Der Sohn des Vanillebarons
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 334
ISBN: 978-3-7116-0417-0
Erscheinungsdatum: 25.02.2025
Eric Gabriel wandert in den Dreißigern zu seinem Vater, einem Vanilleplantagenbetreiber, nach Madagaskar aus. Sein Leben dort ist geprägt von der bedrohten Existenz der Familie durch Rebellen, seiner ersten Liebe und der Freundschaft mit einem Einheimischen.
Libertalia
Der Mythos rankt sich um drei faszinierende Persönlichkeiten, die das Schicksal von Madagaskar geprägt haben sollen: ein gebildeter Franzose namens Misson, der Dominikaner-Pater Caraccioli und der draufgängerische Kapitän Louis Gabriel aus Marseille. Der Ursprung dieser Geschichten führt nach Rom, wo Misson und Caraccioli sich 1690 begegneten und beschlossen, gemeinsam in die Karibik zu segeln, um Jagd auf Piraten zu machen. Für dieses riskante Abenteuer engagierten sie den kühnen Kapitän, der über Seeerfahrung und Unerschrockenheit verfügte.
Auf ihrer Reise kaperten sie Schiff um Schiff, machten auf den Komoren Halt, kämpften an der Küste Mosambiks und vergrößerten stetig ihre Mannschaft. Ihr Traum von einer Republik, in der Piraten frei und brüderlich leben könnten, führte sie zur Bucht von Diego Suarez im Norden von Madagaskar. Dort schufen sie einen versteckten Schlupfwinkel mit 40 Kanonen zur Sicherung der Einfahrt. Eine Stadt, eine Werft und ein Vorratslager entstanden und in wenigen Monaten beherbergte Libertalia, eine der ersten Demokratien der Neuzeit, 600 Piraten.
Dieses utopische Staatswesen endete allerdings bald im Chaos. Zwei Versionen des Untergangs existieren: Entweder griff die französische Flotte die Stadt an, als die meisten Piraten auf Kaperfahrt waren, oder die Ureinwohner metzelten alle Einwohner nieder und setzten Libertalia in Flammen.
Wie auch immer, die heimkehrenden Piraten bauten Libertalia nicht wieder auf, sie zogen weiter. Lediglich Kapitän Louis Gabriel überlebte auf der Insel Sainte Marie vor der Ostküste Madagaskars und verbreitete dort noch jahrelang Angst und Schrecken zur See. Ein von seiner begeisterten Gefolgschaft errichteter Gedenkstein erinnert an seine Beliebtheit und die heroische Piraten-Epoche.
Prolog I
1879–1918
Der Nachthimmel zeigte sich im Herbst 1879 in finsterem Schwarz, ohne Mond und Sterne. Einzig die abgedeckte Decksbeleuchtung beim Steuermann ließ die Konturen der Handelsfregatte rund ums Kartenhaus schemenhaft erkennen. Breitbeinig, die stampfenden Bewegungen des Schiffs ausgleichend, stand der 29-jährige erste Offizier, Luc Gabriel, auf dem Achterdeck und lauschte dem Meeresrauschen. Der Wind knarrte in den Masten und Spieren. Den Blick nach Südwesten gerichtet, beobachtete er das bedrohliche Wetterleuchten. Die Nase im stetig wehenden Nordostpassat, der die Segel füllte, spürte er die rasante Fahrt des Schiffs. Seine Stimmung war schlecht und Sorgenfalten zeigten sich auf seinem Gesicht. Nicht das Wetterleuchten oder die pechschwarze Nacht bereitete ihm Unruhe. Als Mitglied einer jahrhundertealten Seefahrerdynastie war er den harten Elementen der See gewachsen. Vielmehr machte ihn die Route, die sie auf dem Weg nach Durban durchkreuzen mussten, unruhig. Der Kapitän hatte entschieden, die Straße von Mosambik zu meiden und stattdessen der Ostseite von Madagaskar zu folgen. Luc konnte diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Sainte Marie, die von Gerüchten und abenteuerlichen Schauermärchen umrankte Pirateninsel an der Ostseite von Madagaskar, war gefährlich. Von der Handelsgesellschaft, für die sie segelten, waren sie ausdrücklich davor gewarnt worden. Der Kapitän hatte den Kurs festgelegt, war in seine Kabine zurückgekehrt und hatte es dem ersten Offizier überlassen, eine sichere Durchfahrt zu gewährleisten. Luc hätte das Unwetter direkt durchsegeln wollen, auf einem für ihn weniger gefährlichen Weg. Aber Befehl war Befehl! Er konnte und wollte sich nicht widersetzen, nicht vor der Mannschaft. Seine Karriere und sein Ruf als ergebener Offizier hingen davon ab. Luc träumte davon, selbst Kapitän eines Handelsschiffs zu werden, und da war Befehlsverweigerung keine Option.
Seufzend begab sich Luc zu einer weiteren Runde an Deck. Das Achterdeck wurde zuerst abgeschritten, dann setzte er seinen Weg steuerbordseitig fort. Er überprüfte die Segelstellung, kommunizierte mittschiffs mit dem Matrosen im Topp und stellte so sicher, dass dieser weiterhin wachsam nach Schiffen Ausschau hielt und jegliche Entdeckungen sofort meldete. Schließlich erreichte er den Bug, wo er eine Weile verweilte. Trübsinnig und in Gedanken versunken, setzte Luc seinen Rundgang zurück zum Kartenhaus auf der backbordseitigen Route fort. Seine Stimmung und eine unheilvolle Vorahnung begleiteten ihn weiter. Am Kartenhaus angekommen, bestätigte er den vorgegebenen Kurs beim Steuermann und entschied sich, einen zusätzlichen Ausguck im Bug zu postieren, um mögliche Kontakte zu anderen Schiffen frühzeitig zu erkennen. Die Stunden seiner Wache verstrichen ohne nennenswerte Ereignisse. Der Wind blies weiterhin konstant und in nahezu gleichbleibender Stärke. Angesichts der undurchdringlichen Wolkendecke konnte Luc die genaue Position des Schiffs nicht feststellen. Er musste bis zum Morgengrauen warten, um eine Peilung mit der Küste Madagaskars vorzunehmen, doch dazu sollte es nicht kommen. Erste helle Schimmer am östlichen Horizont kündigten bereits den neuen Tag an.
