Die Schönheit der inneren Welt
Eine Reise
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 96
ISBN: 978-3-7116-0085-1
Erscheinungsdatum: 27.11.2024
Lisa ist seit drei Jahren in einer Beziehung mit Tom, doch dann überschreitet er eine Grenze und begeht diesen einen Verrat, den sie ihm niemals verzeihen kann. Sie muss flüchten …Doch auf der anderen Seite der Welt wartet ein ganz anderes Abenteuer auf sie.
Prolog
Als Lisa noch ein kleines Mädchen war, hatte sie noch eine ganz andere Vorstellung davon, wie es wohl war, erwachsen zu sein. Sie dachte, als Erwachsene wäre sie frei und selbstbestimmt. Das Leben wäre aufregend und lebendig. Sie war in ihrer Vorstellung jedoch auch mutiger und selbstbewusster gewesen. Und vielleicht war genau das das Problem!
Teil 1
1. Wie sie eben so lebte
Es war Montagmorgen. Mit dem Kaffee in der Hand war Lisa auf dem Weg zur Arbeit. Es war kalt geworden. Der November hatte einen Temperatursturz mit sich gebracht und München war nass, grau und windig an diesem Morgen. Ihr kam es so vor, als wäre es eben noch Sommer gewesen. Gerade noch hatte sie im See gebadet und ihr Eis im Strandbad gegessen, und nun hatte sie bereits ihren dicken blauen Daunenmantel aus dem Schrank gezogen. Sie hatte den Schal vergessen und die kalte Luft kroch von oben in ihren Mantel. Wie sie das hasste. Sie zog die Schultern nach oben und beschleunigte das Tempo.
Es war nicht weit von ihrer Wohnung bis zum Büro und eigentlich mochte sie den kurzen Spaziergang. Er war genau richtig, um sich mental auf den Arbeitstag vorzubereiten oder nach der Arbeit den Kopf freizubekommen. Der Weg führte sie vorbei an einigen kleinen Läden, wunderschönen Altbauten und ihrem Lieblingskiosk, an dem sie sich ab und an eine Zeitschrift mitnahm. Im Sommer setzte sie sich manchmal auf eine Parkbank neben dem Kiosk und beobachtete die Menschen, die vorbeiliefen. Alle schienen immer so in Eile zu sein. Bei Regen aber verfluchte sie diesen Weg. Sie verstand die Leute nicht, die Dinge sagten wie: »Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.« Regen war für sie Regen und sie konnte dem absolut nichts abgewinnen.
Im Büro angekommen, zog Lisa den nassen Mantel aus und hing ihn an einen Kleiderhaken im Eingangsbereich. Sie strich sich ihre langen blonden Haare aus dem Gesicht, zupfte ihre Kleidung zurecht und atmete noch mal tief durch. Eine weitere lange Arbeitswoche lag vor ihr. Lisa öffnete die doppelflügelige Glastür zum Großraumbüro. Die Luft war warm und trocken. Sie spürte, wie sich ihre Schultern in der Wärme langsam wieder entspannten. Es herrschte schon ein wildes Treiben im Büro. Ganz eifrig saßen einige ihrer Kollegen vor ihren Laptops und Lisa wusste, sie waren mindestens bereits bei der zweiten Tasse Kaffee. Lisa erinnerte das immer an ihre Anfangszeit als Junior Consultant, als sie vor vier Jahren frisch von der Uni in dieser Firma eingestellt worden war. Personalvermittlung war ein harter Vertriebsjob und man musste viel Zeit und Energie investieren, um einen stabilen Kundenstamm aufzubauen. Mittlerweile war sie zu einem Senior Consultant aufgestiegen und konnte den Tag ein bisschen ruhiger angehen lassen. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nicht mehr den gleichen Drive wie noch zu Beginn, als sie der Welt beweisen wollte, was sie konnte. Sie stellte ihre Tasche kurz an ihrem Schreibtisch ab, startete den Computer und machte sich auf den Weg in die kleine Teeküche am Ende des Raumes. Wie jeden Montag wollte sie zuerst ihre Lieblingskollegin Nancy begrüßen.
Nancy und Lisa hatten damals gemeinsam als Junior Consultant bei Elverest Consulting begonnen. Während des Onboarding-Kurses hielt Lisa Nancy für extrem anstrengend. Sie war laut, stellte Unmengen von Fragen und war in vielen Dingen eher das Gegenteil von Lisa. In den ersten Wochen im Job freundeten sie sich jedoch an. Nancy schätzte, dass Lisa ihr immer gut zuredete, wenn es nicht so lief. Sie hatte das in ihrer vorherigen Firma ganz anders kennengelernt. Sie war sehr temperamentvoll, hatte das Herz jedoch am rechten Fleck. Lisa wusste Nancy zu besänftigen und so profitierte sie von Nancys Erfahrung, während die wiederum Lisa vor unnötigen Eskalationen bewahrte. So lief es sehr gut.
