Das Shambala meiner Seele
Die Reise zu mir selbst
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 320
ISBN: 978-3-7116-0713-3
Erscheinungsdatum: 05.06.2025
Auf der Suche nach Heilung ihrer Seele begibt sich die hellsichtig begabte Stella auf eine mystische Reise ins Innere der Erde nach Shambala. Geplagt von inneren Dämonen und traumatischen Erlebnissen, verfolgt von ihrer Feindin Yaga, konfrontiert sie ihre Ängste. Doch wird sie es nach Shambala schaffen und die Welt retten?
Prolog
Weder bin ich wach, noch schlafe ich. Ich bin in diesem Zwischenzustand, in dem ich Visionen habe. Die Ebenen von Realität und Anderswelt verschwimmen mit der Dämmerung, wie so oft. Meine Augen sind geschlossen und eine Kraft, der ich nicht widerstehen kann, zieht mich fort.
Sie zeigt mir Bilder. Ich sehe die gesamte Erdkugel, auf der Oberfläche tauchen gefährlich aussehende Gewitterwolken auf, durch wenige Lücken sieht man eine dunkle schwere Erdkruste. Doch ich sehe noch mehr: einzelne Schichten der Kruste, innerhalb derer sich unzählige schwarze und graue Wesenheiten eingenistet haben, und sie beschweren und vergiften. Es rumort im Erdmantel, die einzelnen Platten verschieben sich und stöhnen und ächzen, als wären sie es leid, diese Last zu tragen.
Ich gebe mich dieser Kraft weiter hin, obwohl es mir große Angst macht und meine Muskeln verkrampfen, als ich die Dämonen der Finsternis sehe. Dann verändern sich die Bilder, eine bergige Landschaft breitet sich aus und schließt mich von allen Seiten ein. Es ist neblig und ich muss mich anstrengen, etwas zu sehen. Meine Augen schmerzen schon, so sehr konzentriere ich mich. Es ist wichtig, ganz fokussiert zu bleiben. Sonst würde ich die Visionen verlieren. Trotz meiner Angst bleibe ich auf die Bilder fokussiert. Ich bekomme den starken Eindruck, dass es immens wichtig ist, weiter hinzuschauen. Auch als mein Herz zu rasen beginnt und eine plötzliche Übelkeit sich in meinem Magen festkrallt. Zwischen den Bergen öffnet sich ein tiefes Tal. Unheil kündigt sich an. Schwarze dicke Wolken und ein starker Regenbruch, dann beginnt die Erde zu zittern. In einem Dorf rufen Menschen um Hilfe und rennen verzweifelt aus den Häusern. Sie versuchen mit Bussen und Autos der Katastrophe zu entkommen. Es folgt ein beängstigendes Grollen, der Boden wackelt und Löcher reißen auf. Viele Häuser stürzen ein. Ich sehe nichts mehr, weil der Staub alles verschluckt. Wehklagen und weitere Erdstöße erschrecken mich. Mein Herz stolpert, vor Aufregung vergesse ich zu atmen. Die Schreie der Menschen setzen sich in meinen Ohren fest. Als ich es kaum noch aushalte, ändert sich das Bild.
Totenstille. Das Dorf ist komplett zerstört. Niemand ist mehr da, nur noch ein paar staubbraune Hemden baumeln an einer verlorenen Wäscheleine. Überall ist Schutt und Staub. Die Vision entlässt mich entkräftet und leer, denn ich weiß nicht, was ich tun kann, um die Katastrophe zu verhindern. Den ganzen Tag bleibe ich im Bett. Am Abend schleppe ich mich auf die Couch und schalte die Nachrichten ein.
Sie melden:
Ein schweres Erdbeben in Mittelitalien hat zumindest sechs Menschenleben gefordert. In der kleinen Gemeinde Arquata del Tronto im Apennin kamen zwei und in dem nahegelegenen Ort Accumoli vier Menschen ums Leben. Das Erdbeben mit einer Stärke von mehr als sechs hatte die gesamte Region von Umbrien, Latium und den Marken erschüttert.
1
Der Schleier, der mich umgibt
Ich stehe mühsam auf, alle Knochen und Muskeln tun mir weh und ich bin wie immer müde und leer. Im Spiegel erkenne ich mich gar nicht wieder. Meine grünen Augen sind stumpf. Mein kastanienbraunes Haar ist strähnig, ich habe es seit Tagen nicht gewaschen, warum auch. Es gibt niemanden, den ich damit beeindrucken könnte. Ich bin allein.
Ein vertrautes Gefühl, seit ich klein bin.
Zwischen mir und den anderen ist diese graue, undurchdringliche Wand. Obwohl München scheinbar alles bietet, bin ich unglücklicher als je zuvor, da sich meine Einsamkeit so sehr vom pulsierenden Leben in der Großstadt unterscheidet. Nachts bin ich ein ankerloses Schiff, das sich nur mit Müh und Not auf stürmischer See halten kann. Und abends weine ich stundenlang vor dem Fernseher. Mein Leben sieht alles andere als rosig aus und meine Zukunft verschwimmt in einem trüben Nichts, das sich wie ein endloser, kühler November anfühlt.
