Cover: Denn das hast du getan

Denn das hast du getan


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-7116-1592-3
Erscheinungsdatum: 26.05.2026
Schonungslos ehrlich fragt dieses Reisetagebuch: Wirkt die "Magie des Jakobswegs" wirklich – oder führt der Weg an die Grenzen von Körper und Seele? Eine bewegende Pilgerreise, die tiefe Einblicke in eine verletzte Psyche gewährt.
Prolog

Woher sollte ich nur die nötige Kraft nehmen? Ich befand mich in einer neuen Einzimmerwohnung in einem kleinen Dorf, allein und ohne Auto. Gestern befand ich mich noch in einem gemütlichen und liebevoll eingerichteten Einfamilienhaus in einer sehr ruhigen Lage mit wunderschönem Garten. Zurücklassen in diesem idyllischen Einfamilienhaus musste ich nicht nur meinen geliebten Traummann, sondern auch meine erwachsenen Kinder, die ich über alles liebte. Es war mir nicht möglich gewesen, zu verlangen, dass auch sie ihr Zuhause verlassen hätten sollen. Dazu kam noch die Ungewissheit, ob ich überhaupt den Lebensunterhalt für mich stemmen könnte, geschweige denn den von noch weiteren drei erwachsenen Menschen. In meinem Leben war nichts mehr, wie es vorher war. Es waren noch zwei Wochen bis Weihnachten. Genau vor einem Jahr bekam ich den Bescheid für meinen Reha-Aufenthalt in der Reha-Klinik Taunus, der schon fünf Tage später begann. Ich liebe Weihnachten und deshalb war ich unvorstellbar traurig darüber, Weihnachten nicht mit meiner Familie verbringen zu können. Damals dachte ich, es wäre das schlimmste Weihnachten in meinem ganzen Leben. Von wegen! Dieses Jahr saß ich allein zwischen Umzugskartons und hatte keine Ahnung, wie ich den nächsten Tag überstehen sollte.

Im vergangenen Jahr nahm er, mein damaliger Mann, sich den halben Tag frei, um mit mir meine Tante zum Flughafen zu bringen. Nachdem wir noch gemütlich über den Flughafen in Frankfurt geschlendert waren, saßen wir später zu Hause auf der besagten gemütlichen Terrasse in dem traumhaft angelegten Garten mit einem Eis, Tee und Kaffee. Genau zu diesem Zeitpunkt ließ er mit einem Satz meine ganze Welt einstürzen. Ich will nicht mehr mit dir unter einem Dach wohnen und das Haus gehört mir, waren seine Worte. Ich werde diese Worte wohl nie vergessen können. Er beschwerte sich, dass ich keine Diskussion mit ihm begann, aber ich hatte mir geschworen, wenn er es wieder machen würde, es einfach zu akzeptieren und nicht wieder zu kämpfen.

