Der Ruf des Kolkraben
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 226
ISBN: 978-3-7116-1596-1
Erscheinungsdatum: 04.05.2026
Ein verborgenes Geheimnis. Eine schmerzhafte Wahrheit. Und eine junge Frau, die sich selbst findet. „Der Ruf des Kolkraben“ geht unter die Haut – ein bewegender Roman voller Spannung, Gefühl und Tiefgang. Ein Must-read für Leser*innen emotionaler Geschichten.
KAPITEL 1
Blätter tanzten im Wind. Rote, gelbe und braune Farbtöne leuchteten im milden Glanz der tief stehenden Nachmittagssonne. Eine plötzliche Böe erfasste die kleinen Tänzer, wirbelte sie in spiralförmigen Bewegungen gen Himmel, ließ sie taumeln, drehen, schweben – bis sie langsam wieder zur Erde sanken. Doch kaum hatten sie den Boden berührt, hob eine neue unsichtbare Kraft sie erneut empor. Eine endlose Choreografie – mal sanft, mal stürmisch, aber immer im Fluss.
„Wie fühlen Sie sich dabei?“
Die Stimme drang nur gedämpft zu ihr durch. Wie durch einen Schleier nahm Fritzi die Worte wahr, doch ihr Geist war noch gefangen in der hypnotischen Bewegung der Blätter.
„Fritzi? Haben Sie mir überhaupt zugehört?“
Beim Klang ihres Namens kehrte sie langsam in die Gegenwart zurück. Die Praxis von Dr. Maren Köster nahm wieder Konturen an. Ihre Augen blinzelten, als müssten sie sich erst an das warme, diffuse Licht des Raumes gewöhnen.
„Ähm … ja … ich … Wie war noch gleich die Frage?“
Die Therapeutin musterte sie – mit dieser Mischung aus sanfter Geduld und aufmerksamer Präsenz, die Fritzi manchmal mehr unter Druck setzte als offene Konfrontation. Ihre Beine waren elegant übereinandergeschlagen, die Hände ruhten ruhig in ihrem Schoß. Der grasgrüne Ohrensessel, in dem sie saß, wirkte wie ein Teil ihrer Persönlichkeit: ruhig, weich, aber nicht nachgiebig.
„Ich hatte den Eindruck, dass Sie eben ganz woanders waren. Wollen Sie mir erzählen, was Sie gerade beschäftigt hat?“
Nein. Eigentlich nicht.
„Ach, ich habe nur kurz über eine Hausarbeit nachgedacht, die bald ansteht.“
Dr. Köster nickte. Keine Eile. Ihre Reaktionen kamen nie überstürzt, nie fordernd. „Wie läuft es eigentlich mit dem Studium? Wenn ich mich recht erinnere, stehen im nächsten Jahr Ihre Abschlussprüfungen an, oder?“
Fritzi unterdrückte ein Seufzen. Ausgerechnet das. Ihr Studium war das Letzte, worüber sie jetzt sprechen wollte. Aber sie hatte sich selbst in diese Sackgasse manövriert. Wieso war ihr nichts Unverfänglicheres eingefallen? Es spielte keine Rolle – Frau Köster war eine Meisterin darin, selbst im Banalen das Wesentliche zu finden.
„Läuft gut. Keine Probleme.“
Ein tiefer Atemzug auf der gegenüberliegenden Seite. Ein Zeichen. Fritzi wusste, was jetzt kam.
„Darf ich Ihnen eine Rückmeldung dazu geben?“
Und los geht’s.
Sie hob den Blick – etwas, das ihr selten leichtfiel. Ihre Augen trafen auf die der Therapeutin, ruhig, offen, aufmerksam.
„Ich bitte darum.“
Eine kleine Pause. Die Worte wurden mit Bedacht gewählt.
„Fritzi, Sie kommen seit über einem Jahr regelmäßig zu mir. Jeden Freitag. Sie haben nie einen Termin versäumt, und wenn, dann nur aus triftigem Grund. Sie sind höflich, hören zu, beantworten meine Fragen. Doch ich habe den Eindruck, dass Sie die Therapie nicht wirklich für sich nutzen. Dass Sie sich eher treiben lassen – statt aktiv nach Veränderung zu suchen.“
Nicht zum ersten Mal. Dieses Thema schwebte seit Monaten zwischen ihnen wie ein ungesagter Vorwurf, der nun endlich ausgesprochen wurde.
Fritzi atmete tief ein, hielt die Luft einen Moment fest, ließ sie langsam wieder entweichen.
„Sie wissen doch, warum ich hier bin.“
„Ja, das weiß ich. Und ich möchte ganz ehrlich mit Ihnen sein: Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen diese Sitzungen nichts bringen, dann müssen wir sie nicht fortsetzen. Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.“
Treffer. Versenkt. Frau Köster wusste genau, wo sie ansetzen musste.
Fritzi senkte den Blick. Ihre Finger begannen, nervös an der Haut ihres rechten Zeigefingers zu zupfen. Entscheidungen. Das Wort hallte in ihr nach wie ein Echo in einem leeren Raum. Entscheidungen treffen – eine ihrer größten Schwächen. Oder, wie Frau Köster es wohl ausdrücken würde: eine ihrer größten Entwicklungsaufgaben.
Sie mochte es, sich treiben zu lassen. Im Strom zu schwimmen, nicht gegen ihn. Warum Energie verschwenden? Es war ja nicht so, dass sie keine Meinung hatte – sie musste sie nur nicht laut äußern. Und schon gar nicht verteidigen.
Und doch … manchmal brachte sie das an den Rand ihrer Kraft.
