Drei Söhne
EUR 15,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 194
ISBN: 978-3-7116-0302-9
Erscheinungsdatum: 12.06.2025
Eine Westpfälzer Schuhdynastie. Im Zentrum der Familiengeschichte: Sohn Christian. Nach dem sportlichen Karriere-Aus sympathisiert er in den 70er Jahren mit der linken Terrorszene. Wie hätte er sich weiterentwickelt, wäre er damals nicht tödlich verunglückt?
Als Publizist muss ich begreifen, was andere ergreift – dies zu ergründen, treibt mich an.
Alle Menschen sind gleichwertig, und doch ist jeder ein Individuum, einmalig wie sein Fingerabdruck mit individuellen Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnissen.
Bis zum Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren waren die Menschen hauptsächlich als Jäger, den Herden folgend, und Sammler tätig. Der Klimawandel in Verbindung mit einem deutlichen Temperaturanstieg machte Landwirtschaft – Ackerbau und Viehzucht – und damit die Sesshaftigkeit möglich. Zu den kulturellen Entwicklungszentren gehörte maßgeblich Mesopotamien; hier im Zweistromland fanden die Menschen gute Bedingungen zum Pflanzenanbau. Gräser wie Weizen waren für die Entstehung der Zivilisation entscheidend. Tiere, zunächst vorwiegend Rinder, lieferten Milch und Fleisch, wurden aber auch zur Arbeit eingesetzt. Das Pflügen der Felder wäre ohne Nutztiere nur bedingt möglich gewesen. Der Mensch kann bis 100 Watt Leistung erbringen – Rinder und Pferde 8–10 Mal so viel. Unsere Vorfahren benötigten nun nicht mehr alle Arbeitszeit für die Nahrungsbeschaffung und konnten sich daher anderen Dingen widmen. Das arbeitsteilige Handwerk entwickelte sich.
Heute wird die 40- bzw. 35-Stunden-Woche häufig thematisiert. Gemeint ist die bezahlte Regelarbeitszeit der weisungsgebundenen Erwerbstätigen.
Wenn ich mich frage, was meine Mitmenschen antreibt, muss ich mir klarmachen, dass wir tatsächlich eine 112‑Stunden-Woche haben.
24 Stunden pro Tag minus 8 Stunden Schlaf = 16 Stunden x 7 = 112 Stunden Wachzeit.
Ähnlich wie bei der gesamten Entwicklungsgeschichte der Menschen wird der Anteil der selbstbestimmten Zeit im Vergleich zu der weisungsgebundenen, fremdstrukturierten Zeit nicht zuletzt durch den Maschinen- und Computereinsatz größer.
Selbst Mitmenschen, die im Berufsleben nahezu gleiche Arbeitsplätze ausfüllen, können sich in ihren Tätigkeiten, die sie in der frei verfügbaren Zeit ausüben, deutlich unterscheiden. Die einen betätigen sich im Ehrenamt, andere wiederum sind sportlich aktiv, nutzen Weiterbildungsmöglichkeiten oder sind kreativ tätig.
Das persönliche Leistungspotenzial hängt von unseren Begabungen ab. Durch Lernen und Praktizieren beeinflussen wir schließlich unser Leistungsangebot. Um erfolgreich wirken zu können, brauchen wir eine möglichst gute körperliche, geistige und seelische Verfassung, um auch Beeinträchtigungen und Behinderungen ausgleichen zu können. Manche gelangen während ihrer Lebensspanne in Politik – Wirtschaft – Sport und Kultur zu Ruhm und Reichtum; andere leisten verlässlich und kontinuierlich Gewaltiges, ohne die verdiente Anerkennung zu erhalten. Welche Erfolgsgeheimnisse sind entscheidend? Neben dem eigenen Leistungsangebot sind die Rahmenbedingungen und vor allen Dingen unsere Mitmenschen wichtige Erfolgsfaktoren. Der Schlüssel zum Erfolg sind letztendlich unsere Mitmenschen. Sie kaufen unsere Produkte, geben uns ihre Stimme und damit Mandate, sie werden unsere „Follower“.
Auch in der vorliegenden Arbeit über Familie Meidinger werde ich die Protagonisten, eingebunden in das wirtschaftliche und politische Zeitgeschehen, in ihrer Gesamtheit darstellen.
Manfred (Fred) Starke
Das Erste Treffen
Sie haben Ihr Ziel erreicht!
Die vertraute Stimme meines Navigationssystems hat mich direkt auf den Parkplatz vor dem Rebenhof geführt. Ich steige aus meinem 2er-BMW und knöpfe die Jacke zu – es ist kalt an diesem klaren Oktoberabend. Die Parklücken neben meinem PKW sind frei – auf dem folgenden Platz rechts steigt eine Familie in einen Kleinbus. Die vier Kinder streiten um die besten Plätze, dann schließt der Vater mit Schwung die Schiebetür, steigt selber ein, setzt seinen VW-Bus zurück und fährt davon. Damit ist der Blick auf das Deutsche Weintor freigegeben. Das 18 m hohe Wahrzeichen der Deutschen Weinstraße ist an diesem Abend romantisch ausgeleuchtet.