Einige Jahre zuvor verbrachte er eine Trainingswoche in Österreich mit seinem Tennisklub. Als er zurückkam, schenkte er mir eine wunderschöne Armbanduhr. Zwei Wochen später sagte er dann zu mir, dass er mich nicht mehr liebte und ausziehen würde. Nicht mal eine Woche später war er weg und mit ihm das Familienauto und das Ehebett. Er wollte keinen Kontakt mehr mit mir und anfangs auch keinen Kontakt mehr mit unseren Kindern. Wir sollten uns eine Wohnung suchen, denn er wollte das Haus verkaufen und noch mal ganz neu anfangen mit seiner neuen Freundin vom Tennisklub. Nächtelang weinte ich mich in den Schlaf. Ich versuchte, für meine Kinder stark zu sein, aber ich liebte ihn so sehr und konnte einfach nicht glauben, dass es vorbei sein sollte. Nach einer Woche ging ich wieder zur Arbeit und bat meinen Chef darum, zwei halbe Tage in der Woche mehr arbeiten zu dürfen, damit ich die Kinder und mich versorgen konnte. Ich machte mich auf die Suche nach einer Wohnung und erledigte alles mit dem öffentlichen Verkehrsmittel. Es ging kein Tag vorbei, an dem ich ihm nicht eine WhatsApp schrieb, um darum zu betteln, dass er zurückkommen sollte. Für mich war er die eine große Liebe. Etwas ganz Besonderes! Ich wollte und ich konnte einfach nicht glauben, dass es jetzt vorbei sein sollte. Es gab Tage, an denen er antwortete, aber an den meisten blieb meine Nachricht ohne Reaktion. Ich glaubte, es wäre meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass er Zeit mit den Kindern verbrachte. Aber nachdem die Drei mir nach dem ersten Treffen erklärten, sie wollten nicht mehr zum Papa, beschloss ich, meine Kräfte für andere Sachen einzusetzen. Denn diese Kräfte schwanden mit jedem Tag. Es war ein Teufelskreis. Damit ich nicht in tiefster Traurigkeit versank, ging ich lange spazieren. Ich hatte keinen Appetit und aß zu wenig. Mein Gewicht wurde jeden Tag weniger und durch das Spazierengehen wurde es nicht besser. Meine Akkuleistung ließ schnell nach. Den Alltag mit den Kindern hielt ich so gut ich konnte aufrecht. Natürlich litten die Drei auch sehr unter der Situation und es half nicht, dass sie mich immer wieder weinen hörten. Nach einem Unfall, bei dem meine Tochter schwere Verletzungen erlitt und mit dem Hubschrauber in die Klinik geflogen wurde, kamen noch viele Arztbesuche hinzu, die mich wirklich nicht nur an meine Grenze brachten, sondern darüber hinaus. Ich konnte nicht mehr. Mein Akku war leer und ich war nicht fähig, den ganzen Weg zum Arzt zu bewältigen. Ich erklärte meiner Tochter, sie solle ihren Vater anrufen und ihn bitten, mit ihr zum Arzt zu fahren. Dadurch entstand unser erstes Treffen. Er und ich trafen uns danach immer wieder und näherten uns langsam wieder an. Es erfolgte der erste Kuss und ich war so glücklich, dass ich ihm alles verzieh und ihn ohne Wenn und Aber zurücknahm. Nach sechs Monaten zog er wieder ein und für mich gab es nichts Schöneres, als ihn nachts wieder neben mir schnarchen zu hören. Meine Welt war wieder in Ordnung.

Dieses Mal war ich nach seiner Ansage ins Gästezimmer gezogen, bis ich eine Wohnung gefunden hatte. Immer noch total verliebt, griff ich nach jedem Strohhalm, um ihn an mich zu klammern. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und hatten ungehemmten Sex im kleinen, gemütlichen Gästebett. Ich bat ihn, wenn er keine Zukunft für uns sah, bitte wirklich Abstand zu nehmen, denn ich wäre zu schwach und meine Liebe zu ihm zu groß, als dass ich ihn abweisen könnte. Er musste doch merken, dass wir zusammengehörten. Er machte mir den Vorschlag, ich könnte im Gästezimmer wohnen bleiben, weiterhin den Haushalt machen, aber wir hätten keine Beziehung mehr. Auf diese Weise hätte ich die Kinder weiterhin um mich. Jeder würde seinen eigenen Weg gehen und wenn wir Lust auf wilden, heißen Sex hätten, könnten wir den ganz unverbindlich zusammen genießen. Dieser Vorschlag kam genau zu dem Zeitpunkt, als ich eine wirklich schöne Neubaueinzimmerwohnung mit einer gigantisch schönen Terrasse gefunden hatte. Sozusagen eine kleine, perfekte, gemütliche Wohnung. Wenn ich sein Angebot annehmen würde, wäre die Wohnung natürlich weg und falls er es sich dann doch wieder anders überlegen würde, müsste ich meine Suche noch mal ganz von vorn starten und würde vielleicht nicht so viel Glück haben und eine so schöne Wohnung finden. So kam es, dass ich sein unmoralisches Angebot ausschlug. Meine Kinder rieten mir davon ab, die Beziehung mit ihm fortzusetzen, aber ich konnte es nicht lassen. Deshalb kam er am ersten Weihnachtstag zu mir, um mich zu trösten, und wir setzten unsere Beziehung fort. Nur wenn er bei mir war, fühlte ich mich glücklich. Ich konnte mir ein Leben ohne ihn einfach nicht vorstellen. Wir verbrachten viele superschöne Stunden zusammen. Bis zu dreimal in der Woche besuchte er mich oder wir gingen zum Essen aus. Fast jedes Treffen schlossen wir mit ungehemmtem Sex ab. Er erzählte mir von einem entfernten Verwandten, der sich von seiner Frau häuslich getrennt hatte und die seitdem ein glückliches Leben zusammenführten. Sie lebten in getrennten Wohnungen, aber hatten eine harmonische Beziehung, und das schon seit mehreren Jahren. Durch die getrennten Wohnungen hat man die Möglichkeit, sich nur dann zu treffen, wenn man wirklich Lust dazu hatte, und dafür könnte man es dann in vollen Zügen genießen. Genauso stelle er sich unsere Zukunft vor. Ich glaubte ihm jedes Wort und war glücklich, ihn trotzdem weiterhin in meinem Leben haben zu können. Da die Kinder mir von dieser Art Beziehung abgeraten hatten und er Angst vor der Reaktion von Familie und Freunden hatte, hielten wir unsere Beziehung geheim. Er machte mir Geschenke und wollte sogar ein gemeinsames Tattoo stechen lassen. Er hatte nur eine Bitte, dass wir die Scheidung und das Finanzielle so schnell wie möglich erledigen würden und ich seinen Vorschlag unterschreiben würde, damit wir uns darüber keine Gedanken mehr machen müssten.