Lustlos mache ich mich für die Uni zurecht, schwarzer Pulli, schwarze Leggings und Turnschuhe. Beim hastigen Blick in den Spiegel weiß ich, mein Äußeres gleicht meinen inneren Empfindungen. Achtlos, ohne den leisesten Anflug von weiblicher Eitelkeit. Mir ist alles egal. Hauptsache ich schaffe es morgens zur Uni, um meine Vorlesungen und Prüfungen abzuarbeiten. Das kostet mich meine gesamte Energie.
Auf meinem Weg fühle ich, dass die fahle Taubheit meine Beine hinaufkriecht und dann meinen ganzen Körper bewölkt. Um mich besser zu spüren, gehe ich schneller. Dann schaue ich mich mehrmals um, weil ich glaube, jemand ist hinter mir her. Immer habe ich Angst, auf meinen Wegen Yaga zu begegnen. Ist sie noch eine Freundin? Seit dem Kindergarten sind wir zusammen und sie war immer da, wenn ich sie brauchte. Wir sind durch viele Täler gegangen. Die grausigsten Nächte meines Lebens hat sie mit mir geteilt, am Telefon oder auch bei mir zu Hause. Als meine Ängste alles andere überschattet haben, war sie, Yaga, die Starke. Ich, Stella, die Labile. Doch jetzt wird ihre Energie immer aufdringlicher. Seit wir in München sind, kontrolliert sie alle meine Schritte. Ich haste zur U-Bahn.
Auch die Fahrt ist wie immer eine Herausforderung. Die Menschenmenge mit all den Gerüchen nach abgestandenem Schweiß, Knoblauch und billigem Parfum widert mich an. Meine Nase ist zu empfindlich und der Wagon ist viel zu eng. Endlich erreiche ich meine Haltestelle und dränge ins Freie. Es ist windig und die Sonne scheint. Ich halte mein Gesicht für einen Moment in das Licht, so als könnte es meine innere Kälte beseitigen. Mit geschlossenen Augen genieße ich die warmen Strahlen auf meiner Haut, als mir plötzlich jemand von hinten sanft auf die Schulter klopft.
„Hi Stella, ich wusste, ich würde dich heute treffen. Gehen wir auf einen Kaffee und schwänzen die Uni?“ Simeon schaut mich mit einem entwaffneten Lächeln an und küsst mich rechts und links auf die Wange.
„Ich weiß nicht, ich habe heute eine wichtige Vorlesung.“
Er strahlt mich weiter an. „Bitte, meine Schöne!“ Er faltet die Hände vor seiner Brust, und wenn ich nichts unternehme, macht er gleich einen Kniefall. Mir ist die Szene peinlich.
Ich will schon absagen, aber dann erkenne ich in seiner Aura diesen Schatten. Instinktiv weiß ich, was ihm fehlt, und dass ich ihm helfen kann. Und wie immer ist der Wunsch, das Leid einer anderen Person zu mildern, stärker als der Wunsch, meinen eigenen Plänen zu folgen. Es scheint mir so viel sinnvoller, als eine Vorlesung zu besuchen. Und ist es nicht genau der Grund, weshalb ich Psychologie studiere? Um anderen zu helfen? Das pulsierende Spiel von Licht und Schatten in seiner Aura zieht etwas in mir an. Ich beobachte die sich ineinander vermischenden Farben, blau, grün und dann ein helles Purpur, darin entdecke ich einen schwarzen Fleck. Ein Knoten in seiner Aura. Ich spüre es und es spürt mich. Lockt mich an.
Nur ein Gespräch mahne ich mich.
„Okay, aber nur für eine halbe Stunde“, willige ich ein. Was habe ich schon zu verlieren? Vielleicht heitert dieses Treffen meine trübe Stimmung etwas auf.
Ein paar Blocks weiter setzen wir uns in ein hübsches Café mit Tischen und Stühlen in der Sonne. Es ist kaum jemand im Garten. Simeon rückt seinen Stuhl dicht neben meinen und legt den Arm um mich, dann schaut er mich direkt an. Er ist hübsch, mit seinen schwarzen Locken, die eigensinnig sein Gesicht umspielen, und den vollen Lippen. Er studiert mit mir zusammen Psychologie. Allzu ernst nimmt er das Studium nicht, denn sein Vater hat genügend Geld, um es ihm zu finanzieren. Er hat es nicht eilig, Simeon amüsiert sich gerne. Vielleicht auch, um seinen Schatten zu überspielen. Unter seiner lässigen Fassade spüre ich eine tiefe Unruhe und Unzufriedenheit. Das interessiert mich. Ob es mit seinem Vater zu tun hat?
„Stella, du bist so traurig, was ist nur los mit dir? Komm schon, mir kannst du es sagen, stell dir vor, ich bin dein Therapeut.“
Er setzt seine Brille und einen professionellen Blick auf.
Eigentlich mag ich ihn, doch er ist mir zu aufdringlich. Die meisten Jungs, die sich in meinem Umfeld bewegen, sind so. Sie machen mir Komplimente, laden mich zum Essen ein und dann wollen sie mit mir ins Bett. Immer der gleiche Ablauf. Ich strecke mein Kinn hoch und werfe ihm einen forschen Blick zu.