Jeden Montagmorgen wurde dann erst mal der neueste Tratsch vom Wochenende ausgetauscht. Nancy war in einer fortwährenden On-off-Beziehung mit Leo, was immer für ein wenig Drama gut war. Auch dieses Wochenende hatte es wieder gehörig Zoff gegeben und Nancy war zum wiederholten Male bei ihm ausgezogen. Es waren immer nur Kleinigkeiten, aber irgendwie war es meistens trotzdem hochexplosiv.
Lisa kannte dieses Verhalten mittlerweile nur zu gut und beendete das montagmorgendliche Tratsch-Update mit einem kleinen »Ach Nancy-Maus!«. Damit war alles gesagt. Sie hatten in den letzten Jahren viele Stunden damit zugebracht, die Geschehnisse bis ins kleinste Detail zu filetieren und jeden Satz von ihr und Leo zu analysieren. Geändert hatte sich dadurch aber nichts. Immer wieder steckte sie in derselben Situation. Warum gab es hier keinen Ausweg?
Lisa erkannte sich selbst darin wieder. Nicht in den emotionalen Ausbrüchen, aber in den immer wiederkehrenden Situationen, die sie unglücklich machten. Mit ihrem Freund Tom war Lisa nun seit gut drei Jahren zusammen. Anfänglich hatte sie noch im siebten Himmel geschwebt, doch dann hatte es sich irgendwie ins Gegenteil gekehrt. Warum wusste sie nicht. Tom war grob zu ihr und anstatt sich zu wehren und auszubrechen, verfolgte sie die Strategie, ihm einfach keinen Grund für sein Verhalten zu geben. Sie passte sich immer mehr an seine Vorstellungen an. Alles für den Versuch, eine harmonische Beziehung zu führen. Ein hoher Preis und bisher ohne Erfolg!
Eigentlich wollte sie aber mehr als das …
2. Rückblick
Als Lisa damals nach dem Studium aus ihrem Elternhaus auszog, hätte sie platzen können vor Freude. Sie zog endlich in ihre erste eigene Wohnung. Vom Land in die Stadt. Wie aufregend! So lange hatte sie sich auf diesen Moment gefreut. Ihr Apartment war klein, nur ein Zimmer und an einer viel befahrenen Straße, aber Lisa richtete es mit sehr viel Liebe und Hingabe ein. Manch einer würde es vielleicht kitschig finden, aber sie liebte diese Mischung aus shabby Chic und Chalet Style. Mit einigen unechten Fellen, Duftkerzen, Girlanden und Regalen zauberte sie aus dem Apartment im Handumdrehen ihr kleines, gemütliches Zuhause.
Über eine Annonce im Internet hatte sie bereits einen Job als Junior Consultant bei der Personalvermittlung Elverest Consulting gefunden. Die Neueinsteiger hatten es zwar nicht leicht, aber das machte ihr nichts aus. Jeden Tag war sie in ihrem frisch gebügelten Hosenanzug eine der Ersten im Büro, machte kaum Pausen und war mit ganzem Eifer bei der Sache. Sie fühlte sich so erwachsen und das war toll!
Eines Abends ging sie nach einem langen Arbeitstag mit ihren Kollegen ins Charlies, eine kleine Bar in der Nähe des Büros. Sie wollten auf die Abschlüsse des Tages anstoßen. Das Team hatte einen harten Monat hinter sich und die Abschlusszahlen im letzten Moment durch einen guten Deal kurz vor Schluss gerettet. Die Bar hatte eine kleine Terrasse mit runden, wackeligen, bemalten Tischen, um die sich in relativ ungeordneter Weise kleine Hocker scharten. Solche Lokale kannte sie eher aus ihrer Studentenzeit, aber aufgrund der Nähe zum Büro bot es sich an.
Untertags war es sehr heiß gewesen. Sie hatten alle ganz schön gestöhnt und geschwitzt ohne Klimaanlage im Büro, aber jetzt war der Tag zu einem lauen Sommerabend abgekühlt und einfach wunderschön.
Lisa nippte an ihrem Aperol Spritz und wackelte auf ihrem Hocker hin und her. Die lauwarme Luft fühlte sich umwerfend an und sie beobachtete die Gäste. Tom, ein Senior Consultant aus ihrem Team, unterhielt die Gruppe, mit der sie gekommen war, mit Geschichten über seine phänomenalen Geschäftsabschlüsse.
