How you broke into my life
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 204
ISBN: 978-3-7116-0376-0
Erscheinungsdatum: 14.01.2025
Als Ricky herausfindet, dass Leo, der neue Mitschüler, in Geheimnisse verstrickt ist, die auch ihre eigene Familie betreffen, begeben sich die Beiden auf eine erlebnisreiche Reise und Suche nach Rickys verschollenem Vater.
Prolog
Ich balancierte mein Handy, mit dem ich gerade versuchte, meine Tochter zu erreichen, zwischen meinem Ohr und meiner Schulter, während ich mit der einen Hand meine Aktentasche festhielt und mit der anderen darin vergeblich nach meinem Portemonnaie suchte. Der Typ vom Sushi-Stand hielt nun schon seit gut drei Minuten meine Bestellung in der Hand und wartete genervt auf sein Geld. „Entschuldige!“, sagte ich nun schon zum zweiten Mal und suchte in der Tasche nach meinem Geld, um zu bezahlen und die wartende Schlange hinter mir nicht weiter auf die Folter zu spannen. Als die Mailbox des Handys meiner Tochter ranging, erklärte ich ihr schnell, dass es auch heute auf der Arbeit wieder etwas länger werden würde und sie mit dem Abendessen nicht auf mich warten brauchte. Das war für meine Tochter nichts Neues, doch ich war froh, dass sie in den meisten Fällen Verständnis dafür zeigte. Sie war klug und zielstrebig wie ich und irgendwann würde sie in meine Fußstapfen treten. Davon war ich überzeugt. Mit einem kleinen Jubelruf zog ich stolz mein Portemonnaie aus der Tasche. Allerdings fielen dabei versehentlich zwei lose Blätter heraus, die schließlich in einer Pfütze landeten. Ich stöhnte auf. „Lucy?“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Verflucht sei dieser Tag. Wenn das jetzt, in meiner einzigen Pause an diesem verdammten Tag, eine Klientin war, die mich von meinem wohlverdienten Essen abhielt, dann würde ich für nichts mehr garantieren können. „Tut mir leid. Ich habe gerade Pause und …“, setzte ich gerade an, als ich mich umdrehte und in das Gesicht der Person sah, der ich nie wieder begegnen wollte. „Emilia!“, entfuhr es mir erschrocken. In mir zog sich alles zusammen. Mein Magen drehte sich um und ich spürte, wie mir jegliche Gesichtszüge entglitten. Bei ihrem Anblick wurden all die schmerzlichen Erinnerungen an eine Zeit, die ich seit Jahren erfolgreich verdrängt hatte, wieder freigesetzt. Alles war wieder da: der Schmerz, die Wut, die Trauer, der Hass. Nein, nein, das durfte nicht sein. Was tat sie hier? Es war wie ein Kartenhaus, das mit ihrem Erscheinen von dem einen auf den anderen Moment in sich zusammenfiel. Ein Kartenhaus, das ich jahrelang mühsam errichtet hatte. „Was tust du hier?“, zischte ich. Ich dachte, ich hätte die Wut nach all den Jahren besiegt. Doch sie war wieder da. Genau wie damals. Ich sah, wie Emilia mit sich rang. Als würde sie selbst noch nicht genau wissen, wie sie zu mir stand. „Ich … wir … sind in das Haus von Franz’ Großeltern gezogen … Ich hatte keine andere Wahl. Wir mussten gehen.“, sagte sie schließlich kühl und entschlossen. Dann drehte sie sich um und verschwand so plötzlich, wie sie vor mir aufgetaucht war, als wäre sie nur eine Fata Morgana gewesen. Nein, nein, das durfte nicht sein. Das sollte nicht sein. Nun würde sich alles ändern. Das wurde mir in diesem Moment schmerzlich bewusst. Sie würde die Vergangenheit, die ich seit Jahren verschlossen hielt, wieder ans Tageslicht zurückholen. Denn sie war die Vergangenheit. Sie war ein Teil davon. Ich dachte an meine Tochter, Ricky, die ich von all dem vergeblich versucht hatte, fernzuhalten. Sie sollte nie davon erfahren und das musste auch so bleiben …
Ich bezahlte, nahm die Tüte mit der Bestellung entgegen und machte mich auf den Weg zurück in die Kanzlei. Doch der Hunger war mir schlagartig vergangen.
Kapitel 1
Jeder Mensch hat seine Geheimnisse. Erinnerungsstücke, die versteckt wurden, damit niemals jemand sie in die Hände bekommt. Erinnerungen, die versucht wurden, ausgelöscht zu werden. Menschen aus der Vergangenheit, denen man niemals wieder begegnen wollte. Probleme, die nicht gelöst wurden. Erlebnisse, die verdrängt wurden. Geheimnisse, um jemanden zu schützen. Geheimnisse, um sich selbst zu schützen. Es gibt so viele Gründe, Geheimnisse zu hüten. Tag für Tag tragen wir sie mit uns herum. Sie können uns stärker machen. Sie können uns schwächer machen. Sie können Menschen zusammenschweißen. Und sie können Menschen auseinanderbringen. Doch ganz egal, wie klein oder groß das Geheimnis sein mag, irgendwann kommt jedes ans Tageslicht. Und besonders die, vor denen wir am meisten Angst haben, dass sie jemals jemand entdeckt.
Woher ich das weiß? Nun ja, meine Geschichte handelt von all diesen Geheimnissen. Von den kleinen, angefangen mit der Truhe unter meinem Bett. Bis hin zu den großen, die niemals ans Tageslicht kommen durften. Die, die viel mehr anrichten können, als sich jemand ausmalen könnte. Und was all diese Geheimnisse gemeinsam haben? Ich sag es euch. Sie alle waren vergraben, versteckt, verschlossen und gut behütet. Aber kein Geheimnis ist vollkommen sicher. Besonders nicht vor denen, die danach suchen.