Sie stellte sich vor, wie sie jetzt einfach ehrlich war. Wie sie sagte:
Ja, Frau Köster, Sie haben recht. Ich komme hierher, weil es von mir erwartet wird. Aber tief in mir drin glaube ich nicht, dass diese Gespräche etwas ändern werden. Ich erzähle Ihnen Dinge, weil Sie fragen. Ich lasse Sie ein bisschen in meine Welt, weil Sie geschickt darin sind, Zugang zu finden. Aber wirkliche Veränderung? Die wird nicht passieren. Nicht, weil Sie schlecht arbeiten – im Gegenteil. Sondern weil ich keine gute Patientin bin. Deshalb möchte ich die Therapie beenden. Danke für alles.
Allein der Gedanke daran ließ ihr Herz schneller schlagen. Es rauschte in ihren Ohren, eine Welle heißer Nervosität brandete in ihr auf. Doch gleichzeitig wuchs etwas in ihr – ein Funken Klarheit, fast so etwas wie Entschlossenheit.
Sie holte tief Luft.
Ein kurzer Moment des Zögerns.
„Es tut mir leid, wenn es den Anschein macht, als würde ich meine Zeit hier verschwenden. Es fällt mir tatsächlich schwer, mich auf die Therapie einzulassen, aber …“ – sie schluckte, ihr Blick wich wieder zu Boden – „… aber ich glaube, dass es trotzdem etwas in mir bewegt. Und ich möchte dem Ganzen eine Chance geben.“
Da war er – der Bruch zwischen innerem Impuls und gesprochener Realität. Worte, weichgespült von alten Mustern. Die Enttäuschung schmeckte bitter.
„Okay, Fritzi. Dann setzen wir nächste Woche fort. Unsere Zeit ist für heute um. Bis nächste Woche.“
Ein Lächeln huschte über Fritzis Lippen – schmal, kontrolliert, nicht ganz echt. Sie erhob sich, verabschiedete sich höflich und verließ die Praxis.
Draußen tanzten noch immer die Blätter im Wind.
Fritzi saß im Schneidersitz auf der breiten Fensterbank ihres WG-Zimmers. Die Alltagskleidung hatte sie gegen einen übergroßen Strickpullover, Thermoleggings und ihre gelben Kuschelsocken getauscht. Zwischen beiden Händen wärmte sich eine dampfende Tasse Pfefferminztee. Draußen war der Tag bereits gegangen. Die Sonne längst verschwunden, die Dämmerung beinahe geschluckt – und doch hielt sich ein letzter Hauch Licht in der Luft, wie ein sanfter Widerstand gegen die aufziehende Dunkelheit. Die Straßenlaternen warfen ihr mattes Leuchten auf das Pflaster vor dem Haus.
Ein leises Klopfen an der Fensterscheibe riss sie aus ihren Gedanken. Fritzi blinzelte, ihr Blick löste sich aus der Tiefe. Sie sah zum Fenster – und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Langsam stand sie auf, stellte die Teetasse beiseite und öffnete den Fensterflügel. Kalte Novemberluft strömte herein.
„Na, mein Kleiner. So spät noch unterwegs?“
Mit einem kehlig-krächzenden Laut hüpfte Corvin ins Zimmer – ein prächtiger Kolkrabe, größer als viele glauben würden. Kaum jemand weiß, dass diese Vögel zu den größten Singvögeln der Welt zählen. Fritzi liebte sie seit ihrer Kindheit. Dass man sie früher als Unheilsboten verschrien hatte, hielt sie für überholten Aberglauben.
„Komm rein, ich will das Fenster schließen.“
Corvin gehorchte, flatterte auf die Lehne des Sessels am Fenster. Fritzi setzte sich dazu, streichelte ihm sanft über das schwarz glänzende Gefieder. Der Vogel schloss die Augen, ließ es geschehen. Und Fritzi erinnerte sich.
Damals. Sechs Jahre war das her. Ein Familienausflug im Ruderboot, der vertraute See, ein Picknick am anderen Ufer. Nur wenige Meter vor dem Anlegen hatten sie ihn entdeckt: einen dunklen Fleck auf dem Wasser, regungslos, scheinbar leblos. Ein Vogel, dachten sie. Tot, sagten sie. Doch Fritzi bat, näher heranzurudern. Und tatsächlich – er lebte. Der Schnabel leicht geöffnet, die Augen halb geschlossen, der Atem flach. Ohne zu zögern hob sie den kleinen Körper aus dem Wasser, bettete ihn in ein Handtuch. Ratlosigkeit im Boot.
„Was machen wir mit ihm?“
Es war Rita, die als Erste sprach.
„Wir helfen ihm“, antwortete Fritzi, ohne zu überlegen.
Vorsichtig tupfte sie das durchnässte Gefieder trocken. Der Vogel blieb still – aus Erschöpfung? Oder weil er spürte, dass man ihm helfen wollte?
„Wir müssen zum Tierarzt“, sagte Anton ruhig. Sie kehrten um.
In der Praxis von Dr. Meincke blickte man nicht schlecht: Die Bergas mit einem wilden Raben – das war neu.
Hamster, Meerschweinchen, ja. Aber ein Kolkrabe?
„Na, sehen wir mal.“
Der Tierarzt untersuchte den Vogel gründlich.
„Großes Glück gehabt. Er ist in erstaunlich gutem Zustand. Vermutlich jung, unerfahren. Hat sich übernommen, ist abgestürzt. Ich gebe Ihnen Kraftfutter mit, und eine Rotlichtlampe wäre gut. In ein paar Tagen sollte er wieder fliegen können.“
Zuhause baute Fritzi ihm ein Nest aus Tüchern, stellte die Lampe auf. Sie träufelte das Futter vorsichtig in seinen Schnabel. Er schluckte. Ganz brav. In dieser Nacht schlief sie auf dem Boden neben ihm – betend, obwohl sie nie gläubig gewesen war.
Am nächsten Morgen blickten zwei wache, dunkle Augen in ihre.
