Carma – Ein Hund verändert mein Leben
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 314
ISBN: 978-3-7116-0655-6
Erscheinungsdatum: 26.03.2025
Wenn ein Tier dein Leben ändert, ist es Carma. Denn so heißt der Hund, der Fred Dahns Leben bereichert. Aber nicht nur Carma, auch Hockey, Pope und andere Hunde begegnen Fred auf seinem Lebensweg, den er in „Carma – ein Hund verändert mein Leben“ erzählt.
Vorwort
oder wie alles begann
Die Idee, die mich zum Schreiben dieser Zeilen bewog, beschäftigt mich schon längere Zeit.
Mit der Entschuldigung oder Ausrede: „Das will doch niemand wissen“ verschob ich dieses Vorhaben immer wieder in die Zukunft.
Heute, zurückblickend auf die Zeit, in der dieses Buch entstand, muss ich sagen, es hat sich für mich gelohnt, ganz egal, wie das Endprodukt mal aussehen wird. Ob es das Interesse der Leute weckt, oder auch nicht.
Wird es ein Buch für die Allgemeinheit oder sind es nur Memoiren eines älteren Menschen, der seine Erlebnisse für die Enkel aufgeschrieben hat? Ich kann es nicht sagen.
Für mich war die Zeit des Schreibens eine Reise in meine Vergangenheit, durch die viele Erinnerungen wieder lebendig wurden und in mir der Eindruck entstand, ich hätte diese Episoden meiner Kindheit gerade erlebt.
So manches Mal habe ich das Schreiben unterbrechen müssen, habe mich in meinem Stuhl zurückgelehnt, die Augen geschlossen und mich ganz den Erinnerungen hingegeben.
Doch jetzt dazu, wie alles begann.
Zusammen mit meiner Lebensgefährtin Doro und unseren Hunden Carma und Hockey befanden wir uns auf unserer täglichen Gassirunde in einem von unserem Wohnort nicht weit entfernten Waldstück.
Es war früher Nachmittag und ich erzählte Doro von meinem letzten Treffen mit Ajax, welches gerade drei Stunden zurücklag.
Plötzlich blieb Doro stehen, schaute mich an und sagte: „Sag mal, warum schreibst du eigentlich deine Geschichte um Carma, und wie sie dein Leben verändert hat, nicht auf?
Teile den Menschen dort draußen doch mit, warum du das machst, was du machst und was du mit Menschen und den dazugehörigen Hunden erlebt hast und immer noch erlebst.
Schreib deinen Enkeln auf, und wenn es mehr werden sollte, dann wird es eben ein Buch.“
Da ich mir ihrer Unterstützung sicher sein konnte, begann ich also mit den Vorbereitungen.
Wie schreibt man ein Buch? Was interessiert den Menschen, wie bringe ich die einzelnen Geschichten zu Papier, was kann ich schreiben und was lasse ich weg?
Die Vorstellungen, welche Geschichten und Episoden Bestandteile dieses Buches werden könnten, waren in meinen Gedanken so weit beendet, sodass dann irgendwann der Zeitpunkt kam, sich hinzusetzen und diese einzelnen Geschichten zu Papier zu bringen.
In der hier vorliegenden Erzählung geht es um das Zusammenleben von Mensch und Hund, so wie ich es erlebt habe.
Alle Geschichten beruhen lose auf wahren Erlebnissen, wobei der Anteil an Wahrheit und Fiktion von Geschichte zu Geschichte variiert.
Alle Fellnasen in den einzelnen Geschichten gibt es wirklich. In der Realität sehen sie vielleicht anders aus, gehören anderen Rassen an, sind mal kleiner und mal größer als der Hunde in der jeweiligen Geschichte. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam, die von mir aufgeschriebenen Geschichten, haben aber sie erlebt.
Ich durfte sie und ihre Menschen kennenlernen und konnte dazu beitragen, dass das Individuum Hund und der dazugehörige Mensch sich näher kamen.
Nie hat einer dieser Hunde, ganz gleich, wie er mir beschrieben wurde, versucht, mich zu verletzen. Keiner dieser Hunde wurde seinem Ruf gerecht, mit dem er mir „empfohlen“ wurde.
Wichtig war für mich, aufzuzeigen, dass die Chemie zwischen Mensch und Hund nicht immer stimmen muss. Jeder Hund sollte eine Chance erhalten, wenn der Mensch bereit ist, seine Lebensgestaltung so zu ändern, dass ausreichend Platz für das Familienmitglied HUND vorhanden ist.
Nur so gelingt es, dem Hund als unseren Begleiter ein schönes, ausgeglichenes und erfülltes Hundeleben zu schenken.
