Gottseibeiuns
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 490
ISBN: 978-3-7116-0715-7
Erscheinungsdatum: 07.05.2025
Ein dunkler Schatten erhebt sich über Ricarda. Wer ist es, der sie verfolgt?Als ihre beste Freundin Alice spurlos verschwindet, begibt sich Ricarda auf die Suche nach ihr und kommt der Lösung eines dunklen Geheimnisses aus der Vergangenheit gefährlich nahe.
Kapitel 1
Trauma
„Was eine scheißstickige Luft es doch heute ist.“
Die Stimme des Mannes verhallte im Nichts. Niemand war dort, der ihn einer Antwort würdigte.
Er schnaufte. „Bei diesem Dreckswetter will man nur noch tot umfallen.“
Sein mürrisches Motzen gewann die Oberhand. Er wurde lauter.
Doch immer noch gab es niemanden dort, der ihm antwortete.
„Die Luft ist schwer. Das Atmen ist kaum mehr möglich. Ich hasse es hier. Ich wünschte ... ja ich wünschte mir doch so sehr …“ Er blieb kurzum stehen. Seinen Kopf streckte er hoch gen Himmel. Sein Genick knackte leicht.
„Ich wünschte doch nur, dass hier alsbald etwas geschieht.“
Er lief geradewegs auf ein Haus zu. Vor die Tür stellte er sich hin und blickte sich erneut um.
„Etwas Großes.“
Er horchte. Die Nacht war still. Bis jetzt. Doch nun plötzlich wurde diese Stille gebrochen. Vom Klang einer Sirene.
„Sehr gut.“ Sagte er leise zu sich. Seine Stimme beruhigte sich. Sein Tonfall wurde milder.
„Es geht los.“ Sobald er diese Worte sprach, verschwand er im Haus. Die Tür ließ er leise hinter sich zugleiten. Es war das letzte Geräusch, der letzte sanfte Klang, ehe die donnernden Sirenen über die staubige, asphaltierte Straße hämmerten.
„Marco, bitte versprich mir, dass du bei mir bleibst!“ Ihr Tonfall war wie abgehackt. Ihre Stirn nass. Sie litt Schmerzen. Große Schmerzen.
„Süße, ich verspreche es dir, ich bin bei dir und werde nicht von deiner Seite weichen. Das erste und das letzte, was du am Tag sehen wirst, wird mein Gesicht sein. Doch bitte, mein Schatz, spare dir nun die Kräfte. Ich bitte dich, spare sie dir und leg dich hin.“ Seine Sätze waren lang. Er sprach schnell, doch verhallten sie, ehe die bleiche, nach Hilfe suchende Frau auf eine mit weißem Bezug ausgestattete Bahre gelegt wurde.
Der Mann, Marco, drückte ihr einen kleinen Stoff-Hund in die schwachen Arme. „Nimm Cookie mit. Halt sie gut fest!“ Auch sein Gesicht war von Schweiß durchtränkt. Es rann ihm herunter. Über seinen Nacken bis an die Unterseite seines Rückens. Nass war es dort. Auch sein lilafarbenes Hemd war dunkel getrübt.
Die Frau grinste. Mit letzter Kraft. Fest klammerte sie sich an Cookie. Einen kleinen Stoffhund. „Cookie.“ Dies war ihr letztes Wort, ehe sie von zwei Männern mit Leichtigkeit hochgehievt und in einen dreckigen Wagen hinein verfrachtet wurde. AMBULANZA stand unter all dem Staub dennoch gut leserlich zu erkennen.
„Ah, fuck!“ Er rutschte ab. Der Krankentransporter wackelte wie wahnsinnig, während einer der Sanitäter am glatten Metallüberzug der Laderampe abrutschte.
Fester noch krallte sich die Frau an ihren Hund. Sie stöhnte laut.
Für manch einen mag es geschicktes Handeln sein, andere würden es für Glück halten, doch war er im Sturz fähig, sich mit einem schmerzhaften Aufprall seines Ellenbogens an der Karosserie aufzufangen. Es knallte und knackte. Er schrie. Sein Kollege schrie. Und Marco ... auch er schrie.
„Um Himmels willen passen Sie auf meine Frau auf“, rief Marco. Seine Pupillen weiteten sich. Wut und Sorge mischten sich zu einem gedankenvergifteten Nervencocktail.
„Antonio, sei vorsichtig, Idiot.“
„Glaubst du, das war absichtlich? Schrei hier nicht rum, sonst passiert dir das auch noch!“
Das Fluchen durchbrach sogar die lärmenden Sirenen in der Nacht. Allmählich traten die ersten Gaffer auf den Plan. In Jogginghose, im Bademantel, mit schockierten Gesichtern blickten sie auf Marco und seine Frau. In einem alten Haus, schräg versetzt auf der anderen Seite der Straße, stand ein alter Mann am Fenster. Er trug einen weiß und blau gestreiften Pyjama. Genüsslich nippte er an einem Glas Wein. Und grinste.
„Sorry, Antonio. Du hast recht, hast du dir was getan?“
„Nein. Es geht schon wieder, Alessio.“
„Sind wir einfach froh, dass nicht mehr passiert ist. Signor, kommen Sie mal bitte.“ Mit der Hand winkte Alessio, der Sanitäter, den verzweifelt wirkenden Marco zu sich.
„Ja?“
„Signor Bucci war richtig, oder?“ Marco nickte.
„Ja genau. Marco Bucci.“
„Darf ich Marco sagen?“
„Ja. Ja bitte, von mir aus.“
Im harten Schein der blau leuchtenden Strahlen der Sirene glänzten die braunen Augen von Marco. Sie waren feucht. Es fehlte nicht mehr viel und eine Träne wäre zu Boden gefallen.