Es dauerte nicht lange, bis Corvin wieder zu Kräften kam. Zutraulich, verspielt, klug. Fritzi taufte ihn auf seinen Namen. Rita schenkte ihr ein Buch über Rabenvögel – Fritzi verschlang es in einem Zug. Ihre Bewunderung wuchs. Corvin saß auf ihrer Hand, ließ sich füttern, folgte ihr durchs Zimmer wie ein Schatten.
Der Abschied kam. An einem sonnigen Tag.
Im Garten. Fritzi mit Corvin auf der Hand.
„Es wird Zeit“, sagte Rita leise und legte den Arm um ihre Tochter.
Fritzi atmete tief ein.
„Flieg, mein kleiner Freund.“
Corvin zögerte. Dann hob er sich in die Luft. Fritzi weinte. Dicke Tränen. Ihre Eltern hielten sie fest.
„Du hast das großartig gemacht“, sagte Anton.
„Corvin wird dich nie vergessen.“
„Glaubst du das wirklich?“
„Ganz sicher.“
Und tatsächlich – schon am nächsten Nachmittag saß Corvin wieder auf der Terrasse. Seitdem kam er regelmäßig. Frei. Ungebunden. Und doch immer wieder da.
So auch heute.
Wieder dieses leise Gurgeln.
„Frag lieber nicht. Mein Tag war Mist.“
Corvins dunkle Augen blinzelten sie an.
„Köster war wieder in Höchstform. Komfortzone verlassen – blabla. Natürlich hat es nicht funktioniert.“
Sie atmete tief ein.
„Diagnose: ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstruktur. Leichte depressive Episoden. Weißt du, was ich dazu sage, Corvin? Ich bin einfach introvertiert. Melancholisch. Und ich hab keine Lust, anderen ständig meine Meinung aufs Auge zu drücken.“
Corvin neigte den Kopf.
„Es kann doch nicht nur Großmäuler und Zugpferde geben, oder? Es braucht auch die Stillen. Die, die mit dem Strom schwimmen.“
Ein sanftes Krächzen. Corvin hüpfte auf ihre Schulter, knabberte ihr ans Ohr.
„Danke. Du bist der Beste.“
Sie stand auf, öffnete das Fenster. Kalte Nachtluft strömte in den Raum. Corvin blieb sitzen.
„Also gut. Heute Kuschelnest.“
Sie setzte ihn auf seine Stange neben dem Bett, schlüpfte unter die Decke. Das Licht ging aus.
Wer bin ich? Wer will ich sein?
Mit diesen Gedanken glitt sie in einen unruhigen Schlaf.
Nach einem ereignislosen, fast konturlosen Wochenende erschien Fritzi die Mensa am Montagmittag besonders laut und überfordernd. Stimmengewirr brandete an die Wände, das metallische Klirren von Besteck hallte grell durch den Raum, und irgendwo kreischte jemand so schrill vor Lachen, dass es ihr in den Ohren schmerzte.
Sie saß allein an einem der hinteren Tische, die Stirn gegen die kühle Fensterscheibe gelehnt, den Blick nach draußen gerichtet. Dort balgten sich ein paar Spatzen um ein paar achtlos hingeworfene Essensreste neben dem Mülleimer. Sie jagten sich flatternd über das Pflaster, hackten, keiften, gaben keinen Millimeter klein bei. Ein stummes Schauspiel aus Gier und Revierkampf – Auge um Auge, Feder um Feder.
Die Nudeln auf ihrem Teller waren längst kalt, als plötzlich ein dumpfes Poltern sie aus ihrer Trance riss. Jemand ließ sich schwungvoll auf den Stuhl neben ihr fallen. Erschrocken fuhr Fritzi herum, ihre Gabel fiel klirrend aufs Tablett. Schon öffnete sie den Mund für eine scharfe Bemerkung, doch ein strahlendes Grinsen löste ihren Ärger in Luft auf.
„Na, Rotschopf. Wie ist die Lage?“
„Na, Blondie. Alles im Lot. Und bei dir?“
Alexander Bäumler – Blondie, wie sie ihn liebevoll nannte – ließ sich ihr gegenüber nieder. Auf seinem Tablett thronte ein gigantischer Teller, überquellend von Kartoffelpüree, triefender Soße und undefinierbarem Fleisch.
„Mehr hat nicht draufgepasst, was?“
„Das sind doch keine Teller, das sind Untertassen. Damit spielen Kinder in der Puppenküche.“
„Du übertreibst.“
„Ich bin Realist. Und zu faul für Nachschlag. Energieökonomie, meine Liebe.“
Fritzi schmunzelte, und Alex grinste zurück, bevor er sich mit beeindruckender Entschlossenheit über sein Essen hermachte. Sie beobachtete ihn einen Moment lang und fragte sich zum wiederholten Mal, wie so viel in diesen sportlichen Kerl passte.
Nachdem der erste Berg verschwunden war, hob er den Blick.
„Und? Wie war’s am Freitag bei Kösti?“
Fritzi zuckte mit den Schultern.
„Wie immer eigentlich.“
Alex legte die Gabel beiseite, seine Miene wurde aufmerksam.
„Komm schon, Fritzi. Ich kenn dich, seit du Gummibärchen nach Farben sortiert hast. Du kannst mir nichts vormachen. Was hat die Seelenklempnerin diesmal veranstaltet?“
Es war aussichtslos. Alex hatte diese ruhige, bohrende Art, die keinen Raum für Ausflüchte ließ. Also erzählte sie. Von der Sitzung. Von ihrem Schweigen. Von dem, was sie hatte sagen wollen – und was sie sich nicht getraut hatte. Alex hörte zu. Ohne einzugreifen. Ohne voreilig zu kommentieren. Nur ein gelegentliches Nicken, während er stoisch die Reste auf seinem Teller verputzte. Als sie endete, folgte eine kurze, stille Pause.