„Eine Therapeutin habe ich schon und nicht einmal der erzähle ich viel von mir. Warum sollte ich es dann bei dir tun? Ich schlage vor, du bestellst uns einen Cappuccino und dann gehen wir zurück zu unserer Vorlesung.“
„Stella, ich meine es ernst, ich will dich besser kennenlernen, du gefällst mir.“
Simeon schenkt mir ein bezauberndes Lächeln, dann springt er auf und geht zu einem vorbeikommenden Inder, der rote Rosen verkauft. Er nimmt ihm den ganzen Strauß aus der Hand und reicht ihm 100 €. Dann kehrt er zu unserem Tisch zurück und kniet sich vor mich hin:
„Erhörst du mich jetzt, schöne Frau, komm mit zu mir, bitte“, sagt er flehend.
Er schaut mich aus braunen, sanften Augen an und reicht mir die duftenden Blumen. Zögernd nehme ich sie und bin sofort benebelt von dem starken Geruch, den sie verströmen.
Meine Augen durchbohren seine, auf der Suche nach seiner Absicht. Ich beobachte seine energetische Schwingung, um mehr über ihn herauszufinden. Hat er auch Dinge erlebt, die seine Seele unfassbar traurig gemacht haben? Ich schaue tief in ihn hinein und fühle, er ist eine Insel der Wärme. Eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem blitzt in mir auf. Niemand kann sich vorstellen, wie es in mir aussieht und ich werde es niemandem zeigen. Doch vielleicht kann ich mich lebendig fühlen, nur für einen Moment. Meine Stimmung hellt sich auf und ich höre mich mit einer fremden Stimme sagen: „Dann lass uns gehen, wo wohnst du denn?“
„Ich wusste es, heute ist mein Glückstag!“ Sein grüner Pullover strahlt in der Sonne und seine dunklen Locken wippen freudig auf und ab. Wir stehen gleichzeitig auf, ich halte den Blumenstrauß fest in der einen Hand, die schwarze Fransentasche in der anderen. Er winkt ein Taxi herbei und wir steigen ein. Simeon nimmt meinen Arm und drückt ihn ganz fest. Dann haucht er mir auf dem Rücksitz des Taxis einen Kuss auf die Wange, der nach Kaffee riecht.
Er weiß, ich bin empfindlich. Ich rutsche unruhig hin und her und habe keine Ahnung, wie ich mich in so einer Situation verhalten soll. Das ist das erste Mal, dass ich mich so bewusst auf ein intimes Date einlasse. Früher war ich meistens berauscht und konnte mich dahinter verstecken. Heute fühle ich mich nackt. Ausgeliefert. Scharf wie eine Messerklinge trennt mich mein innerer Schmerz von ihm und ich bin kurz davor, wieder aus dem Taxi zu springen. Doch ich zwinge mich, zu bleiben. Ich will es wenigstens versuchen.
Einen winzigen Hoffnungsschimmer, es diesmal zu schaffen, habe ich. Dr. Ackermann hat mich ermutigt. Ich soll springen, ich sei bereit. Als ich bei unserer letzten Sitzung die Antidepressiva abgelehnt habe, meinte sie, es würde mir schon sehr viel besser gehen. Ich bin vor Jahren zu ihr gekommen, nach meiner Flucht von zu Hause. Dank ihr erkenne ich nun, wo meine Grenzen sind und wo die der anderen anfangen. Für mich war das seit jeher ein undefinierbares Gemisch aus verstrickten Energien. Wenn ich Menschen beobachte, sehe ich deren Energiefelder und Auren. Manchmal werde ich in ihre Schmerzen und Probleme gezogen. Meine Hellsichtigkeit war nicht immer nur eine Gabe, sondern auch eine Herausforderung. Die Therapeutin hat mir dabei geholfen, meine Gaben auch als solche zu sehen und mit den Wahrträumen besser umzugehen. Und trotzdem fühle ich mich auch bei ihr immer noch verloren, immer noch auf der Suche nach mir selbst. Immer noch mit vielen Fragen und wenigen Antworten. Ich will mich endlich finden, das ist mein Wunsch. Herausfinden, wer sich hinter der lähmenden Traurigkeit verbirgt. Ob Simeon mir dabei helfen kann?
Ich beobachte ihn und wende mich ihm zu, so gut ich es eben schaffe. Für einen Moment spüre ich seine Schulter an meiner und die Berührung verändert den Schatten in seiner Aura. Er wird heller. Meine Berührung tut ihm offensichtlich gut. Wie eine Antwort auf das Geschehen in seinem Inneren strahlt er mich an. Wir halten an und steigen aus dem Taxi. Er hält mir die Türe auf. Der Wind ist jetzt stärker geworden und gleicht fast einem Orkan. Ich habe Mühe, mich zu halten, Simeon fängt mich auf und wir liegen uns in den Armen. Er riecht nach Mandeln. Meine Nase ist also einverstanden. Das ist gut.