Die Erzählung meines Zusammenlebens mit den unterschiedlichsten Vertretern dieser vierbeinigen Spezies beginnt mit meiner Kindheit. Hier wurde meine Verbindung zu diesen Tieren geprägt.
Auch Jahre meines Berufslebens, in dem ich Erfahrungen mit bestimmten Hunderassen machen musste, sowie damit verbundene Erlebnisse sind Bestandteile meiner Geschichten.
Welche Rolle spielt die Politik im Zusammenleben Mensch und Hund und welchen Einfluss hat sie dabei?
Auch die Rolle des Hundes im Wandel unserer Gesellschaft wird von mir in einem Kapitel aus meiner Sicht beleuchtet, wobei insbesondere die Kommerzialisierung rund um den Hund eine Rolle spielt.
Durch meine Hündin Carma kam ich zu einem Hobby, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Sie hat in mir das Interesse geweckt, mit Hunden und den dazugehörigen Menschen zu arbeiten. Mein Ziel war es und ist es immer noch, Hundehaltern zu zeigen, wie ihre Hunde ticken und wie schön und stressfrei ein Zusammenleben sein kann, wenn das Individuum Mensch seinen treuesten Begleiter auf vier Pfoten versteht.
Lieber Leser, ich hoffe, dass beim Lesen dieser Geschichte keine Langeweile auftritt, dass Sie nach dem Lesen unsere vierbeinigen Freunde der Spezies Hund, ganz egal, ob klein oder groß, ob hübsch oder nicht so hübsch, mit anderen Augen sehen.
Fred Dahn
Kapitel 1
Kindheit und Hunde
Wie bereits beschrieben, beginne ich mit meiner Kindheit, welche schon durch das Zusammenleben mit großen und kleinen Hunden geprägt war. Schon damals stellte ich fest, dass mich Fellnasen faszinieren, was wohl mit dazu betragen hat, dass ich bis zum heutigen Tag besondere Gefühle zum Umgang mit diesen Tieren entwickelt habe.
Mittlerweile habe ich ein Alter erreicht, welches von Udo Jürgens so besungen wurde, dass das Leben jetzt anfängt. Recht muss ich ihm geben; die Arbeitsjahre liegen hinter mir und das, was vor mir liegt, gilt es so zu gestalten, dass Langeweile, Frust und Einsamkeit keine bestimmenden Faktoren dieses Lebensabschnittes werden.
Geboren Ende der 50’er Jahre verbrachte ich meine Kindheit auf einem sogenannten Ackerbürgerhof in einer Kleinstadt im heutigen Mecklenburg – Vorpommern.
Meine Mutter und mein Vater waren normale Arbeitnehmer und betrieben, in Nebenbeschäftigung, eine kleine Landwirtschaft mit Ackerbau und Schweinezucht.
Zu diesem Hof gehörten neben Schweinen, Katzen, Hühnern und Kaninchen auch zwei Hunde.
Der erste Hund war ein Dackel-Terrier-Mix, welcher mehr oder weniger gut auf den Namen Rex hörte und dessen Aufgabe darin bestand, dafür zu sorgen, dass Ratten und andere nicht gewünschten Nager sich nicht häuslich niederließen. Ging er dieser Beschäftigung nicht nach, versuchte er in alles zu zwicken, was nach Gummistiefel aussah.
Mehr kann ich zu Rex nicht sagen, da er 1961 über die Regenbogenbrücke ging.
Als zweiten Hund möchte ich Hasso vorstellen, welcher mich bis Ende der 60’er als treuer Hofhund begleitete.
Hasso war ein Herdenschutzhund oder -mischling, den mein Vater nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, 1954, als Welpe aus dem heutigen Serbien mit nach Deutschland brachte.
Mit Hasso verbinde ich viele schöne Erlebnisse, die meine Einstellung und meinen Umgang mit Hunden aller Rassen und Größen wahrscheinlich stark geprägt hat.
Hasso war für mich das, was man sich als Kind unter einem Hund vorstellt.
Er hatte eine Schulterhöhe von ca. 70 cm und wog geschätzte 70–75 Kilogramm und war für mich als Stepke ein Riesenhund, mit dem ich toben und spielen konnte. Sein Fell war auf dem Rücken graumeliert und wurde zum Bauch hin immer heller und er sah aus wie ein Wolf.
Immer wenn ich, auch heute noch, das DEFA-Märchen „Das Feuerzeug“ schaue, erinnert mich der Hund, der die Goldtruhe bewacht, an Hasso, auch wenn dieser Hund ein schwarzes Fell hat und eigentlich unserem Hasso in nichts ähnelte.
