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Es geschah in Deutsch-Südwest


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 226
ISBN: 978-3-7116-0055-4
Erscheinungsdatum: 08.08.2024
Margarete lässt sich im Alter von 19 Jahren vom historisch bekannten Werbeplakat mit der Aufschrift „Vom Dienstmädchen zur Kolonialherrin“ verführen und wird 1913 vom Deutschen Frauenbund nach Deutsch-Südwestafrika verschifft. Wird sie ihr Paradies finden?
KAPITEL I

Es war im Sommer 1913, als Margarete im Alter von 19 Jahren in Bremen ankam. Sie war die Tochter eines Gauklers. Die Zeiten waren schwer und ihr Vater hatte entschieden, das Mädchen in den Dienst eines in der Stadt ansässigen Arztes zu stellen. Doktor Graf war ein übergewichtiger, kleiner Mann mit schütterem Haar und einem sorgfältig gezwirbelten Schnauzbart. Er stand am Fuß der Treppe seines feudalen Stadthauses und wartete bereits auf die Ankunft der Gauklerfamilie. Als Margaretes Vater das Haus des Arztes endlich gefunden hatte, machten die Männer ihren Handel. Margarete verabschiedete sich nicht von ihrem Vater. Ängstlich und mit leerem Blick ging sie die Treppe hinauf und verschwand im Gebäude.
Doktor Graf folgte ihr und schloss die überdimensional große Haustür hinter sich. Er geleitete Margarete durch eine große Eingangshalle, bis hin zu einem langen Gang, der in einem Hinterhof endete, auf dem sich das Gesindehaus befand. Der Doktor blieb stehen und rief mit fester Stimme:
„Elisabeth!“
Eine füllige Frau fortgeschrittenen Alters öffnete die Tür des Gesindehauses. Sie hatte langes graues Haar, das zu einem Knoten gebunden war, und sah Margarete mit müden Augen an, als sie gelangweilt fragte:
„Ist sie das?“
Der Doktor nickte und entgegnete:
„Kleide sie ein und zeige ihr, wo sie schlafen kann.“
Dann drehte er sich um und verschwand wieder im Haupthaus.
Elisabeth winkte das eingeschüchterte Mädchen herbei und sprach sie an:
„Du bist also das neue Dienstmädchen. Du bist sehr hübsch. Schöne blonde Locken hast du. Ich bin Elisabeth, die Köchin. Komm mit, ich zeige dir alles.“
Margarete bedankte sich höflich und folgte der Köchin in das Gesindehaus. Obwohl der kleine Anbau von außen ordentlich weiß angestrichen und zum Teil mit Efeu bewachsen war, bot sich im Innern ein eher karges Bild. Die Wände waren grau und man konnte sehen, an welchen Stellen bei Regen das Wasser die Wand hinunterlief. Der Boden war aus Stein und der Raum hatte nur ein kleines Fenster, das gerade einmal genug Licht für eine schummerige Beleuchtung hereinließ. Neben dem Fenster stand ein alter Holzschrank.
