Der erste Schnee
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 158
ISBN: 978-3-99130-364-0
Erscheinungsdatum: 21.10.2026
Ein russischer Agent, ein kanadischer Gegenspieler und eine Freundschaft, die keiner von beiden erwartet: Zwischen Dressurturnier, Kasino und Spionage wird aus einem Auftrag ein tödliches Spiel um Vertrauen.
Es war früh am Morgen und der Nebel lag noch tief über den Feldern. Nahe dem schützenden Waldrand standen Rehe. Vereinzelt erklang der Ruf eines Vogels, ansonsten störte kein Laut den Moment des anbrechenden Tages.
Der leise Hufschlag eines Pferdes übertönte kaum das gleichmäßige Rauschen der Wellen, die dumpf an den nahen Strand schlugen. Gestört suchte ein Hase Haken schlagend zu entkommen.
Pferd und Reiter kamen den kleinen, sandigen Weg entlang. Eingebettet zwischen Heide und kleinen, krüppeligen Kiefern führte er zum Strand. Federnd gab der Boden unter den Hufen nach, mal klang es dumpf, mal schlug der Huf krachend gegen einen Stein. Ein leichter Wind spielte in der Mähne des Pferdes und den dichten, schwarzen Haaren seines Reiters. Die dunklen Augen des Mannes waren zusammengekniffen, um gegen das Licht der aufgehenden Sonne sehen zu können.
Auf einen leichten Schenkeldruck hin galoppierte das Pferd schwungvoll an. Die Morgensonne ließ das tiefschwarze Fell des Pferdes bläulich schimmern. Die Nüstern gebläht, hatte das Tier Freude an der Bewegung, übermütig schlug es aus, streckte sich noch mehr unter seinem Reiter und schnaubte im Takt zu jedem Galoppsprung. Erschrocken flohen die Rehe in den Wald.
Noch zogen einzelne Nebelschwaden über das Wasser, aber es versprach ein sonniger Tag zu werden. Mit einem Satz war der Reiter vom Pferd, streifte noch in der Bewegung seine Bekleidung ab. Geschmeidig glitt er ins Wasser.
Er war ein Mann mittleren Alters, athletisch gebaut und gut durchtrainiert. Seine Schwimmzüge, kraftvoll und gleichmäßig, ließen ihn die Wellen mühelos überwinden. Anfangs schaute das Pferd seinem Reiter argwöhnisch nach, doch dann begann es am harten Schilfgras zu knabbern.
Die Wellen schlugen leise an den Strand, immer und immer wieder. Eine Möwe begrüßte den Tag mit ihrem lang gezogenen, klagenden Schrei, als eine plötzliche Unruhe das Pferd befiel. Mit aufgeblähten Nüstern stand es, die Beine vom Wasser umspült, und lauschte.
Tänzelnd trabte der kräftige Hengst durch das seichte Wasser. Die jetzt klare Sonne brach sich in seinem seidigen Fell und ließ die Augen des Tieres gespenstisch aufglühen. Wieder vernahmen die scharfen Ohren des Pferdes den Pfiff. Die Spannung des Tieres stieg, suchte Erlösung in einem langen, hellen Wiehern, doch erneut erklang der Pfiff.
Erregt stieg der Hengst, schwarz zeichnete sich seine Silhouette gegen die Sonne ab. Aufgebracht galoppierte das Pferd nun durch das Wasser. Glitzernd und schäumend spritzte die Gischt unter den Hufen auf. Kleine Wasserperlen funkelten silbern auf seinem Rücken und in der Mähne.
Dann wieder ein Pfiff.
Endlich, ungeachtet des tiefer werdenden Wassers, näherte sich der Hengst seinem Reiter. Lachend zog sich der Mann an der Mähne auf den Rücken des Pferdes und lenkte das Tier mit beruhigenden Worten zurück zum Strand.
Langsam trocknete sie die Sonne. Gedankenverloren saß der Mann im Schilfgras, wild lagen die schwarzen Haare um seinen Kopf. Versonnen sah er den Möwen bei ihrem zänkischen Spiel zu. Erst der dunkle Signalton eines Schiffes ließ ihn jäh hochschrecken, erinnerte ihn daran, dass es Zeit für den Rückweg war.
Elegant glitt die Sondermaschine durch die Wolken, erreichte ihre Flughöhe und näherte sich gemächlich ihrem Ziel. Es war ein ruhiger Flug bei klarem Wetter und guter Sicht. Im Frachtraum der Maschine nahm das jedoch kaum jemand wahr. Dort wo sonst Sitz an Sitz standen, waren nun mobile Pferdeboxen installiert. Nervös kontrollierten Pfleger und Reiter immer wieder den Zustand ihrer wertvollen Turnierpferde, sorgten für ausreichend Wasser und Futter. Einige der Reiter saßen auf Notsitzen und versuchten vor der Ankunft noch etwas Ruhe zu finden.
In einer der letzten Boxen stand ein schwarzer Hengst, Wasser troff ihm noch vom Maul, als er die Nase aus dem Eimer hob und sich wieder dem Heu zuwandte. Sein Reiter stand blass an der Box. Während er sich immer wieder durch die wirren, schwarzen Haare fuhr, redete er mehr sich selbst denn dem Pferd gut zu.
Sein Pfleger stand abseits, unsicher, wie er sich verhalten sollte. Die anderen Pferdepfleger gingen witzelnd ihrer Arbeit nach, sie kannten den Reiter des schwarzen Hengstes von anderen Turnieren und waren froh nichts mit ihm zu tun zu haben. Sie hatten seinen derzeitigen Pfleger bereits vor der Eigenwilligkeit des Mannes gewarnt.
