Cover: Der hellste Stern am Firmament

Der hellste Stern am Firmament
Annas zweites Buch


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 238
ISBN: 978-3-7116-0675-4
Erscheinungsdatum: 23.04.2025
Anna kümmert sich mit viel Herz um ihre Buchläden und ihren Sohn Jakob – sowie natürlich ihre chaotischen, allmählich alternden Verwandten. Dass gerade ihr geliebter Martin sich immer wieder komplett zurückzieht, ist nur der Vorbote weiterer Krisen. .
1 Die Einschulung

„Mami, wann gehen wir denn endlich? Nicht, dass wir zu spät kommen.“ Jakob rannte durch die Wohnung am Kollwitzplatz und bremste kurz vor Anna scharf ab. „Mein Schatz, wir haben noch mehr als eine Stunde Zeit. Schau mal, selbst Uroma Hedi ist noch nicht da und sie kommt immer viel zu früh. Warum setzt du dich nicht ans Fenster und schaust, wann alle kommen? Dann sagst du mir Bescheid und wir können losgehen.“ „Das mache ich, Mami. Komm, Sartre, du kannst mit mir am Fenster sitzen.“
Es war Ende Juli im Jahre 1998 in Berlin und Jakob wurde eingeschult. Seit Monaten hatte kein Thema so sehr sein Interesse erregt wie dieses, er fieberte dem Tag entgegen. „Endlich lerne ich richtig lesen und schreiben. Dann kann ich die Michel-Bücher selbst lesen und Karlsson vom Dach auch. Und den kleinen Wassermann.“ Jakob liebte die Geschichten, die Anna ihm abendlich vorlas und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, insbesondere Martin und Onkel Gerd regelmäßig eine Zusammenfassung der letzten Kapitel zu liefern.
„Da sind sie, Mami, sie kommen, und oh, sie haben alle Schultüten dabei.“ Jakob schrie vor Begeisterung und Anna kam zu ihm ans Fenster. Belustigt sah sie die kleine Prozession, die wacker über den Platz trottete:
Oma Hedi und Onkel Fredi schritten voran, er hielt eine riesige knallrote Schultüte in den Händen. Die Oma hatte einige weiße Strähnen mehr in ihrer Haaresfülle, doch ansonsten schien sie keinen Tag gealtert, ihr Gesicht war voller Zähne.
Martin folgte mit der kugelrunden Hanne und dem ebenso runden Gerd und dann sah sie ihren Papa, der Oma Lotte stützte. Seit ihrem Unfall konnte sie nur noch kurze Strecken gehen, doch das trübte ihre gute Stimmung nicht.
Anna seufzte. Ich hatte doch gebeten, dass es nur eine Schultüte gibt und nun hat jeder eine mitgebracht. Sie verwöhnen Jakob viel zu sehr.
Dieser indes war schon herunter zur Tür gerannt und rief nach Anna: „Jetzt komm doch, Mami, alle warten.“
Als Anna die Tür geöffnet hatte, gab es kein Halten mehr. „Jakobchen, mein Jungchen, du bist so groß geworden. Schau mal, Onkel Fredi hat deine Schultiete.“ „Jakob, komm zu mir, lass dich hochheben.“ Martin warf ihn in die Luft. „Komm auch mal zu deinem Opi und der alten Lotte, wir haben dir auch etwas mitgebracht.“ Alle riefen begeistert durcheinander und strahlten um die Wette. Gerd schmetterte: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der sollte nie vergeh’n.“
„Schön, dass ihr hier seid, wir freuen uns sehr, aber ihr hättet doch nicht so viele Schultüten mitbringen sollen, das ist viel zu viel.“ „Ach Kind, gönn uns die Freude. So eine Schultiete ist ja was ganz Besonderes und nun hat Jakob finf. Eine ist ja langweilig, Jakobchen, aber du hast immerhin finf davon! Da kannst du dich finfmal mehr freuen.“ Anna grinste über Omas Logik. „Aber jetzt bringen wir alles ins Haus und gehen los. Jakob, welche Tüte möchtest du mitnehmen?“ Dieser dachte kurz nach und zwitscherte: „Die von Onkel Martin, weil ich glaube, da ist Lego drin und außerdem sieht sie aus wie ein Krokodil. Das ist echt cool.“

Sie lachten und machten sich auf den kurzen Weg zur Grundschule, hier würde Jakob jeden Morgen zu Fuß hingehen können.