„Hier ist es.“
Wir steuern auf eine elegante Villa zu. Ich denke an mein kleines Mansardenzimmer mit Toilette auf dem Gang. Und doch ist das mein ganzer Stolz. Ein eigenes Zimmer. Unabhängigkeit. Auch Yaga weiß nicht, wo ich wohne. Ich schaffte es, es geheim zu halten. Sogar vor ihr. Wir treffen uns immer in ihrer Wohngemeinschaft, denn da ist ein ständiges Kommen und Gehen.
Die Villa ist innen weiß und es ist alles so sauber. Ich fürchte mich sofort, Schmutz zu hinterlassen. Doch ich konzentriere mich auf die Hoffnung. Kann Simeon die Dunkelheit in mir wegwaschen, sodass wieder Farbe in mein Leben kommt?
Wir gehen in sein Zimmer, das etwas weniger steril wirkt und eine gemütliche Couch hat. Er zündet Kerzen an und stellt die Rosen in eine Vase. Ein Symbol der Liebe. Ich weiß nicht, was das ist. Wusste ich noch nie. Wir hören klassische Klaviermusik und lassen uns auf das Sofa fallen. Er umarmt mich. Wir streicheln uns. Ich bin so kaputt, dass ich mich nicht entspannen kann. Simeon fängt an, mich sanft zu entkleiden. Seine Küsse sind zärtlich. Je weiter er geht, desto steifer werde ich und eine innere Mauer türmt sich stetig auf. Ich versuche mit zusammengekniffenen Augen seine Aura zu sehen, doch sie verschwimmt und ich sehe nur grau und schwarz. Dieses lähmende Etwas, das zwischen mir und den anderen steht, schwemmt sich aus dem Inneren und benebelt mein ganzes Sein, sodass ich nichts mehr spüre. Ich werde zu Stein. Alle meine Sinne sind blockiert, gedämpft, auf ein Minimum reduziert. Meilensteine weg von Liebe. Wer ist dahinter? Wo fange ich an? Das Licht der Kerze füllt das Zimmer, aber ich werde immer dunkler.
Dazu dieser Geruch von Reichtum in diesem Haus. Auch das stört mich. Meine armselige Erscheinung, die Leggings, das Sweatshirts, die strähnigen Haare, mein Angstschweiß, die Farbe des Steins in mir, was mache ich hier eigentlich? Es ist alles falsch. Simeon fummelt an meinem Slip. Meine Hand gleitet an den Saum und stoppt ihn. Bestimmt. Keine Widerrede. Ich will das nicht.
Warum geschehen Dinge, die uns ein Leben lang verfolgen? Warum schreit es in mir, fühle ich mich ausgehöhlt und leer, als ich wortlos aufstehe und mich anziehe? Simeon sagt nichts. Schuldbewusst senkt er den Blick.
„Es hat nichts mit dir zu tun, es tut mir leid. Ich kann das nicht.“
„Was ist denn los mit dir?“ Er versucht, zu verstehen, aber ich will mich keinesfalls auf eine lange Diskussion einlassen.
„Nachts werde ich von Dämonen vergewaltigt“, entfährt es mir.
Er erschrickt, dann fängt er sich schnell. „Haben wir nicht alle unsere Dämonen?“
Ich nicke und laufe hinaus. Meine Kehle ist eng und ich weiß, gleich werde ich losheulen. Der gepflegte Rasen schaut mich höhnisch an. Du gehörst hier nicht hierher, scheint er zu sagen. Mit jedem Schritt auf dem weißen Kiesweg, der zum Gartentor führt, wächst die Klarheit. Stella Buchholz, 21 Jahre alt, attraktiv und intelligent, aber völlig unfähig für die Liebe, wird niemals eine intime Beziehung eingehen können. Lieben Gruß an Frau Ackermann. Wieder ein hoffnungsloser Fall.
In diesem noblen Viertel sehe ich keine Bushaltestelle, also laufe ich. Die frische Luft tut mir gut und ich kann endlich loslassen. Es ist, als löst sich meine bedrückende Leere, die wie ein hohler Stein in meinem Herzen sitzt, in Wasser auf. Ein unaufhörlicher Strom fließt aus mir heraus. Tränen verschleiern meinen Blick. Ich gehe in einen Park, sehe üppiges Grün um mich herum und in der Ferne etwas schimmern. Zuerst halte ich es für die Sonne, doch als ich auf das Licht zugehe, leuchtet es golden.
Es lädt mich ein, es ruft mich. Ich bewege mich immer schneller darauf zu, gehe über einen Hügel, einen Abhang, stolpere durch Büsche, doch es entfernt sich immer weiter, je länger ich gehe. Spielt mir mein Bewusstsein einen Streich? Da höre ich einen feinen Klang in mir. Hastig blicke ich umher, spielt hier jemand ein Instrument? Nichts, es ist niemand zu sehen außer einer Mutter mit Kinderwagen. Es hört sich an wie ein tibetanischer Gong, der lange nachschwingt, dabei wird der goldene Schimmer immer stärker. Fast ist es, als würde er nun in mich hineinscheinen und ich fühle mich urplötzlich gestärkt und wie reingewaschen.
Ich bleibe abrupt stehen und erkunde dieses ungewohnte Gefühl. Es weckt eine Erinnerung. Ich bin ein Kind. Es ist die schlimme Nacht auf dem Berg. Schmerz überschwemmt mich in Wellen und ich fühle mich wie ein krankes Tier, das aus dem Rudel verbannt wurde. Und hier sehe ich es zum ersten Mal. Das goldene Leuchten und der süße Klang spenden mir Trost. Für einen kurzen, glückseligen Moment entführt es mich in eine bessere Welt.