Meinen Trolley hinter mir herziehend gehe ich in den Rebenhof; hier hat Karl Meidinger ein Zwei-Tage-Arrangement für mich gebucht. Auf dem Weg zur Rezeption registriere ich zur Linken den offenen, großzügigen Gastronomiebereich. Auf dem Parkplatz waren mir bereits Reisebusse aufgefallen, die den Eindruck einer typischen Ausflugslokalität bestätigten. Häufig ist die Anreise in solchen Hotels auf Sonntagabend datiert, was mir gelegen kommt. Bei dem vorgegebenen Pfälzer Menü und einer kleinen Weinprobe würde ich meinen Gesprächspartner in entspannter Atmosphäre kennenlernen. An der Rezeption erfahre ich, dass die Gästezimmer alle den gleichen Komfort bieten, jedoch unterschiedlich groß sind. Da ich außerhalb der Ruhezeiten keinen längeren Aufenthalt im Zimmer eingeplant habe, bin ich mit einem der kleineren Räume einverstanden, den ich beziehe. Mit nochmaligem Durchlesen des handgeschriebenen Briefes von Herrn Meidinger bereite ich mich auf das Treffen vor.
Pünktlich zur verabredeten Zeit 18.30 Uhr kommt ein agiler, mittelgroßer älterer Herr auf meinen Tisch zu, schaut mich fragend an, und nachdem ich zur Begrüßung aufgestanden bin, streckt er mir seine Hand freundlich lächelnd entgegen und begrüßt mich: „Meidinger, Ihre Verabredung – vielleicht erinnern Sie sich an unser kurzes Treffen beim IHK-Empfang“. Nach ein paar belanglosen Sätzen wie seiner Frage nach meiner Anreise bringt die Bedienung ein Glas Sekt, welches zur Einstimmung auf die Schlemmertage zum Arrangement gehört. Mein Gastgeber hat für die beiden folgenden Tage die gleiche Speisen- und Getränkereihenfolge für sich dazugebucht.
„Sekt und anschließend eine Weinprobe – ich bin froh, hier im Hotel untergebracht zu sein, denn selber Auto fahren wäre nicht mehr ratsam.“ Diese meine Bemerkung versteht Herr Meidinger auch als Frage. „Mein Führerschein ist mit 67 Jahren in Rente gegangen. Ich hatte ihn gleich mit 18 gemacht und mit 85 zurückgegeben. Für die Fahrten, die für mich noch wichtig sind, leiste ich mir ein Taxi; ansonsten bin ich sowieso viel zu Fuß unterwegs, um mich fit zu halten.“ Diese Aussage von Herrn Meidinger überrascht mich vor allen Dingen wegen der Altersangabe, und auf Nachfrage erfahre ich, dass er bereits 89‑jährig, seit zwei Jahren verwitwet, in einem nahe gelegenen Appartementhaus am Rande von Bad Bergzabern lebt.
Ende der 70er Jahre, als seine Meidinger-Schuhfabrik erfolgreich am Markt agierte, hatte das Fabrikantenehepaar im Bad Bergzaberner Gebiet ein Appartementhaus gebaut; dieses wird bis heute für Ferienwohnungen und zum Betrieb eines Hotels genutzt. Außerdem gibt es zwei Praxen im Erdgeschoss, wobei eine von einem Badearzt und die andere als Physiotherapie-Zentrum betrieben werden. Schon in der Bauphase wurden Ferienwohnungen verkauft; das Ehepaar Meidinger behielt neben einigen Ferienappartements die Praxisräume und den Hotelbereich, die von Anfang an verpachtet sind, im Portfolio. Eine Ferienwohnung ist dauerhaft eigengenutzt, diente viele Jahre als zur Schuhfabrik nahe gelegenem Rückzugsort und später bis heute als Altersruhesitz. Nicht ohne Stolz bemerkt Herr Meidinger:
„Sie wissen doch, Unternehmer kommt von unternehmen! Schon in der Blüte unserer Jahre überlegten meine Frau und ich, wie wir im Alter versorgt sein würden. In unserem Appartementhaus mit angeschlossenem Hotel und den Praxen war eine dauerhafte Rundumversorgung in eigenen Räumlichkeiten gewährleistet.“
Mittlerweile wird das dreigängige Pfälzer Menü mit den korrespondierenden Weinen serviert.
Da ich bis zu meinem Renteneintritt mit 68 Jahren für verschiedene Zeitungen als freier Journalist tätig war, hatte ich das Gefühl entwickelt, wann ich zum Small Talk übergehen sollte. Die Weinprobe nimmt Herr Meidinger zum Anlass, um von seinen Treffen mit mittelständischen Schuhhändlern, die er als seine Kunden in die hauseigene Vinothek des Deutschen Weintors eingeladen hatte, zu berichten. Hier traf man sich in entspannter Atmosphäre, bevor die Betriebsbesichtigung und Produktschulung am Folgetag stattfand.