Plötzlich riss ein Ausruf des im Toppmast sitzenden Ausgucks Luc aus seinen trübsinnigen Gedanken: „Schiff, Steuerbord voraus – keine Flagge, aber die Form lässt auf ein Kaperschiff schließen!“ Luc eilte zur Steuerbordseite und erblickte tatsächlich ein schnittiges Kaperschiff, das unter Vollzeug rasch auf sie zukam. Keine Flagge! Luc ahnte Schlimmes. Sofort ließ er den Kapitän durch den diensthabenden Fähnrich wecken und ordnete das Setzen zusätzlicher Segel an. Ein neuer Kurs wurde befohlen, um das Kreuzen mit dem anderen Schiff zu vermeiden und an Fahrt aufzunehmen. Durch das Fernrohr blickend, sah Luc jedoch nichts Beruhigendes: Eine grimmig bewaffnete Meute säumte die Reling des Kaperschiffs. Diese hatte die Kursänderung bemerkt und reagierte mit einem eigenen neuen Kurs. Unterdessen erschien der verschlafene Kapitän an Deck und Luc erläuterte ihm die prekäre Lage und die ergriffenen Maßnahmen, wobei er wenig Zuversicht ausstrahlte. War der Punkt gekommen, an dem sie sich dem Unvermeidlichen ergeben mussten? Das Kaperschiff änderte erneut den Kurs und verringerte die Distanz weiter. Ein neuer Kurs, vom Kapitän angeordnet, verhieß wenig Hoffnung auf eine Verhinderung des drohenden Zusammenstoßes beider Schiffe. Die Absicht des Kaperschiffs war offensichtlich und ein Kreuzen der Kurse erschien unumgänglich. Ein erneuter Ruf des Matrosen im Masttopp verschärfte die Situation dramatisch: „Piratenflagge soeben gehisst!“ Luc konnte den bedrohlich flatternden, schwarzen Totenkopf auf rotviolettem Grund am Topp des Kaperschiffs erkennen. Selbst eine von ihm vorgeschlagene Änderung zu einem Zickzack-Kurs änderte nichts an der ausweglosen Lage, in der sich das Frachtschiff befand. Das Kaperschiff näherte sich gefährlich, die Rufe der blutrünstigen Piraten waren unüberhörbar. Schließlich ließ der Kapitän die Segel streichen und befahl, sich zu bewaffnen und dem bevorstehenden Entern der Piratenmeute entgegenzutreten. Nach wenigen Minuten kam das Kaperschiff längsseits. Enterhaken verkeilten sich knirschend in der Reling, Holzsplitter spritzten und beide Schiffe krachten hart zusammen. Luc stand bewaffnet mit Pistole und Säbel im Bug, während der Kapitän auf dem Achterdeck von zahlreichen Matrosen flankiert wurde. Unter lautem Kampfgebrüll enterten die Piraten das Handelsschiff und die Hölle brach los! Es entwickelte sich ein harter, heroischer, aber kurzer und ungleicher Kampf. Luc verteidigte den Bugbereich, solange es ging, doch die Übermacht der Piraten war erdrückend. Es war wie beim Kampf gegen die Hydra: Kaum erledigte man einen Piraten, tauchten bereits zwei neue auf. Zwischendurch blickte Luc zum Achterdeck, wo der Kapitän von Piraten umzingelt den Befehl zur Kapitulation gab.
Von grimmig grinsenden Piraten entwaffnet, wurden sie zusammengetrieben. Erst jetzt realisierte Luc den hohen Blutzoll. Von der ursprünglich 30-köpfigen Crew waren nur noch acht übrig, darunter der Kapitän und er selbst. Ein schmächtiger, glatzköpfiger Anführer erschien. Er gab einige Befehle und zwei Piraten begaben sich in Richtung der Kapitänskajüte, bevor er sich Luc und dem Kapitän zuwandte. Zu ihrer Überraschung sprach er sie auf Französisch mit holprigem Akzent an: „Nun, meine tapferen Herren Offiziere, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Tippu-Tin. Ich bin der Anführer der Piraten auf Sainte Marie.“
Er machte eine Pause und ließ seine Worte auf die Besatzung des Handelsschiffs wirken. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte er spöttisch.
„Ich bin Francois Borel, der Kapitän, und das ist mein erster Offizier!“, erwiderte der Kapitän mit heiserer Stimme und Schweißperlen im Gesicht.
Die Sonne ging gerade im Osten über dem Horizont auf und tauchte die Szenerie in ein goldgelbes Glühen. Auch Lucs Kopf fühlte sich heiß an vom Kampf und er beobachtete, wie zwei Piraten ein Seil mit Galgenknoten hervorholten und über den Baum des Großmasts warfen – die Absicht war glasklar, es schien, als hätte ihre letzte Stunde geschlagen. Doch so schnell wollte er sich nicht geschlagen geben. Was sollte er unternehmen? War das nun sein Ende? Jetzt galt es, einen kühlen Kopf zu bewahren, und er machte sich Gedanken, wie er ungeschoren aus dieser ausweglosen Situation herauskommen konnte. Aus zahlreichen Geschichten war ihm klar, dass die gesamte Mannschaft, zuerst der Kapitän, dann er und anschließend der Rest der Crew, aufgehängt würden. Schön der Rangordnung folgend. Piraten machten grundsätzlich keine Gefangenen; sie waren nur an der Ladung interessiert – Piraten eben.
„Was haben die Herren geladen, wenn ich fragen darf?“
Weder er noch der Kapitän machten Anstalten, zu antworten.
Der Piratenanführer trat ganz nah an den Kapitän heran, schaute ihm grimmig lächelnd ins Gesicht und wartete geduldig. Die Situation war aufs Äußerste angespannt.
