Hanna
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 140
ISBN: 978-3-99146-992-6
Erscheinungsdatum: 07.08.2024
Wie eine Puppe im Puppentheater, so fühlt sich Hanna: Miene, Aussehen, Verhalten auf der Bühne des Lebens, alles wird von anderen bestimmt. Die albanische Tradition schreibt vor, wen und wie man liebt. Dabei will die junge Kosovo-Albanerin nur glücklich sein.
EINLEITUNG
Als ich gerade auf einer der Bänke des Stadtparks saß, läutete mein Handy. Während des Telefonats bemerkte ich einen Blick, der auf mich gerichtet war. Mir gegenüber saß eine junge Frau, die meine Augen fixiert hielt und mich irgendwie seltsam anstarrte. Ihre Gedanken schienen sich manchmal irgendwo anders zu verlieren. Nach einiger Zeit sah ich, wie sie sich mit der einen Hand die Tränen wegwischte, die ihr über die Wangen liefen. Ich dachte mir, dass ein so schöner Frühlingstag natürlich die unterschiedlichsten Emotionen bei den Menschen hervorrufen würde, sogar unerwartete Tränenausbrüche. Das war nicht schwer nachzuvollziehen. Ich beschloss, aufzustehen und meinen Rundgang im Stadtpark fortzusetzen, so wie ich es geplant hatte. Doch als ich mich umgedreht hatte, hörte ich eine Frauenstimme rufen:
„Bitte, würden Sie für einen Augenblick stehenbleiben?“
Ich war mir nicht sicher, ob diese Bitte mir galt. Irgendwie erstaunt und neugierig drehte ich den Kopf, um zu sehen, wer mich da auf Albanisch angesprochen hatte. Ich sah die Frau, die noch vor wenigen Augenblicken mir gegenübergesessen war und mich nun wieder voller Neugier und mit Tränen in den Augen anblickte.
„Ja, bitte, was wünschen Sie?“, antwortete ich ihr mit einem leichten Lächeln, um ihr trauriges Aussehen, welches ihr ganzes Gesicht erfasst hatte, ein wenig zu mildern.
„Ich habe gehört, wie Sie am Telefon Albanisch gesprochen haben. Daher habe ich es gewagt, Sie anzusprechen“, sagte tief seufzend die mir unbekannte Dame und sprach weiter: „Der eigentliche Grund, warum ich Sie angehalten habe, ist …“
Die Worte blieben ihr irgendwie im Hals stecken, sodass sie sie nicht aussprechen konnte. Sie sprach unter Schwierigkeiten. Es war offensichtlich, dass sie einen Kummer hatte. Das beunruhigte mich, weil ich nicht wusste, was sie von mir wollte und was ich für sie tun konnte.
„Bitte, meine Dame, es macht nichts. Was kann ich für Sie tun?“, fragte ich sie voller Neugier.
Sie hingegen bat mich mit flehender Stimme, noch ein paar Augenblicke auf der Bank sitzen zu bleiben. Ich verstand nicht, was sie von mir wollte. Aber meine Beine brachten mich wieder auf die Bank von vorhin. Die unbekannte Dame war sehr durcheinander, machte unkontrollierte Bewegungen und erschien mir unkonzentriert. Sie fuchtelte mit den Händen und ging hin und her. Als ob sie die Zunge verschluckt hätte und daher nicht sprechen konnte, fand sie nicht die Worte, sich auszudrücken. Ihre Bewegungen brachten mich von Augenblick zu Augenblick in eine unangenehmere Situation. Endlich trafen sich unsere Blicke und sie wandte sich an mich:
„Wie sehr Sie meiner Schwester Hanna ähneln! Vielleicht kommt Ihnen das merkwürdig vor. Vielleicht beängstigt Sie das sogar. Aber ich wollte Sie unbedingt noch ein paar Momente lang ansehen. Ach, wie sehr mir meine Schwester Hanna fehlt!“
Danach brach sie in Tränen aus.
„Gnädige Frau, ich hoffe, dass Sie so schnell wie möglich Ihre Schwester Hanna wiedersehen werden“, sagte ich ihr, und, ohne dass ich meinen Satz zu Ende bringen konnte, setzte sie fort:
„Damit Sie das wissen: Als ich das letzte Mal in diesem Park war, so wie heute an einem Frühlingstag, da hatten wir uns so sehr vergnügt. Heute bin ich gekommen, um mich an jenen Tag mit Hanna zu erinnern, und ich treffe Sie hier an! Ist das nicht ein Wunder?“
Ihre Hände hatten begonnen zu zittern, und aus ihren Augen strömten ununterbrochen die Tränen.
„Meine Dame, es tut mir leid, aber ich bin nicht Hanna. Andererseits freut es mich, dass meine Ähnlichkeit mit Hanna Ihre Sehnsucht nach ihr ein wenig mildert. Ich möchte nochmals meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass Sie alsbald Ihre Schwester wiedersehen werden“, versuchte ich sie irgendwie zu trösten, obwohl mir klar war, dass ich mehr Zeit dafür bedurfte.
Mein Plan für den Tag begann sich zu ändern, bevor er noch so richtig begonnen hatte. Langsam steckte sie die Hand in ihre Tasche und holte ein paar Briefe hervor. Einige davon waren zusammengedrückt, andere wiederum in Teile zerrissen. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, welchen Verlauf die Unterhaltung mit der unbekannten Dame nehmen würde. Abgesehen davon, dass sie Albanisch mit mir sprach, konnte ich nichts anderes von ihr verstehen.