…
Weder bin ich wach, noch schlafe ich. Ich bin in diesem Zwischenzustand, in dem ich Visionen habe. Die Ebenen von Realität und Anderswelt verschwimmen mit der Dämmerung, wie so oft. Meine Augen sind geschlossen und eine Kraft, der ich nicht widerstehen kann, zieht mich fort.
Sie zeigt mir Bilder. Ich sehe die gesamte Erdkugel, auf der Oberfläche tauchen gefährlich aussehende Gewitterwolken auf, durch wenige Lücken sieht man eine dunkle schwere Erdkruste. Doch ich sehe noch mehr: einzelne Schichten der Kruste, innerhalb derer sich unzählige schwarze und graue Wesenheiten eingenistet haben, und sie beschweren und vergiften. Es rumort im Erdmantel, die einzelnen Platten verschieben sich und stöhnen und ächzen, als wären sie es leid, diese Last zu tragen.
Ich gebe mich dieser Kraft weiter hin, obwohl es mir große Angst macht und meine Muskeln verkrampfen, als ich die Dämonen der Finsternis sehe. Dann verändern sich die Bilder, eine bergige Landschaft breitet sich aus und schließt mich von allen Seiten ein. Es ist neblig und ich muss mich anstrengen, etwas zu sehen. Meine Augen schmerzen schon, so sehr konzentriere ich mich. Es ist wichtig, ganz fokussiert zu bleiben. Sonst würde ich die Visionen verlieren. Trotz meiner Angst bleibe ich auf die Bilder fokussiert. Ich bekomme den starken Eindruck, dass es immens wichtig ist, weiter hinzuschauen. Auch als mein Herz zu rasen beginnt und eine plötzliche Übelkeit sich in meinem Magen festkrallt. Zwischen den Bergen öffnet sich ein tiefes Tal. Unheil kündigt sich an. Schwarze dicke Wolken und ein starker Regenbruch, dann beginnt die Erde zu zittern. In einem Dorf rufen Menschen um Hilfe und rennen verzweifelt aus den Häusern. Sie versuchen mit Bussen und Autos der Katastrophe zu entkommen. Es folgt ein beängstigendes Grollen, der Boden wackelt und Löcher reißen auf. Viele Häuser stürzen ein. Ich sehe nichts mehr, weil der Staub alles verschluckt. Wehklagen und weitere Erdstöße erschrecken mich. Mein Herz stolpert, vor Aufregung vergesse ich zu atmen. Die Schreie der Menschen setzen sich in meinen Ohren fest. Als ich es kaum noch aushalte, ändert sich das Bild.
Totenstille. Das Dorf ist komplett zerstört. Niemand ist mehr da, nur noch ein paar staubbraune Hemden baumeln an einer verlorenen Wäscheleine. Überall ist Schutt und Staub. Die Vision entlässt mich entkräftet und leer, denn ich weiß nicht, was ich tun kann, um die Katastrophe zu verhindern. Den ganzen Tag bleibe ich im Bett. Am Abend schleppe ich mich auf die Couch und schalte die Nachrichten ein.
Sie melden:
Ein schweres Erdbeben in Mittelitalien hat zumindest sechs Menschenleben gefordert. In der kleinen Gemeinde Arquata del Tronto im Apennin kamen zwei und in dem nahegelegenen Ort Accumoli vier Menschen ums Leben. Das Erdbeben mit einer Stärke von mehr als sechs hatte die gesamte Region von Umbrien, Latium und den Marken erschüttert.
1
Der Schleier, der mich umgibt
Ich stehe mühsam auf, alle Knochen und Muskeln tun mir weh und ich bin wie immer müde und leer. Im Spiegel erkenne ich mich gar nicht wieder. Meine grünen Augen sind stumpf. Mein kastanienbraunes Haar ist strähnig, ich habe es seit Tagen nicht gewaschen, warum auch. Es gibt niemanden, den ich damit beeindrucken könnte. Ich bin allein.
Ein vertrautes Gefühl, seit ich klein bin.
Zwischen mir und den anderen ist diese graue, undurchdringliche Wand. Obwohl München scheinbar alles bietet, bin ich unglücklicher als je zuvor, da sich meine Einsamkeit so sehr vom pulsierenden Leben in der Großstadt unterscheidet. Nachts bin ich ein ankerloses Schiff, das sich nur mit Müh und Not auf stürmischer See halten kann. Und abends weine ich stundenlang vor dem Fernseher. Mein Leben sieht alles andere als rosig aus und meine Zukunft verschwimmt in einem trüben Nichts, das sich wie ein endloser, kühler November anfühlt.
Lustlos mache ich mich für die Uni zurecht, schwarzer Pulli, schwarze Leggings und Turnschuhe. Beim hastigen Blick in den Spiegel weiß ich, mein Äußeres gleicht meinen inneren Empfindungen. Achtlos, ohne den leisesten Anflug von weiblicher Eitelkeit. Mir ist alles egal. Hauptsache ich schaffe es morgens zur Uni, um meine Vorlesungen und Prüfungen abzuarbeiten. Das kostet mich meine gesamte Energie.