„Sicherlich hat ein Sommelier die Erklärung rund um die Weine übernommen, sodass es für Sie als Gastgeber nicht leicht war, das Gespräch, in dessen Mittelpunkt bei einem Geschäftstreffen die Schuhe stehen sollten, zu steuern?“, frage ich mein Gegenüber. „Da hatte ich zwei bis drei passende Geschichten parat. Zum einen der Hinweis auf Hans Sachs, den wohl berühmtesten Schuster des 16. Jahrhunderts; er wanderte als Geselle quer durch Deutschland, bevor er sich als Meister im heimischen Nürnberg niederließ. Seine Berühmtheit erlangte er als aktives Zunftmitglied der Meistersinger, für die er mehr als 400 Meisterlieder gedichtet hat.
Zum anderen der berüchtigte Schuster Wilhelm Voigt, der als Hauptmann von Köpenick in die Ganovengeschichte einging – kein Geringerer als der legendäre Heinz Rühmann verkörperte seine Rolle als Gardeoffizier, der mit einer kleinen Abteilung Soldaten im Rathaus einen Bürgermeister verhaftete und unter militärischer Bewachung nach Berlin transportieren ließ, um selber die Stadtkasse auszurauben.
Insbesondere jüngere Teilnehmer waren an Gesprächen über die Gebrüder Dassler, den legendären Schuhfabrikanten mit ihren Marken Adidas und Puma, interessiert.“
Unvermittelt, bei unserer letzten Weinprobe, erhebt Karl Meidinger das Glas sichtbar feierlich: „Da Sie in der nächsten Zeit in meine Familiengeschichte eintauchen werden und mir bei der Niederschrift helfen wollen, möchte ich Ihnen als der Ältere das Du anbieten. Ich heiße Karl.“ Ich bin ein wenig erstaunt, zumal ich von Anfang an darauf hingewiesen habe, dass ich nunmehr als Rentner seit drei Jahren bei der Erstellung von Biografien mitwirke, mir jedoch eine gewisse Bedenkzeit ausgebeten habe. Diese Gedanken gehen mir sekundenschnell durch den Kopf, wobei mein Gefühl mir sagt, dass ich gerne mit Herrn Meidinger arbeiten wolle. Auch ich hebe mein Glas:
„Manfred Starke, von allen nur Fred genannt.“
Mit meinem neuen Duz-Freund verabrede ich mich für den nächsten Morgen um 9.00 Uhr vor seinem Appartementhaus, dessen Adresse ich dem Briefkopf seines Schreibens entnehme.
Von dem reichhaltigen Frühstücksbüfett habe ich nur eine Schale Müsli genommen und dazu ein Kännchen Tee bestellt – zu üppig war das Drei-Gänge-Menü am Vorabend. Nun stehe ich auf dem Parkplatz neben meinem BMW und bemerke den Fahrer, der einen der beiden verbliebenen Reisebusse startklar macht. Ich gehe auf ihn zu, wünsche einen guten Morgen und suche das Gespräch, indem ich ihn nach der für heute geplanten Fahrtroute frage. Zuerst machen wir einen kurzen Abstecher mit Stadtrundfahrt ins nur zwei Kilometer entfernte Wissembourg. Zurück in Schweigen-Rechtenbach beginnt dann die 80 km lange Fahrt über die Deutsche Weinstraße nach Bockenheim. Unterwegs besuchen wir ein Weingut, zum Mittagessen legen wir einen Stopp in Wachenheim ein. Während der Rückfahrt über die A65 nach Karlsruhe stärken sich die Reiseteilnehmer mit Kaffee und Kuchen, um gegen Abend den Busbahnhof Karlsruhe zu erreichen. „Eure Endstation?“, frage ich. „Ja, Ausgangspunkt und Endstation“, antwortet der Fahrer. „Gestern pünktlich 8.00 Uhr sind wir dort gestartet, um ebenfalls über die A65 bis zur Ausfahrt Kandel und dann weiter auf der B427 nach Bad Bergzabern zu fahren. Laut Programm steht den Reiseteilnehmern der Sonntag hier bis 17.00 Uhr zur freien Verfügung – dann geht es weiter zum 7 Kilometer entfernten Rebenhof.“ Sagt’s und überreicht mir einen Flyer seines Reiseveranstalters mit den Worten: „Wenn Sie einmal mit uns fahren möchten oder uns empfehlen würden …“
Mittlerweile trudeln die Ausflügler ein. Der Busfahrer hilft beim Verstauen der Koffer und Taschen im Gepäckraum; dann nehmen alle ihre Plätze ein.
Ich gehe zurück zu meinem Wagen, winke kurz, und der Busfahrer verabschiedet sich mit einem kurzen Lichtsignal, bevor jeder seinem nächsten Ziel entgegenfährt.
