Cover: Ich bin noch gar nicht fertig

Ich bin noch gar nicht fertig


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 286
ISBN: 978-3-99146-743-4
Erscheinungsdatum: 23.07.2024
Der Ich-Erzähler Micha teilt in Anekdoten eine Vielzahl an kuriosen, schrägen und verbotenen Aktionen mit der Leserschaft. Dabei steht die Punkszene im Vordergrund, da er sich dieser zugehörig fühlt.
Allgemeiner, loser Unrat

Paul war irgendwann plötzlich da. Wie so oft in der Szene kamen Leute und schlossen sich uns an. Da wir immer mit den Wavern und Gruftis zusammenhingen, kam es nicht selten vor, dass auch aus dieser Richtung neue Leute dazukamen. Paul hatte zunächst noch seinen bürgerlichen Namen: Mario. Meist dauerte es nicht lange, bis Leute, die sich zum festen Bestandteil unserer Clique herauskristallisierten, einen Spitznamen verpasst bekamen. So auch bei ihm. Irgendjemand fand, dass er aussähe wie der Sänger Paul Young. Damit hatte er seinen Spitznamen weg. Paul war eher ein ruhiger Typ, hatte ständig was vor und immer was zu verkaufen. Alles, was er machte, schien dringend und konspirativ zu sein. Er hatte stets ein Date mit irgendeiner Frau oder war zeitweise mit einer zusammen. Durch eine dieser Frauen kam er auch in eine stadtbekannte Nachtbar. Davon konnten wir nur träumen. Normalerweise kamen wir in unseren Outfits fast nirgendwo ohne Beziehungen rein. In Pauls Begleitung gelang uns das zunehmend öfter. Keine Ahnung, wie er das anstellte und was er dafür im Gegenzug machte. So kam es vor, dass wir uns nachts inmitten von Wessis und Schwulen Champagner trinkend in einer Bar wiederfanden. „Uuuuhhh: Agnostic Front, was?“, fragte mich ein offensichtlich vom anderen Ufer stammender Typ und spielte dabei auf den Schriftzug auf einer meiner Badges an. Er kam mir bedrohlich nah und fummelte an den Badges rum, die an meiner Lederjacke prangten, während ich am Pissbecken stand und mein Geschäft verrichtete. „Jo“, erwiderte ich, machte meine Hose zu, verschwand schnell wieder vom Klo und setzte mich auf eines der bequemen Ledersofas zwischen die anderen.
Wenn wir in dieser Bar waren, was ziemlich selten vorkam, brauchten wir nie irgendetwas zu bezahlen. Unsere schwulen Freunde oder irgendwelche verirrten Wessis übernahmen generell immer unsere Getränke. Die Wessis wollten dafür ein Foto mit uns, das sie ihren Freunden oder der Familie zeigen wollten. So hatten sie die DDR nicht erwartet. Wir ließen uns so ein Foto gebührend bezahlen. Und sicher hatten die schwulen Freunde dabei ihre Hintergedanken, es ist mir allerdings nicht bekannt, dass auch nur einer von ihnen bei uns zum Zug kam. Zudem kam hinzu, dass sie allesamt dem Popper Spektrum zuzuschreiben waren, und mit denen wollten wir ohnehin nichts zu tun haben. Die Punkerphilosophie besagt ja, dass Popper ihre Feinde zu sein haben. Das ließ sich in diesem Fall nicht aufrechterhalten. Sie waren einfach zu nett und betrachteten uns auf eine Art und Weise als ihre Verbündeten. Wir hatten deshalb immer ein hervorragendes Verhältnis zur Popper-Schwulenfraktion. Sie waren immer korrekt zu uns. Wahrscheinlich resultierte das daraus, dass wir in den Augen der DDR-Oberen und auch der Bevölkerung Aussätzige waren. So etwas schweißte damals unheimlich zusammen und gab einem ein gutes Gefühl.