„In Ordnung, Marco, wir bringen deine Frau ins Krankenhaus. Wir fahren nach Sant’Andrea. Leider darfst du hier nicht mitfahren.“
„Ich bitte euch, lasst mich zu meiner Frau durch. Ich habe es ihr versprochen, sie nicht zu verlassen.“
„Tut mir leid, Marco, das geht nicht. Ausgeschlossen.“
Alessio stieg zur stets schwächer werdenden Frau. Er schaute Marco mitleidig an. Wer die Wahrheit suchte, fand diese in Alessios Augen. Tiefgrund ehrliches Mitgefühl. Doch er blieb seiner Pflicht treu. Mit einem schweren, knallenden RUMS zog er die Türen zu. Zitternd stand Marco im Dunkeln. Seine Beine bewegten sich nicht von der Stelle, obgleich sie monoton mit dem warmen, süßen Wind, welcher über das Land fegte, wippten.
„Emilia …“, sprach er leise. Seine Lippen bewegten sich kaum. Es war mehr wie ein letzter Hauch. Der letzte Atemzug.
„Hey Signor? Steigen Sie hier ein, schnell. Beeilen Sie sich.“
Er stoppte sein monotones Wippen. Marco atmete tief ein. Es gab nur einen Gedanken, der durch seinen Kopf wanderte. EINSTEIGEN.
„Ja. Ja danke.“
Kurz stockte seine Bewegung, doch lief er, so schnell die Füße ihn auch tragen konnten, zur Fahrerkabine. Auf der Seite des Beifahrers stieg er ein. Und schmiss die Tür schlagartig hinter sich zu.
Noch bevor diese zufiel, drückte Antonio auf das Gaspedal. Mit quietschenden Reifen rollte das Auto an. Die Sirene dröhnte immer noch durch die Gegend.
„Oh Mann. Mein Kopf“, sagte Marco mit einem von Schmerz gezeichneten Gesicht.
„Harter Tag, was?“
„Ja. Ja, das auch. Es ist diese Sirene. Es ist, als würde Sie sich in meinen Kopf hämmern.“
„Verstehe ich, Signor. Sie ist megalaut. Aber vielleicht geht es, wenn ich sage, dass wir mit Sirene auf jeden Fall schneller durchkommen.“
„Ja. Ja, das ist gut, selbstverständlich.“
Verstummt mit einem stechenden Schmerz in der linken Schädelhälfte, beruhigte sich Marco nur langsam. Er blickte aus dem Fenster. Niemals zuvor sah die Gegend so trist aus. Trocken und staubig. Trostlos. Einzig das wiederkehrende Blau der Ambulanza sorgte für Farbtupfer in dieser grauen, blassen Welt.
„Wie heißt Ihre Frau ... Marco? Darf ich ebenfalls Marco sagen?“
„Ja. Natürlich. Emilia ist ihr Name.“ Aus seinen Gedanken gerissen wandte Marco seinen Blick zum Sanitäter. Er wirkte hoch konzentriert, während er die Straße entlangfuhr. Marco rieb sich die Hände. Unnachgiebig drückten sich die Fingernägel seiner linken Hand in das Fleisch seiner rechten. Er war kreidebleich.
„Ich habe das Gefühl, dass Emilia viel Blut verloren hat. Kannst du mir sagen, was passiert ist?“
„Nein. Es kam einfach so. Wir saßen auf dem Sofa. Wir hatten nach ein paar stressigen Tagen nur etwas entspannen wollen.“
„Ok. Ich verstehe. Gibt es noch etwas, was wir wissen sollten? Jede Information zählt.“
„Emilia, sie ist schwanger. Wird es meinem Kind gut gehen?“
„Ach du Scheiße“, rief Alessio laut aus. Seine Augen weiteten sich. Er fokussierte die leere Fahrbahn.
„Wir geben unser Bestes. Moment. Ich muss das sofort durchgeben.“
Er erhöhte seine Geschwindigkeit. Bei voller Fahrt drehte Alessio schnell seinen Kopf und fixierte sich auf ein kleines Fenster, welches hinter seinem Rücken in der Fahrerkabine eingebaut war.
„Antonio, gib im Sant’Andrea Bescheid. Unsere Patientin heißt Emilia und trägt ein Kind in sich.“
„Ich kann nicht“, schrie Antonio panisch zurück. „Sie verliert zu viel Blut. Ich habe alle Hände voll. Du musst es machen.“
Marco blickte sich um. Er versuchte etwas durch das kleine Fenster zu erkennen doch vergeblich.
„Heilige Maria, nein!“ Alessio griff nach dem Funkgerät, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln.
Sein Fokus auf die Straße wurde halbherzig. Mehr konzentrierte er sich darauf, das Krankenhaus zu erreichen.
„Emilia blutet wieder? Immer noch? Ich muss nach ihr sehen.“
„Nein Marco. Alles Gut. Antonio ist Profi. Im Augenblick sieht er nach ihr. Ich gebe jetzt dem Krankenhaus alles durch. Bleib du bitte nur ruhig sitzen. Überlass den Rest uns, auch wenn es schwerfällt.“
Die Ambulanza rutschte und schwankte hin und her. Die gesamte Karosserie knackte. Hin und wieder hört man Antonio fluchen.
Durch das wilde Auf und Ab begann Marco, sich langsam mit seinen Fingern in den Sitz zu krallen. Die krampfhafte Haltung unterbrach er nur kurz, um sich nun doch langsam den Sicherheitsgurt anzulegen.
„Nicht so wild, verflucht“, schrie Antonio.
„Sorry, ich gebe mir Mühe. Hallo? Wagen 8 hier, Alessio Russo. Wir sind in wenigen Minuten da. Wir haben eine stark blutende, schwangere Frau ...“
„Alessio? Sie hat das Bewusstsein verloren. Sag denen das“, schrie Antonio aus der Kabine.
