Die schwarz-weiße Prinzessin
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 250
ISBN: 978-3-7116-0918-2
Erscheinungsdatum: 07.04.2026
Erica Trichter, geschiedene Tischler, geborene Massaquoi, wuchs in Sierra Leone als Prinzessin auf, beherrscht die Berliner Schnauze und Hochdeutsch und sucht nach ihrer zweiten Scheidung wieder einen weißen Mann. Aber diesmal soll er ihr ebenbürtig sein.
1
Kindheit auf dem Land
Sie waren zu fünft, drei Jungen und zwei Mädchen. Der Weg nach Hause war weit. Sechs Kilometer betrug die Entfernung zur Schule im Nachbardorf. Die Straße war nicht asphaltiert. Besonders in der Trockenzeit war die Erdstraße staubig. Der Marsch in der Mittagshitze war unerträglich. Am heißesten war es im April. Die Temperaturen können auf bis zu vierzig Grad ansteigen. Dazu kam der Harmattan. Dieser Wind weht von Dezember bis März und bringt den heißen Sandstaub aus der Sahara mit. In der Regenzeit dagegen, zwischen Mai und November, fallen oft wolkenbruchartig solche Wassermassen vom Himmel, dass sich die Straße in kurzer Zeit in ein Schlammbad verwandelt. Zwar bringt der Regen Abkühlung, aber dafür liegt die Luftfeuchte bei einer Temperatur von über dreißig Grad in der Regel bei neunzig Prozent.
Sie gingen alle barfuß. Ihre breiten, flachen Füße hatten eine dicke Hornhaut. So konnten sie auch ohne Schmerzen auf kleine Steine und Äste treten. Die Kinder waren zwischen sechs und zehn Jahre alt. Rica war acht und die Größte unter ihnen. Sie war mager, hatte lange dünne Beine und große ausdrucksvolle Augen. Obwohl sie nicht die Älteste war, koordinierte sie die Gruppe. Sie gab die Kommandos. Sie achtete darauf, dass sie immer zusammenblieben. Ihre Großmutter hatte ihr eingetrichtert, dass Schlangen oft schlafend auf der Straße in der heißen Sonne liegen. Deshalb sollte sie einen langen Stock dabei haben. Auch andere Gefahren könnten auf dem Weg lauern. Männer zerren kleine Mädchen oft in den Busch, um sie zu vergewaltigen.
Man nannte sie Rica. Eigentlich hieß sie Erica. An der benachbarten Dorfschule unterrichtete ihr Onkel. Er hielt stets ein Auge auf sie und kontrollierte, ob sie regelmäßig zum Unterricht kam. Auf der anderen Seite im Heimatdorf achtete ihre Großmutter darauf, dass sie nicht die Schule schwänzte. Sie war ein fröhliches Kind. Auf dem Schulweg animierte sie ihre Mitschüler zum Singen, damit der Marsch nicht zu langweilig wurde.
Im Heimatdorf angekommen, rannte sie in Richtung Hof, um sich zu erfrischen und anschließend schnurstracks aufs Feld zu laufen, wo ihre Großmutter arbeitete.
Der Hof war eine kleine Ansammlung von einstöckigen Häusern und Hütten. Einige waren mit Zement gebaut und hatten Blechdächer, andere waren aus Holz und hatten Palmdächer und Lehmfußböden. Das größte und schönste Haus gehörte dem Chief. Gemeint war der Paramount Chief, eine Art lokaler König. Der Chief hatte mehrere Frauen und Familien. Sie lebten um ihn herum in verschiedenen Häusern. Der Chief war vor Kurzem gestorben. Nach der Verfassung des Landes musste nun aus dem Familienkreis ein Nachfolger gewählt werden. Ricas Vater war zu jung und stand ganz am Ende der Nachfolgereihe. Seine Mutter, Ricas Großmutter, war die jüngste und letzte seiner Frauen gewesen. Der Chief war Muslim und hatte mit seinen Frauen eine größere Anzahl von Söhnen und Töchtern. Wie viele es genau waren, wusste Rica nicht. Jedenfalls war einer von ihnen zum Nachfolger gewählt worden. Es war also ein Onkel väterlicherseits.
1896 wurde Sierra Leone Protektorat der britischen Kolonialregierung. Sie erkannte die Stammeshäuptlinge, auch Könige, als Paramount Chiefs an. Dieses Amt wurde innerhalb der Familien vererbt. Die Chiefs konnten Steuern erheben, Recht sprechen und Agrarland zuteilen. Auf Betreiben der Weltbank wurde dieses Amt ab 2004 auf dem Wege lokaler Wahlen vergeben. Die Kandidaten kamen aus den Paramount-Chiefdom-Familien. Die Zahl der Chiefdoms wurde 2017 von 149 auf 190 erhöht. In den fünf Provinzen des Landes gab es jeweils 2 bis 4 Distrikte mit jeweils bis zu 15 Chiefdoms. Von den 190 Paramount Chiefs ist auch jeweils ein Chief pro Distrikt im Parlament der Republik in Freetown vertreten. Die Legislative besteht aus dem Parlament. Es gibt kein Oberhaus. Das Rechtssystem besteht aus dem Obersten Gerichtshof und verschiedenen nachgeordneten Gerichten. Die Exekutive besteht aus dem direkt auf fünf Jahre gewählten Präsidenten und dem mit Billigung des Parlaments ernannten Kabinett. Der Präsident darf einmal wiedergewählt werden.
In Sierra Leone, das 1961 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen wurde, leben 60 % der Bevölkerung in Armut. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, mangelhafte Erziehung, anhaltende Korruption, ein schwaches Rechtssystem und unzulängliche Infrastruktur zeichnen dieses Land aus.