Hasso lebte in einer riesigen Hundehütte und bewachte das Haus und die drei dazugehörigen Höfe.
Durch meinen Vater war er so erzogen worden, dass er diese Aufgabe sehr ernst nahm, was so mancher Besucher meines Vaters feststellen musste, wenn er niemanden angetroffen hatte und den Hof wieder verlassen wollte.
Es war nicht so, dass Hasso sein Gebiss einsetzte, aber wenn unangemeldeter Besuch einen der drei Höfe betrat, ließ er dies zu, ein Verlassen des Hofes gestattete er aber nur, wenn mein Vater das entsprechende Kommando gab.
In solchen Fällen setzte Hasso sich vor die Tür, knurrte leise und ließ den „Eindringling“ so lange nicht aus den Augen, bis er das entsprechende Signal bekam.
Diese Erfahrung musste selbst mein Vater machen, als er ohne Haustürschlüssel, sturzbetrunken, versuchte, den mittleren Hof über einen Zugang vom Nachbargrundstück zu erreichen. Über eine geschlossene Verbindungstür wollte er auf unser Grundstück gelangen, hatte hierbei aber die Rechnung ohne Hasso gemacht. Auf der oberen Kante der Tür sitzend, je ein Bein links und rechts der Tür, wurde er von Hasso bemerkt. Aus seinen Gesprächen mit meiner Mutter konnte man schlussfolgern, dass er dort oben längere Zeit auf einer circa fünf Zentimeter breiten, oberen Türabschlusskante sitzend verbringen musste, bis Hasso zuließ, dass er unseren Hof betrat. Ich höre noch heute, wie er am nächsten Tag über Hasso schimpfte, was von meiner Mutter mit den Worten:
„Ich weiß gar nicht, was du hast, das hast du dem Hund doch selbst beigebracht. Hättest du nicht so viel ges …, dann hätte er dich auch erkannt“, kommentiert wurde.
Wir Kinder machten uns eher Gedanken darüber, wie lange man auf so einer Kante wohl sitzen konnte, bevor es anfängt, unangenehm zu werden.
Auch jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, muss ich leise lächeln, und kann mir durchaus vorstellen, welche Schmerzen mein Vater dort auf der Tür sitzend aushalten musste.
Ich glaube, dass mein Vater nach diesem Erlebnis nie wieder ohne Haustürschlüssel das Haus verlassen hat.
Auch klärte dieser Vorfall meine Frage, warum die hintere Haustür, welche von den Höfen ins Haus führte, nie abgeschlossen wurde. Hier passte jemand auf, der verlässlicher und sicherer war als jedes Schloss.
Für mich war Hasso ein riesiger vierbeiniger Freund. Er war es, der mich tröstete, wenn es Ärger mit meiner Mutter gab. Mit ihm zusammen suchte ich in der Hütte Schutz, wenn es regnete, mit dem ich aber auch eine Schmalzschnitte, am Rande einer großen Sandkiste sitzend, teilte und der mir hin und wieder mit seiner großen feuchten Zunge über das Gesicht leckte, was meine Mutter gar nicht gerne sah, von mir aber als Zeichen des Vertrauens gesehen wurde.
Hasso war von meinem Vater zu einem Hund erzogen, der zuverlässig auf Haus und Hof aufpasste, aber gleichzeitig ein toller Kumpel und Spielkamerad für alle Familienmitglieder war.
Uns Kindern gegenüber zeigte er nie aggressives Verhalten; man musste aber beim Spielen und Toben damit rechnen, dass Hasso, aufgrund seiner Größe und seines Gewichtes, die Bremse zu spät einsetzte und man umgelaufen wurde, was nicht immer ganz schmerzfrei verlief.
Musste man in den Abendstunden die Toilette aufsuchen, galt auch hier: „Vorsicht, großer freilaufender Hund“.
Warum?
Unsere Toilette, ohne Wasserspülung, befand sich am Ende des ersten Hofes, was einer Entfernung von ungefähr 20 Metern entsprach.
Vom Haus führten fünf Stufen in den Hof. Musste man jetzt den Hof betreten, galt es als erstes, Licht anzuschalten und auf der obersten Stufe stehend nach Hasso zu rufen. Erschien er dann auf der Bildfläche, konnte man die fünf Stufen hinunter in Richtung Toilette gehen. Dabei begleitete Hasso bis zur Toilette, wartete dort, bis man die Toilette verließ, und begleitete zurück zur Hoftür.
Hielt man diesen Ablauf nicht ein, aus welchen Gründen auch immer, konnte es durchaus passieren, dass Hasso nicht rechtzeitig bremsen konnte und man sich auf dem Boden wiederfand.
