Ein paar Stunden ...
Was vom Leben übrig blieb
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 78
ISBN: 978-3-7116-0544-3
Erscheinungsdatum: 04.09.2025
Wie den Windböen des Lebens standhalten, während die heimatliche Gemeinde von einer Lawine erfasst wird? Diese Frage stellt sich den Menschen dieser Erzählung. Vielleicht wird die Naturgewalt ihnen nicht nur Verluste, sondern auch neue Perspektiven beibringen.
Prolog
Ich sehe von Weitem zu. Sehe, wie sie tanzen, die Musik spielt. Erst waren es nur die Kinder, die sich trauten. Die Zöpfe der Mädchen wirbelten im Wind. Dann kamen die Erwachsenen hinzu. Verhalten, langsam. Nach so vielen Tränen kam das Lachen zurück. Nach so viel Leid, das Glück. Nach so viel Tod, das Leben. Die Natur erholte sich genauso langsam wie die Menschen. Ganz sanft fingen die ersten Blumen, die ersten Gräser an zu sprießen. Das zarte Grün der Blätter an den noch vorhandenen Bäumen entfaltete sich. Ganz zaghaft begannen die Einwohner wieder, ihr Leben aufzunehmen, das nicht ihr altes war. Dafür ist viel zu viel geschehen. Eine Wandlung. Ein Neuanfang. Die Schlammmassen haben begraben, zerstört, zurückgelassen. Sie haben aber auch das längst verloren geglaubte Gute in den Menschen hervorgebracht.
Die Hilfsbereitschaft ersetzte die Gleichgültigkeit. Das Wir wich dem Egoismus. Vorurteile flossen teils mit dem Hochwasser weg. Ja, so entstand etwas Neues, aufgebaut auf Tränen, Trauer und Verlust. Wie hätten sich die Menschen verhalten, wenn sie gewusst hätten, was geschehen würde, geahnt, wie fragil ihr Alltag ist?
Bevor ich mit dem Wind gehe, sehe ich die alte Ursel. Sie beobachtet, wie ich, aus der Ferne, das bunte Treiben auf dem Richtfest der neuen Grundschule. Unsere Blicke treffen sich. Wir nicken uns kurz zu. Ich würde gerne zu ihr hinübergehen, aber wir sind schon zu weit voneinander entfernt.
Ein ganz normaler Tag
„Eins, zwei, drei! im Sauseschritt.
Läuft die Zeit; wir laufen mit.“
(Wilhelm Busch, Aphorismen und Reime)
6:30 wirft mir der Wecker mit seiner Leuchtschrift entgegen. Irgendwo am Fuße der Berge gelegen mit dem schönen Allerweltsnamen „Ort“, der für alles und nichts stehen kann. Vom Bett aus sehe ich die Sonne über meinem Postkartenidyll aufgehen. Ich stehe auf, mache Kaffee und blicke durch mein Fenster auf die kleine Gemeinde. Mein Haus, meine Heimat, ist das letzte, dann ist Ort zu Ende. Manchmal denke ich auch die Welt. Die Kleinstadt erstreckt sich über mehrere Täler. Hat sich ausgedehnt wie das Wasser in den Flussauen, wenn die tosende Menge Platz brauchte. Es wurde im Lauf der Jahrhunderte besiedelt, bebaut, die Natur zurückgedrängt.
Ich bin hier und sehe hinab in die hell erleuchteten Fenster der Bewohner. Ringsum ragen die dunklen Berge hervor. Stellen sich seit Jahrtausenden über das Tal. Die Nacht verbirgt, was der Tag sichtbar macht. Retuschiert. Die zerstörte Idylle. Vor ein paar Wochen zog ein Orkan über unser kleines Tal hinweg. Die Bäume knickten von Aiolos’ Atem um, wie Streichhölzer. Wir alle sahen sie fallen. Wir alle hörten sie auf den Boden ineinander, aufeinander krachen. Riesen spielen Mikado. Jahrzehntelang gewachsen, mühevoll aufgepäppelt. In wenigen Minuten zerstört. Hinweggefegt. Liegen gelassen. Gefällt. Verloren. Die Natur am Boden. Die Bäume fielen. Der Holzpreis fiel mit. Nachdem alle froh waren, dass der Wind nachließ, fingen die Menschen an aufzuräumen. Straßen wieder befahrbar zu machen. Gärten versucht, in den Ursprungszustand zu versetzen. Viel blieb liegen, viel wurde gearbeitet. Jeder kehrte nach dem kurzen Schrecken eines Tages und einer Nacht zurück in seinen Alltag. Es wurde weitergemacht wie bisher. Das Leben plätscherte ruhig dahin.
Ich habe angefangen, nicht mehr die Berge, sondern die liegenden Bäume zu malen. Die Zerstörung der Natur durch die Natur. Oder durch den Menschen. Monokultur. Gier. Geld. Diese Fragen zu diskutieren. Wer bin ich schon? Eine einsame Kunstmalerin. Leyna Engel, fünfzig Jahre alt. Die Neue hier. Zugereiste. Neuankömmling. Bei dem Gedanken bleiben meine Augen auf dem großen, schönen Nachbarhof hängen. Milchwirtschaft. Die Kuhglocken, die mich in den Schlaf wiegen. Das vorgegaukelte Paradies. Satte Wiesen. Werbebild. Aber authentisch neudeutsch.
Drüben brennt Licht. Gegenüber dem Bauer Bartholomäus Huber bin ich eine echte Langschläferin. Ich wette, sie streiten sich schon wieder. Sie, die Frau Luna Huber, kommt aus der Großstadt. An manchen Tagen läuft sie auf High Heels über den Hof, trägt Kleider, die in unserer verschlafenen Kleinstadt noch nie gesehen wurden. Die Leute drehen sich nach ihr um und sehen ihr entgeistert nach. Manche zerreißen sich den Mund. Mich stört das nicht. Weder das Gerede noch die High Heels. Ihren Mann übrigens auch nicht. Ich persönlich finde sie erfrischend. Jetzt steht sie da und schaut aus dem Fenster. Eine aparte Frau mit ihren langen blonden Haaren. Den blauen Augen. Der großen, etwas molligen Statur. Als ich eingezogen bin, hat sie noch viel gelacht, da war sie noch ein paar Stunden in der kleinen IT-Firma im Ort beschäftigt. Seit das Kind da ist, wurde es weniger. Das Lachen. Eine Bäuerin an einem ganz normalen Tag um 6:40 Uhr auf dem Hof.