„Haben die Herren meine Frage nicht verstanden?“, schrie er sie plötzlich unbeherrscht an. „Nun, wir können auch selbst nachschauen. Für Sie habe ich leider keine Verwendung, wobei der kühne Versuch, uns zu entkommen, auf taktisches Segelhandwerk schließen lässt und meine Bewunderung verdient!“
Er ließ seinen fragenden Blick zu Luc wandern. Es schien, als hätte er gerne gewusst, wer verantwortlich war für das kurze, dennoch zähe Verfolgungsduell. Ein kurzes Nicken des Anführers genügte und schon packten drei Piraten den Kapitän, zwangen seinen Kopf durch die Schlinge und zogen ihn hoch. Luc zuckte zusammen und wollte seinem Vorgesetzten zu Hilfe kommen, wurde aber von eisenharten Griffen um die Oberarme gehindert. Zappelnd und um Luft ringend hing Borel am Galgen. Es war grauenhaft, das mitansehen zu müssen. Nach kurzem Kampf erschlaffte der Körper. Luc wusste, er würde der Nächste sein. Was sollte er unternehmen? Hatte er überhaupt noch eine Chance?
Die beiden Piraten, die zur Kapitänskajüte gerannt waren, kehrten mit einem Stapel Papier, wahrscheinlich den Frachtpapieren, zurück und überreichten sie dem Anführer. Er studierte sie kurz und eine große Zufriedenheit zeichnete sich auf seinen Gesichtszügen ab, erkennbar an einem breiten Grinsen. „Leute, hört zu“, rief er mit lauter Stimme aus, „wir haben offensichtlich einen wertvollen Fang gemacht!“ Lautes Gebrüll der Piraten folgte, sie klopften sich zufrieden auf die Schultern und schwenkten bedrohlich ihre Waffen. Lucs Gemütslage verschlechterte sich zusehends und er musterte die hoffnungslosen Gesichter seiner verbliebenen Matrosen. Was würde als Nächstes passieren? Alle Blicke waren gespannt auf den Piratenanführer gerichtet. Er schnüffelte weiter in den Unterlagen. Hoffte er, noch weitere Schätze zu finden?
Plötzlich erhellte sich sein Blick. Offensichtlich hatte er etwas Interessantes entdeckt. Was war es? Langsam schritt er zu Luc und schaute ihm direkt ins Gesicht: „Wie heißt du? Der Kapitän hat vergessen, deinen Namen zu erwähnen.“ „Ich heiße Luc, Luc Gabriel, und bin, wie gesagt, der erste Offizier!“, antwortete er mit Stolz in der Stimme. „Lass den Rest meiner Crew am Leben, begnüge dich mit der Hinrichtung der Offiziere!“, schloss Luc mit fester Stimme.
„Soso, Gabriel ist also dein Name, interessant, höchst interessant!“
Der Hauch eines Lächelns und Wissens umspielte sein von Falten zerfurchtes Gesicht. „Deine Opferbereitschaft ist äußerst nobel, aber auch dumm und für mich ohne Belang!“, schloss er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Eine definitive Entscheidung schien gefallen zu sein und er wandte sich einem einheimisch aussehenden Piraten zu, auf dessen Stirn sich eine auffällige Narbe zeigte: „Sofolo, übernimm du das Kommando hier, richtet die Crew hin – und den hier“, er zeigte auf Luc, „nehmt gefangen und bringt ihn zu mir aufs Schiff. Die Fregatte erwarte ich umgehend im Hafen, damit die Ladung gelöscht werden kann!“
„Aye aye!“, bestätigte Sofolo den Befehl ohne die kleinste Regung im Gesicht.
Luc wurde daraufhin von zwei kräftigen Piraten an den Händen gefesselt, unsanft gepackt und aufs Kaperschiff gebracht. Ein letzter verzweifelter Blick zurück zu seiner verängstigt dreinschauenden Crew und schon wurden sie von einer johlenden, blutgeilen Piratenmeute unter irrem Geschrei, Säbel schwingend, massakriert. Luc verstand nicht, wie ihm geschah. Was sollte das nun? Schon bald jedoch sollte er vom Piratenanführer den Grund für die wundersame Rettung seines Lebens erfahren.
Zwei Jahre waren bereits seit seiner Gefangennahme vergangen. Oder sollte er ‚seit seiner Rettung‘ sagen? Luc Gabriel stand breitbeinig auf dem Achterdeck seines Schiffs. Er genoss die stetig wehende Brise und die wärmenden Sonnenstrahlen. Als Kapitän mit eigener Crew auf einer ehemaligen Handelsfregatte, bestückt mit schweren Kanonen, gehörte er nun zur erweiterten Piratenflotte des berüchtigten Tippu-Tin. Der Mann, der ihn nicht hinrichten, sondern gefangen nehmen lassen hatte, war DER Anführer – nicht nur der Piraten auf Sainte Marie, sondern auch der Sklavenhändler der Region. Luc verdankte ihm seine Rettung, basierend auf Tippu-Tins Annahme, dass er ein Nachkomme des berühmten Piraten Louis Gabriel sein müsse. Dieser Piratenvorfahre sollte im 17. Jahrhundert sein Unwesen getrieben und den Grundstein des Piratennests auf Sainte Marie gelegt haben. Schauerlich! Luc wusste nichts von einem solchen Vorfahren. Das war aber der Grund dafür, dass Tippu-Tin ihn vor die Entscheidung seines Lebens gestellt hatte: Entweder konvertierte er zum Piraten und zeigte sich seiner vermeintlichen Vorfahrensgeschichte würdig oder Tippu-Tin würde seine Hinrichtung sofort veranlassen. Tippu-Tin hatte sich genüsslich in den Stuhl sinken lassen und geduldig auf Lucs Antwort gewartet.
Es war eine existenzielle Wahl gewesen. Luc wollte leben, das war klar, aber in Madagaskar und der Region Ostafrikas zu bleiben, fern der Heimat Frankreich, und ein Teil dieser mordenden Meute zu werden, war nicht gerade verlockend und nicht das, was sich Luc für seine Zukunft vorstellte. Schließlich träumte er von Frau und Familie. Ganz zu schweigen von den Konsequenzen, falls die Kolonialmächte Frankreich, Großbritannien oder Deutschland, die hier aktiv waren, das Piratennest vernichteten und alle gefangen nahmen oder hinrichteten. Somit hatte sich Luc für das Leben entschieden – über eine spätere Flucht konnte er sicherlich jederzeit nachdenken.
„Ich hoffe, du zeigst dich deiner Piratenvorfahren würdig, und vergiss nie, mein Arm reicht weit, sehr weit, und ich kann dir dein Leben jederzeit nehmen, solltest du dich als illoyal erweisen!“, sicherte der hämisch grinsende Tippu-Tin sich feierlich die Gefolgschaft Lucs zu. Überdies würden für ihn große Gewinne und Schätze anfallen. Tippu-Tin versprach, ihn zu einem reichen Mann zu machen.