An der gegenüberliegenden Wand hingen ein paar Regale mit einigen wenigen Habseligkeiten darauf und darunter standen drei Pritschen. Es roch nach einer Mischung aus Mensch und Moder und in den Ecken huschten kleine Schatten über den Boden. Im hinteren Bereich befanden sich der Waschraum und eine Vorratskammer. Die Köchin brachte Margarete in den Waschraum, reichte ihr ein Dienstmädchengewand und gab die ersten Anweisungen:
„Zieh das an. Auch die Haube. Binde deine Haare zusammen, steck sie unter die Haube und vergiss die Schürze nicht. Nimm dir ein Paar Schuhe aus dem kleinen Holzschrank in der Vorratskammer und komm dann ins Haupthaus. Ich werde in der Eingangshalle auf dich warten.“
Margarete tat, was man ihr gesagt hatte. Wenig später erschien sie in der Eingangshalle. Die Köchin zeigte ihr die verschiedenen Räume und Gemächer, erklärte den Gebrauch der Reinigungsutensilien und ging zurück in die Küche. Margarete begann mit der Reinigung des Hauses. Die Arbeit war anstrengend und in manchen Räumen auch ziemlich ekelhaft. Sie war gerade dabei, die Bilderrahmen an den Wänden des Arbeitszimmers abzustauben, als hinter ihr die Tür ins Schloss fiel. Sie drehte sich um. Es war der Doktor. Er hatte offensichtlich getrunken und stand nur einen Schritt weit vor ihr. Er streckte seine Hand aus, strich ihr langsam mit der Rückseite seines Zeigefingers über das pralle Dekolleté und forderte:
„Lass mich doch mal sehen, was ich heute Mittag für mein Geld gekauft habe.“
Margarete wich zurück und sah ihn erschrocken an. Er stolperte ihr hinterher, packte sie am Hals, drückte sie gegen die Wand und hauchte ihr mit fauligem Atem ins Gesicht:
„Stell dich ruhig an. Dann macht es mehr Spaß.“
Er drückte seinen fetten Bauch gegen ihren zarten Körper und fing vor Erregung an zu schwitzen.
Seine Finger schnürten ihr die Luft ab, als die Angst der Wut wich und sie röchelte:
„Tu das nicht!“
Der Doktor lachte.
Sie röchelte erneut:
„Das war keine Bitte!“
Diese Dreistigkeit wischte das Lachen von seinem Gesicht. Er holte zu einer schallenden Ohrfeige aus. Doch bevor er zuschlagen konnte, steckte das Mädchen ihren rechten Zeigefinger in sein linkes Auge. Sie konnte spüren, wie der Augapfel zur Seite rutschte und ihr Finger tief in die Augenhöhle eindrang. Sein Schrei ging durch Mark und Bein. Margarete drückte sich an dem Doktor vorbei und drängte in die Richtung der Tür. Mit der einen Hand hielt er sich das blutende Auge. Mit der anderen Hand versuchte der schreiende Arzt, nach dem Mädchen zu greifen. Wutentbrannt erwischte er den hinteren Kragen ihres Gewandes. Sie konnte sich losreißen, stürmte die Treppe hinunter, öffnete die riesige Eingangstür, erreichte die Straße und rannte. Sie rannte und rannte. An Menschen, Kutschen und Fachwerkhäusern vorbei, bis die Straße hinter dem Fischmarkt am Hafenbecken endete.
Nun stand sie da. Allein, mit zerrissenem Gewand und Tränen im Gesicht. Die Geräusche des Hafens vermischten sich mit den Stimmen und Schritten der Menschen, die am Kai ihrer Tätigkeiten nachgingen oder an den unzähligen Ständen des Fischmarktes ihre Besorgungen machten. Kutschen, Droschken und Handkarren rumpelten über das Pflaster. Ihre Gedanken drehten sich unkontrolliert im Kreis:
„Mein Vater hat mich verkauft. Ich kann nicht zurück. Der angesehene Herr Doktor ist ein unzüchtiges Schwein. Was wird er mir antun, wenn er mich findet? Wo kann ich hin und was soll ich denn jetzt machen?“
Sie starrte verzweifelt auf ihr verzerrtes Spiegelbild, das sie auf der Wasseroberfläche des Hafenbeckens entdeckte.