Fjodor Alexejewitsch Svordlov überließ nur ungern und wenn dann äußerst gereizt und unwirsch die Betreuung seines Pferdes einem Pfleger.
Sanft landete das Flugzeug. Auf dem Rollfeld war alles für die Ankunft vorbereitet. Behutsam wurden die Pferde ausgeladen und in den wartenden Transporter gebracht. Über allem schien warm die Sonne, nur manchmal schob sich Schatten spendend eine Wolke davor. Bald waren die Tiere verladen und die Reiter der russischen Dressurequipe stiegen ihrerseits in das auf sie wartende Fahrzeug. Sie waren nicht zum ersten Mal in dieser kanadischen Stadt, um an den Dressurprüfungen teilzunehmen.
Wie immer genoss Fjodor Alexejewitsch Svordlov den Anblick der belebten Stadt. Auch er war schon des Öfteren hier gewesen und rechnete auf eine für ihn gute Platzierung. Er hatte hart an sich und dem Pferd dafür gearbeitet. Sein Hengst war in guter Verfassung.
Dies war jedoch nicht seine einzige Sorge, auf ihn wartete eine weitere Aufgabe.
Kurz legte sich ein dunkler Schatten auf ihn, ließ ihn für einen quälenden Augenblick die Reiterei vergessen.
Energisch rieb Svordlov sich die Schläfen, sprach auf die besorgten Anfragen seitens seiner Mitreiter vom Jetlag und wandte sich wieder der Gegenwart zu.
Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht. Ein schön gelegenes, kleines Gestüt. Um alle Pferde der Turnierteilnehmer unterzubringen, waren zusätzliche Containerboxen aufgestellt worden. Es herrschte bereits geschäftiges Treiben in den Stallungen sowie auf dem Reitplatz. Jetzt kümmerte sich jeder um sein Pferd. Es galt, die Tiere nach dem langen Flug umsichtig ein wenig zu bewegen, sie an den Boden und das Klima zu gewöhnen.
Gemeinsam mit dem Pfleger führte Svordlov seinen nervösen Hengst über die Anlage. Hier und da wurden sie von anderen Teilnehmern gegrüßt. Fast alle kannten sich untereinander von den verschiedenen Turnieren.
Mit Mühe versuchte der Pfleger den Hengst ruhig zu halten, während der Russe schwungvoll aufsaß. Als Svordlov sich unter die anderen Reiter mischte, stellte sich ein älterer Mann an die Abgrenzung des Reitplatzes.
Die Haare bereits ergraut, der Rücken von der schweren Arbeit im Stall leicht gebeugt. Seine schwieligen Hände ruhten fest auf den abgrenzenden Holzbalken. Sie verrieten trotz seines fortgeschrittenen Alters genügend Kraft, auch ein durchgehendes Pferd zu bändigen. Für Peter Sisko war die Zeit der Reitprüfungen mit viel zusätzlicher Arbeit verbunden. So hatte er nicht nur den Platz für die Turnierpferde zu schaffen, sondern auch zusätzliche Tiere zu betreuen. Ihn störte dies jedoch nicht. Pferde waren für Peter Sisko die besseren Menschen, obwohl sie genauso anspruchsvoll waren wie ihre Reiter, aber sie waren immer ehrlich zu ihm.
Sein Blick ruhte etwas zu lange auf Svordlov, um nur Interesse zu bekunden. Auch war nicht dessen Reitkunst Anlass für Siskos Neugierde, vielmehr schien dieser darauf bedacht, die Aufmerksamkeit des Reiters zu erregen.
Svordlov bemerkte sehr wohl die unauffälligen Versuche des Stallburschen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Jedoch gab er sich alle Mühe, darauf nicht zu reagieren. Stattdessen beschloss er einige Teile seiner Kür zu reiten.
Der Hengst lief weich und entspannt unter ihm.
Wieder einmal bewunderte Sisko die Einheit zwischen Svordlov und seinem Pferd. Er sah nicht viele Reiter, denen so etwas gelang. Seiner Meinung nach fehlte ihnen der Pferdeverstand. Langsam wandte er sich vom Viereck ab, ging zurück zu den Stallungen. Er würde schon Gelegenheit haben, sich mit Svordlov zu unterhalten.
Im Stall war es bereits merklich ruhiger geworden. Peter Sisko kümmerte sich noch um die Box eines verspäteten Turnierteilnehmers, als Svordlov sein Pferd vom Platz brachte. Sofort war der Pfleger bei ihm, bereit, das Pferd zu übernehmen. Unwirsch schickte der Russe ihn weg, mit dem Auftrag, die Einstreu der Box zu prüfen.
Unwillkürlich musste Sisko grinsen, als er die Situation beobachtete. Er kannte Svordlov und die meisten anderen Reiter bereits und war mit deren Allüren genauso vertraut wie mit denen ihrer Pferde. Aber Svordlovs Pfleger schien das nicht zu tun, verwirrt zögerte er, der Aufforderung nachzukommen.
Sichtlich gereizt verlieh der Russe seiner Anordnung mehr Nachdruck und hob die Stimme.
„ Sei’n Sie doch nicht so streng mit ihnen.“
Während andere einen Bogen um den temperamentvollen Mann zogen, trat Sisko schmunzelnd auf ihn zu.
„Wie die Fliegen, immer gleich um einen herum.“
Sorgsam rieb Svordlov sein Pferd ab.
