Die ewige Wiederkehr des Gleichen
Ministerpräsident Schwertleins dunkle Triade
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 276
ISBN: 978-3-7116-0392-0
Erscheinungsdatum: 14.04.2025
Das Verhalten des bayerischen Ministerpräsidenten Martin Schwertlein gibt Rätsel auf. Ist er wirklich vom Pferd gestürzt? Ist er psychisch krank? Was will er mit einer KI, die Emotionen entschlüsselt? Der Polizeipsychologe Rolf Umberger soll die Rätsel lösen.
I
„Der Ministerpräsident ist vom Pferd gefallen!“ Die Nachricht überraschte mich dreifach. Erstens klang die Stimme des Leiters der Einsatzzentrale im Polizeipräsidium seltsam aufgeregt. Normalerweise sind die Leute dort die Ruhe selbst. „Also, wir haben da eine Schießerei. Mehrere Tote. Wahrscheinlich mehrere Täter mit Langwaffen …“ Selbst bei derartigen Meldungen, bei denen einem der Atem stockt, bleiben die ganz ruhig. Zweitens wunderte es mich sehr, dass ich als Polizeipsychologe in so einem Fall alarmiert wurde. Normalerweise, wenn man mich anruft, steht einer auf einem Baukran und droht, hinunterzuspringen oder hält seine Freundin, die ihn verlassen will, in der verbarrikadierten Wohnung gefangen. Solche Sachen. Und drittens ist, normalerweise, der Herr Ministerpräsident ein exzellenter Reiter. Das weiß doch jeder. Schließlich hatte er schon als Schüler beim Anblick eines Reiterstandbildes in Coburg spontan den Entschluss gefasst, das Reiten zu erlernen.
Jedenfalls war die Sache, die der Leiter der Einsatzzentrale, der LEZ, ungewöhnlich aufgeregt berichtete und die ich später mit verstörenden Details angereichert erzählt bekam, wie folgt: Der Bayerische Ministerpräsident Martin Schwertlein hatte am Samstagnachmittag die Reiterstaffel der Münchner Polizei besucht. Er wollte knallhart das berittene Einsatzgeschehen miterleben. Also fuhr man ihn in den Englischen Garten. Dort bestieg er einen stattlichen Braunen und genoss es sehr, wie die charmante Polizeiobermeisterin, deren Pferd er da reiten durfte, ihm huldvoll den Steigbügel hielt. Ein Lächeln, halb Dank halb Hochmütigkeit, dann galoppierte er los und ward bald nicht mehr gesehen. Niemand konnte seinem Husarenritt folgen. Schon gar nicht sein Staatskanzleichef Werner Kneif, den sie ebenfalls aufs Pferd bugsiert hatten. Kneif hat man Sekunden später aus dem Schwabinger Bach gefischt. Aber wo blieb der Ministerpräsident? Lange musste man ihn suchen. Bei der Polizei gingen währenddessen andauernd Notrufe ein. Ein wilder Reiter mit wehendem dunkelgrünem Lodenmantel presche da durchs Unterholz, jage über die Wiesen des nördlichen Englischen Gartens, fahre in eine Schafsherde und springe über die Bäche. Dann hieß es, ein Verrückter zu Pferd hetze die Isar entlang, als sei der Leibhaftige in ihn gefahren. Streifenwagen rechts und links des Flusses brausten längst in Richtung Norden, eine motorisierte Hatz mit Blaulicht und Martinshorn. So eine Verfolgungsfahrt hatte München noch nicht gesehen. Endlich kam der entscheidende Hinweis. Bei der St.-Emmeram-Brücke, die den Englischen Garten mit dem Ortsteil Oberföhring verbindet, war ein mutmaßlich verwirrter Mann aufgefunden worden, der wie von Sinnen auf und ab rannte und sich im Kreis drehte wie ein tanzender Derwisch, nur dass der flatternde dunkle Lodenmantel ihn noch gespenstischer aussehen ließ. Dabei stieß er schreckliche Laute aus, als würde er gemartert wie der Märtyrer Emmeram, den man vor mehr als dreizehnhundert Jahren an eine Leiter gebunden hatte, um ihm Hände und Füße abzuhacken. Später im Rettungswagen hatte sich Martin Schwertlein rasch erholt. Dem Sanitäter warf er ein paar Sätze hin. Das Pferd, dieser Teufel, hätte ihn abgeworfen und gegen den heiligen Emmeram geschleudert. Der hätte ihn schützend in seine Arme genommen und so gerettet.
Tatsächlich befindet sich unweit der Brücke ein Bronzestandbild des Hl. Emmeram und tatsächlich klebten an Emmerams frommem Bauch Haare des Ministerpräsidenten. Das erfuhren wir von der Spurensicherung. Aber das Schlimme waren nicht die vom Notarzt an Ort und Stelle diagnostizierte Gehirnerschütterung und eine vielleicht daraus resultierende kurzeitige Verwirrung. Das Schlimme war, dass Martin Schwertlein, der mächtige Ministerpräsident, sonst hart im Nehmen und immer Realist, nicht aufhörte zu jammern und herumzuschreien. „Mein Hirn, mein Hirn! Wer hat den Gaul verhext? Wer hat mir das angetan? Ich bring sie alle um!“, … und so fort. So ging das die ganze Zeit. Die halbe Staatsregierung, die mittlerweile um sein Krankenbett im Klinikum Bogenhausen versammelt war, geriet in Panik.
Das also war der Moment, als der Leiter der Einsatzzentrale mich anrief. Ich solle sofort ins Bogenhausener Krankenhaus kommen. Unser Chef, Polizeipräsident Rudolf Frühbeis – auch er war selbstverständlich zusammen mit der Innenministerin Teil der nichtärztlichen Visite – hatte das so angeordnet. Man musste jetzt vorsichtig sein. Externe Fachleute hinzuzuziehen, gar die Folgen des Pferdesturzes der Öffentlichkeit mitzuteilen, könnte sich politisch verheerend auswirken. In einem halben Jahr würden Landtagswahlen anstehen. Ein Ministerpräsident mit einem offensichtlichen Dachschaden! Nicht auszudenken!