Luna Huber
Da oben steht sie und schaut ins Tal hinab. Auf uns herab oder sehe ich zu ihr hinauf? Nicht bewundernd. Nein, neidisch. Sie kann machen, was sie will. Tun und lassen, wie es ihr beliebt. Und ich? Wo bin ich? Ich habe mich verloren. Hier irgendwo. Mitten im Leben, in meinem Leben, das eigentlich nicht meins ist. In der Großstadt, als ich noch alleine war, war ich so wie sie. Ich musste mich an meine Arbeitszeiten halten, aber ansonsten konnte ich tun, was ich wollte. Ich habe Webseiten programmiert. Wir waren eine tolle Gemeinschaft. All die Kollegen, die auch Single waren und von überall her aus der Republik kamen. Nach der Arbeit Afterworkparty. Am Wochenende Fete bei einem von uns oder Essen gehen, Kino, Theater, Kneipentour statt Kneippkur. Beim Wortspiel musste sie lächeln. Teure, schicke Klamotten aus der Boutique. Neues aus Mailand. Keinen Trend verpassen. Alles mitmachen. Spa über die Feiertage. Wellness mit Freunden. Skifahren. Après-Ski. Strand. Caipirinha. Ausschlafen. Oh, war das schön! Schnell ’ne Latte Soja. Zwischendurch. Hier ist der Cappuccino schon exotisch. Na ja, so schlimm ist es auch nicht. Eigentlich. Die neuen Kollegen bei der Firma im Ort waren auch sehr nett. Nur eben anders. Keine Partys. Familiengrillabende. Keine Discos, vielleicht eine Wanderung mit Picknick samt Familie und Hund. Selbstgemachte Salate. Belegte Brote. Hier aufgewachsen. In der Nähe studiert. Zurückgekommen. Bei den Eltern das Haus umgebaut oder gleich in den Garten das Eigenheim gestellt. Eine vom Ort geheiratet. Man kennt sich seit der Schule. Familien, die unter sich bleiben. Alles hat seine Ordnung. Hektar zu Hektar. Abweichen von alten Gewohnheiten können die Jüngeren. So wie ihr Barthel. Kennengelernt haben wir uns damals, als meine Firma in der Großstadt eine Anfrage bekommen hat. Er schrieb uns damals an. Direktvermarktung. Hofverkauf. Im Internet Marketing auch für das Online-Geschäft. Käse zum Beispiel oder Milchprodukte zum Bestellen. Frei Haus geliefert im Umkreis von vierzig Kilometern. Hatte der Bartholomäus Huber sich so vorgestellt. Ferien auf dem Bauernhof vielleicht auch. Folgeauftrag zum Programmieren. Mein Chef meinte, mir würde die Landluft mal ganz guttun. Keiner der Kollegen war frei. Das kam noch dazu. Also bin ich hin. Hab mir ein Hotelzimmer reserviert und fuhr los. Das war im Nachhinein mein erster Fehler. Warum habe ich mich nicht krankgemeldet? Wir hätten den Auftrag nie angenommen, wenn nicht Corona gewesen wäre. In den zwei Jahren sind viele Kunden pleitegegangen und Einnahmen weggebrochen. Kollegen wurden entlassen. Die Partygesellschaft hatte Pause. Die Käserei und der Hof. Das gefiel mir. So heimelig. Aber eigentlich war es mehr der Bauer, der mich faszinierte. Er war so natürlich. Ursprünglich. Seine braunen Augen. Ich glaube, das war der Grund, warum ich mich sofort in ihn verliebt hatte. Seine Ehrlichkeit. Nach dem geschäftlichen Teil sind wir in eine Pizzeria in der Kleinstadt gefahren. Jeder Alteingesessene kannte den anderen. Ich habe es gehasst. Von Anfang an war es mir zuwider. Eigentlich hätte ich davonlaufen müssen. Sofort. Danke fürs Essen. Ab ins Auto und weg. Ich ging. Kam wieder. Blieb. Mein zweiter Fehler.
Rosarote Brille auf. Mir hat sein Werben gefallen. Selbst als der Auftrag beendet war, kam er oft in mein Büro. Immer mit einem Vorwand. Er blieb auch über Nacht in der Stadt. Wir hatten uns gut verstanden. Alles war super damals. Essen gehen. Nächtelang haben wir geredet. Tja, und jetzt. Alles anders. Alles vorbei.
Ich hatte nicht bedacht, was es heißt, in einer Kleinstadt zu leben. Ich wusste nicht, was es bedeutet, einen Hof zu bewirtschaften. Ich habe die Enge und die Arbeit unterschätzt. Die rosarote Wolke. Fernsehformat. Glück auf dem Land. Ich schaffe es für dich, meinen Mann, dachte ich. Zerborsten wie eine Seifenblase. Zerstochen mit der Nadel des Alltags. Zerplatzt. Dann das Kind. Gerade als ich anfing, mich an den Alltag zu gewöhnen. Schwanger. Wieder der Sprung ins kalte Wasser. Keine Vorbilder. Autodidakt in der Kindererziehung. Er ist stolz auf seinen Stammhalter. Wenig Zeit zum Spielen. Kindererziehung. Frauensache. Babygruppe. Gemeinsam, einsam Kinderwagen schieben. Danach ins Café. Unterhaltung führen. Durchwachte Nächte. Windeln. Abstillen. Flasche geben. Erstes Breichen. Selber kochen oder Gläschen? Erste Schuhe kaufen. Laufen lernen. Zahnen. U-Untersuchungen. Ökologisch korrekte Kleidung oder doch zum Discounter? Hosen nächsten Montag im Sonderangebot. Manchmal hatte ich den Wunsch, den Frauen in der Krabbelgruppe den Rotbuschtee ins Gesicht zu schütten, über die praktischen Muttifrisuren das Mineralwasser zu leeren und sie anzuschreien: Und ich? WO BIN ICH? REDET MAL ÜBER EUCH! WO SEID IHR? Zwischen Töpfchen, Nase putzen, kochen und Hühner füttern.
