindelerregende Stellung im Weltall ein. Er ist die Spitze des Universums – etwas völlig Unwahrscheinliches hat sich ereignet. Aus dem Leben formte sich in der Hominisation der Mensch; in der Noogenese wuchsen reflexes Bewusstsein und wachsende Personalität.

Die „makroskopische“ religiöse Entwicklung in der Menschheitsgeschichte von den Anfängen bis zum weiteren Verlauf im Judentum und Christentum scheint gelegentlich Parallelen in der „mikroskopischen“ religiösen Entwicklung des einzelnen Menschen zu haben. So als gäbe es gewissermaßen eine phylogenetische (altgriechisch φῦλον, deutsch ‚Stamm‘ und altgriechisch γένεσις, deutsch ‚Entstehung‘, d. h. also stammesgeschichtliche) religiöse Entwicklungsgeschichte der Menschheitsgeschichte, und nicht ganz unähnlich dazu eine ontogenetische religiöse Entwicklung des einzelnen individuellen Menschen. Deshalb lohnt es sich ganz besonders, die Entwicklung des religiösen Bewusstseins nachzuzeichnen, da wir in ihr nicht nur auf Historisches zurückblicken, sondern eine Ahnung unserer eigenen, individuellen religiösen Entwicklung bekommen können.

„Auf dem Weg zu Gott durchläuft jede Seele dieselben Stadien der Loslösung, der Erprobung, der Läuterung, durch die das erwählte Volk ging, und in den Lehren, die jenem gegeben wurden, findet sie ihre Wegweisung. Die Genesis stellt die Güte des Schöpfers trotz der Untreue des Menschen dar, Exodus ist der Vorentwurf unserer Erlösung.“



Die religiöse Entwicklung des Menschen –
naturreligiöse Anfänge – Das Selbstverständnis
des Menschen in der vorisraelitischen Zeit:
der Mensch, der Willkür Gottes ausgesetzt


Am Beginn der religiösen Entwicklung geht es dem Menschen in den Naturreligionen letztlich darum, dass sein Lebensunterhalt möglich ist. Der Rhythmus des Jahres und die erhoffte Fruchtbarkeit werden der Mächtigkeit einer Gottheit zugeschrieben, zu der keine persönliche, sondern eine magische Beziehung besteht. Alles wird sehr elementar irdisch verstanden. Das Religiöse wird ganz elementar irdisch als von der Natur und der sie bestimmenden Gottheit herkommend gesehen. Die Naturreligion hat entsprechend der Fülle der Naturerscheinungen auch entsprechend viele Gottheiten. In einer dichterischen und äußerst poetischen Art ist dies in der griechischen und römischen Religion und Mythologie verarbeitet. Dieser Weg der Naturreligion hat sich blütenreich entwickelt in der Antike, aber es ging nicht weiter. Die jeweilige Gottheit ist auch ihrerseits begrenzt auf einen bestimmten Zuständigkeitsbereich, und so auch begrenzt auf eine bestimmte Jahreszeit, einen bestimmten Ort und ein bestimmtes Ritual, das sie einfordert und geneigt macht. So kommt es beispielsweise zu den Erstlingsopfern, die der Gottheit dargebracht werden (müssen). Auch im Alten Testament sehen wir noch solche Reste naturreligiöser Religiosität:

In Dtn 26,2–4 haben wir Naturreligion vor uns, wo auch die Feste im Rhythmus der Natur gefeiert wurden – alle Jahre wieder; das ist die Vorstellung vom Schöpfergott.

Dtn 26,2 Du sollst von den ersten Erträgen aller Feldfrüchte, die du in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt, eingebracht hast, etwas nehmen und in einen Korb legen. Dann sollst du zu der Stätte ziehen, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, indem er dort seinen Namen wohnen lässt. 3 Du sollst vor den Priester treten, der dann amtiert, und sollst zu ihm sagen: Heute bestätige ich vor dem HERRN, deinem Gott, dass ich in das Land gekommen bin, von dem ich weiß: Er hat unseren Vätern geschworen, es uns zu geben. 4 Dann soll der Priester den Korb aus deiner Hand entgegennehmen und ihn vor den Altar des HERRN, deines Gottes, stellen.