In seiner Wegbeschreibung hat Herr Meidinger das Ferienwohngebiet als Musikerviertel bezeichnet und die BioMed-Fachklinik als Orientierungspunkt angegeben. Diesen Angaben folgend werde ich bereits auf der Zufahrtsstraße erwartet, und Karl steigt zu mir ins Auto. Schon bei der Begrüßung bemerke ich, dass mein Gesprächspartner heute sehr ernst ist. Ich möchte unser nächstes Ziel ins Navigationssystem eingeben, was er mit einer heftigen Handbewegung verhindert. „Wir fahren jetzt zu Christians Grab, wobei die Familie seine letzte Ruhestätte bewusst außerhalb und möglichst anonym gewählt hat.
Unser ältester Sohn ist Ende 1982 auf tragische Weise ums Leben gekommen. Er wurde als RAF-Sympathisant eingestuft und hatte in den letzten Jahren seines Lebens, mehr als uns lieb war, mit der Polizei zu tun; sein Unfalltod stand allerdings hiermit nicht in direkter Verbindung. Er wurde im Dezember 1982 bei einer abendlichen Verkehrskontrolle angehalten, weil ein gefährlicher Strafgefangener am gleichen Tag beim Freigang geflohen war und nun alle Autos überprüft werden sollten, um festzustellen, ob neben dem Fahrer noch eine weitere männliche Person im Wagen sitzt. Dies konnte unser Christian nicht wissen, und weil in diesem Herbst die Terroristen der zweiten Generation Brigitte Mohnhaupt, Adelheid Schulz und im November Christian Klar verhaftet wurden, war die Szene extrem nervös. Unser ältester Sohn gab Gas und flüchtete, verfolgt von einer Motorradstreife. Nach ca. 3 Kilometern kam er von der Straße ab, prallte gegen einen Baum und verstarb noch am Unfallort.
In tiefer Trauer wählten wir die letzte Ruhestätte. Unser ältester Sohn sollte auf einem abgelegenen Friedhof nahe Annweiler den Frieden finden, der ihm in den letzten Jahren seines Lebens nicht vergönnt war; außerdem wollten wir keine Kultstätte für ehemalige oder zukünftige Gesinnungsgenossen schaffen.“
Das soeben Gehörte macht auch mich betroffen und ohne einen weiteren Wortwechsel folge ich den kurzen Anweisungen von Karl Meidinger, bis wir einen abgelegenen Friedhof erreichen, den Wagen parken und ich mich zu Christians Grab führen lasse.
Im Anschluss an den Friedhofsbesuch haben wir eine besinnliche Wanderung geplant. Die Touristikinformation der Südlichen Weinstraße weist verschiedene Wanderwege aus – wir haben den Annweiler Burgweg gewählt. Die Tour beginnt am Wanderparkplatz am Kurpark von Annweiler am Trifels. Dieser ist auch das Ziel. Nach der Burgbesichtigung geht es gemütlich bergab bis zum Ausgangspunkt der 7,5 km langen Wanderung, für die man ca. 3 Stunden einplanen sollte.Da der Grabbesuch Karl Meidinger sichtlich ergreift, lenke ich das Gespräch auf seinen eigenen Werdegang, obwohl wir vereinbart hatten, dass wir auf das Thema „Schuhdynastie Meidinger“ im Zusammenhang mit der Biografie des zweiten Sohnes ausführlich eingehen werden.
Während unserer Wanderung, die wir gemächlich angehen und in deren Verlauf ich die erstaunliche Fitness von Karl bewundere, erzählt dieser: „Großvater, Schuhmachermeister bereits in der fünften Generation, ist zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Januar 1915 gefallen. Er hinterließ seine Frau Elisabeth und den siebenjährigen Sohn Karl-Heinz, meinen Vater. Großmutter, deren Vorfahren seit Generationen in der Landwirtschaft tätig waren, kannte das harte Arbeitsleben seit ihrer Kindheit. Ihr Einsatz war jetzt gefragt. Die junge Witwe konnte sich auf Xaver Meyer, einen ebenso qualifizierten wie einsatzfreudigen Gesellen, verlassen. Schon als Großvater zum Kriegsdienst einberufen wurde, hatte er die Werkstatt bis zu seiner Rückkehr vertrauensvoll an Xaver übergeben.
Aus der Tradition heraus war auch für meinen Vater die berufliche Laufbahn vorgegeben – er hatte gar keine andere Wahl, als eine Lehre zum Schuhmacher im Familienbetrieb zu beginnen, den er später nach der Meisterprüfung übernehmen sollte. Xaver Meyer war meinem Vater nicht nur ein guter Ausbilder, sondern auch seit Kindertagen Vaterersatz. Großmutter Elisabeth ist nach dem Soldatentod ihres Mannes nie wieder eine Beziehung eingegangen. Auch in der nunmehr sechsten Generation standen handwerkliche Perfektion in der Fertigung, sorgfältige Materialauswahl, Heimatverbundenheit und Zuverlässigkeit gegenüber Partnern im Fokus. Im Jahre 1932 wurde die Verantwortung, die Mutter Elisabeth und Xaver Meyer 17 Jahre getragen hatten, auf meinen damals 25‑jährigen Vater Karl-Heinz Meidinger übertragen. Er hatte drei Jahre zuvor seine Jugendliebe Elke Hoffmann geheiratet, und ich wurde 1930 als Stammhalter und auserkorener Betriebsnachfolger geboren.“
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Alle Menschen sind gleichwertig, und doch ist jeder ein Individuum, einmalig wie sein Fingerabdruck mit individuellen Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnissen.