Anna hängte sich bei Martin ein. „Wie geht es dir? Bist du auch so aufgeregt wie ich?“ Sie registrierte Schweißtropfen auf seiner Stirn, doch er lächelte sie an. „Ich bin genauso aufgeregt wie du, liebste Anna. Heute ist ein großer Tag.“ Und er küsste sie leicht auf die Wange. „Hast du das gesehen, Hedi?“ Lotte fasste Hedis Arm. „Natierlich, aber wenn er in dem Tempo weitermacht, werden wir beiden alten Weiber das nicht mehr erleben“, kam es missmutig zurück. „Erichen, wollten deine Schwestern nicht auch kommen?“ „Ja, aber erst zum Kaffeeklatsch, Fredi. Sigrid muss arbeiten und Lore ist noch bei Mamachen.“
Es war vereinbart, nach der Einschulung in die Restauration 100 zu gehen, mit der selbst Hedi sich versöhnt hatte („Das Kuheuter ist iebrigens gar nicht iebel, ich wierde sagen, es ist gut.“), und am Nachmittag Kaffee und Kuchen bei Anna einzunehmen – das Café Demmer würde die Lieferung übernehmen und viele Freunde, Nachbarn und Bekannte hatten sich angekündigt.
Jakob ging inzwischen neben Martin und hielt seine Hand ganz fest. „Weißt du noch, wie dein erster Schultag war, Onkel Martin? Hattest du Angst? Also, ich habe ein bisschen Angst, aber das kann ich Mami nicht sagen.“
Martin sah ihn aufmerksam an. „Tatsächlich konnte ich die Nacht vorher gar nicht schlafen, weil ich mir so viele Sorgen gemacht habe: Ich wusste nicht, wie die Lehrerin sein würde und ob mich meine Mitschüler mögen würden. Ich hatte ein wenig Sorge, weil ich dachte, die Schule wäre doch recht groß und ich könne mich verlaufen …“ Eifrig nickte Jakob. „Das ist genau wie bei mir, Onkel Martin. Was hast du dann gemacht?“ „Ich hatte damals eine ganz tolle Klassenlehrerin, ich werde sie nie vergessen. Gleich in der ersten Woche gab sie mir einen Rat, den ich seither beherzigt habe. Sie sagte: ‚Wenn du vor irgendjemand Angst hast, sei es dein Mitschüler, ein Lehrer oder gar der Direktor, stelle sie dir einfach vor, wie sie auf der Toilette sitzen, die Hose hängt ihnen in den Kniekehlen und sie haben ein ganz rotes Gesicht, weil es nicht so flutscht.‘“ Jakob kicherte. „Siehst du, das hat meine Lehrerin gemeint: Du fängst an zu lachen, denn du siehst, dass ein vermeintlicher Held an einem stillen Örtchen auch nicht unbedingt der große Zampano ist.“ Martin blickte lächelnd auf den gicksenden Jakob und hielt seine Hand ein wenig fester.
„Oh, schaut mal, da sind Maike und Jonathan mit noch einer Schultüte.“ Anna lief schnellen Schrittes voraus. „Wie schön, dass ihr gekommen seid.“ „Das lassen wir uns doch nicht entgehen, Anna. Jonathan musste sogar eigenhändig die Schultüte füllen.“ Maike grinste. „Ja, ich kannte diesen Brauch nicht und finde ihn ausgesprochen schön. Hoffentlich können wir eines Tages auch die Schultüten unserer Kinder füllen.“ Anna sah, dass ein Schatten über Maikes Gesicht huschte, doch dann kamen auch schon Jakob sowie der Rest der Familie.
„Hallo lieber Jakob, Maike und ich wünschen dir viel Spaß in der Schule. Als ich so alt war wie du, ging ich zur Schule in Ghana, das ist weit weg von hier, auf dem afrikanischen Kontinent. Aber ich muss dir sagen, ich bin jeden Tag voller Freude losgerannt, um meine Freunde zu treffen und um zu lernen, und so wird es dir auch gehen.“ „Danke, Onkel Jonathan und Tante Maike. Aber jetzt gehen wir gleich rein, nicht dass wir zu spät kommen.“ Schon setzte er sich in Bewegung.
„Er hat dein Pünktlichkeits-Gen geerbt, Jadwiga“, brummte Hanne. „Natierlich, HanneLORE. Pinktlichkeit ist eine Form des Respekts, das habe ich gestern erst in meinen Zeitungen gelesen.“ „Nun ja“, erwiderte Hanne scharf, „allerdings warst du an meiner Einschulung nicht nur nicht pünktlich, sondern gar nicht erst da.“
Die Oma beschloss, die Bemerkung zu überhören, und wurde von Fredi weitergezogen.