Das Selbstverständnis des Menschen ist in dieser naturreligiösen Zeit eines der absoluten Abhängigkeit von magischen Kräften. Diese gefühlte Abhängigkeit führt aber – eben weil Magie zwar auf „Automatismus“ baut, diesen aber nicht durchhalten kann – zu einem Selbstverständnis des Ausgesetztseins der Willkür der Gottheit und der Undurchschaubarkeit dieser Willkür. So entfaltet sich die Suche nach dem Namen der Gottheit. In dem Glauben, dass die Namenskenntnis der Gottheit auch ihre Wesenskenntnis mit sich bringt, stehen all jene Naturreligionen hoch im Kurs, die ihre Gottheit mit dem Namen zu benennen wissen, weil die Kenntnis des Namens auch die Anrufbarkeit der Gottheit mit sich bringt und damit – so der Glaube und die Hoffnung – doch auch wenigstens eine gewisse Verfügbarkeit bzw. magische Verbindung zur Gottheit.

In der Abfolge der verschiedenen Quellen meinte man darüber hinaus eine religiöse Entwicklung von einem primitiven Polytheismus und Geisterglauben über einen Henotheismus (sc. religiöse Haltung, die die Hingabe an nur einen Gott fordert, ohne allerdings die Existenz anderer Götter zu leugnen oder ihre Verehrung zu verbieten) zum prophetischen Monotheismus bis hin zur jüdischen Gesetzesreligion feststellen zu können.



Der Überschritt im jüdischen Glauben: Höre Israel;
Gott ist von der Welt verschieden. Das Selbstverständnis
des Menschen in der israelitischen Zeit: der Mensch,
dessen Gott einen Weg mitgeht; dem gilt es zu vertrauen
(fides qua; das „Dass“ des Glaubens)


Auch der Weg des Volkes Israel ist zunächst der der Erfahrung eines Nomadenvolkes. Es gab Tausende von Nomadenvölkern, aber nur bei einem einzigen Stamm wird den Menschen etwas Außerordentliches bewusst. Bei einem einzigen Stamm bricht das Bewusstsein durch: Unsere Erfahrungen, die wir machen, wenn wir einerseits durch das Land und andererseits durchs Leben wandern, sind nicht einfach ein Sammelsurium von Erfahrungen, die wild durcheinandergehen, sondern diese Lebenserfahrungen haben einen „roten Faden“, da gibt es offenbar ein Geführtsein. So bricht auf einmal das Bewusstsein durch: Es gibt einen, der mich führt. Das ist der erste große Höhepunkt in der Entwicklung der Religiosität des Menschen – da ist einer, der uns und mich führt.

So unterscheidet sich Dtn 26,1–4 vom nun gewachsenen Bekenntnis in Dtn 26,5–10: Hier ist nicht ein Kreislauf, sondern eine geradlinige Bewegung, ein Gott der Geschichte. Der Gott der Geschichte ist das eigentlich Spezifische am jüdischen und christlichen Glauben.

Dtn 26,5 Du aber sollst vor dem HERRN, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk. 6 Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. 7 Wir schrien zum HERRN, dem Gott unserer Väter, und der HERR hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis. 8 Der HERR führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, 9 er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, wo Milch und Honig fließen. 10 Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast, HERR. Wenn du den Korb vor den HERRN, deinen Gott, gestellt hast, sollst du dich vor dem HERRN, deinem Gott, niederwerfen.

So haben wir also in Dtn 26,1–10 zwei verschiedene Auffassungen von Religion; in den Versen Dtn 26,1–4 eine naturreligiöse und Dtn 26,5–10 eine (bundes-) geschichtliche.

Der Gott der Geschichte, den das Judentum erfahren hat, geht mit seinem Volk einen gemeinsamen Weg, συν ὁδος; ER führt sein Volk, und dieses Führen ist umfassend zu verstehen; ER führt die Menschheit in ihrer Geschichte, ER führt das ganze Universum in seiner Entwicklung. So umfassend ist dies zu verstehen – atemberaubend.