Um es mal zusammenzufassen, sitze ich nun im Januar in einer kleinen Wohnung mit einer Erwerbsminderungsrente, einem Minijob und einem kleinen, also wirklich kleinen Pölsterchen auf meinem Konto. Damit es nicht nur bei einem Kind geblieben wäre, habe ich einen Gütertrennungsvertrag mit Zugewinnverzicht zugunsten meines Mannes beim Notar unterschrieben. Dadurch werde ich von dem Vermögen, das wir während unserer Ehe aufgebaut haben, nicht einen Cent bekommen. Beim Auszug habe ich meine Kleidung, ein paar private Sachen und einige Haushaltsartikel mitnehmen dürfen. Die ganzen Möbel und alles, was man sonst so für einen funktionierenden Haushalt braucht, habe ich gekauft und mein kleines Pölsterchen ist noch kleiner geworden. Jetzt sollte ich einen Vertrag unterschreiben, in dem ich mich mit nur 400 Euro im Monat für sieben Jahre zufriedengeben sollte. Mein Anwalt hat nicht lang überlegt, um mir davon abzuraten. Ich aber habe wohl zu lange oder gerade lange genug überlegt. Denn Ende März erklärte mein Mann mir am Telefon, dass er jetzt fasten würde. Er würde auf Alkohol, Fleisch, Süßes und Frauen in der Fastenzeit verzichten. Wow, mit diesem Satz gab er mir den Laufpass. Das musste man ihm wirklich lassen, an blöden Sprüchen fehlte es ihm nie. Kurze Zeit später musste ich erfahren, dass er nur auf mich verzichten wollte, aber nicht auf alle Frauen, denn seine neue Freundin hatte meinen Platz schon längst eingenommen.

