Kai
"als ob ..."
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-7116-1068-3
Erscheinungsdatum: 31.10.2025
Kai ist ein Einzelgänger und kann es so gar nicht ab, dass sowohl seine Eltern als auch seine geliebte Großmutter das ändern wollen. Doch in einem wilden Sommer ändert sich alles und Kai merkt, dass es vielleicht doch nicht so schlecht ist, Freunde zu haben.
1.
Sommer 2010, Berlin
Der Sommer war eigentlich eine Vollkatastrophe, zumindest überwiegend.
Ich war 15, sah aus wie 13 und irgendwie nahm mich niemand richtig wahr. Und ich unternahm auch gar nicht viel, um dies zu ändern. Dazu hieß ich Kai-Uwe, Kai-Uwe Ladenbach. Aus welchem Jahrhundert stammte denn dieser Name? Niemand, der cool ist, heißt so. In der Schule nannten mich zumindest die meisten einfach Kai, sofern sie mich überhaupt ansprachen. Die Lehrer duzten uns sowieso alle. Nur Melchior rief ab und zu durch die Turnhalle „Ladenbach, mach hinne.“
Der Sommer war heiß in Berlin und alle sehnten sich die Sommerferien herbei. Dann der letzte Schultag und die große Party bei Kern. Kern war der okayste Lehrer, den wir hatten: Religion. Der organisierte mit seinen Schülern große Zeltlager auf Korsika und lud ganze Schulklassen in seinen privaten Partykeller ein. So ein verwinkelter Keller in einer großen Villa mit dunklen, kerzenbeleuchteten Gängen, einer kleinen Tanzfläche, einem eigenen Raum mit Billardtisch und einem alten Flipper. Die Partys waren legendär. Und wer von uns konnte schon mehr als zehn Freunde zu sich nach Hause einladen? Gut, bei uns wäre es möglich gewesen, aber das ist eine andere Sache.
Also am Freitagabend, am letzten Schultag, die Party bei Kern. Und ja, die ganze Klasse war eingeladen. Und die 9 d auch. Und ja, die Party war in doppelter Hinsicht wichtig: Erstens war die Schule endlich vorbei, zumindest für die nächsten sechs Wochen, und dann hatte auch noch Saskia Geburtstag.
Eigentlich hatte Saskia erst am Samstag Geburtstag. Wir würden also hineinfeiern. So war jedenfalls der Plan. Und deshalb hatten die meisten von uns schon seit Längerem Vorkehrungen getroffen, hatten ihren Eltern klargemacht, wie wichtig es war, länger als sonst feiern zu dürfen.
Ich will euch die Details ersparen, aber ich durfte natürlich nur bis kurz vor zwölf bleiben. Wisst ihr, wie peinlich es ist, wenn euch der eigene Vater um Viertel vor zwölf von einer Party abholt – und damit nicht genug – sich auch noch in den Partyraum reindrängelt, um euch zu suchen?
Ich hatte schon Wochen vorher überlegt, was ich Saskia schenken sollte. Saskia, die tollste, liebreizendste und coolste im ganzen Universum. Die Hälfte der Klasse war in Saskia verliebt. Natürlich nur die Jungen, mich eingeschlossen. Und selbst die Spackos und einige der Nazis fanden sie zumindest okay. Nur die Emos fanden sie zum Kotzen, war sie doch das genaue Gegenteil von dem, was sie vertraten.
Saskia war laufend von ihrer Clique umlagert. Natalie, Celine und Maya schirmten sie ab, als wären sie ihre Bodyguards.
Die meisten Mädchen aus unserer Stufe hatten sich schon zusammengeschlossen und irgendeine gnadenlos grandiose Überraschung vorbereitet. Der schöne Georg stolzierte in der Pause herum und erzählte jedem, wie teuer sein Geschenk sei. Und ich hatte, wie schon so oft, keine Idee. Natürlich hatte ich mich umgehört, wollte mich an einem Gemeinschaftsgeschenk beteiligen, aber alle, die ich fragte, hatten schon ein Geschenk oder waren nicht interessiert.
„Mal ihr doch etwas.“ Ich wusste, dass es meine Mutter nur gut meinte, aber wie uncool war denn so was. Als ob ich mich jetzt hinsetzen und Saskia ein Bild malen würde. Never ever.
Aber dann rückte der letzte Schultag näher und ich hatte immer noch kein Geschenk. PANIK! Also setzte ich mich schließlich doch an meinen Schreibtisch, schob die ganzen DVDs und Schulsachen beiseite und klappte meinen Zeichenblock auf. Eigentlich war ich gar nicht so schlecht in Kunst und wenn ich meine Großmutter Bina in Düsseldorf besuchte, verbrachte ich die meiste Zeit in ihrem Atelier. Die war sowieso die tollste Oma, die man sich vorstellen konnte. Immer hatte die irgendeine verrückte Idee und animierte mich zu Höchstleistungen. Wir malten nicht nur gemeinsam, sondern arbeiteten auch mit Ton, und einmal hat sie sogar eine meiner Ton-Skulpturen in Bronze gießen lassen. Superschweres Teil.
Bina hatte mir auch gezeigt, wie man gegenständlich malt. Sie hatte tolle Kunstbücher in ihrem Atelier, mit Fotorealismus und so. Da konnten Künstler so malen, dass man später das fertige Bild nicht von einer Fotografie unterscheiden konnte. Ziemlich krasse Arbeiten.
Bina und ich hatten uns auch gegenseitig porträtiert und sie hatte mir gezeigt, wie man mit dem Bleistift die richtigen Proportionen abgreift und auf das Papier überträgt.
Genau, ich würde Saskia ein Porträt schenken, aber nicht von ihr selbst, sondern von Vanessa Paradis. Alle standen gerade auf Vanessa, obwohl die eigentlich aus einer anderen Zeit stammte. Vanessa hatte eine Mega-Zahnlücke und war irgendwie anders als die anderen angesagten Popsternchen wie Beyoncé und so.