Das eigentlich heißt nach Jes „glauben“ (Jes 7,9; 28,16): sich auf diese Führung Gottes einzulassen mit einer absoluten Betonung des Glaubens als „fides qua“, dem „Dass“ des Glaubens als dativischem Glauben (ich glaube jemandem, nämlich „Gott“) und davon abgeleitet – also buchstäblich nachfolgend und konsekutiv – Glauben als „fides quae“, dem „Was“ des Glaubens und dem akkusativischen Inhalt des Glaubens; das ist der innerste Kern des alttestamentlichen Glaubens. Dagegen steht die Versuchung (s. Lk 4,1–13), die Versuchung Jesu und die Versuchung unserer Zeit, das Leben, die eigene Geschichte und Evolution ohne Gott verstehen zu wollen.

In diesem Volk und nur in diesem Volk der Juden ist nach einem sehr langen Prozess das Bewusstsein von dem einen Gott, der von dieser Welt total verschieden ist, aufgebrochen. In den frühesten Zeiten empfanden sich die Menschen abhängig von den Mächten der Natur; sie empfanden die natürlichen Mächte, von denen das Leben bestimmt wird, als göttlich. Zu diesem religiösen Grundempfinden sagte das Volk Israel als einziges Volk „nein“; so ist Gott nicht! Deshalb war es auch unter den anderen Völkern unverstanden. Israel sagte: Den Gott, den wir verehren, ist der eine und der einzige Gott und der ist vom Universum insofern radikal verschieden, als er einerseits mit uns ist und andererseits für den Menschen doch unverfügbar bleibt.

Die anderen Gottheiten interessieren Israel nicht weiter. Hier setzt nun das Alte Testament an. Zunächst weiß das Volk Israel nicht, ob es nur einen Gott gibt oder mehrere. Es verehrte den, der es führt und der eben keinen Namen hat – Jahwe. Doch das Volk Israel beginnt, innerlich zu hören; immer bewusster und deutlicher auf die Führung zu hören.

Dahinter steht eine geistige Reifung und Entwicklung des Menschen. Zunächst war ja der Mensch völlig eingebunden in die Natur; in einem jahrtausendelangen Prozess fand der Mensch hin zu einem Verständnis der Geschichte – durch viele Phasen der Unfreiheit hindurch.

Wenn wir diesen Lernprozess Israels bzw. den Offenbarungsprozess des Gottes Israels detaillierter erfassen wollen, dann sehen wir: Israel empfand sich im Gespräch mit diesem Gott und so beginnt sein Credo mit: „Höre, Israel!“ Und weiter: Weil sich Israel zutiefst in ein ständiges Gespräch und Hören auf Gott einbezogen wusste, wuchs ihm auch eine innere Freiheit zu gegenüber politischen Mächten. Auch zu den eigenen Königen Israels hatte das Volk diese Distanz, und wo ein König falsche göttliche Ansprüche erhob (s. Achab), widersprach es diesem in seinen Propheten (s. Elija). Auch zum römischen Kaiser sagte Israel, als es um Gottverehrung ging, nein, und setzte diese Verweigerung sogar durch.

Unser heutiges Freiheitsbewusstsein, wonach der Mensch zuinnerst frei sein muss und bei der Freiheit der Menschen auch die Staatsgewalt ihre Grenzen hat, wurzelt also im jüdischen Volk. Aber umgekehrt: Auch der Mensch darf nicht Sklave seiner Freiheit werden, indem er vergisst, dass seine Freiheit im Angesicht Gottes lebt. Wenn ein Mensch seine Freiheit nicht mehr im Angesicht Gottes hat, dann pervertiert er. Das Christentum heute hat jenes Bewusstsein, welches das Volk Israel von Anfang an hatte: dass die Geschichte des Menschen nicht eine ständige Wiederholung des immer selben ist, sondern dass die Geschichte auf ein Ziel hin gerichtet ist, und dieses Ziel ist letztlich Gott. Die Geschichte Israels und auch die ganz persönliche Geschichte des einzelnen Menschen wird als Weg zu Gott begriffen. Dieses Denken hat seine Wurzeln im jüdischen Volk.