70 % der Bevölkerung sind Muslime, 30 % Christen. Die Bevölkerung setzt sich hauptsächlich aus den Völkern der Temne und der Mende zusammen. Dazu kommen die vorwiegend in Freetown lebenden rückgewanderten ehemaligen Sklaven aus der Karibik, die Maroons, sowie die eingewanderten Libanesen. In Freetown, der Hauptstadt, gibt es ein Stadtviertel namens Maroon Town.
Erica rannte gleich zur Toilette in einem Holzverschlag neben Großmutters Haus. Darin gab es eine Art Sitzbank mit zwei kreisrunden Löchern, eines für Erwachsene und ein kleineres für Kinder, jeweils mit einem Holzdeckel. Daneben stand ein Eimer mit Wasser. Nachdem man sich entleert hatte, musste man Wasser nachschütten. Großmutter hatte ihr beigebracht, gleich nach der Toilette die Hände zu waschen. Trinkwasser aus dem nahegelegenen Fluss gab es aus zwei großen Tonkrügen. Diese Krüge hielten das Wasser wunderbar frisch. Sie schöpfte sich zwei Kellen Wasser in einen Blechbecher und trank ihn hastig leer, bevor sie sich einen zweiten füllte. Danach zog sie sich um, tauschte den Rock gegen eine kurze Hose und rannte los, um die Großmutter zu suchen, draußen vor dem Dorf auf dem Feld.
Bald hatte sie ihre Granma Adama gefunden. Das Feld war sehr groß, und viele Leute arbeiteten dort. Jeder hatte sein eigenes Stück Land. Es waren meistens Frauen, die dort in gebückter Haltung ernteten, pflanzten oder die Felder säuberten. Die Frauen trugen lange bunte Röcke und manche hatten turbanartige Kopfbedeckungen. Diese geschickt um den Kopf gewickelten Tücher, so sagt man, seien muslimische Tradition. Es gab Frauen, die in ihren Wickelröcken Babys mit zur Arbeit auf die Felder genommen hatten. Es waren meist große, kräftige Frauen, die mit dieser Last in brütender Sonnenhitze noch arbeiten konnten. Eine dieser Frauen richtete sich auf, als Erica ankam, und winkte ihr zu. Es war eine ihrer vielen Kusinen. Nachdem sie Granma begrüßt hatte, rannte sie hinüber auf das andere Feld, um die ältere Kusine mit ihrem Baby Abu zu sehen. Abu hing wie ein kleiner nasser Sack zwischen Mamas Schulterblättern und schlief. Es hatte ihn nicht gestört, dass seine Mutter ihn bei der Feldarbeit wie im Schaukelstuhl hin und her schüttelte. Erica gab ihm einen Kuss auf die dicken Pausbäckchen. Der kleine Pascha schlief unberührt weiter.
Es gab auch vereinzelt Männer auf der weiten Plantage, wahrscheinlich bezahlte Arbeitskräfte.
Wenn die Dorfbewohner ihre Schulden bei den reicheren Grundeigentümern nicht bezahlen konnten, mussten sie so lange für einen Hungerlohn arbeiten, bis die Schulden getilgt waren. Früher bekamen sie als Sklaven nur kostenlose Verpflegung.
Großmutter Adama begrüßte ihre Enkelin auf Mende, eine Sprache, die man im Südwesten des Landes spricht. Rica lernte in der Schule Englisch. Sie sprach kein Krio. Dieser Dialekt wurde hauptsächlich in der Hauptstadt gesprochen.
Mende ist eine Tonsprache. Durch Veränderung der Tonhöhe ändert sich die Bedeutung des Wortes. Man kann auch sagen, es ist eine Silbensprache. Tonsprachen gibt es in vielen Teilen der Welt. In Westafrika sprechen das Volk der Mende, das in Sierra Leone und in Liberia lebt, und in Nigeria die Yorubas und Igbos eine solche Tonsprache.
Krio dagegen ist eine westafrikanische Pidgin-Englisch-Sprache. Sie ist ein Gemisch von Englisch und den afrikanischen Sprachen der aus Nordamerika und der Karibik zurückgekehrten Sklaven. Sie kennt weder Konjugationen noch Deklinationen. Krio wird vorwiegend in der Hauptstadt Freetown gesprochen.
Großmutter Adama, die jüngste Witwe des kürzlich verstorbenen Paramount Chiefs, war eine außergewöhnlich große Frau mit sehr schwarzer Hautfarbe und langen, geflochtenen Haaren, die schon einige Silberfäden zeigten. Sie musste Mitte fünfzig sein. Genau konnte man ihr Alter nicht bestimmen. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, und die Eltern haben meist so viele Kinder, dass sie oft die Geburtsdaten durcheinanderbringen. Die Geburtsjahre werden auch schon einmal zurückgerechnet. Man orientiert sich an großen Ereignissen. Wenn ein neuer Präsident ins Amt kam oder an das Jahr, in dem eine Revolution ausbrach. Man sagt, Granma, wie Rica sie nannte, und ihre Familie seien aus dem Norden gekommen. Ihre Familie habe zum Volk der Tuareg gehört. Sie war Mohammedanerin.
Neben Reis, Kaffee und Mais baute sie Tabak an. Sie hatte verschiedene Haufen Tabakblätter zusammengetragen und war gerade dabei, diese Haufen einzusammeln und auf einem großen Tuch zu stapeln, bevor sie alles zusammenband, um es dann auf dem Kopf nach Hause zu tragen.
Großmutter hatte sich aufgerichtet und umarmte ihre um einen Kopf kleinere Enkeltochter. Sie freute sich auf das Kind und zog es wie ihr eigenes auf.
Als Rica noch im Babyalter ins Dorf kam, hatte sie ihr die Brust gegeben, denn ihre Mutter Mara konnte nicht bleiben. Sie ging in die Hauptstadt zurück. Dort musste sie arbeiten.