„So, jetzt stellen wir uns in einen Kreis und ich mache ein paar Bilder, danach können wir reingehen.“ Erich dirigierte die Familie umher und fotografierte aus allen Richtungen. „Wo ist eigentlich Dorothea, Erichen, ich dachte sie wollte heute kommen?“ „Sie hat leider nicht frei bekommen, Mama, aber spätestens am Wochenende ist sie da.“

Schließlich begaben sich alle in die Turnhalle der kleinen Schule und suchten einen Platz – und dann ging es auch schon los. Die Rektorin hielt eine bewegende Rede, Kinder sangen und führten ein kleines Theaterstück auf, Luftballons wurden verteilt.
Jakob saß aufgeregt auf seiner Stuhlkante. „Mami, wie geht es jetzt weiter?“ „Gleich wird dein Name aufgerufen und du musst dich zu einer der drei Fahnen da drüben stellen, das wird dann deine Klasse sein. Danach geht ihr mit eurer Lehrerin in den Klassenraum und du lernst deinen Sitznachbarn kennen. Sie erklärt euch, was für morgen wichtig ist und wie der erste Stundenplan aussieht, und danach kommst du wieder zu uns und wir gehen ins Restaurant, wo du deine Schultüte auspacken kannst.“ „Das klingt schön, Mami.“ Er warf noch einen verstohlenen Blick auf Martin, der ihn aufmunternd anlächelte. „Jakob Heinsch“, klang es und er lief los.
„Ach Kinder, dass ich alte Lotte das noch erleben darf.“ Lotte wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. „Das ist wieder ieberhaupt kein Grund zum Heulen, Lotte, und außerdem bist du erst neunundsiebzig. Das ist nicht wirklich alt, natierlich nicht.“ Hedi wackelte missbilligend mit dem Kopf.
„Wie geht es nach der Veranstaltung weiter, dürfen wir noch bleiben?“, fragte Maike vorsichtig. „Ihr misst sogar, nicht wahr, Annalein?! Schließlich seid ihr die Einzigen aus der Knollenblätterpilzfamilie, die erträglich sind. Außer Lore natierlich“, fügte Hedi hastig hinzu.
„Oma, lass mal bitte. Ihr seid herzlich eingeladen, wir freuen uns sehr, dass ihr hier seid. Wir gehen später zu Mittag essen und dann gibt es Kaffee und Kuchen bei uns. Es kommen noch einige Freunde und Familie.“ So plauderten sie und die Omas bemerkten beifällig, dass Martin immer wieder seine Hand auf Annas Arm legte.
„Ich bin in der Klasse von Frau Röttgen und mein Sitznachbar heißt Martin, wie du, und er ist auch so lieb wie du. Morgen sollen wir Knete und einen Zeichenblock mitbringen und ich habe eben schon ein Namensschild gemalt für meine Bank und die Lehrerin hat mich gelobt, weil ich einen Marienkäfer dazugemalt habe und ich …“ Sprudelnd und außer Atem kam Jakob angerannt und stürzte sich in Annas Arme. „Das war so klasse, ich freue mich schon auf morgen, darf ich gleich meine Schultüte öffnen …“ Alle lachten, Lotte klatschte in die Hände und Erich nahm Jakob Huckepack. „Dann rennen wir mal gleich los zum Essen, ich bin dein Pferd.“ Er galoppierte los und Jakob jauchzte.

