Die Friedenskräfte

Die Friedenskräfte

Manfred Schuster


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 502
ISBN: 978-3-99130-120-2
Erscheinungsdatum: 18.05.2022
In Syrien wird der Konvoi deutscher Friedenskräfte von der Übermacht des IS angegriffen. Gewaltexzesse, Attentate folgen: Deutschland gerät mitten in den Krieg, die politische Krise ist unabwendbar. Eine Zukunftsvision voller Spannung.
Tag 1 – 12:02 Uhr – Kilometer 144 ab Ablaufpunkt Autobahnkreuz M1/M4 bei Latakia 15,8 Kilometer nach Technischem Halt Autobahn M4 kurz vor Saraqib – Marschkolonne 1
2. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 411 (Spitzenkompanie)

Seine Augen starrten ohne Blick in eine Richtung, er hatte nicht mal einen Gedanken. Plötzlich, innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde, wurde er aus seinen Tagträumen gerissen. Ein gewaltiger Feuerblitz blendete ihn, eine Druckwelle wie eine Orkanböe traf ihn, und ein betäubender Knall löste sofort ein Pfeifen in seinen Ohren aus. Kleine und auch große Trümmer flogen an ihm vorbei.

Es benötigte ein wenig mehr Zeit, bis sein Kopf wieder zu arbeiten begann, zumindest den Versuch startete herauszufinden, was gerade passiert war. Er wollte eben zu sprechen beginnen, als sein Oberkörper nach vorne gezogen wurde und ruckartig wieder zurückwippte. Der seit dem Technischen Halt fahrende Stabsunteroffizier Vonau hatte eine Vollbremsung des Panzers durchgeführt. Major Ertl hatte sich den Unterarm am Rand der Panzerluke angeschlagen, was ihm gerade höllisch wehtat.

Nun schrie er in sein Mikrofon rein: „Alarm, alles runter, Luken zu, volle Gefechtsbereitschaft herstellen.“ Es gab zwar keine halbe Gefechtsbereitschaft, aber es kam einfach so aus ihm raus. Dann bemerkte er, dass er dies nur seinen Soldaten über den Bordfunk zugerufen hatte. Er wählte den Funkkreis der Kompanie und wiederholte die Worte. Dann verschwand er im Inneren des Panzers. Er wählte nun den Funkkreis der Marschkolonne und setzte eine Meldung ab: „An alle, hier Führer Spitzenkompanie, Bombenangriff auf Spitze der Kolonne, alle Fahrzeuge stoppen, sofortige Eigenabsicherung durchführen, warten auf weitere Befehle.“ Major Ertl war zwar nicht der Führer der Kolonne, auch nicht der Stellvertreter oder ranghöchste Offizier, aber derjenige, welcher den ersten Funkspruch im Funkkreis der Marschkolonne 1 absetzte. Das kam ihm jetzt blitzartig in den Sinn. Er drehte die Optik nach hinten, vergrößerte. Er konnte von dieser Stelle gut zehn Kilometer nach hinten die Marschkolonne überblicken. Und was er sah, ließ ihn verstummen.

Es gab nicht nur eine Explosion an der Spitze der Marschkolonne. Nein, es mussten zeitgleich mindestens ein Dutzend oder mehr Explosionen innerhalb der Kolonne stattgefunden haben. Ob es noch weiter zurück auch Rauchsäulen gab, konnte er nicht erkennen. Aber er vermutete es fast. Und da er nur die Explosion vor ihm wahrgenommen hatte und später nichts mehr wahrnahm, konnte es nicht anders sein. Alle Detonationen erfolgten zeitgleich. Ein gewaltiger Angriff.

Er deutete Hauptfeldwebel Dittmar an, den Funkkreis der Marschkolonne weiter abzuhören. Dann suchte er das Gelände rund um die Spitzenkompanie ab. Es mochten bereits gut drei oder auch vier Minuten vergangen sein, es tat sich nichts. Alles verharrte regungslos, still und leise. Die Autobahn vor ihnen war leer, die Felder waren verwaist, er sah keinen Menschen, keinen schwarzen Pick-up, er sah nichts, was sich bewegte. Dann blickte er nach vorne, um sich den Ort der Explosion zu betrachten. Die vorderen Fahrzeuge gab es nicht mehr. Die leicht gepanzerten Dingos der Feldjäger und des Kolonnenführers waren schwer beschädigt. Einer war hinten komplett aufgerissen. Die vorderen beiden leichten Spähpanzer Fennek der Aufklärer waren auch betroffen. Erst der dritte Fennek stand unbeschädigt auf der Straße. Der umgewidmete Transportpanzer mit dem Fernsehteam vor ihm war ebenso unversehrt. Eine Luke stand offen, der Kameramann hatte die Kamera auf den Ort des Schreckens gerichtet.

