ICH ICH BIN
Die prädikativen ICH-BIN-Worte Jesu
EUR 27,90
Format: 18 x 27 cm
Seitenanzahl: 396
ISBN: 978-3-99130-453-1
Erscheinungsdatum: 03.07.2024
Im zweiten Band des Werkes „Die Ich-bin-Worte Jesu“ geht es darum, wie sich das absolute „Ich-Bin“ Jesu konkret im alltäglichen Leben des Menschen auswirken kann und wie der Mensch Anteil an diesem absoluten Sein erhält. .
Prädikative ἐγώ εἰμι Wort
In der mandäischen Literatur werden mit dem „Ich bin“ die alten Götter entthront. Doch im Unterschied zur mandäischen Literatur geht es bei Johannes darum: Nicht der und der, sondern Christus allein ist der Weinstock, der Hirte, das Brot, das Licht. Die joh. ICH-ICH-BIN-Worte sind also nicht mandäisch, sondern antimandäisch zu verstehen. Die joh. Vorstellungen weisen auf das AT als ihrem Ursprungsort zurück. Der joh. Jesus sagt von sich: „Ich bin das Brot des Lebens“ etc. Im vorigen Falle (mandäisch) liegt der hauptsächliche Nachdruck auf dem Prädikat; in den joh. Ich-Worten liegt der Nachdruck dagegen auf dem ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι.
Neben den sog. absoluten ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worten und den implizit-prädikativen ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worten gibt es auch die ausdrücklich prädikativen ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worte Jesu, denen wir uns nun zuwenden.
Ruben Zimmermann spricht daher von „elliptischen Ich-bin Worten“ mit zwei Brennpunkten (absolute und prädikative). Die Zuordnung einzelner Stellen fällt dabei zuweilen unterschiedlich aus. Während einige Exegeten die absoluten ICH-ICH-BIN Worte nach wie vor für den Schlüssel zum Verständnis der prädikativen Ich-bin Worte halten, lehnen andere diese Schlüsselstellung ab. Auch Thyen spricht von einem „Prozess der wechselseitigen Metaphorisierung der beiden Gruppen von Ich-bin-Worten“. Dieser Prozess ist eingebettet „in das bei weitem dominierende allgemeine Ich Sagen Jesu im Rahmen der joh. Reden“.
Die prädikativen ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worte, die diese mit Bildworten verknüpfen, greifen Bilder aus dem AT bzw. Judentum auf. Die Bildmotive selbst kommen dort vor, sind aber dort nicht mit der Selbstprädikation Gottes verknüpft; demgegenüber sind die joh. Bildworte Entfaltung der Offenbarungsformel. Die Bildworte für JHWH (dein Arzt, dein Schild, dein Hüter) sind nur Vergleiche und Prädikate, die Gottes Verhältnis zu Israel ausdrücken.
„Anders“ bei Joh: All das, was man unter diesem Aspekt (Hirte, Licht) erwartet, ist in Jesus Christus erfüllt und für die an ihn Glaubenden verfügbar. Hier kann durchaus eine Polemik gegen andere Heilsgestalten einfließen und eine Antithese mitklingen gegen andere, die einen Aufstieg in die himmlische Welt versprechen. Der positive, volle und damit auch exklusive Anspruch Jesu als Offenbarer und Lebensvollbringer ist hier vordringlich. Die atl. Offenbarungsformel wird bei der Übertragung auf Jesus mit eschatologischen und messianischen Motiven angereichert und mit den ἐγώ εἰμι Sprüchen haben diese Erwartungen in Jesus ihre Erfüllung gefunden mit der für die joh. Christologie typisch präsentischen Akzentuierung und der Funktion, den Glaubenden das göttliche Leben zu vermitteln. Zum Wahrheitsmoment gehört die Selbstprädikation oder das Offenbarungswort (ἐγώ εἰμι + Bildwort mit Artikel).
Weil Jesu Offenbarung dem, der sie annimmt, das Heil vermittelt, muss er darauf bestehen, das eine, wahre Brot aus dem Himmel zu sein, das der Welt das Leben schenkt, das Licht der Welt, die Tür, durch die man ins Leben eingeht, der gute Hirt, der für das Leben der Schafe sorgt, die Auferstehung, die gegenwärtig zum Ereignis wird. Die ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worte stehen ganz und gar im Dienste der joh. Christologie und Heilslehre. Die verschiedenen Bildworte sind nur eine Variation des einen Themas, dass Jesus gekommen ist, damit die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben (Joh 10,10). Er gibt nur die eine Gabe des Lebens, und er kann sie geben, weil in ihm das Gottesleben in ursprünglicher und unerschöpflicher Fülle anwesend ist.
ER ist, was ER gibt: lebendiges Wasser, Brot des Lebens, Licht des Lebens. ER ist die Gabe Gottes schlechthin an die todverfallene Welt, der Sohn, in dem man den Vater sieht. Die Bilder haben teilweise kultische, liturgische und ekklesiale Dimension. Die ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worte dienen der positiven Veranschaulichung der joh. Christusoffenbarung. Ihr existentialer Bezug macht sie auch der heutigen Verkündigung noch zugänglich.
