Cover: Hexentanz im Himmelbett

Hexentanz im Himmelbett
Eine fantastische Liebesgeschichte


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 308
ISBN: 978-3-99146-713-7
Erscheinungsdatum: 02.05.2024
Mariella, beziehungsgeschädigte Inhaberin eines Esoterikladens, und Peter, Unternehmer und Frauenheld, haben auf den ersten Blick so gar nichts gemeinsam. Und dennoch kreuzen sich nach vielen Hindernissen ihre Wege – zur richtigen Zeit und am richtigen Ort.
1

Laufen. Immer geradeaus.
Was ist das?
Eine Sackgasse, verdammt.
Besser umkehren?
Oder durchmogeln?
Egal. Einfach weiter.
Über die eigenen Füße stolpern. Taumeln.
Peng, hingefallen. Wie peinlich.
Hat’s einer gesehen? Schnell umgucken.
Offenbar niemand.
Wenigstens etwas.
Vorsichtig aufstehen. Wunden lecken.
Einmal schütteln, wieder losmarschieren … und leben.
Immer weiter und weiter.
Leben.
Und das Wichtigste dabei nicht vergessen. Das i.
An der richtigen Stelle versteht sich.


2

Die Schicksalsfäden, die ihre knalligen Farben in mein Leben woben, verhedderten sich hoffnungslos in der kakofonischen Etüde, die nur ein wahrhaft wahnsinniger Komponist dirigieren konnte. Ebendieser schien sich darin zu gefallen, meinen fröhlich bummelnden Lebenszug in einen ICE zu verwandeln, um ihn bei Tempo dreihundert fortissimo entgleisen zu lassen. Der liebe Gott, oder wie sich der geheime Kapellmeister nannte, hatte wohl Spaß daran, auf meinen vibrierenden Nerven Geige zu spielen.
Wie ein Gezeitenstrom, beharrlich und unerbittlich, brandete das Drama an die Küsten meines Seins. Es riss mich in nachtschwarze Tiefen hinab, schleuderte mich wieder empor. Mein Leben, wie ein Schiff auf stürmischer See, verlor zuweilen den Kurs, um ihn auf wundersame Weise wiederzufinden, gefangen im ewigen Spiel um Liebe und Schmerz.
Durch das unendliche Labyrinth meiner Tage irrend, feierte ich rauschende Feste für meine Triumphe – die Niederlagen erduldete ich in Stille und Einsamkeit. Kam es ganz dicke, dann tröstete mich der Gedanke, dass auch ein Kontrollverlust seine Vorteile hatte. Die sich meist viel später erst zeigten, wenn aus Verlust Gewinn und aus Schmerz pure Freude geworden war. Denn nur die Retrospektive enthüllte die Relativität meiner Tragödien um Leidenschaft und Leid, Euphorie und Verzweiflung – kurz, um das Spektrum meiner Emotionen im Ausnahmezustand.
Diese Erkenntnis war unbedingt wertvoll, trotzdem konnte ich nichts, aber auch gar nichts tun, um den Höllenexpress aufzuhalten, wenn die Büchse der Pandora sich öffnete.
Sicher war es nicht hilfreich, die Tür sperrangelweit aufzureißen, sobald das Chaos von Weitem grüßte. Doch so sehr ich versuchte, es beim nächsten Mal besser zu machen, schien ich stets einem höheren Plan zu folgen, der mich nicht nur die Fehler der Vergangenheit wiederholen, sondern auch eifrig neue machen ließ. Irgendwann gewöhnte ich mich daran, dass ich längst knietief im Mist stand, bevor ich begriff, was geschah.
Natürlich war der Inhalt der Büchse immer der gleiche.
Männer …
Ob groß oder klein, blond gelockt oder kahl, schon in jungen Jahren fühlte ich mich von ihnen angezogen. Und sie sich von mir. Vielleicht war es das Versprechen von Sinnlichkeit, das mein naturrotes Haar und meine grünbraunen Augen gaben. Vielleicht das ehrliche Interesse, das ich ihnen entgegenbrachte.
Wie auch immer, das Letzte, was ich mir auf dem Sterbebett vorwerfen wollte, war, meinen Becher nicht zur Gänze geleert zu haben.
Zumindest darüber musste ich, Mariella Ewald, kinderlos und ledig, mir gegen Ende meines vierzigsten Lebensjahres keine Sorgen machen. Schließlich hatte ich keine Gelegenheit ausgelassen, den Mann meiner Träume zu finden und meine Irrfahrten etwas lädiert, aber erhobenen Hauptes gemeistert.