Papa hatte tatsächlich eine Platte von Vanessa, die ich auf seinem alten Dual-Plattenspieler schon tausendmal abgespielt hatte. Voll antik das Teil, die Platte, aber auch der Plattenspieler. Aber Papa hütete seinen geliebten Dual wie einen Schatz.
Ich legte ein Transparentpapier über das Plattencover und zeichnete darauf ein regelmäßiges Rechteckraster, genauso wie auf mein Zeichenpapier. Und dann übertrug ich die einzelnen Inhalte vom Plattencover auf die Kästchen auf meinem Zeichenpapier. Das ging ziemlich gut, nur die Augen bekam ich einfach nicht hin. Ich brauchte endlos und hatte diese schon so oft ausradiert und ausgebessert, dass das Papier ganz dünn und durchscheinend war. Ich klebte vorsichtig ein zweites Blatt als Verstärkung dahinter und irgendwann war ich dann tatsächlich zufrieden. Am Ende besprühte ich das Bild mit Haarspray, um den Bleistift zu fixieren – auch so ein Tipp von Bina. Ich rollte das Bild vorsichtig zusammen und band eine rote Schleife darum – fertig.
Ja, und dann die Party bei Kern. Wir sind alle mit unseren Fahrrädern hingefahren, zur alten Kern-Villa direkt am Chinesischen Garten.
Ihr kennt diese Partys. Da gibt es die supercoolen Tänzer, die den ganzen Abend auf der Tanzfläche rumwirbeln, dann die Raucher und Kiffer, die draußen auf der Kellertreppe herumlungern und lautstark debattieren, und die Schüchternen, die sich den ganzen Abend am Buffet herumdrücken und Cola trinken. Und dann gibt es noch diejenigen, die eh kein Interesse an Partys haben und den Billardtisch und den Flipper belagern. Zu denen gehörte ich.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich endlich am Flipper stand, aber dann spielte ich mich regelrecht in einen Rausch. Wir spielten um den Highscore und ich lag meistens vorne. Bis zu dem unseligen Moment, als plötzlich mein Vater in der Tür stand und laut nach mir rief. Und ja, er war unerbittlich und zog mich einfach hinter sich her. Aus den Augenwinkeln konnte ich die anderen feixen sehen. Und Saskia tanzte gerade mit dem schönen Georg und schien gar nicht zu merken, dass ich ging. Vielleicht auch besser so.
Warum machten eigentlich immer meine Eltern so ein Theater? Warum konnte ich nicht wie alle anderen mit dem Fahrrad nach Hause fahren? Und mein Bild von Vanessa Paradis lag noch zusammengerollt oben auf dem Flipper. Super gelaufen.
So fingen also die Sommerferien an.
Am nächsten Vormittag lief ich dann zu Fuß zur Kern-Villa. Da stand schließlich noch mein Fahrrad. Es war ein schöner Sommertag und ich ließ mir Zeit. Mein Fahrrad lehnte noch am Zaun und gerade, als ich es aufschließen wollte, öffnete sich die Haustür und Saskia stand auf der Schwelle, einen Wäschekorb in den Armen. Klar, die war hier, um mit ihrem Vater ihre Geschenke abzuholen.
Unschlüssig stand ich über meinem Schloss gebeugt. Wenn ich jetzt sofort ginge, würde sie mich nicht bemerken. Aber da hatte der Kern schon das Gartentor geöffnet und mich entdeckt.
„Hey Kai, alles klar?“
„Muss ja“, murmelte ich.
Dann kam mir eine Idee.
„Hab’ noch was vergessen“, rief ich Kern zu und drängelte mich an Saskia und ihrem Vater vorbei in die Villa.
Ja, meine Zeichnung lag noch oben auf dem Flipper und eine Minute später stand ich wieder keuchend vor Saskia:
„Hier ein Bild von mir für dich. Äh, ich meine ein Bild von mir, gemalt für dich. Nein, ich meine ein Bild für dich, gemalt von mir.“
Saskia schaute mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal, und wahrscheinlich war es auch so.
„Danke“, hörte ich sie leise sagen, so leise, dass ich später glaubte, es mir nur eingebildet zu haben. Aber da saß ich schon auf meinem Fahrrad.
„Hier, ein Bild von mir für dich.“ Blöder ging’s wohl wirklich nicht. Aber dennoch: Mission erfüllt und ich fühlte mich eigentlich richtig gut.
So schlecht fingen die Sommerferien ja doch nicht an.
2.
Nikita
Wir hatten einen russischen Einschlag in unserer Familie. Mamas Schwester Veronika hatte während einer Reise nach Bulgarien Tibor kennengelernt, Tibor Chruschtschow, halb Russe, halb Rumäne. Onkel Tibor war voll korrekt. Er machte immer seine Späße mit uns und eigentlich wusste keiner von uns, ob er den schweren russischen Akzent nur vorspielte. Alle in der Familie sagten, dass Veronika Tibor verfallen sei, und obwohl wir Kinder gar nicht wussten, was damit gemeint war, lachten wir mit den Erwachsenen darüber.
Als die beiden schließlich heirateten, war Veronika schon hochschwanger mit Nikita. Nikita ist zwei Jahre älter als ich. Nikita Chruschtschow, so wie der ehemalige russische Regierungschef. Wir alle nannten ihn Nikki oder einfach Nik.
Tibor verließ Veronika, als ich etwa zehn war, einfach so. Veronika war komplett am Boden zerstört. Mama telefonierte nächtelang mit ihr und nach einem Monat kündigte Veronika ihren Job in Köln und zog nach Berlin, um in Mamas Nähe zu sein. Doch immer wieder reiste sie auch nach Bukarest und obwohl alle wussten, dass sie Tibor besuchte, leugnete sie dies jedes Mal aufs Heftigste.