„Sehen Sie diese Briefe hier? Sie stammen von meiner Hanna. Sie schrieb manchmal ihre Gedanken nieder. Da, nehmen Sie sie, werfen Sie einen Blick darauf.“
Sie sah mir in die Augen. Ich spürte ihre Angst, ich könnte die Unterhaltung mit ihr zurückweisen. Mit der Sprache ihres Blicks sagte sie mir: Bitte, hören Sie mich an! Endlich streckte ich meine Hand aus und nahm die Briefe, die sie mir entgegenhielt. Ich begann, sie zu entfalten, um nach und nach in das Geheimnis der unbekannten Dame einzutauchen. Mein Handeln schien diese traurige Frau zu beglücken. Sie fing sofort an, mir die Rolle der Briefe zu erläutern, die wir beide in Händen hielten.
„Sehen Sie, diesen da hat Hanna genau hier an diesem Platz geschrieben, heute vor einem Jahr. An jenem Tag hatte ich sie hier angetroffen, als sie gerade beim Schreiben war. Wir verbrachten den restlichen Tag hier.“
So erzählte sie mir fließend und langsam ihre und Hannas Geschichte. Irgendwann spät endete am Abend mein Besuch im Stadtpark, genau auf dieser Bank, wo ich für eine kurze Rast angehalten hatte und plötzlich auf die unbekannte Dame getroffen war, die mich in meiner albanischen Muttersprache angesprochen hatte. Als die Dame von mir erfuhr, dass ich mich manchmal literarisch betätige, war sie damit einverstanden, dass ich ihre Geschichte in Buchform aufschreibe. Ich versprach ihr, die Namen der Protagonisten zu ändern und den Schauplatz der Geschichte an einen anderen Ort in Deutschland zu verlegen.
Ausschnitt aus Hannas Tagebuch, Februar 2000, Konstanz:
Heute ist Mittwoch, der 2. Februar, 23:30Uhr. Kurz vor Mitternacht. Mehr als die Hälfte der Welt schläft vielleicht schon, während die andere noch wach ist gemeinsam mit der Familie und den Liebsten oder sich wahrscheinlich an einem anderen Ort vergnügt. Dunkelheit hat die Stadt eingehüllt und Licht spendet nur die Straßenbeleuchtung. Ich bin noch wach, allein in meinem Zimmer. Ich bin nicht schläfrig. In meinem Kopf schwirren viele Gedanken herum. Ich habe viele Fragen, aber manchmal fällt es mir schwer, Antworten darauf zu finden. Ich wünsche mir, meine Innenwelt nach außen bringen zu können, um mich mit ihr zu unterhalten und mir ihre Sorgen oder auch Wünsche anzuhören.
Auf der Reise des Lebens verlieren wir uns oft, sind orientierungslos. Manchmal schreiten wir langsam voran, manchmal laufen wir atemlos, in der Eile fallen wir auch das eine oder andere Mal hin, übertriebene Eile tut uns nicht gut. Auf dieser Reise wollen wir Spuren hinterlassen. Einige von ihnen verschwinden, einige bleiben. Aber wir drehen uns niemals um, um diese Spuren zu betrachten, weil sie uns stets verfolgen, immer hinterherkommen. Auch dann, wenn wir es nicht wollen, lassen sie uns nicht im Stich, auch dann nicht, wenn sie uns zum Albtraum werden.
Wir kommen in diese Welt, ohne eine Wahlmöglichkeit zu haben. Auch dann, wenn uns scheinbar die Möglichkeit geboten würde, selbst zu entscheiden, auf welchem Planeten wir zu leben wünschten, könnten wir dennoch nicht den konkreten Geburtsort auf dem Planeten aussuchen. So würden wir die Zeit verschwenden, indem wir von Planet zu Planet reisten, ohne den geeigneten zu finden. Und ich, wofür würde ich mich entscheiden, falls ich die Erde wählte, auf welchem Kontinent würde ich leben wollen? Wenn die Erde gar keine Kontinente hätte, sondern eins wäre, gleich für alle, dann wären wir alle gleich und würden gemeinsam mit der Erde vermodern, alle miteinander eins werden. Aber wenn alles so gleich wäre, wäre das Leben nicht so attraktiv. Die Vielfalt gefällt mir da schon mehr. Das, was uns verbindet, ist die Tatsache, dass wir alle Menschen sind. Es gibt keine perfekte Welt. Die vollkommene Welt müssen wir in uns selbst errichten, unzerstörbar und dauerhaft gegenüber allen Herausforderungen. Wieder einmal muss ich bejahen, dass wir privilegiert sind, weil wir nicht die Last der Gleichförmigkeit zu tragen haben.
Es ist überhaupt nicht leicht, Entscheidungen zu treffen. Manchmal lässt man die Dinge offen, schiebt sie aus Angst beiseite, und die Unentschlossenheit wird zu einer Flucht vor der Verantwortung, die man auf sich nehmen muss. Das dahineilende Leben ist sinnlos, düster, humorlos, wie ein grauer Herbsttag, wo die Blätter aus Feuchtigkeit zu vergehen beginnen und in jedem Augenblick die winterliche Eiseskälte einfallen kann. Was machen wir dann? Wir laufen weg, um einen Winkel zu finden, wo wir verweilen und uns vor der Kälte zusammenkauern können. Dann werden wir uns nicht um das Aussehen jenes rettenden Obdachs kümmern.