Tom war 32, circa 1,92 m groß und hatte immer so ein Blitzen in den Augen. Lisa konnte das nicht deuten. Manchmal, wenn er sie ansah, ging ihr der Blick durch Mark und Bein. Irgendwie beängstigend, aber auch wirklich aufregend. Sie konnte verstehen, dass stets so viele junge Frauen um ihn herumtänzelten. Er sah gut aus, war übertrieben selbstbewusst (zumindest erweckte er gerne den Anschein), stand immer im Mittelpunkt und hatte stets einen toll sitzenden Anzug an. Er legte sehr viel Wert auf sein Äußeres. Seine dunklen Haare waren immer perfekt frisiert, und er sah den ganzen Tag wie aus dem Ei gepellt aus, bei Wind und Wetter, selbst wenn alle anderen bei heißen Temperaturen mit hochrotem Kopf im Büro saßen. Tom war dafür bekannt, dass ständig neue Frauen an seiner Seite auftauchten. Er wusste sie scheinbar zu begeistern, verlor aber meist schnell das Interesse. Komischerweise schien das seiner Anziehung keinerlei Abbruch zu tun. Ganz im Gegenteil!
Der Abend nahm seinen Lauf und Lisa war mittlerweile auf Gin Tonic umgestiegen. Ihr war bereits ein wenig schwummrig, aber der Alkohol verlieh ihr auch etwas mehr Selbstbewusstsein. Der steigende Alkoholpegel ließ sie die Schüler vergessen, die sie früher immer gehänselt hatten, wenn sie mal aus sich herausgekommen war, sich bemerkbar gemacht, ihre Meinung gesagt hatte oder einfach nur war, wie sie eben war. Sie flirtete. Er hatte eine unglaubliche Anziehung, der man sich unter Alkoholeinfluss noch schlechter entziehen konnte. Tom spielte mit ihr. Er wusste, wie er sie einwickeln konnte.
Sie wachte am nächsten Morgen bei ihm auf. Bei ihrem Kollegen! Bei dem Frauenhelden unter ihren Kollegen! Oh nein!!! Es war ihr peinlich. Außerdem konnte sie sich nicht mehr an viel erinnern.
Sie schlich sich kurz ins Bad, sammelte ihre Klamotten zusammen und verließ seine Wohnung. Es war Samstag und noch früh am Morgen. Sie traf nicht viele Menschen auf der Straße, was ihr sehr recht war. Ganz abgesehen von dem dröhnenden Kopf, hatte sie ein mulmiges Gefühl. Etwas bedrückte sie, aber sie wusste nicht was. Es fühlte sich schwer an, traurig. Sie ging ein bisschen schneller, versuchte dieses Gefühl zu ignorieren und freute sich auf eine ausgiebige, warme Dusche zu Hause.
Noch bevor sie zu Hause angekommen war, hatte sie eine Nachricht von Tom auf ihrem Handy: »Warum bist Du so schnell weg? Ich hätte Dir noch Frühstück gemacht.« Sie hielt kurz inne und wusste nicht so wirklich, wie sie auf die Nachricht reagieren sollte. Schließlich wusste sie nicht mal, was letzte Nacht passiert war. Man konnte nicht behaupten, dass ihr Herz in die Höhe sprang. Sie war eher verunsichert und entschloss sich, das Handy erst mal nicht zu beachten, bis sie sich eher darüber im Klaren war, wie sie mit der Situation umgehen wollte. Schließlich war Tom ein Arbeitskollege und das konnte ganz schön viel Ärger bedeuten. Als sie endlich in ihrer perfekten, kleinen Wohnung ankam, war sie sichtlich erleichtert. Sie verteilte ihre Klamotten auf dem ganzen Weg in die Dusche, drehte das Wasser auf und genoss die Wärme auf der Haut. Endlich setzte Entspannung ein. Sie fühlte sich sicher, sobald sie diese vier Wände betrat. Ihr ganz besonderer Rückzugsort. Frisch geduscht holte sie ihre Lieblings-Jogginghose aus dem Schrank und schnappte sich ihren kuscheligsten Pullover. Sie machte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich auf ihr kleines Sofa. Endlich daheim. Sie ignorierte das Telefon und damit Tom. Eine Eigenschaft, die sich ganz gerne mal zeigte, wenn sie nicht wusste, was sie tun sollte. Einfach weg ignorieren. Ihr war auch klar, dass das nicht besonders zielführend war, aber gerade war ihr das egal. Sie schaltete ihren Fernseher ein und zappte durch Netflix. Eine seichte Liebesschnulze! Genau das Richtige. Sie stellte die Tasse zur Seite und machte es sich gemütlich. Es dauerte nicht lange, bis sie langsam einschlief.