Bis zum Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren waren die Menschen hauptsächlich als Jäger, den Herden folgend, und Sammler tätig. Der Klimawandel in Verbindung mit einem deutlichen Temperaturanstieg machte Landwirtschaft – Ackerbau und Viehzucht – und damit die Sesshaftigkeit möglich. Zu den kulturellen Entwicklungszentren gehörte maßgeblich Mesopotamien; hier im Zweistromland fanden die Menschen gute Bedingungen zum Pflanzenanbau. Gräser wie Weizen waren für die Entstehung der Zivilisation entscheidend. Tiere, zunächst vorwiegend Rinder, lieferten Milch und Fleisch, wurden aber auch zur Arbeit eingesetzt. Das Pflügen der Felder wäre ohne Nutztiere nur bedingt möglich gewesen. Der Mensch kann bis 100 Watt Leistung erbringen – Rinder und Pferde 8–10 Mal so viel. Unsere Vorfahren benötigten nun nicht mehr alle Arbeitszeit für die Nahrungsbeschaffung und konnten sich daher anderen Dingen widmen. Das arbeitsteilige Handwerk entwickelte sich.
Heute wird die 40- bzw. 35-Stunden-Woche häufig thematisiert. Gemeint ist die bezahlte Regelarbeitszeit der weisungsgebundenen Erwerbstätigen.
Wenn ich mich frage, was meine Mitmenschen antreibt, muss ich mir klarmachen, dass wir tatsächlich eine 112‑Stunden-Woche haben.
24 Stunden pro Tag minus 8 Stunden Schlaf = 16 Stunden x 7 = 112 Stunden Wachzeit.
Ähnlich wie bei der gesamten Entwicklungsgeschichte der Menschen wird der Anteil der selbstbestimmten Zeit im Vergleich zu der weisungsgebundenen, fremdstrukturierten Zeit nicht zuletzt durch den Maschinen- und Computereinsatz größer.
Selbst Mitmenschen, die im Berufsleben nahezu gleiche Arbeitsplätze ausfüllen, können sich in ihren Tätigkeiten, die sie in der frei verfügbaren Zeit ausüben, deutlich unterscheiden. Die einen betätigen sich im Ehrenamt, andere wiederum sind sportlich aktiv, nutzen Weiterbildungsmöglichkeiten oder sind kreativ tätig.
Das persönliche Leistungspotenzial hängt von unseren Begabungen ab. Durch Lernen und Praktizieren beeinflussen wir schließlich unser Leistungsangebot. Um erfolgreich wirken zu können, brauchen wir eine möglichst gute körperliche, geistige und seelische Verfassung, um auch Beeinträchtigungen und Behinderungen ausgleichen zu können. Manche gelangen während ihrer Lebensspanne in Politik – Wirtschaft – Sport und Kultur zu Ruhm und Reichtum; andere leisten verlässlich und kontinuierlich Gewaltiges, ohne die verdiente Anerkennung zu erhalten. Welche Erfolgsgeheimnisse sind entscheidend? Neben dem eigenen Leistungsangebot sind die Rahmenbedingungen und vor allen Dingen unsere Mitmenschen wichtige Erfolgsfaktoren. Der Schlüssel zum Erfolg sind letztendlich unsere Mitmenschen. Sie kaufen unsere Produkte, geben uns ihre Stimme und damit Mandate, sie werden unsere „Follower“.
Auch in der vorliegenden Arbeit über Familie Meidinger werde ich die Protagonisten, eingebunden in das wirtschaftliche und politische Zeitgeschehen, in ihrer Gesamtheit darstellen.
Manfred (Fred) Starke
Das Erste Treffen
Sie haben Ihr Ziel erreicht!
Die vertraute Stimme meines Navigationssystems hat mich direkt auf den Parkplatz vor dem Rebenhof geführt. Ich steige aus meinem 2er-BMW und knöpfe die Jacke zu – es ist kalt an diesem klaren Oktoberabend. Die Parklücken neben meinem PKW sind frei – auf dem folgenden Platz rechts steigt eine Familie in einen Kleinbus. Die vier Kinder streiten um die besten Plätze, dann schließt der Vater mit Schwung die Schiebetür, steigt selber ein, setzt seinen VW-Bus zurück und fährt davon. Damit ist der Blick auf das Deutsche Weintor freigegeben. Das 18 m hohe Wahrzeichen der Deutschen Weinstraße ist an diesem Abend romantisch ausgeleuchtet.