Was jetzt? Nach meiner Therapie im Schmerzzentrum Frankfurt wusste ich, was ich machen musste, damit ich nicht in eine tiefe Trauer versank, sondern es schaffte, einen Tag nach dem anderen zu überstehen. Jeden Tag versuchte ich, mich hübsch anzuziehen. Das half, damit ich mich besser fühlte. Meine Woche verplante ich so gut es ging. Mittwochs ging ich ins Fitnessstudio und verbrachte dort über sechs Stunden, machte meine Five-Übungen, ging in die Sauna und bekam meine Fango- und Physiotherapie. Donnerstags kaufte ich morgens ein und machte mittags eine Verabredung oder umgekehrt. Montags und dienstags ging ich zu meinem Minijob ins Nachbarstädtchen. Dort half ich mit bei der Mittagsbetreuung von Schülern. Jeder, der Kinder hat und schon einmal mit denen Hausaufgaben gemacht hat, kann nachvollziehen, dass es die Hölle war, mit fünfundzwanzig Kindern aus vier verschiedenen Klassen die Hausaufgaben zu erledigen. Donnerstags ging ich abends noch mit meiner besten Freundin ins Thermalbad zur Wassergymnastik. Sonntags und an den Wochenenden versuchte ich, mich mit Haushalt, Verabredungen und Fitness abzulenken. Noch vor drei Jahren waren meine Tage voll durchgeplant mit Arbeiten, Haushalt, Einkaufen, Kochen, Kinder versorgen und vielem mehr. Da hätte ich mir so sehr einen Tag ohne Termine und Aufgaben gewünscht. Nun waren die Tage ohne Ablenkung unendlich lang. Es gab Tage, an denen ich es ganz gut hinbekam, Tage, an denen ich mich wieder in den Schlaf weinte, und Tage, an denen ich jemanden anrufen musste, weil ich es alleine nicht schaffte und total in meiner Trauer versank. Der Gedanke, dass jetzt eine andere Frau auf meiner Matratze, neben meinem Mann, in meinem Bett, in meinem Schlafzimmer, in meinem Zuhause mit meinen Kindern lag, war unerträglich. Die Abstände zwischen diesen furchtbar traurigen Tagen, an denen ich mir wirklich schon ein paar Mal überlegt hatte, einfach von meinem Balkon über fünf Stockwerke in die Tiefe zu springen, wurden immer größer. An diesen Tagen wollte ich einfach nur, dass es aufhört. Es war zu viel! Es würde sich nichts ändern. Ich konnte nichts ändern. Ich war allein und hatte so vieles verloren und war dadurch in einer tiefen Trauer gefangen, und der Tod schien der einzige Ausweg zu sein. Das Einzige, was mich davon abgehalten hat zu springen, waren meine Kinder. Wäre ich gesprungen, würden sie danach in eine tiefe Trauer geraten und ich wäre schuld daran gewesen. Nein, das wollte ich nicht, denn ich liebte meine Kinder über alles und für diese Drei würde ich jetzt kämpfen. Irgendwie und irgendwann würde ich es aus dieser deprimierenden Lage herausschaffen. Der Wille war da, aber in den Schulferien fiel es mir schwer, denn mein Wochenplan funktionierte nicht mehr. Die Fasnachtsferien verbrachte ich bei meiner Patentante in Österreich. Der Plan für die Osterferien war, sie mit meinem Vater am Bodensee zu verbringen, aber am zweiten Tag bin ich vorzeitig abgereist. Die erste Woche der Pfingstferien war ich gemeinsam mit meiner Freundin an der Ostsee, aber in der zweiten Woche rutschte ich wieder in meine tiefe, dunkle, traurige Welt. Nur der Gedanke an die sechs Wochen Sommerferien machte mir Angst. Viele Freunde und Verwandte würden mit ihren Familien verreisen oder Ausflüge machen. Wie sollte ich diese sechs Wochen denn überstehen?

Nach einem Abend, an dem mich meine Freundin stundenlang getröstet hatte, wachte ich morgens um fünf Uhr auf und die Idee war da. Komplett aus dem Nichts war mir klar, ich würde in den sechs Wochen pilgern gehen. Nachdem ich mich mit den verschiedenen Routen vertraut gemacht und mich für den Portugiesischen Jakobsweg entschieden hatte, weil er der einfachste mit kaum Höhenmetern war, buchte ich noch am gleichen Tag den Flug nach Porto und den Rückflug nach sechs Wochen ab Barcelona. In den nächsten Wochen war ich damit beschäftigt, mir mein Gepäck zusammenzustellen. Ich las viele Empfehlungen und wog jedes Teil ab. Laut meinem Arztbericht sollte ich nicht mehr als zwei Kilogramm tragen. Natürlich würde der Rucksack mehr wiegen, aber doch sollte er so leicht wie möglich sein. Ich schaffte es, mit zwei Unterhosen, einem Paar Socken, zwei Bustiers, einer kurzen Hose, einer Leggings, zwei T-Shirts, einem Microfaserhandtuch, einem Kleid, einem Paar Sandalen, einem Wäschebeutel mit nur dem Allernötigsten in Kleingrößen, einem seidenen Hüttenschlafsack, einer Regenjacke, einem Handyladegerät, einem Handy, einem Mini-Geldbeutel, Unmengen Tabletten für meine Schmerzen, Blasenpflaster, Wundpflaster, Desinfektionsspray, einer Trillerpfeife, einem Haustürschlüssel, einem Pilgerpass, Ohrstöpseln und Kondomen meinen Rucksack mit einem Gewicht von nur 3,5 Kilogramm zu packen. Die Packliste hatte ich aus dem Internet und da standen eben auch Kondome drauf, also habe ich sie zur Sicherheit eingepackt. Während des Wanderns würden dann noch Trinken und Essen hinzukommen, sodass ich vielleicht mit einem Gewicht von
5 Kilogramm auskommen könnte. Auf dem Handy hatte ich mir Musik, Hörbücher, ein Reisetagebuch und die „Buen Camino“-App heruntergeladen. Ich war bereit für die Reise meines Lebens.