„Schön, Sie wieder hier zu sehen. Was hat Sie letzte Saison aufgehalten?“
„Eine Verletzung meines alten Freundes hier.“
Energisch schlug der Hengst mit dem Kopf, wollte die uneingeschränkte Aufmerksamkeit seines Reiters. Liebevoll strich Svordlov ihm über die Augen. Vertrauensvoll senkte das Tier den Kopf.
„Ich würde Ihnen gern einige unserer Fohlen zeigen, es sind vielversprechende Tiere darunter.“
Ernst sah Sisko zu dem Russen, der beiläufige Tonfall war einem leichten Drängen gewichen. Langsam wandte sich Svordlov vom Pferd ab, direkt sah er Sisko jetzt an. Unwillkürlich wich dieser einen Schritt zurück, hatte das Gefühl, der Mann blicke ihm direkt in die Seele. Sisko mochte den Russen, aber der dunkle Glanz seiner Augen beeindruckte Sisko immer aufs Neue.
Es lag keine Schärfe in dem Blick und doch stand eine unausgesprochene Frage in ihnen.
„Was ist so wichtig, dass du nicht warten kannst?“, schienen sie zu fragen, doch Sisko mochte sich täuschen, da er tatsächlich etwas Dringendes mitzuteilen hatte.
Ernst sah Svordlov auf den Stallburschen, schien etwas abzuwägen, ehe er bestimmt antwortete.
„Heute nicht mehr. Ich brauche jetzt eine heiße Dusche und ein Bett.“
Energisch wandte Svordlov sich wieder dem Pferd zu. Nicht bereit, sich weiter zu unterhalten, führte er das Tier knapp in die Box und verließ den Stall.
Zurück blieben Sisko und die Pferde.
Aus dem nächsten Morgen wurde ein sonniger und warmer Tag. Über die ganze Stadt legte sich eine behagliche Ruhe. In den Stadtparks sonnten sich die Menschen, auf umstehenden Bänken oder direkt auf dem Rasen. Selbst die Hunde, sonst so lebhaft in ihr Spiel vertieft, lagen faul in der Sonne. Die Luft flirrte vor Wärme.
Das Büro von McGregor erreichte die Sonne nicht. Eine Klimaanlage sorgte für eine angenehme Raumtemperatur und Lampen für die benötigte Beleuchtung. Angespannt saß McGregor hinter seinem Schreibtisch. Ein dichter Schnurrbart verdeckte seine zusammengekniffenen Lippen. Kurz fuhr er sich mit den Händen durch braune, bereits schüttere Haare, dabei hatte er die Fünfzig gerade erst überschritten. Immer wieder klapperten seine Finger über die Tastatur seines Computers, das Ergebnis stimmte ihn abermals nicht zufrieden.
„So kommen wir nicht weiter.“
Langsam hob er den Blick und sah seine Mitarbeiter an, die sich notdürftig einen Platz in dem ohnehin schon zu kleinen Büro gesucht hatten. Jeder von ihnen hielt einen kleinen Block mit einer Vielzahl von Notizen und Vermerken in der Hand.
„Fassen wir noch einmal zusammen, was wir haben. Jack, wenn Sie den Anfang machen würden“
Jack Carter war ein schmächtiger Mann mit listigen Augen, die immer wachsam in die Runde blickten. Betont nahm er seine Notizen zur Hand.
„Wir haben herausgefunden, dass die Russen einige der wichtigsten Informationen über die Entwicklung unserer Kampfflugzeuge haben. Wir waren in der Lage, die undichte Stelle bis zu einem Joshua Higgens zu verfolgen. Einem unserer Flugzeugmechaniker mit der höchsten Geheimhaltungsstufe.– Hier bitte ich Frank, fortzufahren.“
„Unsere Vernehmungen ergaben, dass Higgens nur mit einem Mann persönlich Kontakt hatte und das auch nur wenige Male. Dieser warb ihn an und betreute ihn eine Zeit lang. Wir haben leider nur eine sehr ungenaue Personenbeschreibung, mit der wir nichts anfangen können. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um einen russischen Agenten handelt, als vielmehr um eine weitere Mittelsperson.“
Frank Harrison war verantwortlich für das Verhör gewesen, daher brauchte er nicht erst in seinen Unterlagen zu suchen. Während er sprach, stand Harrison auf. Er wirkte drahtig, mit einem harten Gesichtsausdruck, der von seinen grauen Augen herrühren mochte.
„Es ist also zu befürchten, dass die Russen in der Lage sein werden, den erlittenen Verlust auszugleichen, wenn wir nicht den verantwortlichen Agenten finden.“
Unter den Anwesenden brach eine Diskussion aus.
Das Frühstücksbuffet des Hotels war mehr als üppig. Eine lange Tischreihe war voll bepackt mit Früchten jeglicher Art. Auch Käse, Wurst, kalter Braten und Fisch teilten sich den Platz mit verschiedenen Brotsorten. Ebenso gab es ein reichhaltiges Angebot an Müsli und Joghurt sowie verschiedene Quarkspeisen.
Der Speisesaal war sehr geräumig und voller Menschen. Viele von ihnen waren Touristen, einige wenige Geschäftsleute, an ihren teuren Anzügen und den eng gebundenen Krawatten zu erkennen.
Dank der Klimaanlage war die Innentemperatur angenehm kühl, über dem ganzen Raum lag ein an- und abschwellendes Raunen. Begrenzt wurde die Raumgröße durch einige Säulen und Blumenbänke mit künstlichen Blumen. Hier und da zierte auch ein Aquarium mit bunten, exotisch anmutenden Fischen den Speisesaal.