3

Beim Anblick der flammenden, über den Horizont kippenden Sonnenscheibe verspürte ich einen Anflug von Melancholie.
Vor zwei Stunden hatte ich meinen Fensterplatz über dem gewaltigen Flügel einer Boeing 767 eingenommen, um nach dreimonatiger Beziehungsmisere in meinen Münchener Esoterikladen zurückzukehren. Natürlich ohne den Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte.
Der launische Lebensrest hatte sich wieder als Rohrkrepierer erwiesen und nur ein halbes Jahr durchgehalten. Dann war ihm die Luft ausgegangen. Obwohl alles so schön begonnen hatte, damals, als Andy und ich im Schlepptau meiner Schwester auf ein Rockkonzert in Basel gestolpert waren. Berauscht von der Inkonsistenz unserer Lebensentwürfe hatten wir uns aufeinander gestürzt, um am Bollwerk unserer enormen Erwartungen zu zerschellen.
Inzwischen hatte der Rauch sich verzogen, das Trümmerfeld war sondiert und wir befanden uns in der Aufräumphase. Sprich, wir klaubten unsere Einzelteile zusammen und trugen sie dahin, wohin sie gehörten: der smarte Andy seine in den vornehmen Millionärsclub an der amerikanischen Ostküste und ich die meinen ins heimische Oberbayern.