Tag Eins | 27.07.2024

Es war erst eine Stunde her, seit ich in Porto gelandet war, und schon hatte ich mit der Metro meine Herberge erreicht. Stolz betrachtete ich den ersten Stempel in meinem Pilgerpass. Ich konnte es nicht glauben, tatsächlich würde hier und jetzt mein Jakobsweg anfangen. Für die ersten beiden Nächte hatte ich die Herberge in Porto von zu Hause aus gebucht, aber danach war alles offen und ich würde jeden Tag aufs Neue entscheiden, wo ich übernachten würde. Unten in der Herberge befand sich ein Raum mit Spinten, in denen man den Rucksack einschließen musste. Auch die Wanderschuhe mussten in diesem Raum übernachten. Nur das Nötigste für die Nacht durfte man in einem Plastikkörbchen mit nach oben in die Schlafräume mitnehmen. Glücklicherweise wurde mir ein Bett in einem Sechserzimmer zugeteilt und nicht in eines der Zimmer mit zwanzig Betten. Nach einem kleinen Spaziergang, bei dem ich mir in einem Supermarkt das Abendessen besorgt hatte, setzte ich mich in den Hinterhofgarten der Herberge, um dort zu vespern. Die umliegenden Wände waren mit Bildern über das Pilgern in gelben und blauen Farben gestaltet. Es gab einfache Hängematten, einen großen Tisch aus Holz mit verschiedenen Stühlen zum Essen, aber auch einzelne Stühle, um sich im hinteren Teil des Gartens ein bisschen zurückzuziehen. Außerdem befand sich eine Waschküche mit umliegenden Wäscheständern und ein Platz, um Sachen zurückzulassen, die man nicht mehr brauchte, oder sich etwas zu nehmen, was man noch gut verwenden konnte. Von meinem Platz am Tisch aus beobachtete ich die anderen Pilger, wie sie kochten, ihre Kleider wuschen, Fahrräder putzten, auch aßen oder sich einfach unterhielten. Ich fühlte mich sofort unglaublich wohl. Es war sehr sauber in der gesamten Herberge, alle waren sehr freundlich und ich genoss die Gesellschaft vom ersten Augenblick an sehr. Ich war zu keinem Zeitpunkt mehr allein.