Die Welt ist groß, und fast jeder von uns kommt sich in ihr mikroskopisch klein vor. Ein paar hingegen fühlen sich viel größer, so groß, dass sie sich als unvergleichbar mit den anderen betrachten. Diese falsche Selbstüberschätzung bringt diese Menschen an den Rand des Abgrunds, aus dem zu entkommen ihnen dann sehr schwerfällt. In ihrem Bemühen, andere von ihrer Unvergleichbarkeit zu überzeugen, gehen sie sogar so weit, dass sie Übeltaten verüben und andere auf vielerlei Art verletzen. Manchmal machen wir uns auch in Gedanken lächerlich. Aber was sollen wir tun? Wir sind Menschen und daher unvollkommen.
Wie schnell die Uhrzeiger laufen! Es kommt mir vor, als ob die Nacht sehr schnell vergehen wird, während meine mit Weltschmerz beladenen Gedanken sich in der Welt zerstreuen. Um es anders auszudrücken: Wenn wir keine Lösung für unsere Probleme finden, dann beschäftigen wir uns mit der Welt. Denn wir müssen unbedingt einen Verantwortlichen für unser eigenes Scheitern finden.
Das Mondlicht ist in mein Zimmer eingedrungen. Es scheint mir in diesen späten Stunden Gesellschaft leisten zu wollen. Ich brauche kein anderes Licht. Es genügt mir, um schreiben zu können.
Ach, wie ironisch das Schicksal manchmal ist! Ich hätte mir niemals gedacht, einmal ein Tagebuch zu führen. Ich habe immer gedacht, ich wäre jederzeit in der Lage, offen über mich selbst zu sprechen, über das Leben, die Umwelt und die Gesellschaft, die uns umgibt, und vor allem über die Gefühle. Ein schöner Gedanke. Aber die Wirklichkeit serviert uns manchmal Dinge, über die wir nicht offen sprechen können. Vielleicht nicht deshalb, weil wir keine Kraft zum Sprechen haben, sondern weil wir uns – über die Menschen und ihre Gedanken besser Bescheid wissend – später darüber bewusst werden, dass sie unsere ausgesprochenen Gedanken und Gefühle sowie uns selbst verurteilen und ablehnen werden.
Das Leben ist so unvorhersehbar. Obwohl du von vielen Menschen umgeben bist, fühlst du dich am Ende wieder einsam. Einsam nicht wegen dem fehlenden Vertrauen, sondern deswegen, weil du es nicht wagst, über deinen Kummer zu reden, dich nicht traust, die Vertrauenswürdigkeit der anderen auf die Probe zu stellen.
Das Leben ist voller Herausforderungen, die uns in eine Ecke treiben und irgendwann einsam, sorgenvoll und ohne Lösung zurücklassen. Sie bringen uns sogar dazu, uns schuldig zu fühlen, ohne etwas angestellt zu haben. Sie lassen uns selbst ganz klein und kraftlos vor den anderen erscheinen.
Unrecht zu haben oder Unrecht zu erleiden sind zwei völlig verschiedene Dinge. Die meisten tun sich schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Sehr oft rechtfertigen die Leute das von ihnen getane Unrecht damit, dass sie eigentlich die Opfer und die Verletzten seien.
Manchmal erscheint mir das Leben als sehr ungerecht. Es spielt mit unseren Gefühlen, unserem Schicksal, unseren Wünschen und unserer Geduld. Es macht uns zu unterschiedlichen Menschen, obwohl wir in Wirklichkeit gleich sind.
In Konstanz, einer großen touristischen Stadt, begann das Leben fast vor Sonnenaufgang. Die Stadt toste vor Einwohnern wie auch Touristen, welche aus den verschiedensten Ländern kamen. Hier gewann man den Eindruck, als ob keiner den anderen kannte. Jeder war in Eile, um seine Angelegenheiten zu erledigen, ohne jemals zurückzuschauen. Alle schienen in einer egoistischen Welt zu leben. Manchmal war der erste Eindruck sehr wichtig. Aber was brachte das, wenn die Realität weit vom ersten Eindruck entfernt war? Hanna allerdings schien nicht inmitten jener Menge, welche jeden Tag die Stadt belebte, verloren zu sein. Vielmehr schien es, als hätte sie über die Masse triumphiert. Sie war kein Schatten geblieben inmitten von so vielen Sonnenstrahlen. Es kannten sie nicht nur die Bewohner und Ladenbesitzer der Straße „Heinrich Heine“, sondern auch alle Bücherliebhaber. Sie lebte in der Welt der Bücher, war ein Teil von ihnen geworden. So war sie ein ordentliches Mitglied der Stadtbibliothek, in der sie schon seit drei Jahren arbeitete. Die Albanerin aus Kosovo war selbst zu einem Buch geworden, in welchem die Bibliotheksbesucher manchmal ein wenig über ihre persönliche Geschichte zu lesen wünschten. Wer war Hanna?
Hanna Shala, vierundzwanzig Jahre alt, aus Kosovo, war die Jüngste in der Familie Shala, die in Deutschland in der Stadt Konstanz lebte. Ihr Vater hieß Gani und ihre Mutter Ajna. Sie hatte eine Schwester und einen Bruder, beide älter als sie. Ihre Schwester hieß Besa, ihr Bruder Flamur. Ihr Vater Gani war in den Achtzigerjahren nach Deutschland emigriert.
In seine Stirnfalten waren die Geschichten des Schmerzes eingeschrieben. Die Jahreszeiten wechselten sich ab und die Jahre vergingen, indem sie die Hoffnung auf eine Rückkehr ins Vaterland mit sich nahmen, in ein endlich befreites Vaterland, ohne Kriege, ohne Morde, ohne Folter.