Früher bin ich noch oft in die Stadt gefahren. Mit Freundinnen essen gehen, shoppen. Mit Kind war es nicht mehr so einfach. Ich konnte nicht mehr zu den Afterworkpartys. Nächtelang in einem Club durchtanzen. Vorbei. Die Freundinnen meldeten sich immer weniger. Irgendwann blieben ihre Anrufe aus. Dann war ich allein. Allein mit dem Kind und einem Mann, der ganz in seiner Aufgabe, seiner Berufung,aufging. Ich hatte das Gefühl, mich sieht niemand mehr. Keiner sieht mich. Keiner hört mich. Ich war da wie ein Stuhl, ein Tisch. Inventar halt. Dazugehörend und doch nicht. Mein Leben. Nur funktionieren, warten auf bessere Tage. Zum Glück habe ich mein Smartphone. Ich versuchte, von zu Hause auf Instagram neue Leute kennenzulernen. Zeit hatte ich genug, der Kleine schlief und Barthel war mit dem Hof beschäftigt. Irgendwann hat mich jemand angeschrieben. Ein Mann, wollte nach kürzester Zeit meine Handynummer. Fand ich süß. Morgens die Bilder mit einer Kaffeetasse, mir guten Morgen wünschend. Er hat mir viele Fotos von sich geschickt. Ein hübscher Mann hat mir Komplimente gemacht, von seinem Leben erzählt. Ich war es nicht mehr gewohnt, dass es nur um mich ging. Ich fühlte mich wie achtzehn Jung, schön, begehrenswert. Jeden Tag hat er mir geschrieben. Ein Arzt. Schönheitschirurg. Und mich fand er hübsch. Stundenlang haben wir geschrieben. Schreiben uns immer noch. Ich fühle mich so beachtet. Na gut, nach einer Weile wollte er Geld. Nur ein bisschen. Ich hatte ja noch mein Konto und Ersparnisse drauf. Sein Auto war kaputt und er in einer finanziellen Schieflage. Was bedeutet das schon. Ist ja nur Geld. Aber endlich hatte ich jemand, der mich auf Händen trägt. Jemand, der von einer gemeinsamen Zukunft redet. Der mir versprach, mich aus diesem öden Ort und meinem langweiligen Leben abzuholen. Ich muss mich noch ein bisschen gedulden. Ich warte geduldig und habe heimlich schon angefangen zu entrümpeln. Mein Leben zu entrümpeln. Im Moment überlege ich, welche Kleider ich einpacke. Ganz hinten in der Kammer, wo der Barthel nie hinkommt, habe ich meine Sachen, die ich mitnehmen möchte, gepackt. Ich warte jetzt nur noch darauf, dass er seine Praxis auflöst und mich mitnimmt nach Amerika. Dort, hat er mir versprochen, fangen wir ein neues Leben an. Ich habe auch schon Bilder gesehen von ihm und dem neuen Haus. Er hat es in seinem letzten Urlaub für uns gekauft. Endlich hier weg.
So standen die beiden Frauen am Fenster. Sahen sich stumm an. Über die Ferne. Jede mit ihrer Kaffeetasse in der Hand durch den Regen starrend.
Bartholomäus Huber
Der ewige Regen. Ich muss nachher nach den Feldern sehen. Es hört nicht mehr auf. Die Äcker sind bestimmt überflutet. Es hört nicht mehr auf. Jeden Tag kommt das Wasser vom Himmel. Der Fluss ist voll. Übervoll. Wenn es so weitergeht, werden wir Hochwasser bekommen. Dank der Flussbegradigung und dem Neubaugebiet wird die Feuerwehr heute mit ihren Pumpen gut zu tun bekommen. Die Felder stehen hier schon unter Wasser. Aus den kleinen Pfützen wurden in wenigen Tagen kleine Seen. Die Ernte wird schlecht. Vielleicht gibt es Ausgleichszahlungen? Wir werden einen Kredit brauchen. Jedenfalls muss ich das Vieh satt bekommen, sonst gibt es keine Milch. Ohne die sind wir am Ende. Vielleicht sind wir das schon? Das Wasser fließt nicht mehr überall ab. Pfützen. Innehalten. Zum Glück habe ich die Gummistiefel an. Meinen kleinen Gustav wird es freuen. Er hüpft gerne durch die Pfützen. Matschepampe.
Innehalten. Das Grollen. Ich blicke auf die Berge, besorgt. Ich habe das Geräusch schon gestern gehört. Es kommt vom Berg, von den Bergen. Ich höre es. Irgendetwas wird angeschoben. Geht voran. Genau kann ich es nicht sagen. Ich höre es. Es liegen noch viele Baumstämme herum. Die Bäume mit ihren Wurzeln haben den Berg festgehalten. Sich in ihn hineingegraben. Jetzt liegen sie da. Stumme Zeugen. Wehrlos. Wurzelballen nach oben gestreckt.
So fühle ich mich auch. Wehrlos, hilflos, wie die Bäume. Die Luna hat sich in letzter Zeit sehr verändert. Erst dachte ich, das geht wieder vorbei. Sind halt die Hormone nach der Schwangerschaft. Aber das ist es nicht. Sie sitzt die ganze Zeit am Smartphone. Schreibt ständig. Heimlich. Wenn ich sie frage, bekomme ich keine Antwort. Aber wenigstens kümmert sie sich noch um das Haus, den Kleinen und die Käserei. Hoffnung. Das ist das, was mir bleibt. Allerdings weiß ich nicht, ob sie mit mir den Kredit unterschreibt. Was mache ich, wenn sie sich scheiden lassen will? Neulich kam ein Brief. Von ihrer Bank, sie hat ihn gleich geschnappt und ist damit weggelaufen. Früher hatten wir keine Geheimnisse. Ich möchte zu gerne wissen, was sie macht. Wenn das Unwetter vorbei ist, werde ich mich um einen Babysitter kümmern, dass wir abends mal wieder ausgehen können. Vielleicht wird dann alles besser.
