Brombeerzeit
Das Leben macht keine Fehler
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 122
ISBN: 978-3-7116-0908-3
Erscheinungsdatum: 24.09.2025
Lebe – Liebe – Lache! Das Leben macht keine Fehler. Selbst wenn das Licht am Ende des Tunnels noch fern wirkt, es findet seinen Weg, wenn man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.
Vorwort
Als ich begonnen habe ein Buch zu schreiben, wollte ich eigentlich über mein Leben im Allgemeinen erzählen. Die Entstehung eines Buches habe ich mir als Prozess vorgestellt. Ein Prozess, bei dem allerdings so gar nichts klar und vorbestimmt ist. Zumindest war und ist es bei mir so. Es passiert im Kopf so unglaublich viel. Immer wieder drängen sich Ideen in den Vordergrund.
Manche werden sofort wieder verworfen, andere verweilen etwas länger und eine hatte sich so sehr in den Vordergrund gedrängt, dass sie mich meinen ursprünglichen Entwurf verwerfen ließ. Stattdessen begann ich zu schreiben, was Sie nun vor sich liegen haben: Ein Buch über die Vergänglichkeit des Lebens und einzelner sehr prägender Kapitel in meinem Leben.
Zu dieser Themenwahl hat sicherlich auch die Tatsache beigetragen, dass ich gerade eine Ausbildung zur Lebens-, Trauer- und Sterbebegleiterin mache.
Alles in unserem Leben wird durch uns selbst gesteuert. Unsere Gedanken, Entscheidungen und unsere positiven und negativen Glaubenssätze lassen ein von uns konstruiertes Leben entstehen. Keine Angst, es gibt kein Richtig oder Falsch bei unseren Entscheidungen. Allein diese Erkenntnis benötigt einiges an Mut. Aber das Leben macht keine Fehler. Vertrauen in sich selbst und dazu Menschen um dich, die dich nehmen, wie du bist – weil du gut so bist, wie du bist – und das Leben wäre ein Kinderspiel. Nun ist dem aber leider nicht so ganz. Immer wieder begegnen wir unseren sogenannten „Arschengeln“. Diesen Ausdruck leihe ich mir von Robert Betz, weil er perfekt ausdrückt, was ich empfinde. Arschengel sind Menschen, die unsere Knöpfe drücken. Es sind unsere negativen Glaubenssätze unserer Kindheit, z. B. „Du bist dumm!“ oder „Du bist nichts wert!“ Es sind die Taten, Aussagen oder einfach nur die Blicke, die uns triggern, also etwas in uns auslösen und Gefühle verstärken. Und schon sind sie wieder da, unsere Unsicherheit, unser „Selbsthinterfragen“ oder einfach nur unsere Traurigkeit oder unsere Ohnmacht, die uns erstarren lässt.
Jeder hat im Leben solche Arschengel! Und das ist gut so, denn erst durch sie können wir wachsen, lernen und uns entwickeln. Diese Menschen sind der Dünger für unsere Wurzeln, damit sie tiefer und tiefer in unser Seelenleben eindringen können, um uns in unseren Gefühlen zu uns selbst zu stärken. Wir leben, sprechen und handeln meist aus dem Kopf heraus. Leider! Unser Herz und unser Bauchgefühl kommt viel zu oft zu kurz.
Jeder sollte für sich der wichtigste Mensch sein, ohne dabei ein Egoist zu sein! Eigenliebe braucht es, um Empathie überhaupt entwickeln zu können. Empathie, die jeder benötigt, um unseren Arschengeln zu verzeihen, aber auch uns selbst. Im Grunde gehört jeder Fehler im Leben mit einem großen Fest gefeiert. Je größer er ist, umso größer die Party. Es gab Zeiten, da wäre ich aus dem Feiern gar nicht mehr herausgekommen. Denn nur durch unsere Fehler nähren wir uns selbst und lernen dazu. Darum nur Mut, lebt euer Leben, nicht das der anderen!
Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mache einen Plan
Ich beginne meine Geschichte an einem Punkt meines Lebens, an dem ich glaubte: Jawohl, geschafft, du bist angekommen! Wie gesagt, vermeintlich angekommen …
Ich war glücklich mit meinen beiden Söhnen Philipp und Timon und meinem Lebensgefährten. Die Lebensumstände haben unsere kleine Familie in eine kleine Gemeinde gebracht. Sehr ländlich und behütet, hier war die Welt noch in Ordnung – augenscheinlich. Alles lief, wie es alle von uns erwarteten und wie es „normal“ ist. Naja, wir waren noch nicht verheiratet. Das stieß manchen schon ein bisschen sauer auf. Aber sonst waren wir perfekt. Mein Partner und ich führten eine Traumbeziehung. Er war ein fürsorglicher Papa und ich eine brave und liebevolle Mama. Natürlich waren wir auch gegenseitig die Partner, die sich jeder von uns wünschte.
Philipp hatte gerade begonnen, den Kindergarten unsicher zu machen. Wohlgemerkt bereits mit gerade einmal drei Jahren. Damals war das sehr früh. Heute ist das ein ganz normaler Vorgang. Wir lebten in einer Tausendfünfhundertseelengemeinde und da gingen die Kinder maximal zwei Jahre in den Kindergarten, bevor der sogenannte „Ernst des Lebens“ begann. Auch so ein Ausdruck, den ich gar nicht mag. Liebe Eltern, nehmt euren Kindern doch nicht schon von Anfang an die Freude an unserem Bildungssystem. Lasst sie doch um Himmels willen ihre eigenen Erfahrungen machen und daraus lernen, was wirklich wichtig ist im Leben! Denn diese Erfahrungen kommen unweigerlich! Ich treffe hier ganz bewusst keine Unterscheidung zwischen guten und schlechten Erfahrungen, denn auf beiden kann man ganz wunderbar aufbauen.
Auch wenn es mit der weiteren Geschichte nichts zu tun hat, so musste das einmal gesagt werden.
Mein älterer Sohn war nun also im Kindergarten mit drei Jahren und mein jüngerer, Timon, gerade einmal ein halbes Jahr alt, daheim bei Mama, also mir. Meine Mutterrolle erfüllte mich zwar, aber irgendwie kam ich dabei ein wenig zu kurz. „Nur“ Haushalt, Kinder und Noch-nicht-ganz-Ehemann! Mein Ego wollte mehr – eine Herausforderung! Zwar war ich für die organisatorische Leitung der Mutter-Kind-Gruppe verantwortlich und war die Vorsitzende des Kindergartenbeirates, aber das war mir eben zu wenig. Den Kindergartenbeirat, den ich ins Leben gerufen habe, gab es übrigens auch erst, seitdem mein Sohn diesen Kindergarten besuchte. Für mich war klar, dass das eine gute Sache war. Zuerst waren die Kindergartenpädagoginnen da anderer Meinung. Aber bald verwandelte sich diese anfängliche Skepsis in ein begeistertes Miteinander. Skikurse, Schwimmkurse und auch Englischkurse wurden von mir organisiert und von den Eltern, aber besonders den Kindern, begeistert angenommen.
Was also macht eine quasi vollbeschäftigte Mutter? (Ich sagte immer gerne: „Ich bin eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern“, weil ihr Vater zwar ein sehr fleißiger Partner, aber sehr wenig zu Hause war.) Klar, sie geht in die Politik! Wie ich schon erwähnt habe, war die Gemeinde, in die es mich und meine Lieben verschlagen hatte, eine Tausendfünfhundertseelengemeinde, daher reden wir hier von Kommunalpolitik.
Mein leider schon verstorbener Vater sagte zu mir als Kind immer: „Entweder hast du einmal einen Granini-Stand“, weil er sich mich perfekt als Verkäuferin bzw. Marktschreierin vorstellen konnte, „oder du gehst in die Politik!“ Recht sollte er also bekommen. Ich wurde Fraktionsvorsitzende. Die Partei tut, so finde ich, in der Kommunalpolitik nichts zur Sache. Hier geht es rein um die Inhalte und das, was man,, bewegen kann. Natürlich hatte ich davor einen Lehrgang besucht. Dieser wurde speziell für Frauen mit dem Titel „Salzburg braucht Bürgermeisterinnen“ angeboten. So ist das. Wir Frauen müssen immer alles zuerst lernen, bevor wir uns etwas zutrauen. Männer würden dieses Amt einfach bekleiden, ohne auch nur eine Minute darüber nachzudenken, ob sie das können oder nicht. Denn natürlich können sie das. „Klischee“, werden da jetzt manche aufheulen. Natürlich! Leider ein selbstgestricktes Klischee. Wir Frauen dürfen uns ruhig mehr zutrauen. Das habe ich auch lange so gesehen und gelebt. Heute habe ich gerne die größeren „Eier“.