Er war schon ein seltsamer Typ: arabischer Abstammung aus dem Sultanat Oman, grausam und gnadenlos auf der einen Seite, großherzig und verschwenderisch auf der anderen. Wahrscheinlich musste er beides sein, um diese Piratenmeute zu beherrschen und eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten: Zuckerbrot und Peitsche! Gefolgschaft oder Tod! Luc verdankte diesem schauerlichen Mann nicht nur seine Rettung, basierend auf einem Mythos, sondern er genoss auch eine gewisse Gunst, die Tippu-Tin ihm entgegenbrachte. Andernfalls wäre er nicht so schnell zum Kapitän geworden und hätte Sofolo, der scheinbar die rechte Hand von Tippu-Tin war, übertroffen. Diese Gunst wollte er nicht fahrlässig verspielen. Deshalb stellte er vorerst seine Fähigkeiten voll und ganz in den Dienst des Piratenführers. Einzig die Eifersucht, die Missgunst und der offen zur Schau gestellte Hass Sofolos bedeuteten für Luc immer wieder eine Herausforderung. Er musste ihn im Auge behalten; ein Fehler von Luc und er würde von Sofolo bei Tippu-Tin gnadenlos angeschwärzt oder noch schlimmer denunziert. Aber Lucs Führungsstil, sein Ideenreichtum und seine Segelfähigkeiten erwiesen sich als große Vorteile. Kein Kapitän der Piratenflotte war ihm ebenbürtig und so hatte er sich Sofolos Wut bis jetzt vom Leibe halten können.
Eben, als sie sich querab zum Cap Est auf Südkurs befanden, hatten sie eine dieser für die Region berüchtigten Gewitterwolken passiert. Der Regen war in wahren Sturzfluten über dem Schiff niedergegangen. Die Decksbalken schimmerten in der auftauchenden gleißenden Sonne wie ein goldenes Vlies. Ein Geruch nach Frische, Meer und nassem Holz war zu vernehmen. Es schien, als würden sie das Piratennest doch noch wie vorgesehen kurz vor Sonnenuntergang erreichen, was Luc recht war. Er wollte der Crew Ruhe gönnen und erst am darauffolgenden Tag Bericht erstatten müssen. Einmal mehr befanden sie sich auf dem Rückweg von Sansibar, wo er die Sklaven abgeliefert hatte, zum Stützpunkt auf Sainte Marie. Einheimische Führer, ein berüchtigter war anscheinend mit Sofolo verwandt, rekrutierten jeweils ganze madagassische Völkerstämme und zwangen sie zur Sklaverei, um sie Tippu-Tin zu verkaufen. Dieser organisierte mit seiner Piratenherrschaft den Verkauf an den Sultan von Sansibar und weiter an den Sultan von Oman. Es war ein grausiges, menschenverachtendes Geschäft, bei dem viel, sehr viel Geld verdient wurde. Auch Luc bereicherte sich erheblich daran. Darum hasste er sich zuweilen und brachte sich zunehmend widerwillig ein. Es war langsam an der Zeit, sich eine mögliche Flucht auszudenken. Oder war es noch zu früh? Riskierte er, von den Piraten erneut geschnappt zu werden? Es gab kaum Gelegenheit zur Flucht. Wann und wo war der beste Zeitpunkt? An wen sollte er sich wenden? Solange er entweder Raubzüge auf See befehligte oder Sklaven nach Sansibar brachte, befanden sich immer loyale und von Tippu-Tin abhängige Leute um ihn herum. Auf dem Schiff, im Piratennest auf Sansibar oder Sainte Marie. Nie war er wirklich allein. Tippu-Tin achtete exakt darauf, Luc immer eingebunden im Piratennetz operierend zu wissen. Nur einmal, vor einem halben Jahr, hatte er das erste Mal das Gefühl gehabt, es gäbe eventuell doch eine Möglichkeit zur Flucht. Er war von Tippu-Tin zusammen mit den engsten Gefolgsleuten in die madagassische Hauptstadt Tanarivo mitgenommen worden. Dort hatten sie einen jungen Franzosen namens Henri Bouillier getroffen, ungefähr gleich alt wie er, der offensichtlich die finanziellen Belange der Piraten verwaltete. Dort hatte Luc zum ersten Mal erfahren, dass auch sein Vermögen, das bereits zu einer ansehnlichen Summe herangewachsen war, von diesem Treuhänder verwaltet wurde. Luc wurde den Eindruck nicht los, dass Bouillier die Verbindung zu Tippu-Tin nicht geheuer war. Bestimmt heiligte ein gutes Honorar die Dienste, die er für sie tätigte. Interessant war seine Reaktion gewesen, als er Luc gesehen und erfahren hatte, dass dieser Haudegen von Seemann neu zur Crew gehörte und sehr gute Arbeit leistete. Spätestens nach seiner Feststellung, dass Luc auch Franzose war, hatte er sein Interesse offen bekundet.
„Oh, auch Franzose, sehr schön. Ich würde mich freuen, mit Ihnen, Monsieur Luc, noch ein paar Worte über unsere Heimat auszutauschen.“ Er blickte zu Tippu-Tin, als müsste dieser die Einwilligung dazu geben, aber schon antwortete Luc selbst: „Welch gute Idee. Das würde auch mich sehr freuen, war ich doch bereits etliche Jahre der Heimat fern. Vielleicht könnten Sie mich auf den aktuellen Stand bringen.“ Ein Lächeln umspielte seine Gesichtszüge.