Leonardo Dom war eines dieser Geheimnisse und das wusste ich, als ich ihm das erste Mal begegnete. Als er das erste Mal unser Klassenzimmer betrat, hatte ich das Gefühl, ihm schon einmal begegnet zu sein. Doch diesen Gedanken verwarf ich schnell. Er hatte kein besonders außergewöhnliches Aussehen. Er sah nicht schlecht aus, das musste ich zugeben. Die Mädchen in meiner Schule vergötterten ihn, seit er vor den Osterferien in meine Klasse gekommen war. Mit seinen leicht gelockten braunen Haaren, die ihm immer wieder ins Gesicht fielen, und den wilden eisblauen Augen wirkte er hier fast fehl am Platz. Er passte nicht hinein. Wahrscheinlich machte ihn das deswegen so interessant für die meisten. Und er war neu. Etwas, was an unserer Schule nicht sehr häufig vorkam. Außerdem hatte er etwas zu erzählen. Etwas, was der Großteil hier vermisste. Ein Abenteurer, der die Menschen gerne mit seinen Geschichten unterhielt, von denen die meisten mir doch sehr unglaubwürdig erschienen. Er war nicht der Junge von nebenan, den man kannte, wenn man ihn nur ansah. Er war jemand, den man nicht einmal kannte, wenn man ihn kannte. Er war einer von der Sorte Menschen, bei denen man nie genau wusste, was sie als Nächstes vorhatten. Die Sorte Menschen, die Ärger brachten. Die Sorte Menschen, von denen ich mich normalerweise fernhielt.
Genau aus diesem Grund versuchte ich am ersten Tag nach den Osterferien, Erik bereits auf dem Weg in den Klassenraum zu überreden, uns heute ganz nach hinten zu setzen. „Ich möchte so weit weg sitzen von diesem Leonardo, wie nur möglich“, erklärte ich, als er mich fragend ansah. Erik war einer meiner besten und ältesten Freunde. Nachdem wir in der ersten Klasse zusammengesetzt worden waren und uns anfangs noch gelegentlich die Stifte geklaut hatten, waren wir unzertrennlich. Er hatte dunkelblondes glattes Haar und ein schmales Gesicht mit einem kleinen Muttermal am rechten Auge. Außerdem war er so beweglich wie eine Schildkröte, womit ich ihn manchmal aufzog. Und der klügste Junge, den ich kannte. Zusammen mit Melissa waren wir seit der neunten Klasse ein Trio und die Klassenbesten. Wobei uns Erik meist ein Stückchen voraus war. Doch wir alle hatten unsere Stärken. Melissa war die Cleverste von uns Dreien. Mit ihren wilden buschigen Haaren und der Brille wirkte sie manchmal wie eine zerstreute Professorin. Außerdem konnte sie am besten kontern, was ich manchmal ein wenig beneidete. Auch Erik hatte zu allem und jedem seine Meinung und konnte diese gut vertreten. Er war ein Organisationstalent und konnte fließend Spanisch. Im Gegensatz zu den beiden hielt ich mich lieber im Hintergrund auf. Ich, Ricarda Emilia Free, wie mich meine Mutter getauft hatte, oder einfach nur Ricky, stand nicht besonders gern im Mittelpunkt. Mit meiner roten Mähne, meiner viel zu blassen Haut und den langen storchartigen Beinen, die einen halbwegs akzeptablen Oberkörper trugen, fühlte ich mich allerdings oft keineswegs, als würde ich in der Masse verschwinden. Meist hatte ich eher das Gefühl, beobachtet oder gar angestarrt zu werden, weshalb ich mich nicht selten versuchte, ein wenig kleiner zu machen, als ich eigentlich war, was jedes Mal mit einer Ermahnung seitens meiner Mutter bestraft wurde. In der Schule war ich eine Einserschülerin. Doch darauf war ich weder stolz noch fühlte es sich richtig an. Es war eher wie eine Pflicht, die ich zu erfüllen versuchte.
„Wieso? Was hast du denn gegen ihn?“, fragte mich Erik, als wir die Treppe zu dem Stockwerk, in dem sich unser Klassenraum befand, hinauf stapften. Melissa hatte heute einen anderen Kurs als Erik und ich, weswegen sie uns nicht begleitete. „Ich halte ihn für einen arroganten Spinner. Außerdem will ich mir nicht schon wieder seine ganzen ‚Abenteuergeschichten‘ anhören müssen“, sagte ich und formte dabei die Finger zu Gänsefüßchen. Wir gingen den Flur entlang und ein Siebtklässler rempelte mich an. „Falsches Stockwerk, Kleiner!“, rief Erik und wandte sich schließlich wieder mir zu. „Ach, ich glaube, seinen Neulingsstatus hat er jetzt langsam abgelegt und seine Geschichten werden ihm auch bald ausgehen müssen“, wollte er mich beruhigen. Doch als wir die Klasse betraten, wurden wir eines Besseren belehrt.
Mein Französischlehrer saß auf dem Tisch eines Schülers und lauschte wie einige andere Mädchen und Jungen meiner Klasse Leonardo, der sich wieder pudelwohl dabei fühlte, von seinen unglaublichen Abenteuern zu berichten.
Ich sah Erik vielsagend an. Er zuckte mit seinen Schultern und ich bemerkte noch ein kleines Schmunzeln, als er mir in die hintere Reihe folgte.
Monsieur Blanc hatte sich wohl endlich von Leonardos Erzählungen losreißen können und mit dem Unterricht begonnen. Die Stunden wollten nur einfach nicht vergehen und immer, wenn ich nach einer gefühlten Ewigkeit auf die Uhr schaute, waren gerade einmal fünf Minuten vergangen. In der letzten Stunde schien sich keiner mehr konzentrieren zu können. Aus jeder Ecke hörte man Getuschel oder Geklapper, wenn jemand bereits seine Schulunterlagen zusammenräumte. Es herrschte eine allgemeine Unruhe, gegen die kein Lehrer mehr etwas anrichten konnte.