Die Wendung ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι ist eine gewollte.
das Brot des Lebens ἐγώ εἰμι ὁ ἄρτος τῆς ζωῆς (Joh 6,35.41.48.51)
das Licht der Welt ἐγώ εἰμι τὸ φῶς τοῦ κόσμου (Joh 8,12)
die Tür ἐγώ εἰμι ἡ θύρα (Joh 10,7.9)
der gute Hirte Ἐγώ εἰμι ὁ ποιμὴν ὁ καλός (Joh 10,11.14)
die Auferstehung und das Leben ἐγώ εἰμι ἡ ἀνάστασις καὶ ἡ ζωή (Joh 11,25)
der Weg und die Wahrheit und das Leben ἐγώ εỉμι ἡ ὁδòϛ καὶ ἡ ἀλήθεια καὶ ἡ ζωή (Joh 14,6)
der wahre Weinstock Ἐγώ εἰμι ἡ ἄμπελος ἡ ἀληθινὴ (Joh 15,1.5)
Nach Schnackenburg wäre sogar noch hinzuzufügen „Ich-bin die Wasserquelle“ (vgl. Joh 4,14; 6,35; 7,39; 19,34). Die gemeinsame Bedeutung dieser johanneischen Jesus-Worte: Die Siebenzahl ist kein Zufall!
Das absolute ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι und die johanneische Bildrede
Die Erklärung der ICH-ICH-BIN Worte müssten von den Termini der Bildrede ihren Ausgang nehmen, meinte E. Schweizer. Doch von der hier oben vorgelegten Deutung des absoluten ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι wird neues Licht auf die joh Bildworte geworfen.
Das ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι und die johanneische Bildrede
Das absolute ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι beschränkt sich im Johannesevangelium auf wenige Stellen (Joh 6,16–21; 8,23–28.59; 13,19; 18,5–8), das Ich-bin der Bildrede findet sich häufiger. Das absolute ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι scheint zurückzutreten.
Die prädikativen ICH-ICH-BIN
ἐγώ εἰμι als Gipfel bzw. Ausgang innerhalb einer Rede
Die Ich-bin-Worte der Bildrede stehen an entscheidenden Stellen. Entweder führen die Ich-bin-Aussagen innerhalb der Rede wie zu einem Gipfel hin (Joh 6,22ff.; 10,1ff.; 11,20ff.; 14,1ff.) oder nehmen von ihr ihren Ausgang (Joh 8,12; 10,11; 15,1).
Das Verhältnis des ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι in Bildreden
zum absoluten ἐγώ εἰμ
In welchem Verhältnis stehen die Ich-bin-Worte der Bildreden zu dem absoluten ἐγώ εἰμι? Brot, Licht, Leben, Wahrheit … umschreiben, als was Jesus sich den Menschen offenbart, was er ihnen zu geben hat. Brot, Licht, Leben, Wahrheit …, alle diese Dinge gibt es auch im natürlichen Bereich und bedeuten all das, was der Mensch zu seinem Leben braucht und worauf sich seine Sehnsucht richtet. Jesus lässt sie in ihrem schöpfungshaften Sinne gelten, nimmt sie aber aus ihrer rein natürlichen Bezogenheit und lässt sie Zeichen (σημεῖα) für das sein, was er zu bringen gekommen ist. Seine Gabe ist mit ihm, dem Spender, identisch. Er gibt das Lebensbrot, indem er sich selbst gibt (Joh 6,35); er bringt nicht nur das Licht, sondern er ist es (Joh 8,12); er gewährt nicht nur Auferstehung, sondern ist die Auferstehung (Joh 11,25). Er ist der Weg (Joh 14,6). Alle diese Begriffe lassen sich auf den des Lebens zurückführen. Er hat das Leben in sich, er ist das Leben, das Leben in Fülle. Der Ton liegt auf dem ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι. Die beigefügten Prädikationen sind eine Entfaltung dieses „Ich bin“. Die johanneischen Begriffe sind nur dann erklärt, wenn es gelingt, sie auf ihre Mitte zurückzuführen, sie dort zur Deckung zu bringen, und wenn sie diese Mitte in dem ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι finden. Das „ICH-ICH-BIN“ ist logisch primär. Die einzelnen Prädikationen stellen eine Entfaltung des ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι dar. Die Bildworte sind im ausschließlichen Sinne zu verstehen. Jesus ist das Brot, das Licht, das Leben. So sind die Bildworte im direkten und nicht im metaphorischen Sinne gemeint.
Die Bildworte als Entfaltung
der Offenbarungsformel
Ist das absolute ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι die ntl. Offenbarungsformel, so stellen die joh. Bildworte eine Entfaltung des ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι dar. Wie aus der Offenbarungsformel folgt, ist JHWH im alleinigen Sinne Gott, er allein Retter. Die joh Bildworte wollen umschreiben, was Jesus als Erlöser für die Menschen bedeutet bzw. was er ihnen zu bringen hat.
Alle Prädikationen führen zu dem ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι hin und wollen von ihm her verstanden sein. Sie beleuchten das ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι von verschiedenen Seiten, geben ihm Farbe und weisen die mannigfaltige Art seines geschichtlichen Handelns aus.
All die Bildworte sind Variationen des einen Themas, dass Jesus gekommen ist, damit die Menschen das Leben (ἡ ζωή) haben und es in Fülle haben (Joh 10,10). Der Mensch braucht und ersehnt letztlich nur eines: Leben, das volle Leben – das „Glück“.