Täglich dachten sie daran, die halb verwirklichten Träume zu vollenden, doch das Leben spielte mit ihrem Schicksal. Viele von ihnen, im Gepäck die Träume und den Wunsch nach Rückkehr in die Heimat, schienen in die Ewigkeit zu gehen, während sie am Ende vom Vaterland nur die kalte Erde genossen, welche auf ihre Körper geworfen wurde.
Viele von Ganis Freunden, sich jahrelang der Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat hingebend, erlitten dieses Schicksal. Einige von ihnen kehrten sogar in den Kosovo zurück und opferten sich für seine Freiheit, während einige andere nach der Pensionierung im Alter für immer in seinem Schoß eingingen.
Auch Gani ereilte das Schicksal der Emigration. Damals hatten sie ihn von der Arbeit entlassen. Um das Überleben der Familie zu sichern, war er gezwungen, die Heimat zu verlassen und ins Ausland auszuwandern, ohne genau zu wissen, wohin er sich wenden sollte. Anfangs wollte er nur zwei, drei Monate bleiben, um ein wenig Geld zu verdienen und wieder in den Schoß der Familie zurückzukehren. Niemals hätte er sich gedacht, dass er sein Leben hier in Deutschland verbringen würde.
Die Jahre vergingen, stets daran denkend, diesen oder nächsten Monat in die Heimat zurückzukehren und die meiste Zeit in Einsamkeit verbringend. Doch er teilte dieses Schicksal mit Hunderten und Tausenden anderen Albanern, welche die Einsamkeit wählten, damit die übrigen Familienmitglieder der Heimat nicht den Rücken kehren mussten und das Vaterland in der Folge nicht in den Händen der Besatzer blieb.
Irgendwann hatte sich die Lage im Kosovo so sehr verschlechtert, dass Gani auch seine Familie – die Ehefrau Ajna, den Sohn Flamur und die beiden Töchter Besa und Hanna – nach Deutschland holen musste. In Konstanz führten sie ein durchschnittliches Leben, so wie auch viele andere albanische Familien in der Emigration. Da nun seine Familie da war, vermehrten sich auch Ganis Sorgen. Neben der Arbeit musste er sich auch um seine Familie kümmern. Sein Hauptaugenmerk galt der Bewahrung der albanischen Tradition und Identität. Vor allem die Kinder sollten innerhalb der von eigenen Tradition vorgegebenen Grenzen bleiben. Die Kinder wuchsen im Geiste der Vaterlandsliebe auf, stets mit dem Wunsch, ihre Heimat jedes Jahr zu besuchen. Gleichzeitig wuchsen sie inmitten verschiedener Kulturen auf. Es fehlte nicht an gegenseitigem Respekt, abgesehen von einigen seltenen Ausnahmen.
Gani ließ keine Gelegenheit vorübergehen, seine Kinder daran zu erinnern, woher sie stammten. Jedes Mal riet er ihnen, dass sie ihr Schicksal mit Menschen gleicher Nationalität verknüpfen sollten, weil seine Familie sonst nicht mit deren Entscheidung einverstanden wäre. Die beiden Älteren hatten bereits ihr Schicksal gewählt. Nur Hanna war noch ledig. An diese Tatsache erinnerte sie der Vater immer wieder.
„Meine Tochter, jetzt bist nur mehr du übrig, um über dein Schicksal zu entscheiden“, sagte er eines Tages zu ihr. „Ich habe großes Vertrauen in dich und weiß, dass du uns nicht enttäuschen möchtest. Ich weiß, dass es für deinen Bruder und deine Schwester nicht leicht gewesen ist. Ich verstehe daher, dass es auch für dich nicht leicht ist, weil ihr inmitten von Fremden lebt und arbeitet. Aber du darfst niemals vergessen, dass wir nicht zusammenpassen. Der Unterschied zwischen uns und denen ist sehr groß, angefangen von der Kultur, über die Tradition, bis zur Religion. Unsere islamische Religion verbietet uns strengstens, dass eine muslimische Frau einen christlichen Mann heiratet. So etwas würde ich niemals akzeptieren.“
Wer weiß, ob Gani jemals erfahren hat, wie der Islam unter den Albanern verbreitet worden ist, ob er wusste, dass die Albaner gewaltsam zum Islam bekehrt worden waren.
In solchen Gesprächen klang Ganis Stimme rauer, als wollte er dadurch überzeugender erscheinen und seinen Ratschlägen bezüglich der Deutschen und jener mit anderer Nationalität Nachdruck verleihen.
„Wisse, dass für die viele Dinge im Leben normal sind, die für uns eine ganz andere Bedeutung haben. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass sie die Ehe nicht so ernst nehmen.“
In solchen Gesprächen hielt er seine Augen stets auf Hanna gerichtet.
„Auch wenn sie ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, tun sie es nur, um sich die Zeit mit uns zu vertreiben. Wir passen einfach nicht zueinander. Der langen Rede kurzer Sinn: Albaner und Deutsche können nicht unter einem Dach wohnen.“
Unverzüglich, um den Vater zu beruhigen und jeden Zweifel an seinem Ratschlag auszuräumen, nickte Hanna jedes Mal zustimmend und überzeugend mit dem Kopf. Nichtsdestotrotz zerbrach sie sich manchmal den Kopf über die vom Vater vorgebrachten Gegensätze zwischen den Nationalitäten und Kulturen. Seine Gespräche waren nicht selten voller Geheimnisse, weil die Worte oft zweideutig waren und man nicht immer wusste, worauf er hinauswollte.
