Cover: Der Märchengarten und die Rückkehr der Königin

Der Märchengarten und die Rückkehr der Königin


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 134
ISBN: 978-3-7116-0273-2
Erscheinungsdatum: 27.05.2025
Begeben Sie sich auf eine Reise durch Märchen aus verschiedenen Ländern, die ihre verborgene Bedeutung enthüllen und spielerische, pädagogische Impulse vermitteln. Eine Bereicherung für Groß und Klein.
Einleitung


Die Liebe zu Märchen entdeckte ich schon in der frühen Kindheit. Ich hatte das große Glück, dass meine Mutter mir Märchen als Einschlafritual erzählte. Und das gestaltete sie immer besonders schön. Das Märchenbuch war in goldenes Papier eingebunden. Bevor sie mir vorlas, entzündete sie eine Kerze. Dieses abendliche Märchen – oder auch zwei, wenn sie in Stimmung war – war der Höhepunkt des Tages. Während sie erzählte, lebte ich in den Märchenwelten und freute mich oder litt mit meinen Helden mit. Am Ende war immer alles wunderbar. Die Guten mussten gewinnen und die Bösen bestraft werden. Dann war meine Welt in Ordnung – so wie Kinder eben sind.

Während meiner Schulzeit und meiner Ausbildung verlor ich meine Märchen aus den Augen. Erst zu Beginn meiner Tätigkeit als Vorschullehrerin erinnerte ich mich wieder an das Entzücken meiner Kindheit. Ich beschäftigte mich mit den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und las meinen kleinen Schutzbefohlenen die gängigsten Märchen vor. Zu meinem großen Erstaunen konnte ich die meisten Kinder nicht in den Bann ziehen, den ich selbst als Kind erlebt hatte. Da die meisten dieser Märchen auch sehr lang waren, stellte ich immer wieder fest, dass die Kinder sehr unruhig wurden. Ihre Konzentration hielt meist nicht sehr lange an und ich vernahm häufig ein erleichtertes Aufatmen, wenn ich das Buch schloss.

Also legte ich das Märchenbuch zur Seite und ließ die Märchen Märchen sein.

Eines Tages, in der Adventszeit, wurden alle Schüler, auch die Kindergartenkinder, in die Aula der Schule eingeladen, um einer Märchenerzählerin zuzuhören. Ich wusste zwar aus eigener Erfahrung über die Kraft der Märchen Bescheid, war aber sehr kritisch, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass eine Märchenerzählerin hundert Kinder in ihren Bann ziehen konnte. Aber ich wurde eines Besseren belehrt, eines sehr viel Besseren! Ich erlebte etwas Wunderschönes! Eine Stunde in anderen, wunderbaren Welten!

Die Märchenerzählerin war zauberhaft gekleidet, der Raum war liebevoll gestaltet, sie arbeitete mit Kerzen und Klanginstrumenten und vor allem las sie nicht vor. Sie erzählte die Märchen frei und lebendig und hielt ständig den Kontakt zu ihren Zuhörern. Die Erzählungen waren so lebendig, als wäre sie selbst dabei gewesen.

Eine ganze Stunde lang war von den Kindern kein Mucks zu hören. Die Atmosphäre war so fesselnd und gleichzeitig entspannt, dass selbst verhaltensauffällige Kinder, die keine fünf Minuten im Stuhlkreis durchhielten, eine ganze Stunde lang gebannt lauschten und hätten weiterlauschen können.

Dieses Erlebnis erinnerte mich an das, was ich selbst als Kind erleben durfte, und mir wurde sofort klar, dass ich diese narrative Technik auch lernen wollte.

Und so schaute ich mich in der Bildungslandschaft um und entdeckte eine angesehene Schule für Märchen- und Erzählkunst. Zwei Jahre lang ließ ich mich in der Kunst des freien Erzählens für Kinder und Erwachsene ausbilden. Dabei erfuhr ich viel über Märchen, ihre Herkunft und ihre Bedeutung.

Dieses Buch – beruhend auf inzwischen vielen Jahren Erzählerfahrung – soll Ihnen eine Vorstellung geben, welche Art von Märchen für Kinder geeignet sind, wie man diese Märchen erzählen und wie man sie mit den Kindern bearbeiten kann.

Bruno Bettelheim, der weltberühmte Kinder- und Jugendpsychiater, schrieb in seinem Buch „Kinder brauchen Märchen“ Sätze, die mich sehr bewegt haben und die ich nur unterstreichen kann:

„Das Anhören eines Märchens und das Aufnehmen seiner Bilder kann mit dem Ausstreuen von Samen verglichen werden, von dem nur ein Teil im Gemüt des Kindes Wurzeln schlägt. Einige Samenkörner fallen unmittelbar in sein Bewusstsein, andere setzen unbewusste Vorgänge frei. Weitere müssen lange Zeit ruhen, bis das kindliche Gemüt so weit ist, dass sie keimen können; viele bleiben ganz ohne Wirkung. Die Samenkörner aber, die auf fruchtbaren Boden fallen, wachsen zu schönen Blumen und kräftigen Bäumen heran – sie bestärken wichtige Gefühle, vermitteln Einsichten, nähren Hoffnungen und bewältigen Ängste –, und damit bereichern sie das Leben des Kindes in der jeweiligen Zeit und für immer.“




Einteilung der Märchen


Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Märchen: Volks- und Kunstmärchen.