Svordlov und die anderen aßen wenig, sie warteten darauf, dass es Zeit war, aufzubrechen. Heute war der erste Prüfungstag, es galt, die Pferde vorzubereiten und sich ein Bild von den Konkurrenten zu machen.
Währenddessen glich McGregors Büro mehr einem Schlachtfeld denn einem Büro. Zwischen Papieren und schweren Akten standen Plastikbecher mit kalt gewordenem Kaffee, Teller mit Essensresten und übervolle Aschenbecher. Doch inzwischen waren sie sich über die weitere Vorgehensweise einig. Auch die Auswahl der für den Außendienst notwendigen Männer war geklärt.
Svordlov atmete auf, als sie am Stall ankamen. Sich mit so vielen Menschen in einem Raum zu befinden, machte ihn immer nervös, er wahrte gern Abstand zu anderen.
Die Pfleger waren schon länger im Stall. Die Pferde derjenigen, die zu den ersten Teilnehmern zählten, waren bereits gesattelt und wurden auf dem Abreitplatz warm geritten. Der Reitplatz war überfüllt mit Menschen, Zuschauern, die sich die besten Plätze sichern wollten, Reitern, die noch zu warten hatten, Turnierrichtern, die nochmals die Teilnehmerlisten prüften.
Aufgrund des schönen Wetters fanden die Prüfungen im Freien statt. Überall herrschte erwartungsvolle Spannung. Die Reiter liefen nervös umher, schrien ihre Pfleger an, Pferde wieherten und stampften mit den Hufen, Zuschauer begrüßten sich lautstark und Kinder liefen schreiend oder laut lachend herum. Über allem versuchte einer der Turnierleiter seine zurechtgelegte Rede zu halten. Das Publikum wurde ruhiger, einige bemühten sich ernsthaft zuzuhören, andere hörten gelangweilt weg.
Dann kam der erste Aufruf, der erste Reiter kam auf den Platz, begrüßte formell die Richter und begann seine Dressur. Unter den Zuschauern trat eine erwartungsvolle Stille ein.
Benjamin Percy war einer der Menschen, die das Turnier nicht besuchten. Er spielte in einem kleinen Hinterzimmer Poker. Die Luft war schlecht und abgestanden, die Spieler gereizt. Nervös steckte Percy sich eine weitere Zigarette an. Bislang hatte er verloren. Nun schien sich das Blatt zu wenden.
Percy war Agent der Spionageabwehr und einer von McGregors ausgewählten Männern.
Zurzeit trat er als spielsüchtiger Testpilot auf und war in Spielerkreisen bereits bekannt.
Wieder hatte er verloren, Percy schien einfach kein Glück zu haben. Eine neue Zigarette, ein neues Blatt, vielleicht hatte er dieses Mal mehr Glück.
Gekonnt mischten seine beweglichen Finger die Karten. Dabei ließ er die Mitspieler nicht aus den Augen. Es war eine bunt gemischte Runde aus Berufsspielern und gelangweilten Angestellten.
Percy wirkte jünger als die anderen. Die blonden Haare trug er kurz, das Gesicht glatt rasiert. Undurchdringlich blickten seine grünen Augen in die Runde, als er die Karten verteilte. Er hielt nicht nur nach einem guten Blatt Ausschau.
Prüfend sah Svordlov an sich herunter. Die Stiefel glänzend schwarz poliert, die weiße Reithose noch makellos. Unwillig knöpfte er das schwarze, taillierte Jackett zu, ordnete den Kragen. Die weißen Reithandschuhe lagen im Zylinder. Beides nahm er, als er ging, noch einmal das Sattelzeug seines Pferdes zu prüfen, lässig zur Hand.
Sein Pferd war schon nicht mehr im Stall. Zeitig hatte der Pfleger es fertig gemacht.
Der Russe fand es auf dem Abreitplatz.
Neugierig sahen ihm die Umstehenden nach, er war größer als die meisten Reiter und das Jackett betonte seine gute Figur.
Der Pfleger war sichtlich bemüht, das erregte Tier ruhig zu halten. In seinen Augen zeigte sich beinahe so etwas wie Erleichterung, als Svordlov kam, das Pferd zu übernehmen. Elegant schwang sich dieser in den Sattel. Der Hengst lief schon los, noch bevor sich sein Reiter zurechtgesetzt hatte. Beruhigend klopfte der Russe den Hals des Tieres. Auch er war angespannt, wie vor jeder Prüfung. Er verstand es jedoch, seine Gefühle geschickt vor anderen zu verbergen, nur das Pferd vermochte seine Unsicherheit zu spüren.
Schon nach den ersten Runden war den beiden nichts mehr anzumerken. Svordlov hatte seinen und den Rhythmus seines Hengstes wiedergefunden.
Peter Sisko stand wieder einmal an der Abgrenzung des Reitplatzes, bereit, Svordlov anzusprechen, sobald dieser vorbeikam.
Der Zeitpunkt war denkbar unglücklich, Sisko wusste dies, aber was er zu sagen hatte, durfte nicht länger aufgeschoben werden. Dieses Mal konnte er nicht warten, bis Svordlov auf ihn zukam. Er musste jetzt handeln.
Langsam näherte sich der Russe, als er auf gleicher Höhe mit dem Stallburschen war, nahm sich dieser ein Herz und sprach den Mann direkt an.
„Fjodor Alexejewitsch, Sie müssen mir jetzt zuhören, weichen Sie nicht länger aus. Es ist wichtig!“
Unwirsch brachte Svordlov sein Pferd zum Stehen. Es war bisher nicht vorgekommen, dass der Stallbursche so drängend an ihn herangetreten war.