Die jahrhundertelangen Kriege hatten den Fanatismus in der Bewahrung der nationalen Identität gesteigert. Dieser Fanatismus, in den Augen der anderen als übertrieben erscheinend, hatte vielleicht das albanische Volk vor der Assimilation bewahrt. So war das Leben für die Albaner Glück oder Unglück oder gar beides zusammen.
...
Als ich gerade auf einer der Bänke des Stadtparks saß, läutete mein Handy. Während des Telefonats bemerkte ich einen Blick, der auf mich gerichtet war. Mir gegenüber saß eine junge Frau, die meine Augen fixiert hielt und mich irgendwie seltsam anstarrte. Ihre Gedanken schienen sich manchmal irgendwo anders zu verlieren. Nach einiger Zeit sah ich, wie sie sich mit der einen Hand die Tränen wegwischte, die ihr über die Wangen liefen. Ich dachte mir, dass ein so schöner Frühlingstag natürlich die unterschiedlichsten Emotionen bei den Menschen hervorrufen würde, sogar unerwartete Tränenausbrüche. Das war nicht schwer nachzuvollziehen. Ich beschloss, aufzustehen und meinen Rundgang im Stadtpark fortzusetzen, so wie ich es geplant hatte. Doch als ich mich umgedreht hatte, hörte ich eine Frauenstimme rufen:
„Bitte, würden Sie für einen Augenblick stehenbleiben?“
Ich war mir nicht sicher, ob diese Bitte mir galt. Irgendwie erstaunt und neugierig drehte ich den Kopf, um zu sehen, wer mich da auf Albanisch angesprochen hatte. Ich sah die Frau, die noch vor wenigen Augenblicken mir gegenübergesessen war und mich nun wieder voller Neugier und mit Tränen in den Augen anblickte.
„Ja, bitte, was wünschen Sie?“, antwortete ich ihr mit einem leichten Lächeln, um ihr trauriges Aussehen, welches ihr ganzes Gesicht erfasst hatte, ein wenig zu mildern.
„Ich habe gehört, wie Sie am Telefon Albanisch gesprochen haben. Daher habe ich es gewagt, Sie anzusprechen“, sagte tief seufzend die mir unbekannte Dame und sprach weiter: „Der eigentliche Grund, warum ich Sie angehalten habe, ist …“
Die Worte blieben ihr irgendwie im Hals stecken, sodass sie sie nicht aussprechen konnte. Sie sprach unter Schwierigkeiten. Es war offensichtlich, dass sie einen Kummer hatte. Das beunruhigte mich, weil ich nicht wusste, was sie von mir wollte und was ich für sie tun konnte.
„Bitte, meine Dame, es macht nichts. Was kann ich für Sie tun?“, fragte ich sie voller Neugier.
Sie hingegen bat mich mit flehender Stimme, noch ein paar Augenblicke auf der Bank sitzen zu bleiben. Ich verstand nicht, was sie von mir wollte. Aber meine Beine brachten mich wieder auf die Bank von vorhin. Die unbekannte Dame war sehr durcheinander, machte unkontrollierte Bewegungen und erschien mir unkonzentriert. Sie fuchtelte mit den Händen und ging hin und her. Als ob sie die Zunge verschluckt hätte und daher nicht sprechen konnte, fand sie nicht die Worte, sich auszudrücken. Ihre Bewegungen brachten mich von Augenblick zu Augenblick in eine unangenehmere Situation. Endlich trafen sich unsere Blicke und sie wandte sich an mich:
„Wie sehr Sie meiner Schwester Hanna ähneln! Vielleicht kommt Ihnen das merkwürdig vor. Vielleicht beängstigt Sie das sogar. Aber ich wollte Sie unbedingt noch ein paar Momente lang ansehen. Ach, wie sehr mir meine Schwester Hanna fehlt!“
Danach brach sie in Tränen aus.
„Gnädige Frau, ich hoffe, dass Sie so schnell wie möglich Ihre Schwester Hanna wiedersehen werden“, sagte ich ihr, und, ohne dass ich meinen Satz zu Ende bringen konnte, setzte sie fort:
„Damit Sie das wissen: Als ich das letzte Mal in diesem Park war, so wie heute an einem Frühlingstag, da hatten wir uns so sehr vergnügt. Heute bin ich gekommen, um mich an jenen Tag mit Hanna zu erinnern, und ich treffe Sie hier an! Ist das nicht ein Wunder?“
Ihre Hände hatten begonnen zu zittern, und aus ihren Augen strömten ununterbrochen die Tränen.
„Meine Dame, es tut mir leid, aber ich bin nicht Hanna. Andererseits freut es mich, dass meine Ähnlichkeit mit Hanna Ihre Sehnsucht nach ihr ein wenig mildert. Ich möchte nochmals meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass Sie alsbald Ihre Schwester wiedersehen werden“, versuchte ich sie irgendwie zu trösten, obwohl mir klar war, dass ich mehr Zeit dafür bedurfte.
Mein Plan für den Tag begann sich zu ändern, bevor er noch so richtig begonnen hatte. Langsam steckte sie die Hand in ihre Tasche und holte ein paar Briefe hervor. Einige davon waren zusammengedrückt, andere wiederum in Teile zerrissen. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, welchen Verlauf die Unterhaltung mit der unbekannten Dame nehmen würde. Abgesehen davon, dass sie Albanisch mit mir sprach, konnte ich nichts anderes von ihr verstehen.