„... ich korrigiere. Wir haben eine stark blutende, schwangere Frau, welche soeben das Bewusstsein verloren hat.“
Marco wurde es übel. Sein Kopf schaukelte wild umher. Er wollte sich nur noch übergeben. Die Trauer, den Schmerz, auskotzen. Er fühlte es. Ein warmes Drücken. Sein Hals wurde warm. Es kam ihm hoch, irgendetwas. Gift und Galle. Doch es war, als wäre sein Hals zu. Ein Stopfen. Es blieb ihm alles im Hals stecken. Das Atmen fiel ihm schwerer und schwerer.
Von hier an begann sich alles um Marco herum zu drehen. Die Zeit verrann in einem Gemisch aus unfassbar schnell und zermürbend langsam. Das stumpfe Hämmern der Sirene, das Stottern des Motors. Zwischendurch unterbrochen von irgendwelchen nicht verständlichen, möglicherweise beruhigenden Worten Alessios.
Die blaue Farbe in dunkler Nacht. Der vom Schweiß getränkte Rücken, welcher seit kurzer Zeit für einen Gänsehaut-Moment für Marco sorgte, alles schien unscheinbar. Und bedeutungslos. Wie ein einzig langer Traum. Er überlegte sich Sachen. Bunte und wilde Fantasien. Doch alles wurde immer wieder nur von einer Frage überschattet.
„Wann habe ich mich zuletzt noch so schwach und hilflos gefühlt?“
Und auf einmal, ganz plötzlich, hielt das Auto an. Es bremste sanft die Geschwindigkeit ab.
„Wir sind da, Marco. Das Krankenhaus. Antonio? Mach dich bereit.“
„Ja, bitte macht einfach schnell!“
Marco öffnete die Fahrertür. Er stieg aus. Kaum noch war er in der Lage zu stehen, so sehr zitterten seine Knie.
Zwei mit blauem Mundschutz bekleidete Arzthelfer warteten bereits. Sie kamen mit strammen Schritten auf die Ambulanza zu. Direkt hinter ihnen im Gleichschritt lief eine Frau in einem weißen Kittel.
„Ist sie das? Die schwangere, stark blutende Frau ohne Bewusstsein?“ Der Ton der Ärztin war barsch.
„Ja genau“, rief Antonio. „Schwangere Frau, Mitte 20, stark blutender vaginaler Ausfluss. Vorerst ansprechbar. Auf halber Strecke ohnmächtig geworden.“
Alessio und Antonio hoben die Bahre an und schoben diese ein wenig aus dem Wagen heraus. Direkt neben ihr betrachtete die Ärztin die blass-blaue Frau und fühlte ihren Puls. Einen kurzen Moment horchte sie.
„Sie ist eiskalt. Wie viel Blut hat sie verloren? Etwa alles?“ Vorwurfsvoll blickte sie zu den Sanitätern.
Es zog ein eisig kalter Wind aus Osten über das ganze Areal. Just in diesem Augenblick. Die Ärztin hielt sich die Haare aus dem Gesicht, bevor diese sich in einer aggressiven Böe zu erheben vermochten.
Ihre Augen öffneten sich. Langsam. Ihr Blick war kalt. Die Pupillen bleich. Matt und grau. Das helle Braun ihrer Augen erloschen. Ihr Oberkörper erhob sich. Mit einem lauten Stöhnen und kräftigen Ausatmen.
Ein durch Mark und Bein dringendes schrilles Pfeifen aus den Tiefen ihrer Lunge zischte durch ihre Lippen. Antonio sprang mit weit aufgerissenen Augen einen Satz zurück. Alessio hielt sich schockiert mit der linken Hand seinen Mund zu. „Großer Gott“, flüsterte er in diese.
„Emilia?“, sprach Marco ihr zu mit sanftem Ton. Emilia drehte ihren Kopf. Sie drehte sich genau zu Marco. Doch es war, als würde sie direkt an ihm vorbeischauen. Ohne Mimik starrte sie durch die Gegend.
„Emilia ... deine Augen?“
Sie starrte weiterhin. Doch nun begann sie zu grinsen. Bis sie sich schließlich zurück auf die Liege fallen ließ und entspannt ausatmete. Beinahe schon lustvoll. Wie inmitten ihres Höhepunktes eines Orgasmus.
Die Arzthelfer kamen ihr näher. Sie schoben die Bahre auf Rollen in das Krankenhaus. Es quietschte erbärmlich, während die vordere linke Rolle vor Rost steif stand und sich nur die drei verbliebenen bewegten.
„Alter, was war denn das? Verdammte Scheiße“, stieß Antonio entsetzt aus, er konnte sich den Spruch nicht mehr verkneifen.
„Ich ... Keine Ahnung! Eine Schockreaktion?“, antwortete Alessio, ungläubig seiner eigenen Worte.
„Vermutlich haben die Herren recht“, mischte sich die Ärztin ein. „Unter Stress und Schmerz schaltet der Geist und Verstand des Öfteren ab. Das war nichts weiter als eine kleine Präsentation. Wenn Sie uns nun entschuldigen, wir haben zu tun.“ Sie wandte ihren Blick ab. Mit schnellen Schritten stieß sie, begleitet von der rollenden Bahre, durch die sich elektrisch öffnende Glasschiebetür in das Krankenhaus. Marco lief ihnen hinterher. Vollkommen verunsichert.
Zurück blieben Alessio und Antonio. Auf dem Boden vor dem Krankentransporter sitzend, schauderten sie noch immer.
„Gütiger Gott, das war doch keine Schockreaktion. Mir läuft es immer noch eiskalt den Rücken runter.“ Mehrfach schluckte Alessio hastig, während er immer wieder in Form einer Kreuzbewegung über seinen Körper fuhr.