Mara war bei der Polizei in der Hauptstadt angestellt. Ihr Mann Joseph war in der Armee. Dort hatte er seinen Vorgesetzten geohrfeigt und war rausgeflogen. Anschließend arbeitete er als Buchhalter bei einer Bergbaugesellschaft. Lange dauerte seine Anstellung dort nicht. Als die Bergbaugesellschaft in Konkurs ging, kehrte er wieder in die Hauptstadt zurück. Hier wurde er Finanzchef einer ausländischen Schifffahrtsagentur. Joseph war der jüngste Sohn der letzten Frau seines Vaters. Er war bekannt für sein explosives Temperament, aber auch für seine Großzügigkeit und seine ausgesprochene Gerechtigkeitsliebe. Wenn jemandem Unrecht widerfuhr, ergriff er sofort Partei für den Geschädigten. So war es auch, als er aus der Armee entlassen worden war. Alle hatten Respekt und Angst vor ihm.
Großmutter Adama trug einen langen bunten Rock und eine weiße ärmellose Bluse. Sie hatte kräftige Arme und große harte Hände. Ihre Gestalt war anders als die der Frauen aus der Gegend. Sie hatte nicht den großen breiten Hintern wie ihre Landesgenossinnen im Dorf. Ihre Figur war schlank und muskulös.
Zusammen gingen die beiden ins Dorf zurück, Adama mit dem großen Bündel Tabakblätter auf dem Kopf und Rica mit dem Arbeitsgerät über der Schulter. Unterwegs kamen sie an großen Laubbäumen vorbei. Granma hielt an, setzte ihr Bündel ab und zeigte Rica, wie man unter den Baumrinden nach Raupen suchte. Sie sammelte die krabbelnden Tierchen in einen Leinensack und nahm die Sammlung mit nach Hause.
Zu Hause angekommen, wurden die Tabakblätter zum Trocknen in der Sonne auf dem Tuch ausgebreitet. Dann steckte die Großmutter den im Freien liegenden, überdachten Ofen an. Rica holte dazu Reisig und Holz herbei. Noch vor der Dämmerung wollte sie die Töpfe auf dem Feuer haben, damit bei Sonnenuntergang gegessen werden konnte. Strom gab es nicht. Auch hatte die Großmutter keinen Benzin- oder Dieselgenerator. Diesen Luxus gab es erst Jahre später, als Rica schon in Europa war. Dafür hatte Adama einen eisernen Gasbehälter, auf den man einen Aufsatz schraubte, um so eine tragbare Beleuchtung für drinnen und draußen zu haben. Strom gab es übrigens nur in der Hauptstadt und da auch nur stundenweise. Über neunzig Prozent der Bevölkerung hatte keinen elektrischen Strom.
Granma hatte alles vorbereitet. Die Raupen wurden gewaschen und in einer eisernen Pfanne mit Palmöl gebraten und dann mit Süßkartoffeln vermischt. Da die Raupen, nachdem sie gewaschen worden waren, lebend ins heiße Öl in die Pfanne geschüttet worden waren, fingen sie gleich an zu hüpfen. Deshalb musste Granma einen Deckel darauflegen. Nun sprangen sie gegen den Deckel. Das ganze Spektakel dauerte nur ein paar Sekunden, bis es ruhig wurde in der Pfanne. Rica fand die Prozedur grausam. Aber sie wagte nicht, die Großmutter deshalb zu kritisieren. Nachdem sie die afrikanische Speise, meist mit Hühnerfleisch und an besonderen Tagen auch schon einmal mit Ziegen- oder Hammelfleisch, gegessen hatten, wurde alles abgewaschen und aufgeräumt. Rica war immer dabei. Manchmal kamen auch ihre Kusinen vom Hof dazu. Kusinen und Kusins gab es zuhauf.
Der Chief hatte mehr als zwanzig Frauen und insgesamt achtundvierzig lebende Kinder. Die Bedeutung eines Paramount Chiefs wuchs mit der Zahl der Kinder. Der derzeitige Staatspräsident Maada Bio z. B., der aus dem Volk der Sherbro an der Küste stammt, ist eines von fünfunddreißig Kindern seines Vaters. Oft gehen beim Zählen auch einige verloren.
Nachdem alles aufgeräumt war, bereitete Adama ihre Pfeife vor. Ein Riesenholztopf, wie Rica fand, mit einem langen Rohr daran. Sie rauchte ihren eigenen Tabak und zog genüsslich am Rohr. Obwohl sie Muslimin war, gönnte sie sich ab und zu einen Becher Palmwein.
Morgen war ein wichtiger Tag. Es war Freitag, der Tag des muslimischen Freitagsgebets. Muslim bedeutet so viel wie „wohlbehalten“. Der Prophet Mohammed hatte den Freitag zum Tag der Versammlung bestimmt. Die Juden hatten den Shabat, den siebten Tag, an dem Gott nach Schaffung der Erde ruhte. Die Christen wählten den Sonntag als Ruhetag, an dem Jesus auferstanden war.
Obwohl das Ereignis eigentlich nur für Männer bestimmt war, wurden Frauen zum Gottesdienst zugelassen. Großmutter nutzte die Gelegenheit zum Gang in die Moschee, um dort zu beten und die Predigt des Imam zu hören. Sie nahm Rica mit. Gebetet und gepredigt wurde in Mende. Für Rica war dieses Freitagsgebet eine aufregende Angelegenheit. Es nahmen vorwiegend Männer teil. Man musste sich zweimal, statt wie sonst unter der Woche viermal, beim Gebet verbeugen.
Am Samstag war schulfrei. Sie spielte Fußball mit den Dorfjungen. Als Torhüterin, wofuer sie aufgrund ihrer Körpergröße gut geeignet war, wurde sie eine gefragte Mitspielerin.
Am Sonntag ging sie morgens zur Methodistenkirche. Die Kirche lag gleich neben der Moschee. Ihre Mutter Mara war Christin. Maras Vater war Pfarrer in der Methodistenkirche. Sie war im Nachbardorf geboren, wo heute noch einer ihrer Brüder, Onkel Charles, die Pfarrgemeinde leitet.