Aber zurück zur eigentlichen Sache. Nachdem Paul schon eine ganze Weile mit uns rumzog, brachte er eines Tages einen Typen mit. Recht unscheinbar in der Erscheinung und selbst für DDR-Verhältnisse recht lumpig gekleidet. „Das ist mein Bruder, Dirk“, stellte er ihn uns vor. Wir nahmen es wie üblich cool und gelangweilt zur Kenntnis. Dieser Typ sah weder so aus, noch machte er den Anschein, als ob er für uns interessant werden könnte.
Dirk war von da an immer dabei, später dann sogar öfter als Paul. Es dauerte auch nicht lange, bis seine Transformation zum Punk stattfand. Bald trug er nur noch schwarze Klamotten. Eine Lederweste, die nach und nach mit immer mehr Nieten, Ketten und anderen Utensilien versehen wurde, zierte sein Äußeres. Seine komischen Straßenschuhe tauschte er gegen Boots, die er aus einem Jäger- und Anglerladen erstand. Was ihm noch fehlte, war der passende Haarschnitt.
Bei einem der zahlreichen Saufgelagen war es dann soweit. Einige Mädels machten sich ans Werk und zauberten aus Dirks schwarzer Lockenpracht einen breiten Irokesenschnitt, der zur Hälfte blondiert wurde. „Du brauchst noch einen neuen Namen. Dirk fetzt nicht“, sagten die Mädels. Anhand seines vorher recht zerlumpten Outfits war der schnell gefunden. „Allgemeiner, loser Unrat passt zu dir“, stellten wiederum die Mädels fest und lachten. Auch wir befanden den Namen als passend, allerdings war er viel zu lang. Wenn man allerdings nur die Anfangsbuchstaben nahm, würde daraus ein passender Name entstehen. Dirk hieß also ab sofort nicht mehr Dirk, sondern Alu. Das war auch gleichzeitig schön doppeldeutig. Es war die Abkürzung für Aluminium.
Das mit den Spitznamen war Tradition in der Punkszene. Aber auch in allen anderen Szenen. Es gehörte zur neuen Identität, sich einen neuen Namen zuzulegen. Manche Leute kannte man über Jahre und wusste nur ihren Spitznamen. Das war bei Polizeiverhören immer besonders lustig. Bei den Mädels lief es ähnlich. Wobei die Namensgebung dort weitaus vielschichtiger war. Man ging respektvoller vor. Oder eben auch nicht. Je nachdem, wie die Betreffende beschaffen und wie sie drauf war.
Alu entwickelte sich im Laufe der Zeit zum Inbegriff dessen, was wir zu dieser Zeit unter einem Anarchisten verstanden. Er machte buchstäblich, was er wollte.
In den Anfangstagen kam er mal zu mir nach Hause. Mit einem uralten Herrenrad. Dieses ließ er dann bei mir stehen. Es stand jahrelang bei mir. Später fand ich heraus, dass er es irgendwo geklaut hatte. Als er in mein Zimmer kam, sah er sich um und machte sich über meine Bilder und Poster lustig. Ich verstand das nicht und es machte mich ziemlich wütend. So stolz war ich auf meine Poster von diversen Punkbands, die ich schwer ergattert hatte. Ganz besonders auf das Clash Poster, das ich gegen einen Wellensittich eingetauscht hatte. Einige Zeit danach war ich mal bei ihm zu Hause. In seinem Zimmer hingen jede Menge selbstgemalte Bilder. Mit Blumen, Traktoren und Tieren. Ich konnte es nicht fassen.
Alu war immer kontrovers und unberechenbar. Das wiederum machte ihn bei uns sympathisch. Er hatte nie Geld. Aber wenn er mal welches hatte, lud er alle ein, bis es alle war. Danach pumpte er sich gleich wieder welches bei irgendjemandem.