Als Sisko in die dunkel funkelnden Augen des Reiters sah, war er einen Moment lang versucht, doch noch länger zu warten. Schließlich erkannte er jedoch, dass er Svordlovs Blick falsch gedeutet hatte. Der Mann war nicht etwa zornig, sondern vielmehr besorgt.
„Joshua ist tot.“
...
Der leise Hufschlag eines Pferdes übertönte kaum das gleichmäßige Rauschen der Wellen, die dumpf an den nahen Strand schlugen. Gestört suchte ein Hase Haken schlagend zu entkommen.
Pferd und Reiter kamen den kleinen, sandigen Weg entlang. Eingebettet zwischen Heide und kleinen, krüppeligen Kiefern führte er zum Strand. Federnd gab der Boden unter den Hufen nach, mal klang es dumpf, mal schlug der Huf krachend gegen einen Stein. Ein leichter Wind spielte in der Mähne des Pferdes und den dichten, schwarzen Haaren seines Reiters. Die dunklen Augen des Mannes waren zusammengekniffen, um gegen das Licht der aufgehenden Sonne sehen zu können.
Auf einen leichten Schenkeldruck hin galoppierte das Pferd schwungvoll an. Die Morgensonne ließ das tiefschwarze Fell des Pferdes bläulich schimmern. Die Nüstern gebläht, hatte das Tier Freude an der Bewegung, übermütig schlug es aus, streckte sich noch mehr unter seinem Reiter und schnaubte im Takt zu jedem Galoppsprung. Erschrocken flohen die Rehe in den Wald.
Noch zogen einzelne Nebelschwaden über das Wasser, aber es versprach ein sonniger Tag zu werden. Mit einem Satz war der Reiter vom Pferd, streifte noch in der Bewegung seine Bekleidung ab. Geschmeidig glitt er ins Wasser.
Er war ein Mann mittleren Alters, athletisch gebaut und gut durchtrainiert. Seine Schwimmzüge, kraftvoll und gleichmäßig, ließen ihn die Wellen mühelos überwinden. Anfangs schaute das Pferd seinem Reiter argwöhnisch nach, doch dann begann es am harten Schilfgras zu knabbern.
Die Wellen schlugen leise an den Strand, immer und immer wieder. Eine Möwe begrüßte den Tag mit ihrem lang gezogenen, klagenden Schrei, als eine plötzliche Unruhe das Pferd befiel. Mit aufgeblähten Nüstern stand es, die Beine vom Wasser umspült, und lauschte.
Tänzelnd trabte der kräftige Hengst durch das seichte Wasser. Die jetzt klare Sonne brach sich in seinem seidigen Fell und ließ die Augen des Tieres gespenstisch aufglühen. Wieder vernahmen die scharfen Ohren des Pferdes den Pfiff. Die Spannung des Tieres stieg, suchte Erlösung in einem langen, hellen Wiehern, doch erneut erklang der Pfiff.
Erregt stieg der Hengst, schwarz zeichnete sich seine Silhouette gegen die Sonne ab. Aufgebracht galoppierte das Pferd nun durch das Wasser. Glitzernd und schäumend spritzte die Gischt unter den Hufen auf. Kleine Wasserperlen funkelten silbern auf seinem Rücken und in der Mähne.
Dann wieder ein Pfiff.
Endlich, ungeachtet des tiefer werdenden Wassers, näherte sich der Hengst seinem Reiter. Lachend zog sich der Mann an der Mähne auf den Rücken des Pferdes und lenkte das Tier mit beruhigenden Worten zurück zum Strand.
Langsam trocknete sie die Sonne. Gedankenverloren saß der Mann im Schilfgras, wild lagen die schwarzen Haare um seinen Kopf. Versonnen sah er den Möwen bei ihrem zänkischen Spiel zu. Erst der dunkle Signalton eines Schiffes ließ ihn jäh hochschrecken, erinnerte ihn daran, dass es Zeit für den Rückweg war.
Elegant glitt die Sondermaschine durch die Wolken, erreichte ihre Flughöhe und näherte sich gemächlich ihrem Ziel. Es war ein ruhiger Flug bei klarem Wetter und guter Sicht. Im Frachtraum der Maschine nahm das jedoch kaum jemand wahr. Dort wo sonst Sitz an Sitz standen, waren nun mobile Pferdeboxen installiert. Nervös kontrollierten Pfleger und Reiter immer wieder den Zustand ihrer wertvollen Turnierpferde, sorgten für ausreichend Wasser und Futter. Einige der Reiter saßen auf Notsitzen und versuchten vor der Ankunft noch etwas Ruhe zu finden.
In einer der letzten Boxen stand ein schwarzer Hengst, Wasser troff ihm noch vom Maul, als er die Nase aus dem Eimer hob und sich wieder dem Heu zuwandte. Sein Reiter stand blass an der Box. Während er sich immer wieder durch die wirren, schwarzen Haare fuhr, redete er mehr sich selbst denn dem Pferd gut zu.
Sein Pfleger stand abseits, unsicher, wie er sich verhalten sollte. Die anderen Pferdepfleger gingen witzelnd ihrer Arbeit nach, sie kannten den Reiter des schwarzen Hengstes von anderen Turnieren und waren froh nichts mit ihm zu tun zu haben. Sie hatten seinen derzeitigen Pfleger bereits vor der Eigenwilligkeit des Mannes gewarnt.
Fjodor Alexejewitsch Svordlov überließ nur ungern und wenn dann äußerst gereizt und unwirsch die Betreuung seines Pferdes einem Pfleger.