Major Ertl wusste nicht, wie lange er benötigte, die Lage zu erfassen. Es mochten eine halbe Minute oder auch zwei Minuten sein.

Er wollte gerade im Funkkreis der Kompanie zum Sprechen ansetzen, dass der 1. Zug den Ort der Explosion sichern sollte, der die Kompanie begleitende Sanitätstrupp nach vorne ziehen sollte, der 2. Zug die Sanitäter unterstützen sollte, der 3. Zug und die Kampfpanzer absichern sollten und der 4. Zug die Lage der Kolonne nach hinten aufklären solle, als im Funkkreis eine Meldung abgesetzt wurde: „Hier Zugführer 1. Zug, Fahrtrichtung zwei Uhr, etwa zwölf Pick-ups aus Ortschaft Richtung Al-Barfoum, kommen.“ Und dann prasselten die nächsten Meldungen über den Funkkreis: „Mehrere Fahrzeuge aus drei Uhr, Entfernung 4000.“ „An die zehn Fahrzeuge aus vier Uhr, circa 5000 Meter, Richtung Sarakeb.“ „Angriff, werden beschossen mit Maschinenkanonen, zwei Uhr, Al-Eis.“

Major Ertl dämmerte es. Die Explosionen waren das Signal zum Angriff. Aber die Angreifer waren nicht in Kampfentfernung zur Autobahn. Sie kamen von weiter weg. Sie kamen von woher, wo keine Aufklärung stattgefunden hatte, sie waren von den Drohnen nicht überflogen worden, nicht erfasst worden. Erst nach dem Zeichen durften sie angreifen. Und seit den Detonationen entlang der Marschkolonne waren fast acht Minuten vergangen. Und jetzt preschten sie mit ihren Pick-ups auf sie zu. Und begannen das Gefecht. Obwohl sie noch zu weit weg waren, um gefährlich zu werden. Aber in wenigen Minuten würde das anders aussehen. Dann konnten sie verheerenden Schaden anrichten, zumindest bei den ungepanzerten Teilen der Marschkolonne. Und das war der Großteil der Fahrzeuge.

Major Ertl fragte sich, ob dieser Angriff nur sie oder die ganze Kolonne betraf. Er fragte den Hauptfeldwebel. Der bestätigte, sagte dann aber: „Es scheint so, alles ein wenig wirr im Funkkreis.“ Und noch was fiel Major Ertl auf. Die Angriffe kamen nur von Westen. Der IS war aber auch im Osten der Autobahn mit starken militärischen Kräften. Waren die noch nicht da? Er musste aber jetzt der momentanen Lage, dem bevorstehenden Angriff von rechts der Autobahn etwas entgegenstellen. So ging sein Befehl über den Funk raus. Der 1. Zug sollte nach vorne und Osten Stellung beziehen und sichern, die anderen Züge sollten in ihren Bereichen aus geeigneten Positionen den Feind abwehren. Die drei Kampfpanzer Leopard sollten sich ein wenig nach Osten zurückziehen, um als Reserve vorgehalten zu werden. Der Aufklärungsgruppe vor ihm befahl er, über deren Funkkreis nach Norden und Nordosten aufzuklären. Er war hier vor Ort nun der ranghöchste Offizier. Die Sanitäter sollten die Lage an der Stelle der Explosion erkunden und wenn möglich Hilfe leisten. Dann entschloss er sich mit seinem Schützenpanzer selbst nach vorne zu fahren. Sein Richtschütze hatte den Feind bereits im Visier.

Die überwältigende Mehrheit der Soldaten der Kompanie waren noch nie in einem Gefecht. Und der andere kleine Teil an Soldaten mit Erfahrung hatte einen Angriff solcher Größe auch noch nie erlebt. Aber sie waren für dies ausgebildet worden. Und das dauerhafte exzesshafte Üben der Abläufe führte bei den meisten zu nun automatischen Abläufen. Die richtige Stellung finden, das Zuordnen der Ziele, der Kommunikation zwischen dem Kommandanten und dem Richtschützen, das Abwarten der Kampfentfernung ihrer Waffen, der Einsatz der richtigen Waffen. Für die angreifenden Pick-ups bedeutete dies den Einsatz der Maschinenkanonen und der axialen Maschinengewehre.