Vielleicht. Ich denke wieder an meinen Gustl, gehe an einem umgefallenen Baum vorbei. Gedanken fließen. Erinnerungen tröpfeln. Mein Sohn fand es spannend, einen Baum von unten zu sehen. Verstecken zu spielen im großen Geflecht. Türchen zu suchen. In Löcher zu klettern, wo einst die Bäume standen. Ihm gefiel es. Fand es schön, unbeschwert mit Gustav zu spielen. Nachher waren wir beide dreckig. Luna zog ein Gesicht wie immer. Entweder war sie depressiv oder wütend oder beides irgendwie. Eigentlich verstand er sie überhaupt nicht. Er hatte sich alles leichter vorgestellt. Nicht so schwierig. Einfacher. Gewarnt hatten sie ihn. Er, aus einer alteingesessenen Bauernfamilie, hätte jede hier im Ort haben können. Nur wollte er nicht. Angesehen war er. Für seinen Gerechtigkeitssinn. Deshalb war er Schlichter geworden. Ehrenamtlich. Sonst hatte er kein Amt. Eigentlich wollte er nicht so recht mit den Leuten. Ein Einzelgänger. Seit dem Tod seiner Eltern war er allein gewesen. Bartholomäus, einer der zwölf Apostel. „Mann ohne Falschheit“ hatte Jesus seinen Namenspatron genannt. Ich glaube, meinen Eltern hatte einfach der Name gefallen. Wobei, Mutter war immer sehr fromm gewesen. Nomen est omen. Sein Gerechtigkeitssinn war schon in der Schule legendär. Jeder Lüge, jeder Ungerechtigkeit ging er auf den Grund. Jedem Opfer half er. Er war ehrlich, fürchterlich ehrlich. Sein großer Fehler. Seine größte Gabe. Vielleicht sollte er nicht alles sagen, was er dachte. Vor allem Luna gegenüber nicht. Er war beim letzten Streit zu weit gegangen. Aber er wusste, dass es wahr ist. Sie wollte sich nie anpassen. Sie hatte sich zu wenig Mühe gegeben. Hatte die Kleinstädter belächelt. „Hinterwäldler“ hatte sie sie genannt. Die keine Ahnung vom Leben hatten. Nur weil sie keine Soja Latte kennen, heißt das nicht, dass sie nichts vom Leben wissen. Sie wurde hier aufgenommen. Nun gut. Die Leute hier taten sich immer noch schwer mit Neuankömmlingen. Die im Neubaugebiet blieben auch unter sich. Die sind nicht alle von hier. Zugezogen. Baugrundstücke erschwinglich für junge Familien. Frische Luft. Natur pur. Die Kids einfach laufen lassen. ÖPNV-Anbindung optimal. Er hatte gehofft, dass sie sich mit ihnen verstehen würde. Er war hoffnungsvoll, nachdem sie den Honorarjob in der Internetfirma angenommen hatte. Sie kamen mit ihnen in Kontakt. Eigentlich waren die Abende ganz nett. Ich hatte den Eindruck, es gefiel ihr. Nachdem Gustl auf die Welt kam, wurden die Treffen seltener. Lag auch an Corona. Lockdown. Man blieb zu Hause. Gustl spielte alleine. Sie war separiert auf dem Hof mit ihm. Ab und an ein paar Kunden. Ansonsten wurde die Ware ausgefahren. Abgestellt. Helfer. Fahrer. Bei krankheitsbedingtem Ausfall sprang einer von ihnen ein. Viel Arbeit. Wenig Leben. Alles, was ihr gefiel, fiel weg. Die Fahrt zu ihrer Freundin, wenn seine Frau es nicht mehr auf dem Hof aushielt. Dafür blieb keine Zeit mehr. Auch wegen dem Virus war es nicht ratsam. Ich hoffe, jetzt wird alles besser. Allerdings sitzt sie zu oft am Computer. Gustl kommt im Sommer in die Kita. Dann hat Luna wieder mehr Zeit für sich. Dann wird es wieder wie früher. Bestimmt. Hoffentlich. Der ewige Streit zermürbt mich. Jetzt einen Kaffee. Ich sehe schon, wie sie am Fenster steht. Einen Cent für die Gedanken, die sie hat. Stattdessen höre ich mich sagen: „Guten Morgen, Schatz. Gustl schläft noch?“ „Ja.“ „Warst du schon bei den Hühnern?“ „Nein, mache ich nachher“, sagt Luna von ganz weit weg.
Vielleicht sollte ich doch einmal mit Dr. Janke reden. Das letzte Mal, als ich ihr das vorschlug, endete damit, dass sie die Tür zuschlug und nach oben lief. Seufzend stellte er sich neben seine Frau ans Fenster. 6:55 Uhr. Der Schulbus begann seine Tour. Am Rand des Ortsteils. Gustl würde irgendwann morgens auch mal dort einsteigen, wenn er in die weiterführende Schule geht. Zur Grundschule kann er zu Fuß gehen. Genau wie ich damals.
Dr. Mark
Dieser Regen. Er macht mich noch verrückt. Ich hoffe, der Fluss tritt nicht über die Ufer. Mein neues Haus liegt ja im Neubaugebiet ziemlich weit oben. Zum Glück bin ich damals nicht auf den Makler hereingefallen, der mir die erste Lage zu überteuerten Preisen verkaufen wollte, dann hätte ich schon längst das Wasser im Keller.
Aber meine Praxis hier mit den Räumen liegt doch im unteren Teil des Städtchens. Hier könnte es uns treffen. Ich werde schon mal ein paar Sandsäcke von der Feuerwehr abholen und alle wichtigen Unterlagen, Medikamente, teuren Geräte einen Stock höher in Sicherheit bringen.
Eigentlich lief die Praxis gut an. Ich habe hier zwei Tage Sprechstunde und bin die anderen Tage im Krankenhaus, um dort dann die Operationen durchzuführen. Ich hätte nie gedacht, dass das auf dem Land so gut läuft. Allerdings hat mich neulich eine Frau so merkwürdig angeschaut, als ich aus der Praxis kam. Sie tat so, als würden wir uns sehr gut kennen. Dabei habe ich sie und ihr Kind noch nie in meinem ganzen Leben gesehen. Vielleicht hatte sie mich verwechselt.