Vielleicht handelte es sich ja nur um eine vorübergehende Störung. Die Ärzte der Klinik hielten das für denkbar. Freilich hatte man sofort computertomographische und weitere Untersuchungen eingeleitet, um Hirnschädigungen etc. auszuschließen. Der endgültige Befund ließ noch auf sich warten. Zunächst wunderte man sich über die Symptome, sprich: über die Art und Weise, wie sich der Herr Ministerpräsident benahm, vor allem, wie er redete. Das durfte nicht nach außen dringen. Das ganze Haus wurde sofort, eigentlich unter Ärzten eine Selbstverständlichkeit, zum Stillschweigen verpflichtet, auch die Krankenschwestern, auch die eine aus Syrien, die sowieso kaum Deutsch sprach. Die hatte ich vor Schwertleins Patientenzimmer getroffen. Um nicht unvorbereitet einzutreten, hatte ich sie gefragt, wie es dem Herrn Ministerpräsidenten geht und wie er so drauf wäre. Sie verstand mich schlecht und entschuldigte sich damit, dass sie aus Syrien sei und erst seit kurzem in Deutschland lebe. Sie war sehr hübsch und sehr schüchtern, und trotz unserer Sprachbarriere hätte ich mich lieber mit ihr als mit Schwertlein unterhalten. „Samira“ stand auf ihrem Namensschild.
Der Ministerpräsident aber lag jetzt friedlich da und erzählte ungefragt von der jungen Polizistin, die ihm noch den Namen ihres Pferdes ins Ohr geflüstert hatte: Flucki. Na ja, Fury hätte ihm besser gefallen. Fury klingt wild, ungebändigt, so wie sein Ritt. Danach wollte ich ihn fragen. Aber zunächst stellte ich mich vor: Dr. Rolf Umberger, Leiter des Psychologischen Dienstes der Bayerischen Polizei. Der Herr Polizeipräsident Frühbeis sei sehr besorgt. Er hätte mich gebeten, ihm, dem Herrn Ministerpräsidenten, psychologische Betreuung anzubieten. Schwertlein nickte fast unmerklich, so als wollte er ausdrücken: „So was hab ich mir schon gedacht!“ Seine Lippen und Wangen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen, nur kurz, aber dass es verächtlich gemeint war, konnte man sehen. „Ich hab hier genügend Betreuung“, sagte er spitz. „Und jetzt treten Sie zur Seite, damit die Schwester mir Fieber messen kann. Meinetwegen schauen Sie morgen mal vorbei.“ Ich hatte in der Aufregung, dem großen Landesvater so nahe zu sein, gar nicht bemerkt, dass eine Krankenschwester in das äußerst geräumige Zimmer getreten war. Als ich mich umdrehte, sah ich Samira. Sie lächelte, schaute mich aber kaum an, sondern näherte sich ganz konzentriert mit einer Art Pistole dem Ohr des Ministerpräsidenten. Das Ding in ihrer Hand war ein Fiebermessgerät.
Martin Schwertlein hatte mir also einen zweiten Besuch gewährt. Offensichtlich wollte er den Polizeipräsidenten und vor allem dessen Vorgesetzte, die Frau Innenministerin, nicht vor den Kopf stoßen.
Die Fragen, die sich die Herrschaften eher nicht stellten, die mich aber umso mehr umtrieben, lagen auf der Hand: War ich überhaupt geeignet für diesen „Betreuungsjob“? Passte er zu mir, zu meiner Persönlichkeit? War ich den Erwartungen gewachsen? Hatte ich die Fachkompetenzen? Und vor allem: Hatte ich das kriminalistische und taktische Gespür, das nötig war, um dem Ministerpräsidenten seine Geheimnisse zu entlocken, sollte es solche geben rund um seinen merkwürdigen Emmeramsritt? Eines war klar: Die Sache gestaltete sich von vornherein als echter Spagat. Einerseits sollte ich sinnvoll psychologisch betreuen oder zumindest so tun, aber das so überzeugend, dass mir Schwertlein meine fachpsychologische Expertise abnahm, und andererseits sollte ich ihn aushorchen, aber so, dass es nicht zu sehr seinen Argwohn erregte. Was also brachte ich dafür mit? Ich hatte als Diplompsychologe über dreißig Dienstjahre in der Polizei hinter mir. Jetzt, mit sechzig Jahren, hatte ich so ziemlich alles erlebt, was die Polizei einem Psychologen bieten kann oder von ihm verlangt: Tests für die Personalauswahl, Referate, Seminare, ganze Schulungskonzepte für die Aus- und Fortbildung, Betreuungsmaßnahmen für Polizeibedienstete in der Krise oder nach einem schwierigen Einsatz, Fachberatung in der Einsatzplanung oder während eines Einsatzes, zum Beispiel bei Demonstrationen oder großen Veranstaltungen, Verhandlungen mit Geiselnehmern, Direktkommunikation mit akut suizidalen Menschen oder mutmaßlich psychisch Kranken, die sich bewaffnet haben und andere bedrohen, wissenschaftliche Studien zum Image der Polizei oder zu ihrem Einschreitverhalten, interne Untersuchungen, wenn auf einer Dienststelle der Haussegen schiefhängt oder eine Umorganisation ansteht und so weiter und so fort, eine endlos lange Liste. Fluch und Segen. Spannend, aber auch von einem Feld ins andere hüpfend. Gut, aber befähigte mich all das für meinen Schwertlein-Job? Nur bedingt. Ich war weder ein ausgewiesener klinischer Psychologe mit psychotherapeutischer Approbation, noch war ich kriminalpolizeilich in Vernehmungstechnik weitergebildet. Den Ministerpräsidenten psychologisch betreuen und gleichzeitig in seinen – gerade polizeilich bedeutsamen – Verhaltensweisen und Motiven verstehen, das war schon eine große Herausforderung!
Immerhin war Kommunikation eines meiner beruflichen Leib- und Magenthemen. Damit wollte ich es versuchen.
