Aron
Engel auf vier Pfoten
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 132
ISBN: 978-3-7116-0640-2
Erscheinungsdatum: 08.04.2025
Ein kleiner Hundewelpe wird aus seinem schweren Leben auf der Straße gerettet. Doch anstatt eines raschen Happy Ends erwarten ihn Angst und Ungewissheit über seine Zukunft. Noch ahnt er nicht, dass eine große Aufgabe auf ihn wartet.
Prolog
Hallo,
darf ich mich vorstellen? Ich bin Aron, meines Zeichens: Hund. Welcher Hund genau, das ist mir nicht bekannt. Sie sagen, ich wäre ein Mischling. Wer an meinem exquisiten Mix beteiligt war, weiß ich nur zum Teil: Meine Mama war eine Schäferhündin.
Meinen Papa kenne ich nicht. Mama sprach auch nicht über ihn, nur hin und wieder murmelte sie so etwas vor sich hin wie: „Wüstling, Vergnügen haben wollen und sich dann trollen“, oder auch: „Wenn ich den mal wiedersehe! Lässt mich da mit den Kleinen hängen …“
Als ich das Licht der Welt zum ersten Mal erblickte, irgendwo in einem Land, das Rumänien genannt wird, spürte ich den harten Boden unter mir. Es war ein sonniger, aber klirrend kalter Tag. Ein Lichtstrahl bahnte sich seinen Weg durch die Holzplanken unseres Verschlags und kitzelte meine Nase. Er brachte mich zum Niesen.
Eine samtige Schnauze stupste mich an, ich wurde an ein kuscheliges Fell gedrückt und eine warme, feuchte Zunge leckte mir über mein Gesichtchen.
„Willkommen, Kleiner!“, sagte eine sanfte Stimme.
Es war die Stimme meiner Mama. Ich fühlte mich sogleich wohl und geborgen, ganz besonders, als ich eine weiche Zitze an meiner Schnauze spürte, die mich unwiderstehlich anzog. Irgendwie wusste ich sofort, was ich damit anfangen sollte. Ich begann unmittelbar daran zu saugen. Es war herrlich, wie die warme Milch meine Kehle hinunterrann und meinen kleinen Magen wärmte!
Dann landete ein zweites kleines Körperchen neben mir und gleich danach noch eines. Das waren mein Schwesterchen und mein Brüderchen.
Es stellte sich rasch heraus, dass Brüderchen ein ziemlicher Rüpel war. Er wollte mich und Schwesterchen immer von unseren Zitzen wegdrängen, dabei hatte er doch selbst eine!
„Geh weg!“, fauchte Schwesterchen ihn an, aber das nützte leider nichts.
Wenn Mama es bemerkte, verpasste sie ihm einen kleinen Schlag auf die Nase.
„Hey, du Rüpel, lass das. Du bist nicht alleine auf der Welt! Deine Geschwisterchen dürfen auch einmal“, bekam er dann zu hören.
Aber er war schlau und stellte es oft so an, dass Mama es nicht bemerkte, besonders dann, wenn sie wieder einmal vor sich hin murmelte, über unseren nicht vorhandenen Papa und wie sie unsere kleinen Mägen voll bekommen sollte.
Aber nun möchte ich euch meine Geschichte erzählen. Sie ist gar wundersam.
Kapitel 1
Mama
Mama … Sie war wunderschön! Ihr Fell war unglaublich weich und sie duftete herrlich! Noch heute kann ich ihren Duft riechen und sogleich fühle ich mich wieder geborgen und wohl.
Leider war Mama oft weg. Sie sagte, dass sie Futter suchen musste. Anfangs verstand ich nicht, was das bedeutete. Doch später, als sie uns erlaubte, auf der Straße vor unserem Verschlag zu spielen und uns manchmal zur Futtersuche mitnahm, begriff ich langsam, wie schwierig es war, nahrhaftes Futter zu ergattern. Wir mussten weit laufen, um etwas Essbares zu finden. Und oft genug kamen wir erfolglos zurück.
In unserer Umgebung waren wir nicht gerne gesehen. Die seltsamen großen Wesen auf zwei Beinen, Mama nannte sie Menschen, verjagten uns immer wieder.
„Schaut, dass ihr verschwindet, ihr Schmarotzer!“, hörten wir sie schreien, während sie mit Dingen nach uns warfen.