Sanft landete das Flugzeug. Auf dem Rollfeld war alles für die Ankunft vorbereitet. Behutsam wurden die Pferde ausgeladen und in den wartenden Transporter gebracht. Über allem schien warm die Sonne, nur manchmal schob sich Schatten spendend eine Wolke davor. Bald waren die Tiere verladen und die Reiter der russischen Dressurequipe stiegen ihrerseits in das auf sie wartende Fahrzeug. Sie waren nicht zum ersten Mal in dieser kanadischen Stadt, um an den Dressurprüfungen teilzunehmen.
Wie immer genoss Fjodor Alexejewitsch Svordlov den Anblick der belebten Stadt. Auch er war schon des Öfteren hier gewesen und rechnete auf eine für ihn gute Platzierung. Er hatte hart an sich und dem Pferd dafür gearbeitet. Sein Hengst war in guter Verfassung.
Dies war jedoch nicht seine einzige Sorge, auf ihn wartete eine weitere Aufgabe.
Kurz legte sich ein dunkler Schatten auf ihn, ließ ihn für einen quälenden Augenblick die Reiterei vergessen.
Energisch rieb Svordlov sich die Schläfen, sprach auf die besorgten Anfragen seitens seiner Mitreiter vom Jetlag und wandte sich wieder der Gegenwart zu.
Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht. Ein schön gelegenes, kleines Gestüt. Um alle Pferde der Turnierteilnehmer unterzubringen, waren zusätzliche Containerboxen aufgestellt worden. Es herrschte bereits geschäftiges Treiben in den Stallungen sowie auf dem Reitplatz. Jetzt kümmerte sich jeder um sein Pferd. Es galt, die Tiere nach dem langen Flug umsichtig ein wenig zu bewegen, sie an den Boden und das Klima zu gewöhnen.
Gemeinsam mit dem Pfleger führte Svordlov seinen nervösen Hengst über die Anlage. Hier und da wurden sie von anderen Teilnehmern gegrüßt. Fast alle kannten sich untereinander von den verschiedenen Turnieren.
Mit Mühe versuchte der Pfleger den Hengst ruhig zu halten, während der Russe schwungvoll aufsaß. Als Svordlov sich unter die anderen Reiter mischte, stellte sich ein älterer Mann an die Abgrenzung des Reitplatzes.
Die Haare bereits ergraut, der Rücken von der schweren Arbeit im Stall leicht gebeugt. Seine schwieligen Hände ruhten fest auf den abgrenzenden Holzbalken. Sie verrieten trotz seines fortgeschrittenen Alters genügend Kraft, auch ein durchgehendes Pferd zu bändigen. Für Peter Sisko war die Zeit der Reitprüfungen mit viel zusätzlicher Arbeit verbunden. So hatte er nicht nur den Platz für die Turnierpferde zu schaffen, sondern auch zusätzliche Tiere zu betreuen. Ihn störte dies jedoch nicht. Pferde waren für Peter Sisko die besseren Menschen, obwohl sie genauso anspruchsvoll waren wie ihre Reiter, aber sie waren immer ehrlich zu ihm.
Sein Blick ruhte etwas zu lange auf Svordlov, um nur Interesse zu bekunden. Auch war nicht dessen Reitkunst Anlass für Siskos Neugierde, vielmehr schien dieser darauf bedacht, die Aufmerksamkeit des Reiters zu erregen.
Svordlov bemerkte sehr wohl die unauffälligen Versuche des Stallburschen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Jedoch gab er sich alle Mühe, darauf nicht zu reagieren. Stattdessen beschloss er einige Teile seiner Kür zu reiten.
Der Hengst lief weich und entspannt unter ihm.
Wieder einmal bewunderte Sisko die Einheit zwischen Svordlov und seinem Pferd. Er sah nicht viele Reiter, denen so etwas gelang. Seiner Meinung nach fehlte ihnen der Pferdeverstand. Langsam wandte er sich vom Viereck ab, ging zurück zu den Stallungen. Er würde schon Gelegenheit haben, sich mit Svordlov zu unterhalten.
Im Stall war es bereits merklich ruhiger geworden. Peter Sisko kümmerte sich noch um die Box eines verspäteten Turnierteilnehmers, als Svordlov sein Pferd vom Platz brachte. Sofort war der Pfleger bei ihm, bereit, das Pferd zu übernehmen. Unwirsch schickte der Russe ihn weg, mit dem Auftrag, die Einstreu der Box zu prüfen.
Unwillkürlich musste Sisko grinsen, als er die Situation beobachtete. Er kannte Svordlov und die meisten anderen Reiter bereits und war mit deren Allüren genauso vertraut wie mit denen ihrer Pferde. Aber Svordlovs Pfleger schien das nicht zu tun, verwirrt zögerte er, der Aufforderung nachzukommen.
Sichtlich gereizt verlieh der Russe seiner Anordnung mehr Nachdruck und hob die Stimme.
„ Sei’n Sie doch nicht so streng mit ihnen.“
Während andere einen Bogen um den temperamentvollen Mann zogen, trat Sisko schmunzelnd auf ihn zu.
„Wie die Fliegen, immer gleich um einen herum.“
Sorgsam rieb Svordlov sein Pferd ab.
„Schön, Sie wieder hier zu sehen. Was hat Sie letzte Saison aufgehalten?“
„Eine Verletzung meines alten Freundes hier.“
Energisch schlug der Hengst mit dem Kopf, wollte die uneingeschränkte Aufmerksamkeit seines Reiters. Liebevoll strich Svordlov ihm über die Augen. Vertrauensvoll senkte das Tier den Kopf.