Ein Fall für sich war auch seine Mutter. Die sah man ständig irgendwo in der Stadt. Stets in Begleitung ihres Bruders, einem bärtigen Typen, der eigentlich nie was sagte. Beide schienen dem Alkohol sehr zugetan. Egal in welche Kneipe wir kamen, sie waren schon da. Wenn wir beispielsweise in unserer Stammkneipe einliefen, oft einzeln, saß sie mit ihrem Bruder schon an einem der Tische. Betrat man das Lokal, wurde man sofort von ihr „in Empfang“ genommen. Unter lautstarkem Lachen rief sie: „Wie sieht der denn aus?“ oder „Da kommt wieder einer von diesen Assis. Den würde ich hier nicht reinlassen.“ Man konnte sich in solch einem Moment sicher sein, dass man die Aufmerksamkeit der gesamten Belegschaft und der Gäste hatte.
Wenn Alu mit dabei war, verlief es etwas ruhiger. Er ging dann zu den beiden, begrüßte sie und ließ sich anschließend etwas Geld geben.
Interessant wurde es, wenn sich Alus Mutter einen Typen an Land gezogen hatte. Sobald Alu herausbekam, wo der Typ wohnte, wurde dessen Wohnung kurze Zeit später durch die Punks okkupiert. Wir klingelten, er öffnete, wurde zur Seite gestoßen und wir spazierten in seine Wohnung. Als Erstes wurde der Kühlschrank inspiziert, der Inhalt meist sofort aufgegessen. Danach machten wir es uns im Wohnzimmer bequem. Wir sahen fern oder einer legte eine Musikkassette ein. Als Nächstes wurde ermittelt, was an Alkohol vorhanden ist. Jedenfalls war immer Party. Proteste des Wohnungsinhabers wurden nicht akzeptiert. Je nachdem, was sich im Kühlschrank befand, schlugen wir uns die Bäuche voll.
Alu ließ ihm im Wesentlichen nur die eine Option: den Rest des Tages eingeschlossen im Schlafzimmer zu verbringen. Wahlweise aber mit uns zu feiern. Meistens zogen die Typen dann Letzteres vor. Bei einer dieser Partys fingen Alu und Rossi an sich zu tätowieren. Jeweils seitlich an die Waden links ein Anarchy Zeichen und ans rechte Bein ein Hakenkreuz. Das mit dem Hakenkreuz hatten sie auf einem Poster von Sid Vicious, dem Bassisten der Sex Pistols, gesehen. Der hatte öfter mal ein T-Shirt mit Hakenkreuz an. Keiner der beiden war zu diesem Zeitpunkt in irgendeiner Weise politisch ambitioniert, sondern einfach nur voll.
So kam es vor, dass wir manchmal bei einem uns völlig fremden Typen in der Wohnung saßen und unsere Zeit verbrachten. Auf Nachdruck von Alu wurden wir dann vorzüglich bewirtet. Diese Zustände hielten nie lange. Spätestens nach einem unserer Auftritte hatte sich das mit der Beziehung zwischen Alus Mutter und den jeweiligen Typen erledigt.
Ich erinnere mich an eine Party, die Alu und Paul bei sich zu Hause machten. Zu dieser hatten sich auch die Erfurter Punks eingefunden. Da sich das Haus der beiden auf dem Dorf befand, waren zunächst etliche Kilometer bis dorthin zu bewältigen. Hermann, ein Einheimischer und den Punks sehr zugetan, übernahm den Transport. Mit seinem Moped fuhr er jeden Einzelnen dort hin.