Neugierig schaute Antonio zu ihm rüber. Er beobachtete den Schweißfluss, welcher über die Stirn, bis hin zu Alessios Nasenspitze quoll.
„Ich muss zugeben, es war schon was creepy. Aber wenn das kein Schockzustand gewesen sein soll, was war es dann?“
Alessio blickte hoch in den Himmel. Er betrachtete die Sterne, welche sich mühsam durch einen grauen Wolkenschleier kämpften. Bedacht suchte er sich seine kommenden Worte zurecht.
„Hast du es nicht gesehen?“
„Kommt drauf an, was du meinst, gesehen habe ich viel.“
„Diesen Schleier. Dunkel. Bedrohlich.“
Mit aufgerissenen Augen stand Antonio auf. Er schüttelte den Kopf.
„Nein, Mann, keine Ahnung, wovon du redest. Komm, wir müssen losmachen. Den Transporter reinigen, ehe der nächste Einsatz kommt.“
„Antonio, ich schwöre dir. Er war es. Ich habe ihn gesehen.“
„Gesehen? Was?“
„Satan.“
Im Spital selbst spielten sich weit hektischere Szenen ab. Voller Eile versuchte Marco, die flotte Ärztin einzuholen. Diese war ihm jedoch stets mindestens zehn Schritte voraus.
Hastig rannte sie um eine Ecke. Durch die nächste Türe hindurch. Sie schien einer gelben Spur auf dem Boden zu folgen. Und blieb auf einmal stehen. Vor einer großen grauen Tür. Sie stand verschlossen vor ihnen. Sie drehte sich um und schaute Marco tief in die Augen.
„Was wollen Sie?“, fragte Sie schroff. Marco wusste zunächst gar nicht, wie ihm geschah. Mit blassen Augen blickte er ihr tief in die Augen und sammelte seinen Atem.
„Das ist meine Frau. Ich will zu ihr!“
„Ausgeschlossen. Das geht derzeit nicht. Sie warten gefälligst draußen, bis ich Sie dazu rufe.“
„Aber …“ Sie öffneten die Tür und schoben die Bahre samt Emilia hinein. Wuchtig knallten sie ebendiese vor Marcos Nase wieder zu.
„Also ist sie allein. Ich habe es ihr doch versprochen …“
Marco wartete vor der Tür. Seinem Schicksal ergeben. Ungeduldig lief er auf und ab. Schier endlos wanderte er umher. Die Augenblicke verstrichen nur zäh und quälend. In seinem Kopf kämpften verschiedene Szenarien. Eine grausamer und trauriger als die andere. Der reinste Horror hatte ihn gepackt und folterte ihn.
„Was ist nur los? Was ist nur mit meinem Kopf?“ Als würden zwei oder drei ... oder vielleicht doch sogar einhundert Stimmen komplett diffus in seinem Kopf sprechen.
„Dieser Tumult. Es schmerzt so sehr. Aufhören“, rief er. Marco kniff seine Augen zusammen. Er schlug sich mehrfach mit der flachen Hand gegen den Schädel. Bis er sich letztlich doch ergab und diese ihm gegebene Pein ertrug.
„Ok. Ich beruhige mich. Ich warte einfach. Einfach nur warten. Denke nicht zu viel nach. Vielleicht sollte ich nur hören ... Welche Stimme ist die lauteste?“ Also kam das Unvermeidliche. Er begann, auf diese Stimmen zu hören. Diese vielen, durcheinander schreienden Stimmen.
„Sie ist tot. Verblutet und gestorben. Und ist sie es noch nicht, dann wird sie es schon bald sein.“
„Nein, nein, nein! Emilia ist nicht tot. Sie lebt noch. Aber euer Kind ist gestorben.“
„Scheiße, nein! Das Kind wird leben. Geboren durch ihr Blut an seinen Händen. Du wirst es niemals lieben können, wenn es dir Emilia weggerissen hat.“
„Wieso sollte das Kind leben? Klein und schwach. Es wird eine Frühgeburt. Sie werden es retten wollen. Ziehen es heraus. Sein Kopf löst sich von seinem Körper. Der schwache Hals reißt ein. Das Kind wird sterben vor seinem ersten Atemzug.“
„Beide. Beide werden sterben. Und wenn niemand überlebt, wie willst du es dann weiterkönnen? Also denke nur nach, wie willst du es für dich beenden? Ein Strick über einen Dachbalken? Ein Messer? Oder etwa doch Tabletten?“
„Warum ist es eigentlich dazu gekommen? Hat sie sich so wegen ein bisschen Haushalt aufgeregt, dass ihr Blutdruck in die Höhe gegangen ist?“
„Ein bisschen Haushalt? Du hast das Haus verdrecken lassen, obwohl du ihr Gegenteiliges versprochen hast. Immerhin solltest gerade du ihren Putzfimmel am besten kennen.“
„Hättest du einfach nur alles sauber gehalten.“
„Aber was ist denn, wenn die Vorwürfe haltlos sind? Vielleicht wird doch alles wieder gut?“
„Ja stimmt. Vielleicht leben sie, sind aber dafür verkrüppelt. Behindert für den Rest ihres erbärmlichen Lebens. Und du wirst dir wünschen, sie wären gestorben. Aber sie haben überlebt und sie hassen dich dafür. Sie hassen dich bis zu dem Tag, an dem du endlich elendig krepierst.“
„Oder wird doch die Liebe gewinnen?“
„Diese Stimmen. Oh Gott, nein!“ Sie begannen zu lachen. Alle krächzten sie wild durcheinander.
„Verdammt! Als würde man im Inneren meiner Schädeldecke mit einer Abrissbirne arbeiten. Es ist mehr Tumult als auf einem Basar. Haltet das Maul. Haltet endlich das Scheißmaul. Verdammt, seid ruhig!“
„Entschuldigen Sie, Signor Bucci? Aber ich erinnere mich nicht, bereits etwas gesagt zu haben.“
Erschrocken blickte sich Marco um. Hinter seinem Rücken erschien eine kleine Frau.