Das Wasser am Fluss stieg weiter. Das Grollen wurde lauter. Die Natur in Aufruhr. Aufgewühlt. Zerwühlt wie ungemachte Betten.
Ich sehe von Weitem zu. Sehe, wie sie tanzen, die Musik spielt. Erst waren es nur die Kinder, die sich trauten. Die Zöpfe der Mädchen wirbelten im Wind. Dann kamen die Erwachsenen hinzu. Verhalten, langsam. Nach so vielen Tränen kam das Lachen zurück. Nach so viel Leid, das Glück. Nach so viel Tod, das Leben. Die Natur erholte sich genauso langsam wie die Menschen. Ganz sanft fingen die ersten Blumen, die ersten Gräser an zu sprießen. Das zarte Grün der Blätter an den noch vorhandenen Bäumen entfaltete sich. Ganz zaghaft begannen die Einwohner wieder, ihr Leben aufzunehmen, das nicht ihr altes war. Dafür ist viel zu viel geschehen. Eine Wandlung. Ein Neuanfang. Die Schlammmassen haben begraben, zerstört, zurückgelassen. Sie haben aber auch das längst verloren geglaubte Gute in den Menschen hervorgebracht.
Die Hilfsbereitschaft ersetzte die Gleichgültigkeit. Das Wir wich dem Egoismus. Vorurteile flossen teils mit dem Hochwasser weg. Ja, so entstand etwas Neues, aufgebaut auf Tränen, Trauer und Verlust. Wie hätten sich die Menschen verhalten, wenn sie gewusst hätten, was geschehen würde, geahnt, wie fragil ihr Alltag ist?
Bevor ich mit dem Wind gehe, sehe ich die alte Ursel. Sie beobachtet, wie ich, aus der Ferne, das bunte Treiben auf dem Richtfest der neuen Grundschule. Unsere Blicke treffen sich. Wir nicken uns kurz zu. Ich würde gerne zu ihr hinübergehen, aber wir sind schon zu weit voneinander entfernt.
Ein ganz normaler Tag
„Eins, zwei, drei! im Sauseschritt.
Läuft die Zeit; wir laufen mit.“
(Wilhelm Busch, Aphorismen und Reime)
6:30 wirft mir der Wecker mit seiner Leuchtschrift entgegen. Irgendwo am Fuße der Berge gelegen mit dem schönen Allerweltsnamen „Ort“, der für alles und nichts stehen kann. Vom Bett aus sehe ich die Sonne über meinem Postkartenidyll aufgehen. Ich stehe auf, mache Kaffee und blicke durch mein Fenster auf die kleine Gemeinde. Mein Haus, meine Heimat, ist das letzte, dann ist Ort zu Ende. Manchmal denke ich auch die Welt. Die Kleinstadt erstreckt sich über mehrere Täler. Hat sich ausgedehnt wie das Wasser in den Flussauen, wenn die tosende Menge Platz brauchte. Es wurde im Lauf der Jahrhunderte besiedelt, bebaut, die Natur zurückgedrängt.
Ich bin hier und sehe hinab in die hell erleuchteten Fenster der Bewohner. Ringsum ragen die dunklen Berge hervor. Stellen sich seit Jahrtausenden über das Tal. Die Nacht verbirgt, was der Tag sichtbar macht. Retuschiert. Die zerstörte Idylle. Vor ein paar Wochen zog ein Orkan über unser kleines Tal hinweg. Die Bäume knickten von Aiolos’ Atem um, wie Streichhölzer. Wir alle sahen sie fallen. Wir alle hörten sie auf den Boden ineinander, aufeinander krachen. Riesen spielen Mikado. Jahrzehntelang gewachsen, mühevoll aufgepäppelt. In wenigen Minuten zerstört. Hinweggefegt. Liegen gelassen. Gefällt. Verloren. Die Natur am Boden. Die Bäume fielen. Der Holzpreis fiel mit. Nachdem alle froh waren, dass der Wind nachließ, fingen die Menschen an aufzuräumen. Straßen wieder befahrbar zu machen. Gärten versucht, in den Ursprungszustand zu versetzen. Viel blieb liegen, viel wurde gearbeitet. Jeder kehrte nach dem kurzen Schrecken eines Tages und einer Nacht zurück in seinen Alltag. Es wurde weitergemacht wie bisher. Das Leben plätscherte ruhig dahin.
Ich habe angefangen, nicht mehr die Berge, sondern die liegenden Bäume zu malen. Die Zerstörung der Natur durch die Natur. Oder durch den Menschen. Monokultur. Gier. Geld. Diese Fragen zu diskutieren. Wer bin ich schon? Eine einsame Kunstmalerin. Leyna Engel, fünfzig Jahre alt. Die Neue hier. Zugereiste. Neuankömmling. Bei dem Gedanken bleiben meine Augen auf dem großen, schönen Nachbarhof hängen. Milchwirtschaft. Die Kuhglocken, die mich in den Schlaf wiegen. Das vorgegaukelte Paradies. Satte Wiesen. Werbebild. Aber authentisch neudeutsch.
Drüben brennt Licht. Gegenüber dem Bauer Bartholomäus Huber bin ich eine echte Langschläferin. Ich wette, sie streiten sich schon wieder. Sie, die Frau Luna Huber, kommt aus der Großstadt. An manchen Tagen läuft sie auf High Heels über den Hof, trägt Kleider, die in unserer verschlafenen Kleinstadt noch nie gesehen wurden. Die Leute drehen sich nach ihr um und sehen ihr entgeistert nach. Manche zerreißen sich den Mund. Mich stört das nicht. Weder das Gerede noch die High Heels. Ihren Mann übrigens auch nicht. Ich persönlich finde sie erfrischend. Jetzt steht sie da und schaut aus dem Fenster. Eine aparte Frau mit ihren langen blonden Haaren. Den blauen Augen. Der großen, etwas molligen Statur. Als ich eingezogen bin, hat sie noch viel gelacht, da war sie noch ein paar Stunden in der kleinen IT-Firma im Ort beschäftigt. Seit das Kind da ist, wurde es weniger. Das Lachen. Eine Bäuerin an einem ganz normalen Tag um 6:40 Uhr auf dem Hof.