Onkel Charles hielt jeden Sonntag den Zehnuhrgottesdienst ab. Er war mit einem uralten Landrover herübergekommen und hatte Rica abgeholt. Sie war fein herausgeputzt, trug ein weißes Leinenkleid und weiße Kniestrümpfe und schwarze Schuhe, ein Weihnachtsgeschenk ihres Vaters. Die Schuhe waren ihr leider zu groß. Trotzdem war sie stolz auf dieses außergewöhnliche Geschenk. Der Vater hatte sie schon im Voraus gekauft, damit sie hineinwachsen konnte. Rennen konnte sie damit nicht. Sie musste langsam und kontrolliert auftreten, um nicht hinzufallen. Sie ließ sich nicht anmerken, dass sie drei Nummern zu groß waren. Sie hatte in die Schuhspitzen Papier gestopft, um besseren Halt zu bekommen. Keines der Mädchen im Dorf trug solche eleganten Schuhe. Sie waren aus England importiert.
Der Onkel war ein feuriger Prediger. Er beschwor die Zuhörer, gottesfürchtig zu sein und die zehn Gebote Moses zu befolgen. Die Männer und Frauen hielt er an, ihre Ehepartner nicht zu betrügen. Er wetterte von der kleinen Kanzel gegen die Vielweiberei, die Medizinmänner, Geisterbeschwörer und Voodoo-Anhänger. Es war nicht zu erkennen, ob die Zuhörer alles ernst nahmen. Natürlich gab es Dorfbewohner, die zu den Geheimgesellschaften gehörten. Die Mitglieder der Männergesellschaft Poro und der Frauengesellschaft Bundu überhörten ganz einfach alles, was der Prediger über sie sagte. Den Abschluss des Gottesdienstes bildete der Chor. Rica war Mitglied. Es war ihr Auftritt. Ihre Stimme war deutlich zu hören.
Rica erinnert sich noch, was ihre Großmutter ihr über die Bedeutung der Geheimbünde erzählt hatte. Die Bünde beschützen das Wissen der Dorfgemeinschaften zur Weitergabe an die nächsten Generationen. Sie fördern das Zusammenhalten der Gemeinschaft zum Schutz des Trinkwassers, zur Pflege der Medizin und zur Erhaltung der Gesundheit sowie zur Entwicklung der Arbeit auf dem Felde mit dem Ziel, die Nahrungsmittelproduktion für die Gemeinschaft zu garantieren.
Wenn der Poro-Teufel auf dem Dorfplatz auftrat zum Tanz, war es den Frauen verboten, aus dem Haus zu gehen. Wenn eine Frau oder ein Mädchen erwischt wurde, war sie nach der Poro-Tradition vogelfrei. Man fing sie und verschleppte sie in den Busch. Die Männer im Dorf durften sie vergewaltigen. Damit war sie in der Gemeinschaft gebranntmarkt. Rica war begierig darauf, in irgendeiner Weise einen Blick auf den vermummten Teufel zu werfen, der bei immer lauter werdender Musik tanzte und Luftsprünge vollführte. Man sagte, der Teufel könne im Tanz in der Luft stehen. Großmutter Adama zog sie am Halskragen in das Haus hinein, damit ihr nichts passierte.
Die Geheimbundtradition kam mit ihrem Volk der Mende, die als Kriegervolk einst aus dem benachbarten Liberia vor ca. dreihundert Jahren in den Südwesten Sierra Leones eingewandert waren. Sie und die Temne rebellierten gegen die britischen Kolonialherren, töteten die aus der Sklaverei rückgewanderten Krios, die mit den Engländern kooperierten, und schlachteten die christlichen Missionare der amerikanischen Missionsbewegung UBC ab. Sie wehrten sich gegen die von den Engländern verfügte Einführung der Haussteuer, gegen das Verbot des Kannibalismus, gegen das Verbot der Geheimbünde. Ihr bewaffneter Aufstand wurde von der britischen Besatzung blutig niedergeschlagen. Das alles ereignete sich vor mehr als zweihundert Jahren.
Rica war inzwischen acht geworden. Eines Tages klagte sie ihrer Großmutter über Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Ihr war auch schlecht geworden beim Unterricht in der Dorfschule. Großmutter hatte große Erfahrung mit Kinderkrankheiten, schließlich hatte sie eine größere Anzahl von Kindern und Enkeln großgezogen. Rica musste sich vor ihr ausziehen. Großmutter tastete ihren ganzen Körper ab und fragte immer wieder, ob ihr etwas wehtue. Alles schien in Ordnung. Zum Schluss kam der Kopf dran. Auf die Frage, ob sie etwas am Kopf spüre, meinte Rica, es täte nichts weh, aber es jucke an einer Stelle immer wieder. Und sie zeigte Großmutter, wo die Stelle war. Nun war alles klar. Ein Wurm hatte sich in die Kopfhaut eingefressen und seinen Weg ins Innere des Kopfes angetreten. Auch hierfür hatte Großmutter ein Mittel. Sie rieb die Stelle des kleinen Loches mit Palmöl ein. Es dauerte nicht lange, da kam der Kopf des Wurms heraus. Er war durch das süße Öl angelockt worden. Im Nu hatte Großmutter das kleine Biest mit spitzen Fingern gefasst und zog es langsam aus dem Kopf heraus. Danach wurde die Stelle mit einer heilenden Salbe, die sie selbst zubereitet hatte, versorgt. Nach ein paar Tagen war an der Stelle des Lochs nur noch eine kleine Kruste zu sehen.
Eine ganz besondere Kindheitserinnerung blieb Rica erhalten. Es war die des Dorfrufers. Die Engländer nannten ihn town crier. Dieser Mann ging einmal in der Woche durchs Dorf, gleich morgens nach Sonnenaufgang. Vor dem Bauch hatte er einen trommelartigen großen Aluminiumtopf. Mit einem Holzknüppel hieb er darauf ein und rief die Männer des Dorfs im Auftrag des Chiefs zu einer Versammlung auf. Die Männer sollten eine Stunde vor Sonnenuntergang zusammenkommen. In der Versammlung wurden erst die dem Chief von der Landesverfassung übertragenen Aufgaben behandelt.