...
Trauma
„Was eine scheißstickige Luft es doch heute ist.“
Die Stimme des Mannes verhallte im Nichts. Niemand war dort, der ihn einer Antwort würdigte.
Er schnaufte. „Bei diesem Dreckswetter will man nur noch tot umfallen.“
Sein mürrisches Motzen gewann die Oberhand. Er wurde lauter.
Doch immer noch gab es niemanden dort, der ihm antwortete.
„Die Luft ist schwer. Das Atmen ist kaum mehr möglich. Ich hasse es hier. Ich wünschte ... ja ich wünschte mir doch so sehr …“ Er blieb kurzum stehen. Seinen Kopf streckte er hoch gen Himmel. Sein Genick knackte leicht.
„Ich wünschte doch nur, dass hier alsbald etwas geschieht.“
Er lief geradewegs auf ein Haus zu. Vor die Tür stellte er sich hin und blickte sich erneut um.
„Etwas Großes.“
Er horchte. Die Nacht war still. Bis jetzt. Doch nun plötzlich wurde diese Stille gebrochen. Vom Klang einer Sirene.
„Sehr gut.“ Sagte er leise zu sich. Seine Stimme beruhigte sich. Sein Tonfall wurde milder.
„Es geht los.“ Sobald er diese Worte sprach, verschwand er im Haus. Die Tür ließ er leise hinter sich zugleiten. Es war das letzte Geräusch, der letzte sanfte Klang, ehe die donnernden Sirenen über die staubige, asphaltierte Straße hämmerten.
„Marco, bitte versprich mir, dass du bei mir bleibst!“ Ihr Tonfall war wie abgehackt. Ihre Stirn nass. Sie litt Schmerzen. Große Schmerzen.
„Süße, ich verspreche es dir, ich bin bei dir und werde nicht von deiner Seite weichen. Das erste und das letzte, was du am Tag sehen wirst, wird mein Gesicht sein. Doch bitte, mein Schatz, spare dir nun die Kräfte. Ich bitte dich, spare sie dir und leg dich hin.“ Seine Sätze waren lang. Er sprach schnell, doch verhallten sie, ehe die bleiche, nach Hilfe suchende Frau auf eine mit weißem Bezug ausgestattete Bahre gelegt wurde.
Der Mann, Marco, drückte ihr einen kleinen Stoff-Hund in die schwachen Arme. „Nimm Cookie mit. Halt sie gut fest!“ Auch sein Gesicht war von Schweiß durchtränkt. Es rann ihm herunter. Über seinen Nacken bis an die Unterseite seines Rückens. Nass war es dort. Auch sein lilafarbenes Hemd war dunkel getrübt.
Die Frau grinste. Mit letzter Kraft. Fest klammerte sie sich an Cookie. Einen kleinen Stoffhund. „Cookie.“ Dies war ihr letztes Wort, ehe sie von zwei Männern mit Leichtigkeit hochgehievt und in einen dreckigen Wagen hinein verfrachtet wurde. AMBULANZA stand unter all dem Staub dennoch gut leserlich zu erkennen.
„Ah, fuck!“ Er rutschte ab. Der Krankentransporter wackelte wie wahnsinnig, während einer der Sanitäter am glatten Metallüberzug der Laderampe abrutschte.
Fester noch krallte sich die Frau an ihren Hund. Sie stöhnte laut.
Für manch einen mag es geschicktes Handeln sein, andere würden es für Glück halten, doch war er im Sturz fähig, sich mit einem schmerzhaften Aufprall seines Ellenbogens an der Karosserie aufzufangen. Es knallte und knackte. Er schrie. Sein Kollege schrie. Und Marco ... auch er schrie.
„Um Himmels willen passen Sie auf meine Frau auf“, rief Marco. Seine Pupillen weiteten sich. Wut und Sorge mischten sich zu einem gedankenvergifteten Nervencocktail.
„Antonio, sei vorsichtig, Idiot.“
„Glaubst du, das war absichtlich? Schrei hier nicht rum, sonst passiert dir das auch noch!“
Das Fluchen durchbrach sogar die lärmenden Sirenen in der Nacht. Allmählich traten die ersten Gaffer auf den Plan. In Jogginghose, im Bademantel, mit schockierten Gesichtern blickten sie auf Marco und seine Frau. In einem alten Haus, schräg versetzt auf der anderen Seite der Straße, stand ein alter Mann am Fenster. Er trug einen weiß und blau gestreiften Pyjama. Genüsslich nippte er an einem Glas Wein. Und grinste.
„Sorry, Antonio. Du hast recht, hast du dir was getan?“
„Nein. Es geht schon wieder, Alessio.“
„Sind wir einfach froh, dass nicht mehr passiert ist. Signor, kommen Sie mal bitte.“ Mit der Hand winkte Alessio, der Sanitäter, den verzweifelt wirkenden Marco zu sich.
„Ja?“
„Signor Bucci war richtig, oder?“ Marco nickte.
„Ja genau. Marco Bucci.“
„Darf ich Marco sagen?“
„Ja. Ja bitte, von mir aus.“
Im harten Schein der blau leuchtenden Strahlen der Sirene glänzten die braunen Augen von Marco. Sie waren feucht. Es fehlte nicht mehr viel und eine Träne wäre zu Boden gefallen.