Meinen Trolley hinter mir herziehend gehe ich in den Rebenhof; hier hat Karl Meidinger ein Zwei-Tage-Arrangement für mich gebucht. Auf dem Weg zur Rezeption registriere ich zur Linken den offenen, großzügigen Gastronomiebereich. Auf dem Parkplatz waren mir bereits Reisebusse aufgefallen, die den Eindruck einer typischen Ausflugslokalität bestätigten. Häufig ist die Anreise in solchen Hotels auf Sonntagabend datiert, was mir gelegen kommt. Bei dem vorgegebenen Pfälzer Menü und einer kleinen Weinprobe würde ich meinen Gesprächspartner in entspannter Atmosphäre kennenlernen. An der Rezeption erfahre ich, dass die Gästezimmer alle den gleichen Komfort bieten, jedoch unterschiedlich groß sind. Da ich außerhalb der Ruhezeiten keinen längeren Aufenthalt im Zimmer eingeplant habe, bin ich mit einem der kleineren Räume einverstanden, den ich beziehe. Mit nochmaligem Durchlesen des handgeschriebenen Briefes von Herrn Meidinger bereite ich mich auf das Treffen vor.
Pünktlich zur verabredeten Zeit 18.30 Uhr kommt ein agiler, mittelgroßer älterer Herr auf meinen Tisch zu, schaut mich fragend an, und nachdem ich zur Begrüßung aufgestanden bin, streckt er mir seine Hand freundlich lächelnd entgegen und begrüßt mich: „Meidinger, Ihre Verabredung – vielleicht erinnern Sie sich an unser kurzes Treffen beim IHK-Empfang“. Nach ein paar belanglosen Sätzen wie seiner Frage nach meiner Anreise bringt die Bedienung ein Glas Sekt, welches zur Einstimmung auf die Schlemmertage zum Arrangement gehört. Mein Gastgeber hat für die beiden folgenden Tage die gleiche Speisen- und Getränkereihenfolge für sich dazugebucht.
„Sekt und anschließend eine Weinprobe – ich bin froh, hier im Hotel untergebracht zu sein, denn selber Auto fahren wäre nicht mehr ratsam.“ Diese meine Bemerkung versteht Herr Meidinger auch als Frage. „Mein Führerschein ist mit 67 Jahren in Rente gegangen. Ich hatte ihn gleich mit 18 gemacht und mit 85 zurückgegeben. Für die Fahrten, die für mich noch wichtig sind, leiste ich mir ein Taxi; ansonsten bin ich sowieso viel zu Fuß unterwegs, um mich fit zu halten.“ Diese Aussage von Herrn Meidinger überrascht mich vor allen Dingen wegen der Altersangabe, und auf Nachfrage erfahre ich, dass er bereits 89‑jährig, seit zwei Jahren verwitwet, in einem nahe gelegenen Appartementhaus am Rande von Bad Bergzabern lebt.
Ende der 70er Jahre, als seine Meidinger-Schuhfabrik erfolgreich am Markt agierte, hatte das Fabrikantenehepaar im Bad Bergzaberner Gebiet ein Appartementhaus gebaut; dieses wird bis heute für Ferienwohnungen und zum Betrieb eines Hotels genutzt. Außerdem gibt es zwei Praxen im Erdgeschoss, wobei eine von einem Badearzt und die andere als Physiotherapie-Zentrum betrieben werden. Schon in der Bauphase wurden Ferienwohnungen verkauft; das Ehepaar Meidinger behielt neben einigen Ferienappartements die Praxisräume und den Hotelbereich, die von Anfang an verpachtet sind, im Portfolio. Eine Ferienwohnung ist dauerhaft eigengenutzt, diente viele Jahre als zur Schuhfabrik nahe gelegenem Rückzugsort und später bis heute als Altersruhesitz. Nicht ohne Stolz bemerkt Herr Meidinger:
„Sie wissen doch, Unternehmer kommt von unternehmen! Schon in der Blüte unserer Jahre überlegten meine Frau und ich, wie wir im Alter versorgt sein würden. In unserem Appartementhaus mit angeschlossenem Hotel und den Praxen war eine dauerhafte Rundumversorgung in eigenen Räumlichkeiten gewährleistet.“
Mittlerweile wird das dreigängige Pfälzer Menü mit den korrespondierenden Weinen serviert.
Da ich bis zu meinem Renteneintritt mit 68 Jahren für verschiedene Zeitungen als freier Journalist tätig war, hatte ich das Gefühl entwickelt, wann ich zum Small Talk übergehen sollte. Die Weinprobe nimmt Herr Meidinger zum Anlass, um von seinen Treffen mit mittelständischen Schuhhändlern, die er als seine Kunden in die hauseigene Vinothek des Deutschen Weintors eingeladen hatte, zu berichten. Hier traf man sich in entspannter Atmosphäre, bevor die Betriebsbesichtigung und Produktschulung am Folgetag stattfand.