Von meiner Familie, das sind meine Mutter und meine Schwester, kam zu dieser Entscheidung leider wenig Unterstützung. Sie hätten mich lieber in einem Strickkurs gesehen. Mein Vater wäre da ganz anderer Ansicht gewesen.
Mein Papa war ein ganz besonderer Mann. Rechtschaffen, grundlegend ehrlich und gütig. Für ihn stand die Familie immer im Vordergrund. Da er um 17 Jahre älter war als meine Mutter, hatte er auch noch ganz andere Prinzipien in den Geschlechterrollen Auch wenn er das Familienoberhaupt war, das seine Familie versorgte, so hatte dennoch meine Mutter das Sagen. Mein Vater war von Beruf Sachbearbeiter in einer Versicherung. Er hatte in derselben Firma seine Lehre gemacht, in der er dann auch in Pension ging. Krankenstandstage hatte mein Vater in all den Jahren keinen einzigen! Die Karriereleiter hatte er nie wirklich erklommen, denn sein Naturell war zwar sehr loyal, aber Chefqualitäten hatte er keine. Zu Hause war mein Vater für alles zuständig, was den Garten, den Fuhrpark (er liebte alte Autos), die Haustechnik und sämtliche Reparaturen anbelangte. Meine Mutter führte den Haushalt, kochte und war auch für die Kindererziehung zuständig. Zu arbeiten hatte meine Mutter erst wieder begonnen, als ich 15 Jahre alt war. Ich war sehr gerne mit meinem Vater im Garten und habe ihm auch oft beim „Servicieren“ (wie er es nannte) seiner alten Autos geholfen. Dazu zählten zwei NSU-Prinz und ein alter Fiat. An den Benzingeruch der Autos erinnere ich mich noch heute sehr gerne. Natürlich haben mein Vater und ich auch mal gestritten, manchmal sogar, wenn wir einer Meinung waren. Aber nachtragend oder gar beleidigt war er danach nie. Er hatte nicht viele Freunde aber er hatte uns, seine kleine Familie und das reichte ihm absolut aus.
Als ich 27 Jahre alt war, erkrankte mein Papa schwer. Blasenhalskarzinom. Das war für die ganze Familie ein Schock. Diese Diagnose erhielt er, nachdem er endlich den Urologen gewechselt hatte, der über Jahre eine Blasenentzündung behandelt hatte. Leider kam diese Diagnose zu spät, die Erkrankung war schon zu weit fortgeschritten und es gab nur noch die Möglichkeit einer einjährigen Lebensverlängerung durch eine Resektion (operative Entfernung) der Blase. Dieser schweren OP hatte sich mein Vater auch unterzogen, um eben dieses eine Jahr länger bei uns bleiben zu können. Aber dieser Eingriff hatte nicht nur Vorteile, nein, er brachte auch viele Nachteile mit sich: Er bekam einen Seitenausgang, musste die Zeit nach der OP auf der Intensivstation verbringen, hatte starke Schmerzen und natürlich verlängerte sich mit all dem sein Leidensweg. Die Prognose stimmte leider, er bekam nur noch dieses eine Jahr. Er nutzte es, um noch alles in seinem Leben zu ordnen und meiner Mutter alles zu erklären, was bisher in sein Ressort gefallen war Diese musste alles brav in einem kleinen Heftchen mitschreiben, damit sie nichts vergaß. Eines Tages würde sie ihn ja nicht mehr fragen können – und das war meinem Papa sehr bewusst.