„Nun, diese Gelegenheit bestünde heute Abend im Hotel beim Abendessen, meine Herren!“, beendete Tippu-Tin griesgrämig das Treffen, stand auf, reichte Bouillier die Hand und signalisierte seinen Leuten, ihm zu folgen. Leider ergab sich am Abend nicht, wie von Luc erhofft, eine Gelegenheit, unter vier Augen mit Bouillier zu sprechen, denn immer war eine dritte Person zugegen – von Tippu-Tin so gesteuert? Er wusste es nicht, wollte aber auch keinen Verdacht wecken. Schon gar nicht in Anwesenheit seines Erzrivalen Sofolo. Einzig, als sie sich zufällig auf dem Weg zur Toilette begegneten, eröffnete Bouillier kurz das Gespräch: „Ihr Vermögen ist schon ganz ordentlich angewachsen. Was wollen Sie eigentlich mit dem Haufen Geld anfangen?“
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Der Mythos rankt sich um drei faszinierende Persönlichkeiten, die das Schicksal von Madagaskar geprägt haben sollen: ein gebildeter Franzose namens Misson, der Dominikaner-Pater Caraccioli und der draufgängerische Kapitän Louis Gabriel aus Marseille. Der Ursprung dieser Geschichten führt nach Rom, wo Misson und Caraccioli sich 1690 begegneten und beschlossen, gemeinsam in die Karibik zu segeln, um Jagd auf Piraten zu machen. Für dieses riskante Abenteuer engagierten sie den kühnen Kapitän, der über Seeerfahrung und Unerschrockenheit verfügte.
Auf ihrer Reise kaperten sie Schiff um Schiff, machten auf den Komoren Halt, kämpften an der Küste Mosambiks und vergrößerten stetig ihre Mannschaft. Ihr Traum von einer Republik, in der Piraten frei und brüderlich leben könnten, führte sie zur Bucht von Diego Suarez im Norden von Madagaskar. Dort schufen sie einen versteckten Schlupfwinkel mit 40 Kanonen zur Sicherung der Einfahrt. Eine Stadt, eine Werft und ein Vorratslager entstanden und in wenigen Monaten beherbergte Libertalia, eine der ersten Demokratien der Neuzeit, 600 Piraten.
Dieses utopische Staatswesen endete allerdings bald im Chaos. Zwei Versionen des Untergangs existieren: Entweder griff die französische Flotte die Stadt an, als die meisten Piraten auf Kaperfahrt waren, oder die Ureinwohner metzelten alle Einwohner nieder und setzten Libertalia in Flammen.
Wie auch immer, die heimkehrenden Piraten bauten Libertalia nicht wieder auf, sie zogen weiter. Lediglich Kapitän Louis Gabriel überlebte auf der Insel Sainte Marie vor der Ostküste Madagaskars und verbreitete dort noch jahrelang Angst und Schrecken zur See. Ein von seiner begeisterten Gefolgschaft errichteter Gedenkstein erinnert an seine Beliebtheit und die heroische Piraten-Epoche.
Prolog I
1879–1918
Der Nachthimmel zeigte sich im Herbst 1879 in finsterem Schwarz, ohne Mond und Sterne. Einzig die abgedeckte Decksbeleuchtung beim Steuermann ließ die Konturen der Handelsfregatte rund ums Kartenhaus schemenhaft erkennen. Breitbeinig, die stampfenden Bewegungen des Schiffs ausgleichend, stand der 29-jährige erste Offizier, Luc Gabriel, auf dem Achterdeck und lauschte dem Meeresrauschen. Der Wind knarrte in den Masten und Spieren. Den Blick nach Südwesten gerichtet, beobachtete er das bedrohliche Wetterleuchten. Die Nase im stetig wehenden Nordostpassat, der die Segel füllte, spürte er die rasante Fahrt des Schiffs. Seine Stimmung war schlecht und Sorgenfalten zeigten sich auf seinem Gesicht. Nicht das Wetterleuchten oder die pechschwarze Nacht bereitete ihm Unruhe. Als Mitglied einer jahrhundertealten Seefahrerdynastie war er den harten Elementen der See gewachsen. Vielmehr machte ihn die Route, die sie auf dem Weg nach Durban durchkreuzen mussten, unruhig. Der Kapitän hatte entschieden, die Straße von Mosambik zu meiden und stattdessen der Ostseite von Madagaskar zu folgen. Luc konnte diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Sainte Marie, die von Gerüchten und abenteuerlichen Schauermärchen umrankte Pirateninsel an der Ostseite von Madagaskar, war gefährlich. Von der Handelsgesellschaft, für die sie segelten, waren sie ausdrücklich davor gewarnt worden. Der Kapitän hatte den Kurs festgelegt, war in seine Kabine zurückgekehrt und hatte es dem ersten Offizier überlassen, eine sichere Durchfahrt zu gewährleisten. Luc hätte das Unwetter direkt durchsegeln wollen, auf einem für ihn weniger gefährlichen Weg. Aber Befehl war Befehl! Er konnte und wollte sich nicht widersetzen, nicht vor der Mannschaft. Seine Karriere und sein Ruf als ergebener Offizier hingen davon ab. Luc träumte davon, selbst Kapitän eines Handelsschiffs zu werden, und da war Befehlsverweigerung keine Option.
Seufzend begab sich Luc zu einer weiteren Runde an Deck. Das Achterdeck wurde zuerst abgeschritten, dann setzte er seinen Weg steuerbordseitig fort. Er überprüfte die Segelstellung, kommunizierte mittschiffs mit dem Matrosen im Topp und stellte so sicher, dass dieser weiterhin wachsam nach Schiffen Ausschau hielt und jegliche Entdeckungen sofort meldete. Schließlich erreichte er den Bug, wo er eine Weile verweilte. Trübsinnig und in Gedanken versunken, setzte Luc seinen Rundgang zurück zum Kartenhaus auf der backbordseitigen Route fort. Seine Stimmung und eine unheilvolle Vorahnung begleiteten ihn weiter. Am Kartenhaus angekommen, bestätigte er den vorgegebenen Kurs beim Steuermann und entschied sich, einen zusätzlichen Ausguck im Bug zu postieren, um mögliche Kontakte zu anderen Schiffen frühzeitig zu erkennen. Die Stunden seiner Wache verstrichen ohne nennenswerte Ereignisse. Der Wind blies weiterhin konstant und in nahezu gleichbleibender Stärke. Angesichts der undurchdringlichen Wolkendecke konnte Luc die genaue Position des Schiffs nicht feststellen. Er musste bis zum Morgengrauen warten, um eine Peilung mit der Küste Madagaskars vorzunehmen, doch dazu sollte es nicht kommen. Erste helle Schimmer am östlichen Horizont kündigten bereits den neuen Tag an.