Die ICH-ICH-BIN Worte
im Rahmen jüdischer Feste
Schillebeeckx ist aufgefallen, dass die prädikativen ἐγώ εἰμι Worte in Zusammenhang mit den jüdischen Festen stehen. Die „ICH-ICH-BIN“-Aussagen mit allegorischen Prädikaten stellt Johannes in den Rahmen der für die jüdische Identität wichtigen liturgischen Feste. Die alttestamentlichen Ich-Aussagen werden vom johanneischen Jesus in gesteigerter Form auf sich selbst bezogen. Die „Ich-bin-dies-oder-das“-Aussagen Jesu erfolgen an jüdischen Festen („Feste der Juden“; Joh 2,6.13; 4,9; 5,1; 6,4; 7,2; 11,55; 18,20; 19,40.42).
Um den jüdischen Sabbat und die christliche Reaktion darauf geht es in Joh 5,1–47; um das Osterfest in 6,1–71; um das jüdische Laubhüttenfest in 7,1–8,59 und um dessen Nachfeier in 9,1–10,21; schließlich um das Chanukkafest (Tempelweihe) in Joh 10,22b: An diesen Festtagen präsentiert Jesus seine einzigartige und überragende Eigenheit gegenüber der Heilsthematik dieser Feste. Es fällt außerdem auf, dass bei diesen ‚Ich-bin-Aussagen‘, die Glauben und Unglauben bewirken, der johanneische Jesus in Jerusalem auftritt.
Die ICH-ICH-BIN Worte und
der jüdische Sabbat
Ouvertüre der sieben prädikativen ‚ICH-ICH-BIN‘-Aussagen ist die Diskussion um den Sabbat; dies kennzeichnet die Atmosphäre, in der Jesus das ‚ICH-ICH-BIN‘ aussprechen wird.
Jesus begegnet am Sabbat (Joh 5,9b) dem seit 38 Jahren Gelähmten; symbolisch für das 38-jährige Unterwegssein des jüdischen Volkes in der Wüste (Dtn 2,14). Jesus bringt ihm Heilung. Im Laufe des Streitgesprächs sagen die Juden: „Er macht sich selbst Gott gleich“ (Joh 5,18c). Jesus reagiert: „Wie der Vater Leben in sich selbst hat, so gab er auch dem Sohn, Leben in sich selbst zu haben“ (Joh 5,26). In sich selbst (also in Fülle) besitzt Jesus, wie der Vater, die Fülle des Lebens. Das nun ist die Atmosphäre der ICH-ICH-BIN-Aussagen.
Kurzer kursorischer Vorausblick auf die Bildreden und die damit in Zusammenhang stehenden jüdischen Feste
Das Paschafest (Osterfest) – und Jesus als Brot des Lebens
Nahe dem „Pascha der Juden“ (Joh 6,4) nennt der johanneische Jesus sich das „Brot, das vom Himmel kommt“ (Joh 6). Zum Gedenken des Exodus am Paschafest gehört die Erinnerung an das Manna, ‚Brot vom Himmel‘. Das Paschamahl steht darüber hinaus in Zusammenhang mit dem messianischen Festmahl (Jes 25,6; 26,19) und in Verbindung mit der Vorstellung der Nahrung der Tora. Vor diesem Hintergrund nennt Jesus sich selbst das himmlische Brot. Die Person Jesu selbst, vom Himmel herabgestiegen, ist Heil für alle Menschen. Jesus sagt ganz offen: „ICH-ICH-BIN das Brot des Lebens.“ So appelliert der johanneische Jesus unmittelbar an den Glauben an seine Person als den einzigen Heilsweg zum Leben (Joh 6,35; Joh 6,36–40). „ICH-ICH-BIN das Lebensbrot“ (Joh 6,48); dieses Brot gibt und ist ewiges Leben (Joh 6,48.51a) und der Zusammenhang mit der Eucharistie wird hergestellt. Brot und Paschalamm, Symbole des jüdischen Paschafestes werden in diesem Teil von Jesus eindeutig eucharistisch interpretiert (Joh 6,51b–58). Das, was bei den Synoptikern als drei Versuchungen Jesu erzählt wird, wird bei Johannes als verstreute Ereignisse dargestellt (Joh 6,15; 6,31; 7,3).
Das Laubhüttenfest – und Jesus als Lehrer, Wasser und Licht des Lebens
Joh 7,1–8,59 ereignet sich beim Laubhüttenfest (Joh 7,2) mit dem Gedenken an den Aufenthalt in Zelten in der Wüste, zur Zeit Jesu durch eine Zeremonie von Licht und Wasser gekennzeichnet. Beim Fest des Lichts ging es um das Gedächtnis an die Feuersäule, die mit der Tora „Licht der Welt“ identifiziert. Auch das Wasser und die Tora als „lebendiges Wasser“ sind mitgemeint. In Joh 7 und 8 werden die drei Schlüsselbegriffe herausgestellt: Jesus, der Lehrer (Joh 7,14); Jesus, das Lebenswasser (Joh 7,37f.); Jesus, das Licht der Welt (Joh 8,12).
ER ist die Weisheit, das Lebenswasser und das Licht. Schon der Prolog (Joh 1,1ff.) beginnt so, dass er Jesus als den Logos vorstellt. Und nun: „Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat“ (Joh 7,16); ER ist der inkarnierte Logos. Was ER lehrt, ist Lehre des Vaters; Jesus ist die neue Tora.