Alleinsein gehört nicht gerade zu meinen Stärken. Wieso fiel mir das so schwer? Direkt nach meiner ersten Operation, bei der mir die erste Rippe auf der rechten Seite entfernt wurde, um mehr Platz zu schaffen, wollte er, mein Ehemann, unbedingt eine weitere Garage bauen. Von der Straße aus würde jeder dann seinen teuren Sportwagen bewundern können. Denn er wollte die Garage mit einer Glasfront über die gesamte Länge ausstatten wie bei einem Showroom. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Es war neu für mich, mit dem Krankengeld auszukommen, und jetzt wollte er mehrere Tausend Euro für eine Garage ausgeben. Natürlich würde er mir auch ohne Garage nichts von dem Geld abgeben, aber das war jetzt nicht das Thema. Es war nicht gerade mein Wunsch, aber der Drang, ihm eine Freude zu machen, war größer. „Von mir aus kannst du die Garage bauen, wenn du das so gerne möchtest“, sagte ich. Das war ihm nicht genug.
Nie war ihm das genug. Ich musste immer absolut hinter dem stehen, was er machte, sagte oder was er sich kaufte. Er bearbeitete mich dann immer so lange, über Tage oder Wochen hinweg, bis ich sagte, was er hören wollte. Hey, ich finde das eine brutal affenmäßig geile Idee. Mit so einer Antwort konnte ich ihn glücklich und zufriedenstellen. Immer wieder habe ich ihm versucht zu erklären, dass man nicht immer einer Meinung sein muss. Mit einem einfachen Beispiel, wie: Deine Lieblingsfarbe ist grün und meine blau, und das ist völlig okay so, probierte ich es ständig aufs Neue. Nachdem das nichts änderte, sondern nur zu unendlichen Diskussionen führte mit dem Ergebnis, dass es immer so gemacht wurde, wie es ihm gefiel. Er wollte immer meine Meinung hören, aber die sollte genauso ausfallen, wie er sich das wünschte und nicht anders. Irgendwann während dieser ganzen Jahre habe ich wohl vergessen, was ich wollte, was mir gefiel oder was ich brauchte. Mir fielen unheimlich viele Geschenke für andere zu Weihnachten ein, aber für mich war es schwer, einen Wunsch zu äußern. Ich kochte, was meine Familie liebte. Ich kaufte, was meine Familie brauchte, und unternahm Sachen mit ihnen, an denen sie Spaß hatten. Hat es meiner Familie geschmeckt, war ich glücklich. Hat meine Familie sich über meine Geschenke oder Mitbringsel gefreut, war ich glücklich. Hatte meine Familie Spaß und lachten, war ich glücklich. Aber wie war es, wenn ich allein war? Es gab niemanden, dem ich etwas Gutes tun konnte, außer mir. Ich fühlte mich unglücklich und hatte keine Ahnung, was ich mir Gutes tun hätte können, denn ich hatte es verlernt und vergessen über die ganzen Jahre, in denen ich nur nach anderen geschaut hatte und mich nur um das Wohl von anderen gekümmert hatte. Das war vielleicht der Hauptgrund, weshalb ich allein einfach nur traurig und unglücklich war. Dieses Verhalten hatte seine Wurzeln wohl schon in meiner Kindheit. Auch da habe ich versucht, alles richtig und gut zu machen, um mehr Aufmerksamkeit und Liebe zu erhalten.

Aus meiner Gedankenwelt zurückgekehrt in die Herberge in Porto, fing ich eine Unterhaltung mit Chester aus Liverpool an. Er war mit dem Fahrrad in Saint-Jean-Pied-de-Port gestartet und bis Santiago und danach weiter bis Porto gefahren. Eine ganze Weile beobachtete ich ihn, wie er sein Fahrrad putzte, um es dann in einen Karton zu verpacken. Glücklich, es endlich geschafft zu haben, erzählte er mir von seiner Reise und dass er jetzt mit dem Flugzeug wieder nach Hause zurückkehren würde. Er war ein schlanker, sportlicher, alleinstehender Mann mit grauen kurzen Haaren, der bereits das Leben als Rentner genoss. Er nutzte auch den Platz für „Leave it oder take it“, um sein Gepäck zu reduzieren. Es dämmerte schon und im Garten gingen kleine Lichter an, die eine gemütliche und entspannte Atmosphäre zauberten. Nach einer Weile beendeten wir unsere Unterhaltung und ich wünschte ihm eine gute Heimreise und machte mich bettfertig. Eingekuschelt schrieb ich meine Gedanken in mein Online-Tagebuch auf. Danach drückte ich mir das erste Mal meine Ohrstöpsel in die Ohren, um in einem Raum mit mehreren fremden Menschen schlafen zu können.
5 Sterne
Ein Buch, dass Mut macht! - 07.07.2026
Nele

„Denn das hast Du getan“ ist ein Buch, das einen noch lange nach der letzten Seite begleitet. Maria Hermanns erzählt ihre Geschichte mit großer Ehrlichkeit und ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Gerade diese Authentizität macht das Buch so berührend. Man spürt die körperlichen und seelischen Herausforderungen auf dem Jakobsweg und fiebert bei jedem Schritt mit. Es ist eine Geschichte über Verlust, Hoffnung und die Kraft, trotz aller Rückschläge weiterzugehen. Ein bewegendes Buch, das Mut macht und zum Nachdenken anregt – absolute Leseempfehlung.