Wir wohnten damals in Ostberlin in einer tollen Villa. Aber nicht in so einem alten Kasten wie der Kern, sondern in einer richtig modernen Villa. Bauhausstil, sagte Papa immer so, als wäre das etwas Besonderes. In meiner Klasse war ich von Anfang an das „Rich Kid“.
Eigentlich kommen wir jedoch aus Düsseldorf. Papa ist Architekt und als es so richtig losging nach der Wende, wollte er unbedingt nach Berlin.
„That’s the place to be“, war sein Slogan. Ich war damals zwei Jahre alt und Mama weigerte sich anfangs, nach Berlin zu ziehen. So ging Papa 1997 schon mal vor. „Revierkunde“ nannte er das. Er arbeitete in einem renommierten Architekturbüro und wohnte während dieser Zeit bei Uwe in Potsdam, einem Freund aus Studienzeiten.
Und Uwe hatte ihm dann auch diesen Floh ins Ohr gesetzt: „Warum uns für andere abrackern, wenn wir das Geld auch in die eigene Tasche packen können?“
Papa hat dann seinen tollen Job gekündigt und mit Uwe eine Firma gegründet. Projektentwicklung war das Kerngeschäft und überall herrschte Goldgräberstimmung. Sie kauften runtergekommene Immobilien im Osten, sanierten diese und verkauften sie anschließend mit großen Gewinnen weiter. Das lief eine Zeit lang tatsächlich gut, so gut, dass Papa die Villa im Osten kaufte, so mit Pool und eigenem Weinkeller. Und nun hatte selbst Mama keinen Grund mehr, länger in Düsseldorf zu bleiben. 2001 sind wir dann endgültig rüber gezogen.
Der Boom auf dem Immobilienmarkt ging weiter und Papa und Uwe drehten richtig auf, bis sie sich letztendlich gehörig verzockten. Sie hatten ein paar Schrottimmobilien gekauft und standen nun Mietern mit langjährigen Ansprüchen gegenüber. Mietern, die auf keinen Fall ausziehen wollten. Doch ohne Renovierung kein Weiterverkauf, und das Bauamt hatte zudem schier endlose Forderungen im Bereich Denkmalschutz.
Seitdem saß Papa auf teilvermieteten Immobilien, während die Banken auf ihr Geld warteten. Gier frisst eben Hirn. Und dann kam 2008 auch noch die Banken- und Immobilienkrise hinzu und nichts ging mehr.
„Zum Glück haben wir ja noch unser Haus“, sagte Mama, als Papa mal wieder jammerte. Aber auch unser Haus gehörte schon längst der Bank.
Papa probierte damals alles, um sich und uns aus der misslichen Lage zu befreien. Mit Uwe sprach er schon lange nicht mehr.
Und dann die Geschichte mit Lena aus dem Amt für Denkmalschutz. Papa war so oft dort gewesen wegen der Genehmigungen und so und hatte auch hier alles gegeben. Und aus einem unverbindlichen Arbeitsessen wurde dann eine handfeste Affäre.
Mama hatte es natürlich herausbekommen, zumal Papa sich immer weniger Mühe gab, seine Affäre zu verheimlichen, so wie er sich schon längst keine Mühe mehr mit uns gab. Und Mama war nun fast immer allein zu Hause, trank immer mehr und drehte langsam durch.
3.
Urlaub und mehr
Zurück zu den Sommerferien. Am zweiten Ferientag stand plötzlich Veronika in der Tür – mit Nikki.
„Vorschlag: Die Jungs fahren zu Oma Bina und wir beiden machen uns einen schönen Sommer am Balaton. Was meinste?“
Das war nicht das erste Mal, dass beide Schwestern eine gemeinsame Unternehmung planten, aber nun ging es offensichtlich nicht um ein verlängertes Wochenende an der Ostsee. Sie wollten uns gleich ganze drei Wochen loswerden.
„Als ob“, war das Einzige, was ich rausbekam. Ich liebte meine Großmutter und es war immer etwas los bei ihr. Aber drei Wochen mit Nikki waren drei unberechenbare Wochen. Da verging nicht ein einziger Tag ohne Stress und Aufregung.
Nikki lehnte am Türrahmen und ließ mit keiner Regung erkennen, was er dachte. Seine ohnehin schmalen Augen waren nur noch Schlitze und möglicherweise schlief er auch einfach.
„Was für eine idiotische Idee“, war alles, was Papa herausbrachte. Allerdings wusste er auch, dass es schwierig bis unmöglich war, Veronika etwas auszutreiben, wenn sie es sich in den Kopf gesetzt hatte.
„Und außerdem, habt ihr eigentlich schon Bina gefragt?“
Doch Bina fand, dass das eine ausgesprochen gute Idee war. Und schneller, als wir zustimmen konnten, hatte Veronika nicht nur den eigenen Urlaub am Balaton organisiert, sondern unseren Urlaub gleich mit.
Eine Woche später saßen wir dann bei Papa im Auto. Papa hatte einen seiner Geschäftstermine so verlegen können, dass er uns mitnehmen konnte. Offensichtlich ging es ihm aber weniger darum, uns eine Mitfahrgelegenheit zu bieten, als sicherzustellen, dass wir auch tatsächlich bei Bina ankamen.
Ich glaube, während der ganzen Fahrt hat Nikki nur ein einziges Wort gesprochen: „Mäkkes.“
Bei Bina war dann alles ganz schnell wieder vertraut. Der Garten war wunderschön und überall lagen Katzen herum, die darauf warteten, gekrault zu werden.
Nikki habe ich eigentlich kaum gesehen. Er war wie eine der Katzen, nachtaktiv eben. Er schlief bis zum frühen Nachmittag, frühstückte eine Riesenschüssel Honey-Smacks und war dann direkt unterwegs – wohin auch immer. Nur einmal kam er mit ins Ratinger Freibad. Bis ins Wasser hat er es allerdings nicht geschafft.