Doch schließlich wurde Leonardo aufgerufen und mit einem Mal war Totenstille. Wie machte er das nur? Wie schaffte er es, jeden mit seinen Worten zu fesseln? Seine Stimme war kräftig, aber nicht laut. Als er seine braunen, leicht gelockten Haare zurückstrich, spannten sich für einen kurzen Moment seine Armmuskeln. Einige Haare fielen ihm bereits wieder ins Gesicht und er wiederholte die Prozedur. Was für ein Angeber, dachte ich. Plötzlich drehte er sich um und sein Blick traf meinen. Ich hielt für eine Schrecksekunde den Atem an. Doch anstatt meinen Blick von ihm zu lösen, sahen wir uns für eine Sekunde in die Augen. Eine Sekunde, die viel zu lang erschien. Seine eisblauen Augen schienen sich in meine zu bohren und mich festzuhalten. Doch dann war der Augenblick vorüber und sein Blick schwang zu Erik, der sich gemeldet hatte und nun drangenommen wurde. Ich atmete aus.
„Tut mir leid!“, sagte ich, als ich die genervten Blicke meiner Bandmitglieder sah, weil ich mal wieder zu spät war. „Es hat zuhause etwas länger gedauert.“ Und das war nicht einmal gelogen. Melissa hatte mich aufgehalten. Ich hatte morgen meinen achtzehnten Geburtstag und sie wollte, dass alles perfekt war. In Sachen Organisation und Planung war sie kein Naturtalent, aber ich schätzte ihren Eifer. Dabei hatte ich meinen Geburtstag nicht einmal feiern wollen. „Man wird doch nicht alle Tage achtzehn!“, hatte sie immer wieder über mein heftiges Kopfschütteln hinweg gerufen. Doch schließlich war es ihre Euphorie gewesen, der ich mich nicht widersetzen konnte. Das hatte ich noch nie gekonnt. Ein stummes Schulterzucken hatte gereicht, um ihr zu signalisieren, dass ihre wochenlange Hartnäckigkeit ihre Wirkung zeigte. Manchmal versuchte ich mich daran zu erinnern, wann Melissa und ich Freundinnen geworden waren. Bis zur neunten Klasse hatte uns nichts weiter als der ständige Konkurrenzkampf verbunden, der sich urplötzlich in so etwas wie Freundschaft verwandelt hatte. Vielleicht war es der Ehrgeiz, der uns schließlich vereinte und zusammengeschweißt hatte. Seit fast einem Monat liefen nun schon Melissas aufwendige Vorbereitungen für meine Geburtstagsparty, die morgen stattfinden sollte. Angefangen von der Gästeliste bis hin zu meiner Geburtstagstorte sollte alles meinen Wünschen entsprechen. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie plante nicht einfach nur meine Geburtstagsparty, sondern meine Hochzeit. Für die meisten Menschen waren Geburtstage etwas Besonderes, weil sie die ungeteilte Aufmerksamkeit genießen, sich beschenken lassen konnten oder etwas zum Feiern hatten. Für mich war jeder meiner Geburtstage mit einem Gefühl verbunden, das sich nicht so recht einordnen ließ. Ein Gefühl, das gleichzeitig Freude, Angst, Trauer und Wut vereint. Ein Gefühl, als würde sich der Magen gleichzeitig leer und doch viel zu schwer anfühlen. Und der Grund dafür war kein anderer als mein Vater. Er und meine Mutter trennten sich, als ich drei Jahre alt war. Seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Das einzige Mal im Jahr, an dem er Kontakt zu mir aufnahm, war an meinem Geburtstag. Jedes Jahr hatte er mich angerufen. Jedes Jahr wurde mir um diese Zeit erneut bewusst, wie sehr mir dieser Teil meiner Familie fehlte. Die Gespräche waren oft kurz und oberflächlich. Es fühlte sich meistens so an, als würde ich mit einem Fremden telefonieren, und im Grunde tat ich es auch. Ich kannte meinen Vater nicht und er kannte mich nicht. Uns trennten nicht nur tausende Kilometer, sondern auch ein ganzes Leben. Und diese Tatsache wurde mir nach jedem Telefonat erneut schmerzlich bewusst. Bis letztes Jahr ein Brief aus Kalifornien kam. Ich wusste nicht, warum er mir nun nach all den Jahren einen Brief schrieb, anstatt mich anzurufen. Doch nach all den Jahren hatte ich nun endlich seine Adresse und ohne, dass er es in seinem Schreiben erwähnte, vermutete ich, dass er den Brief nicht ohne einen Hintergedanken abgeschickt hatte. Vielleicht wollte er, dass ich ihn besuchte. Natürlich wusste meine Mutter nichts davon. Ich hatte ihr nicht einmal von dem Brief erzählt. Ich wusste, dass sie den Kontakt zu meinem Vater nicht für guthieß und wenn sie erfuhr, was ich nun vorhatte, würde sie es mit allen Mitteln verhindern. Oft hatte ich sie nun schon gefragt, was früher zwischen ihr und meinem Vater vorgefallen war. Doch eine Antwort hatte ich nie erhalten. Es musste etwas Schlimmes gewesen sein, sonst würde sie mir den Kontakt zu ihm nicht derartig einschränken. Nicht einmal auf meine Anrufe hatte er reagieren dürfen. Aber vielleicht würde ein Besuch bei ihm so einige Fragen klären.
Nur deshalb war ich der Band beigetreten. Ich konnte singen, das wusste ich. Doch mit der Straßenmusik konnte ich auch die Reise nach Amerika finanzieren, um meinen Vater zu suchen.
Meine Mutter hatte über die Jahre zwar eine sorgfältige Geldanlage bei der Bank für mich angelegt, die mir über die Zeit in meinem Studium hinweghelfen sollte, doch das wurde ebenso sorgfältig von ihr überwacht. Zudem war es nicht mein verdientes Geld und mein Gewissen hätte mich damit nicht leben lassen können, wenn ich es anrührte. Ich würde meiner Mutter mit der Suche nach meinem Vater schon schwer genug in den Rücken fallen, also war die Straßenmusik die einzige Möglichkeit, um an Geld zu gelangen. Meine Mutter schöpfte keinen Verdacht, weil sie dachte, ich würde einfach meiner Leidenschaft zu singen nachgehen; und ich kam meinem Traum, endlich meinen Vater kennenzulernen, immer näher. Ich hatte nun schon mehr als zweitausend Euro zusammen, die ich in einer kleinen Truhe unter meinem Bett aufbewahrte. Diese Sommerferien würde es soweit sein. Das wusste ich. Und es würde ein Abenteuer werden.