Und am letzten Tag folgt die Wasserzeremonie. Jesus sagt, er selbst sei „Quelle lebendigen Wassers“ (Joh 7,37–52). Das Wasser, das Jesus gibt, ist das Pneuma (Joh 7,39). Wasser und Pneuma hängen zusammen (Sir 15,3 et al.). Für das Rabbinentum sind die Tora und auch das Pneuma ‚Lebenswasser‘. Jesus sagt: Ich bin das Lebenswasser (Joh 7,37f.); für den irdischen Jesus noch Verheißung; erst nach der Verherrlichung Jesu werden die Christen „Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils“ (Jes 12,3; Joh 7,37). Und darauf in Joh 8,1–12 folgt das dritte Motiv des Laubhüttenfestes: „Ich bin das Licht der Welt.“ Jesus kommt aus der himmlischen Lichtwelt in die irdische Finsternis (Joh 8,31–20).
In den Bildern von Lehre, Lebenswasser und Licht verkündet der johanneische Jesus sich selbst als den präexistenten, menschgewordenen Erlöser und lässt die Heilsbedeutung des Gesetzes als Lebenswasser und Licht der Welt hinter sich. Jesus geht nicht in erster Linie zum Laubhüttenfest, sondern nach Jerusalem, um sich selbst als das einzig wahre Laubhüttenfest zu verkünden: die Weisheit des Vaters, Lebenswasser und Licht für die Welt. Jesus ist ‚ICH-ICH-BIN‘. So sprach auch Jahwe von sich selbst. Von diesem ICH-ICH-BIN-Gott ist Jesus gesandt. Sich selbst offenbarend, offenbart er daher den Vater: Gott selbst.
Nachfeier des Laubhüttenfestes – Jesus als Licht
Joh 9,1–10,21: Die Tage der Nachfeier des Laubhüttenfestes. Dass Jesus Licht ist (Joh 9,5), wird jetzt sichtbar in der Heilung eines Blindgeborenen (Joh 9,1–41). ‚Sehend‘ glauben die Juden nicht (Joh 9,41).
Jesus legt seine Sendung aus: „Ich bin die Tür der Schafe“ (Joh 10,7); d. h. der Zugang zum himmlischen Vater (Joh 10,1–21); „Ich bin der gute Hirt“ (Joh 10,11); ein Hirt, der sein Leben hingibt für seine Schafe (Joh 10,10b), wie schon der leidende Prophet ein Lamm genannt wurde (Jes 53). In Ez 34,12 ist Jahwe der Hirt Israels; und nun ist Jesus der neue, größere Führer und Hirt Israels: Er gibt sein Leben für die Seinen hin.
Chanukka, das Tempelweihfest – Jesus als Tür und guter Hirt
Joh 10,1–6 und 10,22–29 werden terminiert mit „es war Winter“ (Joh 10,22b); gemeint ist das Kislewfest, das Dezemberfest der Chanukka, das Tempelweihfest drei Monate nach dem Laubhüttenfest. Dieses Fest ist nicht nur ein Fest der Reinigung des Tempels unter Judas dem Makkabäer (Makk 2), sondern auch eine Feier des wunderbaren Anzündens des Feuers auf dem Brandopferaltar unter Nehemia. Die Verbindung des Tempelweihfestes mit dem Laubhüttenfest bestand schon seit langem in Israel.
Es ist auch das Fest des Wohnens Gottes unter den Menschen, gefeiert am 25. Dezember (1 Makk 4,52.59). Johannes wendet dies auf Jesus an, flicht aber zuvor eine ICH-ICH-BIN-Aussage ein: Jesus ist der gute Hirt. Dies lag nahe, weil schon zuvor in Joh 10,19–21 von einem Schisma anlässlich der Worte Jesu die Rede war. Abends wurden die Herden verschiedener Besitzer in eine Schafshürde zusammengetrieben. Des Morgens kommt jeder Hirt „und ruft seine Schafe“. Diese kennen die Stimme und kommen durch die Öffnung nacheinander nach draußen. Für die Nichtgläubigen klingt Jesu Stimme fremd. Jesus ist nicht nur der wahre, gute Hirt; er ist auch die Öffnung oder Tür der Schafhürde (Joh 10,7–10); der Weg zu überreichem Leben (Joh 10,10). Aber dieser Hirt Jesus hat auch Schafe außerhalb dieser Hürde (Joh 10,16) und gibt sein Leben für die Schafe (Joh 10,11b).
Die Kirchengemeinde ist jetzt die Herde Jahwes, aus Juden und Heiden – aus Gott geboren. Und diese Einheit ist die Frucht des Todes Jesu (Joh 10,11.17). „Heiligen“ (αγιαζειν) ist ein typischer Ausdruck aus dem Tempelweihfest (Num 7,1), aber auch „erneuern“ (ενκαινιζειν). Jesus ist Gottes Tempel unter uns. Wieder sind die Juden verärgert, weil „du, ein Mensch, dich selbst zu Gott machst“ (Joh 10,33). Jesus ist das neue Heiligtum; ER schenkt ewiges Leben (Joh 10,18) – Gegenwart Gottes unter uns.
Im Rahmen jüdischer Hochfeste also sagt Jesus, dass er über dem Sabbat steht (Joh 5,1–47), dass er das wahre Manna vom Himmel ist (Joh 6,1–71), dass er die Tora oder Lehre (Joh 7,14.16) und den Willen Gottes bekannt macht, lebendiges Wasser (Joh 7,37f.) – Schenker des hl. Geistes – ist, Licht der Welt (Joh 8,12), so dass das Hüttenfest (Joh 7,2), Fest der Tora, des Wassers und des Lichtes, überholt ist; er selbst ist in seinem Menschsein persönlich der von Gott geweihte Opferaltar (Joh 10,22–39) – dies alles, weil er aus seiner Präexistenz beim Vater in seinem Menschsein (σὰρξ ἐγένετο) himmlisches Licht in weltlicher Finsternis ist.