Die Bibel schweigt über die Vergangenheit des ersten Erzvaters. Die Logik der Dinge lässt vermuten, dass er vielleicht andere Gottheiten verehrte. Vielleicht war er ein weiser Mann, der den Himmel und die Sterne zu erforschen pflegte. Denn der Herr verheißt ihm eine Nachkommenschaft, die so zahlreich ist wie die Sterne, die den Himmel sprenkeln. Und Abraham bricht auf. Er hört die Stimme Gottes und vertraut auf sein Wort. Das ist wichtig: Er vertraut auf Gottes Wort. Und mit seinem Aufbruch entsteht eine neue Weise, die Beziehung zu Gott zu verstehen. Aus diesem Grund ist der Erzvater Abraham in den großen geistlichen Traditionen des Judentums, des Christentums und des Islam gegenwärtig als der vollkommene Mann Gottes, der fähig ist, sich diesem zu unterwerfen, auch wenn sein Wille sich als hart, wenn nicht sogar unverständlich erweist.

Abraham ist also der Mann des Wortes. Wenn Gott spricht, wird der Mensch zum Empfänger jenes Wortes und sein Leben zu dem Ort, an dem dieses Wort Mensch werden will. Das ist eine große Neuheit auf dem religiösen Weg des Menschen: Man beginnt, das Leben des Gläubigen als Berufung aufzufassen, also als Ruf, als Ort, an dem eine Verheißung Wirklichkeit wird. Und er wandelt in der Welt nicht unter der Last eines Rätsels, sondern mit der Kraft jener Verheißung, die eines Tages Wirklichkeit werden wird. Und Abraham glaubte an Gottes Verheißung. Er glaubte und zog weg, ohne zu wissen, wohin er ziehen würde – so heißt es im Brief an die Hebräer (vgl. Hebr 11,8). Aber er vertraute.



Der Quantensprung Israels –
Von der Gottesfurcht zum Gottvertrauen


„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ In der Tiefe antiker Religionen ist Angst am Grunde des Brunnens. Denn furchtbar sind die Gottheiten der alten Religionen, schaudererregend. Es gibt Angst vor den Göttern. Dieser Angst antwortet das Opfer, das die Ungnädigen immer wieder mit kostbaren Gütern beschwichtigen muss, auch mit Menschenopfern; es kommt zur angstgeborenen Bestechung.

Aber Israel ist das Volk, das nicht ein blindes, sondern ein sehendes Vertrauen gegen die Angst vollzogen hat. Denn die Macht des einen Allmächtigen wird von Rechtheit und Barmherzigkeit bestimmt: Die Wirklichkeit des Heilig-Guten enthält keine versteckte Bosheit mehr. Gott ist gut.

Allerdings: Auch Israel kennt Gott als furchtbar. Zu fürchten ist nicht mehr das Unberechenbare, sondern der furchtbare Schmerz verletzter Liebe. ER ist das Licht, das hier fordert. Seine Gutheit. Jede Liebe, auch Seine Liebe will wiedergeliebt werden. „Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm“ (1 Joh 1,5).

Das Licht bricht ein. Es wird nicht gerichtet, es wird nur ans Licht geholt. Dann kann sich „ausschütten all mein Leid“ (Nietzsche). Dann lässt sich abladen und neu aufrichten; und vor niemandem, auch vor sich selbst nicht mehr, Angst haben. Die Osternacht ist „herzklopfende Heimkehr“. Die göttliche Liebe ist abgestiegen in unsere nächtlichen Gassen. Die einzige Furcht, die bleibt, ist die Furcht ihr (sc. der göttlichen Liebe) weh zu tun.


Exkurs: Zur Sprachwerdung
von Gotteserfahrung – vom Ereignis zum Wort.
Von der Notwendigkeit, immer wieder den Weg
vom Wort zum Ereignis zurückzugehen,
sonst gibt es kein Verstehen

Zum biblischen (hebräischen) Grund-Wort für „Gott“
Grundsätzliches zur Sprachwerdung
von Gotteserfahrung


Jedes Wort ist Hinweis auf ein Ereignis, einen Vorgang, der dem Wort zugrunde liegt und aus dem das Wort erst entsteht und geboren wird. Jedes Wort verweist uns auf eine Szene und verstrickt uns in seine Entstehung: Etymon genannt. Ehe wir diese Szene nicht in den Blick bekommen haben, in die das Wort uns versetzen will, haben wir das Zeichen, das Wort nicht wirklich verstanden. Das Wort ist deskriptiv, es beschreibt phänomenologisch eine Szene; es ist nicht definitiv und abschließend, weil es das Ereignis ohnehin nicht ganz fassen, nicht ganz ins Wort bringen kann.