Und dann war da Tom
Das Wochenende war vergangen. Lisa hatte sich in ihrer kleinen Höhle verkrochen und weiter so getan, als wäre nichts passiert. Sie war nun zumindest ausgeschlafen, aber sie wusste auch, dass sie Tom heute wohl nicht mehr aus dem Weg gehen konnte. Ganz im Gegenteil. Sie hatte die Situation vermutlich durch ihr Verhalten verkompliziert. Aber manchmal konnte sie sich einfach nicht überwinden, aus ihrem Schneckenhaus rauszukommen.
Es war nun also Montagmorgen und sie war zurück im Büro, das sie am Freitag noch in Feierlaune verlassen hatte. Sie öffnete die große Glastür am Eingang, huschte mit ihrem Blick durch den Raum und atmete auf, als sie Tom dort nicht erspähen konnte. Sie trat schnell ein und steuerte geradewegs auf ihren Tisch zu. Auf dem Weg kam ihr Alica entgegen und grinste sie über beide Ohren an. War vielleicht noch etwas passiert, an das sie sich nicht mehr erinnern konnte? Oh Gott, hoffentlich nicht! Als der Tisch in Reichweite kam, erkannte sie, dass eine Rose darauf lag. Sie spürte, wie die Wärme in ihrem Gesicht aufstieg. Ihre Knie wurden weich und ihre Handflächen feucht. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie fühlte sich geschmeichelt, aber gleichzeitig wäre sie gerne im Boden versunken. So sehr sie Tom und diese Nacht das ganze Wochenende ignoriert hatte, saß sie nun mittendrin. Völlig überfordert. Sie setzte sich an ihren Tisch und legte die Rose zur Seite. Sie versuchte, sich zu konzentrieren und so zu tun, als wäre nichts Besonderes passiert. Es gelang ihr aber nicht. Sie fühlte sich wie ein kleines, aufgeregtes Teenager-Mädchen. Ständig wanderte ihr Blick zu der Blume auf ihrem Tisch. Was wollte Tom ihr damit sagen? Wollte er vielleicht mehr von ihr? Aber er war doch nie an einer Beziehung interessiert.
Damit gab er ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Es fühlte sich gut an. Er drückte die richtigen Knöpfe und er war erneut erfolgreich. Es war ein Spiel. Und er war gut darin.
Die nächsten Monate vergingen wie im Flug. Sie waren ein verliebtes Paar, es war aufregend und es prickelte. Tom vermochte sie in den siebten Himmel zu befördern. Unentwegt machte er ihr Komplimente und sie fühlte sich schön, begehrenswert und besonders. Vergessen waren alle Situationen und Menschen, die sie das Gegenteil hatten spüren lassen. Es fühlte sich gut an.
Am Anfang war doch alles gut
Der Herbst hatte Einzug gehalten. Es war früher Nachmittag und Lisa und Tom spazierten an der Isar entlang. Es war ein wunderschöner Tag. Die Herbstsonne wärmte angenehm, die Blätter hatten sich bereits verfärbt und die lebendigen Isarauen zeigten eine wahre Farbenpracht. Sie hielt Toms Hand und beobachtete die anderen Fußgänger. Viele hatten ihre Hunde dabei, unterhielten sich mit anderen Hundebesitzern oder saßen auf einer Bank und streckten ihr Gesicht in Richtung Sonne. Lisa ging es gut. Sie hatte einen Mann an ihrer Seite, der stolz und perfekt war. Nie hätte sie sich träumen lassen, irgendwann zu diesen Paaren zu gehören. Sie sahen großartig zusammen aus.
Nach einer Weile wurde Lisa kalt. Sie zupfte ihren Schal nach oben, spannte ihre Schultern an und vergrub die rechte Hand in Toms Jackentasche. Sie bogen rechts ab und nahmen die Treppe, um vom Ufer der Isar wieder zur Straße zu gelangen. Toms Wohnung war nicht weit von hier. Sie liefen an einigen prächtigen Altbauten entlang, machten einen kurzen Stopp bei ihrem Stammcafé und holten sich einen kleinen Kaffee für unterwegs.