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In der mandäischen Literatur werden mit dem „Ich bin“ die alten Götter entthront. Doch im Unterschied zur mandäischen Literatur geht es bei Johannes darum: Nicht der und der, sondern Christus allein ist der Weinstock, der Hirte, das Brot, das Licht. Die joh. ICH-ICH-BIN-Worte sind also nicht mandäisch, sondern antimandäisch zu verstehen. Die joh. Vorstellungen weisen auf das AT als ihrem Ursprungsort zurück. Der joh. Jesus sagt von sich: „Ich bin das Brot des Lebens“ etc. Im vorigen Falle (mandäisch) liegt der hauptsächliche Nachdruck auf dem Prädikat; in den joh. Ich-Worten liegt der Nachdruck dagegen auf dem ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι.
Neben den sog. absoluten ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worten und den implizit-prädikativen ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worten gibt es auch die ausdrücklich prädikativen ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worte Jesu, denen wir uns nun zuwenden.
Ruben Zimmermann spricht daher von „elliptischen Ich-bin Worten“ mit zwei Brennpunkten (absolute und prädikative). Die Zuordnung einzelner Stellen fällt dabei zuweilen unterschiedlich aus. Während einige Exegeten die absoluten ICH-ICH-BIN Worte nach wie vor für den Schlüssel zum Verständnis der prädikativen Ich-bin Worte halten, lehnen andere diese Schlüsselstellung ab. Auch Thyen spricht von einem „Prozess der wechselseitigen Metaphorisierung der beiden Gruppen von Ich-bin-Worten“. Dieser Prozess ist eingebettet „in das bei weitem dominierende allgemeine Ich Sagen Jesu im Rahmen der joh. Reden“.
Die prädikativen ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worte, die diese mit Bildworten verknüpfen, greifen Bilder aus dem AT bzw. Judentum auf. Die Bildmotive selbst kommen dort vor, sind aber dort nicht mit der Selbstprädikation Gottes verknüpft; demgegenüber sind die joh. Bildworte Entfaltung der Offenbarungsformel. Die Bildworte für JHWH (dein Arzt, dein Schild, dein Hüter) sind nur Vergleiche und Prädikate, die Gottes Verhältnis zu Israel ausdrücken.
„Anders“ bei Joh: All das, was man unter diesem Aspekt (Hirte, Licht) erwartet, ist in Jesus Christus erfüllt und für die an ihn Glaubenden verfügbar. Hier kann durchaus eine Polemik gegen andere Heilsgestalten einfließen und eine Antithese mitklingen gegen andere, die einen Aufstieg in die himmlische Welt versprechen. Der positive, volle und damit auch exklusive Anspruch Jesu als Offenbarer und Lebensvollbringer ist hier vordringlich. Die atl. Offenbarungsformel wird bei der Übertragung auf Jesus mit eschatologischen und messianischen Motiven angereichert und mit den ἐγώ εἰμι Sprüchen haben diese Erwartungen in Jesus ihre Erfüllung gefunden mit der für die joh. Christologie typisch präsentischen Akzentuierung und der Funktion, den Glaubenden das göttliche Leben zu vermitteln. Zum Wahrheitsmoment gehört die Selbstprädikation oder das Offenbarungswort (ἐγώ εἰμι + Bildwort mit Artikel).
Weil Jesu Offenbarung dem, der sie annimmt, das Heil vermittelt, muss er darauf bestehen, das eine, wahre Brot aus dem Himmel zu sein, das der Welt das Leben schenkt, das Licht der Welt, die Tür, durch die man ins Leben eingeht, der gute Hirt, der für das Leben der Schafe sorgt, die Auferstehung, die gegenwärtig zum Ereignis wird. Die ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worte stehen ganz und gar im Dienste der joh. Christologie und Heilslehre. Die verschiedenen Bildworte sind nur eine Variation des einen Themas, dass Jesus gekommen ist, damit die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben (Joh 10,10). Er gibt nur die eine Gabe des Lebens, und er kann sie geben, weil in ihm das Gottesleben in ursprünglicher und unerschöpflicher Fülle anwesend ist.
ER ist, was ER gibt: lebendiges Wasser, Brot des Lebens, Licht des Lebens. ER ist die Gabe Gottes schlechthin an die todverfallene Welt, der Sohn, in dem man den Vater sieht. Die Bilder haben teilweise kultische, liturgische und ekklesiale Dimension. Die ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι Worte dienen der positiven Veranschaulichung der joh. Christusoffenbarung. Ihr existentialer Bezug macht sie auch der heutigen Verkündigung noch zugänglich.