So erging es meiner Schwester: Etwas an Magen-Darm erkrankt, versuchte sie in den Abendstunden, so schnell wie möglich die Toilette zu erreichen, hatte hierbei aber die Rechnung ohne Hasso gemacht.
Aufgrund der Dringlichkeit ihres Vorhabens schaltete sie im Laufen das Licht an, stürmte die fünf Stufen hinunter in den Hof, konnte dann noch etwa die Hälfte der Strecke zur Toilette zurücklegen und wurde dann abrupt durch Hassos 75 Kilogramm gestoppt.
Nach dieser Karambolage landete sie auf dem Hinterteil, stand nach kurzer Schrecksekunde auf und stellte fest, dass der Gang zur Toilette sich erübrigt hatte.
Weinend und mit schmutziger Unterwäsche ging sie ins Haus zurück und musste für die nächsten Tage bei ihren Toilettengängen immer begleitet werden. Hasso war ab diesen Moment für meine Schwester ein schwarzes Tuch, was sie bis zum heutigen Tag über alle Hunde ausbreitet.
Ich denke, dass bei ihr die Freude am größten gewesen sein musste, als eine Spültoilette im Haus eingebaut wurde, und somit der für sie so „gefährliche“ Weg zur Toilette nicht mehr notwendig war.
Mittlerweile liegt auch dieses Ereignis mehr als 60 Jahre zurück, trotzdem kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen und zaubert ein kleines Lächeln auf meine Lippen.
Unvergessen sind für mich die Tage, an denen mein Vater, Zigarillo rauchend, zusammen mit Hasso in der Toreinfahrt stand und beide das damals noch nicht so geschäftige Treiben auf der Straße beobachteten.
Mit vorbeikommenden Bekannten wurde ein kurzer, oder manchmal auch längerer Plausch gemacht.
Hasso saß daneben bewegte den Kopf hin und her, als wenn er jedes Wort verstanden hätte.
Im Frühjahr und im Herbst, bei Pflanz- oder Erntearbeiten auf dem Feld war Hasso immer mit dabei. Wenn ich meinen Vater beim Pflanzen von Kartoffeln und deren Ernte unterstützte, lag Hasso auf den leeren Kartoffelsäcken und wartete darauf, dass wir endlich Pause machten und er mit mir auf der angrenzenden Wiese ausgiebig toben konnte.
Für mich waren es Stunden, die ich in meinen Gedanken über die Zeit in eine Schublade abgelegt hatte. Durch das Schreiben dieser Zeilen kommt es mir vor, als hätten diese Ereignisse gerade stattgefunden. Ich empfinde es als Geschenk, nochmals so innig an meine Kindheit und damit verbundene Geschichten mit Hasso erinnert zu werden.
Hasso war der Hund, der in mir den Wunsch weckte: Wenn ich mal erwachsen bin, werde ich mir einen Hund anschaffen. Damals wusste ich noch nicht, dass bis zur Realisierung dieses Wunsches fast ein halbes Jahrhundert vergehen sollte.
Meine berufliche Entwicklung ließ es ganz einfach nicht zu, dass ein Hund früher Einzug in mein Leben hätte halten können. Auch wenn ich oft mit dem Gedanken gespielt hatte, mir schon früher einen Hund anzuschaffen, hat immer die Vernunft gesiegt, dass nicht ausreichend Zeit vorhanden war, um einer ausgeglichenen Hundehaltung gerecht zu werden.
In meinem 12. Lebensjahr hieß es, Abschied von Hasso zu nehmen. Er war schwer erkrankt und mein Vater entschied, dass Hasso von seinem Leiden erlöst werden soll. Im stolzen Alter von 15 Jahren wurde Hasso eingeschläfert und unter einem Apfelbaum auf dem dritten Hof beigesetzt.
Für mich war es die erste traurige Erfahrung, die ich als Kind machen musste, die aber dafür sorgte, dass mein Entschluss, als Erwachsener mal selbst einen Hund zu besitzen, nur noch verstärkt wurde.
Etwa ein Jahr später zog dann Welpe Roxi, ein weiblicher Dorfstraßenmix, ein bisschen Schäferhund, ein bisschen Rottweiler, ein bisschen Spitz usw., bei uns ein.
Auch diese Hündin wurde von meinem Vater zu einem gleichwertigen Familienmitglied erzogen und übernahm nach und nach die Aufgaben, die zuvor durch Hasso wahrgenommen wurden.