Aber Mama war schlau und schnell. Sie sagte, dass wir auch so werden müssten, wenn wir auf der Straße überleben wollten. Und Mama kannte gute Plätze, an denen es wunderbar duftete. Genau dort gab es gutes Futter.
Leider waren wir nicht die Einzigen, die diese Plätze kannten. Mama musste immer wieder mit anderen Hunden um Futter kämpfen. Manchmal waren diese viel größer und stärker als Mama, aber Mama war kräftig und vor allem hatte sie einen guten Grund, um für das Futter zu kämpfen: uns!
Immer, wenn wir Hunger hatten und deswegen winselten, tröstete sie uns: „Wartet hier, ich hole euch etwas. Ich bekomme schon etwas Gutes für euch!“
Und das war auch so.
Eines Tages war es wieder soweit. Wir hatten furchtbaren Hunger. Besonders Schwesterchen weinte unaufhörlich, weil ihr Bäuchlein weh tat. Mama drückte uns einen feuchten, warmen Hundekuss auf unsere Köpfchen – und weg war sie.
Wir warteten in unserem Verschlag auf ihre Rückkehr.
Meinem Brüderchen war langweilig. Er hatte nichts Besseres zu tun, als uns auf ein winziges Fleckchen in unserer Behausung zu drängen und uns jedes Mal, wenn wir etwas mehr Platz haben wollten, böse anzuknurren. Ich wollte nicht mit ihm streiten, dazu war ich viel zu hungrig. Und Schwesterchen weinte sowieso nur vor sich hin.
Langsam ging die Sonne unter. Unsere Mägen schmerzten so sehr vor Hunger! Wir erwarteten unsere Mama sehnsüchtig, doch sie kam nicht.
Die Nacht brach an. Mama war immer noch nicht da, auch am folgenden Morgen nicht.
„Mama … Ich habe solchen Hunger!“, schluchzte Schwesterchen immer wieder und bekam schlimmen Schluckauf vom ständigen Weinen.
„Süße, Mama wird sicher bald zurück sein“, versuchte ich sie aufzumuntern, aber meine Stimme klang zu jämmerlich, um ihr Trost zu spenden.
Mittlerweile war auch Brüderchen zu hungrig, um uns zu drangsalieren. Mit einem resignierenden Seufzer verzog er sich in die andere Ecke unseres Verschlags und legte seine Schnauze auf die Vorderbeine, den Blick zum Ausgang gerichtet. Und so warteten wir weiterhin geduldig.
Der Tag verging, ohne dass Mama zurückkehrte – und ein weiterer Tag. Uns war kalt, der Hunger war nun unerträglich und Mama fehlte uns so sehr! Schwesterchen lag zusammengerollt in einer Ecke, Brüderchen starrte unablässig auf den Eingang und meine Hoffnung schwand mit jeder Sekunde mehr. Wir warteten vergeblich.
Schließlich waren wir so hungrig, dass wir es nicht mehr aushalten konnten. Brüderchen meinte patzig: „Die will einfach nichts mehr von uns wissen, hat sich davon gemacht! Hat genug von deinem ständigen Geflenne“, blaffte er Schwesterchen an.
„Wundert mich nicht, ich wäre schon viel früher abgehauen!“
Schwesterchen jaulte gequält auf.
„Die kommt nicht wieder. Wir sind jetzt auf uns alleine gestellt!“
Als ich Brüderchen das sagen hörte, vernebelte dunkler Zorn meine Sinne! Ich konnte kaum noch atmen, so wütend wurde ich. Das war nicht wahr! Und wie gemein er zu unserer Schwester war!
„Lass unsere Schwester in Ruhe, sie kann nichts dafür!“, brüllte ich meinen Bruder an.
„Mama würde uns niemals alleine lassen, ganz sicher nicht! Niemals freiwillig!“
Sobald ich diese Worte ausgesprochen hatte, schoss es mir siedend heiß durch den Kopf: Es musste etwas passiert sein!
Die Trauer, die langsam und unaufhörlich in mir aufstieg, drohte mich zu übermannen.
„Nein!“, meine Gedanken kreisten, „nein, nein, nein, das kann nicht sein!“
Doch je mehr Zeit verging, desto wahrscheinlicher wurde es: Wir würden Mama niemals wiedersehen. Wir mussten hinaus gehen und unser Futter selbst suchen, wenn wir nicht verhungern wollten.