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Kindheit auf dem Land
Sie waren zu fünft, drei Jungen und zwei Mädchen. Der Weg nach Hause war weit. Sechs Kilometer betrug die Entfernung zur Schule im Nachbardorf. Die Straße war nicht asphaltiert. Besonders in der Trockenzeit war die Erdstraße staubig. Der Marsch in der Mittagshitze war unerträglich. Am heißesten war es im April. Die Temperaturen können auf bis zu vierzig Grad ansteigen. Dazu kam der Harmattan. Dieser Wind weht von Dezember bis März und bringt den heißen Sandstaub aus der Sahara mit. In der Regenzeit dagegen, zwischen Mai und November, fallen oft wolkenbruchartig solche Wassermassen vom Himmel, dass sich die Straße in kurzer Zeit in ein Schlammbad verwandelt. Zwar bringt der Regen Abkühlung, aber dafür liegt die Luftfeuchte bei einer Temperatur von über dreißig Grad in der Regel bei neunzig Prozent.
Sie gingen alle barfuß. Ihre breiten, flachen Füße hatten eine dicke Hornhaut. So konnten sie auch ohne Schmerzen auf kleine Steine und Äste treten. Die Kinder waren zwischen sechs und zehn Jahre alt. Rica war acht und die Größte unter ihnen. Sie war mager, hatte lange dünne Beine und große ausdrucksvolle Augen. Obwohl sie nicht die Älteste war, koordinierte sie die Gruppe. Sie gab die Kommandos. Sie achtete darauf, dass sie immer zusammenblieben. Ihre Großmutter hatte ihr eingetrichtert, dass Schlangen oft schlafend auf der Straße in der heißen Sonne liegen. Deshalb sollte sie einen langen Stock dabei haben. Auch andere Gefahren könnten auf dem Weg lauern. Männer zerren kleine Mädchen oft in den Busch, um sie zu vergewaltigen.
Man nannte sie Rica. Eigentlich hieß sie Erica. An der benachbarten Dorfschule unterrichtete ihr Onkel. Er hielt stets ein Auge auf sie und kontrollierte, ob sie regelmäßig zum Unterricht kam. Auf der anderen Seite im Heimatdorf achtete ihre Großmutter darauf, dass sie nicht die Schule schwänzte. Sie war ein fröhliches Kind. Auf dem Schulweg animierte sie ihre Mitschüler zum Singen, damit der Marsch nicht zu langweilig wurde.
Im Heimatdorf angekommen, rannte sie in Richtung Hof, um sich zu erfrischen und anschließend schnurstracks aufs Feld zu laufen, wo ihre Großmutter arbeitete.
Der Hof war eine kleine Ansammlung von einstöckigen Häusern und Hütten. Einige waren mit Zement gebaut und hatten Blechdächer, andere waren aus Holz und hatten Palmdächer und Lehmfußböden. Das größte und schönste Haus gehörte dem Chief. Gemeint war der Paramount Chief, eine Art lokaler König. Der Chief hatte mehrere Frauen und Familien. Sie lebten um ihn herum in verschiedenen Häusern. Der Chief war vor Kurzem gestorben. Nach der Verfassung des Landes musste nun aus dem Familienkreis ein Nachfolger gewählt werden. Ricas Vater war zu jung und stand ganz am Ende der Nachfolgereihe. Seine Mutter, Ricas Großmutter, war die jüngste und letzte seiner Frauen gewesen. Der Chief war Muslim und hatte mit seinen Frauen eine größere Anzahl von Söhnen und Töchtern. Wie viele es genau waren, wusste Rica nicht. Jedenfalls war einer von ihnen zum Nachfolger gewählt worden. Es war also ein Onkel väterlicherseits.
1896 wurde Sierra Leone Protektorat der britischen Kolonialregierung. Sie erkannte die Stammeshäuptlinge, auch Könige, als Paramount Chiefs an. Dieses Amt wurde innerhalb der Familien vererbt. Die Chiefs konnten Steuern erheben, Recht sprechen und Agrarland zuteilen. Auf Betreiben der Weltbank wurde dieses Amt ab 2004 auf dem Wege lokaler Wahlen vergeben. Die Kandidaten kamen aus den Paramount-Chiefdom-Familien. Die Zahl der Chiefdoms wurde 2017 von 149 auf 190 erhöht. In den fünf Provinzen des Landes gab es jeweils 2 bis 4 Distrikte mit jeweils bis zu 15 Chiefdoms. Von den 190 Paramount Chiefs ist auch jeweils ein Chief pro Distrikt im Parlament der Republik in Freetown vertreten. Die Legislative besteht aus dem Parlament. Es gibt kein Oberhaus. Das Rechtssystem besteht aus dem Obersten Gerichtshof und verschiedenen nachgeordneten Gerichten. Die Exekutive besteht aus dem direkt auf fünf Jahre gewählten Präsidenten und dem mit Billigung des Parlaments ernannten Kabinett. Der Präsident darf einmal wiedergewählt werden.
In Sierra Leone, das 1961 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen wurde, leben 60 % der Bevölkerung in Armut. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, mangelhafte Erziehung, anhaltende Korruption, ein schwaches Rechtssystem und unzulängliche Infrastruktur zeichnen dieses Land aus.
70 % der Bevölkerung sind Muslime, 30 % Christen. Die Bevölkerung setzt sich hauptsächlich aus den Völkern der Temne und der Mende zusammen. Dazu kommen die vorwiegend in Freetown lebenden rückgewanderten ehemaligen Sklaven aus der Karibik, die Maroons, sowie die eingewanderten Libanesen. In Freetown, der Hauptstadt, gibt es ein Stadtviertel namens Maroon Town.