Die Wendung ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι ist eine gewollte.
das Brot des Lebens ἐγώ εἰμι ὁ ἄρτος τῆς ζωῆς (Joh 6,35.41.48.51)
das Licht der Welt ἐγώ εἰμι τὸ φῶς τοῦ κόσμου (Joh 8,12)
die Tür ἐγώ εἰμι ἡ θύρα (Joh 10,7.9)
der gute Hirte Ἐγώ εἰμι ὁ ποιμὴν ὁ καλός (Joh 10,11.14)
die Auferstehung und das Leben ἐγώ εἰμι ἡ ἀνάστασις καὶ ἡ ζωή (Joh 11,25)
der Weg und die Wahrheit und das Leben ἐγώ εỉμι ἡ ὁδòϛ καὶ ἡ ἀλήθεια καὶ ἡ ζωή (Joh 14,6)
der wahre Weinstock Ἐγώ εἰμι ἡ ἄμπελος ἡ ἀληθινὴ (Joh 15,1.5)
Nach Schnackenburg wäre sogar noch hinzuzufügen „Ich-bin die Wasserquelle“ (vgl. Joh 4,14; 6,35; 7,39; 19,34). Die gemeinsame Bedeutung dieser johanneischen Jesus-Worte: Die Siebenzahl ist kein Zufall!
Das absolute ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι und die johanneische Bildrede
Die Erklärung der ICH-ICH-BIN Worte müssten von den Termini der Bildrede ihren Ausgang nehmen, meinte E. Schweizer. Doch von der hier oben vorgelegten Deutung des absoluten ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι wird neues Licht auf die joh Bildworte geworfen.
Das ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι und die johanneische Bildrede
Das absolute ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι beschränkt sich im Johannesevangelium auf wenige Stellen (Joh 6,16–21; 8,23–28.59; 13,19; 18,5–8), das Ich-bin der Bildrede findet sich häufiger. Das absolute ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι scheint zurückzutreten.
Die prädikativen ICH-ICH-BIN
ἐγώ εἰμι als Gipfel bzw. Ausgang innerhalb einer Rede
Die Ich-bin-Worte der Bildrede stehen an entscheidenden Stellen. Entweder führen die Ich-bin-Aussagen innerhalb der Rede wie zu einem Gipfel hin (Joh 6,22ff.; 10,1ff.; 11,20ff.; 14,1ff.) oder nehmen von ihr ihren Ausgang (Joh 8,12; 10,11; 15,1).
Das Verhältnis des ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι in Bildreden
zum absoluten ἐγώ εἰμ
In welchem Verhältnis stehen die Ich-bin-Worte der Bildreden zu dem absoluten ἐγώ εἰμι? Brot, Licht, Leben, Wahrheit … umschreiben, als was Jesus sich den Menschen offenbart, was er ihnen zu geben hat. Brot, Licht, Leben, Wahrheit …, alle diese Dinge gibt es auch im natürlichen Bereich und bedeuten all das, was der Mensch zu seinem Leben braucht und worauf sich seine Sehnsucht richtet. Jesus lässt sie in ihrem schöpfungshaften Sinne gelten, nimmt sie aber aus ihrer rein natürlichen Bezogenheit und lässt sie Zeichen (σημεῖα) für das sein, was er zu bringen gekommen ist. Seine Gabe ist mit ihm, dem Spender, identisch. Er gibt das Lebensbrot, indem er sich selbst gibt (Joh 6,35); er bringt nicht nur das Licht, sondern er ist es (Joh 8,12); er gewährt nicht nur Auferstehung, sondern ist die Auferstehung (Joh 11,25). Er ist der Weg (Joh 14,6). Alle diese Begriffe lassen sich auf den des Lebens zurückführen. Er hat das Leben in sich, er ist das Leben, das Leben in Fülle. Der Ton liegt auf dem ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι. Die beigefügten Prädikationen sind eine Entfaltung dieses „Ich bin“. Die johanneischen Begriffe sind nur dann erklärt, wenn es gelingt, sie auf ihre Mitte zurückzuführen, sie dort zur Deckung zu bringen, und wenn sie diese Mitte in dem ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι finden. Das „ICH-ICH-BIN“ ist logisch primär. Die einzelnen Prädikationen stellen eine Entfaltung des ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι dar. Die Bildworte sind im ausschließlichen Sinne zu verstehen. Jesus ist das Brot, das Licht, das Leben. So sind die Bildworte im direkten und nicht im metaphorischen Sinne gemeint.
Die Bildworte als Entfaltung
der Offenbarungsformel
Ist das absolute ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι die ntl. Offenbarungsformel, so stellen die joh. Bildworte eine Entfaltung des ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι dar. Wie aus der Offenbarungsformel folgt, ist JHWH im alleinigen Sinne Gott, er allein Retter. Die joh Bildworte wollen umschreiben, was Jesus als Erlöser für die Menschen bedeutet bzw. was er ihnen zu bringen hat.
Alle Prädikationen führen zu dem ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι hin und wollen von ihm her verstanden sein. Sie beleuchten das ICH-ICH-BIN ἐγώ εἰμι von verschiedenen Seiten, geben ihm Farbe und weisen die mannigfaltige Art seines geschichtlichen Handelns aus.
All die Bildworte sind Variationen des einen Themas, dass Jesus gekommen ist, damit die Menschen das Leben (ἡ ζωή) haben und es in Fülle haben (Joh 10,10). Der Mensch braucht und ersehnt letztlich nur eines: Leben, das volle Leben – das „Glück“.
Die ICH-ICH-BIN Worte
im Rahmen jüdischer Feste
Schillebeeckx ist aufgefallen, dass die prädikativen ἐγώ εἰμι Worte in Zusammenhang mit den jüdischen Festen stehen. Die „ICH-ICH-BIN“-Aussagen mit allegorischen Prädikaten stellt Johannes in den Rahmen der für die jüdische Identität wichtigen liturgischen Feste. Die alttestamentlichen Ich-Aussagen werden vom johanneischen Jesus in gesteigerter Form auf sich selbst bezogen. Die „Ich-bin-dies-oder-das“-Aussagen Jesu erfolgen an jüdischen Festen („Feste der Juden“; Joh 2,6.13; 4,9; 5,1; 6,4; 7,2; 11,55; 18,20; 19,40.42).