Auf meinem Weg fühle ich, dass die fahle Taubheit meine Beine hinaufkriecht und dann meinen ganzen Körper bewölkt. Um mich besser zu spüren, gehe ich schneller. Dann schaue ich mich mehrmals um, weil ich glaube, jemand ist hinter mir her. Immer habe ich Angst, auf meinen Wegen Yaga zu begegnen. Ist sie noch eine Freundin? Seit dem Kindergarten sind wir zusammen und sie war immer da, wenn ich sie brauchte. Wir sind durch viele Täler gegangen. Die grausigsten Nächte meines Lebens hat sie mit mir geteilt, am Telefon oder auch bei mir zu Hause. Als meine Ängste alles andere überschattet haben, war sie, Yaga, die Starke. Ich, Stella, die Labile. Doch jetzt wird ihre Energie immer aufdringlicher. Seit wir in München sind, kontrolliert sie alle meine Schritte. Ich haste zur U-Bahn.
Auch die Fahrt ist wie immer eine Herausforderung. Die Menschenmenge mit all den Gerüchen nach abgestandenem Schweiß, Knoblauch und billigem Parfum widert mich an. Meine Nase ist zu empfindlich und der Wagon ist viel zu eng. Endlich erreiche ich meine Haltestelle und dränge ins Freie. Es ist windig und die Sonne scheint. Ich halte mein Gesicht für einen Moment in das Licht, so als könnte es meine innere Kälte beseitigen. Mit geschlossenen Augen genieße ich die warmen Strahlen auf meiner Haut, als mir plötzlich jemand von hinten sanft auf die Schulter klopft.
„Hi Stella, ich wusste, ich würde dich heute treffen. Gehen wir auf einen Kaffee und schwänzen die Uni?“ Simeon schaut mich mit einem entwaffneten Lächeln an und küsst mich rechts und links auf die Wange.
„Ich weiß nicht, ich habe heute eine wichtige Vorlesung.“
Er strahlt mich weiter an. „Bitte, meine Schöne!“ Er faltet die Hände vor seiner Brust, und wenn ich nichts unternehme, macht er gleich einen Kniefall. Mir ist die Szene peinlich.
Ich will schon absagen, aber dann erkenne ich in seiner Aura diesen Schatten. Instinktiv weiß ich, was ihm fehlt, und dass ich ihm helfen kann. Und wie immer ist der Wunsch, das Leid einer anderen Person zu mildern, stärker als der Wunsch, meinen eigenen Plänen zu folgen. Es scheint mir so viel sinnvoller, als eine Vorlesung zu besuchen. Und ist es nicht genau der Grund, weshalb ich Psychologie studiere? Um anderen zu helfen? Das pulsierende Spiel von Licht und Schatten in seiner Aura zieht etwas in mir an. Ich beobachte die sich ineinander vermischenden Farben, blau, grün und dann ein helles Purpur, darin entdecke ich einen schwarzen Fleck. Ein Knoten in seiner Aura. Ich spüre es und es spürt mich. Lockt mich an.
Nur ein Gespräch mahne ich mich.
„Okay, aber nur für eine halbe Stunde“, willige ich ein. Was habe ich schon zu verlieren? Vielleicht heitert dieses Treffen meine trübe Stimmung etwas auf.
Ein paar Blocks weiter setzen wir uns in ein hübsches Café mit Tischen und Stühlen in der Sonne. Es ist kaum jemand im Garten. Simeon rückt seinen Stuhl dicht neben meinen und legt den Arm um mich, dann schaut er mich direkt an. Er ist hübsch, mit seinen schwarzen Locken, die eigensinnig sein Gesicht umspielen, und den vollen Lippen. Er studiert mit mir zusammen Psychologie. Allzu ernst nimmt er das Studium nicht, denn sein Vater hat genügend Geld, um es ihm zu finanzieren. Er hat es nicht eilig, Simeon amüsiert sich gerne. Vielleicht auch, um seinen Schatten zu überspielen. Unter seiner lässigen Fassade spüre ich eine tiefe Unruhe und Unzufriedenheit. Das interessiert mich. Ob es mit seinem Vater zu tun hat?
„Stella, du bist so traurig, was ist nur los mit dir? Komm schon, mir kannst du es sagen, stell dir vor, ich bin dein Therapeut.“
Er setzt seine Brille und einen professionellen Blick auf.
Eigentlich mag ich ihn, doch er ist mir zu aufdringlich. Die meisten Jungs, die sich in meinem Umfeld bewegen, sind so. Sie machen mir Komplimente, laden mich zum Essen ein und dann wollen sie mit mir ins Bett. Immer der gleiche Ablauf. Ich strecke mein Kinn hoch und werfe ihm einen forschen Blick zu.