Vor dem Restaurant wartete Manne mit einem kleinen Umschlag in der Hand. „Onkel Manfred, du kommst ja auch.“ Jakob ließ sich von seinem Pferd fallen und kuschelte sich an den dicken Bauch. „Na klar, wat denkste denn? Janz Berlin war eene Wolke, nur icke war zu sehn.“ „Was bedeutet das, Onkel Manfred?“ „Na, icke in dem Fall bist du, und ditte janz Berlin nüsch zu sehn war, heißt, det die janze Welt nur auf dich jeblickt hat“, stammelte Manne verlegen. „Das ist aber schön, Onkel Manfred. Danke.“ „Hier hab ick noch was. Ein kleener Vogel hat mir verraten, dass dir die YPS-Hefte gefallen. Hier haste ein Abo und bekommst für ein Jahr lang jedes Heft.“ Manne griente und Jakobs Stimme überschlug sich. „Das kann dir nur Onkel Martin verraten haben, ich liebe YPS und vor allem die Gimmicks, neulich hatte ich kleine Krebse im Glas …“

Als alle einen Sitzplatz gefunden hatten, die Getränke bestellt waren und Jakob zwischen Anna und Martin thronte, rief er ungeduldig: „Darf ich jetzt meine Schultüte aufmachen?“ „Gleich, Jakob, jetzt stoßen wir erst einmal mit einem Glas Sekt an, du bekommst Johannisbeersaft und dann gibt Martin dir deine Tüte.“
Der Kellner erschien mit mehreren Flaschen Sekt, goss in die Gläser, reichte kleine Stärkungen und Anna erhob sich. „Ich danke euch allen von Herzen für die vergangenen Jahre, für heute, für alles. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, aber vor allem ist Jakob das. Ohne eure Hilfe, ohne eure permanente Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen. Ich danke euch. Ich bin von liebevollen, liebenden Menschen umgeben und das ist mehr, als man erwarten kann. Danke meinen Omis, Onkel Fredi, Papa, Hanne und Gerd, Danke an Manne (du weißt schon), Danke an Maike und Jonathan, dass ihr uns nicht vergesst, und ein ganz besonders liebevolles Danke an Martin.“ Sie hob ihr Glas und mit einer Träne in den Augen prostete sie allen zu.
Verstohlen sahen sich die Omas an. „Wie hat sie das wohl gemeint, Hedi, mit dem besonders liebevollen Dank an Martin?“ Lotte beugte sich verschwörerisch vor. „Ich weiß nicht, Lotte. Zu meiner Zeit waren die Menschen nicht so ieberaus zögerlich, da wurde gehandelt. Ich kann mir keinen Reim auf das alles machen, aber wir sehen ja, dass sie ieberglicklich miteinander sind.“ Hedi wirkte missbilligend und bestellte sich einen doppelten Wodka. „Du kannst meine sieße Briehe haben, Lotte, du magst das lieber als ich.“
Nun reichte Martin Jakob die Schultüte. „Ich wünsche dir viel Freude in der Schule, ich bin sicher, du hast eine wunderbare Zeit und lernst ganz viele Freunde kennen. Du wirst so viel lernen, so viel erleben und ich freue mich darauf.“
Mit roten Wangen öffnete Jakob das Geschenk seines Patenonkels. „Oh Mann, das ist ja ein Mini-Gewächshaus, das habe ich mir immer gewünscht und hier ist auch noch Lego, eine kleine Rakete. Bauen wir die gemeinsam zusammen? Oh, was ist das? Ein Buch.“ Langsam buchstabierte er: „Der 35. Mai von Erich Kästner. Aber es gibt doch keinen 35. Mai, oder Martin? Warum heißt das Buch dann so?“
Martin lächelte: „Dieses Buch war mein Lieblingsbuch, als ich so alt war wie du. Ich mag es bis heute. Ja, es ist der 35. Mai, als der Apotheker Ringelhuth mit seinem Neffen Konrad und dem Pferd Negro Kaballo auf Rollschuhen durch seinen Schrank in Richtung Südsee fährt.“ Jakob sah ihn aus aufgerissenen Augen an. „Aber man kann doch nicht einfach auf Rollschuhen durch seinen Schrank in die Südsee fahren, oder?“ „Nein, eigentlich nicht, aber deshalb ist es ja der 35. Mai, da ist alles möglich und sie erleben viele Abenteuer.“ „Aber warum sind sie überhaupt in die Südsee gefahren?“ Martin lachte. „Weil Konrad einen Aufsatz über die Südsee schreiben musste, denn er konnte gut rechnen und hatte wenig Fantasie.“ „Oh, Onkel Martin, würdest du mir das Buch vorlesen? Ich wüsste gerne sofort, was passiert, und nicht erst, wenn ich selbst alles lesen kann.“ „Mit der größten Freude, mein Jakob.“
An der Tafel herrschte eine fröhliche und beschwingte Stimmung, man redete wild durcheinander. „Das ist ein komisches Gefühl, Anna, mitten in der Woche den Laden nicht geöffnet zu haben, findest du nicht?“ „Doch Hanne, es ist wirklich seltsam, aber manchmal tut eine Pause auch gut.“ „Mießiggang ist aller Laster Anfang“, rief Hedi mit erhobenem Zeigefinger und Anna verdrehte die Augen. „Wie geht es deinem Laden hier am Kollwitzplatz eigentlich, ich habe lange nicht gefragt.“ Oma Lotte wirkte schuldbewusst und Hedi schnaufte vernehmlich. „Es läuft bestens, Oma. Es kommen in erster Linie Touristen, die sich freuen, wenn sie neben dem Büchergucken auch gleich etwas essen können, viele nehmen sich die kleinen Sandwiches mit und auch die Abteilung mit den Kochbüchern kommt riesig gut an. Oma Hedi hatte für alles ein Händchen.“ Diese nickte stolz und war ganz Zahn. „Ick denke mir, die zwee Konzepte sind es. Einmal die Suppenküche im Kiez für die ollen Prenzlauer und ditte hier für die ollen Westler, dit macht was her.“ Manne trank einen großen Schluck Kindl.