Noch heute bewundere ich meinen Vater dafür, mit welcher Ruhe und Ausgeglichenheit er die Erziehung von Roxi durchführte. Nie wurde er laut, nie wurde Roxi beschimpft, Gewalt gab es keine. Mit Ruhe und Ausdauer wurden dieser Hündin die Grundkommandos beigebracht und sie wurde langsam an ihre Aufgaben herangeführt, die sie nach und nach übernahm, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.
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oder wie alles begann
Die Idee, die mich zum Schreiben dieser Zeilen bewog, beschäftigt mich schon längere Zeit.
Mit der Entschuldigung oder Ausrede: „Das will doch niemand wissen“ verschob ich dieses Vorhaben immer wieder in die Zukunft.
Heute, zurückblickend auf die Zeit, in der dieses Buch entstand, muss ich sagen, es hat sich für mich gelohnt, ganz egal, wie das Endprodukt mal aussehen wird. Ob es das Interesse der Leute weckt, oder auch nicht.
Wird es ein Buch für die Allgemeinheit oder sind es nur Memoiren eines älteren Menschen, der seine Erlebnisse für die Enkel aufgeschrieben hat? Ich kann es nicht sagen.
Für mich war die Zeit des Schreibens eine Reise in meine Vergangenheit, durch die viele Erinnerungen wieder lebendig wurden und in mir der Eindruck entstand, ich hätte diese Episoden meiner Kindheit gerade erlebt.
So manches Mal habe ich das Schreiben unterbrechen müssen, habe mich in meinem Stuhl zurückgelehnt, die Augen geschlossen und mich ganz den Erinnerungen hingegeben.
Doch jetzt dazu, wie alles begann.
Zusammen mit meiner Lebensgefährtin Doro und unseren Hunden Carma und Hockey befanden wir uns auf unserer täglichen Gassirunde in einem von unserem Wohnort nicht weit entfernten Waldstück.
Es war früher Nachmittag und ich erzählte Doro von meinem letzten Treffen mit Ajax, welches gerade drei Stunden zurücklag.
Plötzlich blieb Doro stehen, schaute mich an und sagte: „Sag mal, warum schreibst du eigentlich deine Geschichte um Carma, und wie sie dein Leben verändert hat, nicht auf?
Teile den Menschen dort draußen doch mit, warum du das machst, was du machst und was du mit Menschen und den dazugehörigen Hunden erlebt hast und immer noch erlebst.
Schreib deinen Enkeln auf, und wenn es mehr werden sollte, dann wird es eben ein Buch.“
Da ich mir ihrer Unterstützung sicher sein konnte, begann ich also mit den Vorbereitungen.
Wie schreibt man ein Buch? Was interessiert den Menschen, wie bringe ich die einzelnen Geschichten zu Papier, was kann ich schreiben und was lasse ich weg?
Die Vorstellungen, welche Geschichten und Episoden Bestandteile dieses Buches werden könnten, waren in meinen Gedanken so weit beendet, sodass dann irgendwann der Zeitpunkt kam, sich hinzusetzen und diese einzelnen Geschichten zu Papier zu bringen.
In der hier vorliegenden Erzählung geht es um das Zusammenleben von Mensch und Hund, so wie ich es erlebt habe.
Alle Geschichten beruhen lose auf wahren Erlebnissen, wobei der Anteil an Wahrheit und Fiktion von Geschichte zu Geschichte variiert.
Alle Fellnasen in den einzelnen Geschichten gibt es wirklich. In der Realität sehen sie vielleicht anders aus, gehören anderen Rassen an, sind mal kleiner und mal größer als der Hunde in der jeweiligen Geschichte. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam, die von mir aufgeschriebenen Geschichten, haben aber sie erlebt.
Ich durfte sie und ihre Menschen kennenlernen und konnte dazu beitragen, dass das Individuum Hund und der dazugehörige Mensch sich näher kamen.
Nie hat einer dieser Hunde, ganz gleich, wie er mir beschrieben wurde, versucht, mich zu verletzen. Keiner dieser Hunde wurde seinem Ruf gerecht, mit dem er mir „empfohlen“ wurde.
Wichtig war für mich, aufzuzeigen, dass die Chemie zwischen Mensch und Hund nicht immer stimmen muss. Jeder Hund sollte eine Chance erhalten, wenn der Mensch bereit ist, seine Lebensgestaltung so zu ändern, dass ausreichend Platz für das Familienmitglied HUND vorhanden ist.
Nur so gelingt es, dem Hund als unseren Begleiter ein schönes, ausgeglichenes und erfülltes Hundeleben zu schenken.
Die Erzählung meines Zusammenlebens mit den unterschiedlichsten Vertretern dieser vierbeinigen Spezies beginnt mit meiner Kindheit. Hier wurde meine Verbindung zu diesen Tieren geprägt.