Um den jüdischen Sabbat und die christliche Reaktion darauf geht es in Joh 5,1–47; um das Osterfest in 6,1–71; um das jüdische Laubhüttenfest in 7,1–8,59 und um dessen Nachfeier in 9,1–10,21; schließlich um das Chanukkafest (Tempelweihe) in Joh 10,22b: An diesen Festtagen präsentiert Jesus seine einzigartige und überragende Eigenheit gegenüber der Heilsthematik dieser Feste. Es fällt außerdem auf, dass bei diesen ‚Ich-bin-Aussagen‘, die Glauben und Unglauben bewirken, der johanneische Jesus in Jerusalem auftritt.
Die ICH-ICH-BIN Worte und
der jüdische Sabbat
Ouvertüre der sieben prädikativen ‚ICH-ICH-BIN‘-Aussagen ist die Diskussion um den Sabbat; dies kennzeichnet die Atmosphäre, in der Jesus das ‚ICH-ICH-BIN‘ aussprechen wird.
Jesus begegnet am Sabbat (Joh 5,9b) dem seit 38 Jahren Gelähmten; symbolisch für das 38-jährige Unterwegssein des jüdischen Volkes in der Wüste (Dtn 2,14). Jesus bringt ihm Heilung. Im Laufe des Streitgesprächs sagen die Juden: „Er macht sich selbst Gott gleich“ (Joh 5,18c). Jesus reagiert: „Wie der Vater Leben in sich selbst hat, so gab er auch dem Sohn, Leben in sich selbst zu haben“ (Joh 5,26). In sich selbst (also in Fülle) besitzt Jesus, wie der Vater, die Fülle des Lebens. Das nun ist die Atmosphäre der ICH-ICH-BIN-Aussagen.
Kurzer kursorischer Vorausblick auf die Bildreden und die damit in Zusammenhang stehenden jüdischen Feste
Das Paschafest (Osterfest) – und Jesus als Brot des Lebens
Nahe dem „Pascha der Juden“ (Joh 6,4) nennt der johanneische Jesus sich das „Brot, das vom Himmel kommt“ (Joh 6). Zum Gedenken des Exodus am Paschafest gehört die Erinnerung an das Manna, ‚Brot vom Himmel‘. Das Paschamahl steht darüber hinaus in Zusammenhang mit dem messianischen Festmahl (Jes 25,6; 26,19) und in Verbindung mit der Vorstellung der Nahrung der Tora. Vor diesem Hintergrund nennt Jesus sich selbst das himmlische Brot. Die Person Jesu selbst, vom Himmel herabgestiegen, ist Heil für alle Menschen. Jesus sagt ganz offen: „ICH-ICH-BIN das Brot des Lebens.“ So appelliert der johanneische Jesus unmittelbar an den Glauben an seine Person als den einzigen Heilsweg zum Leben (Joh 6,35; Joh 6,36–40). „ICH-ICH-BIN das Lebensbrot“ (Joh 6,48); dieses Brot gibt und ist ewiges Leben (Joh 6,48.51a) und der Zusammenhang mit der Eucharistie wird hergestellt. Brot und Paschalamm, Symbole des jüdischen Paschafestes werden in diesem Teil von Jesus eindeutig eucharistisch interpretiert (Joh 6,51b–58). Das, was bei den Synoptikern als drei Versuchungen Jesu erzählt wird, wird bei Johannes als verstreute Ereignisse dargestellt (Joh 6,15; 6,31; 7,3).
Das Laubhüttenfest – und Jesus als Lehrer, Wasser und Licht des Lebens
Joh 7,1–8,59 ereignet sich beim Laubhüttenfest (Joh 7,2) mit dem Gedenken an den Aufenthalt in Zelten in der Wüste, zur Zeit Jesu durch eine Zeremonie von Licht und Wasser gekennzeichnet. Beim Fest des Lichts ging es um das Gedächtnis an die Feuersäule, die mit der Tora „Licht der Welt“ identifiziert. Auch das Wasser und die Tora als „lebendiges Wasser“ sind mitgemeint. In Joh 7 und 8 werden die drei Schlüsselbegriffe herausgestellt: Jesus, der Lehrer (Joh 7,14); Jesus, das Lebenswasser (Joh 7,37f.); Jesus, das Licht der Welt (Joh 8,12).
ER ist die Weisheit, das Lebenswasser und das Licht. Schon der Prolog (Joh 1,1ff.) beginnt so, dass er Jesus als den Logos vorstellt. Und nun: „Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat“ (Joh 7,16); ER ist der inkarnierte Logos. Was ER lehrt, ist Lehre des Vaters; Jesus ist die neue Tora.
Und am letzten Tag folgt die Wasserzeremonie. Jesus sagt, er selbst sei „Quelle lebendigen Wassers“ (Joh 7,37–52). Das Wasser, das Jesus gibt, ist das Pneuma (Joh 7,39). Wasser und Pneuma hängen zusammen (Sir 15,3 et al.). Für das Rabbinentum sind die Tora und auch das Pneuma ‚Lebenswasser‘. Jesus sagt: Ich bin das Lebenswasser (Joh 7,37f.); für den irdischen Jesus noch Verheißung; erst nach der Verherrlichung Jesu werden die Christen „Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils“ (Jes 12,3; Joh 7,37). Und darauf in Joh 8,1–12 folgt das dritte Motiv des Laubhüttenfestes: „Ich bin das Licht der Welt.“ Jesus kommt aus der himmlischen Lichtwelt in die irdische Finsternis (Joh 8,31–20).