„Eine Therapeutin habe ich schon und nicht einmal der erzähle ich viel von mir. Warum sollte ich es dann bei dir tun? Ich schlage vor, du bestellst uns einen Cappuccino und dann gehen wir zurück zu unserer Vorlesung.“
„Stella, ich meine es ernst, ich will dich besser kennenlernen, du gefällst mir.“
Simeon schenkt mir ein bezauberndes Lächeln, dann springt er auf und geht zu einem vorbeikommenden Inder, der rote Rosen verkauft. Er nimmt ihm den ganzen Strauß aus der Hand und reicht ihm 100 €. Dann kehrt er zu unserem Tisch zurück und kniet sich vor mich hin:
„Erhörst du mich jetzt, schöne Frau, komm mit zu mir, bitte“, sagt er flehend.
Er schaut mich aus braunen, sanften Augen an und reicht mir die duftenden Blumen. Zögernd nehme ich sie und bin sofort benebelt von dem starken Geruch, den sie verströmen.
Meine Augen durchbohren seine, auf der Suche nach seiner Absicht. Ich beobachte seine energetische Schwingung, um mehr über ihn herauszufinden. Hat er auch Dinge erlebt, die seine Seele unfassbar traurig gemacht haben? Ich schaue tief in ihn hinein und fühle, er ist eine Insel der Wärme. Eine Sehnsucht nach etwas Unbekanntem blitzt in mir auf. Niemand kann sich vorstellen, wie es in mir aussieht und ich werde es niemandem zeigen. Doch vielleicht kann ich mich lebendig fühlen, nur für einen Moment. Meine Stimmung hellt sich auf und ich höre mich mit einer fremden Stimme sagen: „Dann lass uns gehen, wo wohnst du denn?“
„Ich wusste es, heute ist mein Glückstag!“ Sein grüner Pullover strahlt in der Sonne und seine dunklen Locken wippen freudig auf und ab. Wir stehen gleichzeitig auf, ich halte den Blumenstrauß fest in der einen Hand, die schwarze Fransentasche in der anderen. Er winkt ein Taxi herbei und wir steigen ein. Simeon nimmt meinen Arm und drückt ihn ganz fest. Dann haucht er mir auf dem Rücksitz des Taxis einen Kuss auf die Wange, der nach Kaffee riecht.
Er weiß, ich bin empfindlich. Ich rutsche unruhig hin und her und habe keine Ahnung, wie ich mich in so einer Situation verhalten soll. Das ist das erste Mal, dass ich mich so bewusst auf ein intimes Date einlasse. Früher war ich meistens berauscht und konnte mich dahinter verstecken. Heute fühle ich mich nackt. Ausgeliefert. Scharf wie eine Messerklinge trennt mich mein innerer Schmerz von ihm und ich bin kurz davor, wieder aus dem Taxi zu springen. Doch ich zwinge mich, zu bleiben. Ich will es wenigstens versuchen.
Einen winzigen Hoffnungsschimmer, es diesmal zu schaffen, habe ich. Dr. Ackermann hat mich ermutigt. Ich soll springen, ich sei bereit. Als ich bei unserer letzten Sitzung die Antidepressiva abgelehnt habe, meinte sie, es würde mir schon sehr viel besser gehen. Ich bin vor Jahren zu ihr gekommen, nach meiner Flucht von zu Hause. Dank ihr erkenne ich nun, wo meine Grenzen sind und wo die der anderen anfangen. Für mich war das seit jeher ein undefinierbares Gemisch aus verstrickten Energien. Wenn ich Menschen beobachte, sehe ich deren Energiefelder und Auren. Manchmal werde ich in ihre Schmerzen und Probleme gezogen. Meine Hellsichtigkeit war nicht immer nur eine Gabe, sondern auch eine Herausforderung. Die Therapeutin hat mir dabei geholfen, meine Gaben auch als solche zu sehen und mit den Wahrträumen besser umzugehen. Und trotzdem fühle ich mich auch bei ihr immer noch verloren, immer noch auf der Suche nach mir selbst. Immer noch mit vielen Fragen und wenigen Antworten. Ich will mich endlich finden, das ist mein Wunsch. Herausfinden, wer sich hinter der lähmenden Traurigkeit verbirgt. Ob Simeon mir dabei helfen kann?
Ich beobachte ihn und wende mich ihm zu, so gut ich es eben schaffe. Für einen Moment spüre ich seine Schulter an meiner und die Berührung verändert den Schatten in seiner Aura. Er wird heller. Meine Berührung tut ihm offensichtlich gut. Wie eine Antwort auf das Geschehen in seinem Inneren strahlt er mich an. Wir halten an und steigen aus dem Taxi. Er hält mir die Türe auf. Der Wind ist jetzt stärker geworden und gleicht fast einem Orkan. Ich habe Mühe, mich zu halten, Simeon fängt mich auf und wir liegen uns in den Armen. Er riecht nach Mandeln. Meine Nase ist also einverstanden. Das ist gut.
„Hier ist es.“
Wir steuern auf eine elegante Villa zu. Ich denke an mein kleines Mansardenzimmer mit Toilette auf dem Gang. Und doch ist das mein ganzer Stolz. Ein eigenes Zimmer. Unabhängigkeit. Auch Yaga weiß nicht, wo ich wohne. Ich schaffte es, es geheim zu halten. Sogar vor ihr. Wir treffen uns immer in ihrer Wohngemeinschaft, denn da ist ein ständiges Kommen und Gehen.