Auch Jahre meines Berufslebens, in dem ich Erfahrungen mit bestimmten Hunderassen machen musste, sowie damit verbundene Erlebnisse sind Bestandteile meiner Geschichten.
Welche Rolle spielt die Politik im Zusammenleben Mensch und Hund und welchen Einfluss hat sie dabei?
Auch die Rolle des Hundes im Wandel unserer Gesellschaft wird von mir in einem Kapitel aus meiner Sicht beleuchtet, wobei insbesondere die Kommerzialisierung rund um den Hund eine Rolle spielt.
Durch meine Hündin Carma kam ich zu einem Hobby, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Sie hat in mir das Interesse geweckt, mit Hunden und den dazugehörigen Menschen zu arbeiten. Mein Ziel war es und ist es immer noch, Hundehaltern zu zeigen, wie ihre Hunde ticken und wie schön und stressfrei ein Zusammenleben sein kann, wenn das Individuum Mensch seinen treuesten Begleiter auf vier Pfoten versteht.
Lieber Leser, ich hoffe, dass beim Lesen dieser Geschichte keine Langeweile auftritt, dass Sie nach dem Lesen unsere vierbeinigen Freunde der Spezies Hund, ganz egal, ob klein oder groß, ob hübsch oder nicht so hübsch, mit anderen Augen sehen.
Fred Dahn
Kapitel 1
Kindheit und Hunde
Wie bereits beschrieben, beginne ich mit meiner Kindheit, welche schon durch das Zusammenleben mit großen und kleinen Hunden geprägt war. Schon damals stellte ich fest, dass mich Fellnasen faszinieren, was wohl mit dazu betragen hat, dass ich bis zum heutigen Tag besondere Gefühle zum Umgang mit diesen Tieren entwickelt habe.
Mittlerweile habe ich ein Alter erreicht, welches von Udo Jürgens so besungen wurde, dass das Leben jetzt anfängt. Recht muss ich ihm geben; die Arbeitsjahre liegen hinter mir und das, was vor mir liegt, gilt es so zu gestalten, dass Langeweile, Frust und Einsamkeit keine bestimmenden Faktoren dieses Lebensabschnittes werden.
Geboren Ende der 50’er Jahre verbrachte ich meine Kindheit auf einem sogenannten Ackerbürgerhof in einer Kleinstadt im heutigen Mecklenburg – Vorpommern.
Meine Mutter und mein Vater waren normale Arbeitnehmer und betrieben, in Nebenbeschäftigung, eine kleine Landwirtschaft mit Ackerbau und Schweinezucht.
Zu diesem Hof gehörten neben Schweinen, Katzen, Hühnern und Kaninchen auch zwei Hunde.
Der erste Hund war ein Dackel-Terrier-Mix, welcher mehr oder weniger gut auf den Namen Rex hörte und dessen Aufgabe darin bestand, dafür zu sorgen, dass Ratten und andere nicht gewünschten Nager sich nicht häuslich niederließen. Ging er dieser Beschäftigung nicht nach, versuchte er in alles zu zwicken, was nach Gummistiefel aussah.
Mehr kann ich zu Rex nicht sagen, da er 1961 über die Regenbogenbrücke ging.
Als zweiten Hund möchte ich Hasso vorstellen, welcher mich bis Ende der 60’er als treuer Hofhund begleitete.
Hasso war ein Herdenschutzhund oder -mischling, den mein Vater nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, 1954, als Welpe aus dem heutigen Serbien mit nach Deutschland brachte.
Mit Hasso verbinde ich viele schöne Erlebnisse, die meine Einstellung und meinen Umgang mit Hunden aller Rassen und Größen wahrscheinlich stark geprägt hat.
Hasso war für mich das, was man sich als Kind unter einem Hund vorstellt.
Er hatte eine Schulterhöhe von ca. 70 cm und wog geschätzte 70–75 Kilogramm und war für mich als Stepke ein Riesenhund, mit dem ich toben und spielen konnte. Sein Fell war auf dem Rücken graumeliert und wurde zum Bauch hin immer heller und er sah aus wie ein Wolf.
Immer wenn ich, auch heute noch, das DEFA-Märchen „Das Feuerzeug“ schaue, erinnert mich der Hund, der die Goldtruhe bewacht, an Hasso, auch wenn dieser Hund ein schwarzes Fell hat und eigentlich unserem Hasso in nichts ähnelte.
Hasso lebte in einer riesigen Hundehütte und bewachte das Haus und die drei dazugehörigen Höfe.
Durch meinen Vater war er so erzogen worden, dass er diese Aufgabe sehr ernst nahm, was so mancher Besucher meines Vaters feststellen musste, wenn er niemanden angetroffen hatte und den Hof wieder verlassen wollte.