Seine letzten Wochen verbrachte er im Krankenhaus. Dies war sein Wunsch, weil er große Angst vor dem Tod hatte. Seine schlimmste Vorstellung war es, zu ersticken. Er erhoffte sich im Krankenhaus die beste medizinische Versorgung für einen friedlichen Tod. Ich war zum damaligen Zeitpunkt mit meinem Sohn Philipp schwanger und im vorzeitigen Mutterschutz – zum Glück, denn dadurch konnte ich jeden Tag bei meinem Papa im Krankenhaus sein. Oft saß ich einfach nur da und las, weil mein Papa viel schlief. Aber wenn er wach war, dann hatten wir wunderbare Gespräche. Es klingt vielleicht sonderbar, aber die letzte Zeit mit meinem Papa habe ich wirklich sehr genossen. Seit ich mich erinnern kann hatte er immer diese „unruhigen Haxen“, wie er sie nannte („Restless Legs“ ist der Fachausdruck). Seit Beginn meiner Schwangerschaft hatte ich das auch. Weinlaubsalbe half bei mir, also massierte ich auch ihm jeden Tag die Beine damit, bis zu dem einen Tag im Mai.
Es war wunderschönes Wetter und die Sonne schien auf meinen Vater. Draußen blühte der weiße Flieder. Es war die Lieblingsjahreszeit meines Vaters. Der Gedanke, dass er diese wahrhaft zum letzten Mal erlebte, zerriss mir fast das Herz. Aber ich war vorbereitet auf das, was unausweichlich war: Mein Vater würde sterben. Ich sehnte es direkt herbei, weil dieses Leid ein Ende nehmen musste. Einmal bin ich auch auf den Friedhof zu den Eltern von meinem Papa gefahren und habe geschimpft mit ihnen, dass sie ihren Sohn doch bitte endlich zu ihnen holen sollten. Mein Papa wusste schon längst, dass es nicht mehr lange dauern würde und er war bereit, soweit man das sagen kann. Er hatte alle Stationen des Sterbens durchlebt: Trauer, Wut, Ohnmacht, Kampf gegen den Krebs und nun hatte er den bevorstehenden Tod angenommen. Ich wollte meinem Papa den Abschied nicht unnötig schwer machen, weswegen ich ihm gesagt habe, dass es okay wäre, wenn er stürbe. Wir würden weiterhin gut zurechtkommen und er solle sich bitte keine Sorgen machen. Meine Schwester tat sich wiederum enorm schwer, loszulassen. Immer wieder flehte sie die Ärzte an, sie sollten doch etwas tun, es konnte doch nicht sein, dass man unseren Papa einfach sterben ließe. Meine Mutter kam jeden Tag in ihrer Mittagspause und am Abend vorbei. Sie brachte auch meist etwas zum Essen mit, das mein Papa in der Vergangenheit immer gerne gegessen hatte. Aber er wollte nichts mehr essen. Für meine Mutter, die es sicherlich nur gut gemeint hatte, nicht verständlich, denn er musste doch etwas essen. Das Einzige, das mein Papa am Schluss zu sich genommen hatte, war ein Zitronensaft, den ich ihm, wenn er munter war, schlückchenweise gab.
An diesem Tag, eben im Mai, kam ich wieder einmal mit meinem Buch im Krankenhaus an. Mein Papa schlief, wie nun fast immer. Ich setzte mich auf meinen Stuhl und begann zu lesen. Irgendwann wurde mein Papa wach. Ich fragte ihn, ob er die Sonne spürte, die auf seine Beine schien – er verneinte es. Auch konnte er meine tägliche Beinmassage nicht mehr spüren. Die Schwestern hatten mir schon lange vorher eine Broschüre gegeben, in der beschrieben war, wie denn nun das Sterben ungefähr vor sich ging. Und da stand unter anderem, dass der Körper partiell stirbt. Nun erlebte ich den Vorgang selbst mit. Der Inhalt des Urinbeutels vom Katheter meines Vaters war mit schwarzer, blutiger Flüssigkeit gefüllt. Es war, als würde sich mein Vater innerlich zersetzen. Ein Gespräch war kaum mehr möglich, aber das brauchte es auch nicht sein. Ich wusste, was mir die Augen meines Papas sagen wollten – bald war es geschafft. Nach kurzer Zeit schlief mein Papa wieder ein. Zu Mittag kamen auch meine Schwester und meine Mutter vorbei. Mein Papa hatte inzwischen eine Sauerstoffbrille in der Nase, so wie er es wollte. Um 15 Uhr am Nachmittag wollten die Ärzte meinem Papa eine neue Infusion setzen, was misslang. Das Blut spritzte gerade nur so aus seinen Venen. Ich weiß nicht warum, ob es mit meiner Schwangerschaft zusammenhing oder nicht, aber mir wurde übel bei dem Anblick. Also entschied ich, für eine Stunde spazieren zu gehen. Ich sagte dies meinem dahindämmernden Papa, dass ich in exakt einer Stunde wieder bei ihm sein werde.
