Memento Mori
Der gefallene Adler
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 530
ISBN: 978-3-7116-0530-6
Erscheinungsdatum: 19.05.2025
Die Geschichte Roms ist die Geschichte großer Männer. Einer davon, der in der Geschichte oft nur als Randnotiz auftritt, ist Majorian, welcher einen letzten Versuch unternimmt, den Untergang des römischen Reiches abzuwenden und es zu neuem Glanz zu führen.
Rom, Italien, 455 n. Chr.
Sechzig Jahre nach der Teilung in das West- und Oströmische Reich steht das Westreich am Rande des Abgrundes. Andauernde Bürgerkriege und der schwelende Konflikt zwischen den Anhängern des Christengottes und jenen, die den alten Göttern und Bräuchen folgen, haben die Macht der Zentralregierung geschwächt. Barbarenstämme sind in das Reich eingebrochen und teilen die Provinzen und Reichtümer unter sich auf. Schwache Kaiser regieren im Schatten mächtiger Heermeister, denen ihr eigener Machterhalt mehr am Herzen liegt als die Geschicke des Reiches. Die große Bedrohung durch Attila und seine Hunnen haben die Grundfesten des römischen Reiches erschüttert und zerstört. Nun, da sich dieser Sturm gelegt hat, blicken die Römer einer ungewissen Zukunft entgegen. Ein starker Mann an der Spitze des Reiches könnte die Barbarenvölker unterwerfen und das Reich zu neuer Blüte führen. Doch ein solcher Mann ist nicht in Sicht.
Einleitung
Rom, Ende März, 455 n. Chr.
Mühsam kämpften sich die ersten Sonnenstrahlen des Tages durch die dicke Nebeldecke, jener Nebel, der die ewige Stadt bereits seit Tagen in seinem festen und eisigen Griff hielt. Das Volk selbst merkte jedoch wenig vom Sonnenaufgang. Gerade einmal jene Bewohner, die das Glück hatten, die höheren Ebenen jener sieben legendären Hügel zu bewohnen, konnten sich an den warmen Sonnenstrahlen erfreuen. In den dichtgedrängten Straßen jedoch würden die grauen Nebelschwaden noch länger verweilen. Hier, wo der Lärm der Stadt am größten und die Menschen am dichtesten nebeneinander lebten, hatte der Tag bereits vor Stunden begonnen. Etliche Waren für die diversen Geschäfte waren bereits im Laufe der vergangenen Nacht angeliefert worden, so dass die Händler bereits vor Sonnenaufgang lautstark ihre Produkte anpreisen konnten. Fische, Gemüse, Wein, Sklaven, aber auch Dienstleistungen wie Glücksspiel oder Sex, alles Mögliche wurde in den engen Straßen der Stadt angeboten. Hunde streunten durch die mit Kopfsteinpflaster bepflasterten Gassen und versuchten, den einen oder anderen Leckerbissen zu erhaschen. Bettler drängten sich um die Tore der Kirchen und baten um Almosen oder ein Stück Brot. Abseits der verschmutzen Gassen und vollen Läden erstreckte sich das andere Rom, das der breiten Plätze, Monumente, öffentlichen Bäder und prächtigen Villen. Auch wenn der Senat längst seine Bedeutung für die Leitung des Reiches verloren hatte und die Kaiser sich nur noch wenig um die Entscheidungen dieses ehrwürdigen Gremiums kümmerten, so bestand diese alte Institution dennoch fort. Regelmäßige Sitzungen und Debatten sorgten dafür, dass das politische Leben in der Stadt nicht vollends erlosch. Die Kaiser residierten zu dieser Zeit nur noch selten in Rom, zumeist befand sich der kaiserliche Hof im fernen Ravenna in Norditalien. Allgemein betraten die Kaiser nur noch selten die Hauptstadt des Reiches. Und noch seltener den Senat.
Jedoch nicht an diesem kühlen Märzmorgen. Denn für jene Senatssitzung, die zur Mittagsstunde beginnen sollte, hatte Kaiser Valentinian III. sein Erscheinen angekündigt.
„Sagt mir, Heraclius, wieso soll ich noch einmal einer unnötigen Sitzung alter Männer beiwohnen?“, fragte Valentinian gelangweilt, während er aus dem warmen Badewasser stieg.
Sofort eilten zwei junge Dienerinnen mit großen weißen Tüchern herbei und begannen, den Herrscher der halben römischen Welt trockenzureiben.
„Der Senat hat vor, heute über das neue Steuergesetz zu beraten, welches Ihr vor wenigen Wochen höchstselbst veranlasst habt, ehrenwerter Kaiser. Und Ihr, sofern Ihr mir gestattet, Euren göttlichen Geist daran zu erinnern, habt dem Senat im einundzwanzigsten Jahr Eurer gesegneten Regentschaft zugesichert, die Rolle, die er bei der Führung des Reiches spielt, zu achten“, antwortete der Eunuch sanft.
„Ja, aber das war doch nur so dahingesagt, damit diese senilen Greise sich noch ein letztes Mal wichtig fühlen dürfen, bevor sie aus dieser Welt scheiden!“, beschwerte sich Valentinian genervt, während seine Augen gebannt den Händen der jungen Dienerin folgten, die gerade dabei war, ihm die Innenseite seiner Oberschenkel trockenzureiben.
„Das mag schon sein, oh erhabener Augustus, dennoch habt Ihr dem Senat Euer Wort gegeben, seine Entscheidungen zu respektieren. Und auch, dass Ihr, zumindest in unregelmäßigen Abständen, einer Senatssitzung beiwohnen werdet“, entgegnete Heraclius demütig.