Plötzlich tauchte in der Sitztasche vor mir ein knollennasiges Gesicht unter grünem Spitzhut auf. Der lästige Kobold des Liebeskummers. Das hatte noch gefehlt.
„Ich hasse es, wenn du mir auflauerst!“, raunte ich ihm zu.
„Und ich hasse es, wenn du meinst, mir durch dein hektisches Agieren entwischen zu können.“ Das grüngewandete Männchen stemmte sich über den Rand der Sitztasche und klammerte sich an das obere Ende des Bordmagazins. „Klapp mal den Tisch runter, damit ich mich hinsetzen kann!“
Ich legte keinen Wert auf die Gesellschaft des selbstherrlichen Wichts und schüttelte entschieden den Kopf. „Und wenn ich mich weigere?“
„Dann kneife ich dich so fest in den Arm, dass du schreist, und alle Welt denkt, du hast sie nicht alle. Sie werden dich bei der Ankunft in Frankfurt direkt in die Klapse stecken. Willst du das?“ Der Erdgeist grinste boshaft.
Erschrocken sah ich mich um. Das Irrenhaus wollte ich lieber nicht von innen sehen. Das bedeutete, ich musste mich hier irgendwie durchlavieren.
Bisher schien niemand das ungewöhnliche Zwiegespräch bemerkt zu haben. Mein dickbäuchiger Sitznachbar schnarchte weiter geräuschvoll, während die bärbeißige Matrone neben ihm in einer Illustrierten blätterte. Sie beachtete mich nicht.
Ich atmete auf und klappte das Bordtischchen nach unten, um den Kummergnom nicht weiter zu reizen.
„Bist du jetzt zufrieden?“, zischte ich.
„Vorerst.“ Er setzte sich auf den Klapptisch und ließ seine Beine, die in tannengrünen Leggings steckten, hin und her baumeln. Mit der Spitze seines wildledernen Stulpenstiefels tippte er an meinen Arm. „Sprich nicht so laut, sonst landest du noch ohne mein Zutun in der Zelle. Rede in Gedanken mit mir. Du weißt, dass die anderen mich nicht sehen können.“
Ich fragte mich ohnehin, warum ich den Plagegeist sah. Und das, obwohl ich absolut keinen Wert darauf legte. Eines war klar: Meine Schwester Linda würde, wenn sie es denn wüsste, die getunten Kekse dafür verantwortlich machen. Und was Mutter dazu meinte, wollte ich lieber nicht wissen.
„Mit den Haschdingern hat das gar nichts zu tun“, funkte Liebeskummer in meine Gedanken. „Du hast uns gesehen, lange bevor du sie das erste Mal gekostet hast.“
Aber nicht freiwillig, dachte ich zurück. „Du und deinesgleichen, ihr habt mir schon als Kind nichts als Ärger gemacht. In der Grundschule haben mich meine Mitschüler gehänselt und die alte Pannefeld hat mir eine Ohrfeige verpasst, weil sie dachte, ich würde mich über sie lustig machen.“
„Was dazu führte, dass Mama Elise für einen Riesenskandal gesorgt hat und die Pannefeld vorzeitig in Rente gehen musste.“ Liebeskummer lachte schadenfroh. „Das Abschaffen der Prügelstrafe wird sowieso überbewertet.“
„Und genau deshalb will niemand mit euch zu tun haben“, setzte ich zu einem Seitenhieb an, „weil ihr nichts als eine Meute übellauniger, niederträchtiger und Zwietracht säender Tagediebe seid!“
„Rosenfee auch?“, konterte der Kobold spitz.
„Nein, die natürlich nicht. Und Lillyveilchen auch nicht. Und …“
„… die übrigen nutzlosen Blumenhocker. Aber wir gehören nun einmal zusammen, wie du inzwischen wissen solltest. Siehst du den einen, kriegst du sie alle. Wenn du die Pflanzenbande willst, musst du auch mit mir und Nachtalb rechnen.“
Und mit Sorgenkobold, Neidgeist und Streitelfe, dachte ich resigniert. Liebeskummer nickte zufrieden.
„Nachdem das geklärt wäre – zum, lass mich nachrechnen“, er feixte böswillig, „48. Mal –, kommen wir endlich zum Grund meines Besuches.“
Andy, dachte ich düster.
„Andy. Richtig. Wollen wir uns deine letzte, und, herrje, schon wieder verflossene Beziehung einmal ansehen.“
„Muss das unbedingt jetzt sein?“ Widerwillig musterte ich das Beine baumelnde Männlein.
„Natürlich jetzt. Hier kannst du nicht abhauen. Sind wir erst in Frankfurt gelandet, findest du wieder tausend Wege, mir zu entwischen und unser Plauderstündchen zu vertagen.“
Ich ergab mich in mein Schicksal „Also gut. Was willst du wissen?“
„Das liegt doch auf der Hand: Warum hat es mit euch nicht geklappt?“
Ich seufzte. „Wahrscheinlich, weil Andy nicht der Richtige war. So einfach ist das.“
Der Kobold schüttelte den Kopf. „Nein, so einfach ist das ganz und gar nicht! Im Unterschied zu seinen vier Vorgängern hatte der Ami einen ganz entscheidenden Pluspunkt: Er hat dich geliebt.“
Die Sonne war restlos verschwunden und der Himmel leuchtete in sattem Rot und Indigoblau. Bedrückt betrachtete ich das überirdische Schauspiel.
Der Gnom hatte recht: Andy hatte mich geliebt. Und ich ihn. Warum hatte unsere Beziehung trotzdem nicht funktioniert? Ratlos blickte ich den Grünling an.
„Vielleicht sind wir einfach zu verschieden. Insbesondere was unsere Meinung über den Freizeitwert von Antiquitätenmessen und Golfevents angeht. Wir leben in unvereinbaren Wertesystemen: Andy strebt nach ständiger Gewinnmaximierung, während für mich nur die Schönheit des Augenblicks zählt: das Gedicht, das mich inspiriert, das lustige Gurgeln des Baches, der Zitronenfalter, der sich so niedlich die Fühler reibt. Geld hat mich nie interessiert. Ihn dagegen … ach, was soll’s!“
„Ich dachte, Gegensätze ziehen sich an?“, polterte es höhnisch in meinem Kopf.
„Deine Plattitüden kannst du dir sparen!“, entgegnete ich scharf, „Fakt ist, dass sich unsere Liebe im Alltag nicht bewährt hat. Die Villa mit ihren Biedermeiermöbeln und Ölschinken, oh Gott, ich bin wie ein Geist durch das Museum seiner Sammelwut gewandert. Und erst die Gesellschaften, die ich als Hausherrin geben musste …“ Ich schüttelte mich beim Gedanken an die diamantschweren Hände, die ich gedrückt und die endlosen, auf jung getrimmten Gesichter, in die ich geblickt hatte. „Das konnte nicht gut gehen. Vielleicht hätten wir irgendwo auf der Welt neu anfangen sollen. Ohne Ostküstenseilschaft und die Mumien, die seinen Erfolg protegieren. Doch das hat Andy strikt abgelehnt. Und so wie er kann und will ich nicht leben. Am Ende hatten wir uns nichts mehr zu sagen, lagen nebeneinander im Bett, Welten voneinander entfernt. Ob du es glaubst oder nicht: Ich war selten so erleichtert wie gestern, als ich die Entscheidung getroffen hatte, meine Koffer zu packen.“
Liebeskummer hatte mir aufmerksam zugehört. Nun neigte er sein Köpfchen zur Seite und sah mich forschend an. „Und du bist sicher, dass du nicht als Trauerkloß endest und diesen Schritt irgendwann bereust?“
„Kann ich hellsehen?“ Ich warf einen raschen Blick auf die Stewardess, die ihren Getränkewagen energisch durch den Gang bugsierte. Einen Augenblick später war sie vorbeigezogen und ich fuhr fort: „Immerhin habe ich es nicht bereut, den Kunststudenten für jemanden aufzugeben, der den Dreck am Stecken nicht wert war. Auch dem Zirkusdirektor habe ich nach einer bombastischen Saison als Elefantensouffleuse nicht nachgeweint. Ich habe nie einen meiner Schritte bereut, selbst wenn er schmerzhaft war. Andy und ich hatten eine wundervolle Zeit, die im Alltag ihren Glanz verlor. Deshalb habe ich die Konsequenzen gezogen und bin gegangen. Siehst du: Es ist eben doch so einfach!“
Triumphierend hatte ich die letzten Worte gedacht und freute mich darauf, die Niederlage im Gesicht des Kobolds zu sehen.
Doch er war verschwunden.
„Du hast dich also verkrümelt. Das zeigt mir, dass Andy tatsächlich Geschichte ist.“ Vergnügt klappte ich den Tisch hoch und drehte mich zur Seite. Draußen war es inzwischen dunkel geworden und die Kabinenbeleuchtung wurde gedimmt. Das schummrige Licht entlockte mir ein herzhaftes Gähnen.
Als die Stewardess zurückkehrte, um nach meinem Getränkewunsch zu fragen, war ich eingeschlafen.