„Sehen Sie diese Briefe hier? Sie stammen von meiner Hanna. Sie schrieb manchmal ihre Gedanken nieder. Da, nehmen Sie sie, werfen Sie einen Blick darauf.“
Sie sah mir in die Augen. Ich spürte ihre Angst, ich könnte die Unterhaltung mit ihr zurückweisen. Mit der Sprache ihres Blicks sagte sie mir: Bitte, hören Sie mich an! Endlich streckte ich meine Hand aus und nahm die Briefe, die sie mir entgegenhielt. Ich begann, sie zu entfalten, um nach und nach in das Geheimnis der unbekannten Dame einzutauchen. Mein Handeln schien diese traurige Frau zu beglücken. Sie fing sofort an, mir die Rolle der Briefe zu erläutern, die wir beide in Händen hielten.
„Sehen Sie, diesen da hat Hanna genau hier an diesem Platz geschrieben, heute vor einem Jahr. An jenem Tag hatte ich sie hier angetroffen, als sie gerade beim Schreiben war. Wir verbrachten den restlichen Tag hier.“
So erzählte sie mir fließend und langsam ihre und Hannas Geschichte. Irgendwann spät endete am Abend mein Besuch im Stadtpark, genau auf dieser Bank, wo ich für eine kurze Rast angehalten hatte und plötzlich auf die unbekannte Dame getroffen war, die mich in meiner albanischen Muttersprache angesprochen hatte. Als die Dame von mir erfuhr, dass ich mich manchmal literarisch betätige, war sie damit einverstanden, dass ich ihre Geschichte in Buchform aufschreibe. Ich versprach ihr, die Namen der Protagonisten zu ändern und den Schauplatz der Geschichte an einen anderen Ort in Deutschland zu verlegen.
Ausschnitt aus Hannas Tagebuch, Februar 2000, Konstanz:
Heute ist Mittwoch, der 2. Februar, 23:30Uhr. Kurz vor Mitternacht. Mehr als die Hälfte der Welt schläft vielleicht schon, während die andere noch wach ist gemeinsam mit der Familie und den Liebsten oder sich wahrscheinlich an einem anderen Ort vergnügt. Dunkelheit hat die Stadt eingehüllt und Licht spendet nur die Straßenbeleuchtung. Ich bin noch wach, allein in meinem Zimmer. Ich bin nicht schläfrig. In meinem Kopf schwirren viele Gedanken herum. Ich habe viele Fragen, aber manchmal fällt es mir schwer, Antworten darauf zu finden. Ich wünsche mir, meine Innenwelt nach außen bringen zu können, um mich mit ihr zu unterhalten und mir ihre Sorgen oder auch Wünsche anzuhören.
Auf der Reise des Lebens verlieren wir uns oft, sind orientierungslos. Manchmal schreiten wir langsam voran, manchmal laufen wir atemlos, in der Eile fallen wir auch das eine oder andere Mal hin, übertriebene Eile tut uns nicht gut. Auf dieser Reise wollen wir Spuren hinterlassen. Einige von ihnen verschwinden, einige bleiben. Aber wir drehen uns niemals um, um diese Spuren zu betrachten, weil sie uns stets verfolgen, immer hinterherkommen. Auch dann, wenn wir es nicht wollen, lassen sie uns nicht im Stich, auch dann nicht, wenn sie uns zum Albtraum werden.
Wir kommen in diese Welt, ohne eine Wahlmöglichkeit zu haben. Auch dann, wenn uns scheinbar die Möglichkeit geboten würde, selbst zu entscheiden, auf welchem Planeten wir zu leben wünschten, könnten wir dennoch nicht den konkreten Geburtsort auf dem Planeten aussuchen. So würden wir die Zeit verschwenden, indem wir von Planet zu Planet reisten, ohne den geeigneten zu finden. Und ich, wofür würde ich mich entscheiden, falls ich die Erde wählte, auf welchem Kontinent würde ich leben wollen? Wenn die Erde gar keine Kontinente hätte, sondern eins wäre, gleich für alle, dann wären wir alle gleich und würden gemeinsam mit der Erde vermodern, alle miteinander eins werden. Aber wenn alles so gleich wäre, wäre das Leben nicht so attraktiv. Die Vielfalt gefällt mir da schon mehr. Das, was uns verbindet, ist die Tatsache, dass wir alle Menschen sind. Es gibt keine perfekte Welt. Die vollkommene Welt müssen wir in uns selbst errichten, unzerstörbar und dauerhaft gegenüber allen Herausforderungen. Wieder einmal muss ich bejahen, dass wir privilegiert sind, weil wir nicht die Last der Gleichförmigkeit zu tragen haben.
Es ist überhaupt nicht leicht, Entscheidungen zu treffen. Manchmal lässt man die Dinge offen, schiebt sie aus Angst beiseite, und die Unentschlossenheit wird zu einer Flucht vor der Verantwortung, die man auf sich nehmen muss. Das dahineilende Leben ist sinnlos, düster, humorlos, wie ein grauer Herbsttag, wo die Blätter aus Feuchtigkeit zu vergehen beginnen und in jedem Augenblick die winterliche Eiseskälte einfallen kann. Was machen wir dann? Wir laufen weg, um einen Winkel zu finden, wo wir verweilen und uns vor der Kälte zusammenkauern können. Dann werden wir uns nicht um das Aussehen jenes rettenden Obdachs kümmern.
Die Welt ist groß, und fast jeder von uns kommt sich in ihr mikroskopisch klein vor. Ein paar hingegen fühlen sich viel größer, so groß, dass sie sich als unvergleichbar mit den anderen betrachten. Diese falsche Selbstüberschätzung bringt diese Menschen an den Rand des Abgrunds, aus dem zu entkommen ihnen dann sehr schwerfällt. In ihrem Bemühen, andere von ihrer Unvergleichbarkeit zu überzeugen, gehen sie sogar so weit, dass sie Übeltaten verüben und andere auf vielerlei Art verletzen. Manchmal machen wir uns auch in Gedanken lächerlich. Aber was sollen wir tun? Wir sind Menschen und daher unvollkommen.