Und ich war den ganzen Tag entweder im Garten oder in Binas Atelier. Das Atelier war eine Welt für sich. Voller Bilder und Skulpturen, und dazwischen wirbelte Bina mit ihren Pinseln und Spachteln herum. Auch im Garten waren überall Skulpturen und Kunstwerke. Ich hatte auch wieder mit dem Malen begonnen. Und Bina schaute mir über die Schulter und gab mir nützliche Tipps.
Und dann überraschte Bina uns mit einem Vorschlag:
„Jungs, ihr habt Ferien und solltet etwas unternehmen. So gern ich euch um mich habe, aber Urlaub ist das doch nicht.“
Erst wollten uns unsere Mütter loswerden und jetzt auch noch Bina. Ich protestierte und Nikki schaute nur.
Hariksee war Binas Vorschlag. Nie davon gehört.
„Das ist Richtung Holland. Ein schöner See mit Campingplatz und allem Drum und Dran.“
Bei „Holland“ öffnete Nikki für einen kurzen Augenblick seine Augen und grinste leicht. Schien mir zumindest so.
Ja, und Bina hatte tatsächlich auch schon einiges organisiert. Zwei Fahrräder standen auf dem Hof und mussten nur noch aufgepumpt werden. Und im Keller gab es eine große Kiste mit Campingklamotten.
„Da müsste alles drin sein, noch von deinem Papa.“
Und ja, so alt wie das Zeug war, so roch es auch. Am Ende hatten wir ein Iglu-Zelt, zwei Lumas, Schlafsäcke, einen Campingkocher mit Geschirr und Besteck und allerlei Kleinkram. Fragte sich nur, wie wir das alles transportieren sollten. Und überhaupt, wie sollten wir da nur hingelangen.
Am Abend setzten wir uns zu dritt um einen alten Stadtplan. Bina hatte ihr Haus markiert und dann mit einem Edding die Fahrstrecke quer durch die Stadt farbig angelegt.
„So, und nun geht es vom Stadtplan auf die Straßenkarte. Wenn ihr euch bis dahin nicht verfahren habt, müsstet ihr hier rauskommen.“ Bina deutete auf einen Punkt und folgte von dort zielsicher einer Straße und dann einer weiteren, bis zu einem kleinen blauen Fleck.
„Hier, der Hariksee. Der Campingplatz ist direkt am See, gar nicht zu verfehlen.“
Am nächsten Morgen ging es dann tatsächlich los. Wir hatten am Abend vorher schon die meisten Klamotten verstaut, so mit Gepäckbändern aus Gummi. Bina sprang die ganze Zeit besorgt um uns herum und erzählte uns von irgendeinem Gregor, der sich angeblich mit so einem Gepäckband ein Auge zerschossen hatte. Wie sollte so was überhaupt gehen?
Alles, was nicht auf den Gepäckträger passte, stopfte ich in meinen Rucksack.
Dann waren wir endlich unterwegs und auch wenn es bis zum Hariksee nur etwa 50 Kilometer waren, so brauchten wir doch fast den ganzen Tag. Es war wahnsinnig heiß und Nikki trug dazu noch seinen schwarzen Hoody mit Kapuze. Er sprach mal wieder kein Wort und überließ mir die Streckenführung. Und ja, ich war kein Meister im Kartenlesen. Genauso gut hätte man mich mit einem Kompass in der Wüste aussetzen können. Aber nach vielen kleineren Umwegen und der Hilfe von einigen Passanten kamen wir tatsächlich am Hariksee an. Da gab es gleich drei Campingplätze und alle waren ziemlich überfüllt. Aber Bina hatte vorgesorgt und für uns gebucht. Es dauerte eine Weile, bis wir den richtigen Platz ganz im Süden vom See gefunden hatten, und es dauerte noch mal so lange, bis wir ein kleines Plätzchen direkt am Wasser hatten.
„Ich muss mal was besorgen“, und damit war Nikki auch schon weg. Das kannte ich schon von ihm. „Mal was besorgen, mal was erledigen, dringend mal weg.“ Auf ihn konnte sich niemand verlassen. Manchmal konnte es Stunden dauern, bis er wieder da war, wenn er überhaupt kam.
Ich lag total durchgeschwitzt auf meiner Isomatte und starrte in den Himmel.
„Hey, ihr seid wohl neu hier?“ Die Stimme kam von einem Mädchen, das schräg über mir stand, direkt vor der Sonne. Ich konnte nur ihre Umrisse sehen.
Na, wahnsinnig clever konnte die nicht sein.
„Nee, wir fahren gerade.“ Vielleicht würde sie ja wieder abhauen.
„Gerade angekommen und nun fahrt ihr wieder?“
„Ja, ja. Gleich.“
„Glaube dir kein Wort. Dir nicht und deinem gruseligen Freund auch nicht.“ Damit zog sie wieder ab.
Ich weiß auch nicht, warum ich mal wieder so blöde war. Da kommt ein Mädchen von sich aus auf mich zu, will einfach nur freundlich sein, und ich kanzele sie ab. Das war für mich eindeutig einfacher, als tatsächlich mit einem Mädchen zu sprechen. Was hätte ich denn auch erzählen sollen?
Ich döste vor mich hin und wachte erst auf, als es bereits ein wenig kühler war. Von Nikki war nichts zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis ich das Zelt von Nikkis Fahrrad befreit hatte. Das Zelt steckte in einer silbrigen Hülle. Das Band war fest zugeknotet und es dauerte lange, bis ich das Zelt und die Stangen mit den Heringen aus der Hülle bekam. Es stank erbärmlich. Wahrscheinlich hatte Papa es beim letzten Mal nass eingepackt und seitdem nicht mehr benutzt. Das Innenzelt hatte Stockflecken und war an einigen dieser Stellen eingerissen. Was für eine Scheißaktion.
Eigentlich war ich ganz gut in derartigen Sachen und so stand das Zelt in kurzer Zeit. Das Außenzelt ließ ich erst einmal weg, um das Innenzelt ein wenig auszulüften.