„In Ordnung, Marco, wir bringen deine Frau ins Krankenhaus. Wir fahren nach Sant’Andrea. Leider darfst du hier nicht mitfahren.“
„Ich bitte euch, lasst mich zu meiner Frau durch. Ich habe es ihr versprochen, sie nicht zu verlassen.“
„Tut mir leid, Marco, das geht nicht. Ausgeschlossen.“
Alessio stieg zur stets schwächer werdenden Frau. Er schaute Marco mitleidig an. Wer die Wahrheit suchte, fand diese in Alessios Augen. Tiefgrund ehrliches Mitgefühl. Doch er blieb seiner Pflicht treu. Mit einem schweren, knallenden RUMS zog er die Türen zu. Zitternd stand Marco im Dunkeln. Seine Beine bewegten sich nicht von der Stelle, obgleich sie monoton mit dem warmen, süßen Wind, welcher über das Land fegte, wippten.
„Emilia …“, sprach er leise. Seine Lippen bewegten sich kaum. Es war mehr wie ein letzter Hauch. Der letzte Atemzug.
„Hey Signor? Steigen Sie hier ein, schnell. Beeilen Sie sich.“
Er stoppte sein monotones Wippen. Marco atmete tief ein. Es gab nur einen Gedanken, der durch seinen Kopf wanderte. EINSTEIGEN.
„Ja. Ja danke.“
Kurz stockte seine Bewegung, doch lief er, so schnell die Füße ihn auch tragen konnten, zur Fahrerkabine. Auf der Seite des Beifahrers stieg er ein. Und schmiss die Tür schlagartig hinter sich zu.
Noch bevor diese zufiel, drückte Antonio auf das Gaspedal. Mit quietschenden Reifen rollte das Auto an. Die Sirene dröhnte immer noch durch die Gegend.
„Oh Mann. Mein Kopf“, sagte Marco mit einem von Schmerz gezeichneten Gesicht.
„Harter Tag, was?“
„Ja. Ja, das auch. Es ist diese Sirene. Es ist, als würde Sie sich in meinen Kopf hämmern.“
„Verstehe ich, Signor. Sie ist megalaut. Aber vielleicht geht es, wenn ich sage, dass wir mit Sirene auf jeden Fall schneller durchkommen.“
„Ja. Ja, das ist gut, selbstverständlich.“
Verstummt mit einem stechenden Schmerz in der linken Schädelhälfte, beruhigte sich Marco nur langsam. Er blickte aus dem Fenster. Niemals zuvor sah die Gegend so trist aus. Trocken und staubig. Trostlos. Einzig das wiederkehrende Blau der Ambulanza sorgte für Farbtupfer in dieser grauen, blassen Welt.
„Wie heißt Ihre Frau ... Marco? Darf ich ebenfalls Marco sagen?“
„Ja. Natürlich. Emilia ist ihr Name.“ Aus seinen Gedanken gerissen wandte Marco seinen Blick zum Sanitäter. Er wirkte hoch konzentriert, während er die Straße entlangfuhr. Marco rieb sich die Hände. Unnachgiebig drückten sich die Fingernägel seiner linken Hand in das Fleisch seiner rechten. Er war kreidebleich.
„Ich habe das Gefühl, dass Emilia viel Blut verloren hat. Kannst du mir sagen, was passiert ist?“
„Nein. Es kam einfach so. Wir saßen auf dem Sofa. Wir hatten nach ein paar stressigen Tagen nur etwas entspannen wollen.“
„Ok. Ich verstehe. Gibt es noch etwas, was wir wissen sollten? Jede Information zählt.“
„Emilia, sie ist schwanger. Wird es meinem Kind gut gehen?“
„Ach du Scheiße“, rief Alessio laut aus. Seine Augen weiteten sich. Er fokussierte die leere Fahrbahn.
„Wir geben unser Bestes. Moment. Ich muss das sofort durchgeben.“
Er erhöhte seine Geschwindigkeit. Bei voller Fahrt drehte Alessio schnell seinen Kopf und fixierte sich auf ein kleines Fenster, welches hinter seinem Rücken in der Fahrerkabine eingebaut war.
„Antonio, gib im Sant’Andrea Bescheid. Unsere Patientin heißt Emilia und trägt ein Kind in sich.“
„Ich kann nicht“, schrie Antonio panisch zurück. „Sie verliert zu viel Blut. Ich habe alle Hände voll. Du musst es machen.“
Marco blickte sich um. Er versuchte etwas durch das kleine Fenster zu erkennen doch vergeblich.
„Heilige Maria, nein!“ Alessio griff nach dem Funkgerät, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln.
Sein Fokus auf die Straße wurde halbherzig. Mehr konzentrierte er sich darauf, das Krankenhaus zu erreichen.
„Emilia blutet wieder? Immer noch? Ich muss nach ihr sehen.“
„Nein Marco. Alles Gut. Antonio ist Profi. Im Augenblick sieht er nach ihr. Ich gebe jetzt dem Krankenhaus alles durch. Bleib du bitte nur ruhig sitzen. Überlass den Rest uns, auch wenn es schwerfällt.“
Die Ambulanza rutschte und schwankte hin und her. Die gesamte Karosserie knackte. Hin und wieder hört man Antonio fluchen.
Durch das wilde Auf und Ab begann Marco, sich langsam mit seinen Fingern in den Sitz zu krallen. Die krampfhafte Haltung unterbrach er nur kurz, um sich nun doch langsam den Sicherheitsgurt anzulegen.
„Nicht so wild, verflucht“, schrie Antonio.
„Sorry, ich gebe mir Mühe. Hallo? Wagen 8 hier, Alessio Russo. Wir sind in wenigen Minuten da. Wir haben eine stark blutende, schwangere Frau ...“
„Alessio? Sie hat das Bewusstsein verloren. Sag denen das“, schrie Antonio aus der Kabine.