Und die 30-mm-Maschinenkanonen begannen stoßweise zu schießen. Mit einer enormen Wirkung in Treffgenauigkeit und Zerstörung der Ziele. Die schnelle Bekämpfung des Folgezieles war eine der hervorzuhebenden Eigenschaften der Waffenanlage des Pumas und seiner Teams. Man nannte dies das „Hunter-Killer-Prinzip“. Der Kommandant erfasst das Ziel und übergibt es dem Richtschützen. Während der Richtschütze feuert, erfasst der Kommandant bereits das nächste Ziel und gibt es weiter. Eine mörderische Kadenz für die angreifenden Pick-ups.

Das waren kurz vor dem Beginn des Abwehrfeuers mittlerweile gut vier oder fünf Dutzend, welche aus Westen kommend versuchten die Autobahn zu erreichen. Im Norden bei Al-Barfoum mochten nochmals ein gutes Dutzend stehen, beziehungsweise einige schwenkten bereits auf die Autobahn, um sie von Norden her zu attackieren.

Reihenweise wurden die Pick-ups getroffen, förmlich durchsiebt. So ein Abwehrfeuer hatten sie noch nie erlebt. Ihre Taktik im Angriff bestand darin, viele und schnell zu sein und von allen Seiten zuzustoßen. Ganze Städte hatten sie so eingenommen. Nur dort, wo sie auf feste Stellungen stießen, führten sie Kampf- und Schützenpanzer nach. Die Marschkolonne aber war für sie keine feste Stellung, sie war ungeschützt. Doch auf Höhe der Spitzenkompanie war es eine zum Tod führende Attacke für die Angreifer.

Die meisten der Pick-ups hatten neben den zu transportierenden Kämpfern nur ein lafettiertes Maschinengewehr auf der Ladefläche. Diese MGs feuerten zwar, hatten aber keine Wirkung. Nur wenige Pick-ups waren mit Maschinenkanonen bestückt. Vermutlich bis zu Kaliber 20 mm. Deren Kampfentfernung lag vielleicht bei 2000 Metern, allerdings waren die meisten aufgrund des Gegenfeuers der Panzergrenadiere bereits vorab in Stellung gegangen. Und so war ihre Wirkung im Grunde genommen äußerst gering. Nur für die ungepanzerten Fahrzeuge oder abgesetzte Soldaten hätten sie zu einem Problem führen können. Der Kameramann von N‑TV wusste das scheinbar nicht. Er hielt den Angriff und das Abwehrfeuer mit seiner Kamera fest.

Und so dauerte das Gefecht wenige Kilometer nördlich von Saraqib nur etwa 15 Minuten. Dann zogen sich die schwer geschlagenen Reste der Angreifer zurück nach Westen. Major Ertl vermutete, dass sie wohl mehr als 50 Fahrzeuge getroffen und vernichtet hatten. Er selbst stand mit seinem Panzer am Rande eines Kraters von gut 40 Metern Durchmesser. Da gab es ein Stück weiter vorne noch einen zweiten Krater gleicher Größe. Es waren zwei Explosionen, zeitgleich. So hatte er das nicht wahrgenommen, für ihn war es nur ein gewaltiger Schlag. Aber es waren auch zwei Fahrzeuge des IS. Eines an der Spitze vor der Kolonne, eines auf der linken Spur kurz vor der vorderen Aufklärungsgruppe. Die beiden Fennek-Radpanzer waren beschädigt worden. Teile der Besatzung verwundet, aber alle lebten. Alle Fahrzeuge vor den Radpanzern konnten ihre Insassen nicht schützen. Auch die leicht gepanzerten Dingos nicht. Alle Soldaten inklusive des Generals waren tot, schier durch die Nähe und die Wucht der Explosion. Und die ungepanzerten Fahrzeuge waren mit ihren Insassen zerrissen, zerteilt und über die Felder verstreut, schlichtweg verschwunden.

Major Ertl ließ sich von den Zugführern Bericht erstatten. Sie hatten den Angriff nicht nur abgewehrt, sie hatten ihn zerschlagen. Der Munitionsstand für die Bordkanone machte ihm ein wenig Sorgen. Manche der Schützenpanzer hatte von den mitgeführten 400 Schuss schon 60 verschossen. Das war zu viel für so ein kurzes Gefecht. Und sie waren mitten im Nirgendwo. Zwar nur 40 Kilometer vor Aleppo, aber das waren 40 Kilometer durch Feindesland. Und aus Aleppo würde keine Hilfe kommen. In Aleppo war nur das Vorkommando mit einer Jägerkompanie mit lediglich noch drei Zügen. Vor allem aber keinen Schützenpanzern, sondern nur den Transportpanzern Fuchs.