Als die Nacht dem nächsten Morgen wich, fanden die ersten Sonnenstrahlen des Tages ihren Weg durch die Bretterspalten unseres Verschlags und berührten sanft unsere kleinen Nasen. Es kam mir vor, wie wenn sie uns Trost zusprechen wollten. Und so nahmen wir all unseren Mut zusammen und verließen unsere kleine Unterkunft.
Es schien mir, als ob ich die Welt zum ersten Mal richtig sah: Die Hausmauer, an die sich unser windschiefer Verschlag schmiegte, die zerbrochenen Fenster, die Scherben, die darunter lagen, das Dach, das an vielen Stellen bereits eingefallen war. Viele weitere Häuser, die in einem ähnlich schlechten Zustand waren, reihten sich entlang der Straße auf. Schmutz war überall. Andere Hunde lagen träge herum oder schnüffelten in Ecken. Keiner von ihnen wirkte satt und gesund.
Einen der anderen Hunde kannten wir. Es war der alte Sam. Mama hatte sich manchmal mit ihm unterhalten, wenn wir mit ihr draußen waren.
Sam war groß und hager, hatte ein schmutziges, räudiges Fell und roch nicht gut. An manchen Stellen war sein Fell kahl. Darunter kamen Wunden zum Vorschein. Doch Sam hatte eine gute Seele. Er mochte uns.
Auch an diesem Tag suchte Sam unsere Nähe.
„Wo ist denn eure Mama?“, fragte er verdutzt, denn bisher waren wir noch nie ohne Mama auf der Straße gewesen.
„Wir wissen es nicht“, antwortete Brüderchen.
„Sie wollte Futter besorgen.“
„Das ist jetzt schon drei Tage her und sie ist nicht wiedergekommen“, fügte Schwesterchen leise hinzu.
„Wahrscheinlich will sie nichts mehr von uns wissen!“, behauptete Brüderchen im Brustton der Überzeugung.
Wieder stieg der Zorn siedend heiß in mir hoch. Nun reichte es endgültig!
„Rede nicht so einen Blödsinn! Mama lässt uns nicht alleine“, schrie ich und rempelte ihn an.
Das ließ er sich nicht gefallen. Wir begannen ungestüm zu raufen. Schwesterchen jaulte auf: „Hört auf, was würde Mama zu eurem Benehmen sagen! Und ich habe solchen Hunger!“, fügte sie mit kläglicher Stimme hinzu.
Nun stellte sich auch Sam zwischen Brüderchen und mich.
„Hört auf!“, befahl er streng. „Spitzohr hat recht, eure Mama würde euch nie alleine lassen!“
„Spitzohr“ war sein Name für mich. Brüderchen nannte er passend „Rüpel“ und Schwesterchen „Stupsi“.
„Da muss etwas passiert sein“, fuhr Sam fort.
Damit gab er meinen düsteren Gedanken neue Nahrung.
„Stupsi, hör auf zu flennen, ich werde mich mal umhören.“ Und weg war er.
Rüpel begann, im Müll am Straßenrand herumzuschnüffeln.
„Kommt, wir suchen was Fressbares“, meinte er.
Das war wieder einmal typisch für ihn. Wie konnte er in so einer Situation nur ans Fressen denken? Mir war nach Sams Worten nun gar nicht danach zumute. Ich wollte einfach nur zurück in den Verschlag, egal, wie sehr der Hunger an mir nagte.
Ich hatte Angst: Angst um Mama, Angst alleine zu sein, Angst davor, zu verhungern. Aber es half nichts. Schlussendlich siegte der Hunger über meine Angst. Und so begannen Stupsi und ich, ebenfalls im Müll zu wühlen.
Doch da war nichts außer Plastik, Papier und gefährliche Scherben, an denen wir uns verletzen konnten. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wohin wir mit Mama zur Futtersuche gelaufen waren.
„Kommt!“, rief ich meinen Geschwistern zu. „Hier ist nichts, wir müssen weiter!“
Ich begann zu laufen: Die Straße hinunter, dann links und drei Gassen weiter, über das Feld – dort war doch ein Müllplatz, wie Mama ihn nannte. An diesem Ort hatten wir bisher immer etwas gefunden. Doch hier waren auch die anderen, großen Hunde. Ich stoppte, als ich sie in der Ferne sah. Meine Geschwister holten auf.
„Ich geh da nicht hin“, flüsterte Stupsi, als die ersten Hunde in unsere Richtung sahen.