Nichts als Ärger.
Der ging schon los, als Peter Maria Althoff am Morgen aufwachte und mit einer fahrigen Handbewegung das Glas neben seinem Bett umstieß. In einem Schwall ergoss sich das abgestandene Wasser über den frisch unterzeichneten Kaufvertrag für die Gewerbeimmobilie an der Commonwealth Avenue.
„Das kommt davon, wenn man seine Arbeit ins Bett mitnimmt“, brummte er und versuchte, das Dokument mit dem Bezug seines Kopfkissens trocken zu tupfen, ohne die Tinte der Unterschriften zu verwischen.
Der Tag ging so unerfreulich weiter, wie er begonnen hatte: Die Dusche spuckte nur eiskaltes Wasser, das Frühstücksei war so hart, dass er die kläffende Töle am Nebentisch damit hätte erschlagen können, und bei der Abrechnung seines Hotelzimmers streikte der Computer. Zu allem Überfluss blieb das Taxi im Bostoner Verkehrschaos stecken. Beinahe hätte er seinen Flieger nach Frankfurt verpasst.
Mit wehendem Trenchcoat und rasendem Puls war er schließlich durch sämtliche VIP-Schleusen gestürmt, um sich wie die Königin von Saba in einem privaten Shuttlebus über das Flugfeld chauffieren zu lassen.
Am ganzen Körper schwitzend, sank er in den komfortablen Sitz der Boeing 767, um direkt in die Horizontale abzutauchen. Er war restlos bedient und würde für die kulinarischen Privilegien der Business Class nicht zur Verfügung stehen.
Entschlossen setzte er seine Schlafbrille auf und wickelte sich, soweit seine sportlichen Einsneunzig es zuließen, in die frisch gereinigte Borddecke. Nichts sollte ihm jetzt den Schlaf rauben, denn morgen war ein wichtiger Tag. Endlich würde er seinen potenziellen Investor für das geplante Einkaufszentrum in Frankfurt Bockenheim treffen. Lange genug hatte er auf diese Chance gewartet. Dem Geschäftspartner in spe gedachte er sich topfit und auf Augenhöhe zu präsentieren.


4

Die Glastüren jenseits der Zollabfertigung glitten mit einem leisen Schleifen hinter mir zu. Frankfurt empfing mich mit einem Stoßtrupp aus Leibern und Gesichtern. Schilder wurden gereckt, Namen gerufen. Jauchzende Kinder warfen sich einer müde blickenden, kofferbestückten Gestalt entgegen.
Ich sah mich um. Irgendwo fernab des Gewusels musste der Bahnhof sein. Noch dreieinhalb Stunden im ICE bis zu meiner Endstation. Immerhin durfte ich in München auch auf ein freudig gerötetes Gesicht hoffen, das mir am Bahnsteig entgegenstrahlte.
Vor meinem Abflug in Boston hatte ich meiner Freundin Maja eine SMS geschickt. Obwohl sie nicht geantwortet hatte, war das kein Grund zur Sorge, denn die Funktionalitäten ihres Handys waren ihr noch immer ein Rätsel. Im Grunde genügte es ihr, meine Nachrichten lesen zu können.
Ich beschloss, ihr eine weitere Mitteilung mit meiner Ankunftszeit am Münchener Hauptbahnhof zukommen zu lassen, sobald ich im Zug saß. Die Vorstellung, dass meine unverhoffte Rückkehr ein Leuchten in ihr Gesicht zaubern würde, ließ mich lächeln.