In den Bildern von Lehre, Lebenswasser und Licht verkündet der johanneische Jesus sich selbst als den präexistenten, menschgewordenen Erlöser und lässt die Heilsbedeutung des Gesetzes als Lebenswasser und Licht der Welt hinter sich. Jesus geht nicht in erster Linie zum Laubhüttenfest, sondern nach Jerusalem, um sich selbst als das einzig wahre Laubhüttenfest zu verkünden: die Weisheit des Vaters, Lebenswasser und Licht für die Welt. Jesus ist ‚ICH-ICH-BIN‘. So sprach auch Jahwe von sich selbst. Von diesem ICH-ICH-BIN-Gott ist Jesus gesandt. Sich selbst offenbarend, offenbart er daher den Vater: Gott selbst.
Nachfeier des Laubhüttenfestes – Jesus als Licht
Joh 9,1–10,21: Die Tage der Nachfeier des Laubhüttenfestes. Dass Jesus Licht ist (Joh 9,5), wird jetzt sichtbar in der Heilung eines Blindgeborenen (Joh 9,1–41). ‚Sehend‘ glauben die Juden nicht (Joh 9,41).
Jesus legt seine Sendung aus: „Ich bin die Tür der Schafe“ (Joh 10,7); d. h. der Zugang zum himmlischen Vater (Joh 10,1–21); „Ich bin der gute Hirt“ (Joh 10,11); ein Hirt, der sein Leben hingibt für seine Schafe (Joh 10,10b), wie schon der leidende Prophet ein Lamm genannt wurde (Jes 53). In Ez 34,12 ist Jahwe der Hirt Israels; und nun ist Jesus der neue, größere Führer und Hirt Israels: Er gibt sein Leben für die Seinen hin.
Chanukka, das Tempelweihfest – Jesus als Tür und guter Hirt
Joh 10,1–6 und 10,22–29 werden terminiert mit „es war Winter“ (Joh 10,22b); gemeint ist das Kislewfest, das Dezemberfest der Chanukka, das Tempelweihfest drei Monate nach dem Laubhüttenfest. Dieses Fest ist nicht nur ein Fest der Reinigung des Tempels unter Judas dem Makkabäer (Makk 2), sondern auch eine Feier des wunderbaren Anzündens des Feuers auf dem Brandopferaltar unter Nehemia. Die Verbindung des Tempelweihfestes mit dem Laubhüttenfest bestand schon seit langem in Israel.
Es ist auch das Fest des Wohnens Gottes unter den Menschen, gefeiert am 25. Dezember (1 Makk 4,52.59). Johannes wendet dies auf Jesus an, flicht aber zuvor eine ICH-ICH-BIN-Aussage ein: Jesus ist der gute Hirt. Dies lag nahe, weil schon zuvor in Joh 10,19–21 von einem Schisma anlässlich der Worte Jesu die Rede war. Abends wurden die Herden verschiedener Besitzer in eine Schafshürde zusammengetrieben. Des Morgens kommt jeder Hirt „und ruft seine Schafe“. Diese kennen die Stimme und kommen durch die Öffnung nacheinander nach draußen. Für die Nichtgläubigen klingt Jesu Stimme fremd. Jesus ist nicht nur der wahre, gute Hirt; er ist auch die Öffnung oder Tür der Schafhürde (Joh 10,7–10); der Weg zu überreichem Leben (Joh 10,10). Aber dieser Hirt Jesus hat auch Schafe außerhalb dieser Hürde (Joh 10,16) und gibt sein Leben für die Schafe (Joh 10,11b).
Die Kirchengemeinde ist jetzt die Herde Jahwes, aus Juden und Heiden – aus Gott geboren. Und diese Einheit ist die Frucht des Todes Jesu (Joh 10,11.17). „Heiligen“ (αγιαζειν) ist ein typischer Ausdruck aus dem Tempelweihfest (Num 7,1), aber auch „erneuern“ (ενκαινιζειν). Jesus ist Gottes Tempel unter uns. Wieder sind die Juden verärgert, weil „du, ein Mensch, dich selbst zu Gott machst“ (Joh 10,33). Jesus ist das neue Heiligtum; ER schenkt ewiges Leben (Joh 10,18) – Gegenwart Gottes unter uns.
Im Rahmen jüdischer Hochfeste also sagt Jesus, dass er über dem Sabbat steht (Joh 5,1–47), dass er das wahre Manna vom Himmel ist (Joh 6,1–71), dass er die Tora oder Lehre (Joh 7,14.16) und den Willen Gottes bekannt macht, lebendiges Wasser (Joh 7,37f.) – Schenker des hl. Geistes – ist, Licht der Welt (Joh 8,12), so dass das Hüttenfest (Joh 7,2), Fest der Tora, des Wassers und des Lichtes, überholt ist; er selbst ist in seinem Menschsein persönlich der von Gott geweihte Opferaltar (Joh 10,22–39) – dies alles, weil er aus seiner Präexistenz beim Vater in seinem Menschsein (σὰρξ ἐγένετο) himmlisches Licht in weltlicher Finsternis ist.
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