Ihre Blicke schienen uns zu durchbohren und waren alles andere als freundlich. Einer begann sogar, uns tief und bedrohlich anzuknurren. Ich wäre am liebsten auf der Stelle wieder umgekehrt.
Doch Rüpel brachte es auf den Punkt: „Wenn du Hunger hast, musst du hin! Es geht nicht anders.“
„Ich bleib da!“
Stupsi ließ sich auf ihren kleinen Popo fallen. Alles in mir sträubte sich davor, zu den anderen Hunden zu gehen.
„Komm, lass es uns ein Stückchen weiter hinten versuchen“, raunte ich Rüpel zu.
„Feiglinge!“, keifte er zurück, gab aber dann doch klein bei: „Ok, dann ein Stückchen weiter hinten“.
Also, ganz so überzeugt von sich selbst war er wohl doch nicht, das Großmaul!
So liefen wir ein Stückchen weiter nach links, weg von den anderen Hunden und dorthin, wo der Müllberg viel flacher war – und die Chancen, etwas Leckeres zu finden geringer.
„Schnell“, rief Rüpel, „sucht, bevor die anderen uns bemerken und nachkommen!“
Rasch steckten wir unsere Fellnasen zwischen den Müll und schnüffelten, was das Zeug hielt. Was war das hier? Pfui, matschige Tomaten! Meine Nase war ganz voll davon, igitt!
„Weitersuchen, schnell“, dachte ich und wühlte weiter.
Da vernahm ich einen triumphierenden Schrei an meiner rechten Seite: „Ha, Brötchen! Fleisch ist auch noch drinnen! Und Pommes!“
Rüpel war fündig geworden!
Zur selben Zeit knurrte es böse hinter uns. Ich fuhr herum: Hinter uns stand geduckt ein großer, zotteliger, schwarzer Hund, die Zähne böse gefletscht.
„Weg da!“, schrien wir drei zugleich und stoben davon, Rüpel seine Beute fest zwischen den Zähnen eingeklemmt.
Der Schwarze guckte erst einmal verdutzt, aber leider nicht lange. Mit großen Sätzen war er sogleich hinter uns her.
„Fuck“, presste Rüpel durch die Zähne.
Wo der bloß immer diese Ausdrücke her hatte! Mama wäre entsetzt! Doch Blacky hinter uns war weniger beeindruckt und holte immer mehr auf.
„So ein Mist! Gleich hat er uns“, keuchte ich.
In diesem Moment zerriss die Papiertüte mit Rüpels Beute, und die Pommes verteilten sich in einer weitläufigen Spur hinter uns. Gott sei Dank ließ das Blacky innehalten. Gierig begann er zu fressen.
Wir fegten weiter durch die Straßen, zurück zu unserem Verschlag, und gleich hinein. Puh, das war knapp!
Als wir keuchend unsere restliche Beute begutachteten, stellten wir fest, dass das Brötchen und Fleisch noch im Rest der Tüte waren. Gott sei Dank, wir hatten endlich zu fressen!
Natürlich musste Rüpel sich wieder wichtigmachen und die Beute aufteilen. Er nahm sich wie selbstverständlich den größten Teil. Stupsi machte große Augen, als er ihr ihren Anteil hinüberschob. Dieser war natürlich viel kleiner als seiner.
„Mädels brauchen nicht so viel“, meinte er schmatzend zwischen zwei Bissen.
So ein widerlicher Großkotz! Ich gab Stupsi noch etwas von meinem Anteil ab.
„Danke“, flüsterte sie und himmelte mich mit ihren schönen, großen Augen an, die mich so sehr an Mama erinnerten.
Neben dem dumpfen Schmerz, den die Gedanken an Mama hervorriefen, rührte sich ein wenig Stolz in meiner Brust. Vielleicht machte ich mich gut als Bruder?
Als wir alles vertilgt hatten, kuschelten wir uns aneinander.
„Mama ist immer noch nicht da“, dachte ich traurig, bevor mich der Schlaf gnädig umhüllte.
Der nächste Morgen begrüßte uns mit dicken, dunklen Wolken und strömendem Regen. Obwohl der Hunger schon wieder an unseren Eingeweiden nagte, konnten wir einfach nicht aus unserem Verschlag, denn die Straße davor hatte sich in einen reißenden Bach verwandelt.
Gegen Mittag ließ der Regen endlich nach und wir reckten unsere Näschen vorsichtig hinaus. Wir beschlossen nun wieder auf Futtersuche zu gehen.