„Was macht dir mehr zu schaffen?“, fragte er dann.
„Dass du’s nicht gesagt hast? Oder dass du dir nicht sicher bist, ob du’s überhaupt so gemeint hättest?“
Fritzi war nicht überrascht. Alex stellte keine Fragen um der Fragen willen. Er sah, hörte, verstand – oft mehr, als ihr lieb war.
„Beides“, flüsterte sie.
„Zuerst war ich enttäuscht über mein Schweigen. Ich hatte die Worte doch im Kopf – wie ein inneres Skript. Aber dann … kam nichts. Und später dachte ich: Vielleicht ist es einfach okay, still zu sein. Vielleicht ist das nicht Schwäche. Sondern einfach ich.“
Er kannte diese Seite an ihr. Seit dem Kindergarten. Damals war sie das stille Mädchen gewesen, das lieber beobachtete, als mitspielte. Diejenige, die nicht schrie, sondern in sich zusammenfiel, wenn etwas wehtat.
Er erinnerte sich genau. Sein erster Tag. Ein Junge hatte Fritzi die Schaufel aus der Hand gerissen und sie ausgelacht. Sie hatte kein Wort gesagt. Nur dagestanden. Still. Mit tränenüberströmtem Gesicht. Alex – neu in der Stadt, groß für sein Alter, ungeheuer präsent – hatte sich zwischen sie und den Jungen gestellt, wortlos. Dann hatte er ihm die Schaufel entrissen und ihm mit einem beiläufigen Schwung über den Kopf gezogen.
„Such dir jemanden in deiner Größe“, hatte er gesagt.
Seit diesem Tag war Fritzi seine beste Freundin. Nicht die lauteste. Aber die konstanteste. Und jetzt saß sie da – älter, wacher, aber immer noch mit diesem in sich eingeklappten Blick.
Alex sagte nichts. Er wusste, dass Worte in solchen Momenten nur selten Wirkung zeigten. Stattdessen fragte er leise:
„Hast du nochmal darüber nachgedacht, deinen Eltern zu sagen, wie du die Therapie wirklich empfindest?“
Sie sah auf. Zögerlich.
„Klar. Aber … ich will sie nicht enttäuschen. Ich hab das Gefühl, es gibt ihnen Halt, zu wissen, dass sich jemand kümmert.“
Alex schüttelte langsam den Kopf.
„Aber es geht doch nicht um ihren Halt. Sondern um deinen.“
Natürlich wusste sie das. Aber ihre Eltern hatten sich damals so hilflos gefühlt. In der Pubertät war sie nicht laut gewesen. Kein Geschrei, keine Eskapaden. Nur ein langsames, leises Abdriften. Tage in ihrem Zimmer. Musik, die wehtat. Kaum Worte. Kein Lärm, kein Aufschrei – nur Rückzug.
Nach dem Abi war es etwas besser geworden, aber die Schwere blieb. Ihre Eltern hatten Angst. Und aus dieser Angst heraus den Vorschlag mit der Therapie gemacht.
Sie hatte zugestimmt. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus Liebe.
„Wie wär’s, wenn du’s beim Familienessen am Sonntag ansprichst?“ schlug Alex vor.
„Ich sitz neben dir. Halt dir notfalls die Hand. Versprochen.“
„Vielleicht hast du recht“, murmelte sie.
„So wie’s jetzt ist, bringt’s ja auch nichts.“
„Das ist der Spirit!“ Alex grinste breit.
„Genau so, Mädchen.“
Sie lachten – laut, herzlich, ohne sich zu zügeln. Und in diesem Lachen spürte Fritzi, wie sich etwas in ihr löste. Wie eine Klammer, die für einen Moment nachgab.
Das war Alex’ Gabe. Seine leise Superkraft.
Und für sie: ein Anker.
KAPITEL 2
Es duftete fantastisch. Kaum hatte Fritzi das Haus ihrer Eltern betreten, stieg ihr ein Gemisch aus Gewürzen, Bratenduft und frisch gebackenem Brot in die Nase. Ein warmer, vertrauter Geruch – Heimat in Duftform. Mit einem Mal war sie wieder Kind, kam von der Schule, warf die Tasche in die Ecke, folgte dem Duft in die Küche.
Ein gewohntes Bild bot sich ihr, als sie einen Blick in den offenen Wohn- und Essbereich warf: Rechts in der Küche wirbelte ihre Mutter zwischen dampfenden Töpfen umher, als dirigierte sie ein kleines Orchester aus Töpfen, Pfannen und Gewürzen. Links war ihr Vater dabei, den Tisch zu decken – selbstverständlich nach den exakten Vorgaben seiner Frau. „Das Auge isst mit“, sagte Rita Berga seit jeher. Und sie meinte es ernst.
Es war nicht einfach nur ein gedeckter Tisch – es war eine Inszenierung. Eine cremefarbene Tischdecke mit feinen Stickereien schmiegte sich über das massive Holz, kunstvoll gefaltete Servietten lagen neben poliertem Besteck, und zwei frische Blumensträuße thronten in Vasen, genau so platziert, dass sie Gespräche nicht störten. Dazwischen drei schlanke Kerzenhalter aus Messing, mit zarten Verzierungen – schlicht, aber wirkungsvoll.
Fritzi musste lächeln. Niemand verstand es wie ihre Mutter, aus einem gewöhnlichen Mittagessen ein kleines gesellschaftliches Ereignis zu machen. Mehr als einmal hatte sie Rita gefragt, warum sie daraus kein Business machte. Doch die Antwort war stets dieselbe: „Dann wär’s Arbeit – und Arbeit ist selten genussvoll.“
Gerade wollte Fritzi sich mit einem Klopfen am Türrahmen bemerkbar machen, da ertönte die Haustürklingel. Ihre Eltern blickten auf, Fritzi drehte sich um – im selben Moment stürmte Alex herein, die Haare zerzaust vom Wind, das Grinsen breit wie eh und je.