Sebastian schnallte sich seine Gitarre um die Schulter und Lina schlang ihre Haare zu einem Dutt zusammen. Doch ihr verärgerter Blick entging mir nicht. Keiner sagte etwas und ich konnte ihnen nicht verübeln, dass sie sauer waren. „Wo sind Steven und Clemens?“, fragte ich nach unseren anderen Bandmitgliedern. Doch als ich Clemens‘ Namen erwähnte, machte mein Herz einen kleinen Hüpfer. „Steven ist krank und Clemens hat seiner Schwester versprochen, dass er heute etwas mit ihr macht“, antwortete Lina knapp. Enttäuscht wendete ich mich wieder ab und wir zogen zu dritt los.
Als wir ein Stück an der Promenade des etwa fünfzehn Meter breiten Kanals, der die Stadt in zwei Hälften teilte, entlanggegangen waren, ließen wir uns auf einem kleinen Platz, an dem ein Bistro und einige andere kleinere Läden grenzten, nieder. In der Mitte des Platzes stand eine große Uhr, die bereits siebzehn Uhr schlug. Der Platz war gut gefüllt und nach einigen Songs hatte sich eine größere Menschentraube um uns versammelt, die den kleinen Korb mit reichlich Münzen und Geldscheinen befüllte. Wir spielten unsere eigenen Songs und einige Cover von Lana Del Rey, unter anderem mein Lieblingssong von ihr Young and Beautifil. Die Menschen waren spendabler als sonst, deswegen nahmen wir einiges ein. Nicht so viel wie an guten Tagen, aber immerhin waren wir nicht zu fünft, also bekam jeder ein bisschen mehr als sonst. Nach knapp zwei Stunden fing es an zu regnen und wir packten so schnell es ging unser Zeug zusammen, um aufzubrechen, als ich plötzlich meine Mutter in dem kleinen Bistro am Rand des Platzes entdeckte. Gerade als ich zu ihr hinübergehen wollte, sah ich einen groß gewachsenen Mann, der sie freundlich umarmte und sich schließlich zu ihr an den Tisch setzte. Die Umarmung wirkte ein wenig steif, doch meine Mutter lächelte. Eigentlich hätte mich das aufmuntern müssen, aber irgendetwas in mir krampfte sich zusammen. Sie hatte sich seit meinem Vater nicht mehr mit anderen Männern getroffen. Oder etwa doch? Vielleicht hatte ich davon einfach nur nichts mitbekommen. Ich schämte mich dafür, dass ich sie nie danach gefragt hatte. Ich war davon ausgegangen, dass sie zwischen der ganzen Arbeit gar keine Zeit für Männer hatte. Sie hatte nicht einmal Zeit für ihre eigene Tochter. Also warum dann für jemand anderen? Was für ein egoistischer Gedanke, dachte ich im selben Moment und musste mich dafür rügen. Ich drehte mich weg, bevor meine Mutter mich sah, und hob das Mikrofon auf. Doch einen letzten Blick musste ich noch erhaschen. Ich drehte mich um und im gleichen Moment drehte sich auch der Mann um. Ein Schreck durchfuhr mich und augenblicklich entglitt mir das Mikrofon und gab ein schrilles Geräusch von sich.
„Monsieur Blanc? Unser Französischlehrer?“, quiekte Melissa in den Hörer und prustete los. Ich verdrehte die Augen. Das konnte sie zum Glück nicht sehen. Bei der Vorstellung, dass mein Französischlehrer mein neuer Stiefvater sein könnte, verging mir das Lachen. „Bist du dir ganz sicher?“, fragte Melissa noch einmal, als sie sich wieder beruhigt hatte. „Meli, der hatte die gleiche große Falte auf der Stirn wie Monsieur Blanc!“, versicherte ich. Ich konnte es immer noch nicht glauben. „Wann denkst du, hat das angefangen?“, fragte sie mich. Ich zuckte mit den Schultern, bis ich merkte, dass sie mich ja nicht sehen konnte. „Ich weiß es nicht.“ Es entstand eine kurze Pause, in der wir beide darüber nachdachten, was das für Folgen haben könnte. Jedenfalls dachte ich darüber nach. „Stell dir mal vor, dass er mein Stiefvater werden könnte und dann irgendwann hier wohnt!“, flüsterte ich. Ich hatte keine Ahnung, warum ich flüsterte. Meine Mutter war von ihrem Treffen noch nicht heim gekommen. Vielleicht wollte ich es nur nicht laut aussprechen, weil es sonst wahr werden würde. „Na ja …“, fing Melissa an. Sie dachte anscheinend einen Moment über ihre Worte nach. „Sieh es doch so: Vielleicht verbessert sich dein Französisch dann!“, sagte sie und musste schmunzeln. „Melissa!“, stieß ich aus und musste nun auch lachen.
„Was ist denn hier so lustig?“ Ich drehte mich erschrocken um. Meine Mutter stand im Türrahmen. „Oh hey!“, sagte ich und mein Gesicht fing an zu glühen. Ich hatte sie gar nicht reinkommen hören. Ob sie mitbekommen hatte, wovon wir redeten? Doch sie schien gelassen. „Ich muss auflegen!“, sagte ich zu Melissa und hörte nur, wie sie noch trällerte: „Au revoir, mon chérie!“ Ich verdrehte genervt die Augen, aber musste trotzdem schmunzeln.
„Hast du schon was gegessen?“, fragte meine Mutter mich. Ich nickte und sie ließ sich auf dem Sessel nieder. Ob sie mir die Wahrheit sagen würde, wo sie war, wenn ich sie fragte? Einen Moment dachte ich darüber nach, sie zu fragen, aber schließlich fiel mir auf, dass sie noch immer ihre Schuhe trug. „Willst du noch irgendwo hin?“, fragte ich sie und nickte zu den Schuhen. Sie sah mich einen Moment an und räusperte sich dann. „Ja, ich muss nochmal ins Büro. Ich habe dort etwas vergessen. Aber ich wollte vorher noch gucken, ob es dir gut geht.“ Sie stand auf und nahm ihre Tasche vom Hocker. „Mir geht es gut“, sagte ich knapp. Als sie die Tür öffnete, lugte ich verstohlen nach draußen. Aber der Eingang schien leer. Kein Monsieur Blanc. „Dann schlaf gut, mein Schatz“, rief sie mir noch zu und schloss schließlich die Tür hinter sich.