Die Party an sich war mal wieder ein einziges Chaos. Das blieb auch im restlichen Dorf nicht unbemerkt. Alus Mutter versuchte durch lächerliche Ansagen den Überblick zu behalten. Zu späterer Stunde formierte sich vor dem Haus eine Art Bürgerwehr. Sie standen mit Knüppeln und brennenden Fackeln vorm Haus. Sie riefen, wir sollten verschwinden, ansonsten würden sie jeden einzelnen von uns aus dem Dorf jagen. Daraufhin kam Bewegung bei den Partygästen auf. Es wurde nach Bewaffnung gesucht und über Gegenmaßnahmen philosophiert. Wie für diesen Zweck gemacht, stand neben der Eingangstür ein Bündel Schaufelstiele, die Alus Mutter nun in Windeseile an die Partygäste austeilte. Einige Erfurter versuchten, die Eingangstür von innen zu öffnen, was ihnen zunächst nicht gelang. Nach eingängiger Prüfung der Tür stellte sich heraus, warum. Die Tür ging nicht wie üblich dort auf, wo sich die Klinke befindet, sondern da, wo die Scharniere waren. Nachdem wir das herausgefunden hatten, wurde die Tür geöffnet, und einige Punks stürmten mit Schaufelstielen bewaffnet aus dem Haus. „Kommt her, ihr Bauernlümmel“, schrie jemand. Das Blöde war, die kamen wirklich. Sie schienen keinerlei Angst vor den bewaffneten Punks zu haben.
Nach einigen kurzen Scharmützeln zogen sich die Punks ins Haus zurück und verbarrikadierten die Tür. Jetzt wurde zu ideologischen und biologischen Waffen gegriffen. Alu sagte: „Ich hab eine Idee.“ Er ging mit einigen Leuten nach oben in die erste Etage und riss die Fenster auf. Wüste Beschimpfungen gingen auf die Dörfler hernieder. Aber damit nicht genug. Alu und ein paar besonders wilde Krieger knieten sich auf die Fensterbank, wobei sie von den Hintermännern gestützt wurden. Sie öffneten ihre Hosenställe und pissten den Dörflern, die inzwischen bis an die Haustür herangekommen waren, auf die Köpfe. Die stoben augenblicklich auseinander. Daraufhin gaben auch sie Kanonaden an Beschimpfungen ab. Zumindest hatten wir es damit geschafft, sie auf Abstand zu halten, denn keiner von denen riskierte es nochmal, vollgepisst zu werden. Wir Punks hatten zu keinem Zeitpunkt vor, das Feld zu räumen. Im Laufe des Abends entspannte sich die Lage. Den Dörflern wurde es scheinbar zu langweilig oder zu kalt. Jedenfalls verschwanden sie nach und nach. Wir feierten die ganze Nacht durch. Alu schickte seine Mutter irgendwann ins Bett. Der Alkohol hatte ihr mächtig zugesetzt.
Er selbst ging noch in die Schule und seine Jugendweihe stand bevor. Er sagte, dass er da nicht hingehen wolle, weil’s ne Spießerveranstaltung sei und er nichts zum Anziehen hätte. Wir besorgten ihm daraufhin ein paar Klamotten, die wir für diesen Anlass angemessen fanden. Auch eine schwarze Perücke, damit man den Iro nicht sah. Wir machten eine Anprobe mit ihm. Er sah damit wie ein völlig anderer Mensch aus. Alle fanden’s gut, nur Alu nicht. Dennoch versprach er uns, dort hinzugehen. Die Woche bis zur Jugendweihe sahen wir Alu nicht. Vielleicht ist er ausnahmsweise mal in die Schule gegangen. Wir hatten für das Wochenende mal wieder eine Party bei mir im Garten geplant. Feuerholz war genug da, Getränke musste jeder selbst mitbringen. Einladungen brauchte man nicht verschicken. So was sprach sich sehr schnell rum. Ganz ohne Telefone und Handys. Schon am Nachmittag war der Garten voll mit Leuten, das Feuer loderte und die Flaschen kreisten. Zu lauter Punkmusik wurde ums Feuer gehüpft. Wir malten uns aus, wie Alu zur gleichen Zeit seine Jugendweihe in der von uns zusammengestellten Verkleidung feierte. Gegen Abend jedoch tauchte er auf. „Was ist passiert?“, fragten wir. „Ich bin nicht hingegangen, scheiß drauf“, antwortete er.