II
Als ich den Ministerpräsidenten am nächsten Tag, am Sonntagmorgen, wieder besuchte, kam ich auch mit Kommunikationsbemühungen zunächst nicht an ihn ran. Er war mit sich selbst beschäftigt. Wenigstens schrie und klagte er nicht mehr. Stattdessen war nicht zu übersehen, wie er jetzt Samira anhimmelte. Wenn sie ihm Tee brachte, waren es die Düfte des Orients. Beim Blutdruckmessen beschwor er den Blick ihrer großen Augen, ein Blick, der die Lebenskraft in seinen Adern wecken würde. Es war peinlich. Das heißt, Samira war belustigt. Sie verstand ja auch nur die Hälfte. Für meine Person hatte Schwertlein wieder einmal keinen Bedarf. Aber ich musste dem Polizeipräsidenten Bericht erstatten. Was sollte ich vermelden?
Schwertlein war übrigens verheiratet und hatte zwei erwachsene Kinder. Das ältere, der Sohn, arbeitete in einer renommierten Anwaltskanzlei in Nürnberg, die Tochter studierte in Kalifornien. Seine Frau war Geschäftsführerin des elterlichen Hotels in Bamberg. Ehefrau und Sohn kamen noch am Tag des Reitunfalls angereist, besorgt natürlich, aber „nicht über die Maßen“, wie mir der damals anwesende Präsident Frühbeis später verriet.
„Also“, meinte Frau Schwertlein, „dumm daherreden, das konnte mein Mann schon immer. Und einen harten Schädel hat er auch. Wenn die Ärzte nichts Schlimmeres finden, sitzt er bald wieder in der Staatskanzlei.“
Die Ärzte fanden tatsächlich nichts Schlimmeres. Kein Hirntrauma. Selbst die Gehirnerschütterung war kaum nachweisbar. Die „verbalen Entgleisungen“, so hatte das Frühbeis genannt, blieben unerklärlich und weiter besorgniserregend; denn was ich meinem Präsidenten zu berichten wusste, beruhigte niemanden so recht. Mittlerweile hatte man natürlich kriminalpolizeilich „in alle Richtungen ermittelt“. Interessant: Die Personenschützer des Herrn Ministerpräsidenten sagten aus, dass Schwertlein gern mit ihnen im nördlichen Englischen Garten joggen war. Regelmäßig ließ er sich bis zum Isarring fahren, lief dann mit einem Personenschützer von dort durch den Park und über die Emmeram-Brücke und weiter zum Gasthof Emmeramsmühle, wo sein Chauffeur und der zweite Personenschützer mit den Dienstfahrzeugen warteten. Manchmal schickte er auch alle weg, wollte für zwei Stunden oder so allein sein, um zu meditieren, wie er sagte. Jedenfalls kannte Schwertlein die Gegend gut. Umso erstaunlicher, dass er, der geübte Reitersmann, dort vom Pferd gefallen oder vom braven Flucki abgeworfen und dabei auch noch seitlich, nicht unbedingt im Weg liegend, den Bauch des Heiligen Emmeram als Prellbock gefunden haben soll. Schwertleins Mantel war an der Rückennaht leicht eingerissen und am oberen Rückenteil leicht verdreckt. Aus einer kleinen Wasserpfütze zog die Spurensicherung mit einer Pinzette Wollfasern des Mantels. Die Wasserpfütze allerdings war fünf Meter vom Heiligen Emmeram entfernt! Es wurde Zeit, mit dem Ministerpräsidenten darüber zu reden.
Samira hatte Schwertleins Zimmer verlassen, so dass er endlich, wenn auch kein Auge, so doch ein Ohr für mich hatte.
„Herr Ministerpräsident, ich hatte mich Ihnen als Leiter des Psychologischen Dienstes der Bayerischen Polizei vorgestellt. Sie haben nur genickt, vielleicht ganz leicht gelächelt. Ansonsten scheint Sie meine Gegenwart nicht weiter zu interessieren. Na ja, ich bin auch nur ein kleines Licht.“
„Wissen Sie, von kleinen Lichtern bin ich ständig umgeben. Entspannen Sie sich, und erzählen Sie Ihrem Präsidenten, dass ich wieder vollkommen okay bin.“
Etwas mehr Freundlichkeit hätte ich schon erwartet. Da war er wieder, der alte Schwertlein, ein arroganter Machtmensch, der allen als Erstes erklärt, wie mittelmäßig bis winzig klein sie sind neben ihm, dem Lenker und Leiter des Freistaats, dessen schicksalhafte Bestimmung mit dem Amt des bayerischen Ministerpräsidenten selbstverständlich noch nicht ihr Ende gefunden hat. Jetzt saß er fast aufrecht in seinem Krankenbett mit drei Kissen, die ihm Samira untergeschoben hatte, wobei sie, wie ich im Moment, sein Rasierwasser hatte riechen müssen, wahrlich kein Duft des Orients; saß also da mit einem breiten weißen Verband um den Kopf, wie die Soldaten in Kriegsfilmen, und spielte schon wieder den großen Zampano.
Dr. Martin Schwertlein war Ende 50, für sein Alter auffallend schlaksig – so beschrieben ihn gern die Medien, mittelgroß, sein Gesicht markant mit zahlreichen Furchen und Falten, kräftigen Augenbrauen und einem durchdringenden Blick. Die ganze Erscheinung nicht unattraktiv, aber etwas unangenehm. Er war eigentlich kein gelernter Berufspolitiker, der schon als Teenager ein Parteibuch erwirbt und während des Jurastudiums in der Partei-Jugendorganisation erste Führungsfunktionen anstrebt. Er hatte in Erlangen Geschichte studiert und etwas Germanistik – und dort auch seine Frau kennengelernt. Später wurde er in München von der Ludwig-Maximilians-Universität promoviert, magna cum laude, mit einer Arbeit über Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha. Schon merkwürdig, dass der spätere machtbewusste Politiker Schwertlein sich ausgerechnet den kunstsinnigen und politisch liberalen Fürsten ausgesucht hatte. Es lag wohl am Reiterstandbild in Coburg, das ihn so faszinierte und das tatsächlich den guten Herzog Ernst zeigt. Zur Politik kam er, weil ihn ein Studienfreund drängte, Bürgermeister der oberfränkischen Stadt Naila zu werden. Er hätte doch das rhetorische Talent und diesen Ehrgeiz, aus Naila oder auch aus jeder anderen Stadt etwas Besonderes zu machen, und überhaupt diesen Durchsetzungswillen, und er wollte doch schon immer anderen zeigen, dass er’s draufhat, und so weiter. Schwertlein trat zur Wahl an und siegte. Später als Landrat kam er mit dem jetzigen Finanzminister Manfred Brezenegger zusammen. Brezenegger, ein wuchtiger, rotbackiger, erzkonservativer Mann aus der Rosenheimer Gegend, wurde sein großer Mentor und Förderer. Vor allem fütterte er Schwertlein mit den politischen Weisheiten des großen Vorsitzenden seiner Partei, der wiederum der Mentor von Brezenegger war. „Schau den Menschen aufs Maul, aber red ihnen nicht nach dem Mund“, lehrte er ihn, und „du musst den Menschen sagen, worauf es ankommt, nicht was ankommt.“ Das waren schöne Worte. Brezenegger jedenfalls gab sie so zum Besten und Schwertlein hörte gut zu. Gut zuhören konnte er, wenn er sich davon einen persönlichen Vorteil versprach.