„Hey, ihr bleibt ja doch.“ Da war dieses Mädchen wieder. Es saß im Schneidersitz im Nachbarzelt und hatte mich wohl die ganze Zeit beobachtet.
„Scheinst ja ein echter Profi zu sein.“ Das klang nicht einmal spöttisch.
Sommer 2010, Berlin
Der Sommer war eigentlich eine Vollkatastrophe, zumindest überwiegend.
Ich war 15, sah aus wie 13 und irgendwie nahm mich niemand richtig wahr. Und ich unternahm auch gar nicht viel, um dies zu ändern. Dazu hieß ich Kai-Uwe, Kai-Uwe Ladenbach. Aus welchem Jahrhundert stammte denn dieser Name? Niemand, der cool ist, heißt so. In der Schule nannten mich zumindest die meisten einfach Kai, sofern sie mich überhaupt ansprachen. Die Lehrer duzten uns sowieso alle. Nur Melchior rief ab und zu durch die Turnhalle „Ladenbach, mach hinne.“
Der Sommer war heiß in Berlin und alle sehnten sich die Sommerferien herbei. Dann der letzte Schultag und die große Party bei Kern. Kern war der okayste Lehrer, den wir hatten: Religion. Der organisierte mit seinen Schülern große Zeltlager auf Korsika und lud ganze Schulklassen in seinen privaten Partykeller ein. So ein verwinkelter Keller in einer großen Villa mit dunklen, kerzenbeleuchteten Gängen, einer kleinen Tanzfläche, einem eigenen Raum mit Billardtisch und einem alten Flipper. Die Partys waren legendär. Und wer von uns konnte schon mehr als zehn Freunde zu sich nach Hause einladen? Gut, bei uns wäre es möglich gewesen, aber das ist eine andere Sache.
Also am Freitagabend, am letzten Schultag, die Party bei Kern. Und ja, die ganze Klasse war eingeladen. Und die 9 d auch. Und ja, die Party war in doppelter Hinsicht wichtig: Erstens war die Schule endlich vorbei, zumindest für die nächsten sechs Wochen, und dann hatte auch noch Saskia Geburtstag.
Eigentlich hatte Saskia erst am Samstag Geburtstag. Wir würden also hineinfeiern. So war jedenfalls der Plan. Und deshalb hatten die meisten von uns schon seit Längerem Vorkehrungen getroffen, hatten ihren Eltern klargemacht, wie wichtig es war, länger als sonst feiern zu dürfen.
Ich will euch die Details ersparen, aber ich durfte natürlich nur bis kurz vor zwölf bleiben. Wisst ihr, wie peinlich es ist, wenn euch der eigene Vater um Viertel vor zwölf von einer Party abholt – und damit nicht genug – sich auch noch in den Partyraum reindrängelt, um euch zu suchen?
Ich hatte schon Wochen vorher überlegt, was ich Saskia schenken sollte. Saskia, die tollste, liebreizendste und coolste im ganzen Universum. Die Hälfte der Klasse war in Saskia verliebt. Natürlich nur die Jungen, mich eingeschlossen. Und selbst die Spackos und einige der Nazis fanden sie zumindest okay. Nur die Emos fanden sie zum Kotzen, war sie doch das genaue Gegenteil von dem, was sie vertraten.
Saskia war laufend von ihrer Clique umlagert. Natalie, Celine und Maya schirmten sie ab, als wären sie ihre Bodyguards.
Die meisten Mädchen aus unserer Stufe hatten sich schon zusammengeschlossen und irgendeine gnadenlos grandiose Überraschung vorbereitet. Der schöne Georg stolzierte in der Pause herum und erzählte jedem, wie teuer sein Geschenk sei. Und ich hatte, wie schon so oft, keine Idee. Natürlich hatte ich mich umgehört, wollte mich an einem Gemeinschaftsgeschenk beteiligen, aber alle, die ich fragte, hatten schon ein Geschenk oder waren nicht interessiert.
„Mal ihr doch etwas.“ Ich wusste, dass es meine Mutter nur gut meinte, aber wie uncool war denn so was. Als ob ich mich jetzt hinsetzen und Saskia ein Bild malen würde. Never ever.
Aber dann rückte der letzte Schultag näher und ich hatte immer noch kein Geschenk. PANIK! Also setzte ich mich schließlich doch an meinen Schreibtisch, schob die ganzen DVDs und Schulsachen beiseite und klappte meinen Zeichenblock auf. Eigentlich war ich gar nicht so schlecht in Kunst und wenn ich meine Großmutter Bina in Düsseldorf besuchte, verbrachte ich die meiste Zeit in ihrem Atelier. Die war sowieso die tollste Oma, die man sich vorstellen konnte. Immer hatte die irgendeine verrückte Idee und animierte mich zu Höchstleistungen. Wir malten nicht nur gemeinsam, sondern arbeiteten auch mit Ton, und einmal hat sie sogar eine meiner Ton-Skulpturen in Bronze gießen lassen. Superschweres Teil.
Bina hatte mir auch gezeigt, wie man gegenständlich malt. Sie hatte tolle Kunstbücher in ihrem Atelier, mit Fotorealismus und so. Da konnten Künstler so malen, dass man später das fertige Bild nicht von einer Fotografie unterscheiden konnte. Ziemlich krasse Arbeiten.
Bina und ich hatten uns auch gegenseitig porträtiert und sie hatte mir gezeigt, wie man mit dem Bleistift die richtigen Proportionen abgreift und auf das Papier überträgt.
Genau, ich würde Saskia ein Porträt schenken, aber nicht von ihr selbst, sondern von Vanessa Paradis. Alle standen gerade auf Vanessa, obwohl die eigentlich aus einer anderen Zeit stammte. Vanessa hatte eine Mega-Zahnlücke und war irgendwie anders als die anderen angesagten Popsternchen wie Beyoncé und so.
Papa hatte tatsächlich eine Platte von Vanessa, die ich auf seinem alten Dual-Plattenspieler schon tausendmal abgespielt hatte. Voll antik das Teil, die Platte, aber auch der Plattenspieler. Aber Papa hütete seinen geliebten Dual wie einen Schatz.