Erica rannte gleich zur Toilette in einem Holzverschlag neben Großmutters Haus. Darin gab es eine Art Sitzbank mit zwei kreisrunden Löchern, eines für Erwachsene und ein kleineres für Kinder, jeweils mit einem Holzdeckel. Daneben stand ein Eimer mit Wasser. Nachdem man sich entleert hatte, musste man Wasser nachschütten. Großmutter hatte ihr beigebracht, gleich nach der Toilette die Hände zu waschen. Trinkwasser aus dem nahegelegenen Fluss gab es aus zwei großen Tonkrügen. Diese Krüge hielten das Wasser wunderbar frisch. Sie schöpfte sich zwei Kellen Wasser in einen Blechbecher und trank ihn hastig leer, bevor sie sich einen zweiten füllte. Danach zog sie sich um, tauschte den Rock gegen eine kurze Hose und rannte los, um die Großmutter zu suchen, draußen vor dem Dorf auf dem Feld.
Bald hatte sie ihre Granma Adama gefunden. Das Feld war sehr groß, und viele Leute arbeiteten dort. Jeder hatte sein eigenes Stück Land. Es waren meistens Frauen, die dort in gebückter Haltung ernteten, pflanzten oder die Felder säuberten. Die Frauen trugen lange bunte Röcke und manche hatten turbanartige Kopfbedeckungen. Diese geschickt um den Kopf gewickelten Tücher, so sagt man, seien muslimische Tradition. Es gab Frauen, die in ihren Wickelröcken Babys mit zur Arbeit auf die Felder genommen hatten. Es waren meist große, kräftige Frauen, die mit dieser Last in brütender Sonnenhitze noch arbeiten konnten. Eine dieser Frauen richtete sich auf, als Erica ankam, und winkte ihr zu. Es war eine ihrer vielen Kusinen. Nachdem sie Granma begrüßt hatte, rannte sie hinüber auf das andere Feld, um die ältere Kusine mit ihrem Baby Abu zu sehen. Abu hing wie ein kleiner nasser Sack zwischen Mamas Schulterblättern und schlief. Es hatte ihn nicht gestört, dass seine Mutter ihn bei der Feldarbeit wie im Schaukelstuhl hin und her schüttelte. Erica gab ihm einen Kuss auf die dicken Pausbäckchen. Der kleine Pascha schlief unberührt weiter.
Es gab auch vereinzelt Männer auf der weiten Plantage, wahrscheinlich bezahlte Arbeitskräfte.
Wenn die Dorfbewohner ihre Schulden bei den reicheren Grundeigentümern nicht bezahlen konnten, mussten sie so lange für einen Hungerlohn arbeiten, bis die Schulden getilgt waren. Früher bekamen sie als Sklaven nur kostenlose Verpflegung.
Großmutter Adama begrüßte ihre Enkelin auf Mende, eine Sprache, die man im Südwesten des Landes spricht. Rica lernte in der Schule Englisch. Sie sprach kein Krio. Dieser Dialekt wurde hauptsächlich in der Hauptstadt gesprochen.
Mende ist eine Tonsprache. Durch Veränderung der Tonhöhe ändert sich die Bedeutung des Wortes. Man kann auch sagen, es ist eine Silbensprache. Tonsprachen gibt es in vielen Teilen der Welt. In Westafrika sprechen das Volk der Mende, das in Sierra Leone und in Liberia lebt, und in Nigeria die Yorubas und Igbos eine solche Tonsprache.
Krio dagegen ist eine westafrikanische Pidgin-Englisch-Sprache. Sie ist ein Gemisch von Englisch und den afrikanischen Sprachen der aus Nordamerika und der Karibik zurückgekehrten Sklaven. Sie kennt weder Konjugationen noch Deklinationen. Krio wird vorwiegend in der Hauptstadt Freetown gesprochen.
Großmutter Adama, die jüngste Witwe des kürzlich verstorbenen Paramount Chiefs, war eine außergewöhnlich große Frau mit sehr schwarzer Hautfarbe und langen, geflochtenen Haaren, die schon einige Silberfäden zeigten. Sie musste Mitte fünfzig sein. Genau konnte man ihr Alter nicht bestimmen. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, und die Eltern haben meist so viele Kinder, dass sie oft die Geburtsdaten durcheinanderbringen. Die Geburtsjahre werden auch schon einmal zurückgerechnet. Man orientiert sich an großen Ereignissen. Wenn ein neuer Präsident ins Amt kam oder an das Jahr, in dem eine Revolution ausbrach. Man sagt, Granma, wie Rica sie nannte, und ihre Familie seien aus dem Norden gekommen. Ihre Familie habe zum Volk der Tuareg gehört. Sie war Mohammedanerin.
Neben Reis, Kaffee und Mais baute sie Tabak an. Sie hatte verschiedene Haufen Tabakblätter zusammengetragen und war gerade dabei, diese Haufen einzusammeln und auf einem großen Tuch zu stapeln, bevor sie alles zusammenband, um es dann auf dem Kopf nach Hause zu tragen.
Großmutter hatte sich aufgerichtet und umarmte ihre um einen Kopf kleinere Enkeltochter. Sie freute sich auf das Kind und zog es wie ihr eigenes auf.
Als Rica noch im Babyalter ins Dorf kam, hatte sie ihr die Brust gegeben, denn ihre Mutter Mara konnte nicht bleiben. Sie ging in die Hauptstadt zurück. Dort musste sie arbeiten.
Mara war bei der Polizei in der Hauptstadt angestellt. Ihr Mann Joseph war in der Armee. Dort hatte er seinen Vorgesetzten geohrfeigt und war rausgeflogen. Anschließend arbeitete er als Buchhalter bei einer Bergbaugesellschaft. Lange dauerte seine Anstellung dort nicht. Als die Bergbaugesellschaft in Konkurs ging, kehrte er wieder in die Hauptstadt zurück. Hier wurde er Finanzchef einer ausländischen Schifffahrtsagentur. Joseph war der jüngste Sohn der letzten Frau seines Vaters. Er war bekannt für sein explosives Temperament, aber auch für seine Großzügigkeit und seine ausgesprochene Gerechtigkeitsliebe. Wenn jemandem Unrecht widerfuhr, ergriff er sofort Partei für den Geschädigten. So war es auch, als er aus der Armee entlassen worden war. Alle hatten Respekt und Angst vor ihm.