Alu ging nicht mehr in die Schule und hing stattdessen die meiste Zeit mit irgendwelchen zwielichtigen Gestalten ab. Es dauerte nicht lange und er war in irgendwelche kriminellen Machenschaften verwickelt. Kurz darauf wurde er das erste Mal verhaftet. Aufgrund seines Alters kam er aber nicht ins Gefängnis, sondern in den Jugendwerkhof. So ein Aufenthalt dauerte in der Regel 6 Wochen. Als er wieder rauskam, schlüpfte er sofort in seine Punkklamotten, ließ sich einen Iro schneiden und färbte ihn bunt.
In die Schule brauchte er nicht mehr, die wollten ihn auch gar nicht mehr haben. Stattdessen sollte er eine Lehre beginnen. Aber auch dazu verspürte er wenig Lust. Er hing lieber mit uns oder seinen kuriosen Freunden rum.Seine Zeit verbrachte er hauptsächlich in irgendwelchen Kneipen. Das Haus auf dem Dorf, in dem seine Mutter und er wohnten, wurde abgerissen und sie zogen in eine Bruchbude in der Altstadt. Sein Bruder Paul hatte sich längst bei einer seiner Freundinnen einquartiert. Als Alu mich eines Nachts im Winter mit zu sich nach Hause nahm, stellte ich fest, dass sie überhaupt keine Heizung hatten. In seinem Zimmer stand zwar ein Ofen, der war aber nicht angeschlossen. Es war auch kein Loch für das Ofenrohr im Schornstein. Nachdem ich mir buchstäblich in dieser Nacht den Arsch abgefroren habe, fuhr ich am nächsten Tag nach Hause und holte mein Werkzeug. Mit Hammer und Meißel stemmte ich ein Loch in den Schornstein und schloss den Ofen an. Mit etwas Mörtel befestigte ich das Ofenrohr im Schornstein. Ich sah auch gleich in den anderen Zimmern nach den Öfen, sodass danach alle funktionstüchtig waren. Natürlich wollte ich gleich testen, ob alles funktioniert, aber Brennmaterial, Fehlanzeige. Von da ab musste jeder, der zu Alu kam, Holz oder Kohlen mitbringen. Oft zogen alle nachts los zum Kohlenhof mit Zinkwannen und Einkaufsbeuteln und es wurden Kohlen gestohlen.
Es war wieder 1. Mai. Natürlich feierten auch wir den Tag der Arbeit gebührend. Nachdem wir erfolgreich der alljährlichen „Demonstration der Werktätigen“ und allen Polizeikontrollen ausgewichen waren, machten wir uns auf zur großen Abendveranstaltung. Am Einlass des Festplatzes standen Howy und Werner als Einlasser. Zwei altbekannte Türsteher aus einer Disco, in der wir fast jede Woche verkehrten. Howy hörte man schon, bevor man ihn sah, er schrie praktisch immer. Trotz seines Glasauges hatte er alles im Blick. Seine Präsenz ließ für niemanden auch nur die kleinste Frage offen. Er sparte auch nie mit Komplimenten, wenn er jemanden durchließ.
Als er uns sah, ließ er es sich natürlich nicht nehmen, uns zu sagen, wie scheiße wir heute wieder aussahen. Das taten wir mit einem Lächeln ab. Wir kannten es nicht anders. Obwohl man bei ihm nie wusste, wie man dran war. Ich erinnerte mich dann immer an eine frühere Begebenheit, von der ich wusste, dass er eigentlich ein lieber Kerl war. Damals fuhr ich mal aus Langeweile zu Pfingsten nach Erfurt. Dort fand zu dieser Zeit ein Treffen der FDJ (Freie Deutsche Jugend) statt. Schon kurz nach meiner Ankunft dort traf ich in der Erfurter Innenstadt auf die gesamte Ordnungsgruppe des Klubhauses. In FDJ-Hemden. Wir freuten uns alle, uns dort zu sehen, und ich bekam sofort eines der zahlreichen Biere, die auf ihrem Tisch standen, gereicht. Obwohl ich nichts mit dieser Veranstaltung zu tun hatte und schon rein optisch da gar nicht reinpasste. Mit meinem Bier in der Hand blieb ich stehen und markige Sprüche wurden ausgetauscht. Es dauerte nicht lange, da standen drei Typen vor mir und machten mich an. Auch sie trugen FDJ-Hemden. „Verpiss dich, du Punkerschwein, sonst gibt’s was auf die Fresse“, bekam ich zu hören. Bevor ich noch reagieren konnte, schnellte Howy von seinem Stuhl hoch, packte mich am Kragen meiner Lederjacke und zerrte mich auf den Stuhl neben ihm. „Der gehört zu uns; wenn ihr Ärger wollt, dann kriegt ihr es mit mir zu tun. Und jetzt haut ab, bevor ich Backenplatten verteile.“ Sichtlich verwirrt wegen des unerwarteten neuen Gegners verpissten sich die drei Vögel tatsächlich. Den Rest des Tages feierte ich dann zusammen mit der Ordnungsgruppe.