Wie schnell die Uhrzeiger laufen! Es kommt mir vor, als ob die Nacht sehr schnell vergehen wird, während meine mit Weltschmerz beladenen Gedanken sich in der Welt zerstreuen. Um es anders auszudrücken: Wenn wir keine Lösung für unsere Probleme finden, dann beschäftigen wir uns mit der Welt. Denn wir müssen unbedingt einen Verantwortlichen für unser eigenes Scheitern finden.
Das Mondlicht ist in mein Zimmer eingedrungen. Es scheint mir in diesen späten Stunden Gesellschaft leisten zu wollen. Ich brauche kein anderes Licht. Es genügt mir, um schreiben zu können.
Ach, wie ironisch das Schicksal manchmal ist! Ich hätte mir niemals gedacht, einmal ein Tagebuch zu führen. Ich habe immer gedacht, ich wäre jederzeit in der Lage, offen über mich selbst zu sprechen, über das Leben, die Umwelt und die Gesellschaft, die uns umgibt, und vor allem über die Gefühle. Ein schöner Gedanke. Aber die Wirklichkeit serviert uns manchmal Dinge, über die wir nicht offen sprechen können. Vielleicht nicht deshalb, weil wir keine Kraft zum Sprechen haben, sondern weil wir uns – über die Menschen und ihre Gedanken besser Bescheid wissend – später darüber bewusst werden, dass sie unsere ausgesprochenen Gedanken und Gefühle sowie uns selbst verurteilen und ablehnen werden.
Das Leben ist so unvorhersehbar. Obwohl du von vielen Menschen umgeben bist, fühlst du dich am Ende wieder einsam. Einsam nicht wegen dem fehlenden Vertrauen, sondern deswegen, weil du es nicht wagst, über deinen Kummer zu reden, dich nicht traust, die Vertrauenswürdigkeit der anderen auf die Probe zu stellen.
Das Leben ist voller Herausforderungen, die uns in eine Ecke treiben und irgendwann einsam, sorgenvoll und ohne Lösung zurücklassen. Sie bringen uns sogar dazu, uns schuldig zu fühlen, ohne etwas angestellt zu haben. Sie lassen uns selbst ganz klein und kraftlos vor den anderen erscheinen.
Unrecht zu haben oder Unrecht zu erleiden sind zwei völlig verschiedene Dinge. Die meisten tun sich schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Sehr oft rechtfertigen die Leute das von ihnen getane Unrecht damit, dass sie eigentlich die Opfer und die Verletzten seien.
Manchmal erscheint mir das Leben als sehr ungerecht. Es spielt mit unseren Gefühlen, unserem Schicksal, unseren Wünschen und unserer Geduld. Es macht uns zu unterschiedlichen Menschen, obwohl wir in Wirklichkeit gleich sind.
In Konstanz, einer großen touristischen Stadt, begann das Leben fast vor Sonnenaufgang. Die Stadt toste vor Einwohnern wie auch Touristen, welche aus den verschiedensten Ländern kamen. Hier gewann man den Eindruck, als ob keiner den anderen kannte. Jeder war in Eile, um seine Angelegenheiten zu erledigen, ohne jemals zurückzuschauen. Alle schienen in einer egoistischen Welt zu leben. Manchmal war der erste Eindruck sehr wichtig. Aber was brachte das, wenn die Realität weit vom ersten Eindruck entfernt war? Hanna allerdings schien nicht inmitten jener Menge, welche jeden Tag die Stadt belebte, verloren zu sein. Vielmehr schien es, als hätte sie über die Masse triumphiert. Sie war kein Schatten geblieben inmitten von so vielen Sonnenstrahlen. Es kannten sie nicht nur die Bewohner und Ladenbesitzer der Straße „Heinrich Heine“, sondern auch alle Bücherliebhaber. Sie lebte in der Welt der Bücher, war ein Teil von ihnen geworden. So war sie ein ordentliches Mitglied der Stadtbibliothek, in der sie schon seit drei Jahren arbeitete. Die Albanerin aus Kosovo war selbst zu einem Buch geworden, in welchem die Bibliotheksbesucher manchmal ein wenig über ihre persönliche Geschichte zu lesen wünschten. Wer war Hanna?
Hanna Shala, vierundzwanzig Jahre alt, aus Kosovo, war die Jüngste in der Familie Shala, die in Deutschland in der Stadt Konstanz lebte. Ihr Vater hieß Gani und ihre Mutter Ajna. Sie hatte eine Schwester und einen Bruder, beide älter als sie. Ihre Schwester hieß Besa, ihr Bruder Flamur. Ihr Vater Gani war in den Achtzigerjahren nach Deutschland emigriert.
In seine Stirnfalten waren die Geschichten des Schmerzes eingeschrieben. Die Jahreszeiten wechselten sich ab und die Jahre vergingen, indem sie die Hoffnung auf eine Rückkehr ins Vaterland mit sich nahmen, in ein endlich befreites Vaterland, ohne Kriege, ohne Morde, ohne Folter.
Täglich dachten sie daran, die halb verwirklichten Träume zu vollenden, doch das Leben spielte mit ihrem Schicksal. Viele von ihnen, im Gepäck die Träume und den Wunsch nach Rückkehr in die Heimat, schienen in die Ewigkeit zu gehen, während sie am Ende vom Vaterland nur die kalte Erde genossen, welche auf ihre Körper geworfen wurde.