Über die diversen Funkkreise kamen keine Befehle. Nur Meldungen über die Angriffe auf beide Marschkolonnen. Noch hatte niemand das Kommando übernommen. Jede Einheit für sich hatte vielleicht noch ihren Kommandeur oder Chef. Sie mussten sich erst finden. Er brauchte Zeit zu überlegen.

Während der kleine Sanitätstrupp die Verwundeten versorgte, durchsuchte der 1. Zug die beiden Krater, half den Aufklärern einen Fennek wieder fahrbar zu machen, entnahm dem anderen Fennek Waffen, Munition und Material und brachte eine Sprengladung an. Major Ertl wurde gefragt, wie mit den Leichen der toten Kameraden umzugehen sei. Er sann kurz nach und entschied dann, die Körper seitlich der Autobahn in einer Buschreihe abzulegen und notdürftig zu verstecken. Dann ließ er sich den jeweiligen unteren Teil der Erkennungsmarken bringen. Nun waren sie im Krieg, weit weg von zu Hause. Und mehr konnte er im Moment für die gefallenen Kameraden nicht tun. Er musste sich um die Lebenden kümmern.



Tag 1 – 09:30 Uhr – Ortszeit Deutschland – 10:00 Uhr Ortszeit Syrien – Mainz – ZDF-Fernsehstudio 1

Seit 09:00 Uhr hatte das „A-Team“ den Regie- und Technikraum im ZDF-Fernsehstudio 1 in Mainz übernommen. Das „A‑Team“ hatte sich für diese Mannschaft als Name fest durchgesetzt, denn alle Vornamen der Team-Mitarbeiter begannen mit dem Buchstaben „A“. Nur aus „Jana“ wurde mit ihrer Zustimmung „Ana“.

Axel Willinger war seit gut 15 Jahren Regisseur in der Fernsehregie. Erfahren, kompetent und ein absoluter Teamplayer, eine Grundvorrausetzung für die Aufgabe im Hintergrund der Kameras im Fernsehstudio. Denn am Ende jeder Übertragung waren sie es, welche das finale Bild des ZDF auf die TV-Geräte der Bundesrepublik brachten.

Bis 09:00 Uhr hatte das MOMA-Fernsehstudio in Berlin die Führung. Jetzt waren sie bis 16:00 Uhr in der Verantwortung. Schwerpunkt ihres Arbeitstages war das Mittagsmagazin. Willinger schaute auf die große Wand mit den Dutzenden Bildschirmen und Anzeigen. Die Bildschirme auf der linken Seite zeigten alle eingehenden Live-Bilder ihrer eigenen Teams vor Ort, aber auch die Bilder von N‑TV und Quest Arabiya aus Abu Dhabi und deren heute relevanten Bilder der Teams in Syrien.

Daneben waren schon Bildschirme reserviert für die heutigen Schaltungen des Mittagsmagazins nach Neubrandenburg, Viereck, Eutin und Havelberg, einigen der Heimatstandorte des deutschen Kontingents.

In der Mitte und rechts lief das jetzige Fernsehprogramm mit, am ganz rechten Rand waren bereits die Standbilder der Werbeeinstrahlungen und der kleinen ZDF-Programm-Trailer zu sehen.

Unten waren die Bilder der Kameras des Mittagsmagazins und des Heute-Studios für die kleinformatigen stündlichen Nachrichtensendungen. Noch zeigten diese Bilder leere und verwaiste „grüne“ Studios. Der Hintergrund für das Fernsehbild würde vom Regieraum extra und sachzugeordnet eingespielt werden.

An diesem heutigen Tag war ganz Fernseh-Deutschland Richtung Syrien ausgerichtet. Schon seit Wochen, aber heute war der Tag der Tage. Heute waren nicht nur Sondersendungen und Wetterberichte der Levante und des Hinterlandes mit im Programm integriert, heute war ein mediales Großereignis ähnlich einer Fußball-WM oder den Olympischen Spielen zu Hause. Alle Sender beteiligten sich daran. Gut 90 % des ZDF-Morgenmagazins hatten kein anderes Thema, die Außenstelle des MOMA berichtete heute live aus dem Satelliten-Studio in Latakia. Und auch das Mittagsmagazin hatte dort eine feste Crew ihrer bekannten Moderatoren.