Volksmärchen gibt es wohl von Anbeginn der Zeit, überall auf der Welt und in allen Kulturen. Sie verzaubern nicht nur durch ihre ganz eigene Art der Sprache, sondern sie symbolisieren vor allem die Ordnungsstrukturen des Lebens. Hell und Dunkel, Faul und Fleißig, Gesund und Krank, Gut und Böse! Märchen erzählen von der Welt in all ihren verschiedenen Facetten. Sie beschönigen nichts und doch gibt es immer eine Wendung zum Guten. Volksmärchen sind nicht bloße erfundene Geschichten, sondern sie sind Erzählungen darüber, wie das Leben funktioniert. Sie wurden von Generation zu Generation weitergetragen, weiterentwickelt und prägen das menschliche Lernen und Leben. Und etwa drei Viertel von ihnen sind, was kaum jemand weiß, Geschichten für Erwachsene. Geschichten, die sich die Menschen in der Zeit vor Büchern, Zeitungen, Funk und Fernsehen erzählt haben. Zudem konnten in früheren Zeiten nur die wenigsten Menschen lesen und schreiben, was der verbalen Überlieferung der Volksmärchen einen umso wichtigeren Charakter verlieh.

Die beiden berühmtesten Sammlungen sind die Märchen der Brüder Grimm, die durch die Lande zogen, sich Geschichten erzählen ließen und diese aufschrieben, sowie die Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Kunstmärchen sind literarisch gestaltete Werke. Sie wurden von Schriftstellern erfunden und folgen nicht dem Spannungsbogen der Volksmärchen. Sie werden moralisch nicht vom Leben, sondern von den Persönlichkeiten ihrer Erzähler geprägt und haben dadurch nicht die Dynamik, die das Leben an sich durch den bildhaften Vergleich im Märchen verstehen lässt. Oft genug gibt es auch keinen guten Ausgang, was sie weniger geeignet macht, sie als Lernbeispiel für Kinder oder Erwachsene heranzuziehen. Ebenso ist das Ende dieser Kunstmärchen häufig offen, so dass es keinen befriedigenden Abschluss gibt. Es bleibt ein komisches Gefühl beim Zuhörer übrig, ein „Was soll ich jetzt damit anfangen?“

Die bekanntesten Schöpfer von literarischen Märchen waren Wilhelm Hauff, Ludwig Bechstein und Hans Christian Andersen.




Warum sich Volksmärchen für Kinder und Erwachsene eignen


Bei Volksmärchen ist der Aufbau im Wesentlichen immer derselbe.

Sie beginnen mit einer ungelösten Situation, einem Problem oder einer Sehnsucht.
Dann löst sich die Heldin oder der Held aus der Situation und entscheidet sich, eben diese Situation verändern zu wollen.
Nach einer mehr oder minder langen Wanderung kommt Hilfe in Form einer guten Fee, eines hilfreichen Zwerges oder eines Symbols, wie zum Beispiel eines Schlüssels.
Dann folgt der Kampf, das Bestehen der Prüfung, die Lösung der bevorstehenden Aufgabe. Wenn diese Herausforderung gemeistert ist, folgt die Rückkehr in das eigene Leben. Auch hier wartet eine Herausforderung, nämlich das Erfahrene oder Mitgebrachte bestmöglich in sein Leben einzubringen.
Wenn das gelingt, folgt die Hoch-Zeit, eine Hochzeit oder das Erringen des Erwünschten.

Gegen diese Märchen, die zum Erbe der Menschheit gehören, wird oft der Vorwurf erhoben, sie seien viel zu brutal. Lassen Sie mich das am Beispiel von Hänsel und Gretel erwidern:

Als Erwachsener haben Sie eine Vorstellung davon, was in der Realität passiert, wenn jemand verbrannt wird, wie es in diesem Märchen mit der Hexe geschieht. Wenn Sie die Geschichte hören, die Bilder in Ihnen entstehen lassen und rational ausschmücken, sind diese vielleicht erfüllt von Geschrei, verzweifeltem Toben und dem Geruch von verbranntem Fleisch. Ein vierjähriges Kind hat gar nicht dieses Wissen von den Begleitumständen des Verbranntwerdens. Für das Kind bedeutet das Verbrennen der Hexe schlicht und einfach die Lösung des Problems, die Hexe ist tot und es kann wieder in den Wald gehen, ohne Angst haben zu müssen, da sie ja verbrannt ist.
In dem Märchen von den sieben Raben verliert die Heldin das Hinkelbeinchen, mit dem sie Glasberg hätte aufschließen können, in dem ihre in Raben verwandelten sieben Brüder leben. Als Lösung schneidet sie sich ihren kleinen Finger ab, öffnet mit diesem den Glasberg und erlöst ihre Brüder.