5 Sterne
Erschreckend echt - 05.07.2026
Sebastian

Normalerweise lese ich eher historische Romane oder Thriller. Denn das hast du getan von Maria Hermanns hat mich allerdings aus einem ganz anderen Grund gepackt. Das Buch erzählt eine Geschichte, die unter die Haut geht. Es geht um Schuld,Vergebung, Verlust und darum, wie das Leben uns manchmal auf Wege führt, die wir uns nie ausgesucht hätten. Besonders beeindruckt hat mich, wie ehrlich und einfühlsam die Autorin ihre Figuren beschreibt. Nichts wirkt übertrieben. Vieles fühlt sich erschreckend echt an.

5 Sterne
Ohne unnötiges Pathos  - 30.06.2026
Christian

Ein Buch, das mich wirklich überrascht hat. „Denn das hast Du getan“ ist ehrlich, packend und ohne unnötiges Pathos geschrieben. Maria Hermann erzählt ihre Geschichte so authentisch, dass man schnell drin ist und das Buch kaum aus der Hand legen möchte. Es geht um Herausforderungen, Glauben, Hoffnung und den Mut, weiterzumachen – Themen, die zum Nachdenken anregen, ohne belehrend zu wirken. Klare Empfehlung für alle, die echte Geschichten mit Tiefgang schätzen.

5 Sterne
Authentisch, tiefgründig und zutiefst bewegend! - 25.06.2026
Moni

uthentisch, tiefgründig und zutiefst bewegend!"Denn das hast du getan" von Maria Hermanns ist weit mehr als ein klassischer Reisebericht über den Jakobsweg. Die Autorin nimmt uns mit auf eine zutiefst emotionale und schonungslos ehrliche Reise an ihre eigenen körperlichen und psychischen Grenzen. Man spürt auf jeder Seite die Authentizität und den Mut, sich den eigenen inneren Kämpfen zu stellen. Sie teilt ihre verletzliche Seite so offen, dass man das Gefühl hat, selbst mitzulaufen. Ein fesselndes Buch, das inspiriert und lange nachwirkt. Absolute Leseempfehlung und verdiente 5 von 5 Sternen!

5 Sterne
Denn das hast du getan - 22.06.2026
Manu

„Denn das hast du getan“ von Maria Herrmanns hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Die Geschichte ist emotional, spannend und sehr einfühlsam erzählt. Besonders der Schreibstil hat mir gefallen – flüssig, mitreißend und so lebendig, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Trotz der ernsten Themen gibt es immer wieder humorvolle Momente, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern und die Geschichte angenehm auflockern.Das Schicksal der Autorin hat mich sehr berührt. Gleichzeitig bleibt die Spannung durchgehend erhalten, sodass ich immer wissen wollte, wie es weitergeht. Die Autorin hat es geschafft, mich auf Ihre Pilgereise mitzunehmen und mich für ein paar Stunden, meinen Alltag vergessen zu lassen. Die Erzählung ist eine gelungene Mischung aus Tiefgang und Leichtigkeit.Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie schnell sich das Leben verändern kann, und regt insbesondere Frauen dazu an, sich mit ihrer eigenen finanziellen Unabhängigkeit und Absicherung auseinanderzusetzen. Gerade dieser Aspekt verleiht der Geschichte eine zusätzliche Tiefe und macht sie weit über die persönliche Lebensgeschichte hinaus relevant.Eine bewegende, fesselnde, stellenweise humorvolle und zugleich zum Nachdenken anregende Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe und uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

5 Sterne
Portugiesischer Jakobsweg - 08.06.2026
Dirk

„Denn das hast du getan“ ist kein Buch, das man nach dem Zuklappen sofort vergisst. Viele Gedanken und Fragen begleiten einen noch lange danach. Für Leserinnen und Leser, die Geschichten mit Tiefgang und emotionaler Wirkung schätzen, ist dieses Buch eine klare Empfehlung.

5 Sterne
Authentisch, spannend und inspirierend  - 03.06.2026
Nicole Jehle

Die Leseprobe ist wie ein gutes Gespräch mit der besten Freundin! Offen, ehrlich, ungeschminkt und nachvollziehbar! Ich kann es nicht erwarten, es zu Ende zu lesen! Ich werde es verschlingen!

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