Auf der Straße erwarteten uns große Lacken, über die wir springen mussten. Wir hatten das Ende unserer Straße noch nicht erreicht, als hinter uns eine Stimme rief: „Halt, bleibt
stehen!“
...
Hallo,
darf ich mich vorstellen? Ich bin Aron, meines Zeichens: Hund. Welcher Hund genau, das ist mir nicht bekannt. Sie sagen, ich wäre ein Mischling. Wer an meinem exquisiten Mix beteiligt war, weiß ich nur zum Teil: Meine Mama war eine Schäferhündin.
Meinen Papa kenne ich nicht. Mama sprach auch nicht über ihn, nur hin und wieder murmelte sie so etwas vor sich hin wie: „Wüstling, Vergnügen haben wollen und sich dann trollen“, oder auch: „Wenn ich den mal wiedersehe! Lässt mich da mit den Kleinen hängen …“
Als ich das Licht der Welt zum ersten Mal erblickte, irgendwo in einem Land, das Rumänien genannt wird, spürte ich den harten Boden unter mir. Es war ein sonniger, aber klirrend kalter Tag. Ein Lichtstrahl bahnte sich seinen Weg durch die Holzplanken unseres Verschlags und kitzelte meine Nase. Er brachte mich zum Niesen.
Eine samtige Schnauze stupste mich an, ich wurde an ein kuscheliges Fell gedrückt und eine warme, feuchte Zunge leckte mir über mein Gesichtchen.
„Willkommen, Kleiner!“, sagte eine sanfte Stimme.
Es war die Stimme meiner Mama. Ich fühlte mich sogleich wohl und geborgen, ganz besonders, als ich eine weiche Zitze an meiner Schnauze spürte, die mich unwiderstehlich anzog. Irgendwie wusste ich sofort, was ich damit anfangen sollte. Ich begann unmittelbar daran zu saugen. Es war herrlich, wie die warme Milch meine Kehle hinunterrann und meinen kleinen Magen wärmte!
Dann landete ein zweites kleines Körperchen neben mir und gleich danach noch eines. Das waren mein Schwesterchen und mein Brüderchen.
Es stellte sich rasch heraus, dass Brüderchen ein ziemlicher Rüpel war. Er wollte mich und Schwesterchen immer von unseren Zitzen wegdrängen, dabei hatte er doch selbst eine!
„Geh weg!“, fauchte Schwesterchen ihn an, aber das nützte leider nichts.
Wenn Mama es bemerkte, verpasste sie ihm einen kleinen Schlag auf die Nase.
„Hey, du Rüpel, lass das. Du bist nicht alleine auf der Welt! Deine Geschwisterchen dürfen auch einmal“, bekam er dann zu hören.
Aber er war schlau und stellte es oft so an, dass Mama es nicht bemerkte, besonders dann, wenn sie wieder einmal vor sich hin murmelte, über unseren nicht vorhandenen Papa und wie sie unsere kleinen Mägen voll bekommen sollte.
Aber nun möchte ich euch meine Geschichte erzählen. Sie ist gar wundersam.
Kapitel 1
Mama
Mama … Sie war wunderschön! Ihr Fell war unglaublich weich und sie duftete herrlich! Noch heute kann ich ihren Duft riechen und sogleich fühle ich mich wieder geborgen und wohl.
Leider war Mama oft weg. Sie sagte, dass sie Futter suchen musste. Anfangs verstand ich nicht, was das bedeutete. Doch später, als sie uns erlaubte, auf der Straße vor unserem Verschlag zu spielen und uns manchmal zur Futtersuche mitnahm, begriff ich langsam, wie schwierig es war, nahrhaftes Futter zu ergattern. Wir mussten weit laufen, um etwas Essbares zu finden. Und oft genug kamen wir erfolglos zurück.
In unserer Umgebung waren wir nicht gerne gesehen. Die seltsamen großen Wesen auf zwei Beinen, Mama nannte sie Menschen, verjagten uns immer wieder.
„Schaut, dass ihr verschwindet, ihr Schmarotzer!“, hörten wir sie schreien, während sie mit Dingen nach uns warfen.
Aber Mama war schlau und schnell. Sie sagte, dass wir auch so werden müssten, wenn wir auf der Straße überleben wollten. Und Mama kannte gute Plätze, an denen es wunderbar duftete. Genau dort gab es gutes Futter.