Das ist brutal, wenn man sich die Tat in Technicolor und auf der Großleinwand vorstellt. Tatsächlich geht es aber darum, dass die Intention des Mädchens war, ihre Brüder zu erlösen, koste es, was es wolle.

Für die meisten Kinder ist die innere Logik nachzuvollziehen und selbstverständlich. Gelegentlich wird weitergedacht. Ein Mädchen sagte einmal an der Stelle, dass das aber doch weh tue. Während ich noch kurz überlegte, wie ich ihr antworten sollte, sagte ein Junge zu ihr: „Das ist doch nicht schlimm! Der Finger wächst doch wieder nach.“
An diesem Beispiel lässt sich erkennen, dass es völlig unangebracht ist, das Erleben von Kindern mit erwachsenem Wissen zu messen. Der Maßstab muss sein, welche Märchen das Kind hören möchte und wie es damit umgeht.

Wenn Sie alt genug sind, Tom und Jerry oder Roadrunner und den Kojoten erlebt zu haben, wie sie sich geprügelt und in Grund und Boden gekloppt haben, sollten Sie sich fragen, ob Ihr damaliges kindliches Gemüt unter dieser Brutalität gelitten hat. Hat es nicht? Warum sollte dann Ihr Kind darunter leiden?

Wichtig ist, dass das Kind reif genug ist, die inneren Bilder entwickeln zu können, die vom Vorlesen oder Erzählen der Märchen ausgelöst werden. Dies ist selten vor dem vierten Geburtstag der Fall. Davor liegt die Zeit der Bilderbücher, in der beim Betrachten der Bilder und dem dazugehörigen Erzählen durch eine ältere Person diese Fähigkeit geschult wird.

Kinder reagieren oft sehr originell auf Märchen. Sie lernen dadurch, lösungsorientiert zu denken, ihr „Rucksack fürs Leben“ wird gefüllt. Albert Einstein sagte: „Wenn du intelligente Kinder willst, lies ihnen Märchen vor. Wenn du noch intelligentere Kinder willst, lies ihnen noch mehr Märchen vor!“




Welche Volksmärchen sind für Kinder geeignet?


Grundsätzlich gilt, dass jene Märchen geeignet sind, für die sich das Kind interessiert.
Wenn ich als Mutter oder Vater ein Märchen für mein Kind aussuchen möchte, gibt es ein paar Punkte, die es zu beachten gilt:
Das Märchen sollte nicht zu lang sein und es sollte viele Wiederholungen geben. Als Beispiel kann Frau Holle dienen. Gold- und Pechmarie gehen dieselben Wege und erleben dieselben Situationen. Man kann beim zweiten Mal fragen, was denn jetzt wohl passieren mag. Das schult die Merk- und Wiedergabefähigkeit, sowie die Fähigkeit, aktiv zuzuhören. Darüber hinaus kann das Kind aktiv mitschütteln, wenn es um den Apfelbaum oder die Betten geht. Das gibt Kindern Sicherheit. Es weiß, was kommt und hat Erfolgserlebnisse.
Tiermärchen sind für Kinder absolut faszinierend. Es gibt die Möglichkeit, in Rollenspiele einzutauchen, was das Erlebnis erheblich intensiviert.
Kinder erleben auch Reime als besonders „merk-würdig“. Oft werden diese Reime als erstes im Gedächtnis behalten und unentwegt wiedergegeben. „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“ Oder auch „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Die Sprachentwicklung und der Sinn für Satzmelodie und -rhythmus werden gefördert.




Wie transportiert man ein Märchen?


Es empfiehlt sich, die Märchenstunde in einen rituellen Rahmen zu verpacken. Sei es, wie oben beschrieben, wie ich es als Kind erlebt habe. Sei es auf der Couch mit einem oder zwei Kindern an der Seite. Wichtig ist, dass diese Stunde den immer gleichen Rahmen hat. Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit gibt Kindern Sicherheit. Für größere Gruppen gilt es, etwas mehr Aufwand zu betreiben, da auch Kinder unterschiedliche Individuen sind und sie aus dem „realen Leben“ heraus zu holen, eine besondere Stimmung schafft. Das Arbeiten mit Licht, zum Beispiel Kerzen, oder die Verwandlung der Umgebung mit Tüchern oder schmückendem Beiwerk lässt Kinder in eine völlig andere Erwartungshaltung und Einstellung gleiten. Und dieses Ambiente muss immer gleich sein. Besondere Anreize kann das Einbeziehen der Kinder in die letzten Vor- oder Nachbereitungen sein. Anzünden der Kerzen, Aussuchen des Märchens mittels Glasmurmeln, in denen je ein Märchen steckt, Kerzen löschen, usw.
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