Als aber die richtigen Fragen ihre Reise durch Margaretes Gehirn antraten, fasste sie neuen Mut:
„Wer bin ich und was kann ich?“
Margarete war die Tochter eines Gauklers und sie konnte nicht nur tanzen und jonglieren. Sie war auch ein exzellenter Taschendieb und wusste, wie man sich eine einigermaßen brauchbare Behausung unter den Brücken der Städte einrichten kann. Da sie sehr hungrig war, machte sie sich sofort an die Arbeit. Ältere Herren waren ihre bevorzugten Opfer, da diese eine volle Geldbörse besaßen und sich leicht von ihrem reizenden Aussehen ablenken ließen. Das Mädchen glitt elegant durch den Menschenstrom, der durch den Fischmarkt floss, und es dauerte nicht lange, bis sich der Blick eines Mannes lange genug in ihrem Dekolleté verlor, um seine Börse in ihrem Unterrock verschwinden zu lassen. Sie besorgte sich Lebensmittel und richtete sich ein Lager unter einer der Hafenbrücken ein. So verbrachte sie ihre Tage und Nächte. Sie hielt sich fern von anderen Gauklern und Landstreichern, sprach mit niemandem und fürchtete ständig, entdeckt zu werden.
Morgens ging sie immer wieder zurück zum Kai, schaute den Schiffen hinterher, sah auf das Meer hinaus und träumte von der unendlichen Freiheit, die der Horizont versprach. Ihr war klar, dass sie den Fischmarkt nicht mehr viel länger bearbeiten können würde, ohne irgendwann erwischt zu werden. Sie hatte schon tagelang darüber nachgedacht, Bremen zu verlassen, als sie ein großes buntes Plakat an der Fassade der Hafenkommandantur bemerkte. Das Plakat zeigte exotische Pflanzen und Tiere. Palmen, Elefanten, Giraffen und bunte Früchte. Das Plakat sah aus wie ein Fenster, auf dessen anderer Seite sich das Paradies erstreckt. Margarete träumte sich in diese bunte Welt hinein und blendete den Lärm des Hafens aus. Dröhnende Stille und eine wohlige Gänsehaut umschlangen sie, wie eine warme Decke. Dann las sie den Schriftzug:
„Vom Dienstmädchen zur Kolonialherrin.“ Margarete traute ihren Augen nicht. Sie trat näher an das Plakat heran, um den Rest des Textes besser lesen zu können. Der Gouverneur Theodor Leutwein hatte angeregt, die Ansiedlung deutscher Frauen in der Kolonie Deutsch-Südwest zu forcieren. Weiter stand dort geschrieben, dass die Frauen in den Kolonien von reichen Siedlern und feschen Soldaten geheiratet werden, sowie ein Vermerk über die Erhaltung des Deutschtums in den Kolonien und das Zitat einer Dame mit dem Namen Eckenbrecher:
„Wohl nirgends sonst in der Welt wird uns deutschen Frauen von den Herren der Schöpfung so viel Verehrung entgegengebracht wie gerade in unseren Kolonien.“
Jetzt war sich Margarete sicher, das Paradies entdeckt zu haben, und sie würde alles dafür tun, es zu erreichen. Ein neues Kleid, schicke Schuhe und ein paar Haarspangen sollten den Weg ebnen. Das Mädchen war nicht dumm und verteilte den Diebstahl der nötigen Anzahl an Geldbörsen auf mehrere Tage. Dann war es endlich so weit. Sie kaufte das Kleid, machte sich zurecht und betrat mit sicherem Schritt die Hafenkommandantur. Ihre Schritte hallten unter der prächtig bemalten Kuppel wider, als sie durch die Eingangshalle ging. Am anderen Ende der Halle hing ein riesiger Anker an der Wand. Darunter saßen uniformierte Männer an einer langen Rezeption, vor der ein gutes Dutzend junger Frauen darauf wartete, sich in die Siedlerliste eintragen zu dürfen. Margarete reihte sich geduldig ein. Nach einer guten Stunde wurde sie aufgerufen und in ein Nebenzimmer geführt. Dort saßen zwei Männer und eine Frau vom Deutschen Frauenbund an einem großen Schreibtisch. Dahinter befand sich ein Panoramafenster, durch das man die Weser sehen konnte. Die Herrschaften notierten ihren Namen, das Geburtsdatum und noch ein paar andere persönliche Informationen. Dann erklärte man ihr den Ablauf der Reise, gab ihr eine Bordkarte und ein Identifikationsdokument. Einer der Herren ließ Margarete wissen, dass ihr zukünftiger Ehemann sowie der Frauenbund für die Kosten ihrer Reise aufkommen würden, und verabschiedete sie mit freundlichen Glückwünschen.