Luna Huber
Da oben steht sie und schaut ins Tal hinab. Auf uns herab oder sehe ich zu ihr hinauf? Nicht bewundernd. Nein, neidisch. Sie kann machen, was sie will. Tun und lassen, wie es ihr beliebt. Und ich? Wo bin ich? Ich habe mich verloren. Hier irgendwo. Mitten im Leben, in meinem Leben, das eigentlich nicht meins ist. In der Großstadt, als ich noch alleine war, war ich so wie sie. Ich musste mich an meine Arbeitszeiten halten, aber ansonsten konnte ich tun, was ich wollte. Ich habe Webseiten programmiert. Wir waren eine tolle Gemeinschaft. All die Kollegen, die auch Single waren und von überall her aus der Republik kamen. Nach der Arbeit Afterworkparty. Am Wochenende Fete bei einem von uns oder Essen gehen, Kino, Theater, Kneipentour statt Kneippkur. Beim Wortspiel musste sie lächeln. Teure, schicke Klamotten aus der Boutique. Neues aus Mailand. Keinen Trend verpassen. Alles mitmachen. Spa über die Feiertage. Wellness mit Freunden. Skifahren. Après-Ski. Strand. Caipirinha. Ausschlafen. Oh, war das schön! Schnell ’ne Latte Soja. Zwischendurch. Hier ist der Cappuccino schon exotisch. Na ja, so schlimm ist es auch nicht. Eigentlich. Die neuen Kollegen bei der Firma im Ort waren auch sehr nett. Nur eben anders. Keine Partys. Familiengrillabende. Keine Discos, vielleicht eine Wanderung mit Picknick samt Familie und Hund. Selbstgemachte Salate. Belegte Brote. Hier aufgewachsen. In der Nähe studiert. Zurückgekommen. Bei den Eltern das Haus umgebaut oder gleich in den Garten das Eigenheim gestellt. Eine vom Ort geheiratet. Man kennt sich seit der Schule. Familien, die unter sich bleiben. Alles hat seine Ordnung. Hektar zu Hektar. Abweichen von alten Gewohnheiten können die Jüngeren. So wie ihr Barthel. Kennengelernt haben wir uns damals, als meine Firma in der Großstadt eine Anfrage bekommen hat. Er schrieb uns damals an. Direktvermarktung. Hofverkauf. Im Internet Marketing auch für das Online-Geschäft. Käse zum Beispiel oder Milchprodukte zum Bestellen. Frei Haus geliefert im Umkreis von vierzig Kilometern. Hatte der Bartholomäus Huber sich so vorgestellt. Ferien auf dem Bauernhof vielleicht auch. Folgeauftrag zum Programmieren. Mein Chef meinte, mir würde die Landluft mal ganz guttun. Keiner der Kollegen war frei. Das kam noch dazu. Also bin ich hin. Hab mir ein Hotelzimmer reserviert und fuhr los. Das war im Nachhinein mein erster Fehler. Warum habe ich mich nicht krankgemeldet? Wir hätten den Auftrag nie angenommen, wenn nicht Corona gewesen wäre. In den zwei Jahren sind viele Kunden pleitegegangen und Einnahmen weggebrochen. Kollegen wurden entlassen. Die Partygesellschaft hatte Pause. Die Käserei und der Hof. Das gefiel mir. So heimelig. Aber eigentlich war es mehr der Bauer, der mich faszinierte. Er war so natürlich. Ursprünglich. Seine braunen Augen. Ich glaube, das war der Grund, warum ich mich sofort in ihn verliebt hatte. Seine Ehrlichkeit. Nach dem geschäftlichen Teil sind wir in eine Pizzeria in der Kleinstadt gefahren. Jeder Alteingesessene kannte den anderen. Ich habe es gehasst. Von Anfang an war es mir zuwider. Eigentlich hätte ich davonlaufen müssen. Sofort. Danke fürs Essen. Ab ins Auto und weg. Ich ging. Kam wieder. Blieb. Mein zweiter Fehler.
Rosarote Brille auf. Mir hat sein Werben gefallen. Selbst als der Auftrag beendet war, kam er oft in mein Büro. Immer mit einem Vorwand. Er blieb auch über Nacht in der Stadt. Wir hatten uns gut verstanden. Alles war super damals. Essen gehen. Nächtelang haben wir geredet. Tja, und jetzt. Alles anders. Alles vorbei.
Ich hatte nicht bedacht, was es heißt, in einer Kleinstadt zu leben. Ich wusste nicht, was es bedeutet, einen Hof zu bewirtschaften. Ich habe die Enge und die Arbeit unterschätzt. Die rosarote Wolke. Fernsehformat. Glück auf dem Land. Ich schaffe es für dich, meinen Mann, dachte ich. Zerborsten wie eine Seifenblase. Zerstochen mit der Nadel des Alltags. Zerplatzt. Dann das Kind. Gerade als ich anfing, mich an den Alltag zu gewöhnen. Schwanger. Wieder der Sprung ins kalte Wasser. Keine Vorbilder. Autodidakt in der Kindererziehung. Er ist stolz auf seinen Stammhalter. Wenig Zeit zum Spielen. Kindererziehung. Frauensache. Babygruppe. Gemeinsam, einsam Kinderwagen schieben. Danach ins Café. Unterhaltung führen. Durchwachte Nächte. Windeln. Abstillen. Flasche geben. Erstes Breichen. Selber kochen oder Gläschen? Erste Schuhe kaufen. Laufen lernen. Zahnen. U-Untersuchungen. Ökologisch korrekte Kleidung oder doch zum Discounter? Hosen nächsten Montag im Sonderangebot. Manchmal hatte ich den Wunsch, den Frauen in der Krabbelgruppe den Rotbuschtee ins Gesicht zu schütten, über die praktischen Muttifrisuren das Mineralwasser zu leeren und sie anzuschreien: Und ich? WO BIN ICH? REDET MAL ÜBER EUCH! WO SEID IHR? Zwischen Töpfchen, Nase putzen, kochen und Hühner füttern.