Es war nicht so, dass Hasso sein Gebiss einsetzte, aber wenn unangemeldeter Besuch einen der drei Höfe betrat, ließ er dies zu, ein Verlassen des Hofes gestattete er aber nur, wenn mein Vater das entsprechende Kommando gab.
In solchen Fällen setzte Hasso sich vor die Tür, knurrte leise und ließ den „Eindringling“ so lange nicht aus den Augen, bis er das entsprechende Signal bekam.
Diese Erfahrung musste selbst mein Vater machen, als er ohne Haustürschlüssel, sturzbetrunken, versuchte, den mittleren Hof über einen Zugang vom Nachbargrundstück zu erreichen. Über eine geschlossene Verbindungstür wollte er auf unser Grundstück gelangen, hatte hierbei aber die Rechnung ohne Hasso gemacht. Auf der oberen Kante der Tür sitzend, je ein Bein links und rechts der Tür, wurde er von Hasso bemerkt. Aus seinen Gesprächen mit meiner Mutter konnte man schlussfolgern, dass er dort oben längere Zeit auf einer circa fünf Zentimeter breiten, oberen Türabschlusskante sitzend verbringen musste, bis Hasso zuließ, dass er unseren Hof betrat. Ich höre noch heute, wie er am nächsten Tag über Hasso schimpfte, was von meiner Mutter mit den Worten:
„Ich weiß gar nicht, was du hast, das hast du dem Hund doch selbst beigebracht. Hättest du nicht so viel ges …, dann hätte er dich auch erkannt“, kommentiert wurde.
Wir Kinder machten uns eher Gedanken darüber, wie lange man auf so einer Kante wohl sitzen konnte, bevor es anfängt, unangenehm zu werden.
Auch jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, muss ich leise lächeln, und kann mir durchaus vorstellen, welche Schmerzen mein Vater dort auf der Tür sitzend aushalten musste.
Ich glaube, dass mein Vater nach diesem Erlebnis nie wieder ohne Haustürschlüssel das Haus verlassen hat.
Auch klärte dieser Vorfall meine Frage, warum die hintere Haustür, welche von den Höfen ins Haus führte, nie abgeschlossen wurde. Hier passte jemand auf, der verlässlicher und sicherer war als jedes Schloss.
Für mich war Hasso ein riesiger vierbeiniger Freund. Er war es, der mich tröstete, wenn es Ärger mit meiner Mutter gab. Mit ihm zusammen suchte ich in der Hütte Schutz, wenn es regnete, mit dem ich aber auch eine Schmalzschnitte, am Rande einer großen Sandkiste sitzend, teilte und der mir hin und wieder mit seiner großen feuchten Zunge über das Gesicht leckte, was meine Mutter gar nicht gerne sah, von mir aber als Zeichen des Vertrauens gesehen wurde.
Hasso war von meinem Vater zu einem Hund erzogen, der zuverlässig auf Haus und Hof aufpasste, aber gleichzeitig ein toller Kumpel und Spielkamerad für alle Familienmitglieder war.
Uns Kindern gegenüber zeigte er nie aggressives Verhalten; man musste aber beim Spielen und Toben damit rechnen, dass Hasso, aufgrund seiner Größe und seines Gewichtes, die Bremse zu spät einsetzte und man umgelaufen wurde, was nicht immer ganz schmerzfrei verlief.
Musste man in den Abendstunden die Toilette aufsuchen, galt auch hier: „Vorsicht, großer freilaufender Hund“.
Warum?
Unsere Toilette, ohne Wasserspülung, befand sich am Ende des ersten Hofes, was einer Entfernung von ungefähr 20 Metern entsprach.
Vom Haus führten fünf Stufen in den Hof. Musste man jetzt den Hof betreten, galt es als erstes, Licht anzuschalten und auf der obersten Stufe stehend nach Hasso zu rufen. Erschien er dann auf der Bildfläche, konnte man die fünf Stufen hinunter in Richtung Toilette gehen. Dabei begleitete Hasso bis zur Toilette, wartete dort, bis man die Toilette verließ, und begleitete zurück zur Hoftür.
Hielt man diesen Ablauf nicht ein, aus welchen Gründen auch immer, konnte es durchaus passieren, dass Hasso nicht rechtzeitig bremsen konnte und man sich auf dem Boden wiederfand.
So erging es meiner Schwester: Etwas an Magen-Darm erkrankt, versuchte sie in den Abendstunden, so schnell wie möglich die Toilette zu erreichen, hatte hierbei aber die Rechnung ohne Hasso gemacht.