Auf diesen Spaziergängen führten sie immer lange Gespräche, die vor allem in der Hektik des Alltags sonst oft untergingen. Auf den letzten Metern zur Wohnung sagte Tom: »Ich habe letzte Woche gehört, dass Nils, mein Chef, in Frührente gehen will. Hoffentlich bekommen wir einen guten Nachfolger.« »Warum bewirbst Du Dich nicht?«, entgegnete Lisa.
...
Als Lisa noch ein kleines Mädchen war, hatte sie noch eine ganz andere Vorstellung davon, wie es wohl war, erwachsen zu sein. Sie dachte, als Erwachsene wäre sie frei und selbstbestimmt. Das Leben wäre aufregend und lebendig. Sie war in ihrer Vorstellung jedoch auch mutiger und selbstbewusster gewesen. Und vielleicht war genau das das Problem!
Teil 1
1. Wie sie eben so lebte
Es war Montagmorgen. Mit dem Kaffee in der Hand war Lisa auf dem Weg zur Arbeit. Es war kalt geworden. Der November hatte einen Temperatursturz mit sich gebracht und München war nass, grau und windig an diesem Morgen. Ihr kam es so vor, als wäre es eben noch Sommer gewesen. Gerade noch hatte sie im See gebadet und ihr Eis im Strandbad gegessen, und nun hatte sie bereits ihren dicken blauen Daunenmantel aus dem Schrank gezogen. Sie hatte den Schal vergessen und die kalte Luft kroch von oben in ihren Mantel. Wie sie das hasste. Sie zog die Schultern nach oben und beschleunigte das Tempo.
Es war nicht weit von ihrer Wohnung bis zum Büro und eigentlich mochte sie den kurzen Spaziergang. Er war genau richtig, um sich mental auf den Arbeitstag vorzubereiten oder nach der Arbeit den Kopf freizubekommen. Der Weg führte sie vorbei an einigen kleinen Läden, wunderschönen Altbauten und ihrem Lieblingskiosk, an dem sie sich ab und an eine Zeitschrift mitnahm. Im Sommer setzte sie sich manchmal auf eine Parkbank neben dem Kiosk und beobachtete die Menschen, die vorbeiliefen. Alle schienen immer so in Eile zu sein. Bei Regen aber verfluchte sie diesen Weg. Sie verstand die Leute nicht, die Dinge sagten wie: »Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.« Regen war für sie Regen und sie konnte dem absolut nichts abgewinnen.
Im Büro angekommen, zog Lisa den nassen Mantel aus und hing ihn an einen Kleiderhaken im Eingangsbereich. Sie strich sich ihre langen blonden Haare aus dem Gesicht, zupfte ihre Kleidung zurecht und atmete noch mal tief durch. Eine weitere lange Arbeitswoche lag vor ihr. Lisa öffnete die doppelflügelige Glastür zum Großraumbüro. Die Luft war warm und trocken. Sie spürte, wie sich ihre Schultern in der Wärme langsam wieder entspannten. Es herrschte schon ein wildes Treiben im Büro. Ganz eifrig saßen einige ihrer Kollegen vor ihren Laptops und Lisa wusste, sie waren mindestens bereits bei der zweiten Tasse Kaffee. Lisa erinnerte das immer an ihre Anfangszeit als Junior Consultant, als sie vor vier Jahren frisch von der Uni in dieser Firma eingestellt worden war. Personalvermittlung war ein harter Vertriebsjob und man musste viel Zeit und Energie investieren, um einen stabilen Kundenstamm aufzubauen. Mittlerweile war sie zu einem Senior Consultant aufgestiegen und konnte den Tag ein bisschen ruhiger angehen lassen. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nicht mehr den gleichen Drive wie noch zu Beginn, als sie der Welt beweisen wollte, was sie konnte. Sie stellte ihre Tasche kurz an ihrem Schreibtisch ab, startete den Computer und machte sich auf den Weg in die kleine Teeküche am Ende des Raumes. Wie jeden Montag wollte sie zuerst ihre Lieblingskollegin Nancy begrüßen.
Nancy und Lisa hatten damals gemeinsam als Junior Consultant bei Elverest Consulting begonnen. Während des Onboarding-Kurses hielt Lisa Nancy für extrem anstrengend. Sie war laut, stellte Unmengen von Fragen und war in vielen Dingen eher das Gegenteil von Lisa. In den ersten Wochen im Job freundeten sie sich jedoch an. Nancy schätzte, dass Lisa ihr immer gut zuredete, wenn es nicht so lief. Sie hatte das in ihrer vorherigen Firma ganz anders kennengelernt. Sie war sehr temperamentvoll, hatte das Herz jedoch am rechten Fleck. Lisa wusste Nancy zu besänftigen und so profitierte sie von Nancys Erfahrung, während die wiederum Lisa vor unnötigen Eskalationen bewahrte. So lief es sehr gut.