Viele von Ganis Freunden, sich jahrelang der Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat hingebend, erlitten dieses Schicksal. Einige von ihnen kehrten sogar in den Kosovo zurück und opferten sich für seine Freiheit, während einige andere nach der Pensionierung im Alter für immer in seinem Schoß eingingen.
Auch Gani ereilte das Schicksal der Emigration. Damals hatten sie ihn von der Arbeit entlassen. Um das Überleben der Familie zu sichern, war er gezwungen, die Heimat zu verlassen und ins Ausland auszuwandern, ohne genau zu wissen, wohin er sich wenden sollte. Anfangs wollte er nur zwei, drei Monate bleiben, um ein wenig Geld zu verdienen und wieder in den Schoß der Familie zurückzukehren. Niemals hätte er sich gedacht, dass er sein Leben hier in Deutschland verbringen würde.
Die Jahre vergingen, stets daran denkend, diesen oder nächsten Monat in die Heimat zurückzukehren und die meiste Zeit in Einsamkeit verbringend. Doch er teilte dieses Schicksal mit Hunderten und Tausenden anderen Albanern, welche die Einsamkeit wählten, damit die übrigen Familienmitglieder der Heimat nicht den Rücken kehren mussten und das Vaterland in der Folge nicht in den Händen der Besatzer blieb.
Irgendwann hatte sich die Lage im Kosovo so sehr verschlechtert, dass Gani auch seine Familie – die Ehefrau Ajna, den Sohn Flamur und die beiden Töchter Besa und Hanna – nach Deutschland holen musste. In Konstanz führten sie ein durchschnittliches Leben, so wie auch viele andere albanische Familien in der Emigration. Da nun seine Familie da war, vermehrten sich auch Ganis Sorgen. Neben der Arbeit musste er sich auch um seine Familie kümmern. Sein Hauptaugenmerk galt der Bewahrung der albanischen Tradition und Identität. Vor allem die Kinder sollten innerhalb der von eigenen Tradition vorgegebenen Grenzen bleiben. Die Kinder wuchsen im Geiste der Vaterlandsliebe auf, stets mit dem Wunsch, ihre Heimat jedes Jahr zu besuchen. Gleichzeitig wuchsen sie inmitten verschiedener Kulturen auf. Es fehlte nicht an gegenseitigem Respekt, abgesehen von einigen seltenen Ausnahmen.
Gani ließ keine Gelegenheit vorübergehen, seine Kinder daran zu erinnern, woher sie stammten. Jedes Mal riet er ihnen, dass sie ihr Schicksal mit Menschen gleicher Nationalität verknüpfen sollten, weil seine Familie sonst nicht mit deren Entscheidung einverstanden wäre. Die beiden Älteren hatten bereits ihr Schicksal gewählt. Nur Hanna war noch ledig. An diese Tatsache erinnerte sie der Vater immer wieder.
„Meine Tochter, jetzt bist nur mehr du übrig, um über dein Schicksal zu entscheiden“, sagte er eines Tages zu ihr. „Ich habe großes Vertrauen in dich und weiß, dass du uns nicht enttäuschen möchtest. Ich weiß, dass es für deinen Bruder und deine Schwester nicht leicht gewesen ist. Ich verstehe daher, dass es auch für dich nicht leicht ist, weil ihr inmitten von Fremden lebt und arbeitet. Aber du darfst niemals vergessen, dass wir nicht zusammenpassen. Der Unterschied zwischen uns und denen ist sehr groß, angefangen von der Kultur, über die Tradition, bis zur Religion. Unsere islamische Religion verbietet uns strengstens, dass eine muslimische Frau einen christlichen Mann heiratet. So etwas würde ich niemals akzeptieren.“
Wer weiß, ob Gani jemals erfahren hat, wie der Islam unter den Albanern verbreitet worden ist, ob er wusste, dass die Albaner gewaltsam zum Islam bekehrt worden waren.
In solchen Gesprächen klang Ganis Stimme rauer, als wollte er dadurch überzeugender erscheinen und seinen Ratschlägen bezüglich der Deutschen und jener mit anderer Nationalität Nachdruck verleihen.
„Wisse, dass für die viele Dinge im Leben normal sind, die für uns eine ganz andere Bedeutung haben. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass sie die Ehe nicht so ernst nehmen.“
In solchen Gesprächen hielt er seine Augen stets auf Hanna gerichtet.
„Auch wenn sie ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, tun sie es nur, um sich die Zeit mit uns zu vertreiben. Wir passen einfach nicht zueinander. Der langen Rede kurzer Sinn: Albaner und Deutsche können nicht unter einem Dach wohnen.“
Unverzüglich, um den Vater zu beruhigen und jeden Zweifel an seinem Ratschlag auszuräumen, nickte Hanna jedes Mal zustimmend und überzeugend mit dem Kopf. Nichtsdestotrotz zerbrach sie sich manchmal den Kopf über die vom Vater vorgebrachten Gegensätze zwischen den Nationalitäten und Kulturen. Seine Gespräche waren nicht selten voller Geheimnisse, weil die Worte oft zweideutig waren und man nicht immer wusste, worauf er hinauswollte.
Die jahrhundertelangen Kriege hatten den Fanatismus in der Bewahrung der nationalen Identität gesteigert. Dieser Fanatismus, in den Augen der anderen als übertrieben erscheinend, hatte vielleicht das albanische Volk vor der Assimilation bewahrt. So war das Leben für die Albaner Glück oder Unglück oder gar beides zusammen.
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