Aufgrund der Dringlichkeit ihres Vorhabens schaltete sie im Laufen das Licht an, stürmte die fünf Stufen hinunter in den Hof, konnte dann noch etwa die Hälfte der Strecke zur Toilette zurücklegen und wurde dann abrupt durch Hassos 75 Kilogramm gestoppt.
Nach dieser Karambolage landete sie auf dem Hinterteil, stand nach kurzer Schrecksekunde auf und stellte fest, dass der Gang zur Toilette sich erübrigt hatte.
Weinend und mit schmutziger Unterwäsche ging sie ins Haus zurück und musste für die nächsten Tage bei ihren Toilettengängen immer begleitet werden. Hasso war ab diesen Moment für meine Schwester ein schwarzes Tuch, was sie bis zum heutigen Tag über alle Hunde ausbreitet.
Ich denke, dass bei ihr die Freude am größten gewesen sein musste, als eine Spültoilette im Haus eingebaut wurde, und somit der für sie so „gefährliche“ Weg zur Toilette nicht mehr notwendig war.
Mittlerweile liegt auch dieses Ereignis mehr als 60 Jahre zurück, trotzdem kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen und zaubert ein kleines Lächeln auf meine Lippen.
Unvergessen sind für mich die Tage, an denen mein Vater, Zigarillo rauchend, zusammen mit Hasso in der Toreinfahrt stand und beide das damals noch nicht so geschäftige Treiben auf der Straße beobachteten.
Mit vorbeikommenden Bekannten wurde ein kurzer, oder manchmal auch längerer Plausch gemacht.
Hasso saß daneben bewegte den Kopf hin und her, als wenn er jedes Wort verstanden hätte.
Im Frühjahr und im Herbst, bei Pflanz- oder Erntearbeiten auf dem Feld war Hasso immer mit dabei. Wenn ich meinen Vater beim Pflanzen von Kartoffeln und deren Ernte unterstützte, lag Hasso auf den leeren Kartoffelsäcken und wartete darauf, dass wir endlich Pause machten und er mit mir auf der angrenzenden Wiese ausgiebig toben konnte.
Für mich waren es Stunden, die ich in meinen Gedanken über die Zeit in eine Schublade abgelegt hatte. Durch das Schreiben dieser Zeilen kommt es mir vor, als hätten diese Ereignisse gerade stattgefunden. Ich empfinde es als Geschenk, nochmals so innig an meine Kindheit und damit verbundene Geschichten mit Hasso erinnert zu werden.
Hasso war der Hund, der in mir den Wunsch weckte: Wenn ich mal erwachsen bin, werde ich mir einen Hund anschaffen. Damals wusste ich noch nicht, dass bis zur Realisierung dieses Wunsches fast ein halbes Jahrhundert vergehen sollte.
Meine berufliche Entwicklung ließ es ganz einfach nicht zu, dass ein Hund früher Einzug in mein Leben hätte halten können. Auch wenn ich oft mit dem Gedanken gespielt hatte, mir schon früher einen Hund anzuschaffen, hat immer die Vernunft gesiegt, dass nicht ausreichend Zeit vorhanden war, um einer ausgeglichenen Hundehaltung gerecht zu werden.
In meinem 12. Lebensjahr hieß es, Abschied von Hasso zu nehmen. Er war schwer erkrankt und mein Vater entschied, dass Hasso von seinem Leiden erlöst werden soll. Im stolzen Alter von 15 Jahren wurde Hasso eingeschläfert und unter einem Apfelbaum auf dem dritten Hof beigesetzt.
Für mich war es die erste traurige Erfahrung, die ich als Kind machen musste, die aber dafür sorgte, dass mein Entschluss, als Erwachsener mal selbst einen Hund zu besitzen, nur noch verstärkt wurde.
Etwa ein Jahr später zog dann Welpe Roxi, ein weiblicher Dorfstraßenmix, ein bisschen Schäferhund, ein bisschen Rottweiler, ein bisschen Spitz usw., bei uns ein.
Auch diese Hündin wurde von meinem Vater zu einem gleichwertigen Familienmitglied erzogen und übernahm nach und nach die Aufgaben, die zuvor durch Hasso wahrgenommen wurden.
Noch heute bewundere ich meinen Vater dafür, mit welcher Ruhe und Ausgeglichenheit er die Erziehung von Roxi durchführte. Nie wurde er laut, nie wurde Roxi beschimpft, Gewalt gab es keine. Mit Ruhe und Ausdauer wurden dieser Hündin die Grundkommandos beigebracht und sie wurde langsam an ihre Aufgaben herangeführt, die sie nach und nach übernahm, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.
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