Eine Szene als Ganzes ist wie jede Ganzheit „ineffabile“ (unaussprechlich), letztlich nur dem Schweigen und Staunen als Ganzes zugänglich; aber doch erfahrbar. Im Hintergrund eines Wortes steht sein Etymon, einen Grundvorgang (Szene) bezeichnend. Bei jedem Wort müssen wir zurücksteigen in die Szene, aus welcher der Begriff sich herleitet, nährt und füllt.
5 Sterne
Ich-Ich-Bin_Ein Buch für alle religiös Interessierten  - 22.06.2025
P. Dr. Michael Kaufmann OSB Archiv der Benediktinerabtei St. Michael Abteistraße 3 94526 Metten pat

Wer das mit 160 Seiten handliche Buch von Kardinal Gabriel M. Garonne (1901-1994), „Wer bist Du, Herr“, erschienen 1970, als begleitendes Betrachtungsbuch zu den Bezeichnungen Jesu kennt und schätzt, erinnert sich zuerst an dessen Einleitung, worin aus den Homilien des Johannes Chrysostomus (344/349-407) zum Evangelium nach Matthäus entnommen ist: „Ich werde dir Vater, Bruder, Bräutigam sein. Ich werde dein Haus, deine Speise, dein Kleid sein. Wurzel und Grund werde ich dir sein, alles, was du willst. An nichts soll es dir fehlen. […] Ich bin dir Freund, Gefährte, Haupt, Bruder, Schwester, Mutter, ich bin alles. Anhand dieser „Titel“ will der Kardinal einer nach Christus suchenden Seele Zugang verschaffen.54 Jahre später erscheint nach zahlreichen und lesenswerten anderen Veröffentlichungen zu den alt- und neutestamentlichen Ich-Bin-Worten ein zweibändiges, monumentales Werk mit jeweils 378 bzw. 392 Seiten: Band 1: Der Weg zur Offenbarung des Gottesnamens im AT, dazu die absoluten (unüberbietbaren) ICH-BIN-WORTE Jesu; Der lange Entwicklungsweg der Religionsgeschichte Israels bis zur Namensoffenbarung IHWH und die Übernahme dieses Gottesnamens in den absoluten ICH-BIN-WORTEN Jesu.Band 2: Die einzelnen prädikativen (erläuternden) ICH-BIN-WORTE Jesu, zugleich mit wichtigen Fragestellungen der Gegenwart bezüglich philosophisch-theologischer Phänomenologie, zugleich aktuelle Fragestellungen mit überraschender Aktualität der ICH-BIN-WORTE Jesu.Wie kann ein theologisch durchschnittlich gebildeter, aber interessierter Leser mit diesen zwei Bänden umgehen? Einen Trost findet er im Vorwort, wo er erfährt, dass sich jedes Wort auf die Autorität eines Gelehrten stützt, der das vorliegende Thema noch eingehender untersucht hat. „Vieles sind also Exzerpte aus den Werken anderer. Aber gerade deren Zusammenstellung, Vorlage und Rezeption an den entscheidenden Stellen lässt aus den vielen Mosaiksteinen ein Gesamtwerk entstehen und sichtbar werden. Dieses Gesamtwerk ist die Person Jesu Christi, der uns den Vater offenbart“. Ein zweiter Trost und ein Schlüssel zum Verständnis kann jenes begleitende Wort des hl. Augustinus sein: „Quod in vetere testamento est latum in novo est datum“. Es wird dem studierenden Leser ausführlich und umfassend jene biblische Offenbarungsformel vor Augen geführt, in der sich Gott durch die Propheten vermittelt oder wie sie von Jesus gesprochen wurde. Es bestätigt sich am „roten Faden“, dass in beiden Bibelteilen derselbe Gott spricht und es keinen „Bruch“ oder gar „Widerspruch“ zwischen den alt- bzw. neutestamentlichen Aussagen gibt. Es ist vielmehr eine fortschreitende Offenbarungs- und Erkenntniserweiterung, ein schrittweises „Kennenlernen“, erinnernd an die Einleitungsworte zum Hebräerbrief: „Nachdem oftmals und in mancher Gestalt und Weise seit alters Gott zu den Vätern gesprochen hatte in den Propheten, sprach er am Ende dieser Tage zu uns durch