„Sicherlich hat ein Sommelier die Erklärung rund um die Weine übernommen, sodass es für Sie als Gastgeber nicht leicht war, das Gespräch, in dessen Mittelpunkt bei einem Geschäftstreffen die Schuhe stehen sollten, zu steuern?“, frage ich mein Gegenüber. „Da hatte ich zwei bis drei passende Geschichten parat. Zum einen der Hinweis auf Hans Sachs, den wohl berühmtesten Schuster des 16. Jahrhunderts; er wanderte als Geselle quer durch Deutschland, bevor er sich als Meister im heimischen Nürnberg niederließ. Seine Berühmtheit erlangte er als aktives Zunftmitglied der Meistersinger, für die er mehr als 400 Meisterlieder gedichtet hat.
Zum anderen der berüchtigte Schuster Wilhelm Voigt, der als Hauptmann von Köpenick in die Ganovengeschichte einging – kein Geringerer als der legendäre Heinz Rühmann verkörperte seine Rolle als Gardeoffizier, der mit einer kleinen Abteilung Soldaten im Rathaus einen Bürgermeister verhaftete und unter militärischer Bewachung nach Berlin transportieren ließ, um selber die Stadtkasse auszurauben.
Insbesondere jüngere Teilnehmer waren an Gesprächen über die Gebrüder Dassler, den legendären Schuhfabrikanten mit ihren Marken Adidas und Puma, interessiert.“
Unvermittelt, bei unserer letzten Weinprobe, erhebt Karl Meidinger das Glas sichtbar feierlich: „Da Sie in der nächsten Zeit in meine Familiengeschichte eintauchen werden und mir bei der Niederschrift helfen wollen, möchte ich Ihnen als der Ältere das Du anbieten. Ich heiße Karl.“ Ich bin ein wenig erstaunt, zumal ich von Anfang an darauf hingewiesen habe, dass ich nunmehr als Rentner seit drei Jahren bei der Erstellung von Biografien mitwirke, mir jedoch eine gewisse Bedenkzeit ausgebeten habe. Diese Gedanken gehen mir sekundenschnell durch den Kopf, wobei mein Gefühl mir sagt, dass ich gerne mit Herrn Meidinger arbeiten wolle. Auch ich hebe mein Glas:
„Manfred Starke, von allen nur Fred genannt.“
Mit meinem neuen Duz-Freund verabrede ich mich für den nächsten Morgen um 9.00 Uhr vor seinem Appartementhaus, dessen Adresse ich dem Briefkopf seines Schreibens entnehme.
Von dem reichhaltigen Frühstücksbüfett habe ich nur eine Schale Müsli genommen und dazu ein Kännchen Tee bestellt – zu üppig war das Drei-Gänge-Menü am Vorabend. Nun stehe ich auf dem Parkplatz neben meinem BMW und bemerke den Fahrer, der einen der beiden verbliebenen Reisebusse startklar macht. Ich gehe auf ihn zu, wünsche einen guten Morgen und suche das Gespräch, indem ich ihn nach der für heute geplanten Fahrtroute frage. Zuerst machen wir einen kurzen Abstecher mit Stadtrundfahrt ins nur zwei Kilometer entfernte Wissembourg. Zurück in Schweigen-Rechtenbach beginnt dann die 80 km lange Fahrt über die Deutsche Weinstraße nach Bockenheim. Unterwegs besuchen wir ein Weingut, zum Mittagessen legen wir einen Stopp in Wachenheim ein. Während der Rückfahrt über die A65 nach Karlsruhe stärken sich die Reiseteilnehmer mit Kaffee und Kuchen, um gegen Abend den Busbahnhof Karlsruhe zu erreichen. „Eure Endstation?“, frage ich. „Ja, Ausgangspunkt und Endstation“, antwortet der Fahrer. „Gestern pünktlich 8.00 Uhr sind wir dort gestartet, um ebenfalls über die A65 bis zur Ausfahrt Kandel und dann weiter auf der B427 nach Bad Bergzabern zu fahren. Laut Programm steht den Reiseteilnehmern der Sonntag hier bis 17.00 Uhr zur freien Verfügung – dann geht es weiter zum 7 Kilometer entfernten Rebenhof.“ Sagt’s und überreicht mir einen Flyer seines Reiseveranstalters mit den Worten: „Wenn Sie einmal mit uns fahren möchten oder uns empfehlen würden …“
Mittlerweile trudeln die Ausflügler ein. Der Busfahrer hilft beim Verstauen der Koffer und Taschen im Gepäckraum; dann nehmen alle ihre Plätze ein.
Ich gehe zurück zu meinem Wagen, winke kurz, und der Busfahrer verabschiedet sich mit einem kurzen Lichtsignal, bevor jeder seinem nächsten Ziel entgegenfährt.
In seiner Wegbeschreibung hat Herr Meidinger das Ferienwohngebiet als Musikerviertel bezeichnet und die BioMed-Fachklinik als Orientierungspunkt angegeben. Diesen Angaben folgend werde ich bereits auf der Zufahrtsstraße erwartet, und Karl steigt zu mir ins Auto. Schon bei der Begrüßung bemerke ich, dass mein Gesprächspartner heute sehr ernst ist. Ich möchte unser nächstes Ziel ins Navigationssystem eingeben, was er mit einer heftigen Handbewegung verhindert. „Wir fahren jetzt zu Christians Grab, wobei die Familie seine letzte Ruhestätte bewusst außerhalb und möglichst anonym gewählt hat.