Plötzlich riss ein Ausruf des im Toppmast sitzenden Ausgucks Luc aus seinen trübsinnigen Gedanken: „Schiff, Steuerbord voraus – keine Flagge, aber die Form lässt auf ein Kaperschiff schließen!“ Luc eilte zur Steuerbordseite und erblickte tatsächlich ein schnittiges Kaperschiff, das unter Vollzeug rasch auf sie zukam. Keine Flagge! Luc ahnte Schlimmes. Sofort ließ er den Kapitän durch den diensthabenden Fähnrich wecken und ordnete das Setzen zusätzlicher Segel an. Ein neuer Kurs wurde befohlen, um das Kreuzen mit dem anderen Schiff zu vermeiden und an Fahrt aufzunehmen. Durch das Fernrohr blickend, sah Luc jedoch nichts Beruhigendes: Eine grimmig bewaffnete Meute säumte die Reling des Kaperschiffs. Diese hatte die Kursänderung bemerkt und reagierte mit einem eigenen neuen Kurs. Unterdessen erschien der verschlafene Kapitän an Deck und Luc erläuterte ihm die prekäre Lage und die ergriffenen Maßnahmen, wobei er wenig Zuversicht ausstrahlte. War der Punkt gekommen, an dem sie sich dem Unvermeidlichen ergeben mussten? Das Kaperschiff änderte erneut den Kurs und verringerte die Distanz weiter. Ein neuer Kurs, vom Kapitän angeordnet, verhieß wenig Hoffnung auf eine Verhinderung des drohenden Zusammenstoßes beider Schiffe. Die Absicht des Kaperschiffs war offensichtlich und ein Kreuzen der Kurse erschien unumgänglich. Ein erneuter Ruf des Matrosen im Masttopp verschärfte die Situation dramatisch: „Piratenflagge soeben gehisst!“ Luc konnte den bedrohlich flatternden, schwarzen Totenkopf auf rotviolettem Grund am Topp des Kaperschiffs erkennen. Selbst eine von ihm vorgeschlagene Änderung zu einem Zickzack-Kurs änderte nichts an der ausweglosen Lage, in der sich das Frachtschiff befand. Das Kaperschiff näherte sich gefährlich, die Rufe der blutrünstigen Piraten waren unüberhörbar. Schließlich ließ der Kapitän die Segel streichen und befahl, sich zu bewaffnen und dem bevorstehenden Entern der Piratenmeute entgegenzutreten. Nach wenigen Minuten kam das Kaperschiff längsseits. Enterhaken verkeilten sich knirschend in der Reling, Holzsplitter spritzten und beide Schiffe krachten hart zusammen. Luc stand bewaffnet mit Pistole und Säbel im Bug, während der Kapitän auf dem Achterdeck von zahlreichen Matrosen flankiert wurde. Unter lautem Kampfgebrüll enterten die Piraten das Handelsschiff und die Hölle brach los! Es entwickelte sich ein harter, heroischer, aber kurzer und ungleicher Kampf. Luc verteidigte den Bugbereich, solange es ging, doch die Übermacht der Piraten war erdrückend. Es war wie beim Kampf gegen die Hydra: Kaum erledigte man einen Piraten, tauchten bereits zwei neue auf. Zwischendurch blickte Luc zum Achterdeck, wo der Kapitän von Piraten umzingelt den Befehl zur Kapitulation gab.
Von grimmig grinsenden Piraten entwaffnet, wurden sie zusammengetrieben. Erst jetzt realisierte Luc den hohen Blutzoll. Von der ursprünglich 30-köpfigen Crew waren nur noch acht übrig, darunter der Kapitän und er selbst. Ein schmächtiger, glatzköpfiger Anführer erschien. Er gab einige Befehle und zwei Piraten begaben sich in Richtung der Kapitänskajüte, bevor er sich Luc und dem Kapitän zuwandte. Zu ihrer Überraschung sprach er sie auf Französisch mit holprigem Akzent an: „Nun, meine tapferen Herren Offiziere, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Tippu-Tin. Ich bin der Anführer der Piraten auf Sainte Marie.“
Er machte eine Pause und ließ seine Worte auf die Besatzung des Handelsschiffs wirken. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte er spöttisch.
„Ich bin Francois Borel, der Kapitän, und das ist mein erster Offizier!“, erwiderte der Kapitän mit heiserer Stimme und Schweißperlen im Gesicht.
Die Sonne ging gerade im Osten über dem Horizont auf und tauchte die Szenerie in ein goldgelbes Glühen. Auch Lucs Kopf fühlte sich heiß an vom Kampf und er beobachtete, wie zwei Piraten ein Seil mit Galgenknoten hervorholten und über den Baum des Großmasts warfen – die Absicht war glasklar, es schien, als hätte ihre letzte Stunde geschlagen. Doch so schnell wollte er sich nicht geschlagen geben. Was sollte er unternehmen? War das nun sein Ende? Jetzt galt es, einen kühlen Kopf zu bewahren, und er machte sich Gedanken, wie er ungeschoren aus dieser ausweglosen Situation herauskommen konnte. Aus zahlreichen Geschichten war ihm klar, dass die gesamte Mannschaft, zuerst der Kapitän, dann er und anschließend der Rest der Crew, aufgehängt würden. Schön der Rangordnung folgend. Piraten machten grundsätzlich keine Gefangenen; sie waren nur an der Ladung interessiert – Piraten eben.
„Was haben die Herren geladen, wenn ich fragen darf?“
Weder er noch der Kapitän machten Anstalten, zu antworten.
Der Piratenanführer trat ganz nah an den Kapitän heran, schaute ihm grimmig lächelnd ins Gesicht und wartete geduldig. Die Situation war aufs Äußerste angespannt.
„Haben die Herren meine Frage nicht verstanden?“, schrie er sie plötzlich unbeherrscht an. „Nun, wir können auch selbst nachschauen. Für Sie habe ich leider keine Verwendung, wobei der kühne Versuch, uns zu entkommen, auf taktisches Segelhandwerk schließen lässt und meine Bewunderung verdient!“
Er ließ seinen fragenden Blick zu Luc wandern. Es schien, als hätte er gerne gewusst, wer verantwortlich war für das kurze, dennoch zähe Verfolgungsduell. Ein kurzes Nicken des Anführers genügte und schon packten drei Piraten den Kapitän, zwangen seinen Kopf durch die Schlinge und zogen ihn hoch. Luc zuckte zusammen und wollte seinem Vorgesetzten zu Hilfe kommen, wurde aber von eisenharten Griffen um die Oberarme gehindert. Zappelnd und um Luft ringend hing Borel am Galgen. Es war grauenhaft, das mitansehen zu müssen. Nach kurzem Kampf erschlaffte der Körper. Luc wusste, er würde der Nächste sein. Was sollte er unternehmen? Hatte er überhaupt noch eine Chance?