„... ich korrigiere. Wir haben eine stark blutende, schwangere Frau, welche soeben das Bewusstsein verloren hat.“
Marco wurde es übel. Sein Kopf schaukelte wild umher. Er wollte sich nur noch übergeben. Die Trauer, den Schmerz, auskotzen. Er fühlte es. Ein warmes Drücken. Sein Hals wurde warm. Es kam ihm hoch, irgendetwas. Gift und Galle. Doch es war, als wäre sein Hals zu. Ein Stopfen. Es blieb ihm alles im Hals stecken. Das Atmen fiel ihm schwerer und schwerer.
Von hier an begann sich alles um Marco herum zu drehen. Die Zeit verrann in einem Gemisch aus unfassbar schnell und zermürbend langsam. Das stumpfe Hämmern der Sirene, das Stottern des Motors. Zwischendurch unterbrochen von irgendwelchen nicht verständlichen, möglicherweise beruhigenden Worten Alessios.
Die blaue Farbe in dunkler Nacht. Der vom Schweiß getränkte Rücken, welcher seit kurzer Zeit für einen Gänsehaut-Moment für Marco sorgte, alles schien unscheinbar. Und bedeutungslos. Wie ein einzig langer Traum. Er überlegte sich Sachen. Bunte und wilde Fantasien. Doch alles wurde immer wieder nur von einer Frage überschattet.
„Wann habe ich mich zuletzt noch so schwach und hilflos gefühlt?“
Und auf einmal, ganz plötzlich, hielt das Auto an. Es bremste sanft die Geschwindigkeit ab.
„Wir sind da, Marco. Das Krankenhaus. Antonio? Mach dich bereit.“
„Ja, bitte macht einfach schnell!“
Marco öffnete die Fahrertür. Er stieg aus. Kaum noch war er in der Lage zu stehen, so sehr zitterten seine Knie.
Zwei mit blauem Mundschutz bekleidete Arzthelfer warteten bereits. Sie kamen mit strammen Schritten auf die Ambulanza zu. Direkt hinter ihnen im Gleichschritt lief eine Frau in einem weißen Kittel.
„Ist sie das? Die schwangere, stark blutende Frau ohne Bewusstsein?“ Der Ton der Ärztin war barsch.
„Ja genau“, rief Antonio. „Schwangere Frau, Mitte 20, stark blutender vaginaler Ausfluss. Vorerst ansprechbar. Auf halber Strecke ohnmächtig geworden.“
Alessio und Antonio hoben die Bahre an und schoben diese ein wenig aus dem Wagen heraus. Direkt neben ihr betrachtete die Ärztin die blass-blaue Frau und fühlte ihren Puls. Einen kurzen Moment horchte sie.
„Sie ist eiskalt. Wie viel Blut hat sie verloren? Etwa alles?“ Vorwurfsvoll blickte sie zu den Sanitätern.
Es zog ein eisig kalter Wind aus Osten über das ganze Areal. Just in diesem Augenblick. Die Ärztin hielt sich die Haare aus dem Gesicht, bevor diese sich in einer aggressiven Böe zu erheben vermochten.
Ihre Augen öffneten sich. Langsam. Ihr Blick war kalt. Die Pupillen bleich. Matt und grau. Das helle Braun ihrer Augen erloschen. Ihr Oberkörper erhob sich. Mit einem lauten Stöhnen und kräftigen Ausatmen.
Ein durch Mark und Bein dringendes schrilles Pfeifen aus den Tiefen ihrer Lunge zischte durch ihre Lippen. Antonio sprang mit weit aufgerissenen Augen einen Satz zurück. Alessio hielt sich schockiert mit der linken Hand seinen Mund zu. „Großer Gott“, flüsterte er in diese.
„Emilia?“, sprach Marco ihr zu mit sanftem Ton. Emilia drehte ihren Kopf. Sie drehte sich genau zu Marco. Doch es war, als würde sie direkt an ihm vorbeischauen. Ohne Mimik starrte sie durch die Gegend.
„Emilia ... deine Augen?“
Sie starrte weiterhin. Doch nun begann sie zu grinsen. Bis sie sich schließlich zurück auf die Liege fallen ließ und entspannt ausatmete. Beinahe schon lustvoll. Wie inmitten ihres Höhepunktes eines Orgasmus.
Die Arzthelfer kamen ihr näher. Sie schoben die Bahre auf Rollen in das Krankenhaus. Es quietschte erbärmlich, während die vordere linke Rolle vor Rost steif stand und sich nur die drei verbliebenen bewegten.
„Alter, was war denn das? Verdammte Scheiße“, stieß Antonio entsetzt aus, er konnte sich den Spruch nicht mehr verkneifen.
„Ich ... Keine Ahnung! Eine Schockreaktion?“, antwortete Alessio, ungläubig seiner eigenen Worte.
„Vermutlich haben die Herren recht“, mischte sich die Ärztin ein. „Unter Stress und Schmerz schaltet der Geist und Verstand des Öfteren ab. Das war nichts weiter als eine kleine Präsentation. Wenn Sie uns nun entschuldigen, wir haben zu tun.“ Sie wandte ihren Blick ab. Mit schnellen Schritten stieß sie, begleitet von der rollenden Bahre, durch die sich elektrisch öffnende Glasschiebetür in das Krankenhaus. Marco lief ihnen hinterher. Vollkommen verunsichert.
Zurück blieben Alessio und Antonio. Auf dem Boden vor dem Krankentransporter sitzend, schauderten sie noch immer.
„Gütiger Gott, das war doch keine Schockreaktion. Mir läuft es immer noch eiskalt den Rücken runter.“ Mehrfach schluckte Alessio hastig, während er immer wieder in Form einer Kreuzbewegung über seinen Körper fuhr.
Neugierig schaute Antonio zu ihm rüber. Er beobachtete den Schweißfluss, welcher über die Stirn, bis hin zu Alessios Nasenspitze quoll.