…
Ich balancierte mein Handy, mit dem ich gerade versuchte, meine Tochter zu erreichen, zwischen meinem Ohr und meiner Schulter, während ich mit der einen Hand meine Aktentasche festhielt und mit der anderen darin vergeblich nach meinem Portemonnaie suchte. Der Typ vom Sushi-Stand hielt nun schon seit gut drei Minuten meine Bestellung in der Hand und wartete genervt auf sein Geld. „Entschuldige!“, sagte ich nun schon zum zweiten Mal und suchte in der Tasche nach meinem Geld, um zu bezahlen und die wartende Schlange hinter mir nicht weiter auf die Folter zu spannen. Als die Mailbox des Handys meiner Tochter ranging, erklärte ich ihr schnell, dass es auch heute auf der Arbeit wieder etwas länger werden würde und sie mit dem Abendessen nicht auf mich warten brauchte. Das war für meine Tochter nichts Neues, doch ich war froh, dass sie in den meisten Fällen Verständnis dafür zeigte. Sie war klug und zielstrebig wie ich und irgendwann würde sie in meine Fußstapfen treten. Davon war ich überzeugt. Mit einem kleinen Jubelruf zog ich stolz mein Portemonnaie aus der Tasche. Allerdings fielen dabei versehentlich zwei lose Blätter heraus, die schließlich in einer Pfütze landeten. Ich stöhnte auf. „Lucy?“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Verflucht sei dieser Tag. Wenn das jetzt, in meiner einzigen Pause an diesem verdammten Tag, eine Klientin war, die mich von meinem wohlverdienten Essen abhielt, dann würde ich für nichts mehr garantieren können. „Tut mir leid. Ich habe gerade Pause und …“, setzte ich gerade an, als ich mich umdrehte und in das Gesicht der Person sah, der ich nie wieder begegnen wollte. „Emilia!“, entfuhr es mir erschrocken. In mir zog sich alles zusammen. Mein Magen drehte sich um und ich spürte, wie mir jegliche Gesichtszüge entglitten. Bei ihrem Anblick wurden all die schmerzlichen Erinnerungen an eine Zeit, die ich seit Jahren erfolgreich verdrängt hatte, wieder freigesetzt. Alles war wieder da: der Schmerz, die Wut, die Trauer, der Hass. Nein, nein, das durfte nicht sein. Was tat sie hier? Es war wie ein Kartenhaus, das mit ihrem Erscheinen von dem einen auf den anderen Moment in sich zusammenfiel. Ein Kartenhaus, das ich jahrelang mühsam errichtet hatte. „Was tust du hier?“, zischte ich. Ich dachte, ich hätte die Wut nach all den Jahren besiegt. Doch sie war wieder da. Genau wie damals. Ich sah, wie Emilia mit sich rang. Als würde sie selbst noch nicht genau wissen, wie sie zu mir stand. „Ich … wir … sind in das Haus von Franz’ Großeltern gezogen … Ich hatte keine andere Wahl. Wir mussten gehen.“, sagte sie schließlich kühl und entschlossen. Dann drehte sie sich um und verschwand so plötzlich, wie sie vor mir aufgetaucht war, als wäre sie nur eine Fata Morgana gewesen. Nein, nein, das durfte nicht sein. Das sollte nicht sein. Nun würde sich alles ändern. Das wurde mir in diesem Moment schmerzlich bewusst. Sie würde die Vergangenheit, die ich seit Jahren verschlossen hielt, wieder ans Tageslicht zurückholen. Denn sie war die Vergangenheit. Sie war ein Teil davon. Ich dachte an meine Tochter, Ricky, die ich von all dem vergeblich versucht hatte, fernzuhalten. Sie sollte nie davon erfahren und das musste auch so bleiben …
Ich bezahlte, nahm die Tüte mit der Bestellung entgegen und machte mich auf den Weg zurück in die Kanzlei. Doch der Hunger war mir schlagartig vergangen.
Kapitel 1
Jeder Mensch hat seine Geheimnisse. Erinnerungsstücke, die versteckt wurden, damit niemals jemand sie in die Hände bekommt. Erinnerungen, die versucht wurden, ausgelöscht zu werden. Menschen aus der Vergangenheit, denen man niemals wieder begegnen wollte. Probleme, die nicht gelöst wurden. Erlebnisse, die verdrängt wurden. Geheimnisse, um jemanden zu schützen. Geheimnisse, um sich selbst zu schützen. Es gibt so viele Gründe, Geheimnisse zu hüten. Tag für Tag tragen wir sie mit uns herum. Sie können uns stärker machen. Sie können uns schwächer machen. Sie können Menschen zusammenschweißen. Und sie können Menschen auseinanderbringen. Doch ganz egal, wie klein oder groß das Geheimnis sein mag, irgendwann kommt jedes ans Tageslicht. Und besonders die, vor denen wir am meisten Angst haben, dass sie jemals jemand entdeckt.
Woher ich das weiß? Nun ja, meine Geschichte handelt von all diesen Geheimnissen. Von den kleinen, angefangen mit der Truhe unter meinem Bett. Bis hin zu den großen, die niemals ans Tageslicht kommen durften. Die, die viel mehr anrichten können, als sich jemand ausmalen könnte. Und was all diese Geheimnisse gemeinsam haben? Ich sag es euch. Sie alle waren vergraben, versteckt, verschlossen und gut behütet. Aber kein Geheimnis ist vollkommen sicher. Besonders nicht vor denen, die danach suchen.