„Aber ich habe kein Verlangen danach, mich mit den Beschwerden und dem Gejammer dieser verstaubten Narren auseinanderzusetzen“, erwiderte der Kaiser schroff.
Es war eine leidige Diskussion, die Heraclius schon zur Genüge kannte. Seit über dreißig Jahren, seit er ein kleiner Knabe von sechs Jahren war, saß Valentinian auf dem Thron des Weströmischen Reiches. Er war es daher gewohnt, dass ihm jeder seiner Wünsche erfüllt wurde und alles seinem Willen Folge leistete. Vermutlich verhielt er sich deswegen noch manchmal wie einer jener Knaben, denen ihre Mutter ihr geliebtes Spielzeug verwehrte.
„Es gehört zu den Pflichten eines Herrschers, sich auch den unangenehmen Dingen zuzuwenden“, fuhr Heraclius mit sanfter Stimme fort.
Valentinian schwieg, seine Augen weiterhin auf das Mädchen zu seinen Füßen gerichtet.
„Nun gut, hoffentlich dauert es nicht zu lange“, sagte der Kaiser schließlich, während er mit seiner rechten Hand sanft über die Wange der vor ihm knienden Dienerin strich. „Nie hat man auch nur Zeit, das Leben zu genießen. Bringt mir mein Gewand, Heraclius!“
Das Mädchen zuckte zusammen und wandte ihr Gesicht erschrocken ab.
„Wie Ihr wünscht, oh Göttlicher!“, antwortete der Eunuch und klatschte in die Hände.
Sofort sprang die Dienerin auf und verließ gemeinsam mit dem anderen Mädchen den Raum.
„Sie gefällt mir. Sorgt dafür, dass sie heute Abend gebadet in meinem Schlafgemach auf mich wartet“, blickte der Kaiser den beiden nach.
Heraclius nickte, während zwei andere Diener den Raum betraten und damit begannen, den Kaiser in seine Gewänder zu kleiden. Sie hüllten ihn in eine weiße Tunika und begannen ihm einen prächtigen Brustpanzer aus Eisen anzulegen. Dazu kamen festlich verzierte Beinschienen. Der Kaiser sollte wie einer jener Legionäre aussehen, die für ihn in die Schlachten zogen. Außerdem diente die Rüstung einem praktischen Schutz.
„Also wirklich, muss das sein?“, beschwerte sich Valentinian.
„Leider ja, göttlicher Augustus. Bedenkt nur, wie viele Eurer Vorgänger auf grausame Weise den Tod gefunden haben“, belehrte Heraclius. „Ihr wollt doch nicht enden wie so viele augusti vor Euch?“
„Die letzte Gefahr für meinen Thron ist mit Aetius im vergangenen Jahr gestorben! Vergesst nicht, ich habe diesen machthungrigen Verräter eigenhändig erschlagen!“, rief der Kaiser wütend aus.
Wie konnte Heraclius das nur vergessen. Immerhin war er es, der dem Kaiser geholfen hatte, den mächtigen magister militum Flavius Aetius, den obersten Heerführer des Reiches, zu töten. Fast hätte er damals Mitleid mit dem völlig überraschten General gehabt, als der Kaiser, völlig von Wut und Wahn zerfressen, von seinem Thron aufgesprungen war und den Bezwinger der Hunnen eigenhändig mit seinem Schwert erschlug. Wie ein Schwein, das vom Bauern abgestochen und zum Ausbluten liegen gelassen wurde, lag der alte Feldherr damals auf dem mit Marmor verkleideten Palastfußboden. Eine schreckliche Tat, aber eine notwendige, um seinen Rivalen um die Gunst des Kaisers auszuschalten. Nie zuvor in der blutigen Geschichte Roms hatte ein Kaiser seinen obersten Militär eigenhändig ermordet. Auch der Eunuch selbst hatte sich mit seinem Dolch an der Bluttat im Palast beteiligt.
Heraclius grinste still in sich hinein. Er konnte zu Recht stolz sein. Immerhin hat er die Saat des Misstrauens über Jahre hinweg in die Ohren Valentinians gepflanzt. Und mit dem Tod Aetius war sein letzter großer Rivale ausgeschaltet worden. Seit jenem Septembertag vor einem halben Jahr war er es, der den Kaiser nach seinem Willen beeinflussen konnte und faktisch damit die halbe römische Welt regierte.
„Nein, heute nicht. Heute verzichte ich auch den Brustpanzer!“, entschied Valentinian.
Heraclius musste sich fügen. Ein kleiner, verwöhnter Knabe, der unbedingt einen süßen Apfel möchte und jedes Mal seinen Wunsch erfüllt bekam.
„Wie Ihr wünscht, mein Kaiser“, schmeichelte der Eunuch ihm.
„Immerhin steht noch eine Truppenbesichtigung an, wenn ich mich recht entsinne. Der Schutz meine Garde wird mir genügen!“, sagte Valentinian entschlossen, während die Diener ihm den Harnisch wieder abnahmen und ihn in eine purpurfarbene Toga kleideten.
Heraclius nickte. Er wusste, dass dies das Zeichen war, sich zurückzuziehen. Er verbeugte sich kurz und ließ den Kaiser allein, während er fertig angekleidet wurde.