Wirklich eine Stunde später betrat ich das Krankenhaus wieder. Als ich aus dem Lift ausstieg, winkte mich schon eine Krankenschwester ins Zimmer meines Vaters. Drinnen angekommen, spürte man schon die tiefe Traurigkeit und den nahenden Tod. Ich setzte mich ans Bett meines Vaters und meine Mutter meinte: „Nun ist auch deine kleine Tochter wieder da.“ Und mein Papa machte tatsächlich noch einmal die Augen auf und wünschte mir mit schwacher Stimme alles Gute. Dann gingen seine Augen wieder zu. Meine Mutter betete ununterbrochen das Ave Maria. Mein Papa war zwar kein Freund der Kirche und an Gott glaubte er auch nicht wirklich, aber meiner Mama tat es gut. Dann sagte mein Papa doch noch etwas – seine letzten Worte! Und diese waren für uns und auch für all jene, denen ich diese erzählt habe, sehr schön, beruhigend und hoffnungsvoll: „Mei, es ist so schön …!“ Der Puls wurde immer unregelmäßiger, setzte, genau so wie seine Atmung, manchmal für kurze Zeit ganz aus. Die Atemzüge wurden von einem Rasseln begleitet. Dies ging etwa eine Stunde so. Ich saß nur da und hielt die Hand meines Papas. Plötzlich verzog er sein Gesicht, als wenn er in eine Zitrone gebissen hätte. Das erschreckte mich, aber ich blieb dennoch ganz ruhig. Am Ende war nur mehr das Ave Maria meiner Mama zu vernehmen, als mein Vater drei Mal tief ausatmete. Und dann war es plötzlich ruhig. Meine Mutter hörte auf zu beten, mein Papa war gestorben.
Die Krankenschwester kam und bat uns hinaus, damit sie meinen Papa „schön“ für uns herrichten konnte. Das bedeutete, die Kinnlade wurde hinaufgebunden, die Augen geschlossen und die Hände wurden wie zum Gebet gefaltet und mit einer roten Rose verziert. Auf seinem Nachttisch wurde eine Kerze entzündet. Nachdem all dies erledigt war, durften wir wieder hinein zu ihm, um Abschied nehmen zu können. Inzwischen waren auch der Freund meiner Schwester und mein Freund eingetroffen. Anfangs saßen wir alle einfach nur da, bestürzt, unendlich traurig und doch war ich irgendwie auch erleichtert für meinen Papa. Dann aber zückte meine Schwester ihren Fotoapparat und schoss unzählige Bilder von meinem toten Papa. Ich musste gehen.