Ich legte ein Transparentpapier über das Plattencover und zeichnete darauf ein regelmäßiges Rechteckraster, genauso wie auf mein Zeichenpapier. Und dann übertrug ich die einzelnen Inhalte vom Plattencover auf die Kästchen auf meinem Zeichenpapier. Das ging ziemlich gut, nur die Augen bekam ich einfach nicht hin. Ich brauchte endlos und hatte diese schon so oft ausradiert und ausgebessert, dass das Papier ganz dünn und durchscheinend war. Ich klebte vorsichtig ein zweites Blatt als Verstärkung dahinter und irgendwann war ich dann tatsächlich zufrieden. Am Ende besprühte ich das Bild mit Haarspray, um den Bleistift zu fixieren – auch so ein Tipp von Bina. Ich rollte das Bild vorsichtig zusammen und band eine rote Schleife darum – fertig.
Ja, und dann die Party bei Kern. Wir sind alle mit unseren Fahrrädern hingefahren, zur alten Kern-Villa direkt am Chinesischen Garten.
Ihr kennt diese Partys. Da gibt es die supercoolen Tänzer, die den ganzen Abend auf der Tanzfläche rumwirbeln, dann die Raucher und Kiffer, die draußen auf der Kellertreppe herumlungern und lautstark debattieren, und die Schüchternen, die sich den ganzen Abend am Buffet herumdrücken und Cola trinken. Und dann gibt es noch diejenigen, die eh kein Interesse an Partys haben und den Billardtisch und den Flipper belagern. Zu denen gehörte ich.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich endlich am Flipper stand, aber dann spielte ich mich regelrecht in einen Rausch. Wir spielten um den Highscore und ich lag meistens vorne. Bis zu dem unseligen Moment, als plötzlich mein Vater in der Tür stand und laut nach mir rief. Und ja, er war unerbittlich und zog mich einfach hinter sich her. Aus den Augenwinkeln konnte ich die anderen feixen sehen. Und Saskia tanzte gerade mit dem schönen Georg und schien gar nicht zu merken, dass ich ging. Vielleicht auch besser so.
Warum machten eigentlich immer meine Eltern so ein Theater? Warum konnte ich nicht wie alle anderen mit dem Fahrrad nach Hause fahren? Und mein Bild von Vanessa Paradis lag noch zusammengerollt oben auf dem Flipper. Super gelaufen.
So fingen also die Sommerferien an.
Am nächsten Vormittag lief ich dann zu Fuß zur Kern-Villa. Da stand schließlich noch mein Fahrrad. Es war ein schöner Sommertag und ich ließ mir Zeit. Mein Fahrrad lehnte noch am Zaun und gerade, als ich es aufschließen wollte, öffnete sich die Haustür und Saskia stand auf der Schwelle, einen Wäschekorb in den Armen. Klar, die war hier, um mit ihrem Vater ihre Geschenke abzuholen.
Unschlüssig stand ich über meinem Schloss gebeugt. Wenn ich jetzt sofort ginge, würde sie mich nicht bemerken. Aber da hatte der Kern schon das Gartentor geöffnet und mich entdeckt.
„Hey Kai, alles klar?“
„Muss ja“, murmelte ich.
Dann kam mir eine Idee.
„Hab’ noch was vergessen“, rief ich Kern zu und drängelte mich an Saskia und ihrem Vater vorbei in die Villa.
Ja, meine Zeichnung lag noch oben auf dem Flipper und eine Minute später stand ich wieder keuchend vor Saskia:
„Hier ein Bild von mir für dich. Äh, ich meine ein Bild von mir, gemalt für dich. Nein, ich meine ein Bild für dich, gemalt von mir.“
Saskia schaute mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal, und wahrscheinlich war es auch so.
„Danke“, hörte ich sie leise sagen, so leise, dass ich später glaubte, es mir nur eingebildet zu haben. Aber da saß ich schon auf meinem Fahrrad.
„Hier, ein Bild von mir für dich.“ Blöder ging’s wohl wirklich nicht. Aber dennoch: Mission erfüllt und ich fühlte mich eigentlich richtig gut.
So schlecht fingen die Sommerferien ja doch nicht an.
2.
Nikita
Wir hatten einen russischen Einschlag in unserer Familie. Mamas Schwester Veronika hatte während einer Reise nach Bulgarien Tibor kennengelernt, Tibor Chruschtschow, halb Russe, halb Rumäne. Onkel Tibor war voll korrekt. Er machte immer seine Späße mit uns und eigentlich wusste keiner von uns, ob er den schweren russischen Akzent nur vorspielte. Alle in der Familie sagten, dass Veronika Tibor verfallen sei, und obwohl wir Kinder gar nicht wussten, was damit gemeint war, lachten wir mit den Erwachsenen darüber.
Als die beiden schließlich heirateten, war Veronika schon hochschwanger mit Nikita. Nikita ist zwei Jahre älter als ich. Nikita Chruschtschow, so wie der ehemalige russische Regierungschef. Wir alle nannten ihn Nikki oder einfach Nik.
Tibor verließ Veronika, als ich etwa zehn war, einfach so. Veronika war komplett am Boden zerstört. Mama telefonierte nächtelang mit ihr und nach einem Monat kündigte Veronika ihren Job in Köln und zog nach Berlin, um in Mamas Nähe zu sein. Doch immer wieder reiste sie auch nach Bukarest und obwohl alle wussten, dass sie Tibor besuchte, leugnete sie dies jedes Mal aufs Heftigste.
Wir wohnten damals in Ostberlin in einer tollen Villa. Aber nicht in so einem alten Kasten wie der Kern, sondern in einer richtig modernen Villa. Bauhausstil, sagte Papa immer so, als wäre das etwas Besonderes. In meiner Klasse war ich von Anfang an das „Rich Kid“.