Es gibt übrigens eine Geschichte, die erklären hilft, weshalb sich Brezenegger für den „Geisteswissenschaftler Schwertlein“ – Originalton Brezenegger – so rückhaltlos einsetzte. Die Geschichte erzählt Schwertlein gern und in allen Einzelheiten. Sie ist für ihn so etwas wie der Entstehungsmythos seiner grandiosen politischen Karriere. Als Brezenegger den aufstrebenden Landrat Schwertlein kennenlernte, lud er ihn zu einem Skitag ein. Von Brezeneggers Heimatort ist es nur ein Katzensprung in die Tiroler Bergwelt gleich hinter der bayerisch-österreichischen Grenze bei Kufstein. Sie fuhren nach Söll ins Skigebiet Wilder Kaiser und von dort mit der Kabinenbahn auf die Hohe Salve, kein besonders anspruchsvoller Berg für den guten Skifahrer Brezenegger, aber nicht befahrbar für einen Skianfänger. Wenn man oben am Gipfel der Hohen Salve steht, geht es links und rechts, nach Norden und Süden, die ersten hundert Meter steil hinunter. Die Nordflanke ist häufig glatt und eisig, dagegen ist der Schnee der Südseite, wenn von der Sonne beschienen. schön weich, wird dann aber von den schnittigen Wedelexperten zu unschönen Buckeln zusammengeschoben. Schwertlein konnte eigentlich nicht Ski fahren. Das wusste auch Brezenegger. Gut, der kleine Martin stand ein paarmal auf den Brettern, mit den Eltern im Frankenwald und einmal auf dem Ochsenkopf im Fichtelgebirge. Das war’s auch schon. Später fuhr er lieber schnelle Autos und Motorräder, wenn Rennpiste, dann lieber Asphalt als Schnee. Dass ihn Brezenegger, der Schuft, gleich auf diesen Berg mit den Steilhängen führen würde, hatte er nicht erwartet. Jetzt stand er neben dem schon ungeduldig mit den Hüften wackelnden Oberbayern und sollte sich entscheiden, links oder rechts, Eishang oder Buckelpiste. Für einen Moment dachte Schwertlein an Kapitulation. Aber wenn er gesagt hätte, „Manfred, ich komm hier nicht heil runter“, dann wäre er für immer unten durch gewesen, dann hätte ihn Brezenegger fallengelassen. Völlig klar. Während er noch überlegte, hörte er Brezenegger wie aus weiter Ferne sagen: „Wir nehmen den Nordhang.“ Sagte es und drehte sich in Richtung dieses spiegelglatten Abgrunds. Schwertlein neben ihm schaute in die sich auftuende Tiefe. Da aber machte der spätere Ministerpräsident eine Erfahrung, die er an sich noch nie so bewusst wahrgenommen hatte: die Erfahrung der Furchtlosigkeit in heiklen Situationen. Schwertlein kannte keine Angst. Angst war etwas, wovon andere erzählten, etwas, was er bei anderen als merkwürdige Regung, ja als Schwäche wahrnahm, aber nichts, was er selber körperlich spürte, kein wild klopfendes Herz, keine schlotternden Knie, nicht einmal feuchte Hände. Im Kopf spielten sich bloß Kosten-Nutzen-Kalkulationen ab: „Schaff ich’s? Bin ich stärker als der andere? Ist es ratsam, nachzugeben?“ Gedanken, aber keine Gefühle, Kognitionen, aber keine Emotion. Schwertlein also schaute hinunter auf die glatte Piste und wusste, dass er beim ersten oder zweiten Schwung wegrutschen, umkippen oder vornüber aufschlagen würde. Sorgen machte ihm nur die Vorstellung, dass er sich verletzten könnte oder, viel schlimmer, dass er eine lächerliche Figur abgeben würde, wenn er auf dem Hosenboden talwärts sauste. Er war noch in Gedanken, als sich Brezenegger mit seinen Skistöcken abstieß und den Hang hinunter tanzte. Sah elegant aus. Unten, wo es flacher wurde, machte er einen feinen Abbremsschwung und schaute hoch hinauf zu seinem Parteifreund Martin. Jetzt galt’s. Schwertlein fuhr schneidig los, Stockeinsatz rechts, dann Stockeinsatz links. Zu mehr kam er nicht. Die Ski flutschten ihm nach unten weg. Er knallte auf die linke Hüfte und Schulter und dahin ging’s in rasantem Tempo. Eine vogelwilde Rutschpartie. Schneestaub vor den Augen. Die Ski schlugen hart auf, die Bindungen öffneten sich und die so befreiten Bretter purzelten talwärts. Die Stöcke hüpften in den Schlaufen, aber er verlor sie nicht. Abfahrtsläufer fallen nach dem Sturz auch nicht anders! Das war Schwertleins einziger Gedanke, bevor ihm einfiel, dass er mit den Skischuhen abbremsen konnte. Tatsächlich kam seine unkonventionelle Abfahrt nach den hundert steilen Metern langsam zum Stillstand. Brezenegger musste ihm nur ein paar Schritte entgegenstapfen, um ihm aufzuhelfen. „Sauber“, sagte Brezenegger, „alles okay?“ Schwertlein, als er nun doch mit schlotternden Knien, schlotternd wegen der muskulären Anstrengung, aufrecht stand, checkte erst einmal, ob er Schulter- und Hüftgelenk bewegen konnte und ob die Schmerzen auszuhalten waren. „Alles okay!“, sagte er und lächelte etwas verkrampft. Er hatte die Feuertaufe bestanden. Manfred Brezenegger war jetzt sein Freund. Der politische Weg nach oben war geebnet.