seinen Sohn, den er eingesetzt hat als Erben des Alls, durch den er auch die Welten schuf“.Der Gott, den wir im Alten Testament finden, ist kein anderer, als der, den Jesus in den Evangelien bezeugt und offenbart, oder über den Paulus im Neuen Testament schreibt. Weil die Zeitgenossen Jesu und hernach die verschiedenen Generationen und Kulturkreise verstehen sollten, wie Gott sich im Verlauf der Heilsgeschichte „vorgestellt“ hat, brauchte es immer wieder erklärende Namen und Titel. Es geht aber immer um den einen und wahren Gott. Altes und Neues Testament bieten ein umfassendes Verständnis von Gottes Plan für die Menschheit; Jesus selber zitiert häufig das Alte Testament und benützt es als „Brücke“ der Kontinuität für seine göttliche Vollmacht und seine Offenbarungen. Das Studium beider Bände wird eine Erkenntnis-Reise zu vielen neuen Zusammenhängen, erklärt aus Begebenheiten des Alten sowie des Neuen Testamentes. Kontinuierliche Begleitfrage im Hintergrund beim studierenden Lesen bleibt immer: wie kann das menschlich-irdische „Wort“ das göttliche „WORT“ erschließen, benennen, erahnen, erfassen? Im Verlauf der 2000jährigen Geschichte des Christentums ist das nicht immer auf Anhieb und nicht ohne Brüche und Missverständnisse gelungen. Da bleibt auch die Frage nach Gegenwart und Zukunft nicht aus, wie heute und künftig Gottes Name und Gottes Wort dem Menschen nahegebracht werden kann, so dass dieser sich Gott anzuvertrauen entscheidet. Auch dieser Problematik geht der Autor nicht aus dem Weg. Da ermutigt das Zitat von Edith Stein: „Die Geschichte ist immer Heilgeschichte. Gott ist mit seinem Volk. Er wird uns nicht uns selbst überlassen“. Das auf den ersten Blick befremdliche Doppel „ICH-ICH-BIN“, jener Höhepunkt einer langen religiösen Erkenntnisphase, wird bald abgeschwächt und erleichtert mit einer ganz einfachen Übersetzung aus dem Griechischen. Trotz guter Hinführungen bleibt es nicht aus, bei aller versuchten Einfachheit manche Abschnitte mehrmals zu lesen, andere Stellen entschädigen damit, dass man sie beim ersten Durchlesen als gegeben und leicht verständlich hinnehmen kann. Der Versuch, beim ersten Studium der Texte verschiedene Passagen auszulassen, wird schlecht belohnt, denn das unterbricht den Erkenntnisfortschritt. Eine erste „lectio continua“ ist unausweichlich. Trotzdem wird man bei manchen Abschnitten gründlicher verweilen, andere ein wenig überfliegen. Nur der geduldige Leser wird also belohnt, nicht von ungefähr ist in einer Würdigung nachzulesen, die beiden Bände seien in ihrer Zusammenstellung einmalig, denn die zentralen Kristallisationspunkte der ICH-BIN-WORTE Jesu haben bisher noch keine derartige Synopse erfahren; umso wertvoller sind sie, dass uns nun vorliegen. Aber – so die Empfehlung – wer zu diesen Texten für Predigtreihen, für Glaubenskurse und Bibelkreise, als Leitfaden für Exerzitien oder zur Glaubensreflexion Einzelner greift, braucht eine gründliche Vorarbeit. So wird die immens akribische Vorarbeit des Autors Hand in Hand gehen müssen mit dankbarem Fleiß und gründlichem Studium des eifrigen Lesers. Was unseren Zeitgenossen eine bedeutende Brücke zu einer Beziehung zum „Ich-Ich-Bin“ sein könnte, ist seine immerwährende Nähe: „Der Ich-Bin-Da“ ist für uns der „Ich-Bin-Nah“, vgl. Dtn 4,7: „Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie JAHWE, unser Gott, nahe ist, wo immer wir ihn anrufen“.

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