Ein leichter Wind hatte den dicken Märznebel vertrieben und die warmen Strahlen der Frühlingssonne wärmten Heraclius’ Gesicht, als er der kaiserlichen Sänfte in Richtung Campus Martius, dem berühmten Marsfeld, folgte. Vorneweg ritt ein praefectus, welcher die Prozession kommandierte. Anschließend folgten sechs Reiter der kaiserlichen Garde sowie die Standartenträger, ebenfalls zu Pferd. Auch wenn Heraclius kein Freund des Militärs war, so war er jedoch der Meinung, dass dieses Schauspiel höchst bemerkenswert war – und gut für die Meinung des Pöbels über ihren Herrscher. Solche Prozessionen signalisierten Stärke und Macht des Kaisers und spiegelten somit auch seine, Heraclius’ Macht wider. Die kaiserliche Sänfte wurde von acht Sklaven, vier vorne und vier hinten, getragen. Hätte sich der Kaiser doch nur entschlossen, statt der Sänfte das Pferd zu besteigen. Ein Kaiser, der an der Spitze einer Kavallerieeinheit durch die Stadt ritt, hätte sowohl auf das Volk als auch auf den Senat mehr Eindruck gemacht als ein Kaiser, der sich hinter Vorhängen vor der Außenwelt versteckt. Doch Heraclius wusste, dass Valentinian kein Gespür für solche kleinen Details und die daraus resultierenden großen Wirkungen hatte. Ihm ging es nur um seine Annehmlichkeiten. Heraclius selbst folgte der Sänfte zu Pferd, flankiert von zwei seiner Beamten. Den Schluss bildeten wieder sechs Reiter der Palatinawache. Hinter ihnen, nicht mehr als Teil der Prozession, folgten einige Sklaven, welche Speisen, Wein sowie das kaiserliche Pferd mit sich führten.
Die Sonne wurde mit jedem Tag stärker, der Frühling würde bald Einzug halten, nicht einmal eine Wolke stand am Himmel.
„Es könnte noch ein richtiger Frühlingstag werden“, dachte Heraclius, „Vielleicht werde ich mich heute Abend, nachdem der Kaiser sich mit der jungen Schlampe vergnügt hat, betrinken“
Verdient hätte er es sich, befand er. Aber zuerst hieß es, diesen lästigen Militärbesuch durchzustehen. Wenn doch nur schon Abend wäre.
Als sie sich durch die Straßen der ewigen Stadt ihren Weg zum Truppenübungsplatz bahnten, fiel Heraclius auf, dass das einfache Volk nicht wie sonst üblich den Kaiser mit Jubelrufen grüßte. Wahrscheinlich hatten sie von dem lächerlichen Gerücht gehört, dass der Kaiser die Frau eines Senators vergewaltigt hatte. Zwar hatte Heraclius versucht, das Gerücht sofort aus der Welt zu schaffen, aber das einfache Volk war schon immer hartnäckig, wenn es um solche schwerwiegenden Anschuldigungen ging. Das wusste der Eunuch. Aber sollen sie doch glauben, was sie wollen, der Pöbel ist nicht weiter wichtig für sein Ränkespiel, befand er schließlich. Viele Bürger warfen der kaiserlichen Prozession kalte Blicke zu. Solange kein faules Obst geworfen wurde, konnte Heraclius damit gut leben. Falls dem jedoch so sein sollte, so wusste er, würden die Soldaten ein Blutbad anrichten und den Ruf des Kaisers noch weiter verschlechtern.
Nach etwa dreißig Minuten erreichten sie das Marsfeld. Eine große, ebene Fläche, mindestens eine centura groß, erstreckte sich vor ihnen. Hier, am Stadtrand, sammelten sich in früheren Zeiten die römischen Legionen, bevor sie aufbrachen, um neue Länder zu erobern und fremde Völker zu unterwerfen. Und noch heute wird es als Truppenübungsplatz genutzt, wenn auch nicht mehr im so großen Stil wie einst. Der kommandierende praefectus gab ein Signal und sofort kam die ganze Prozession zum Stillstand. Wenn dieser elende Narr von Kaiser doch nur selbst geritten wäre, dachte Heraclius, dann würde er den Anwesenden jetzt den Anblick ersparen, wo er mühsam und schnaufend auf sein Pferd stieg. Ein unwürdiger Anblick, der die kaiserliche Würde noch mehr schädigen würde.
Auf dem Feld waren zwei Regimenter der kaiserlichen Palatinagarde, etwa eintausend Mann, angetreten, um vom Kaiser inspiziert zu werden und um die Durchschlagskraft einiger erbeuteter Hunnenbögen zu demonstrieren. Es wäre nicht verwunderlich, wenn der Kaiser in seinem kindlichen Leichtsinn selbst einen der Bogen ergreifen und damit einige Pfeile abschießen würde. Heraclius betete zu Gott, dass der Kaiser den Soldaten diese Peinlichkeit ersparen würde. Schon schlimm genug, dass Valentinian aufs Pferd steigen würde.
Ein Sklave trat an die Sänfte heran und öffnete die Vorhänge.
„Ach, sind wir schon da?“, fragte der Kaiser merklich verschlafen.
Zum Glück hat er geschlafen, schoss es Heraclius durch den Kopf, sonst wäre ihm aufgefallen, mit welcher kühlen Verachtung ihn das einfache Volk gestraft hatte.
Langsam stieg Valentinian aus seiner Sänfte und begann sich zu strecken. Heraclius ertappte sich dabei, wie er den Kaiser, nicht ohne eine gehörige Portion Sarkasmus, innerlich für sein qualvolles und anstrengendes Leben bedauerte. Kaum war der Herrscher aus seiner Sänfte gekrochen, hatten die Offiziere, die sich vor der Einheit aufgestellt hatten, die Hand zum römischen Gruß erhoben. Anstatt den Gruß jedoch zu erwidern, machte der Kaiser mit seiner rechten Hand nur eine müde Handbewegung, wie ein Bauer, der eine Fliege verscheuchen möchte. Heraclius wandte den Kopf ab. Valentinian mangelte es wahrlich an jenen Tugenden, die einen guten Kaiser ausmachten, etwa Disziplin und Gespür für den Moment. Vor wenigen Monaten hatte Heraclius die Möglichkeit, den östlichen Kaiserhof in Konstantinopel zu besuchen. Der dort residierende Kaiser, Flavius Markian, verkörperte alles, was Valentinian fehlte: Selbstsicherheit, Mut, Erhabenheit und Weitsicht, Eigenschaften, von denen sein Amtskollege im Westen nur träumen konnte.