Die beiden Piraten, die zur Kapitänskajüte gerannt waren, kehrten mit einem Stapel Papier, wahrscheinlich den Frachtpapieren, zurück und überreichten sie dem Anführer. Er studierte sie kurz und eine große Zufriedenheit zeichnete sich auf seinen Gesichtszügen ab, erkennbar an einem breiten Grinsen. „Leute, hört zu“, rief er mit lauter Stimme aus, „wir haben offensichtlich einen wertvollen Fang gemacht!“ Lautes Gebrüll der Piraten folgte, sie klopften sich zufrieden auf die Schultern und schwenkten bedrohlich ihre Waffen. Lucs Gemütslage verschlechterte sich zusehends und er musterte die hoffnungslosen Gesichter seiner verbliebenen Matrosen. Was würde als Nächstes passieren? Alle Blicke waren gespannt auf den Piratenanführer gerichtet. Er schnüffelte weiter in den Unterlagen. Hoffte er, noch weitere Schätze zu finden?
Plötzlich erhellte sich sein Blick. Offensichtlich hatte er etwas Interessantes entdeckt. Was war es? Langsam schritt er zu Luc und schaute ihm direkt ins Gesicht: „Wie heißt du? Der Kapitän hat vergessen, deinen Namen zu erwähnen.“ „Ich heiße Luc, Luc Gabriel, und bin, wie gesagt, der erste Offizier!“, antwortete er mit Stolz in der Stimme. „Lass den Rest meiner Crew am Leben, begnüge dich mit der Hinrichtung der Offiziere!“, schloss Luc mit fester Stimme.
„Soso, Gabriel ist also dein Name, interessant, höchst interessant!“
Der Hauch eines Lächelns und Wissens umspielte sein von Falten zerfurchtes Gesicht. „Deine Opferbereitschaft ist äußerst nobel, aber auch dumm und für mich ohne Belang!“, schloss er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Eine definitive Entscheidung schien gefallen zu sein und er wandte sich einem einheimisch aussehenden Piraten zu, auf dessen Stirn sich eine auffällige Narbe zeigte: „Sofolo, übernimm du das Kommando hier, richtet die Crew hin – und den hier“, er zeigte auf Luc, „nehmt gefangen und bringt ihn zu mir aufs Schiff. Die Fregatte erwarte ich umgehend im Hafen, damit die Ladung gelöscht werden kann!“
„Aye aye!“, bestätigte Sofolo den Befehl ohne die kleinste Regung im Gesicht.
Luc wurde daraufhin von zwei kräftigen Piraten an den Händen gefesselt, unsanft gepackt und aufs Kaperschiff gebracht. Ein letzter verzweifelter Blick zurück zu seiner verängstigt dreinschauenden Crew und schon wurden sie von einer johlenden, blutgeilen Piratenmeute unter irrem Geschrei, Säbel schwingend, massakriert. Luc verstand nicht, wie ihm geschah. Was sollte das nun? Schon bald jedoch sollte er vom Piratenanführer den Grund für die wundersame Rettung seines Lebens erfahren.
Zwei Jahre waren bereits seit seiner Gefangennahme vergangen. Oder sollte er ‚seit seiner Rettung‘ sagen? Luc Gabriel stand breitbeinig auf dem Achterdeck seines Schiffs. Er genoss die stetig wehende Brise und die wärmenden Sonnenstrahlen. Als Kapitän mit eigener Crew auf einer ehemaligen Handelsfregatte, bestückt mit schweren Kanonen, gehörte er nun zur erweiterten Piratenflotte des berüchtigten Tippu-Tin. Der Mann, der ihn nicht hinrichten, sondern gefangen nehmen lassen hatte, war DER Anführer – nicht nur der Piraten auf Sainte Marie, sondern auch der Sklavenhändler der Region. Luc verdankte ihm seine Rettung, basierend auf Tippu-Tins Annahme, dass er ein Nachkomme des berühmten Piraten Louis Gabriel sein müsse. Dieser Piratenvorfahre sollte im 17. Jahrhundert sein Unwesen getrieben und den Grundstein des Piratennests auf Sainte Marie gelegt haben. Schauerlich! Luc wusste nichts von einem solchen Vorfahren. Das war aber der Grund dafür, dass Tippu-Tin ihn vor die Entscheidung seines Lebens gestellt hatte: Entweder konvertierte er zum Piraten und zeigte sich seiner vermeintlichen Vorfahrensgeschichte würdig oder Tippu-Tin würde seine Hinrichtung sofort veranlassen. Tippu-Tin hatte sich genüsslich in den Stuhl sinken lassen und geduldig auf Lucs Antwort gewartet.
Es war eine existenzielle Wahl gewesen. Luc wollte leben, das war klar, aber in Madagaskar und der Region Ostafrikas zu bleiben, fern der Heimat Frankreich, und ein Teil dieser mordenden Meute zu werden, war nicht gerade verlockend und nicht das, was sich Luc für seine Zukunft vorstellte. Schließlich träumte er von Frau und Familie. Ganz zu schweigen von den Konsequenzen, falls die Kolonialmächte Frankreich, Großbritannien oder Deutschland, die hier aktiv waren, das Piratennest vernichteten und alle gefangen nahmen oder hinrichteten. Somit hatte sich Luc für das Leben entschieden – über eine spätere Flucht konnte er sicherlich jederzeit nachdenken.
„Ich hoffe, du zeigst dich deiner Piratenvorfahren würdig, und vergiss nie, mein Arm reicht weit, sehr weit, und ich kann dir dein Leben jederzeit nehmen, solltest du dich als illoyal erweisen!“, sicherte der hämisch grinsende Tippu-Tin sich feierlich die Gefolgschaft Lucs zu. Überdies würden für ihn große Gewinne und Schätze anfallen. Tippu-Tin versprach, ihn zu einem reichen Mann zu machen.