Leider waren wir nicht die Einzigen, die diese Plätze kannten. Mama musste immer wieder mit anderen Hunden um Futter kämpfen. Manchmal waren diese viel größer und stärker als Mama, aber Mama war kräftig und vor allem hatte sie einen guten Grund, um für das Futter zu kämpfen: uns!
Immer, wenn wir Hunger hatten und deswegen winselten, tröstete sie uns: „Wartet hier, ich hole euch etwas. Ich bekomme schon etwas Gutes für euch!“
Und das war auch so.
Eines Tages war es wieder soweit. Wir hatten furchtbaren Hunger. Besonders Schwesterchen weinte unaufhörlich, weil ihr Bäuchlein weh tat. Mama drückte uns einen feuchten, warmen Hundekuss auf unsere Köpfchen – und weg war sie.
Wir warteten in unserem Verschlag auf ihre Rückkehr.
Meinem Brüderchen war langweilig. Er hatte nichts Besseres zu tun, als uns auf ein winziges Fleckchen in unserer Behausung zu drängen und uns jedes Mal, wenn wir etwas mehr Platz haben wollten, böse anzuknurren. Ich wollte nicht mit ihm streiten, dazu war ich viel zu hungrig. Und Schwesterchen weinte sowieso nur vor sich hin.
Langsam ging die Sonne unter. Unsere Mägen schmerzten so sehr vor Hunger! Wir erwarteten unsere Mama sehnsüchtig, doch sie kam nicht.
Die Nacht brach an. Mama war immer noch nicht da, auch am folgenden Morgen nicht.
„Mama … Ich habe solchen Hunger!“, schluchzte Schwesterchen immer wieder und bekam schlimmen Schluckauf vom ständigen Weinen.
„Süße, Mama wird sicher bald zurück sein“, versuchte ich sie aufzumuntern, aber meine Stimme klang zu jämmerlich, um ihr Trost zu spenden.
Mittlerweile war auch Brüderchen zu hungrig, um uns zu drangsalieren. Mit einem resignierenden Seufzer verzog er sich in die andere Ecke unseres Verschlags und legte seine Schnauze auf die Vorderbeine, den Blick zum Ausgang gerichtet. Und so warteten wir weiterhin geduldig.
Der Tag verging, ohne dass Mama zurückkehrte – und ein weiterer Tag. Uns war kalt, der Hunger war nun unerträglich und Mama fehlte uns so sehr! Schwesterchen lag zusammengerollt in einer Ecke, Brüderchen starrte unablässig auf den Eingang und meine Hoffnung schwand mit jeder Sekunde mehr. Wir warteten vergeblich.
Schließlich waren wir so hungrig, dass wir es nicht mehr aushalten konnten. Brüderchen meinte patzig: „Die will einfach nichts mehr von uns wissen, hat sich davon gemacht! Hat genug von deinem ständigen Geflenne“, blaffte er Schwesterchen an.
„Wundert mich nicht, ich wäre schon viel früher abgehauen!“
Schwesterchen jaulte gequält auf.
„Die kommt nicht wieder. Wir sind jetzt auf uns alleine gestellt!“
Als ich Brüderchen das sagen hörte, vernebelte dunkler Zorn meine Sinne! Ich konnte kaum noch atmen, so wütend wurde ich. Das war nicht wahr! Und wie gemein er zu unserer Schwester war!
„Lass unsere Schwester in Ruhe, sie kann nichts dafür!“, brüllte ich meinen Bruder an.
„Mama würde uns niemals alleine lassen, ganz sicher nicht! Niemals freiwillig!“
Sobald ich diese Worte ausgesprochen hatte, schoss es mir siedend heiß durch den Kopf: Es musste etwas passiert sein!
Die Trauer, die langsam und unaufhörlich in mir aufstieg, drohte mich zu übermannen.
„Nein!“, meine Gedanken kreisten, „nein, nein, nein, das kann nicht sein!“
Doch je mehr Zeit verging, desto wahrscheinlicher wurde es: Wir würden Mama niemals wiedersehen. Wir mussten hinaus gehen und unser Futter selbst suchen, wenn wir nicht verhungern wollten.
Als die Nacht dem nächsten Morgen wich, fanden die ersten Sonnenstrahlen des Tages ihren Weg durch die Bretterspalten unseres Verschlags und berührten sanft unsere kleinen Nasen. Es kam mir vor, wie wenn sie uns Trost zusprechen wollten. Und so nahmen wir all unseren Mut zusammen und verließen unsere kleine Unterkunft.