Tatsächlich hatte sich Anna bei der Planung des zweiten Geschäfts stark von ihrer Oma Hedi inspirieren lassen und so war die kleine Speisekarte ganz anders als in ihrem ersten Geschäft. Anstatt auf Suppen setzten sie hier auf feines Fingerfood: Mini-Brioches und Sandwiches im Stil eines English Tea wurden ebenso angeboten wie kleine vegetarische Gerichte, was eine Neuheit in dieser Gegend darstellte.
Inzwischen hatte Anna eine junge Köchin gefunden, die sich mit Liebe und Engagement der Küche widmete, sodass sie selbst das Kerngeschäft im Laden übernehmen und Zeit mit Jakob verbringen konnte.
Sie waren schließlich in die Wohnung über dem Geschäft gezogen, Onkel Fredi und Erichen hatten alles gemäß ihren Wünschen renoviert und sie fühlten sich in ihren lichtdurchfluteten Räumen mit dem Balkon hin zum Kollwitzplatz unendlich wohl.
Hannelore und Gerd lebten mittlerweile in der Kopenhagener Straße. Sie hatten die Wohnung von Anna übernommen und führten den kleinen Laden, der inzwischen zu einer Institution geworden war, mit viel Verve.
„Vielleicht solltest du doch eines Tages eine Filiale im Westen eröffnen, Spröckelchen.“ Erich prostete ihr zu. „Ich würde gerne, Papa, aber das muss wirklich gut geplant sein, ich will nicht zu abhängig sein von der Bank. Mal schauen was passiert, aber jetzt kommt das Essen und wir genießen diesen schönen Tag. Jakob, du bist heute der wichtigste Liebling am Tisch und dein Essen kommt zuerst.“ Sie lächelte ihren kleinen Sohn an und merkte nicht, wie Martin sie lange mit einem unergründlichen Blick betrachtete.
„Oh Mami, das ist ein riesiger Eierkuchen mit Äpfeln und Marmelade, mir läuft das Wasser im Mund zusammen.“ „Dann fang schon an, Jakob, lass es dir schmecken.“ Gerd hob an: „Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb und wünschen guten Appetit.“ Jakob kicherte und nachdem Martin ihm den Eierkuchen in viele kleine Stücke geschnitten hatte, legte er los. Bald war sein kleines Gesicht mit Marmelade verschmiert.
„Lotte, was hast du bestellt?“ „Ich habe die ganze Woche noch nichts Ordentliches gegessen, deshalb gönne ich mir jetzt eine Schweinelende mit Pilzen, Kroketten und Bohnengemüse.“ Lotte schluckte in Vorfreude. „Iebrigens: Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen, Lotte.“ Hedi grinste. „Aber warum hast du nichts Verninftiges gegessen?“ „Ach ja, Hedi, alles dauert so lange mit der dummen Gehstütze und manchmal habe ich keine Lust zum Einkaufen.“ Hedi sah sie empört an. „Warum hast du das nicht frieher gesagt, Lotte? Fredi kann fier dich einkaufen, er geht doch sowieso. Nicht wahr, Fredi?“ „Sicherlich, ich gehe jeden Tag, Lotte. Warum schreibst du mir nicht zweimal in der Woche einen Einkaufszettel und ich bringe dir alles vorbei?“ Lotte wurde rot. „Das kann ich doch nicht verlangen, das wäre mir peinlich.“ „Papperlapapp Lotte. Du musst doch richtig essen, das ist ieberaus wichtig. Ah, da kommt ja mein Kuheuter, das freut mich nun sehr.“ Manne lachte. „Siehste, Hedi, ick hab et dir jesagt: Ditte is richtig gut, meins kommt auch gerade.“ Vergnügt fingen sie an zu essen, nur unterbrochen von gelegentlichen Lobeshymnen. Anna jedoch sah stirnrunzelnd, dass Martin sein Essen von einer Seite des Tellers zur anderen schob, wieder hatte er Schweißperlen auf der Stirn. „Was ist, schmeckt es dir nicht, geht es dir nicht gut?“, flüsterte sie schließlich. Er schüttelte den Kopf. „Ich muss kurz raus.“ Und er verließ den Tisch in Windeseile. Anna sah ihm ängstlich nach, Oma Hedi presste die Lippen zusammen: Da stimmt was nicht, da stimmt was ieberhaupt nicht.