Er war schon ein seltsamer Typ: arabischer Abstammung aus dem Sultanat Oman, grausam und gnadenlos auf der einen Seite, großherzig und verschwenderisch auf der anderen. Wahrscheinlich musste er beides sein, um diese Piratenmeute zu beherrschen und eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten: Zuckerbrot und Peitsche! Gefolgschaft oder Tod! Luc verdankte diesem schauerlichen Mann nicht nur seine Rettung, basierend auf einem Mythos, sondern er genoss auch eine gewisse Gunst, die Tippu-Tin ihm entgegenbrachte. Andernfalls wäre er nicht so schnell zum Kapitän geworden und hätte Sofolo, der scheinbar die rechte Hand von Tippu-Tin war, übertroffen. Diese Gunst wollte er nicht fahrlässig verspielen. Deshalb stellte er vorerst seine Fähigkeiten voll und ganz in den Dienst des Piratenführers. Einzig die Eifersucht, die Missgunst und der offen zur Schau gestellte Hass Sofolos bedeuteten für Luc immer wieder eine Herausforderung. Er musste ihn im Auge behalten; ein Fehler von Luc und er würde von Sofolo bei Tippu-Tin gnadenlos angeschwärzt oder noch schlimmer denunziert. Aber Lucs Führungsstil, sein Ideenreichtum und seine Segelfähigkeiten erwiesen sich als große Vorteile. Kein Kapitän der Piratenflotte war ihm ebenbürtig und so hatte er sich Sofolos Wut bis jetzt vom Leibe halten können.
Eben, als sie sich querab zum Cap Est auf Südkurs befanden, hatten sie eine dieser für die Region berüchtigten Gewitterwolken passiert. Der Regen war in wahren Sturzfluten über dem Schiff niedergegangen. Die Decksbalken schimmerten in der auftauchenden gleißenden Sonne wie ein goldenes Vlies. Ein Geruch nach Frische, Meer und nassem Holz war zu vernehmen. Es schien, als würden sie das Piratennest doch noch wie vorgesehen kurz vor Sonnenuntergang erreichen, was Luc recht war. Er wollte der Crew Ruhe gönnen und erst am darauffolgenden Tag Bericht erstatten müssen. Einmal mehr befanden sie sich auf dem Rückweg von Sansibar, wo er die Sklaven abgeliefert hatte, zum Stützpunkt auf Sainte Marie. Einheimische Führer, ein berüchtigter war anscheinend mit Sofolo verwandt, rekrutierten jeweils ganze madagassische Völkerstämme und zwangen sie zur Sklaverei, um sie Tippu-Tin zu verkaufen. Dieser organisierte mit seiner Piratenherrschaft den Verkauf an den Sultan von Sansibar und weiter an den Sultan von Oman. Es war ein grausiges, menschenverachtendes Geschäft, bei dem viel, sehr viel Geld verdient wurde. Auch Luc bereicherte sich erheblich daran. Darum hasste er sich zuweilen und brachte sich zunehmend widerwillig ein. Es war langsam an der Zeit, sich eine mögliche Flucht auszudenken. Oder war es noch zu früh? Riskierte er, von den Piraten erneut geschnappt zu werden? Es gab kaum Gelegenheit zur Flucht. Wann und wo war der beste Zeitpunkt? An wen sollte er sich wenden? Solange er entweder Raubzüge auf See befehligte oder Sklaven nach Sansibar brachte, befanden sich immer loyale und von Tippu-Tin abhängige Leute um ihn herum. Auf dem Schiff, im Piratennest auf Sansibar oder Sainte Marie. Nie war er wirklich allein. Tippu-Tin achtete exakt darauf, Luc immer eingebunden im Piratennetz operierend zu wissen. Nur einmal, vor einem halben Jahr, hatte er das erste Mal das Gefühl gehabt, es gäbe eventuell doch eine Möglichkeit zur Flucht. Er war von Tippu-Tin zusammen mit den engsten Gefolgsleuten in die madagassische Hauptstadt Tanarivo mitgenommen worden. Dort hatten sie einen jungen Franzosen namens Henri Bouillier getroffen, ungefähr gleich alt wie er, der offensichtlich die finanziellen Belange der Piraten verwaltete. Dort hatte Luc zum ersten Mal erfahren, dass auch sein Vermögen, das bereits zu einer ansehnlichen Summe herangewachsen war, von diesem Treuhänder verwaltet wurde. Luc wurde den Eindruck nicht los, dass Bouillier die Verbindung zu Tippu-Tin nicht geheuer war. Bestimmt heiligte ein gutes Honorar die Dienste, die er für sie tätigte. Interessant war seine Reaktion gewesen, als er Luc gesehen und erfahren hatte, dass dieser Haudegen von Seemann neu zur Crew gehörte und sehr gute Arbeit leistete. Spätestens nach seiner Feststellung, dass Luc auch Franzose war, hatte er sein Interesse offen bekundet.
„Oh, auch Franzose, sehr schön. Ich würde mich freuen, mit Ihnen, Monsieur Luc, noch ein paar Worte über unsere Heimat auszutauschen.“ Er blickte zu Tippu-Tin, als müsste dieser die Einwilligung dazu geben, aber schon antwortete Luc selbst: „Welch gute Idee. Das würde auch mich sehr freuen, war ich doch bereits etliche Jahre der Heimat fern. Vielleicht könnten Sie mich auf den aktuellen Stand bringen.“ Ein Lächeln umspielte seine Gesichtszüge.
„Nun, diese Gelegenheit bestünde heute Abend im Hotel beim Abendessen, meine Herren!“, beendete Tippu-Tin griesgrämig das Treffen, stand auf, reichte Bouillier die Hand und signalisierte seinen Leuten, ihm zu folgen. Leider ergab sich am Abend nicht, wie von Luc erhofft, eine Gelegenheit, unter vier Augen mit Bouillier zu sprechen, denn immer war eine dritte Person zugegen – von Tippu-Tin so gesteuert? Er wusste es nicht, wollte aber auch keinen Verdacht wecken. Schon gar nicht in Anwesenheit seines Erzrivalen Sofolo. Einzig, als sie sich zufällig auf dem Weg zur Toilette begegneten, eröffnete Bouillier kurz das Gespräch: „Ihr Vermögen ist schon ganz ordentlich angewachsen. Was wollen Sie eigentlich mit dem Haufen Geld anfangen?“
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