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„Der Ministerpräsident ist vom Pferd gefallen!“ Die Nachricht überraschte mich dreifach. Erstens klang die Stimme des Leiters der Einsatzzentrale im Polizeipräsidium seltsam aufgeregt. Normalerweise sind die Leute dort die Ruhe selbst. „Also, wir haben da eine Schießerei. Mehrere Tote. Wahrscheinlich mehrere Täter mit Langwaffen …“ Selbst bei derartigen Meldungen, bei denen einem der Atem stockt, bleiben die ganz ruhig. Zweitens wunderte es mich sehr, dass ich als Polizeipsychologe in so einem Fall alarmiert wurde. Normalerweise, wenn man mich anruft, steht einer auf einem Baukran und droht, hinunterzuspringen oder hält seine Freundin, die ihn verlassen will, in der verbarrikadierten Wohnung gefangen. Solche Sachen. Und drittens ist, normalerweise, der Herr Ministerpräsident ein exzellenter Reiter. Das weiß doch jeder. Schließlich hatte er schon als Schüler beim Anblick eines Reiterstandbildes in Coburg spontan den Entschluss gefasst, das Reiten zu erlernen.
Jedenfalls war die Sache, die der Leiter der Einsatzzentrale, der LEZ, ungewöhnlich aufgeregt berichtete und die ich später mit verstörenden Details angereichert erzählt bekam, wie folgt: Der Bayerische Ministerpräsident Martin Schwertlein hatte am Samstagnachmittag die Reiterstaffel der Münchner Polizei besucht. Er wollte knallhart das berittene Einsatzgeschehen miterleben. Also fuhr man ihn in den Englischen Garten. Dort bestieg er einen stattlichen Braunen und genoss es sehr, wie die charmante Polizeiobermeisterin, deren Pferd er da reiten durfte, ihm huldvoll den Steigbügel hielt. Ein Lächeln, halb Dank halb Hochmütigkeit, dann galoppierte er los und ward bald nicht mehr gesehen. Niemand konnte seinem Husarenritt folgen. Schon gar nicht sein Staatskanzleichef Werner Kneif, den sie ebenfalls aufs Pferd bugsiert hatten. Kneif hat man Sekunden später aus dem Schwabinger Bach gefischt. Aber wo blieb der Ministerpräsident? Lange musste man ihn suchen. Bei der Polizei gingen währenddessen andauernd Notrufe ein. Ein wilder Reiter mit wehendem dunkelgrünem Lodenmantel presche da durchs Unterholz, jage über die Wiesen des nördlichen Englischen Gartens, fahre in eine Schafsherde und springe über die Bäche. Dann hieß es, ein Verrückter zu Pferd hetze die Isar entlang, als sei der Leibhaftige in ihn gefahren. Streifenwagen rechts und links des Flusses brausten längst in Richtung Norden, eine motorisierte Hatz mit Blaulicht und Martinshorn. So eine Verfolgungsfahrt hatte München noch nicht gesehen. Endlich kam der entscheidende Hinweis. Bei der St.-Emmeram-Brücke, die den Englischen Garten mit dem Ortsteil Oberföhring verbindet, war ein mutmaßlich verwirrter Mann aufgefunden worden, der wie von Sinnen auf und ab rannte und sich im Kreis drehte wie ein tanzender Derwisch, nur dass der flatternde dunkle Lodenmantel ihn noch gespenstischer aussehen ließ. Dabei stieß er schreckliche Laute aus, als würde er gemartert wie der Märtyrer Emmeram, den man vor mehr als dreizehnhundert Jahren an eine Leiter gebunden hatte, um ihm Hände und Füße abzuhacken. Später im Rettungswagen hatte sich Martin Schwertlein rasch erholt. Dem Sanitäter warf er ein paar Sätze hin. Das Pferd, dieser Teufel, hätte ihn abgeworfen und gegen den heiligen Emmeram geschleudert. Der hätte ihn schützend in seine Arme genommen und so gerettet.
Tatsächlich befindet sich unweit der Brücke ein Bronzestandbild des Hl. Emmeram und tatsächlich klebten an Emmerams frommem Bauch Haare des Ministerpräsidenten. Das erfuhren wir von der Spurensicherung. Aber das Schlimme waren nicht die vom Notarzt an Ort und Stelle diagnostizierte Gehirnerschütterung und eine vielleicht daraus resultierende kurzeitige Verwirrung. Das Schlimme war, dass Martin Schwertlein, der mächtige Ministerpräsident, sonst hart im Nehmen und immer Realist, nicht aufhörte zu jammern und herumzuschreien. „Mein Hirn, mein Hirn! Wer hat den Gaul verhext? Wer hat mir das angetan? Ich bring sie alle um!“, … und so fort. So ging das die ganze Zeit. Die halbe Staatsregierung, die mittlerweile um sein Krankenbett im Klinikum Bogenhausen versammelt war, geriet in Panik.
Das also war der Moment, als der Leiter der Einsatzzentrale mich anrief. Ich solle sofort ins Bogenhausener Krankenhaus kommen. Unser Chef, Polizeipräsident Rudolf Frühbeis – auch er war selbstverständlich zusammen mit der Innenministerin Teil der nichtärztlichen Visite – hatte das so angeordnet. Man musste jetzt vorsichtig sein. Externe Fachleute hinzuzuziehen, gar die Folgen des Pferdesturzes der Öffentlichkeit mitzuteilen, könnte sich politisch verheerend auswirken. In einem halben Jahr würden Landtagswahlen anstehen. Ein Ministerpräsident mit einem offensichtlichen Dachschaden! Nicht auszudenken!