Um nicht ganz dem „N-TV“-Muster der 24-Stunden-Berieselung zu folgen, wechselte man nach dem MOMA zum bewährten Programm „Volle Kanne – Service täglich“. Dann aber folgte wieder die Schaltung nach Syrien. Zum einen mit der Übernahme der Bilder der ARD inmitten der Marschkolonne, zum anderen mit Reportagen und Geschichten aus dem Hinterland sowie Besuchen bei deutschen Teilnehmern der Friedenskräfte mit den Interviews und Grüßen nach Hause.

Bei der Live-Berichterstattung aus der Kolonne mit den Angaben der Fahrzeit, der passierten Orte, des Höhenprofils der Strecke kam in Willinger eine gewisse Ähnlichkeit einer Live-Reportage eines „Tour de France“-Abschnittes in den Sinn. Und in der Werbeeinblendung gab es dann die bekannte Biermarke aus dem Westfälischen. Sinnigerweise hatte die besagte Brauerei heute eine Anzeigenkampagne mit der Spende von 50.000 Litern Bier für die deutschen Einsatzkräfte gestartet. Willinger fragte sich, ob dies denn konform und korrekt sein könne. Die Soldaten würden es sicher begrüßen.

Vor dem Mittagsmagazin gab es nochmals eine Telefonkonferenz mit der Nachrichtenredaktion und dem Moderatorenteam der Sendung.

Dann die interne Abstimmung mit seinen Leuten. Von der Einspielung von vorbereiteten Zusammenfassungssequenzen, Schaltgesprächen, Bildabfolgen und der aus dem Regieraum ferngesteuerten Kameraführung. In wenigen Minuten würden bereits die Texte der Teleprompter eintreffen. Noch ein wenig mehr als eine halbe Stunde.

Axel Willinger holte sich ein Sandwich von der Theke im hinteren Bereich des Regieraums. Und eine Coke light. Sein Blick tastete nochmals über die gesamte Bildschirmwand mit all ihren Informationen und Bildern und blieb dann bei der „Tour de France“ hängen. Ob Blaubach heute das gelbe Trikot bekommen würde? Das war bissig, aber der Mann war ihm mehr im Fernsehen als anderswo.

Axel Willinger biss in sein Sandwich und hörte schlagartig mit dem Kauen auf. Was er gerade sah, war unfassbar. Und als er blitzschnell seinen Blick nach links auf N‑TV und Quest Arabiya wendete, sah er das Gleiche. Nein, das konnte nicht sein. Die Bilder zeigten was Gleiches, sie zeigten es aber von anderen Orten.

Er schluckte den Bissen runter. Doch er brachte nichts raus. Dann war das Bild der ARD von inmitten der Marschkolonne weg. Die Zuschauer des ZDF sahen auf ihren Fernsehgeräten ein blaues Bild mit dem Schriftzug „Störung“.

Alina am Bildmischgerät hatte schneller als er reagiert. Aber in seinem vollen Interesse. Solche Bilder musste, sollte und durfte man nicht live zeigen. Vielleicht geschnitten, bearbeitet, kommentiert. Aber nicht live.

Sein ganzes Team schaute auf die Bilder der großen Bildschirmwand. Sie sahen, was gerade in Syrien passierte.

Fassungslos, weinend, sich übergebend. Andreas, welcher normalerweise die Schaltgespräche einspielte, musste den Raum verlassen. Amina brach weinend und schluchzend am Tonmischpult zusammen. Axel und die anderen waren noch nicht aus ihrer Starre erwacht.

Alina kümmerte sich um Amina. Axel biss in sein Sandwich. Warum, wusste er nicht, er tat es. Plötzlich wurde die Türe aufgerissen. „Ihr habt den Ton drauf.“ Axel sah Aminas Kopf und Ellenbogen auf dem Tonmischpult. Alina zog sie weg und schob alle Regler nach unten.

Axel Willinger kam wieder zu sich. Jetzt kam seine Professionalität durch. In weniger als 20 Minuten waren die „heute Xpress“-Nachrichten im Programm. Er wählte die Nachrichtenredaktion an. Dann bat er Alina, dass sie mit Amina nach draußen gehen solle. Ana übernahm das Bildmischgerät.

Es dauerte noch fünf Minuten mit der Einblendung „Störung“. Dann kamen die vorgezogenen Nachrichten. Informationen zum Gesehenen, nur Standbilder im Hintergrund.

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