…
Blätter tanzten im Wind. Rote, gelbe und braune Farbtöne leuchteten im milden Glanz der tief stehenden Nachmittagssonne. Eine plötzliche Böe erfasste die kleinen Tänzer, wirbelte sie in spiralförmigen Bewegungen gen Himmel, ließ sie taumeln, drehen, schweben – bis sie langsam wieder zur Erde sanken. Doch kaum hatten sie den Boden berührt, hob eine neue unsichtbare Kraft sie erneut empor. Eine endlose Choreografie – mal sanft, mal stürmisch, aber immer im Fluss.
„Wie fühlen Sie sich dabei?“
Die Stimme drang nur gedämpft zu ihr durch. Wie durch einen Schleier nahm Fritzi die Worte wahr, doch ihr Geist war noch gefangen in der hypnotischen Bewegung der Blätter.
„Fritzi? Haben Sie mir überhaupt zugehört?“
Beim Klang ihres Namens kehrte sie langsam in die Gegenwart zurück. Die Praxis von Dr. Maren Köster nahm wieder Konturen an. Ihre Augen blinzelten, als müssten sie sich erst an das warme, diffuse Licht des Raumes gewöhnen.
„Ähm … ja … ich … Wie war noch gleich die Frage?“
Die Therapeutin musterte sie – mit dieser Mischung aus sanfter Geduld und aufmerksamer Präsenz, die Fritzi manchmal mehr unter Druck setzte als offene Konfrontation. Ihre Beine waren elegant übereinandergeschlagen, die Hände ruhten ruhig in ihrem Schoß. Der grasgrüne Ohrensessel, in dem sie saß, wirkte wie ein Teil ihrer Persönlichkeit: ruhig, weich, aber nicht nachgiebig.
„Ich hatte den Eindruck, dass Sie eben ganz woanders waren. Wollen Sie mir erzählen, was Sie gerade beschäftigt hat?“
Nein. Eigentlich nicht.
„Ach, ich habe nur kurz über eine Hausarbeit nachgedacht, die bald ansteht.“
Dr. Köster nickte. Keine Eile. Ihre Reaktionen kamen nie überstürzt, nie fordernd. „Wie läuft es eigentlich mit dem Studium? Wenn ich mich recht erinnere, stehen im nächsten Jahr Ihre Abschlussprüfungen an, oder?“
Fritzi unterdrückte ein Seufzen. Ausgerechnet das. Ihr Studium war das Letzte, worüber sie jetzt sprechen wollte. Aber sie hatte sich selbst in diese Sackgasse manövriert. Wieso war ihr nichts Unverfänglicheres eingefallen? Es spielte keine Rolle – Frau Köster war eine Meisterin darin, selbst im Banalen das Wesentliche zu finden.
„Läuft gut. Keine Probleme.“
Ein tiefer Atemzug auf der gegenüberliegenden Seite. Ein Zeichen. Fritzi wusste, was jetzt kam.
„Darf ich Ihnen eine Rückmeldung dazu geben?“
Und los geht’s.
Sie hob den Blick – etwas, das ihr selten leichtfiel. Ihre Augen trafen auf die der Therapeutin, ruhig, offen, aufmerksam.
„Ich bitte darum.“
Eine kleine Pause. Die Worte wurden mit Bedacht gewählt.
„Fritzi, Sie kommen seit über einem Jahr regelmäßig zu mir. Jeden Freitag. Sie haben nie einen Termin versäumt, und wenn, dann nur aus triftigem Grund. Sie sind höflich, hören zu, beantworten meine Fragen. Doch ich habe den Eindruck, dass Sie die Therapie nicht wirklich für sich nutzen. Dass Sie sich eher treiben lassen – statt aktiv nach Veränderung zu suchen.“
Nicht zum ersten Mal. Dieses Thema schwebte seit Monaten zwischen ihnen wie ein ungesagter Vorwurf, der nun endlich ausgesprochen wurde.
Fritzi atmete tief ein, hielt die Luft einen Moment fest, ließ sie langsam wieder entweichen.
„Sie wissen doch, warum ich hier bin.“
„Ja, das weiß ich. Und ich möchte ganz ehrlich mit Ihnen sein: Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen diese Sitzungen nichts bringen, dann müssen wir sie nicht fortsetzen. Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.“
Treffer. Versenkt. Frau Köster wusste genau, wo sie ansetzen musste.
Fritzi senkte den Blick. Ihre Finger begannen, nervös an der Haut ihres rechten Zeigefingers zu zupfen. Entscheidungen. Das Wort hallte in ihr nach wie ein Echo in einem leeren Raum. Entscheidungen treffen – eine ihrer größten Schwächen. Oder, wie Frau Köster es wohl ausdrücken würde: eine ihrer größten Entwicklungsaufgaben.
Sie mochte es, sich treiben zu lassen. Im Strom zu schwimmen, nicht gegen ihn. Warum Energie verschwenden? Es war ja nicht so, dass sie keine Meinung hatte – sie musste sie nur nicht laut äußern. Und schon gar nicht verteidigen.
Und doch … manchmal brachte sie das an den Rand ihrer Kraft.
Sie stellte sich vor, wie sie jetzt einfach ehrlich war. Wie sie sagte:
Ja, Frau Köster, Sie haben recht. Ich komme hierher, weil es von mir erwartet wird. Aber tief in mir drin glaube ich nicht, dass diese Gespräche etwas ändern werden. Ich erzähle Ihnen Dinge, weil Sie fragen. Ich lasse Sie ein bisschen in meine Welt, weil Sie geschickt darin sind, Zugang zu finden. Aber wirkliche Veränderung? Die wird nicht passieren. Nicht, weil Sie schlecht arbeiten – im Gegenteil. Sondern weil ich keine gute Patientin bin. Deshalb möchte ich die Therapie beenden. Danke für alles.