Vielleicht handelte es sich ja nur um eine vorübergehende Störung. Die Ärzte der Klinik hielten das für denkbar. Freilich hatte man sofort computertomographische und weitere Untersuchungen eingeleitet, um Hirnschädigungen etc. auszuschließen. Der endgültige Befund ließ noch auf sich warten. Zunächst wunderte man sich über die Symptome, sprich: über die Art und Weise, wie sich der Herr Ministerpräsident benahm, vor allem, wie er redete. Das durfte nicht nach außen dringen. Das ganze Haus wurde sofort, eigentlich unter Ärzten eine Selbstverständlichkeit, zum Stillschweigen verpflichtet, auch die Krankenschwestern, auch die eine aus Syrien, die sowieso kaum Deutsch sprach. Die hatte ich vor Schwertleins Patientenzimmer getroffen. Um nicht unvorbereitet einzutreten, hatte ich sie gefragt, wie es dem Herrn Ministerpräsidenten geht und wie er so drauf wäre. Sie verstand mich schlecht und entschuldigte sich damit, dass sie aus Syrien sei und erst seit kurzem in Deutschland lebe. Sie war sehr hübsch und sehr schüchtern, und trotz unserer Sprachbarriere hätte ich mich lieber mit ihr als mit Schwertlein unterhalten. „Samira“ stand auf ihrem Namensschild.
Der Ministerpräsident aber lag jetzt friedlich da und erzählte ungefragt von der jungen Polizistin, die ihm noch den Namen ihres Pferdes ins Ohr geflüstert hatte: Flucki. Na ja, Fury hätte ihm besser gefallen. Fury klingt wild, ungebändigt, so wie sein Ritt. Danach wollte ich ihn fragen. Aber zunächst stellte ich mich vor: Dr. Rolf Umberger, Leiter des Psychologischen Dienstes der Bayerischen Polizei. Der Herr Polizeipräsident Frühbeis sei sehr besorgt. Er hätte mich gebeten, ihm, dem Herrn Ministerpräsidenten, psychologische Betreuung anzubieten. Schwertlein nickte fast unmerklich, so als wollte er ausdrücken: „So was hab ich mir schon gedacht!“ Seine Lippen und Wangen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen, nur kurz, aber dass es verächtlich gemeint war, konnte man sehen. „Ich hab hier genügend Betreuung“, sagte er spitz. „Und jetzt treten Sie zur Seite, damit die Schwester mir Fieber messen kann. Meinetwegen schauen Sie morgen mal vorbei.“ Ich hatte in der Aufregung, dem großen Landesvater so nahe zu sein, gar nicht bemerkt, dass eine Krankenschwester in das äußerst geräumige Zimmer getreten war. Als ich mich umdrehte, sah ich Samira. Sie lächelte, schaute mich aber kaum an, sondern näherte sich ganz konzentriert mit einer Art Pistole dem Ohr des Ministerpräsidenten. Das Ding in ihrer Hand war ein Fiebermessgerät.
Martin Schwertlein hatte mir also einen zweiten Besuch gewährt. Offensichtlich wollte er den Polizeipräsidenten und vor allem dessen Vorgesetzte, die Frau Innenministerin, nicht vor den Kopf stoßen.
Die Fragen, die sich die Herrschaften eher nicht stellten, die mich aber umso mehr umtrieben, lagen auf der Hand: War ich überhaupt geeignet für diesen „Betreuungsjob“? Passte er zu mir, zu meiner Persönlichkeit? War ich den Erwartungen gewachsen? Hatte ich die Fachkompetenzen? Und vor allem: Hatte ich das kriminalistische und taktische Gespür, das nötig war, um dem Ministerpräsidenten seine Geheimnisse zu entlocken, sollte es solche geben rund um seinen merkwürdigen Emmeramsritt? Eines war klar: Die Sache gestaltete sich von vornherein als echter Spagat. Einerseits sollte ich sinnvoll psychologisch betreuen oder zumindest so tun, aber das so überzeugend, dass mir Schwertlein meine fachpsychologische Expertise abnahm, und andererseits sollte ich ihn aushorchen, aber so, dass es nicht zu sehr seinen Argwohn erregte. Was also brachte ich dafür mit? Ich hatte als Diplompsychologe über dreißig Dienstjahre in der Polizei hinter mir. Jetzt, mit sechzig Jahren, hatte ich so ziemlich alles erlebt, was die Polizei einem Psychologen bieten kann oder von ihm verlangt: Tests für die Personalauswahl, Referate, Seminare, ganze Schulungskonzepte für die Aus- und Fortbildung, Betreuungsmaßnahmen für Polizeibedienstete in der Krise oder nach einem schwierigen Einsatz, Fachberatung in der Einsatzplanung oder während eines Einsatzes, zum Beispiel bei Demonstrationen oder großen Veranstaltungen, Verhandlungen mit Geiselnehmern, Direktkommunikation mit akut suizidalen Menschen oder mutmaßlich psychisch Kranken, die sich bewaffnet haben und andere bedrohen, wissenschaftliche Studien zum Image der Polizei oder zu ihrem Einschreitverhalten, interne Untersuchungen, wenn auf einer Dienststelle der Haussegen schiefhängt oder eine Umorganisation ansteht und so weiter und so fort, eine endlos lange Liste. Fluch und Segen. Spannend, aber auch von einem Feld ins andere hüpfend. Gut, aber befähigte mich all das für meinen Schwertlein-Job? Nur bedingt. Ich war weder ein ausgewiesener klinischer Psychologe mit psychotherapeutischer Approbation, noch war ich kriminalpolizeilich in Vernehmungstechnik weitergebildet. Den Ministerpräsidenten psychologisch betreuen und gleichzeitig in seinen – gerade polizeilich bedeutsamen – Verhaltensweisen und Motiven verstehen, das war schon eine große Herausforderung!
Immerhin war Kommunikation eines meiner beruflichen Leib- und Magenthemen. Damit wollte ich es versuchen.
II
Als ich den Ministerpräsidenten am nächsten Tag, am Sonntagmorgen, wieder besuchte, kam ich auch mit Kommunikationsbemühungen zunächst nicht an ihn ran. Er war mit sich selbst beschäftigt. Wenigstens schrie und klagte er nicht mehr. Stattdessen war nicht zu übersehen, wie er jetzt Samira anhimmelte. Wenn sie ihm Tee brachte, waren es die Düfte des Orients. Beim Blutdruckmessen beschwor er den Blick ihrer großen Augen, ein Blick, der die Lebenskraft in seinen Adern wecken würde. Es war peinlich. Das heißt, Samira war belustigt. Sie verstand ja auch nur die Hälfte. Für meine Person hatte Schwertlein wieder einmal keinen Bedarf. Aber ich musste dem Polizeipräsidenten Bericht erstatten. Was sollte ich vermelden?