Früher bin ich noch oft in die Stadt gefahren. Mit Freundinnen essen gehen, shoppen. Mit Kind war es nicht mehr so einfach. Ich konnte nicht mehr zu den Afterworkpartys. Nächtelang in einem Club durchtanzen. Vorbei. Die Freundinnen meldeten sich immer weniger. Irgendwann blieben ihre Anrufe aus. Dann war ich allein. Allein mit dem Kind und einem Mann, der ganz in seiner Aufgabe, seiner Berufung,aufging. Ich hatte das Gefühl, mich sieht niemand mehr. Keiner sieht mich. Keiner hört mich. Ich war da wie ein Stuhl, ein Tisch. Inventar halt. Dazugehörend und doch nicht. Mein Leben. Nur funktionieren, warten auf bessere Tage. Zum Glück habe ich mein Smartphone. Ich versuchte, von zu Hause auf Instagram neue Leute kennenzulernen. Zeit hatte ich genug, der Kleine schlief und Barthel war mit dem Hof beschäftigt. Irgendwann hat mich jemand angeschrieben. Ein Mann, wollte nach kürzester Zeit meine Handynummer. Fand ich süß. Morgens die Bilder mit einer Kaffeetasse, mir guten Morgen wünschend. Er hat mir viele Fotos von sich geschickt. Ein hübscher Mann hat mir Komplimente gemacht, von seinem Leben erzählt. Ich war es nicht mehr gewohnt, dass es nur um mich ging. Ich fühlte mich wie achtzehn Jung, schön, begehrenswert. Jeden Tag hat er mir geschrieben. Ein Arzt. Schönheitschirurg. Und mich fand er hübsch. Stundenlang haben wir geschrieben. Schreiben uns immer noch. Ich fühle mich so beachtet. Na gut, nach einer Weile wollte er Geld. Nur ein bisschen. Ich hatte ja noch mein Konto und Ersparnisse drauf. Sein Auto war kaputt und er in einer finanziellen Schieflage. Was bedeutet das schon. Ist ja nur Geld. Aber endlich hatte ich jemand, der mich auf Händen trägt. Jemand, der von einer gemeinsamen Zukunft redet. Der mir versprach, mich aus diesem öden Ort und meinem langweiligen Leben abzuholen. Ich muss mich noch ein bisschen gedulden. Ich warte geduldig und habe heimlich schon angefangen zu entrümpeln. Mein Leben zu entrümpeln. Im Moment überlege ich, welche Kleider ich einpacke. Ganz hinten in der Kammer, wo der Barthel nie hinkommt, habe ich meine Sachen, die ich mitnehmen möchte, gepackt. Ich warte jetzt nur noch darauf, dass er seine Praxis auflöst und mich mitnimmt nach Amerika. Dort, hat er mir versprochen, fangen wir ein neues Leben an. Ich habe auch schon Bilder gesehen von ihm und dem neuen Haus. Er hat es in seinem letzten Urlaub für uns gekauft. Endlich hier weg.
So standen die beiden Frauen am Fenster. Sahen sich stumm an. Über die Ferne. Jede mit ihrer Kaffeetasse in der Hand durch den Regen starrend.
Bartholomäus Huber
Der ewige Regen. Ich muss nachher nach den Feldern sehen. Es hört nicht mehr auf. Die Äcker sind bestimmt überflutet. Es hört nicht mehr auf. Jeden Tag kommt das Wasser vom Himmel. Der Fluss ist voll. Übervoll. Wenn es so weitergeht, werden wir Hochwasser bekommen. Dank der Flussbegradigung und dem Neubaugebiet wird die Feuerwehr heute mit ihren Pumpen gut zu tun bekommen. Die Felder stehen hier schon unter Wasser. Aus den kleinen Pfützen wurden in wenigen Tagen kleine Seen. Die Ernte wird schlecht. Vielleicht gibt es Ausgleichszahlungen? Wir werden einen Kredit brauchen. Jedenfalls muss ich das Vieh satt bekommen, sonst gibt es keine Milch. Ohne die sind wir am Ende. Vielleicht sind wir das schon? Das Wasser fließt nicht mehr überall ab. Pfützen. Innehalten. Zum Glück habe ich die Gummistiefel an. Meinen kleinen Gustav wird es freuen. Er hüpft gerne durch die Pfützen. Matschepampe.
Innehalten. Das Grollen. Ich blicke auf die Berge, besorgt. Ich habe das Geräusch schon gestern gehört. Es kommt vom Berg, von den Bergen. Ich höre es. Irgendetwas wird angeschoben. Geht voran. Genau kann ich es nicht sagen. Ich höre es. Es liegen noch viele Baumstämme herum. Die Bäume mit ihren Wurzeln haben den Berg festgehalten. Sich in ihn hineingegraben. Jetzt liegen sie da. Stumme Zeugen. Wehrlos. Wurzelballen nach oben gestreckt.
So fühle ich mich auch. Wehrlos, hilflos, wie die Bäume. Die Luna hat sich in letzter Zeit sehr verändert. Erst dachte ich, das geht wieder vorbei. Sind halt die Hormone nach der Schwangerschaft. Aber das ist es nicht. Sie sitzt die ganze Zeit am Smartphone. Schreibt ständig. Heimlich. Wenn ich sie frage, bekomme ich keine Antwort. Aber wenigstens kümmert sie sich noch um das Haus, den Kleinen und die Käserei. Hoffnung. Das ist das, was mir bleibt. Allerdings weiß ich nicht, ob sie mit mir den Kredit unterschreibt. Was mache ich, wenn sie sich scheiden lassen will? Neulich kam ein Brief. Von ihrer Bank, sie hat ihn gleich geschnappt und ist damit weggelaufen. Früher hatten wir keine Geheimnisse. Ich möchte zu gerne wissen, was sie macht. Wenn das Unwetter vorbei ist, werde ich mich um einen Babysitter kümmern, dass wir abends mal wieder ausgehen können. Vielleicht wird dann alles besser.