Allein der Gedanke daran ließ ihr Herz schneller schlagen. Es rauschte in ihren Ohren, eine Welle heißer Nervosität brandete in ihr auf. Doch gleichzeitig wuchs etwas in ihr – ein Funken Klarheit, fast so etwas wie Entschlossenheit.
Sie holte tief Luft.
Ein kurzer Moment des Zögerns.
„Es tut mir leid, wenn es den Anschein macht, als würde ich meine Zeit hier verschwenden. Es fällt mir tatsächlich schwer, mich auf die Therapie einzulassen, aber …“ – sie schluckte, ihr Blick wich wieder zu Boden – „… aber ich glaube, dass es trotzdem etwas in mir bewegt. Und ich möchte dem Ganzen eine Chance geben.“
Da war er – der Bruch zwischen innerem Impuls und gesprochener Realität. Worte, weichgespült von alten Mustern. Die Enttäuschung schmeckte bitter.
„Okay, Fritzi. Dann setzen wir nächste Woche fort. Unsere Zeit ist für heute um. Bis nächste Woche.“
Ein Lächeln huschte über Fritzis Lippen – schmal, kontrolliert, nicht ganz echt. Sie erhob sich, verabschiedete sich höflich und verließ die Praxis.
Draußen tanzten noch immer die Blätter im Wind.
Fritzi saß im Schneidersitz auf der breiten Fensterbank ihres WG-Zimmers. Die Alltagskleidung hatte sie gegen einen übergroßen Strickpullover, Thermoleggings und ihre gelben Kuschelsocken getauscht. Zwischen beiden Händen wärmte sich eine dampfende Tasse Pfefferminztee. Draußen war der Tag bereits gegangen. Die Sonne längst verschwunden, die Dämmerung beinahe geschluckt – und doch hielt sich ein letzter Hauch Licht in der Luft, wie ein sanfter Widerstand gegen die aufziehende Dunkelheit. Die Straßenlaternen warfen ihr mattes Leuchten auf das Pflaster vor dem Haus.
Ein leises Klopfen an der Fensterscheibe riss sie aus ihren Gedanken. Fritzi blinzelte, ihr Blick löste sich aus der Tiefe. Sie sah zum Fenster – und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Langsam stand sie auf, stellte die Teetasse beiseite und öffnete den Fensterflügel. Kalte Novemberluft strömte herein.
„Na, mein Kleiner. So spät noch unterwegs?“
Mit einem kehlig-krächzenden Laut hüpfte Corvin ins Zimmer – ein prächtiger Kolkrabe, größer als viele glauben würden. Kaum jemand weiß, dass diese Vögel zu den größten Singvögeln der Welt zählen. Fritzi liebte sie seit ihrer Kindheit. Dass man sie früher als Unheilsboten verschrien hatte, hielt sie für überholten Aberglauben.
„Komm rein, ich will das Fenster schließen.“
Corvin gehorchte, flatterte auf die Lehne des Sessels am Fenster. Fritzi setzte sich dazu, streichelte ihm sanft über das schwarz glänzende Gefieder. Der Vogel schloss die Augen, ließ es geschehen. Und Fritzi erinnerte sich.
Damals. Sechs Jahre war das her. Ein Familienausflug im Ruderboot, der vertraute See, ein Picknick am anderen Ufer. Nur wenige Meter vor dem Anlegen hatten sie ihn entdeckt: einen dunklen Fleck auf dem Wasser, regungslos, scheinbar leblos. Ein Vogel, dachten sie. Tot, sagten sie. Doch Fritzi bat, näher heranzurudern. Und tatsächlich – er lebte. Der Schnabel leicht geöffnet, die Augen halb geschlossen, der Atem flach. Ohne zu zögern hob sie den kleinen Körper aus dem Wasser, bettete ihn in ein Handtuch. Ratlosigkeit im Boot.
„Was machen wir mit ihm?“
Es war Rita, die als Erste sprach.
„Wir helfen ihm“, antwortete Fritzi, ohne zu überlegen.
Vorsichtig tupfte sie das durchnässte Gefieder trocken. Der Vogel blieb still – aus Erschöpfung? Oder weil er spürte, dass man ihm helfen wollte?
„Wir müssen zum Tierarzt“, sagte Anton ruhig. Sie kehrten um.
In der Praxis von Dr. Meincke blickte man nicht schlecht: Die Bergas mit einem wilden Raben – das war neu.
Hamster, Meerschweinchen, ja. Aber ein Kolkrabe?
„Na, sehen wir mal.“
Der Tierarzt untersuchte den Vogel gründlich.
„Großes Glück gehabt. Er ist in erstaunlich gutem Zustand. Vermutlich jung, unerfahren. Hat sich übernommen, ist abgestürzt. Ich gebe Ihnen Kraftfutter mit, und eine Rotlichtlampe wäre gut. In ein paar Tagen sollte er wieder fliegen können.“
Zuhause baute Fritzi ihm ein Nest aus Tüchern, stellte die Lampe auf. Sie träufelte das Futter vorsichtig in seinen Schnabel. Er schluckte. Ganz brav. In dieser Nacht schlief sie auf dem Boden neben ihm – betend, obwohl sie nie gläubig gewesen war.
Am nächsten Morgen blickten zwei wache, dunkle Augen in ihre.
Es dauerte nicht lange, bis Corvin wieder zu Kräften kam. Zutraulich, verspielt, klug. Fritzi taufte ihn auf seinen Namen. Rita schenkte ihr ein Buch über Rabenvögel – Fritzi verschlang es in einem Zug. Ihre Bewunderung wuchs. Corvin saß auf ihrer Hand, ließ sich füttern, folgte ihr durchs Zimmer wie ein Schatten.