Großmutter Adama trug einen langen bunten Rock und eine weiße ärmellose Bluse. Sie hatte kräftige Arme und große harte Hände. Ihre Gestalt war anders als die der Frauen aus der Gegend. Sie hatte nicht den großen breiten Hintern wie ihre Landesgenossinnen im Dorf. Ihre Figur war schlank und muskulös.
Zusammen gingen die beiden ins Dorf zurück, Adama mit dem großen Bündel Tabakblätter auf dem Kopf und Rica mit dem Arbeitsgerät über der Schulter. Unterwegs kamen sie an großen Laubbäumen vorbei. Granma hielt an, setzte ihr Bündel ab und zeigte Rica, wie man unter den Baumrinden nach Raupen suchte. Sie sammelte die krabbelnden Tierchen in einen Leinensack und nahm die Sammlung mit nach Hause.
Zu Hause angekommen, wurden die Tabakblätter zum Trocknen in der Sonne auf dem Tuch ausgebreitet. Dann steckte die Großmutter den im Freien liegenden, überdachten Ofen an. Rica holte dazu Reisig und Holz herbei. Noch vor der Dämmerung wollte sie die Töpfe auf dem Feuer haben, damit bei Sonnenuntergang gegessen werden konnte. Strom gab es nicht. Auch hatte die Großmutter keinen Benzin- oder Dieselgenerator. Diesen Luxus gab es erst Jahre später, als Rica schon in Europa war. Dafür hatte Adama einen eisernen Gasbehälter, auf den man einen Aufsatz schraubte, um so eine tragbare Beleuchtung für drinnen und draußen zu haben. Strom gab es übrigens nur in der Hauptstadt und da auch nur stundenweise. Über neunzig Prozent der Bevölkerung hatte keinen elektrischen Strom.
Granma hatte alles vorbereitet. Die Raupen wurden gewaschen und in einer eisernen Pfanne mit Palmöl gebraten und dann mit Süßkartoffeln vermischt. Da die Raupen, nachdem sie gewaschen worden waren, lebend ins heiße Öl in die Pfanne geschüttet worden waren, fingen sie gleich an zu hüpfen. Deshalb musste Granma einen Deckel darauflegen. Nun sprangen sie gegen den Deckel. Das ganze Spektakel dauerte nur ein paar Sekunden, bis es ruhig wurde in der Pfanne. Rica fand die Prozedur grausam. Aber sie wagte nicht, die Großmutter deshalb zu kritisieren. Nachdem sie die afrikanische Speise, meist mit Hühnerfleisch und an besonderen Tagen auch schon einmal mit Ziegen- oder Hammelfleisch, gegessen hatten, wurde alles abgewaschen und aufgeräumt. Rica war immer dabei. Manchmal kamen auch ihre Kusinen vom Hof dazu. Kusinen und Kusins gab es zuhauf.
Der Chief hatte mehr als zwanzig Frauen und insgesamt achtundvierzig lebende Kinder. Die Bedeutung eines Paramount Chiefs wuchs mit der Zahl der Kinder. Der derzeitige Staatspräsident Maada Bio z. B., der aus dem Volk der Sherbro an der Küste stammt, ist eines von fünfunddreißig Kindern seines Vaters. Oft gehen beim Zählen auch einige verloren.
Nachdem alles aufgeräumt war, bereitete Adama ihre Pfeife vor. Ein Riesenholztopf, wie Rica fand, mit einem langen Rohr daran. Sie rauchte ihren eigenen Tabak und zog genüsslich am Rohr. Obwohl sie Muslimin war, gönnte sie sich ab und zu einen Becher Palmwein.
Morgen war ein wichtiger Tag. Es war Freitag, der Tag des muslimischen Freitagsgebets. Muslim bedeutet so viel wie „wohlbehalten“. Der Prophet Mohammed hatte den Freitag zum Tag der Versammlung bestimmt. Die Juden hatten den Shabat, den siebten Tag, an dem Gott nach Schaffung der Erde ruhte. Die Christen wählten den Sonntag als Ruhetag, an dem Jesus auferstanden war.
Obwohl das Ereignis eigentlich nur für Männer bestimmt war, wurden Frauen zum Gottesdienst zugelassen. Großmutter nutzte die Gelegenheit zum Gang in die Moschee, um dort zu beten und die Predigt des Imam zu hören. Sie nahm Rica mit. Gebetet und gepredigt wurde in Mende. Für Rica war dieses Freitagsgebet eine aufregende Angelegenheit. Es nahmen vorwiegend Männer teil. Man musste sich zweimal, statt wie sonst unter der Woche viermal, beim Gebet verbeugen.
Am Samstag war schulfrei. Sie spielte Fußball mit den Dorfjungen. Als Torhüterin, wofuer sie aufgrund ihrer Körpergröße gut geeignet war, wurde sie eine gefragte Mitspielerin.
Am Sonntag ging sie morgens zur Methodistenkirche. Die Kirche lag gleich neben der Moschee. Ihre Mutter Mara war Christin. Maras Vater war Pfarrer in der Methodistenkirche. Sie war im Nachbardorf geboren, wo heute noch einer ihrer Brüder, Onkel Charles, die Pfarrgemeinde leitet.