Die Villa ist innen weiß und es ist alles so sauber. Ich fürchte mich sofort, Schmutz zu hinterlassen. Doch ich konzentriere mich auf die Hoffnung. Kann Simeon die Dunkelheit in mir wegwaschen, sodass wieder Farbe in mein Leben kommt?
Wir gehen in sein Zimmer, das etwas weniger steril wirkt und eine gemütliche Couch hat. Er zündet Kerzen an und stellt die Rosen in eine Vase. Ein Symbol der Liebe. Ich weiß nicht, was das ist. Wusste ich noch nie. Wir hören klassische Klaviermusik und lassen uns auf das Sofa fallen. Er umarmt mich. Wir streicheln uns. Ich bin so kaputt, dass ich mich nicht entspannen kann. Simeon fängt an, mich sanft zu entkleiden. Seine Küsse sind zärtlich. Je weiter er geht, desto steifer werde ich und eine innere Mauer türmt sich stetig auf. Ich versuche mit zusammengekniffenen Augen seine Aura zu sehen, doch sie verschwimmt und ich sehe nur grau und schwarz. Dieses lähmende Etwas, das zwischen mir und den anderen steht, schwemmt sich aus dem Inneren und benebelt mein ganzes Sein, sodass ich nichts mehr spüre. Ich werde zu Stein. Alle meine Sinne sind blockiert, gedämpft, auf ein Minimum reduziert. Meilensteine weg von Liebe. Wer ist dahinter? Wo fange ich an? Das Licht der Kerze füllt das Zimmer, aber ich werde immer dunkler.
Dazu dieser Geruch von Reichtum in diesem Haus. Auch das stört mich. Meine armselige Erscheinung, die Leggings, das Sweatshirts, die strähnigen Haare, mein Angstschweiß, die Farbe des Steins in mir, was mache ich hier eigentlich? Es ist alles falsch. Simeon fummelt an meinem Slip. Meine Hand gleitet an den Saum und stoppt ihn. Bestimmt. Keine Widerrede. Ich will das nicht.
Warum geschehen Dinge, die uns ein Leben lang verfolgen? Warum schreit es in mir, fühle ich mich ausgehöhlt und leer, als ich wortlos aufstehe und mich anziehe? Simeon sagt nichts. Schuldbewusst senkt er den Blick.
„Es hat nichts mit dir zu tun, es tut mir leid. Ich kann das nicht.“
„Was ist denn los mit dir?“ Er versucht, zu verstehen, aber ich will mich keinesfalls auf eine lange Diskussion einlassen.
„Nachts werde ich von Dämonen vergewaltigt“, entfährt es mir.
Er erschrickt, dann fängt er sich schnell. „Haben wir nicht alle unsere Dämonen?“
Ich nicke und laufe hinaus. Meine Kehle ist eng und ich weiß, gleich werde ich losheulen. Der gepflegte Rasen schaut mich höhnisch an. Du gehörst hier nicht hierher, scheint er zu sagen. Mit jedem Schritt auf dem weißen Kiesweg, der zum Gartentor führt, wächst die Klarheit. Stella Buchholz, 21 Jahre alt, attraktiv und intelligent, aber völlig unfähig für die Liebe, wird niemals eine intime Beziehung eingehen können. Lieben Gruß an Frau Ackermann. Wieder ein hoffnungsloser Fall.
In diesem noblen Viertel sehe ich keine Bushaltestelle, also laufe ich. Die frische Luft tut mir gut und ich kann endlich loslassen. Es ist, als löst sich meine bedrückende Leere, die wie ein hohler Stein in meinem Herzen sitzt, in Wasser auf. Ein unaufhörlicher Strom fließt aus mir heraus. Tränen verschleiern meinen Blick. Ich gehe in einen Park, sehe üppiges Grün um mich herum und in der Ferne etwas schimmern. Zuerst halte ich es für die Sonne, doch als ich auf das Licht zugehe, leuchtet es golden.
Es lädt mich ein, es ruft mich. Ich bewege mich immer schneller darauf zu, gehe über einen Hügel, einen Abhang, stolpere durch Büsche, doch es entfernt sich immer weiter, je länger ich gehe. Spielt mir mein Bewusstsein einen Streich? Da höre ich einen feinen Klang in mir. Hastig blicke ich umher, spielt hier jemand ein Instrument? Nichts, es ist niemand zu sehen außer einer Mutter mit Kinderwagen. Es hört sich an wie ein tibetanischer Gong, der lange nachschwingt, dabei wird der goldene Schimmer immer stärker. Fast ist es, als würde er nun in mich hineinscheinen und ich fühle mich urplötzlich gestärkt und wie reingewaschen.
Ich bleibe abrupt stehen und erkunde dieses ungewohnte Gefühl. Es weckt eine Erinnerung. Ich bin ein Kind. Es ist die schlimme Nacht auf dem Berg. Schmerz überschwemmt mich in Wellen und ich fühle mich wie ein krankes Tier, das aus dem Rudel verbannt wurde. Und hier sehe ich es zum ersten Mal. Das goldene Leuchten und der süße Klang spenden mir Trost. Für einen kurzen, glückseligen Moment entführt es mich in eine bessere Welt.
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