Unser ältester Sohn ist Ende 1982 auf tragische Weise ums Leben gekommen. Er wurde als RAF-Sympathisant eingestuft und hatte in den letzten Jahren seines Lebens, mehr als uns lieb war, mit der Polizei zu tun; sein Unfalltod stand allerdings hiermit nicht in direkter Verbindung. Er wurde im Dezember 1982 bei einer abendlichen Verkehrskontrolle angehalten, weil ein gefährlicher Strafgefangener am gleichen Tag beim Freigang geflohen war und nun alle Autos überprüft werden sollten, um festzustellen, ob neben dem Fahrer noch eine weitere männliche Person im Wagen sitzt. Dies konnte unser Christian nicht wissen, und weil in diesem Herbst die Terroristen der zweiten Generation Brigitte Mohnhaupt, Adelheid Schulz und im November Christian Klar verhaftet wurden, war die Szene extrem nervös. Unser ältester Sohn gab Gas und flüchtete, verfolgt von einer Motorradstreife. Nach ca. 3 Kilometern kam er von der Straße ab, prallte gegen einen Baum und verstarb noch am Unfallort.
In tiefer Trauer wählten wir die letzte Ruhestätte. Unser ältester Sohn sollte auf einem abgelegenen Friedhof nahe Annweiler den Frieden finden, der ihm in den letzten Jahren seines Lebens nicht vergönnt war; außerdem wollten wir keine Kultstätte für ehemalige oder zukünftige Gesinnungsgenossen schaffen.“
Das soeben Gehörte macht auch mich betroffen und ohne einen weiteren Wortwechsel folge ich den kurzen Anweisungen von Karl Meidinger, bis wir einen abgelegenen Friedhof erreichen, den Wagen parken und ich mich zu Christians Grab führen lasse.
Im Anschluss an den Friedhofsbesuch haben wir eine besinnliche Wanderung geplant. Die Touristikinformation der Südlichen Weinstraße weist verschiedene Wanderwege aus – wir haben den Annweiler Burgweg gewählt. Die Tour beginnt am Wanderparkplatz am Kurpark von Annweiler am Trifels. Dieser ist auch das Ziel. Nach der Burgbesichtigung geht es gemütlich bergab bis zum Ausgangspunkt der 7,5 km langen Wanderung, für die man ca. 3 Stunden einplanen sollte.Da der Grabbesuch Karl Meidinger sichtlich ergreift, lenke ich das Gespräch auf seinen eigenen Werdegang, obwohl wir vereinbart hatten, dass wir auf das Thema „Schuhdynastie Meidinger“ im Zusammenhang mit der Biografie des zweiten Sohnes ausführlich eingehen werden.
Während unserer Wanderung, die wir gemächlich angehen und in deren Verlauf ich die erstaunliche Fitness von Karl bewundere, erzählt dieser: „Großvater, Schuhmachermeister bereits in der fünften Generation, ist zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Januar 1915 gefallen. Er hinterließ seine Frau Elisabeth und den siebenjährigen Sohn Karl-Heinz, meinen Vater. Großmutter, deren Vorfahren seit Generationen in der Landwirtschaft tätig waren, kannte das harte Arbeitsleben seit ihrer Kindheit. Ihr Einsatz war jetzt gefragt. Die junge Witwe konnte sich auf Xaver Meyer, einen ebenso qualifizierten wie einsatzfreudigen Gesellen, verlassen. Schon als Großvater zum Kriegsdienst einberufen wurde, hatte er die Werkstatt bis zu seiner Rückkehr vertrauensvoll an Xaver übergeben.
Aus der Tradition heraus war auch für meinen Vater die berufliche Laufbahn vorgegeben – er hatte gar keine andere Wahl, als eine Lehre zum Schuhmacher im Familienbetrieb zu beginnen, den er später nach der Meisterprüfung übernehmen sollte. Xaver Meyer war meinem Vater nicht nur ein guter Ausbilder, sondern auch seit Kindertagen Vaterersatz. Großmutter Elisabeth ist nach dem Soldatentod ihres Mannes nie wieder eine Beziehung eingegangen. Auch in der nunmehr sechsten Generation standen handwerkliche Perfektion in der Fertigung, sorgfältige Materialauswahl, Heimatverbundenheit und Zuverlässigkeit gegenüber Partnern im Fokus. Im Jahre 1932 wurde die Verantwortung, die Mutter Elisabeth und Xaver Meyer 17 Jahre getragen hatten, auf meinen damals 25‑jährigen Vater Karl-Heinz Meidinger übertragen. Er hatte drei Jahre zuvor seine Jugendliebe Elke Hoffmann geheiratet, und ich wurde 1930 als Stammhalter und auserkorener Betriebsnachfolger geboren.“
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