Onkel Charles hielt jeden Sonntag den Zehnuhrgottesdienst ab. Er war mit einem uralten Landrover herübergekommen und hatte Rica abgeholt. Sie war fein herausgeputzt, trug ein weißes Leinenkleid und weiße Kniestrümpfe und schwarze Schuhe, ein Weihnachtsgeschenk ihres Vaters. Die Schuhe waren ihr leider zu groß. Trotzdem war sie stolz auf dieses außergewöhnliche Geschenk. Der Vater hatte sie schon im Voraus gekauft, damit sie hineinwachsen konnte. Rennen konnte sie damit nicht. Sie musste langsam und kontrolliert auftreten, um nicht hinzufallen. Sie ließ sich nicht anmerken, dass sie drei Nummern zu groß waren. Sie hatte in die Schuhspitzen Papier gestopft, um besseren Halt zu bekommen. Keines der Mädchen im Dorf trug solche eleganten Schuhe. Sie waren aus England importiert.
Der Onkel war ein feuriger Prediger. Er beschwor die Zuhörer, gottesfürchtig zu sein und die zehn Gebote Moses zu befolgen. Die Männer und Frauen hielt er an, ihre Ehepartner nicht zu betrügen. Er wetterte von der kleinen Kanzel gegen die Vielweiberei, die Medizinmänner, Geisterbeschwörer und Voodoo-Anhänger. Es war nicht zu erkennen, ob die Zuhörer alles ernst nahmen. Natürlich gab es Dorfbewohner, die zu den Geheimgesellschaften gehörten. Die Mitglieder der Männergesellschaft Poro und der Frauengesellschaft Bundu überhörten ganz einfach alles, was der Prediger über sie sagte. Den Abschluss des Gottesdienstes bildete der Chor. Rica war Mitglied. Es war ihr Auftritt. Ihre Stimme war deutlich zu hören.
Rica erinnert sich noch, was ihre Großmutter ihr über die Bedeutung der Geheimbünde erzählt hatte. Die Bünde beschützen das Wissen der Dorfgemeinschaften zur Weitergabe an die nächsten Generationen. Sie fördern das Zusammenhalten der Gemeinschaft zum Schutz des Trinkwassers, zur Pflege der Medizin und zur Erhaltung der Gesundheit sowie zur Entwicklung der Arbeit auf dem Felde mit dem Ziel, die Nahrungsmittelproduktion für die Gemeinschaft zu garantieren.
Wenn der Poro-Teufel auf dem Dorfplatz auftrat zum Tanz, war es den Frauen verboten, aus dem Haus zu gehen. Wenn eine Frau oder ein Mädchen erwischt wurde, war sie nach der Poro-Tradition vogelfrei. Man fing sie und verschleppte sie in den Busch. Die Männer im Dorf durften sie vergewaltigen. Damit war sie in der Gemeinschaft gebranntmarkt. Rica war begierig darauf, in irgendeiner Weise einen Blick auf den vermummten Teufel zu werfen, der bei immer lauter werdender Musik tanzte und Luftsprünge vollführte. Man sagte, der Teufel könne im Tanz in der Luft stehen. Großmutter Adama zog sie am Halskragen in das Haus hinein, damit ihr nichts passierte.
Die Geheimbundtradition kam mit ihrem Volk der Mende, die als Kriegervolk einst aus dem benachbarten Liberia vor ca. dreihundert Jahren in den Südwesten Sierra Leones eingewandert waren. Sie und die Temne rebellierten gegen die britischen Kolonialherren, töteten die aus der Sklaverei rückgewanderten Krios, die mit den Engländern kooperierten, und schlachteten die christlichen Missionare der amerikanischen Missionsbewegung UBC ab. Sie wehrten sich gegen die von den Engländern verfügte Einführung der Haussteuer, gegen das Verbot des Kannibalismus, gegen das Verbot der Geheimbünde. Ihr bewaffneter Aufstand wurde von der britischen Besatzung blutig niedergeschlagen. Das alles ereignete sich vor mehr als zweihundert Jahren.
Rica war inzwischen acht geworden. Eines Tages klagte sie ihrer Großmutter über Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Ihr war auch schlecht geworden beim Unterricht in der Dorfschule. Großmutter hatte große Erfahrung mit Kinderkrankheiten, schließlich hatte sie eine größere Anzahl von Kindern und Enkeln großgezogen. Rica musste sich vor ihr ausziehen. Großmutter tastete ihren ganzen Körper ab und fragte immer wieder, ob ihr etwas wehtue. Alles schien in Ordnung. Zum Schluss kam der Kopf dran. Auf die Frage, ob sie etwas am Kopf spüre, meinte Rica, es täte nichts weh, aber es jucke an einer Stelle immer wieder. Und sie zeigte Großmutter, wo die Stelle war. Nun war alles klar. Ein Wurm hatte sich in die Kopfhaut eingefressen und seinen Weg ins Innere des Kopfes angetreten. Auch hierfür hatte Großmutter ein Mittel. Sie rieb die Stelle des kleinen Loches mit Palmöl ein. Es dauerte nicht lange, da kam der Kopf des Wurms heraus. Er war durch das süße Öl angelockt worden. Im Nu hatte Großmutter das kleine Biest mit spitzen Fingern gefasst und zog es langsam aus dem Kopf heraus. Danach wurde die Stelle mit einer heilenden Salbe, die sie selbst zubereitet hatte, versorgt. Nach ein paar Tagen war an der Stelle des Lochs nur noch eine kleine Kruste zu sehen.
Eine ganz besondere Kindheitserinnerung blieb Rica erhalten. Es war die des Dorfrufers. Die Engländer nannten ihn town crier. Dieser Mann ging einmal in der Woche durchs Dorf, gleich morgens nach Sonnenaufgang. Vor dem Bauch hatte er einen trommelartigen großen Aluminiumtopf. Mit einem Holzknüppel hieb er darauf ein und rief die Männer des Dorfs im Auftrag des Chiefs zu einer Versammlung auf. Die Männer sollten eine Stunde vor Sonnenuntergang zusammenkommen. In der Versammlung wurden erst die dem Chief von der Landesverfassung übertragenen Aufgaben behandelt.
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