Leonardo Dom war eines dieser Geheimnisse und das wusste ich, als ich ihm das erste Mal begegnete. Als er das erste Mal unser Klassenzimmer betrat, hatte ich das Gefühl, ihm schon einmal begegnet zu sein. Doch diesen Gedanken verwarf ich schnell. Er hatte kein besonders außergewöhnliches Aussehen. Er sah nicht schlecht aus, das musste ich zugeben. Die Mädchen in meiner Schule vergötterten ihn, seit er vor den Osterferien in meine Klasse gekommen war. Mit seinen leicht gelockten braunen Haaren, die ihm immer wieder ins Gesicht fielen, und den wilden eisblauen Augen wirkte er hier fast fehl am Platz. Er passte nicht hinein. Wahrscheinlich machte ihn das deswegen so interessant für die meisten. Und er war neu. Etwas, was an unserer Schule nicht sehr häufig vorkam. Außerdem hatte er etwas zu erzählen. Etwas, was der Großteil hier vermisste. Ein Abenteurer, der die Menschen gerne mit seinen Geschichten unterhielt, von denen die meisten mir doch sehr unglaubwürdig erschienen. Er war nicht der Junge von nebenan, den man kannte, wenn man ihn nur ansah. Er war jemand, den man nicht einmal kannte, wenn man ihn kannte. Er war einer von der Sorte Menschen, bei denen man nie genau wusste, was sie als Nächstes vorhatten. Die Sorte Menschen, die Ärger brachten. Die Sorte Menschen, von denen ich mich normalerweise fernhielt.
Genau aus diesem Grund versuchte ich am ersten Tag nach den Osterferien, Erik bereits auf dem Weg in den Klassenraum zu überreden, uns heute ganz nach hinten zu setzen. „Ich möchte so weit weg sitzen von diesem Leonardo, wie nur möglich“, erklärte ich, als er mich fragend ansah. Erik war einer meiner besten und ältesten Freunde. Nachdem wir in der ersten Klasse zusammengesetzt worden waren und uns anfangs noch gelegentlich die Stifte geklaut hatten, waren wir unzertrennlich. Er hatte dunkelblondes glattes Haar und ein schmales Gesicht mit einem kleinen Muttermal am rechten Auge. Außerdem war er so beweglich wie eine Schildkröte, womit ich ihn manchmal aufzog. Und der klügste Junge, den ich kannte. Zusammen mit Melissa waren wir seit der neunten Klasse ein Trio und die Klassenbesten. Wobei uns Erik meist ein Stückchen voraus war. Doch wir alle hatten unsere Stärken. Melissa war die Cleverste von uns Dreien. Mit ihren wilden buschigen Haaren und der Brille wirkte sie manchmal wie eine zerstreute Professorin. Außerdem konnte sie am besten kontern, was ich manchmal ein wenig beneidete. Auch Erik hatte zu allem und jedem seine Meinung und konnte diese gut vertreten. Er war ein Organisationstalent und konnte fließend Spanisch. Im Gegensatz zu den beiden hielt ich mich lieber im Hintergrund auf. Ich, Ricarda Emilia Free, wie mich meine Mutter getauft hatte, oder einfach nur Ricky, stand nicht besonders gern im Mittelpunkt. Mit meiner roten Mähne, meiner viel zu blassen Haut und den langen storchartigen Beinen, die einen halbwegs akzeptablen Oberkörper trugen, fühlte ich mich allerdings oft keineswegs, als würde ich in der Masse verschwinden. Meist hatte ich eher das Gefühl, beobachtet oder gar angestarrt zu werden, weshalb ich mich nicht selten versuchte, ein wenig kleiner zu machen, als ich eigentlich war, was jedes Mal mit einer Ermahnung seitens meiner Mutter bestraft wurde. In der Schule war ich eine Einserschülerin. Doch darauf war ich weder stolz noch fühlte es sich richtig an. Es war eher wie eine Pflicht, die ich zu erfüllen versuchte.
„Wieso? Was hast du denn gegen ihn?“, fragte mich Erik, als wir die Treppe zu dem Stockwerk, in dem sich unser Klassenraum befand, hinauf stapften. Melissa hatte heute einen anderen Kurs als Erik und ich, weswegen sie uns nicht begleitete. „Ich halte ihn für einen arroganten Spinner. Außerdem will ich mir nicht schon wieder seine ganzen ‚Abenteuergeschichten‘ anhören müssen“, sagte ich und formte dabei die Finger zu Gänsefüßchen. Wir gingen den Flur entlang und ein Siebtklässler rempelte mich an. „Falsches Stockwerk, Kleiner!“, rief Erik und wandte sich schließlich wieder mir zu. „Ach, ich glaube, seinen Neulingsstatus hat er jetzt langsam abgelegt und seine Geschichten werden ihm auch bald ausgehen müssen“, wollte er mich beruhigen. Doch als wir die Klasse betraten, wurden wir eines Besseren belehrt.
Mein Französischlehrer saß auf dem Tisch eines Schülers und lauschte wie einige andere Mädchen und Jungen meiner Klasse Leonardo, der sich wieder pudelwohl dabei fühlte, von seinen unglaublichen Abenteuern zu berichten.
Ich sah Erik vielsagend an. Er zuckte mit seinen Schultern und ich bemerkte noch ein kleines Schmunzeln, als er mir in die hintere Reihe folgte.
Monsieur Blanc hatte sich wohl endlich von Leonardos Erzählungen losreißen können und mit dem Unterricht begonnen. Die Stunden wollten nur einfach nicht vergehen und immer, wenn ich nach einer gefühlten Ewigkeit auf die Uhr schaute, waren gerade einmal fünf Minuten vergangen. In der letzten Stunde schien sich keiner mehr konzentrieren zu können. Aus jeder Ecke hörte man Getuschel oder Geklapper, wenn jemand bereits seine Schulunterlagen zusammenräumte. Es herrschte eine allgemeine Unruhe, gegen die kein Lehrer mehr etwas anrichten konnte.
Doch schließlich wurde Leonardo aufgerufen und mit einem Mal war Totenstille. Wie machte er das nur? Wie schaffte er es, jeden mit seinen Worten zu fesseln? Seine Stimme war kräftig, aber nicht laut. Als er seine braunen, leicht gelockten Haare zurückstrich, spannten sich für einen kurzen Moment seine Armmuskeln. Einige Haare fielen ihm bereits wieder ins Gesicht und er wiederholte die Prozedur. Was für ein Angeber, dachte ich. Plötzlich drehte er sich um und sein Blick traf meinen. Ich hielt für eine Schrecksekunde den Atem an. Doch anstatt meinen Blick von ihm zu lösen, sahen wir uns für eine Sekunde in die Augen. Eine Sekunde, die viel zu lang erschien. Seine eisblauen Augen schienen sich in meine zu bohren und mich festzuhalten. Doch dann war der Augenblick vorüber und sein Blick schwang zu Erik, der sich gemeldet hatte und nun drangenommen wurde. Ich atmete aus.