„Nun denn, bringen wir es hinter uns!“, schnaufte Valentinian.
Heraclius wandte sich zu den Sklaven am hinteren Ende des Gefolges um und gab ein Handzeichen. Sofort kam ein Sklave mit einem weißen Hengst herangeschritten, des Kaisers Pferd. Doch Valentinian schickte ihn mit einem verächtlichen Schnaufen weg.
„Heute kein Pferd, du Idiot. Bring mir stattdessen einen Becher Wein! Ich habe Durst“, befahl der Kaiser wütend.
Der Sklave zog sich mit einer Verbeugung zurück, während ein anderer Diener dem Herrscher einen Becher falernum brachte. Der feinste Wein für den Feinsten aller Herrscher. Auch Heraclius war inzwischen von seinem Pferd abgestiegen und an den Kaiser herangetreten. Zwar hatte Valentinian ihm die Peinlichkeit eines Rittes auf einem Pferd, noch dazu ohne soldatische Kleidung, erspart, doch die Tatsache, dass er nun vor der Inspektion zu trinken begann, machte die Situation nicht besser.
„Mein Kaiser“, begann Heraclius, „ist es ratsam, vor dem Manöver mit dem Trinken zu beginnen? Was sollen Eure Soldaten von Euch denken?“
„Meine Soldaten lieben mich, egal, was ich mache!“, fuhr Valentinian ihn an und riss dabei dem Sklaven den Becher Wein aus der Hand. Der Kaiser leerte ihn in einem Zug.
„Richtige Soldaten müssen nicht nur kämpfen, sondern auch trinken können! Oder, Legionäre?“, rief der Kaiser.
Doch anstatt breiter Zustimmung oder gar Jubelrufe erntete Valentinian nur eisiges Schweigen.
„Seht Ihr, Heraclius? Meine Soldaten wissen, wie man sich einem Kaiser gegenüber zu benehmen hat. Wohl an, Tribun“, fuhr Valentinian, das Schweigen der Soldaten wohl als Zustimmung deutend, fort und wandte sich dabei einem der beistehenden Offiziere zu. „Lasst uns beginnen!“
Der Tribun schlug sich sofort mit der rechten Hand auf die Brust und grüßte erneut. Danach zeigte er mit der rechten Hand auf zwei Soldaten, die in der ersten Reihe standen, und schnippte mit den Fingern. Einen Augenblick später traten die Legionäre näher an die Prozession heran. Doch anstatt die Hand zum römischen Gruß zu heben, schlugen sie mit ihren Speeren, die sie in der rechten Hand hielten, auf den Schild in der anderen Hand. Valentinian erwiderte den Gruß mit einem stummen Nicken, dann nahmen die Gardisten ihre Position hinter Valentinian und Heraclius ein.
Langsam schritten die fünf Männer die Reihe der vor ihnen aufgestellten Soldaten ab. Der Tribun blieb immer wieder stehen und stellte dem Kaiser den einen oder anderen verdienten Legionär vor. Obwohl es Heraclius zuwider war, sich mit irgendwelchen Soldaten zu unterhalten oder auch nur Teil dieses Schauspieles zu sein, so konnte er doch seinen Widerwillen hinter seiner interessiert dreinblickenden Miene besser verbergen als sein Kaiser. Sein gelangweilter Blick und die immer wiederkehrende Aufforderung an den Sklaven, ihm einen Becher Wein zu reichen, hatte mehr Aussagekraft als jedes Wort aus seinem Mund.
Schließlich erreichte die kleine Gruppe das Ende der Soldatenreihe. Heraclius seufzte erleichtert auf. Bald würde dieser Akt vorbei sein. Zuvor noch keine kurze Vorführung der hunnischen Bögen, danach ging es für ihn zurück in den Palast, während sich der Kaiser in Richtung Senat aufmachen würde.
„Mein Kaiser, erlaubt Ihr mir, Euch die Legionäre Optila und Thraustila vorzustellen? Beide sind in der Kunst des Bogenschießens bewandert, wie es die Hunnen und andere Barbarenstämme praktizieren!“, berichtete der Tribun.
Während er sprach, grüßten die beiden Soldaten ihren Kaiser so, wie es sich gebührt. Beide Männer standen hinter einem kleinen Holztisch, auf dem ein seltsam geformter Bogen sowie einige Pfeile lagen.
„Nun denn. Und das hier“, begann der Kaiser und ging um den kleinen Tisch, auf dem ein Bogen lag, herum, „ist also der berühmte hunnische Bogen. Jener Bogen, der die Heere meines Amtskollegen in Konstantinopel so sehr in Angst und Schrecken versetzt hat? Und vor dem sich meine Legionäre ebenfalls fürchten wie vor dem jüngsten Tag? Für mich sieht das eher nach einem gewöhnlichen Stück Holz aus.“
„Mein Kaiser, dieser Bogen ist unseren Bögen an Durchschlagskraft und Reichweite enorm überlegen“, begann der Legionär namens Optila mit seinen Erklärungen und fügte hinzu: „Ich selbst habe mehrmals mit ihm geschossen. Auch habe ich etlichen Schlachten beigewohnt, in denen dieser Bogen zum Einsatz kam. Ich habe bisher noch keine Waffe gesehen, die auch nur annähernd der Kraft dieses Bogens gleichkommt.“
„Kein Wunder, immerhin bist du auch nur ein Barbar“, merkte Heraclius kühl an.