Aus Angst, aufgrund ihres jungen Alters abgewiesen oder sogar entdeckt und für die Körperverletzung an dem Doktor angeklagt zu werden, hatte Margarete bei der Befragung gelogen und ihre Personalangaben verändert. Sie hieß nun Mathilde Behrens und war gemäß ihres neuen Identifikationsdokumentes 21 Jahre alt.

Am nächsten Morgen ging sie schon vor Sonnenaufgang in den Hafen. Sie war sehr aufgeregt, weil die Freude auf Freiheit und Abenteuer die Schlacht gegen die Angst vor dem Ungewissen noch nicht ganz gewonnen hatte.
Sie lief zügig, aber sie rannte nicht.
Als die ersten Sonnenstrahlen durch den Morgennebel brachen, erreichte Margarete den Kai. Sie trug das Dienstmädchengewand, das sie mittlerweile geflickt hatte. In der Hand hielt sie eine kleine braune Tasche, in der sich ihr neues Kleid und ein paar Habseligkeiten befanden. Der Kai war an diesem besonderen Tag voller Menschen. Ein buntes Potpourri aller sozialen Schichten wartete auf die Abfahrt des Woermanndampfers. Manche trugen ihre Koffer und Taschen selbst. Andere ließen ihr Gepäck von jungen Burschen tragen, die sich mit dieser Tätigkeit den Lebensunterhalt verdienten, und wieder andere hatten dermaßen viele Koffer und Kisten, dass sie Handkarren brauchten, die ihr Gesinde voll bepackt über den Kai zog.
Die Stimmen der ersten Marktschreier schallten durch den Hafen und der Duft von frisch gebackenem Brot zog durch die Gassen.
Margarete blieb stehen und schloss die Augen. Dann versuchte sie, ganz bewusst zu riechen und zu lauschen. Ein letztes Mal noch wollte sie die Heimat spüren.
Danach reihte sie sich mit selbstbewussten Schritten in den Strom der Passagiere ein.
Die letzten Wolken hatten sich gerade verzogen, als sie den Anleger erreichte.
Der Woermanndampfer wurde bereits beladen. Menschentrauben belagerten die Gangway und warteten auf die Erlaubnis, an Bord gehen zu dürfen. Angehörige verabschiedeten ihre Lieben und Schaulustige bewunderten das Schiff. Der Woermanndampfer war über 100 Meter lang und hatte Platz für 200 Passagiere. Ein schwimmendes Dorf aus Stahl. Der Rumpf war schwarz und auf dem weißen Aufbau thronten zwei riesige Schornsteine, die mit roten Streifen verziert waren.
Das Getöse der Stimmen und Ladegeräusche wurde plötzlich von einer Ansage übertönt, die aus den Lautsprechern der Hafenanlage drang. Die Passagiere wurden dazu aufgefordert, an Bord zu gehen und die auf ihren Bordkarten ausgewiesenen Bereiche innerhalb des Schiffes aufzusuchen. Als Margarete nach langem Entenmarsch über die Gangway den Dampfer endlich betrat, bot sich ihr ein unfassbares Bild. Teppichboden, Polstermöbel, Wendeltreppen mit goldenen Handläufen, Kronleuchter an den Decken und Kunstwerke an den Wänden. Alles war luxuriös dekoriert und prunkvoll beleuchtet. Es gab sogar einen Ballsaal und ein Casino an Bord.
Nach einem kurzen Rundgang mussten sich alle Passagiere im Speisesaal versammeln, wo ihnen die Sicherheitsrichtlinien für den Fall eines Untergangs erklärt wurden.