Der Abschied kam. An einem sonnigen Tag.
Im Garten. Fritzi mit Corvin auf der Hand.
„Es wird Zeit“, sagte Rita leise und legte den Arm um ihre Tochter.
Fritzi atmete tief ein.
„Flieg, mein kleiner Freund.“
Corvin zögerte. Dann hob er sich in die Luft. Fritzi weinte. Dicke Tränen. Ihre Eltern hielten sie fest.
„Du hast das großartig gemacht“, sagte Anton.
„Corvin wird dich nie vergessen.“
„Glaubst du das wirklich?“
„Ganz sicher.“
Und tatsächlich – schon am nächsten Nachmittag saß Corvin wieder auf der Terrasse. Seitdem kam er regelmäßig. Frei. Ungebunden. Und doch immer wieder da.
So auch heute.
Wieder dieses leise Gurgeln.
„Frag lieber nicht. Mein Tag war Mist.“
Corvins dunkle Augen blinzelten sie an.
„Köster war wieder in Höchstform. Komfortzone verlassen – blabla. Natürlich hat es nicht funktioniert.“
Sie atmete tief ein.
„Diagnose: ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstruktur. Leichte depressive Episoden. Weißt du, was ich dazu sage, Corvin? Ich bin einfach introvertiert. Melancholisch. Und ich hab keine Lust, anderen ständig meine Meinung aufs Auge zu drücken.“
Corvin neigte den Kopf.
„Es kann doch nicht nur Großmäuler und Zugpferde geben, oder? Es braucht auch die Stillen. Die, die mit dem Strom schwimmen.“
Ein sanftes Krächzen. Corvin hüpfte auf ihre Schulter, knabberte ihr ans Ohr.
„Danke. Du bist der Beste.“
Sie stand auf, öffnete das Fenster. Kalte Nachtluft strömte in den Raum. Corvin blieb sitzen.
„Also gut. Heute Kuschelnest.“
Sie setzte ihn auf seine Stange neben dem Bett, schlüpfte unter die Decke. Das Licht ging aus.
Wer bin ich? Wer will ich sein?
Mit diesen Gedanken glitt sie in einen unruhigen Schlaf.
Nach einem ereignislosen, fast konturlosen Wochenende erschien Fritzi die Mensa am Montagmittag besonders laut und überfordernd. Stimmengewirr brandete an die Wände, das metallische Klirren von Besteck hallte grell durch den Raum, und irgendwo kreischte jemand so schrill vor Lachen, dass es ihr in den Ohren schmerzte.
Sie saß allein an einem der hinteren Tische, die Stirn gegen die kühle Fensterscheibe gelehnt, den Blick nach draußen gerichtet. Dort balgten sich ein paar Spatzen um ein paar achtlos hingeworfene Essensreste neben dem Mülleimer. Sie jagten sich flatternd über das Pflaster, hackten, keiften, gaben keinen Millimeter klein bei. Ein stummes Schauspiel aus Gier und Revierkampf – Auge um Auge, Feder um Feder.
Die Nudeln auf ihrem Teller waren längst kalt, als plötzlich ein dumpfes Poltern sie aus ihrer Trance riss. Jemand ließ sich schwungvoll auf den Stuhl neben ihr fallen. Erschrocken fuhr Fritzi herum, ihre Gabel fiel klirrend aufs Tablett. Schon öffnete sie den Mund für eine scharfe Bemerkung, doch ein strahlendes Grinsen löste ihren Ärger in Luft auf.
„Na, Rotschopf. Wie ist die Lage?“
„Na, Blondie. Alles im Lot. Und bei dir?“
Alexander Bäumler – Blondie, wie sie ihn liebevoll nannte – ließ sich ihr gegenüber nieder. Auf seinem Tablett thronte ein gigantischer Teller, überquellend von Kartoffelpüree, triefender Soße und undefinierbarem Fleisch.
„Mehr hat nicht draufgepasst, was?“
„Das sind doch keine Teller, das sind Untertassen. Damit spielen Kinder in der Puppenküche.“
„Du übertreibst.“
„Ich bin Realist. Und zu faul für Nachschlag. Energieökonomie, meine Liebe.“
Fritzi schmunzelte, und Alex grinste zurück, bevor er sich mit beeindruckender Entschlossenheit über sein Essen hermachte. Sie beobachtete ihn einen Moment lang und fragte sich zum wiederholten Mal, wie so viel in diesen sportlichen Kerl passte.
Nachdem der erste Berg verschwunden war, hob er den Blick.
„Und? Wie war’s am Freitag bei Kösti?“
Fritzi zuckte mit den Schultern.
„Wie immer eigentlich.“
Alex legte die Gabel beiseite, seine Miene wurde aufmerksam.
„Komm schon, Fritzi. Ich kenn dich, seit du Gummibärchen nach Farben sortiert hast. Du kannst mir nichts vormachen. Was hat die Seelenklempnerin diesmal veranstaltet?“
Es war aussichtslos. Alex hatte diese ruhige, bohrende Art, die keinen Raum für Ausflüchte ließ. Also erzählte sie. Von der Sitzung. Von ihrem Schweigen. Von dem, was sie hatte sagen wollen – und was sie sich nicht getraut hatte. Alex hörte zu. Ohne einzugreifen. Ohne voreilig zu kommentieren. Nur ein gelegentliches Nicken, während er stoisch die Reste auf seinem Teller verputzte. Als sie endete, folgte eine kurze, stille Pause.
„Was macht dir mehr zu schaffen?“, fragte er dann.