...
Sechzig Jahre nach der Teilung in das West- und Oströmische Reich steht das Westreich am Rande des Abgrundes. Andauernde Bürgerkriege und der schwelende Konflikt zwischen den Anhängern des Christengottes und jenen, die den alten Göttern und Bräuchen folgen, haben die Macht der Zentralregierung geschwächt. Barbarenstämme sind in das Reich eingebrochen und teilen die Provinzen und Reichtümer unter sich auf. Schwache Kaiser regieren im Schatten mächtiger Heermeister, denen ihr eigener Machterhalt mehr am Herzen liegt als die Geschicke des Reiches. Die große Bedrohung durch Attila und seine Hunnen haben die Grundfesten des römischen Reiches erschüttert und zerstört. Nun, da sich dieser Sturm gelegt hat, blicken die Römer einer ungewissen Zukunft entgegen. Ein starker Mann an der Spitze des Reiches könnte die Barbarenvölker unterwerfen und das Reich zu neuer Blüte führen. Doch ein solcher Mann ist nicht in Sicht.
Einleitung
Rom, Ende März, 455 n. Chr.
Mühsam kämpften sich die ersten Sonnenstrahlen des Tages durch die dicke Nebeldecke, jener Nebel, der die ewige Stadt bereits seit Tagen in seinem festen und eisigen Griff hielt. Das Volk selbst merkte jedoch wenig vom Sonnenaufgang. Gerade einmal jene Bewohner, die das Glück hatten, die höheren Ebenen jener sieben legendären Hügel zu bewohnen, konnten sich an den warmen Sonnenstrahlen erfreuen. In den dichtgedrängten Straßen jedoch würden die grauen Nebelschwaden noch länger verweilen. Hier, wo der Lärm der Stadt am größten und die Menschen am dichtesten nebeneinander lebten, hatte der Tag bereits vor Stunden begonnen. Etliche Waren für die diversen Geschäfte waren bereits im Laufe der vergangenen Nacht angeliefert worden, so dass die Händler bereits vor Sonnenaufgang lautstark ihre Produkte anpreisen konnten. Fische, Gemüse, Wein, Sklaven, aber auch Dienstleistungen wie Glücksspiel oder Sex, alles Mögliche wurde in den engen Straßen der Stadt angeboten. Hunde streunten durch die mit Kopfsteinpflaster bepflasterten Gassen und versuchten, den einen oder anderen Leckerbissen zu erhaschen. Bettler drängten sich um die Tore der Kirchen und baten um Almosen oder ein Stück Brot. Abseits der verschmutzen Gassen und vollen Läden erstreckte sich das andere Rom, das der breiten Plätze, Monumente, öffentlichen Bäder und prächtigen Villen. Auch wenn der Senat längst seine Bedeutung für die Leitung des Reiches verloren hatte und die Kaiser sich nur noch wenig um die Entscheidungen dieses ehrwürdigen Gremiums kümmerten, so bestand diese alte Institution dennoch fort. Regelmäßige Sitzungen und Debatten sorgten dafür, dass das politische Leben in der Stadt nicht vollends erlosch. Die Kaiser residierten zu dieser Zeit nur noch selten in Rom, zumeist befand sich der kaiserliche Hof im fernen Ravenna in Norditalien. Allgemein betraten die Kaiser nur noch selten die Hauptstadt des Reiches. Und noch seltener den Senat.
Jedoch nicht an diesem kühlen Märzmorgen. Denn für jene Senatssitzung, die zur Mittagsstunde beginnen sollte, hatte Kaiser Valentinian III. sein Erscheinen angekündigt.
„Sagt mir, Heraclius, wieso soll ich noch einmal einer unnötigen Sitzung alter Männer beiwohnen?“, fragte Valentinian gelangweilt, während er aus dem warmen Badewasser stieg.
Sofort eilten zwei junge Dienerinnen mit großen weißen Tüchern herbei und begannen, den Herrscher der halben römischen Welt trockenzureiben.
„Der Senat hat vor, heute über das neue Steuergesetz zu beraten, welches Ihr vor wenigen Wochen höchstselbst veranlasst habt, ehrenwerter Kaiser. Und Ihr, sofern Ihr mir gestattet, Euren göttlichen Geist daran zu erinnern, habt dem Senat im einundzwanzigsten Jahr Eurer gesegneten Regentschaft zugesichert, die Rolle, die er bei der Führung des Reiches spielt, zu achten“, antwortete der Eunuch sanft.
„Ja, aber das war doch nur so dahingesagt, damit diese senilen Greise sich noch ein letztes Mal wichtig fühlen dürfen, bevor sie aus dieser Welt scheiden!“, beschwerte sich Valentinian genervt, während seine Augen gebannt den Händen der jungen Dienerin folgten, die gerade dabei war, ihm die Innenseite seiner Oberschenkel trockenzureiben.
„Das mag schon sein, oh erhabener Augustus, dennoch habt Ihr dem Senat Euer Wort gegeben, seine Entscheidungen zu respektieren. Und auch, dass Ihr, zumindest in unregelmäßigen Abständen, einer Senatssitzung beiwohnen werdet“, entgegnete Heraclius demütig.
„Aber ich habe kein Verlangen danach, mich mit den Beschwerden und dem Gejammer dieser verstaubten Narren auseinanderzusetzen“, erwiderte der Kaiser schroff.