Es schien mir, als ob ich die Welt zum ersten Mal richtig sah: Die Hausmauer, an die sich unser windschiefer Verschlag schmiegte, die zerbrochenen Fenster, die Scherben, die darunter lagen, das Dach, das an vielen Stellen bereits eingefallen war. Viele weitere Häuser, die in einem ähnlich schlechten Zustand waren, reihten sich entlang der Straße auf. Schmutz war überall. Andere Hunde lagen träge herum oder schnüffelten in Ecken. Keiner von ihnen wirkte satt und gesund.
Einen der anderen Hunde kannten wir. Es war der alte Sam. Mama hatte sich manchmal mit ihm unterhalten, wenn wir mit ihr draußen waren.
Sam war groß und hager, hatte ein schmutziges, räudiges Fell und roch nicht gut. An manchen Stellen war sein Fell kahl. Darunter kamen Wunden zum Vorschein. Doch Sam hatte eine gute Seele. Er mochte uns.
Auch an diesem Tag suchte Sam unsere Nähe.
„Wo ist denn eure Mama?“, fragte er verdutzt, denn bisher waren wir noch nie ohne Mama auf der Straße gewesen.
„Wir wissen es nicht“, antwortete Brüderchen.
„Sie wollte Futter besorgen.“
„Das ist jetzt schon drei Tage her und sie ist nicht wiedergekommen“, fügte Schwesterchen leise hinzu.
„Wahrscheinlich will sie nichts mehr von uns wissen!“, behauptete Brüderchen im Brustton der Überzeugung.
Wieder stieg der Zorn siedend heiß in mir hoch. Nun reichte es endgültig!
„Rede nicht so einen Blödsinn! Mama lässt uns nicht alleine“, schrie ich und rempelte ihn an.
Das ließ er sich nicht gefallen. Wir begannen ungestüm zu raufen. Schwesterchen jaulte auf: „Hört auf, was würde Mama zu eurem Benehmen sagen! Und ich habe solchen Hunger!“, fügte sie mit kläglicher Stimme hinzu.
Nun stellte sich auch Sam zwischen Brüderchen und mich.
„Hört auf!“, befahl er streng. „Spitzohr hat recht, eure Mama würde euch nie alleine lassen!“
„Spitzohr“ war sein Name für mich. Brüderchen nannte er passend „Rüpel“ und Schwesterchen „Stupsi“.
„Da muss etwas passiert sein“, fuhr Sam fort.
Damit gab er meinen düsteren Gedanken neue Nahrung.
„Stupsi, hör auf zu flennen, ich werde mich mal umhören.“ Und weg war er.
Rüpel begann, im Müll am Straßenrand herumzuschnüffeln.
„Kommt, wir suchen was Fressbares“, meinte er.
Das war wieder einmal typisch für ihn. Wie konnte er in so einer Situation nur ans Fressen denken? Mir war nach Sams Worten nun gar nicht danach zumute. Ich wollte einfach nur zurück in den Verschlag, egal, wie sehr der Hunger an mir nagte.
Ich hatte Angst: Angst um Mama, Angst alleine zu sein, Angst davor, zu verhungern. Aber es half nichts. Schlussendlich siegte der Hunger über meine Angst. Und so begannen Stupsi und ich, ebenfalls im Müll zu wühlen.
Doch da war nichts außer Plastik, Papier und gefährliche Scherben, an denen wir uns verletzen konnten. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wohin wir mit Mama zur Futtersuche gelaufen waren.
„Kommt!“, rief ich meinen Geschwistern zu. „Hier ist nichts, wir müssen weiter!“
Ich begann zu laufen: Die Straße hinunter, dann links und drei Gassen weiter, über das Feld – dort war doch ein Müllplatz, wie Mama ihn nannte. An diesem Ort hatten wir bisher immer etwas gefunden. Doch hier waren auch die anderen, großen Hunde. Ich stoppte, als ich sie in der Ferne sah. Meine Geschwister holten auf.
„Ich geh da nicht hin“, flüsterte Stupsi, als die ersten Hunde in unsere Richtung sahen.
Ihre Blicke schienen uns zu durchbohren und waren alles andere als freundlich. Einer begann sogar, uns tief und bedrohlich anzuknurren. Ich wäre am liebsten auf der Stelle wieder umgekehrt.