„3,50 M kostet es heute“, schrie Howy. „Wer das nicht hat, kann gleich wieder zu Mutti nach Hause gehen. Ende der Durchsage.“ Wir kratzten das Geld zusammen und Alu wollte es Howy geben. „Doch nicht mir, du Streifenhorn“, brüllteer ihn an, „gib das der Kassiererin.“ Ohne weitere Aufforderung gab Alu der Kassiererin das Eintrittsgeld für uns alle. „Alle Punker durch, aber plötzlich,“ rief Howy. Sein Glasauge starrte dabei bedrohlich geradeaus, während dich das andere genau im Blick hatte. Stumm trotteten wir am Einlass vorbei aufs Gelände. Es spielten bereits einige Bands und Solisten. Eine gewisse Inka sollte Hauptact des Abends sein. Heute verkuppelt diese Inka bei RTL frauenlose Bauern mit herrenlosen Frauen, die gerne mal ins Fernsehen wollen und sich nicht davor scheuen, Kuhställe auszumisten und Schweine zu füttern.
Unser Pulk schloss sich auf dem Festgelände sofort mit den Metallern zusammen. Die Begrüßung war freudig, wie üblich. Es wurde ausgiebig getrunken und Gespräche mit Manne, Johnny, Zwecke, Klapperschlange oder Fehni waren immer lustig. Johnny kam zu mir und fragte mich, ob ich die neue Dimple Minds schon kennen würde. Ich verneinte. Sofort begann er mir eine Gesangsprobe darzubieten, von der ich aber aufgrund der Lautstärke der spielenden Band erstmal nur Fetzen verstand. Als er mitbekam, dass ich seine Gesangsprobe nicht verstand, kam er ganz nah an mein Ohr und sang nochmal. „Rostiges Metall rutscht in den Darm, wenn die Nonnen ohne Sattel Fahrrad fahrn.“ In diesem Moment beugte sich Klapperschlange über uns, zischte bedrohlich und klapperte dazu mit den Zähnen. Das war sein Markenzeichen. Klapperschlange hieß Klapperschlange, weil er das Geräusch einer Klapperschlange täuschend echt imitieren konnte. Dies gelang ihm nach eigenen Angaben, weil er nur noch 13 1/2 Zähne besaß. Zahnärzte waren nie sein Ding.
Der Hauptact des Abends war an der Reihe und Inka fing an zu singen. Spielverderber, Spielverderber … Wir bahnten uns den Weg vor zur Bühne. Das wollten wir uns genauer ansehen. Inka war ungefähr in unserem Alter und sah auch ziemlich gut aus. So kam es, dass sämtliche Punks vor der Bühne standen und wie hypnotisiert zu ihr schauten. Es war nicht unsere Musik, aber die Sängerin gefiel uns schon. Alu sah sie an und grinste dabei von einem Ohr zum anderen; nach einer Weile Dauergrinsen versuchte er die Bühne zu entern. Einige Ordner sprangen herbei und verhinderten dies. Nach der zweiten Zugabe versuchte Alu erneut sein Glück und diesmal gelang es ihm. Er verschwand hinter der Bühne und kam nach einiger Zeit wieder zum Vorschein, grinsend und mit einer Autogrammkarte in der Hand. So euphorisch hatte ich ihn noch nie gesehen.