Jeden Montagmorgen wurde dann erst mal der neueste Tratsch vom Wochenende ausgetauscht. Nancy war in einer fortwährenden On-off-Beziehung mit Leo, was immer für ein wenig Drama gut war. Auch dieses Wochenende hatte es wieder gehörig Zoff gegeben und Nancy war zum wiederholten Male bei ihm ausgezogen. Es waren immer nur Kleinigkeiten, aber irgendwie war es meistens trotzdem hochexplosiv.
Lisa kannte dieses Verhalten mittlerweile nur zu gut und beendete das montagmorgendliche Tratsch-Update mit einem kleinen »Ach Nancy-Maus!«. Damit war alles gesagt. Sie hatten in den letzten Jahren viele Stunden damit zugebracht, die Geschehnisse bis ins kleinste Detail zu filetieren und jeden Satz von ihr und Leo zu analysieren. Geändert hatte sich dadurch aber nichts. Immer wieder steckte sie in derselben Situation. Warum gab es hier keinen Ausweg?
Lisa erkannte sich selbst darin wieder. Nicht in den emotionalen Ausbrüchen, aber in den immer wiederkehrenden Situationen, die sie unglücklich machten. Mit ihrem Freund Tom war Lisa nun seit gut drei Jahren zusammen. Anfänglich hatte sie noch im siebten Himmel geschwebt, doch dann hatte es sich irgendwie ins Gegenteil gekehrt. Warum wusste sie nicht. Tom war grob zu ihr und anstatt sich zu wehren und auszubrechen, verfolgte sie die Strategie, ihm einfach keinen Grund für sein Verhalten zu geben. Sie passte sich immer mehr an seine Vorstellungen an. Alles für den Versuch, eine harmonische Beziehung zu führen. Ein hoher Preis und bisher ohne Erfolg!
Eigentlich wollte sie aber mehr als das …
2. Rückblick
Als Lisa damals nach dem Studium aus ihrem Elternhaus auszog, hätte sie platzen können vor Freude. Sie zog endlich in ihre erste eigene Wohnung. Vom Land in die Stadt. Wie aufregend! So lange hatte sie sich auf diesen Moment gefreut. Ihr Apartment war klein, nur ein Zimmer und an einer viel befahrenen Straße, aber Lisa richtete es mit sehr viel Liebe und Hingabe ein. Manch einer würde es vielleicht kitschig finden, aber sie liebte diese Mischung aus shabby Chic und Chalet Style. Mit einigen unechten Fellen, Duftkerzen, Girlanden und Regalen zauberte sie aus dem Apartment im Handumdrehen ihr kleines, gemütliches Zuhause.
Über eine Annonce im Internet hatte sie bereits einen Job als Junior Consultant bei der Personalvermittlung Elverest Consulting gefunden. Die Neueinsteiger hatten es zwar nicht leicht, aber das machte ihr nichts aus. Jeden Tag war sie in ihrem frisch gebügelten Hosenanzug eine der Ersten im Büro, machte kaum Pausen und war mit ganzem Eifer bei der Sache. Sie fühlte sich so erwachsen und das war toll!
Eines Abends ging sie nach einem langen Arbeitstag mit ihren Kollegen ins Charlies, eine kleine Bar in der Nähe des Büros. Sie wollten auf die Abschlüsse des Tages anstoßen. Das Team hatte einen harten Monat hinter sich und die Abschlusszahlen im letzten Moment durch einen guten Deal kurz vor Schluss gerettet. Die Bar hatte eine kleine Terrasse mit runden, wackeligen, bemalten Tischen, um die sich in relativ ungeordneter Weise kleine Hocker scharten. Solche Lokale kannte sie eher aus ihrer Studentenzeit, aber aufgrund der Nähe zum Büro bot es sich an.
Untertags war es sehr heiß gewesen. Sie hatten alle ganz schön gestöhnt und geschwitzt ohne Klimaanlage im Büro, aber jetzt war der Tag zu einem lauen Sommerabend abgekühlt und einfach wunderschön.
Lisa nippte an ihrem Aperol Spritz und wackelte auf ihrem Hocker hin und her. Die lauwarme Luft fühlte sich umwerfend an und sie beobachtete die Gäste. Tom, ein Senior Consultant aus ihrem Team, unterhielt die Gruppe, mit der sie gekommen war, mit Geschichten über seine phänomenalen Geschäftsabschlüsse.