Vielleicht. Ich denke wieder an meinen Gustl, gehe an einem umgefallenen Baum vorbei. Gedanken fließen. Erinnerungen tröpfeln. Mein Sohn fand es spannend, einen Baum von unten zu sehen. Verstecken zu spielen im großen Geflecht. Türchen zu suchen. In Löcher zu klettern, wo einst die Bäume standen. Ihm gefiel es. Fand es schön, unbeschwert mit Gustav zu spielen. Nachher waren wir beide dreckig. Luna zog ein Gesicht wie immer. Entweder war sie depressiv oder wütend oder beides irgendwie. Eigentlich verstand er sie überhaupt nicht. Er hatte sich alles leichter vorgestellt. Nicht so schwierig. Einfacher. Gewarnt hatten sie ihn. Er, aus einer alteingesessenen Bauernfamilie, hätte jede hier im Ort haben können. Nur wollte er nicht. Angesehen war er. Für seinen Gerechtigkeitssinn. Deshalb war er Schlichter geworden. Ehrenamtlich. Sonst hatte er kein Amt. Eigentlich wollte er nicht so recht mit den Leuten. Ein Einzelgänger. Seit dem Tod seiner Eltern war er allein gewesen. Bartholomäus, einer der zwölf Apostel. „Mann ohne Falschheit“ hatte Jesus seinen Namenspatron genannt. Ich glaube, meinen Eltern hatte einfach der Name gefallen. Wobei, Mutter war immer sehr fromm gewesen. Nomen est omen. Sein Gerechtigkeitssinn war schon in der Schule legendär. Jeder Lüge, jeder Ungerechtigkeit ging er auf den Grund. Jedem Opfer half er. Er war ehrlich, fürchterlich ehrlich. Sein großer Fehler. Seine größte Gabe. Vielleicht sollte er nicht alles sagen, was er dachte. Vor allem Luna gegenüber nicht. Er war beim letzten Streit zu weit gegangen. Aber er wusste, dass es wahr ist. Sie wollte sich nie anpassen. Sie hatte sich zu wenig Mühe gegeben. Hatte die Kleinstädter belächelt. „Hinterwäldler“ hatte sie sie genannt. Die keine Ahnung vom Leben hatten. Nur weil sie keine Soja Latte kennen, heißt das nicht, dass sie nichts vom Leben wissen. Sie wurde hier aufgenommen. Nun gut. Die Leute hier taten sich immer noch schwer mit Neuankömmlingen. Die im Neubaugebiet blieben auch unter sich. Die sind nicht alle von hier. Zugezogen. Baugrundstücke erschwinglich für junge Familien. Frische Luft. Natur pur. Die Kids einfach laufen lassen. ÖPNV-Anbindung optimal. Er hatte gehofft, dass sie sich mit ihnen verstehen würde. Er war hoffnungsvoll, nachdem sie den Honorarjob in der Internetfirma angenommen hatte. Sie kamen mit ihnen in Kontakt. Eigentlich waren die Abende ganz nett. Ich hatte den Eindruck, es gefiel ihr. Nachdem Gustl auf die Welt kam, wurden die Treffen seltener. Lag auch an Corona. Lockdown. Man blieb zu Hause. Gustl spielte alleine. Sie war separiert auf dem Hof mit ihm. Ab und an ein paar Kunden. Ansonsten wurde die Ware ausgefahren. Abgestellt. Helfer. Fahrer. Bei krankheitsbedingtem Ausfall sprang einer von ihnen ein. Viel Arbeit. Wenig Leben. Alles, was ihr gefiel, fiel weg. Die Fahrt zu ihrer Freundin, wenn seine Frau es nicht mehr auf dem Hof aushielt. Dafür blieb keine Zeit mehr. Auch wegen dem Virus war es nicht ratsam. Ich hoffe, jetzt wird alles besser. Allerdings sitzt sie zu oft am Computer. Gustl kommt im Sommer in die Kita. Dann hat Luna wieder mehr Zeit für sich. Dann wird es wieder wie früher. Bestimmt. Hoffentlich. Der ewige Streit zermürbt mich. Jetzt einen Kaffee. Ich sehe schon, wie sie am Fenster steht. Einen Cent für die Gedanken, die sie hat. Stattdessen höre ich mich sagen: „Guten Morgen, Schatz. Gustl schläft noch?“ „Ja.“ „Warst du schon bei den Hühnern?“ „Nein, mache ich nachher“, sagt Luna von ganz weit weg.
Vielleicht sollte ich doch einmal mit Dr. Janke reden. Das letzte Mal, als ich ihr das vorschlug, endete damit, dass sie die Tür zuschlug und nach oben lief. Seufzend stellte er sich neben seine Frau ans Fenster. 6:55 Uhr. Der Schulbus begann seine Tour. Am Rand des Ortsteils. Gustl würde irgendwann morgens auch mal dort einsteigen, wenn er in die weiterführende Schule geht. Zur Grundschule kann er zu Fuß gehen. Genau wie ich damals.
Dr. Mark
Dieser Regen. Er macht mich noch verrückt. Ich hoffe, der Fluss tritt nicht über die Ufer. Mein neues Haus liegt ja im Neubaugebiet ziemlich weit oben. Zum Glück bin ich damals nicht auf den Makler hereingefallen, der mir die erste Lage zu überteuerten Preisen verkaufen wollte, dann hätte ich schon längst das Wasser im Keller.
Aber meine Praxis hier mit den Räumen liegt doch im unteren Teil des Städtchens. Hier könnte es uns treffen. Ich werde schon mal ein paar Sandsäcke von der Feuerwehr abholen und alle wichtigen Unterlagen, Medikamente, teuren Geräte einen Stock höher in Sicherheit bringen.
Eigentlich lief die Praxis gut an. Ich habe hier zwei Tage Sprechstunde und bin die anderen Tage im Krankenhaus, um dort dann die Operationen durchzuführen. Ich hätte nie gedacht, dass das auf dem Land so gut läuft. Allerdings hat mich neulich eine Frau so merkwürdig angeschaut, als ich aus der Praxis kam. Sie tat so, als würden wir uns sehr gut kennen. Dabei habe ich sie und ihr Kind noch nie in meinem ganzen Leben gesehen. Vielleicht hatte sie mich verwechselt.
Das Wasser am Fluss stieg weiter. Das Grollen wurde lauter. Die Natur in Aufruhr. Aufgewühlt. Zerwühlt wie ungemachte Betten.