In der danach folgenden Zeit verstrickte sich Alu immer mehr in kriminelle Aktionen. Ihm war alles scheißegal. Eine Ausbildung gemacht oder gearbeitet hat er meines Erachtens nie. Er fuhr stattdessen noch mehrfach in den sogenannten Jugendwerkhof ein und später dann in den Knast. Oft wurde er gesucht und es kam nicht selten vor, dass er bei einer vorbeifahrenden Polizeistreife plötzlich in ein Gebüsch sprang. Alu wurde irgendwann, wenn er nicht gerade irgendwo einsaß, immer gesucht. Der Kontakt zu ihm wurde stetig geringer. Irgendwann riss er ganz ab. Ich hörte später, dass er in die rechte Szene abgeglitten wäre. So wirklich habe ich das nie geglaubt, da er mit Politik nichts am Hut hatte. Er war nur ein Ganove.
Später, viel später traf ich ihn vor einer Disco. Er lehnte mit zwei Mädels an der Motorhaube eines Autos, ne Flasche Schnaps in der Hand. Als er mich sah, lud er mich sofort ein. „Nimm erstmal nen Schluck Weinbrand.“ Der Gedanke allein erzeugte bei mir schon einen Würgereiz. Weinbrand hatte ich nie wieder angerührt.
Ich nahm einen Schluck aus der Pulle. Uuuuuahhh, ekelhaft. Alu schien zu sehen, dass der Weinbrand nicht mehr mein Fall war. „Wie wär’s mit den beiden Mädels hier? Die kannst du mitnehmen, wenn du willst.“ Die beiden zwinkerten mir zu, als wollten sie mir sagen, dass sie damit einverstanden wären. Ich nahm noch einen Schluck aus der Flasche und lehnte dann dankend ab. „Du verpasst was“, rief Alu. „Die beiden sind echt heiß.“ „Kann sein, aber ich muss jetzt erst mal weiter“, antwortete ich und verabschiedete mich.
Sehr viel später, ich parkte gerade mein Auto am Straßenrand, schloss es und schickte mich anzugehen, da rief eine Stimme meinen Namen. Ich drehte mich um, niemand war zu sehen. „Ich bin’s, Alu.“ Ich sah immer noch niemanden. Er trat aus einem Gebüsch und sagte, dass er gesucht werde und sich deshalb verstecken müsse.
Es war das letzte Mal, dass ich Alu sah. Es schien sich nichts geändert zu haben.

5 Sterne
Nordthüringer Punkstories der frühen 80er - 05.10.2024
Christoph Böhme

Sehr unterhaltsame und oft humorvolle Geschichten über die Untergrundjugend abseits von FDJ und DDR-Staat, zeitlich von den frühen 80ern bis späten 90ern, angesiedelt im Kreis Nordhausen, dem „Sibirien“ des Bezirks Erfurt. Sehr lesenswertes Buch!

5 Sterne
Hammer Buch - 21.09.2024
Marcus Witte

Ein wunderbarer, kurzweiliger Einblick in eine tolle Szene. Man fängt an zu lesen und legt es nicht mehr aus der Hand. Sehr lesenswert.

5 Sterne
Überraschend unterhaltsam - 13.08.2024
Rainer

Normalerweise bin ich kein Geschichtenleser, aber das Buchcover hatte mich dann neugierig gemacht. Zumal die Kurzbeschreibung über den Autor interessant war.Kurzum: Es hat sich gelohnt. Selten habe ich mich so unterhalten gefühlt. Direkte Sprache, Bezug zur Realität - und zu einem Genre, mit dem ich bisher nicht in Kontakt geraten war. Ich glaube ich bin in einer ähnlichen Altersgruppe und kann teilweise einen Bezug zur Alltagsrealität in diesem Teil Deutschlands und zu dieser Zeit herstellen.Wäre schön wenn das noch was kommen würde...

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