Tom war 32, circa 1,92 m groß und hatte immer so ein Blitzen in den Augen. Lisa konnte das nicht deuten. Manchmal, wenn er sie ansah, ging ihr der Blick durch Mark und Bein. Irgendwie beängstigend, aber auch wirklich aufregend. Sie konnte verstehen, dass stets so viele junge Frauen um ihn herumtänzelten. Er sah gut aus, war übertrieben selbstbewusst (zumindest erweckte er gerne den Anschein), stand immer im Mittelpunkt und hatte stets einen toll sitzenden Anzug an. Er legte sehr viel Wert auf sein Äußeres. Seine dunklen Haare waren immer perfekt frisiert, und er sah den ganzen Tag wie aus dem Ei gepellt aus, bei Wind und Wetter, selbst wenn alle anderen bei heißen Temperaturen mit hochrotem Kopf im Büro saßen. Tom war dafür bekannt, dass ständig neue Frauen an seiner Seite auftauchten. Er wusste sie scheinbar zu begeistern, verlor aber meist schnell das Interesse. Komischerweise schien das seiner Anziehung keinerlei Abbruch zu tun. Ganz im Gegenteil!
Der Abend nahm seinen Lauf und Lisa war mittlerweile auf Gin Tonic umgestiegen. Ihr war bereits ein wenig schwummrig, aber der Alkohol verlieh ihr auch etwas mehr Selbstbewusstsein. Der steigende Alkoholpegel ließ sie die Schüler vergessen, die sie früher immer gehänselt hatten, wenn sie mal aus sich herausgekommen war, sich bemerkbar gemacht, ihre Meinung gesagt hatte oder einfach nur war, wie sie eben war. Sie flirtete. Er hatte eine unglaubliche Anziehung, der man sich unter Alkoholeinfluss noch schlechter entziehen konnte. Tom spielte mit ihr. Er wusste, wie er sie einwickeln konnte.
Sie wachte am nächsten Morgen bei ihm auf. Bei ihrem Kollegen! Bei dem Frauenhelden unter ihren Kollegen! Oh nein!!! Es war ihr peinlich. Außerdem konnte sie sich nicht mehr an viel erinnern.
Sie schlich sich kurz ins Bad, sammelte ihre Klamotten zusammen und verließ seine Wohnung. Es war Samstag und noch früh am Morgen. Sie traf nicht viele Menschen auf der Straße, was ihr sehr recht war. Ganz abgesehen von dem dröhnenden Kopf, hatte sie ein mulmiges Gefühl. Etwas bedrückte sie, aber sie wusste nicht was. Es fühlte sich schwer an, traurig. Sie ging ein bisschen schneller, versuchte dieses Gefühl zu ignorieren und freute sich auf eine ausgiebige, warme Dusche zu Hause.
Noch bevor sie zu Hause angekommen war, hatte sie eine Nachricht von Tom auf ihrem Handy: »Warum bist Du so schnell weg? Ich hätte Dir noch Frühstück gemacht.« Sie hielt kurz inne und wusste nicht so wirklich, wie sie auf die Nachricht reagieren sollte. Schließlich wusste sie nicht mal, was letzte Nacht passiert war. Man konnte nicht behaupten, dass ihr Herz in die Höhe sprang. Sie war eher verunsichert und entschloss sich, das Handy erst mal nicht zu beachten, bis sie sich eher darüber im Klaren war, wie sie mit der Situation umgehen wollte. Schließlich war Tom ein Arbeitskollege und das konnte ganz schön viel Ärger bedeuten. Als sie endlich in ihrer perfekten, kleinen Wohnung ankam, war sie sichtlich erleichtert. Sie verteilte ihre Klamotten auf dem ganzen Weg in die Dusche, drehte das Wasser auf und genoss die Wärme auf der Haut. Endlich setzte Entspannung ein. Sie fühlte sich sicher, sobald sie diese vier Wände betrat. Ihr ganz besonderer Rückzugsort. Frisch geduscht holte sie ihre Lieblings-Jogginghose aus dem Schrank und schnappte sich ihren kuscheligsten Pullover. Sie machte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich auf ihr kleines Sofa. Endlich daheim. Sie ignorierte das Telefon und damit Tom. Eine Eigenschaft, die sich ganz gerne mal zeigte, wenn sie nicht wusste, was sie tun sollte. Einfach weg ignorieren. Ihr war auch klar, dass das nicht besonders zielführend war, aber gerade war ihr das egal. Sie schaltete ihren Fernseher ein und zappte durch Netflix. Eine seichte Liebesschnulze! Genau das Richtige. Sie stellte die Tasse zur Seite und machte es sich gemütlich. Es dauerte nicht lange, bis sie langsam einschlief.