Nach einer Weile kam Martin zurück und lächelte gewinnend. „Ich denke, ich lass mir mein Essen einpacken, ich habe mittags nicht so viel Appetit, ich genieße es heute Abend.“ Anna und die Oma sahen ihn misstrauisch an. „Übrigens, liebe Hedi, wann beginnt in diesem Jahr eigentlich die Pilzsaison? Ich habe gelesen, dass durch den feuchten Frühsommer viele Sommer-Steinpilze wachsen?“ Er lächelte sie an. „Ach Junge, das hatte ich auch noch sagen wollen. Habe ich ebenfalls gelesen und wir sollten diesmal ein bisschen frieher los, vielleicht Mitte August, dann sind wir allen anderen voraus und finden die ersten schönen Freunde. Darauf bestelle ich mir noch einen Wodka!“ „Ich nehme auch einen, Hedi.“ Martin sagte es leichthin, doch Anna sah ihn überrascht an.
„Hört mal alle her.“ Hedi erhob sich mit ihrem vollen Wodkaglas. „Wir gehen dieses Jahr schon Mitte August in die Pilze, es soll viele Sommer-Steinpilze geben. Wer kommt mit? Wir gehen am 23. August.“ Sofort breitete sich rege Geschäftigkeit am Tisch aus, man diskutierte, fragte nach, plante und schließlich stellte sich heraus, dass alle außer Oma Lotte mitkommen würden. „My goodness, I have never done such a thing“, stellte Jonathan belustigt fest. „Ihr müsst mir bitte helfen, ich habe überhaupt keine Idee und würde uns alle vergiften.“ „Ich helfe dir, Onkel Jonathan, ich kenne alle Pilze, Uroma Hedi hat sie mir erklärt. Ich freu mich, ich freu mich“, sang Jakob und kletterte auf Martins Schoß. Alle lächelten.
„Ach, da fällt mir ein, von Spröckel, wolltest du nicht eine Reinigungsfrau für das Geschäft hier finden?“ „Habe ich schon, Papa. Durch Zufall habe ich eine Mutti von drei Kindern kennengelernt, die dringend Arbeit sucht. Sie wohnt hier in der Nähe und spricht nicht ganz so gut Deutsch. Ich möchte ihr eine Chance geben.“ Hedi schnaubte missvergnügt. „Meine Giete, Anna, du bist nicht die Sozialstation. Wer weiß, was das wieder fier eine Person ist und außerdem …“ „Wer durch des Argwohns Brille schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut.“ Es wurde lauthals gelacht und Jakob rief: „Das ist schön, das reimt sich, aber was ist Argwohn? Und was bedeutet das?“ Anna legte den Arm um ihn. „Argwohn ist ein älteres Wort für Misstrauen und dieser Spruch besagt, dass, wenn man alles mit Misstrauen betrachtet, sich ziemlich schnell viele Gründe für dieses Misstrauen finden. Das ist eine sogenannte selbsterfüllende Prophezeiung. Der Spruch ist übrigens von Wilhelm Busch.“ „Oh toll, Mami, das ist der mit der frommen Helene und Tobias Knopp, oder?“ „Und Max und Moritz. Welche Lektiere gibst du dem Jungchen, das ist keineswegs kindgerecht“, knurrte die Oma. „Man sollte Wilhelm Busch nicht auf Max und Moritz reduzieren, er war viel mehr. Und davon abgesehen, kann man nicht früh genug damit beginnen, selbst zu denken und das Land der Fantasie zum Blühen zu bringen.“ Hedi wackelte mit dem Kopf, doch es war ihr anzusehen, dass sie mächtig stolz auf ihre kluge Enkelin war.

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