„Ich würde Ihnen gern einige unserer Fohlen zeigen, es sind vielversprechende Tiere darunter.“
Ernst sah Sisko zu dem Russen, der beiläufige Tonfall war einem leichten Drängen gewichen. Langsam wandte sich Svordlov vom Pferd ab, direkt sah er Sisko jetzt an. Unwillkürlich wich dieser einen Schritt zurück, hatte das Gefühl, der Mann blicke ihm direkt in die Seele. Sisko mochte den Russen, aber der dunkle Glanz seiner Augen beeindruckte Sisko immer aufs Neue.
Es lag keine Schärfe in dem Blick und doch stand eine unausgesprochene Frage in ihnen.
„Was ist so wichtig, dass du nicht warten kannst?“, schienen sie zu fragen, doch Sisko mochte sich täuschen, da er tatsächlich etwas Dringendes mitzuteilen hatte.
Ernst sah Svordlov auf den Stallburschen, schien etwas abzuwägen, ehe er bestimmt antwortete.
„Heute nicht mehr. Ich brauche jetzt eine heiße Dusche und ein Bett.“
Energisch wandte Svordlov sich wieder dem Pferd zu. Nicht bereit, sich weiter zu unterhalten, führte er das Tier knapp in die Box und verließ den Stall.
Zurück blieben Sisko und die Pferde.
Aus dem nächsten Morgen wurde ein sonniger und warmer Tag. Über die ganze Stadt legte sich eine behagliche Ruhe. In den Stadtparks sonnten sich die Menschen, auf umstehenden Bänken oder direkt auf dem Rasen. Selbst die Hunde, sonst so lebhaft in ihr Spiel vertieft, lagen faul in der Sonne. Die Luft flirrte vor Wärme.
Das Büro von McGregor erreichte die Sonne nicht. Eine Klimaanlage sorgte für eine angenehme Raumtemperatur und Lampen für die benötigte Beleuchtung. Angespannt saß McGregor hinter seinem Schreibtisch. Ein dichter Schnurrbart verdeckte seine zusammengekniffenen Lippen. Kurz fuhr er sich mit den Händen durch braune, bereits schüttere Haare, dabei hatte er die Fünfzig gerade erst überschritten. Immer wieder klapperten seine Finger über die Tastatur seines Computers, das Ergebnis stimmte ihn abermals nicht zufrieden.
„So kommen wir nicht weiter.“
Langsam hob er den Blick und sah seine Mitarbeiter an, die sich notdürftig einen Platz in dem ohnehin schon zu kleinen Büro gesucht hatten. Jeder von ihnen hielt einen kleinen Block mit einer Vielzahl von Notizen und Vermerken in der Hand.
„Fassen wir noch einmal zusammen, was wir haben. Jack, wenn Sie den Anfang machen würden“
Jack Carter war ein schmächtiger Mann mit listigen Augen, die immer wachsam in die Runde blickten. Betont nahm er seine Notizen zur Hand.
„Wir haben herausgefunden, dass die Russen einige der wichtigsten Informationen über die Entwicklung unserer Kampfflugzeuge haben. Wir waren in der Lage, die undichte Stelle bis zu einem Joshua Higgens zu verfolgen. Einem unserer Flugzeugmechaniker mit der höchsten Geheimhaltungsstufe.– Hier bitte ich Frank, fortzufahren.“
„Unsere Vernehmungen ergaben, dass Higgens nur mit einem Mann persönlich Kontakt hatte und das auch nur wenige Male. Dieser warb ihn an und betreute ihn eine Zeit lang. Wir haben leider nur eine sehr ungenaue Personenbeschreibung, mit der wir nichts anfangen können. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um einen russischen Agenten handelt, als vielmehr um eine weitere Mittelsperson.“
Frank Harrison war verantwortlich für das Verhör gewesen, daher brauchte er nicht erst in seinen Unterlagen zu suchen. Während er sprach, stand Harrison auf. Er wirkte drahtig, mit einem harten Gesichtsausdruck, der von seinen grauen Augen herrühren mochte.
„Es ist also zu befürchten, dass die Russen in der Lage sein werden, den erlittenen Verlust auszugleichen, wenn wir nicht den verantwortlichen Agenten finden.“
Unter den Anwesenden brach eine Diskussion aus.
Das Frühstücksbuffet des Hotels war mehr als üppig. Eine lange Tischreihe war voll bepackt mit Früchten jeglicher Art. Auch Käse, Wurst, kalter Braten und Fisch teilten sich den Platz mit verschiedenen Brotsorten. Ebenso gab es ein reichhaltiges Angebot an Müsli und Joghurt sowie verschiedene Quarkspeisen.
Der Speisesaal war sehr geräumig und voller Menschen. Viele von ihnen waren Touristen, einige wenige Geschäftsleute, an ihren teuren Anzügen und den eng gebundenen Krawatten zu erkennen.
Dank der Klimaanlage war die Innentemperatur angenehm kühl, über dem ganzen Raum lag ein an- und abschwellendes Raunen. Begrenzt wurde die Raumgröße durch einige Säulen und Blumenbänke mit künstlichen Blumen. Hier und da zierte auch ein Aquarium mit bunten, exotisch anmutenden Fischen den Speisesaal.
Svordlov und die anderen aßen wenig, sie warteten darauf, dass es Zeit war, aufzubrechen. Heute war der erste Prüfungstag, es galt, die Pferde vorzubereiten und sich ein Bild von den Konkurrenten zu machen.