Schwertlein war übrigens verheiratet und hatte zwei erwachsene Kinder. Das ältere, der Sohn, arbeitete in einer renommierten Anwaltskanzlei in Nürnberg, die Tochter studierte in Kalifornien. Seine Frau war Geschäftsführerin des elterlichen Hotels in Bamberg. Ehefrau und Sohn kamen noch am Tag des Reitunfalls angereist, besorgt natürlich, aber „nicht über die Maßen“, wie mir der damals anwesende Präsident Frühbeis später verriet.
„Also“, meinte Frau Schwertlein, „dumm daherreden, das konnte mein Mann schon immer. Und einen harten Schädel hat er auch. Wenn die Ärzte nichts Schlimmeres finden, sitzt er bald wieder in der Staatskanzlei.“
Die Ärzte fanden tatsächlich nichts Schlimmeres. Kein Hirntrauma. Selbst die Gehirnerschütterung war kaum nachweisbar. Die „verbalen Entgleisungen“, so hatte das Frühbeis genannt, blieben unerklärlich und weiter besorgniserregend; denn was ich meinem Präsidenten zu berichten wusste, beruhigte niemanden so recht. Mittlerweile hatte man natürlich kriminalpolizeilich „in alle Richtungen ermittelt“. Interessant: Die Personenschützer des Herrn Ministerpräsidenten sagten aus, dass Schwertlein gern mit ihnen im nördlichen Englischen Garten joggen war. Regelmäßig ließ er sich bis zum Isarring fahren, lief dann mit einem Personenschützer von dort durch den Park und über die Emmeram-Brücke und weiter zum Gasthof Emmeramsmühle, wo sein Chauffeur und der zweite Personenschützer mit den Dienstfahrzeugen warteten. Manchmal schickte er auch alle weg, wollte für zwei Stunden oder so allein sein, um zu meditieren, wie er sagte. Jedenfalls kannte Schwertlein die Gegend gut. Umso erstaunlicher, dass er, der geübte Reitersmann, dort vom Pferd gefallen oder vom braven Flucki abgeworfen und dabei auch noch seitlich, nicht unbedingt im Weg liegend, den Bauch des Heiligen Emmeram als Prellbock gefunden haben soll. Schwertleins Mantel war an der Rückennaht leicht eingerissen und am oberen Rückenteil leicht verdreckt. Aus einer kleinen Wasserpfütze zog die Spurensicherung mit einer Pinzette Wollfasern des Mantels. Die Wasserpfütze allerdings war fünf Meter vom Heiligen Emmeram entfernt! Es wurde Zeit, mit dem Ministerpräsidenten darüber zu reden.
Samira hatte Schwertleins Zimmer verlassen, so dass er endlich, wenn auch kein Auge, so doch ein Ohr für mich hatte.
„Herr Ministerpräsident, ich hatte mich Ihnen als Leiter des Psychologischen Dienstes der Bayerischen Polizei vorgestellt. Sie haben nur genickt, vielleicht ganz leicht gelächelt. Ansonsten scheint Sie meine Gegenwart nicht weiter zu interessieren. Na ja, ich bin auch nur ein kleines Licht.“
„Wissen Sie, von kleinen Lichtern bin ich ständig umgeben. Entspannen Sie sich, und erzählen Sie Ihrem Präsidenten, dass ich wieder vollkommen okay bin.“
Etwas mehr Freundlichkeit hätte ich schon erwartet. Da war er wieder, der alte Schwertlein, ein arroganter Machtmensch, der allen als Erstes erklärt, wie mittelmäßig bis winzig klein sie sind neben ihm, dem Lenker und Leiter des Freistaats, dessen schicksalhafte Bestimmung mit dem Amt des bayerischen Ministerpräsidenten selbstverständlich noch nicht ihr Ende gefunden hat. Jetzt saß er fast aufrecht in seinem Krankenbett mit drei Kissen, die ihm Samira untergeschoben hatte, wobei sie, wie ich im Moment, sein Rasierwasser hatte riechen müssen, wahrlich kein Duft des Orients; saß also da mit einem breiten weißen Verband um den Kopf, wie die Soldaten in Kriegsfilmen, und spielte schon wieder den großen Zampano.
Dr. Martin Schwertlein war Ende 50, für sein Alter auffallend schlaksig – so beschrieben ihn gern die Medien, mittelgroß, sein Gesicht markant mit zahlreichen Furchen und Falten, kräftigen Augenbrauen und einem durchdringenden Blick. Die ganze Erscheinung nicht unattraktiv, aber etwas unangenehm. Er war eigentlich kein gelernter Berufspolitiker, der schon als Teenager ein Parteibuch erwirbt und während des Jurastudiums in der Partei-Jugendorganisation erste Führungsfunktionen anstrebt. Er hatte in Erlangen Geschichte studiert und etwas Germanistik – und dort auch seine Frau kennengelernt. Später wurde er in München von der Ludwig-Maximilians-Universität promoviert, magna cum laude, mit einer Arbeit über Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha. Schon merkwürdig, dass der spätere machtbewusste Politiker Schwertlein sich ausgerechnet den kunstsinnigen und politisch liberalen Fürsten ausgesucht hatte. Es lag wohl am Reiterstandbild in Coburg, das ihn so faszinierte und das tatsächlich den guten Herzog Ernst zeigt. Zur Politik kam er, weil ihn ein Studienfreund drängte, Bürgermeister der oberfränkischen Stadt Naila zu werden. Er hätte doch das rhetorische Talent und diesen Ehrgeiz, aus Naila oder auch aus jeder anderen Stadt etwas Besonderes zu machen, und überhaupt diesen Durchsetzungswillen, und er wollte doch schon immer anderen zeigen, dass er’s draufhat, und so weiter. Schwertlein trat zur Wahl an und siegte. Später als Landrat kam er mit dem jetzigen Finanzminister Manfred Brezenegger zusammen. Brezenegger, ein wuchtiger, rotbackiger, erzkonservativer Mann aus der Rosenheimer Gegend, wurde sein großer Mentor und Förderer. Vor allem fütterte er Schwertlein mit den politischen Weisheiten des großen Vorsitzenden seiner Partei, der wiederum der Mentor von Brezenegger war. „Schau den Menschen aufs Maul, aber red ihnen nicht nach dem Mund“, lehrte er ihn, und „du musst den Menschen sagen, worauf es ankommt, nicht was ankommt.“ Das waren schöne Worte. Brezenegger jedenfalls gab sie so zum Besten und Schwertlein hörte gut zu. Gut zuhören konnte er, wenn er sich davon einen persönlichen Vorteil versprach.