„Dass du’s nicht gesagt hast? Oder dass du dir nicht sicher bist, ob du’s überhaupt so gemeint hättest?“
Fritzi war nicht überrascht. Alex stellte keine Fragen um der Fragen willen. Er sah, hörte, verstand – oft mehr, als ihr lieb war.
„Beides“, flüsterte sie.
„Zuerst war ich enttäuscht über mein Schweigen. Ich hatte die Worte doch im Kopf – wie ein inneres Skript. Aber dann … kam nichts. Und später dachte ich: Vielleicht ist es einfach okay, still zu sein. Vielleicht ist das nicht Schwäche. Sondern einfach ich.“
Er kannte diese Seite an ihr. Seit dem Kindergarten. Damals war sie das stille Mädchen gewesen, das lieber beobachtete, als mitspielte. Diejenige, die nicht schrie, sondern in sich zusammenfiel, wenn etwas wehtat.
Er erinnerte sich genau. Sein erster Tag. Ein Junge hatte Fritzi die Schaufel aus der Hand gerissen und sie ausgelacht. Sie hatte kein Wort gesagt. Nur dagestanden. Still. Mit tränenüberströmtem Gesicht. Alex – neu in der Stadt, groß für sein Alter, ungeheuer präsent – hatte sich zwischen sie und den Jungen gestellt, wortlos. Dann hatte er ihm die Schaufel entrissen und ihm mit einem beiläufigen Schwung über den Kopf gezogen.
„Such dir jemanden in deiner Größe“, hatte er gesagt.
Seit diesem Tag war Fritzi seine beste Freundin. Nicht die lauteste. Aber die konstanteste. Und jetzt saß sie da – älter, wacher, aber immer noch mit diesem in sich eingeklappten Blick.
Alex sagte nichts. Er wusste, dass Worte in solchen Momenten nur selten Wirkung zeigten. Stattdessen fragte er leise:
„Hast du nochmal darüber nachgedacht, deinen Eltern zu sagen, wie du die Therapie wirklich empfindest?“
Sie sah auf. Zögerlich.
„Klar. Aber … ich will sie nicht enttäuschen. Ich hab das Gefühl, es gibt ihnen Halt, zu wissen, dass sich jemand kümmert.“
Alex schüttelte langsam den Kopf.
„Aber es geht doch nicht um ihren Halt. Sondern um deinen.“
Natürlich wusste sie das. Aber ihre Eltern hatten sich damals so hilflos gefühlt. In der Pubertät war sie nicht laut gewesen. Kein Geschrei, keine Eskapaden. Nur ein langsames, leises Abdriften. Tage in ihrem Zimmer. Musik, die wehtat. Kaum Worte. Kein Lärm, kein Aufschrei – nur Rückzug.
Nach dem Abi war es etwas besser geworden, aber die Schwere blieb. Ihre Eltern hatten Angst. Und aus dieser Angst heraus den Vorschlag mit der Therapie gemacht.
Sie hatte zugestimmt. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus Liebe.
„Wie wär’s, wenn du’s beim Familienessen am Sonntag ansprichst?“ schlug Alex vor.
„Ich sitz neben dir. Halt dir notfalls die Hand. Versprochen.“
„Vielleicht hast du recht“, murmelte sie.
„So wie’s jetzt ist, bringt’s ja auch nichts.“
„Das ist der Spirit!“ Alex grinste breit.
„Genau so, Mädchen.“
Sie lachten – laut, herzlich, ohne sich zu zügeln. Und in diesem Lachen spürte Fritzi, wie sich etwas in ihr löste. Wie eine Klammer, die für einen Moment nachgab.
Das war Alex’ Gabe. Seine leise Superkraft.
Und für sie: ein Anker.
KAPITEL 2
Es duftete fantastisch. Kaum hatte Fritzi das Haus ihrer Eltern betreten, stieg ihr ein Gemisch aus Gewürzen, Bratenduft und frisch gebackenem Brot in die Nase. Ein warmer, vertrauter Geruch – Heimat in Duftform. Mit einem Mal war sie wieder Kind, kam von der Schule, warf die Tasche in die Ecke, folgte dem Duft in die Küche.
Ein gewohntes Bild bot sich ihr, als sie einen Blick in den offenen Wohn- und Essbereich warf: Rechts in der Küche wirbelte ihre Mutter zwischen dampfenden Töpfen umher, als dirigierte sie ein kleines Orchester aus Töpfen, Pfannen und Gewürzen. Links war ihr Vater dabei, den Tisch zu decken – selbstverständlich nach den exakten Vorgaben seiner Frau. „Das Auge isst mit“, sagte Rita Berga seit jeher. Und sie meinte es ernst.
Es war nicht einfach nur ein gedeckter Tisch – es war eine Inszenierung. Eine cremefarbene Tischdecke mit feinen Stickereien schmiegte sich über das massive Holz, kunstvoll gefaltete Servietten lagen neben poliertem Besteck, und zwei frische Blumensträuße thronten in Vasen, genau so platziert, dass sie Gespräche nicht störten. Dazwischen drei schlanke Kerzenhalter aus Messing, mit zarten Verzierungen – schlicht, aber wirkungsvoll.
Fritzi musste lächeln. Niemand verstand es wie ihre Mutter, aus einem gewöhnlichen Mittagessen ein kleines gesellschaftliches Ereignis zu machen. Mehr als einmal hatte sie Rita gefragt, warum sie daraus kein Business machte. Doch die Antwort war stets dieselbe: „Dann wär’s Arbeit – und Arbeit ist selten genussvoll.“
Gerade wollte Fritzi sich mit einem Klopfen am Türrahmen bemerkbar machen, da ertönte die Haustürklingel. Ihre Eltern blickten auf, Fritzi drehte sich um – im selben Moment stürmte Alex herein, die Haare zerzaust vom Wind, das Grinsen breit wie eh und je.
…