An einem trüben Novembertag war ich Maja das erste Mal begegnet. Auf dem Münchener Ostfriedhof, dessen Stille ich suchte, wenn meine Gefühle aus dem Ruder liefen und das Gedankenkarussell auf Kollision schaltete. Was ich an jenem Tag Martin, dem triebhaften Schamanen, mit dem ich kurzzeitig liiert war, zu verdanken hatte.
Plötzlich war ich im Nebel über eine dunkel gewandete Gestalt gestolpert, die vor einem mit Herbstzeitlosen bepflanzten Grab kauerte. Im Zwielicht hatten wir uns aufgerichtet und stumm gemustert.
„Meine Schuld, bitte verzeihen Sie …“, hatte ich schließlich gemurmelt.
„Da gibt es nichts zu verzeihen“, erwiderte mein Gegenüber sanft, „wenn mich jemand um Vergebung bitten muss, dann der da oben. Er hat mir alles genommen, was ich geliebt habe.“
Majas schlichte Worte erzeugten ein Gefühl spontaner Verbundenheit in mir. Erst viel später erfuhr ich ihre traurige Lebensgeschichte. Ihren Sohn hatte sie im Grundschulalter an die Gelbsucht verloren, ihr geliebter Mann war nach fünfundvierzig Ehejahren einer Lungenembolie zum Opfer gefallen und ihre beiden Schwestern hatte der Krebs dahingerafft.
Der Ostfriedhof barg all ihre Erinnerungen und Maja kam regelmäßig, um Zwiesprache mit ihren Lieben zu halten.
„Wollen wir gemeinsam ein Stück durch den Nebel gehen?“, hatte ich vorsichtig gefragt.
Sekundenlang studierte Maja mein Gesicht. Schließlich klopfte sie die Erde von ihrem zeitlosen, etwas zu langen Lodenmantel und straffte energisch die zierlichen Schultern, was mich unwillkürlich an Napoleon im Anblick der preußischen Heeresmacht denken ließ.
„Ja, ich würde gerne ein Stück meines Weges mit Ihnen gehen“, sagte sie mit fester Stimme und zwinkerte schelmisch.
Von dem Moment an verband uns eine geheimnisvolle Freundschaft.
Kaum zu glauben, dass jener Novembertag erst neun Monate zurücklag.
Schnell hatten wir herausgefunden, dass Maja nur zwei Straßen von meinem Laden entfernt wohnte und uns in den folgenden Wochen beinahe täglich getroffen. Sie liebte meinen kleinen Esoterikhandel und sprang bereitwillig ein, wenn ich anderweitig zu tun hatte. Was aufgrund meines unsteten Lebenswandels ziemlich häufig der Fall war.
Vor meiner Abreise nach Boston hatte sie das Zepter im Laden ganz übernommen und vergaß nie, die Einnahmen wöchentlich auf mein Konto zu überweisen. Eine Gegenleistung für ihre Mühen wollte sie nicht.
„Die Arbeit mach ich gern und lerne dabei noch interessante Leute kennen. Geld brauche ich nicht. Mein Heinz, Gott hab’ ihn selig, hat schließlich gut für mich gesorgt und mir eine ordentliche Rente hinterlassen“, schmetterte sie jeden Versuch, sie am Gewinn zu beteiligen, ab.
„Und was machen wir, wenn ich bei Andy in Boston bleibe und nicht nach München zurückkehre?“ Die Angst, ihre Hilfsbereitschaft auszunutzen, machte mir ernsthaft zu schaffen.
Maja schenkte mir ihr unergründliches Lächeln. „Wenn es so sein soll, werden wir eine Lösung finden. Und wenn nicht“, ihre Mundwinkel zuckten amüsiert, „dann kommst du zurück in das Nest, das ich für dich warmhalte.“
Schneller als gedacht, würde ich nun in den Kobel zurückflattern.

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