Es war eine leidige Diskussion, die Heraclius schon zur Genüge kannte. Seit über dreißig Jahren, seit er ein kleiner Knabe von sechs Jahren war, saß Valentinian auf dem Thron des Weströmischen Reiches. Er war es daher gewohnt, dass ihm jeder seiner Wünsche erfüllt wurde und alles seinem Willen Folge leistete. Vermutlich verhielt er sich deswegen noch manchmal wie einer jener Knaben, denen ihre Mutter ihr geliebtes Spielzeug verwehrte.
„Es gehört zu den Pflichten eines Herrschers, sich auch den unangenehmen Dingen zuzuwenden“, fuhr Heraclius mit sanfter Stimme fort.
Valentinian schwieg, seine Augen weiterhin auf das Mädchen zu seinen Füßen gerichtet.
„Nun gut, hoffentlich dauert es nicht zu lange“, sagte der Kaiser schließlich, während er mit seiner rechten Hand sanft über die Wange der vor ihm knienden Dienerin strich. „Nie hat man auch nur Zeit, das Leben zu genießen. Bringt mir mein Gewand, Heraclius!“
Das Mädchen zuckte zusammen und wandte ihr Gesicht erschrocken ab.
„Wie Ihr wünscht, oh Göttlicher!“, antwortete der Eunuch und klatschte in die Hände.
Sofort sprang die Dienerin auf und verließ gemeinsam mit dem anderen Mädchen den Raum.
„Sie gefällt mir. Sorgt dafür, dass sie heute Abend gebadet in meinem Schlafgemach auf mich wartet“, blickte der Kaiser den beiden nach.
Heraclius nickte, während zwei andere Diener den Raum betraten und damit begannen, den Kaiser in seine Gewänder zu kleiden. Sie hüllten ihn in eine weiße Tunika und begannen ihm einen prächtigen Brustpanzer aus Eisen anzulegen. Dazu kamen festlich verzierte Beinschienen. Der Kaiser sollte wie einer jener Legionäre aussehen, die für ihn in die Schlachten zogen. Außerdem diente die Rüstung einem praktischen Schutz.
„Also wirklich, muss das sein?“, beschwerte sich Valentinian.
„Leider ja, göttlicher Augustus. Bedenkt nur, wie viele Eurer Vorgänger auf grausame Weise den Tod gefunden haben“, belehrte Heraclius. „Ihr wollt doch nicht enden wie so viele augusti vor Euch?“
„Die letzte Gefahr für meinen Thron ist mit Aetius im vergangenen Jahr gestorben! Vergesst nicht, ich habe diesen machthungrigen Verräter eigenhändig erschlagen!“, rief der Kaiser wütend aus.
Wie konnte Heraclius das nur vergessen. Immerhin war er es, der dem Kaiser geholfen hatte, den mächtigen magister militum Flavius Aetius, den obersten Heerführer des Reiches, zu töten. Fast hätte er damals Mitleid mit dem völlig überraschten General gehabt, als der Kaiser, völlig von Wut und Wahn zerfressen, von seinem Thron aufgesprungen war und den Bezwinger der Hunnen eigenhändig mit seinem Schwert erschlug. Wie ein Schwein, das vom Bauern abgestochen und zum Ausbluten liegen gelassen wurde, lag der alte Feldherr damals auf dem mit Marmor verkleideten Palastfußboden. Eine schreckliche Tat, aber eine notwendige, um seinen Rivalen um die Gunst des Kaisers auszuschalten. Nie zuvor in der blutigen Geschichte Roms hatte ein Kaiser seinen obersten Militär eigenhändig ermordet. Auch der Eunuch selbst hatte sich mit seinem Dolch an der Bluttat im Palast beteiligt.
Heraclius grinste still in sich hinein. Er konnte zu Recht stolz sein. Immerhin hat er die Saat des Misstrauens über Jahre hinweg in die Ohren Valentinians gepflanzt. Und mit dem Tod Aetius war sein letzter großer Rivale ausgeschaltet worden. Seit jenem Septembertag vor einem halben Jahr war er es, der den Kaiser nach seinem Willen beeinflussen konnte und faktisch damit die halbe römische Welt regierte.
„Nein, heute nicht. Heute verzichte ich auch den Brustpanzer!“, entschied Valentinian.
Heraclius musste sich fügen. Ein kleiner, verwöhnter Knabe, der unbedingt einen süßen Apfel möchte und jedes Mal seinen Wunsch erfüllt bekam.
„Wie Ihr wünscht, mein Kaiser“, schmeichelte der Eunuch ihm.
„Immerhin steht noch eine Truppenbesichtigung an, wenn ich mich recht entsinne. Der Schutz meine Garde wird mir genügen!“, sagte Valentinian entschlossen, während die Diener ihm den Harnisch wieder abnahmen und ihn in eine purpurfarbene Toga kleideten.
Heraclius nickte. Er wusste, dass dies das Zeichen war, sich zurückzuziehen. Er verbeugte sich kurz und ließ den Kaiser allein, während er fertig angekleidet wurde.