„Tut mir leid!“, sagte ich, als ich die genervten Blicke meiner Bandmitglieder sah, weil ich mal wieder zu spät war. „Es hat zuhause etwas länger gedauert.“ Und das war nicht einmal gelogen. Melissa hatte mich aufgehalten. Ich hatte morgen meinen achtzehnten Geburtstag und sie wollte, dass alles perfekt war. In Sachen Organisation und Planung war sie kein Naturtalent, aber ich schätzte ihren Eifer. Dabei hatte ich meinen Geburtstag nicht einmal feiern wollen. „Man wird doch nicht alle Tage achtzehn!“, hatte sie immer wieder über mein heftiges Kopfschütteln hinweg gerufen. Doch schließlich war es ihre Euphorie gewesen, der ich mich nicht widersetzen konnte. Das hatte ich noch nie gekonnt. Ein stummes Schulterzucken hatte gereicht, um ihr zu signalisieren, dass ihre wochenlange Hartnäckigkeit ihre Wirkung zeigte. Manchmal versuchte ich mich daran zu erinnern, wann Melissa und ich Freundinnen geworden waren. Bis zur neunten Klasse hatte uns nichts weiter als der ständige Konkurrenzkampf verbunden, der sich urplötzlich in so etwas wie Freundschaft verwandelt hatte. Vielleicht war es der Ehrgeiz, der uns schließlich vereinte und zusammengeschweißt hatte. Seit fast einem Monat liefen nun schon Melissas aufwendige Vorbereitungen für meine Geburtstagsparty, die morgen stattfinden sollte. Angefangen von der Gästeliste bis hin zu meiner Geburtstagstorte sollte alles meinen Wünschen entsprechen. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie plante nicht einfach nur meine Geburtstagsparty, sondern meine Hochzeit. Für die meisten Menschen waren Geburtstage etwas Besonderes, weil sie die ungeteilte Aufmerksamkeit genießen, sich beschenken lassen konnten oder etwas zum Feiern hatten. Für mich war jeder meiner Geburtstage mit einem Gefühl verbunden, das sich nicht so recht einordnen ließ. Ein Gefühl, das gleichzeitig Freude, Angst, Trauer und Wut vereint. Ein Gefühl, als würde sich der Magen gleichzeitig leer und doch viel zu schwer anfühlen. Und der Grund dafür war kein anderer als mein Vater. Er und meine Mutter trennten sich, als ich drei Jahre alt war. Seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Das einzige Mal im Jahr, an dem er Kontakt zu mir aufnahm, war an meinem Geburtstag. Jedes Jahr hatte er mich angerufen. Jedes Jahr wurde mir um diese Zeit erneut bewusst, wie sehr mir dieser Teil meiner Familie fehlte. Die Gespräche waren oft kurz und oberflächlich. Es fühlte sich meistens so an, als würde ich mit einem Fremden telefonieren, und im Grunde tat ich es auch. Ich kannte meinen Vater nicht und er kannte mich nicht. Uns trennten nicht nur tausende Kilometer, sondern auch ein ganzes Leben. Und diese Tatsache wurde mir nach jedem Telefonat erneut schmerzlich bewusst. Bis letztes Jahr ein Brief aus Kalifornien kam. Ich wusste nicht, warum er mir nun nach all den Jahren einen Brief schrieb, anstatt mich anzurufen. Doch nach all den Jahren hatte ich nun endlich seine Adresse und ohne, dass er es in seinem Schreiben erwähnte, vermutete ich, dass er den Brief nicht ohne einen Hintergedanken abgeschickt hatte. Vielleicht wollte er, dass ich ihn besuchte. Natürlich wusste meine Mutter nichts davon. Ich hatte ihr nicht einmal von dem Brief erzählt. Ich wusste, dass sie den Kontakt zu meinem Vater nicht für guthieß und wenn sie erfuhr, was ich nun vorhatte, würde sie es mit allen Mitteln verhindern. Oft hatte ich sie nun schon gefragt, was früher zwischen ihr und meinem Vater vorgefallen war. Doch eine Antwort hatte ich nie erhalten. Es musste etwas Schlimmes gewesen sein, sonst würde sie mir den Kontakt zu ihm nicht derartig einschränken. Nicht einmal auf meine Anrufe hatte er reagieren dürfen. Aber vielleicht würde ein Besuch bei ihm so einige Fragen klären.
Nur deshalb war ich der Band beigetreten. Ich konnte singen, das wusste ich. Doch mit der Straßenmusik konnte ich auch die Reise nach Amerika finanzieren, um meinen Vater zu suchen.
Meine Mutter hatte über die Jahre zwar eine sorgfältige Geldanlage bei der Bank für mich angelegt, die mir über die Zeit in meinem Studium hinweghelfen sollte, doch das wurde ebenso sorgfältig von ihr überwacht. Zudem war es nicht mein verdientes Geld und mein Gewissen hätte mich damit nicht leben lassen können, wenn ich es anrührte. Ich würde meiner Mutter mit der Suche nach meinem Vater schon schwer genug in den Rücken fallen, also war die Straßenmusik die einzige Möglichkeit, um an Geld zu gelangen. Meine Mutter schöpfte keinen Verdacht, weil sie dachte, ich würde einfach meiner Leidenschaft zu singen nachgehen; und ich kam meinem Traum, endlich meinen Vater kennenzulernen, immer näher. Ich hatte nun schon mehr als zweitausend Euro zusammen, die ich in einer kleinen Truhe unter meinem Bett aufbewahrte. Diese Sommerferien würde es soweit sein. Das wusste ich. Und es würde ein Abenteuer werden.