„Ich muss zugeben, es war schon was creepy. Aber wenn das kein Schockzustand gewesen sein soll, was war es dann?“
Alessio blickte hoch in den Himmel. Er betrachtete die Sterne, welche sich mühsam durch einen grauen Wolkenschleier kämpften. Bedacht suchte er sich seine kommenden Worte zurecht.
„Hast du es nicht gesehen?“
„Kommt drauf an, was du meinst, gesehen habe ich viel.“
„Diesen Schleier. Dunkel. Bedrohlich.“
Mit aufgerissenen Augen stand Antonio auf. Er schüttelte den Kopf.
„Nein, Mann, keine Ahnung, wovon du redest. Komm, wir müssen losmachen. Den Transporter reinigen, ehe der nächste Einsatz kommt.“
„Antonio, ich schwöre dir. Er war es. Ich habe ihn gesehen.“
„Gesehen? Was?“
„Satan.“
Im Spital selbst spielten sich weit hektischere Szenen ab. Voller Eile versuchte Marco, die flotte Ärztin einzuholen. Diese war ihm jedoch stets mindestens zehn Schritte voraus.
Hastig rannte sie um eine Ecke. Durch die nächste Türe hindurch. Sie schien einer gelben Spur auf dem Boden zu folgen. Und blieb auf einmal stehen. Vor einer großen grauen Tür. Sie stand verschlossen vor ihnen. Sie drehte sich um und schaute Marco tief in die Augen.
„Was wollen Sie?“, fragte Sie schroff. Marco wusste zunächst gar nicht, wie ihm geschah. Mit blassen Augen blickte er ihr tief in die Augen und sammelte seinen Atem.
„Das ist meine Frau. Ich will zu ihr!“
„Ausgeschlossen. Das geht derzeit nicht. Sie warten gefälligst draußen, bis ich Sie dazu rufe.“
„Aber …“ Sie öffneten die Tür und schoben die Bahre samt Emilia hinein. Wuchtig knallten sie ebendiese vor Marcos Nase wieder zu.
„Also ist sie allein. Ich habe es ihr doch versprochen …“
Marco wartete vor der Tür. Seinem Schicksal ergeben. Ungeduldig lief er auf und ab. Schier endlos wanderte er umher. Die Augenblicke verstrichen nur zäh und quälend. In seinem Kopf kämpften verschiedene Szenarien. Eine grausamer und trauriger als die andere. Der reinste Horror hatte ihn gepackt und folterte ihn.
„Was ist nur los? Was ist nur mit meinem Kopf?“ Als würden zwei oder drei ... oder vielleicht doch sogar einhundert Stimmen komplett diffus in seinem Kopf sprechen.
„Dieser Tumult. Es schmerzt so sehr. Aufhören“, rief er. Marco kniff seine Augen zusammen. Er schlug sich mehrfach mit der flachen Hand gegen den Schädel. Bis er sich letztlich doch ergab und diese ihm gegebene Pein ertrug.
„Ok. Ich beruhige mich. Ich warte einfach. Einfach nur warten. Denke nicht zu viel nach. Vielleicht sollte ich nur hören ... Welche Stimme ist die lauteste?“ Also kam das Unvermeidliche. Er begann, auf diese Stimmen zu hören. Diese vielen, durcheinander schreienden Stimmen.
„Sie ist tot. Verblutet und gestorben. Und ist sie es noch nicht, dann wird sie es schon bald sein.“
„Nein, nein, nein! Emilia ist nicht tot. Sie lebt noch. Aber euer Kind ist gestorben.“
„Scheiße, nein! Das Kind wird leben. Geboren durch ihr Blut an seinen Händen. Du wirst es niemals lieben können, wenn es dir Emilia weggerissen hat.“
„Wieso sollte das Kind leben? Klein und schwach. Es wird eine Frühgeburt. Sie werden es retten wollen. Ziehen es heraus. Sein Kopf löst sich von seinem Körper. Der schwache Hals reißt ein. Das Kind wird sterben vor seinem ersten Atemzug.“
„Beide. Beide werden sterben. Und wenn niemand überlebt, wie willst du es dann weiterkönnen? Also denke nur nach, wie willst du es für dich beenden? Ein Strick über einen Dachbalken? Ein Messer? Oder etwa doch Tabletten?“
„Warum ist es eigentlich dazu gekommen? Hat sie sich so wegen ein bisschen Haushalt aufgeregt, dass ihr Blutdruck in die Höhe gegangen ist?“
„Ein bisschen Haushalt? Du hast das Haus verdrecken lassen, obwohl du ihr Gegenteiliges versprochen hast. Immerhin solltest gerade du ihren Putzfimmel am besten kennen.“
„Hättest du einfach nur alles sauber gehalten.“
„Aber was ist denn, wenn die Vorwürfe haltlos sind? Vielleicht wird doch alles wieder gut?“
„Ja stimmt. Vielleicht leben sie, sind aber dafür verkrüppelt. Behindert für den Rest ihres erbärmlichen Lebens. Und du wirst dir wünschen, sie wären gestorben. Aber sie haben überlebt und sie hassen dich dafür. Sie hassen dich bis zu dem Tag, an dem du endlich elendig krepierst.“
„Oder wird doch die Liebe gewinnen?“
„Diese Stimmen. Oh Gott, nein!“ Sie begannen zu lachen. Alle krächzten sie wild durcheinander.
„Verdammt! Als würde man im Inneren meiner Schädeldecke mit einer Abrissbirne arbeiten. Es ist mehr Tumult als auf einem Basar. Haltet das Maul. Haltet endlich das Scheißmaul. Verdammt, seid ruhig!“
„Entschuldigen Sie, Signor Bucci? Aber ich erinnere mich nicht, bereits etwas gesagt zu haben.“
Erschrocken blickte sich Marco um. Hinter seinem Rücken erschien eine kleine Frau.
...