Es gibt übrigens eine Geschichte, die erklären hilft, weshalb sich Brezenegger für den „Geisteswissenschaftler Schwertlein“ – Originalton Brezenegger – so rückhaltlos einsetzte. Die Geschichte erzählt Schwertlein gern und in allen Einzelheiten. Sie ist für ihn so etwas wie der Entstehungsmythos seiner grandiosen politischen Karriere. Als Brezenegger den aufstrebenden Landrat Schwertlein kennenlernte, lud er ihn zu einem Skitag ein. Von Brezeneggers Heimatort ist es nur ein Katzensprung in die Tiroler Bergwelt gleich hinter der bayerisch-österreichischen Grenze bei Kufstein. Sie fuhren nach Söll ins Skigebiet Wilder Kaiser und von dort mit der Kabinenbahn auf die Hohe Salve, kein besonders anspruchsvoller Berg für den guten Skifahrer Brezenegger, aber nicht befahrbar für einen Skianfänger. Wenn man oben am Gipfel der Hohen Salve steht, geht es links und rechts, nach Norden und Süden, die ersten hundert Meter steil hinunter. Die Nordflanke ist häufig glatt und eisig, dagegen ist der Schnee der Südseite, wenn von der Sonne beschienen. schön weich, wird dann aber von den schnittigen Wedelexperten zu unschönen Buckeln zusammengeschoben. Schwertlein konnte eigentlich nicht Ski fahren. Das wusste auch Brezenegger. Gut, der kleine Martin stand ein paarmal auf den Brettern, mit den Eltern im Frankenwald und einmal auf dem Ochsenkopf im Fichtelgebirge. Das war’s auch schon. Später fuhr er lieber schnelle Autos und Motorräder, wenn Rennpiste, dann lieber Asphalt als Schnee. Dass ihn Brezenegger, der Schuft, gleich auf diesen Berg mit den Steilhängen führen würde, hatte er nicht erwartet. Jetzt stand er neben dem schon ungeduldig mit den Hüften wackelnden Oberbayern und sollte sich entscheiden, links oder rechts, Eishang oder Buckelpiste. Für einen Moment dachte Schwertlein an Kapitulation. Aber wenn er gesagt hätte, „Manfred, ich komm hier nicht heil runter“, dann wäre er für immer unten durch gewesen, dann hätte ihn Brezenegger fallengelassen. Völlig klar. Während er noch überlegte, hörte er Brezenegger wie aus weiter Ferne sagen: „Wir nehmen den Nordhang.“ Sagte es und drehte sich in Richtung dieses spiegelglatten Abgrunds. Schwertlein neben ihm schaute in die sich auftuende Tiefe. Da aber machte der spätere Ministerpräsident eine Erfahrung, die er an sich noch nie so bewusst wahrgenommen hatte: die Erfahrung der Furchtlosigkeit in heiklen Situationen. Schwertlein kannte keine Angst. Angst war etwas, wovon andere erzählten, etwas, was er bei anderen als merkwürdige Regung, ja als Schwäche wahrnahm, aber nichts, was er selber körperlich spürte, kein wild klopfendes Herz, keine schlotternden Knie, nicht einmal feuchte Hände. Im Kopf spielten sich bloß Kosten-Nutzen-Kalkulationen ab: „Schaff ich’s? Bin ich stärker als der andere? Ist es ratsam, nachzugeben?“ Gedanken, aber keine Gefühle, Kognitionen, aber keine Emotion. Schwertlein also schaute hinunter auf die glatte Piste und wusste, dass er beim ersten oder zweiten Schwung wegrutschen, umkippen oder vornüber aufschlagen würde. Sorgen machte ihm nur die Vorstellung, dass er sich verletzten könnte oder, viel schlimmer, dass er eine lächerliche Figur abgeben würde, wenn er auf dem Hosenboden talwärts sauste. Er war noch in Gedanken, als sich Brezenegger mit seinen Skistöcken abstieß und den Hang hinunter tanzte. Sah elegant aus. Unten, wo es flacher wurde, machte er einen feinen Abbremsschwung und schaute hoch hinauf zu seinem Parteifreund Martin. Jetzt galt’s. Schwertlein fuhr schneidig los, Stockeinsatz rechts, dann Stockeinsatz links. Zu mehr kam er nicht. Die Ski flutschten ihm nach unten weg. Er knallte auf die linke Hüfte und Schulter und dahin ging’s in rasantem Tempo. Eine vogelwilde Rutschpartie. Schneestaub vor den Augen. Die Ski schlugen hart auf, die Bindungen öffneten sich und die so befreiten Bretter purzelten talwärts. Die Stöcke hüpften in den Schlaufen, aber er verlor sie nicht. Abfahrtsläufer fallen nach dem Sturz auch nicht anders! Das war Schwertleins einziger Gedanke, bevor ihm einfiel, dass er mit den Skischuhen abbremsen konnte. Tatsächlich kam seine unkonventionelle Abfahrt nach den hundert steilen Metern langsam zum Stillstand. Brezenegger musste ihm nur ein paar Schritte entgegenstapfen, um ihm aufzuhelfen. „Sauber“, sagte Brezenegger, „alles okay?“ Schwertlein, als er nun doch mit schlotternden Knien, schlotternd wegen der muskulären Anstrengung, aufrecht stand, checkte erst einmal, ob er Schulter- und Hüftgelenk bewegen konnte und ob die Schmerzen auszuhalten waren. „Alles okay!“, sagte er und lächelte etwas verkrampft. Er hatte die Feuertaufe bestanden. Manfred Brezenegger war jetzt sein Freund. Der politische Weg nach oben war geebnet.
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