Sebastian schnallte sich seine Gitarre um die Schulter und Lina schlang ihre Haare zu einem Dutt zusammen. Doch ihr verärgerter Blick entging mir nicht. Keiner sagte etwas und ich konnte ihnen nicht verübeln, dass sie sauer waren. „Wo sind Steven und Clemens?“, fragte ich nach unseren anderen Bandmitgliedern. Doch als ich Clemens‘ Namen erwähnte, machte mein Herz einen kleinen Hüpfer. „Steven ist krank und Clemens hat seiner Schwester versprochen, dass er heute etwas mit ihr macht“, antwortete Lina knapp. Enttäuscht wendete ich mich wieder ab und wir zogen zu dritt los.
Als wir ein Stück an der Promenade des etwa fünfzehn Meter breiten Kanals, der die Stadt in zwei Hälften teilte, entlanggegangen waren, ließen wir uns auf einem kleinen Platz, an dem ein Bistro und einige andere kleinere Läden grenzten, nieder. In der Mitte des Platzes stand eine große Uhr, die bereits siebzehn Uhr schlug. Der Platz war gut gefüllt und nach einigen Songs hatte sich eine größere Menschentraube um uns versammelt, die den kleinen Korb mit reichlich Münzen und Geldscheinen befüllte. Wir spielten unsere eigenen Songs und einige Cover von Lana Del Rey, unter anderem mein Lieblingssong von ihr Young and Beautifil. Die Menschen waren spendabler als sonst, deswegen nahmen wir einiges ein. Nicht so viel wie an guten Tagen, aber immerhin waren wir nicht zu fünft, also bekam jeder ein bisschen mehr als sonst. Nach knapp zwei Stunden fing es an zu regnen und wir packten so schnell es ging unser Zeug zusammen, um aufzubrechen, als ich plötzlich meine Mutter in dem kleinen Bistro am Rand des Platzes entdeckte. Gerade als ich zu ihr hinübergehen wollte, sah ich einen groß gewachsenen Mann, der sie freundlich umarmte und sich schließlich zu ihr an den Tisch setzte. Die Umarmung wirkte ein wenig steif, doch meine Mutter lächelte. Eigentlich hätte mich das aufmuntern müssen, aber irgendetwas in mir krampfte sich zusammen. Sie hatte sich seit meinem Vater nicht mehr mit anderen Männern getroffen. Oder etwa doch? Vielleicht hatte ich davon einfach nur nichts mitbekommen. Ich schämte mich dafür, dass ich sie nie danach gefragt hatte. Ich war davon ausgegangen, dass sie zwischen der ganzen Arbeit gar keine Zeit für Männer hatte. Sie hatte nicht einmal Zeit für ihre eigene Tochter. Also warum dann für jemand anderen? Was für ein egoistischer Gedanke, dachte ich im selben Moment und musste mich dafür rügen. Ich drehte mich weg, bevor meine Mutter mich sah, und hob das Mikrofon auf. Doch einen letzten Blick musste ich noch erhaschen. Ich drehte mich um und im gleichen Moment drehte sich auch der Mann um. Ein Schreck durchfuhr mich und augenblicklich entglitt mir das Mikrofon und gab ein schrilles Geräusch von sich.
„Monsieur Blanc? Unser Französischlehrer?“, quiekte Melissa in den Hörer und prustete los. Ich verdrehte die Augen. Das konnte sie zum Glück nicht sehen. Bei der Vorstellung, dass mein Französischlehrer mein neuer Stiefvater sein könnte, verging mir das Lachen. „Bist du dir ganz sicher?“, fragte Melissa noch einmal, als sie sich wieder beruhigt hatte. „Meli, der hatte die gleiche große Falte auf der Stirn wie Monsieur Blanc!“, versicherte ich. Ich konnte es immer noch nicht glauben. „Wann denkst du, hat das angefangen?“, fragte sie mich. Ich zuckte mit den Schultern, bis ich merkte, dass sie mich ja nicht sehen konnte. „Ich weiß es nicht.“ Es entstand eine kurze Pause, in der wir beide darüber nachdachten, was das für Folgen haben könnte. Jedenfalls dachte ich darüber nach. „Stell dir mal vor, dass er mein Stiefvater werden könnte und dann irgendwann hier wohnt!“, flüsterte ich. Ich hatte keine Ahnung, warum ich flüsterte. Meine Mutter war von ihrem Treffen noch nicht heim gekommen. Vielleicht wollte ich es nur nicht laut aussprechen, weil es sonst wahr werden würde. „Na ja …“, fing Melissa an. Sie dachte anscheinend einen Moment über ihre Worte nach. „Sieh es doch so: Vielleicht verbessert sich dein Französisch dann!“, sagte sie und musste schmunzeln. „Melissa!“, stieß ich aus und musste nun auch lachen.
„Was ist denn hier so lustig?“ Ich drehte mich erschrocken um. Meine Mutter stand im Türrahmen. „Oh hey!“, sagte ich und mein Gesicht fing an zu glühen. Ich hatte sie gar nicht reinkommen hören. Ob sie mitbekommen hatte, wovon wir redeten? Doch sie schien gelassen. „Ich muss auflegen!“, sagte ich zu Melissa und hörte nur, wie sie noch trällerte: „Au revoir, mon chérie!“ Ich verdrehte genervt die Augen, aber musste trotzdem schmunzeln.
„Hast du schon was gegessen?“, fragte meine Mutter mich. Ich nickte und sie ließ sich auf dem Sessel nieder. Ob sie mir die Wahrheit sagen würde, wo sie war, wenn ich sie fragte? Einen Moment dachte ich darüber nach, sie zu fragen, aber schließlich fiel mir auf, dass sie noch immer ihre Schuhe trug. „Willst du noch irgendwo hin?“, fragte ich sie und nickte zu den Schuhen. Sie sah mich einen Moment an und räusperte sich dann. „Ja, ich muss nochmal ins Büro. Ich habe dort etwas vergessen. Aber ich wollte vorher noch gucken, ob es dir gut geht.“ Sie stand auf und nahm ihre Tasche vom Hocker. „Mir geht es gut“, sagte ich knapp. Als sie die Tür öffnete, lugte ich verstohlen nach draußen. Aber der Eingang schien leer. Kein Monsieur Blanc. „Dann schlaf gut, mein Schatz“, rief sie mir noch zu und schloss schließlich die Tür hinter sich.
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