Doch Rüpel brachte es auf den Punkt: „Wenn du Hunger hast, musst du hin! Es geht nicht anders.“
„Ich bleib da!“
Stupsi ließ sich auf ihren kleinen Popo fallen. Alles in mir sträubte sich davor, zu den anderen Hunden zu gehen.
„Komm, lass es uns ein Stückchen weiter hinten versuchen“, raunte ich Rüpel zu.
„Feiglinge!“, keifte er zurück, gab aber dann doch klein bei: „Ok, dann ein Stückchen weiter hinten“.
Also, ganz so überzeugt von sich selbst war er wohl doch nicht, das Großmaul!
So liefen wir ein Stückchen weiter nach links, weg von den anderen Hunden und dorthin, wo der Müllberg viel flacher war – und die Chancen, etwas Leckeres zu finden geringer.
„Schnell“, rief Rüpel, „sucht, bevor die anderen uns bemerken und nachkommen!“
Rasch steckten wir unsere Fellnasen zwischen den Müll und schnüffelten, was das Zeug hielt. Was war das hier? Pfui, matschige Tomaten! Meine Nase war ganz voll davon, igitt!
„Weitersuchen, schnell“, dachte ich und wühlte weiter.
Da vernahm ich einen triumphierenden Schrei an meiner rechten Seite: „Ha, Brötchen! Fleisch ist auch noch drinnen! Und Pommes!“
Rüpel war fündig geworden!
Zur selben Zeit knurrte es böse hinter uns. Ich fuhr herum: Hinter uns stand geduckt ein großer, zotteliger, schwarzer Hund, die Zähne böse gefletscht.
„Weg da!“, schrien wir drei zugleich und stoben davon, Rüpel seine Beute fest zwischen den Zähnen eingeklemmt.
Der Schwarze guckte erst einmal verdutzt, aber leider nicht lange. Mit großen Sätzen war er sogleich hinter uns her.
„Fuck“, presste Rüpel durch die Zähne.
Wo der bloß immer diese Ausdrücke her hatte! Mama wäre entsetzt! Doch Blacky hinter uns war weniger beeindruckt und holte immer mehr auf.
„So ein Mist! Gleich hat er uns“, keuchte ich.
In diesem Moment zerriss die Papiertüte mit Rüpels Beute, und die Pommes verteilten sich in einer weitläufigen Spur hinter uns. Gott sei Dank ließ das Blacky innehalten. Gierig begann er zu fressen.
Wir fegten weiter durch die Straßen, zurück zu unserem Verschlag, und gleich hinein. Puh, das war knapp!
Als wir keuchend unsere restliche Beute begutachteten, stellten wir fest, dass das Brötchen und Fleisch noch im Rest der Tüte waren. Gott sei Dank, wir hatten endlich zu fressen!
Natürlich musste Rüpel sich wieder wichtigmachen und die Beute aufteilen. Er nahm sich wie selbstverständlich den größten Teil. Stupsi machte große Augen, als er ihr ihren Anteil hinüberschob. Dieser war natürlich viel kleiner als seiner.
„Mädels brauchen nicht so viel“, meinte er schmatzend zwischen zwei Bissen.
So ein widerlicher Großkotz! Ich gab Stupsi noch etwas von meinem Anteil ab.
„Danke“, flüsterte sie und himmelte mich mit ihren schönen, großen Augen an, die mich so sehr an Mama erinnerten.
Neben dem dumpfen Schmerz, den die Gedanken an Mama hervorriefen, rührte sich ein wenig Stolz in meiner Brust. Vielleicht machte ich mich gut als Bruder?
Als wir alles vertilgt hatten, kuschelten wir uns aneinander.
„Mama ist immer noch nicht da“, dachte ich traurig, bevor mich der Schlaf gnädig umhüllte.
Der nächste Morgen begrüßte uns mit dicken, dunklen Wolken und strömendem Regen. Obwohl der Hunger schon wieder an unseren Eingeweiden nagte, konnten wir einfach nicht aus unserem Verschlag, denn die Straße davor hatte sich in einen reißenden Bach verwandelt.
Gegen Mittag ließ der Regen endlich nach und wir reckten unsere Näschen vorsichtig hinaus. Wir beschlossen nun wieder auf Futtersuche zu gehen.
Auf der Straße erwarteten uns große Lacken, über die wir springen mussten. Wir hatten das Ende unserer Straße noch nicht erreicht, als hinter uns eine Stimme rief: „Halt, bleibt
stehen!“
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