Währenddessen glich McGregors Büro mehr einem Schlachtfeld denn einem Büro. Zwischen Papieren und schweren Akten standen Plastikbecher mit kalt gewordenem Kaffee, Teller mit Essensresten und übervolle Aschenbecher. Doch inzwischen waren sie sich über die weitere Vorgehensweise einig. Auch die Auswahl der für den Außendienst notwendigen Männer war geklärt.
Svordlov atmete auf, als sie am Stall ankamen. Sich mit so vielen Menschen in einem Raum zu befinden, machte ihn immer nervös, er wahrte gern Abstand zu anderen.
Die Pfleger waren schon länger im Stall. Die Pferde derjenigen, die zu den ersten Teilnehmern zählten, waren bereits gesattelt und wurden auf dem Abreitplatz warm geritten. Der Reitplatz war überfüllt mit Menschen, Zuschauern, die sich die besten Plätze sichern wollten, Reitern, die noch zu warten hatten, Turnierrichtern, die nochmals die Teilnehmerlisten prüften.
Aufgrund des schönen Wetters fanden die Prüfungen im Freien statt. Überall herrschte erwartungsvolle Spannung. Die Reiter liefen nervös umher, schrien ihre Pfleger an, Pferde wieherten und stampften mit den Hufen, Zuschauer begrüßten sich lautstark und Kinder liefen schreiend oder laut lachend herum. Über allem versuchte einer der Turnierleiter seine zurechtgelegte Rede zu halten. Das Publikum wurde ruhiger, einige bemühten sich ernsthaft zuzuhören, andere hörten gelangweilt weg.
Dann kam der erste Aufruf, der erste Reiter kam auf den Platz, begrüßte formell die Richter und begann seine Dressur. Unter den Zuschauern trat eine erwartungsvolle Stille ein.
Benjamin Percy war einer der Menschen, die das Turnier nicht besuchten. Er spielte in einem kleinen Hinterzimmer Poker. Die Luft war schlecht und abgestanden, die Spieler gereizt. Nervös steckte Percy sich eine weitere Zigarette an. Bislang hatte er verloren. Nun schien sich das Blatt zu wenden.
Percy war Agent der Spionageabwehr und einer von McGregors ausgewählten Männern.
Zurzeit trat er als spielsüchtiger Testpilot auf und war in Spielerkreisen bereits bekannt.
Wieder hatte er verloren, Percy schien einfach kein Glück zu haben. Eine neue Zigarette, ein neues Blatt, vielleicht hatte er dieses Mal mehr Glück.
Gekonnt mischten seine beweglichen Finger die Karten. Dabei ließ er die Mitspieler nicht aus den Augen. Es war eine bunt gemischte Runde aus Berufsspielern und gelangweilten Angestellten.
Percy wirkte jünger als die anderen. Die blonden Haare trug er kurz, das Gesicht glatt rasiert. Undurchdringlich blickten seine grünen Augen in die Runde, als er die Karten verteilte. Er hielt nicht nur nach einem guten Blatt Ausschau.
Prüfend sah Svordlov an sich herunter. Die Stiefel glänzend schwarz poliert, die weiße Reithose noch makellos. Unwillig knöpfte er das schwarze, taillierte Jackett zu, ordnete den Kragen. Die weißen Reithandschuhe lagen im Zylinder. Beides nahm er, als er ging, noch einmal das Sattelzeug seines Pferdes zu prüfen, lässig zur Hand.
Sein Pferd war schon nicht mehr im Stall. Zeitig hatte der Pfleger es fertig gemacht.
Der Russe fand es auf dem Abreitplatz.
Neugierig sahen ihm die Umstehenden nach, er war größer als die meisten Reiter und das Jackett betonte seine gute Figur.
Der Pfleger war sichtlich bemüht, das erregte Tier ruhig zu halten. In seinen Augen zeigte sich beinahe so etwas wie Erleichterung, als Svordlov kam, das Pferd zu übernehmen. Elegant schwang sich dieser in den Sattel. Der Hengst lief schon los, noch bevor sich sein Reiter zurechtgesetzt hatte. Beruhigend klopfte der Russe den Hals des Tieres. Auch er war angespannt, wie vor jeder Prüfung. Er verstand es jedoch, seine Gefühle geschickt vor anderen zu verbergen, nur das Pferd vermochte seine Unsicherheit zu spüren.
Schon nach den ersten Runden war den beiden nichts mehr anzumerken. Svordlov hatte seinen und den Rhythmus seines Hengstes wiedergefunden.
Peter Sisko stand wieder einmal an der Abgrenzung des Reitplatzes, bereit, Svordlov anzusprechen, sobald dieser vorbeikam.
Der Zeitpunkt war denkbar unglücklich, Sisko wusste dies, aber was er zu sagen hatte, durfte nicht länger aufgeschoben werden. Dieses Mal konnte er nicht warten, bis Svordlov auf ihn zukam. Er musste jetzt handeln.
Langsam näherte sich der Russe, als er auf gleicher Höhe mit dem Stallburschen war, nahm sich dieser ein Herz und sprach den Mann direkt an.
„Fjodor Alexejewitsch, Sie müssen mir jetzt zuhören, weichen Sie nicht länger aus. Es ist wichtig!“
Unwirsch brachte Svordlov sein Pferd zum Stehen. Es war bisher nicht vorgekommen, dass der Stallbursche so drängend an ihn herangetreten war.
Als Sisko in die dunkel funkelnden Augen des Reiters sah, war er einen Moment lang versucht, doch noch länger zu warten. Schließlich erkannte er jedoch, dass er Svordlovs Blick falsch gedeutet hatte. Der Mann war nicht etwa zornig, sondern vielmehr besorgt.
„Joshua ist tot.“
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