Margarete hatte bis zu diesem Moment noch gar nicht daran gedacht, dass ihre Reise auch auf dem Grund des Meeres enden könnte. Mit dieser neuen Perspektive vor Augen, hatte sie ein leicht mulmiges Gefühl im Bauch, als die Passagiere in Gruppen aufgeteilt und zu ihren Gemächern geleitet wurden. Die Mädchen des Frauenbundes reisten in der dritten Klasse. Dort gab es keine Gemächer mit Fenstern und Balkonen. Dort gab es Kajüten, die unterhalb der Wasserlinie lagen.
Margaretes Kajüte war ein schmaler, mit einer Ölfunzel beleuchteter Raum. Seitlich stand ein Etagenbett und an der gegenüberliegenden Wand hing eine Kleiderstange mit ein paar Bügeln. Dort, wo sich in der ersten und zweiten Klasse die Fenster und Balkontüren befanden, hing ein kleiner Spiegel von der Größe eines Bullauges an der Wand. Darunter standen ein Beistelltisch und zwei Hocker. Es war stickig, aber es stank nicht. Die Tür stand noch offen, als Margarete sich auf die untere der beiden Pritschen setzte und Johanna den Raum betrat:
„Guten Morgen, ich bin Johanna. Ich glaube, wir sind Zimmergenossen.“
Margarete nickte:
„Ich heiße Ma…thilde.“
Es fühlte sich seltsam an, den neuen Namen laut auszusprechen, und doch steckte ein Quäntchen Befreiung darin. Margarete wurde in diesem Moment bewusst, dass ein neuer Name und ein neues Leben in einem fernen Land die Uhr auf null stellen würden. Eine Art Tabula Rasa der eigenen Existenz. Jetzt war alles möglich.
Johanna hatte mittlerweile ihr Gepäck in die Ecke gestellt und saß auf einem der Hocker. Auch sie trug das Gewand eines Dienstmädchens, war 26 Jahre alt, hatte kastanienbraunes, schulterlanges Haar, große dunkle Augen und war leicht übergewichtig. Sie zog ihre Schuhe aus und stöhnte erleichtert:
„Aaah, das tut gut. Endlich, ich hätte keine zehn Schritte mehr geschafft.“
Sie zeigte auf das Etagenbett:
„Möchtest du oben schlafen oder lieber unten?“
Margarete legte beide Hände auf die untere Pritsche, auf der sie gerade Platz genommen hatte:
„Ich glaube, ich bleibe hier.“
Johanna nickte:
„So soll es sein.“
Margarete lächelte zufrieden und fragte:
„Hat man dir gesagt, wo die Waschräume sind?“
Johanna zeigte in die Richtung des Bugs:
„Sie haben gesagt, dass es auf diesem Stockwerk zwei Waschräume gibt. Beide sind im vorderen Teil des Schiffes. Wir könnten sie gemeinsam suchen und danach an Deck gehen. Das Schiff läuft bald aus.“
Margarete war einverstanden und die Frauen machten sich auf den Weg. An Deck standen ein Großteil der Besatzung und fast alle Passagiere in Reihe und Glied an der Reling. Es wurde gewinkt, geweint und gesungen.
„Leinen los“, schallte es aus der Lautsprecheranlage des Kapitäns. Die Schiffssirene ertönte, das Geräusch der Maschinen wurde lauter und langsam, ganz langsam setzte sich der Woermanndampfer in Bewegung.
Margarete stand regungslos an der Reling und hielt sich mit beiden Händen an ihr fest. Schon bald wurden die Menschen, die am Anleger zurückgeblieben waren, zu kleinen Punkten. Die Stadt sah nun aus wie ein Spielzeug. Sie spürte den Wind und roch die See. Der Horizont kam immer näher und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich frei.