Eigentlich kommen wir jedoch aus Düsseldorf. Papa ist Architekt und als es so richtig losging nach der Wende, wollte er unbedingt nach Berlin.
„That’s the place to be“, war sein Slogan. Ich war damals zwei Jahre alt und Mama weigerte sich anfangs, nach Berlin zu ziehen. So ging Papa 1997 schon mal vor. „Revierkunde“ nannte er das. Er arbeitete in einem renommierten Architekturbüro und wohnte während dieser Zeit bei Uwe in Potsdam, einem Freund aus Studienzeiten.
Und Uwe hatte ihm dann auch diesen Floh ins Ohr gesetzt: „Warum uns für andere abrackern, wenn wir das Geld auch in die eigene Tasche packen können?“
Papa hat dann seinen tollen Job gekündigt und mit Uwe eine Firma gegründet. Projektentwicklung war das Kerngeschäft und überall herrschte Goldgräberstimmung. Sie kauften runtergekommene Immobilien im Osten, sanierten diese und verkauften sie anschließend mit großen Gewinnen weiter. Das lief eine Zeit lang tatsächlich gut, so gut, dass Papa die Villa im Osten kaufte, so mit Pool und eigenem Weinkeller. Und nun hatte selbst Mama keinen Grund mehr, länger in Düsseldorf zu bleiben. 2001 sind wir dann endgültig rüber gezogen.
Der Boom auf dem Immobilienmarkt ging weiter und Papa und Uwe drehten richtig auf, bis sie sich letztendlich gehörig verzockten. Sie hatten ein paar Schrottimmobilien gekauft und standen nun Mietern mit langjährigen Ansprüchen gegenüber. Mietern, die auf keinen Fall ausziehen wollten. Doch ohne Renovierung kein Weiterverkauf, und das Bauamt hatte zudem schier endlose Forderungen im Bereich Denkmalschutz.
Seitdem saß Papa auf teilvermieteten Immobilien, während die Banken auf ihr Geld warteten. Gier frisst eben Hirn. Und dann kam 2008 auch noch die Banken- und Immobilienkrise hinzu und nichts ging mehr.
„Zum Glück haben wir ja noch unser Haus“, sagte Mama, als Papa mal wieder jammerte. Aber auch unser Haus gehörte schon längst der Bank.
Papa probierte damals alles, um sich und uns aus der misslichen Lage zu befreien. Mit Uwe sprach er schon lange nicht mehr.
Und dann die Geschichte mit Lena aus dem Amt für Denkmalschutz. Papa war so oft dort gewesen wegen der Genehmigungen und so und hatte auch hier alles gegeben. Und aus einem unverbindlichen Arbeitsessen wurde dann eine handfeste Affäre.
Mama hatte es natürlich herausbekommen, zumal Papa sich immer weniger Mühe gab, seine Affäre zu verheimlichen, so wie er sich schon längst keine Mühe mehr mit uns gab. Und Mama war nun fast immer allein zu Hause, trank immer mehr und drehte langsam durch.
3.
Urlaub und mehr
Zurück zu den Sommerferien. Am zweiten Ferientag stand plötzlich Veronika in der Tür – mit Nikki.
„Vorschlag: Die Jungs fahren zu Oma Bina und wir beiden machen uns einen schönen Sommer am Balaton. Was meinste?“
Das war nicht das erste Mal, dass beide Schwestern eine gemeinsame Unternehmung planten, aber nun ging es offensichtlich nicht um ein verlängertes Wochenende an der Ostsee. Sie wollten uns gleich ganze drei Wochen loswerden.
„Als ob“, war das Einzige, was ich rausbekam. Ich liebte meine Großmutter und es war immer etwas los bei ihr. Aber drei Wochen mit Nikki waren drei unberechenbare Wochen. Da verging nicht ein einziger Tag ohne Stress und Aufregung.
Nikki lehnte am Türrahmen und ließ mit keiner Regung erkennen, was er dachte. Seine ohnehin schmalen Augen waren nur noch Schlitze und möglicherweise schlief er auch einfach.
„Was für eine idiotische Idee“, war alles, was Papa herausbrachte. Allerdings wusste er auch, dass es schwierig bis unmöglich war, Veronika etwas auszutreiben, wenn sie es sich in den Kopf gesetzt hatte.
„Und außerdem, habt ihr eigentlich schon Bina gefragt?“
Doch Bina fand, dass das eine ausgesprochen gute Idee war. Und schneller, als wir zustimmen konnten, hatte Veronika nicht nur den eigenen Urlaub am Balaton organisiert, sondern unseren Urlaub gleich mit.
Eine Woche später saßen wir dann bei Papa im Auto. Papa hatte einen seiner Geschäftstermine so verlegen können, dass er uns mitnehmen konnte. Offensichtlich ging es ihm aber weniger darum, uns eine Mitfahrgelegenheit zu bieten, als sicherzustellen, dass wir auch tatsächlich bei Bina ankamen.
Ich glaube, während der ganzen Fahrt hat Nikki nur ein einziges Wort gesprochen: „Mäkkes.“
Bei Bina war dann alles ganz schnell wieder vertraut. Der Garten war wunderschön und überall lagen Katzen herum, die darauf warteten, gekrault zu werden.
Nikki habe ich eigentlich kaum gesehen. Er war wie eine der Katzen, nachtaktiv eben. Er schlief bis zum frühen Nachmittag, frühstückte eine Riesenschüssel Honey-Smacks und war dann direkt unterwegs – wohin auch immer. Nur einmal kam er mit ins Ratinger Freibad. Bis ins Wasser hat er es allerdings nicht geschafft.
Und ich war den ganzen Tag entweder im Garten oder in Binas Atelier. Das Atelier war eine Welt für sich. Voller Bilder und Skulpturen, und dazwischen wirbelte Bina mit ihren Pinseln und Spachteln herum. Auch im Garten waren überall Skulpturen und Kunstwerke. Ich hatte auch wieder mit dem Malen begonnen. Und Bina schaute mir über die Schulter und gab mir nützliche Tipps.