Ein leichter Wind hatte den dicken Märznebel vertrieben und die warmen Strahlen der Frühlingssonne wärmten Heraclius’ Gesicht, als er der kaiserlichen Sänfte in Richtung Campus Martius, dem berühmten Marsfeld, folgte. Vorneweg ritt ein praefectus, welcher die Prozession kommandierte. Anschließend folgten sechs Reiter der kaiserlichen Garde sowie die Standartenträger, ebenfalls zu Pferd. Auch wenn Heraclius kein Freund des Militärs war, so war er jedoch der Meinung, dass dieses Schauspiel höchst bemerkenswert war – und gut für die Meinung des Pöbels über ihren Herrscher. Solche Prozessionen signalisierten Stärke und Macht des Kaisers und spiegelten somit auch seine, Heraclius’ Macht wider. Die kaiserliche Sänfte wurde von acht Sklaven, vier vorne und vier hinten, getragen. Hätte sich der Kaiser doch nur entschlossen, statt der Sänfte das Pferd zu besteigen. Ein Kaiser, der an der Spitze einer Kavallerieeinheit durch die Stadt ritt, hätte sowohl auf das Volk als auch auf den Senat mehr Eindruck gemacht als ein Kaiser, der sich hinter Vorhängen vor der Außenwelt versteckt. Doch Heraclius wusste, dass Valentinian kein Gespür für solche kleinen Details und die daraus resultierenden großen Wirkungen hatte. Ihm ging es nur um seine Annehmlichkeiten. Heraclius selbst folgte der Sänfte zu Pferd, flankiert von zwei seiner Beamten. Den Schluss bildeten wieder sechs Reiter der Palatinawache. Hinter ihnen, nicht mehr als Teil der Prozession, folgten einige Sklaven, welche Speisen, Wein sowie das kaiserliche Pferd mit sich führten.
Die Sonne wurde mit jedem Tag stärker, der Frühling würde bald Einzug halten, nicht einmal eine Wolke stand am Himmel.
„Es könnte noch ein richtiger Frühlingstag werden“, dachte Heraclius, „Vielleicht werde ich mich heute Abend, nachdem der Kaiser sich mit der jungen Schlampe vergnügt hat, betrinken“
Verdient hätte er es sich, befand er. Aber zuerst hieß es, diesen lästigen Militärbesuch durchzustehen. Wenn doch nur schon Abend wäre.
Als sie sich durch die Straßen der ewigen Stadt ihren Weg zum Truppenübungsplatz bahnten, fiel Heraclius auf, dass das einfache Volk nicht wie sonst üblich den Kaiser mit Jubelrufen grüßte. Wahrscheinlich hatten sie von dem lächerlichen Gerücht gehört, dass der Kaiser die Frau eines Senators vergewaltigt hatte. Zwar hatte Heraclius versucht, das Gerücht sofort aus der Welt zu schaffen, aber das einfache Volk war schon immer hartnäckig, wenn es um solche schwerwiegenden Anschuldigungen ging. Das wusste der Eunuch. Aber sollen sie doch glauben, was sie wollen, der Pöbel ist nicht weiter wichtig für sein Ränkespiel, befand er schließlich. Viele Bürger warfen der kaiserlichen Prozession kalte Blicke zu. Solange kein faules Obst geworfen wurde, konnte Heraclius damit gut leben. Falls dem jedoch so sein sollte, so wusste er, würden die Soldaten ein Blutbad anrichten und den Ruf des Kaisers noch weiter verschlechtern.
Nach etwa dreißig Minuten erreichten sie das Marsfeld. Eine große, ebene Fläche, mindestens eine centura groß, erstreckte sich vor ihnen. Hier, am Stadtrand, sammelten sich in früheren Zeiten die römischen Legionen, bevor sie aufbrachen, um neue Länder zu erobern und fremde Völker zu unterwerfen. Und noch heute wird es als Truppenübungsplatz genutzt, wenn auch nicht mehr im so großen Stil wie einst. Der kommandierende praefectus gab ein Signal und sofort kam die ganze Prozession zum Stillstand. Wenn dieser elende Narr von Kaiser doch nur selbst geritten wäre, dachte Heraclius, dann würde er den Anwesenden jetzt den Anblick ersparen, wo er mühsam und schnaufend auf sein Pferd stieg. Ein unwürdiger Anblick, der die kaiserliche Würde noch mehr schädigen würde.
Auf dem Feld waren zwei Regimenter der kaiserlichen Palatinagarde, etwa eintausend Mann, angetreten, um vom Kaiser inspiziert zu werden und um die Durchschlagskraft einiger erbeuteter Hunnenbögen zu demonstrieren. Es wäre nicht verwunderlich, wenn der Kaiser in seinem kindlichen Leichtsinn selbst einen der Bogen ergreifen und damit einige Pfeile abschießen würde. Heraclius betete zu Gott, dass der Kaiser den Soldaten diese Peinlichkeit ersparen würde. Schon schlimm genug, dass Valentinian aufs Pferd steigen würde.
Ein Sklave trat an die Sänfte heran und öffnete die Vorhänge.
„Ach, sind wir schon da?“, fragte der Kaiser merklich verschlafen.
Zum Glück hat er geschlafen, schoss es Heraclius durch den Kopf, sonst wäre ihm aufgefallen, mit welcher kühlen Verachtung ihn das einfache Volk gestraft hatte.
Langsam stieg Valentinian aus seiner Sänfte und begann sich zu strecken. Heraclius ertappte sich dabei, wie er den Kaiser, nicht ohne eine gehörige Portion Sarkasmus, innerlich für sein qualvolles und anstrengendes Leben bedauerte. Kaum war der Herrscher aus seiner Sänfte gekrochen, hatten die Offiziere, die sich vor der Einheit aufgestellt hatten, die Hand zum römischen Gruß erhoben. Anstatt den Gruß jedoch zu erwidern, machte der Kaiser mit seiner rechten Hand nur eine müde Handbewegung, wie ein Bauer, der eine Fliege verscheuchen möchte. Heraclius wandte den Kopf ab. Valentinian mangelte es wahrlich an jenen Tugenden, die einen guten Kaiser ausmachten, etwa Disziplin und Gespür für den Moment. Vor wenigen Monaten hatte Heraclius die Möglichkeit, den östlichen Kaiserhof in Konstantinopel zu besuchen. Der dort residierende Kaiser, Flavius Markian, verkörperte alles, was Valentinian fehlte: Selbstsicherheit, Mut, Erhabenheit und Weitsicht, Eigenschaften, von denen sein Amtskollege im Westen nur träumen konnte.