KAPITEL II

Margarete lag auf ihrer Pritsche und starrte auf die Unterseite der über ihr montierten Matratze. Sie fragte sich, ob Johanna noch wach war. Die Eindrücke des Tages vertrieben den Schlaf und sie hatte das Bedürfnis, mit jemandem zu reden:
„Johanna?“
Johannas Gesicht erschien am Rand der oberen Pritsche und sie fragte mit erleichtertem Gesichtsausdruck:
„Kannst du auch nicht schlafen?“
Margarete zog für einen kurzen Moment die Schultern und die Augenbrauen hoch:
„Ich war noch nie auf einem Schiff.“
Sie legte eine Hand auf ihre Stirn:
„Die letzten Wochen waren furchtbar und ich bin froh, das alles hinter mir zu lassen. Ich bin aber auch traurig und weiß gar nicht so genau, warum.“
Johanna sah sie gütig an und versuchte, sie zu trösten:
„Was auch immer dir passiert ist, es hat dazu geführt, dass du jetzt hier bist. Du bist unwiderruflich ein Resultat deiner Vergangenheit, aber du kannst in der Zukunft all das werden, was du in der Gegenwart säst. Allerdings kannst du manchmal säen, was du willst. Wenn der Acker verdorrt ist, dann wirst du nichts ernten. Deshalb liege ich jetzt hier auf einer Pritsche, im Bauch eines riesigen Schiffes, und fahre ans andere Ende der Welt, um dort einen fruchtbaren Acker zu finden. Wer vor etwas davonläuft, der läuft meistens auch auf etwas anderes zu. Wenn man es schafft, das Karussell der Gedanken lange genug anzuhalten, um das erkennen zu können, dann wird die Neugier auf das Neuland die Trauer über das Verlorene verdrängen.“
Margarete war erstaunt darüber, dass Johanna in der Lage war, ihr einen derart treffenden Ratschlag zu geben, ohne vorher nach ihrer Geschichte gefragt zu haben. Sie fühlte sich bestätigt und das gab ihr Kraft. Die Sorgenfalten wichen einem zaghaften Lächeln:
„Danke Johanna, das hat mir sehr geholfen. Du hast es wohl auch nicht leicht gehabt.“
Johanna seufzte und erzählte von ihrem Vater, der sie von seinem Bauernhof gejagt hatte, als sie im Alter von 16 Jahren die Unzucht mit dem Knecht gestehen musste, weil sie schwanger war. Sie lebte einige Wochen im Wald und verlor das Kind, weil sie nicht genügend Nahrung fand. Als ihr Bauch wieder flach und ihre Schande nicht mehr sichtbar war, ging sie in die Stadt und fand dort eine Arbeit als Zofe, bei einer älteren Dame. Die Dame brachte ihr das Lesen bei und unterrichtete sie in den Umgangsformen des Freiherrn von Knigge. Nachdem die alte Frau verstorben war, übernahm ihr Sohn das Anwesen. Dieser hatte eine sehr eifersüchtige Ehefrau, die alle Dienstmädchen entließ, die jünger waren als sie selbst. Johanna machte sich zunächst keine großen Sorgen, da sie nun sehr gut ausgebildet war und bestimmt schnell eine neue Anstellung finden würde. Zu ihrer großen Enttäuschung stellte sie bald fest, dass man ihr fast ausschließlich Reinigungsarbeiten anbot, da sie nicht kochen konnte und für den Dienst im Speisesaal nicht hübsch genug war. Vor wenigen Wochen hat sie dann endlich entschieden, alle Enttäuschungen hinter sich zu lassen.
...
5 Sterne
Ein lesenswertes Buch  - 01.07.2025
Udo

Das Buch beschreibt sehr gut wie es wohl in Namibia 🇳🇦. früher Deutsch-Spdwest.Ich habe das Buch 📖 quasi verschlungen und nehme es zum Anlass noch einmal persönlich nach Aus zu reisen.

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