Und dann überraschte Bina uns mit einem Vorschlag:
„Jungs, ihr habt Ferien und solltet etwas unternehmen. So gern ich euch um mich habe, aber Urlaub ist das doch nicht.“
Erst wollten uns unsere Mütter loswerden und jetzt auch noch Bina. Ich protestierte und Nikki schaute nur.
Hariksee war Binas Vorschlag. Nie davon gehört.
„Das ist Richtung Holland. Ein schöner See mit Campingplatz und allem Drum und Dran.“
Bei „Holland“ öffnete Nikki für einen kurzen Augenblick seine Augen und grinste leicht. Schien mir zumindest so.
Ja, und Bina hatte tatsächlich auch schon einiges organisiert. Zwei Fahrräder standen auf dem Hof und mussten nur noch aufgepumpt werden. Und im Keller gab es eine große Kiste mit Campingklamotten.
„Da müsste alles drin sein, noch von deinem Papa.“
Und ja, so alt wie das Zeug war, so roch es auch. Am Ende hatten wir ein Iglu-Zelt, zwei Lumas, Schlafsäcke, einen Campingkocher mit Geschirr und Besteck und allerlei Kleinkram. Fragte sich nur, wie wir das alles transportieren sollten. Und überhaupt, wie sollten wir da nur hingelangen.
Am Abend setzten wir uns zu dritt um einen alten Stadtplan. Bina hatte ihr Haus markiert und dann mit einem Edding die Fahrstrecke quer durch die Stadt farbig angelegt.
„So, und nun geht es vom Stadtplan auf die Straßenkarte. Wenn ihr euch bis dahin nicht verfahren habt, müsstet ihr hier rauskommen.“ Bina deutete auf einen Punkt und folgte von dort zielsicher einer Straße und dann einer weiteren, bis zu einem kleinen blauen Fleck.
„Hier, der Hariksee. Der Campingplatz ist direkt am See, gar nicht zu verfehlen.“
Am nächsten Morgen ging es dann tatsächlich los. Wir hatten am Abend vorher schon die meisten Klamotten verstaut, so mit Gepäckbändern aus Gummi. Bina sprang die ganze Zeit besorgt um uns herum und erzählte uns von irgendeinem Gregor, der sich angeblich mit so einem Gepäckband ein Auge zerschossen hatte. Wie sollte so was überhaupt gehen?
Alles, was nicht auf den Gepäckträger passte, stopfte ich in meinen Rucksack.
Dann waren wir endlich unterwegs und auch wenn es bis zum Hariksee nur etwa 50 Kilometer waren, so brauchten wir doch fast den ganzen Tag. Es war wahnsinnig heiß und Nikki trug dazu noch seinen schwarzen Hoody mit Kapuze. Er sprach mal wieder kein Wort und überließ mir die Streckenführung. Und ja, ich war kein Meister im Kartenlesen. Genauso gut hätte man mich mit einem Kompass in der Wüste aussetzen können. Aber nach vielen kleineren Umwegen und der Hilfe von einigen Passanten kamen wir tatsächlich am Hariksee an. Da gab es gleich drei Campingplätze und alle waren ziemlich überfüllt. Aber Bina hatte vorgesorgt und für uns gebucht. Es dauerte eine Weile, bis wir den richtigen Platz ganz im Süden vom See gefunden hatten, und es dauerte noch mal so lange, bis wir ein kleines Plätzchen direkt am Wasser hatten.
„Ich muss mal was besorgen“, und damit war Nikki auch schon weg. Das kannte ich schon von ihm. „Mal was besorgen, mal was erledigen, dringend mal weg.“ Auf ihn konnte sich niemand verlassen. Manchmal konnte es Stunden dauern, bis er wieder da war, wenn er überhaupt kam.
Ich lag total durchgeschwitzt auf meiner Isomatte und starrte in den Himmel.
„Hey, ihr seid wohl neu hier?“ Die Stimme kam von einem Mädchen, das schräg über mir stand, direkt vor der Sonne. Ich konnte nur ihre Umrisse sehen.
Na, wahnsinnig clever konnte die nicht sein.
„Nee, wir fahren gerade.“ Vielleicht würde sie ja wieder abhauen.
„Gerade angekommen und nun fahrt ihr wieder?“
„Ja, ja. Gleich.“
„Glaube dir kein Wort. Dir nicht und deinem gruseligen Freund auch nicht.“ Damit zog sie wieder ab.
Ich weiß auch nicht, warum ich mal wieder so blöde war. Da kommt ein Mädchen von sich aus auf mich zu, will einfach nur freundlich sein, und ich kanzele sie ab. Das war für mich eindeutig einfacher, als tatsächlich mit einem Mädchen zu sprechen. Was hätte ich denn auch erzählen sollen?
Ich döste vor mich hin und wachte erst auf, als es bereits ein wenig kühler war. Von Nikki war nichts zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis ich das Zelt von Nikkis Fahrrad befreit hatte. Das Zelt steckte in einer silbrigen Hülle. Das Band war fest zugeknotet und es dauerte lange, bis ich das Zelt und die Stangen mit den Heringen aus der Hülle bekam. Es stank erbärmlich. Wahrscheinlich hatte Papa es beim letzten Mal nass eingepackt und seitdem nicht mehr benutzt. Das Innenzelt hatte Stockflecken und war an einigen dieser Stellen eingerissen. Was für eine Scheißaktion.
Eigentlich war ich ganz gut in derartigen Sachen und so stand das Zelt in kurzer Zeit. Das Außenzelt ließ ich erst einmal weg, um das Innenzelt ein wenig auszulüften.
„Hey, ihr bleibt ja doch.“ Da war dieses Mädchen wieder. Es saß im Schneidersitz im Nachbarzelt und hatte mich wohl die ganze Zeit beobachtet.
„Scheinst ja ein echter Profi zu sein.“ Das klang nicht einmal spöttisch.