„Nun denn, bringen wir es hinter uns!“, schnaufte Valentinian.
Heraclius wandte sich zu den Sklaven am hinteren Ende des Gefolges um und gab ein Handzeichen. Sofort kam ein Sklave mit einem weißen Hengst herangeschritten, des Kaisers Pferd. Doch Valentinian schickte ihn mit einem verächtlichen Schnaufen weg.
„Heute kein Pferd, du Idiot. Bring mir stattdessen einen Becher Wein! Ich habe Durst“, befahl der Kaiser wütend.
Der Sklave zog sich mit einer Verbeugung zurück, während ein anderer Diener dem Herrscher einen Becher falernum brachte. Der feinste Wein für den Feinsten aller Herrscher. Auch Heraclius war inzwischen von seinem Pferd abgestiegen und an den Kaiser herangetreten. Zwar hatte Valentinian ihm die Peinlichkeit eines Rittes auf einem Pferd, noch dazu ohne soldatische Kleidung, erspart, doch die Tatsache, dass er nun vor der Inspektion zu trinken begann, machte die Situation nicht besser.
„Mein Kaiser“, begann Heraclius, „ist es ratsam, vor dem Manöver mit dem Trinken zu beginnen? Was sollen Eure Soldaten von Euch denken?“
„Meine Soldaten lieben mich, egal, was ich mache!“, fuhr Valentinian ihn an und riss dabei dem Sklaven den Becher Wein aus der Hand. Der Kaiser leerte ihn in einem Zug.
„Richtige Soldaten müssen nicht nur kämpfen, sondern auch trinken können! Oder, Legionäre?“, rief der Kaiser.
Doch anstatt breiter Zustimmung oder gar Jubelrufe erntete Valentinian nur eisiges Schweigen.
„Seht Ihr, Heraclius? Meine Soldaten wissen, wie man sich einem Kaiser gegenüber zu benehmen hat. Wohl an, Tribun“, fuhr Valentinian, das Schweigen der Soldaten wohl als Zustimmung deutend, fort und wandte sich dabei einem der beistehenden Offiziere zu. „Lasst uns beginnen!“
Der Tribun schlug sich sofort mit der rechten Hand auf die Brust und grüßte erneut. Danach zeigte er mit der rechten Hand auf zwei Soldaten, die in der ersten Reihe standen, und schnippte mit den Fingern. Einen Augenblick später traten die Legionäre näher an die Prozession heran. Doch anstatt die Hand zum römischen Gruß zu heben, schlugen sie mit ihren Speeren, die sie in der rechten Hand hielten, auf den Schild in der anderen Hand. Valentinian erwiderte den Gruß mit einem stummen Nicken, dann nahmen die Gardisten ihre Position hinter Valentinian und Heraclius ein.
Langsam schritten die fünf Männer die Reihe der vor ihnen aufgestellten Soldaten ab. Der Tribun blieb immer wieder stehen und stellte dem Kaiser den einen oder anderen verdienten Legionär vor. Obwohl es Heraclius zuwider war, sich mit irgendwelchen Soldaten zu unterhalten oder auch nur Teil dieses Schauspieles zu sein, so konnte er doch seinen Widerwillen hinter seiner interessiert dreinblickenden Miene besser verbergen als sein Kaiser. Sein gelangweilter Blick und die immer wiederkehrende Aufforderung an den Sklaven, ihm einen Becher Wein zu reichen, hatte mehr Aussagekraft als jedes Wort aus seinem Mund.
Schließlich erreichte die kleine Gruppe das Ende der Soldatenreihe. Heraclius seufzte erleichtert auf. Bald würde dieser Akt vorbei sein. Zuvor noch keine kurze Vorführung der hunnischen Bögen, danach ging es für ihn zurück in den Palast, während sich der Kaiser in Richtung Senat aufmachen würde.
„Mein Kaiser, erlaubt Ihr mir, Euch die Legionäre Optila und Thraustila vorzustellen? Beide sind in der Kunst des Bogenschießens bewandert, wie es die Hunnen und andere Barbarenstämme praktizieren!“, berichtete der Tribun.
Während er sprach, grüßten die beiden Soldaten ihren Kaiser so, wie es sich gebührt. Beide Männer standen hinter einem kleinen Holztisch, auf dem ein seltsam geformter Bogen sowie einige Pfeile lagen.
„Nun denn. Und das hier“, begann der Kaiser und ging um den kleinen Tisch, auf dem ein Bogen lag, herum, „ist also der berühmte hunnische Bogen. Jener Bogen, der die Heere meines Amtskollegen in Konstantinopel so sehr in Angst und Schrecken versetzt hat? Und vor dem sich meine Legionäre ebenfalls fürchten wie vor dem jüngsten Tag? Für mich sieht das eher nach einem gewöhnlichen Stück Holz aus.“
„Mein Kaiser, dieser Bogen ist unseren Bögen an Durchschlagskraft und Reichweite enorm überlegen“, begann der Legionär namens Optila mit seinen Erklärungen und fügte hinzu: „Ich selbst habe mehrmals mit ihm geschossen. Auch habe ich etlichen Schlachten beigewohnt, in denen dieser Bogen zum Einsatz kam. Ich habe bisher noch keine Waffe gesehen, die auch nur annähernd der Kraft dieses Bogens gleichkommt.“
„Kein Wunder, immerhin bist du auch nur ein Barbar“, merkte Heraclius kühl an.
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