Und dann war da Tom
Das Wochenende war vergangen. Lisa hatte sich in ihrer kleinen Höhle verkrochen und weiter so getan, als wäre nichts passiert. Sie war nun zumindest ausgeschlafen, aber sie wusste auch, dass sie Tom heute wohl nicht mehr aus dem Weg gehen konnte. Ganz im Gegenteil. Sie hatte die Situation vermutlich durch ihr Verhalten verkompliziert. Aber manchmal konnte sie sich einfach nicht überwinden, aus ihrem Schneckenhaus rauszukommen.
Es war nun also Montagmorgen und sie war zurück im Büro, das sie am Freitag noch in Feierlaune verlassen hatte. Sie öffnete die große Glastür am Eingang, huschte mit ihrem Blick durch den Raum und atmete auf, als sie Tom dort nicht erspähen konnte. Sie trat schnell ein und steuerte geradewegs auf ihren Tisch zu. Auf dem Weg kam ihr Alica entgegen und grinste sie über beide Ohren an. War vielleicht noch etwas passiert, an das sie sich nicht mehr erinnern konnte? Oh Gott, hoffentlich nicht! Als der Tisch in Reichweite kam, erkannte sie, dass eine Rose darauf lag. Sie spürte, wie die Wärme in ihrem Gesicht aufstieg. Ihre Knie wurden weich und ihre Handflächen feucht. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie fühlte sich geschmeichelt, aber gleichzeitig wäre sie gerne im Boden versunken. So sehr sie Tom und diese Nacht das ganze Wochenende ignoriert hatte, saß sie nun mittendrin. Völlig überfordert. Sie setzte sich an ihren Tisch und legte die Rose zur Seite. Sie versuchte, sich zu konzentrieren und so zu tun, als wäre nichts Besonderes passiert. Es gelang ihr aber nicht. Sie fühlte sich wie ein kleines, aufgeregtes Teenager-Mädchen. Ständig wanderte ihr Blick zu der Blume auf ihrem Tisch. Was wollte Tom ihr damit sagen? Wollte er vielleicht mehr von ihr? Aber er war doch nie an einer Beziehung interessiert.
Damit gab er ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Es fühlte sich gut an. Er drückte die richtigen Knöpfe und er war erneut erfolgreich. Es war ein Spiel. Und er war gut darin.
Die nächsten Monate vergingen wie im Flug. Sie waren ein verliebtes Paar, es war aufregend und es prickelte. Tom vermochte sie in den siebten Himmel zu befördern. Unentwegt machte er ihr Komplimente und sie fühlte sich schön, begehrenswert und besonders. Vergessen waren alle Situationen und Menschen, die sie das Gegenteil hatten spüren lassen. Es fühlte sich gut an.
Am Anfang war doch alles gut
Der Herbst hatte Einzug gehalten. Es war früher Nachmittag und Lisa und Tom spazierten an der Isar entlang. Es war ein wunderschöner Tag. Die Herbstsonne wärmte angenehm, die Blätter hatten sich bereits verfärbt und die lebendigen Isarauen zeigten eine wahre Farbenpracht. Sie hielt Toms Hand und beobachtete die anderen Fußgänger. Viele hatten ihre Hunde dabei, unterhielten sich mit anderen Hundebesitzern oder saßen auf einer Bank und streckten ihr Gesicht in Richtung Sonne. Lisa ging es gut. Sie hatte einen Mann an ihrer Seite, der stolz und perfekt war. Nie hätte sie sich träumen lassen, irgendwann zu diesen Paaren zu gehören. Sie sahen großartig zusammen aus.
Nach einer Weile wurde Lisa kalt. Sie zupfte ihren Schal nach oben, spannte ihre Schultern an und vergrub die rechte Hand in Toms Jackentasche. Sie bogen rechts ab und nahmen die Treppe, um vom Ufer der Isar wieder zur Straße zu gelangen. Toms Wohnung war nicht weit von hier. Sie liefen an einigen prächtigen Altbauten entlang, machten einen kurzen Stopp bei ihrem Stammcafé und holten sich einen kleinen Kaffee für unterwegs.
Auf diesen Spaziergängen führten sie immer lange Gespräche, die vor allem in der Hektik des Alltags sonst oft untergingen. Auf den letzten Metern zur Wohnung sagte Tom: »Ich habe letzte Woche gehört, dass Nils, mein Chef, in Frührente gehen will. Hoffentlich bekommen wir einen guten Nachfolger.« »Warum bewirbst Du Dich nicht?«, entgegnete Lisa.
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