Tags darauf begannen die Vorbereitungen für die Verabschiedung meines Papas. Er wollte verbrannt werden. Bei meinen vielen Besuchen haben wir auch über seine Vorstellungen gesprochen, wie er sich denn seine Verabschiedung vorstellen würde. Dies war für ihn ganz klar. Er wollte eine Verabschiedung im kleinsten Familienkreis mit vielleicht ein paar Freunden. Keine Kränze, das Geld sollte lieber für einen guten Zweck gespendet werden. Bescheiden und gütig, mein lieber Papa, bis zuletzt. Wünsche, die ganz leicht zu erfüllen gewesen wären. Leider kam alles ganz anders. Zu der Verabschiedung wurden per Partezettel unzählige Freunde und Bekannte, auch Leute, die mein Papa zuvor noch nie gesehen hatte, eingeladen. Auf meinen Widerspruch, dass das nicht der Wunsch von Papa war, wurde nicht eingegangen. Wie sähe denn das aus, wenn niemand käme …? Auch auf den Wunsch, auf Blumenspenden zu verzichten, wurde nicht eingegangen. Ohne Blumen wäre es doch eine sehr traurige Verabschiedung …! Natürlich würde es traurig werden. Auf den Punkt gebracht, die Verabschiedung meines Vaters wurde ein richtiges Staatsbegräbnis mit einer Unzahl an Kränzen, Buketts und Blumen und einer Menge Menschen. Meine Schwester filmte in der Kirche und schoss unzählige Fotos von dem traurigen „Event“. Sie ging sogar soweit, dass sie den Sarg am dritten Tag öffnen ließ, damit sie meinen Papa fotografieren konnte. All diese Fotos wurden in ein Album eingeklebt. Den Inhalt dieses Fotoalbums wollte ich nie zu Gesicht bekommen. Es lag ganz, ganz lange auf dem roten Fernsehsessel, den mein Papa immer zu Lebzeiten belagerte, gemeinsam mit dem Poloshirt, das mein Papa bei seinem Tod anhatte. Jeder darf mit dem Tod eines geliebten Menschen so umgehen, wie er will, aber ich bin heute noch traurig und wütend über diese Übergriffigkeiten meinem verstorbenen Papa gegenüber, noch nach seinem Tod hinaus. Für mich einfach nur krank.
Ich habe meinen Papa so in Erinnerung behalten, wie er war, als er noch lebte: Ein wunderbarer Mensch, von dem ich, wie ich hoffe, nicht nur die körperliche Größe geerbt habe, sondern auch sonst viele seiner Eigenschaften, die ich sehr schätze.
Meine Mutter nahm nach seinem Tod einiges an Gewicht ab und ging nur mehr zur Arbeit, aber sonst nicht mehr unter Leute. Vor dem tragischen Verlust war sie sehr gesellig. Anrufe ihrer Freunde, doch mit ihnen etwas zu unternehmen, gingen ins Leere. Jedes Mal, wenn ich meine Mutter besuchte, hatte sie geweint. Natürlich gingen ihr mein Vater und ihr Ehemann, mit dem sie über 30 Jahre verheiratet war, unsagbar ab, in vielen Belangen. Nun war sie in ihren vier Wänden ganz allein, hatte niemanden mehr, mit dem sie reden konnte. Aber sie erzählte mir immer wieder von Träumen, die sie von meinem Vater hatte, zum Teil waren diese sehr mystisch. Und jeder dieser Träume hatte für meine Mutter eine tiefere Bedeutung. Es war für sie, die damals erst 52 Jahre alt war, als Papa starb, ganz klar, dass sie keinen neuen Partner mehr wollte. Dies hat sie auch bis heute so gehalten.
Aber sie wurde noch immer sehr gebraucht, denn meine Oma gab es ja auch noch. Diese war in einem Pflegeheim untergebracht, da sie Parkinson hatte. Lange wurde meine Oma zu Hause gepflegt, denn sie hatte ihr kleines Häuschen direkt neben meiner Mama. Aber als mein Vater dann krank wurde und sich nicht mehr so gut um meine Oma, seine Schwiegermutter, kümmern konnte, war es unumgänglich, dass sie ins Heim kam. Da meine Mutter noch berufstätig war, hatte sich mein Vater wirklich aufopferungsvoll um sie gekümmert, bis zu dem Zeitpunkt, wo er krankheitsbedingt nicht mehr konnte.
…
Als ich begonnen habe ein Buch zu schreiben, wollte ich eigentlich über mein Leben im Allgemeinen erzählen. Die Entstehung eines Buches habe ich mir als Prozess vorgestellt. Ein Prozess, bei dem allerdings so gar nichts klar und vorbestimmt ist. Zumindest war und ist es bei mir so. Es passiert im Kopf so unglaublich viel. Immer wieder drängen sich Ideen in den Vordergrund.
Manche werden sofort wieder verworfen, andere verweilen etwas länger und eine hatte sich so sehr in den Vordergrund gedrängt, dass sie mich meinen ursprünglichen Entwurf verwerfen ließ. Stattdessen begann ich zu schreiben, was Sie nun vor sich liegen haben: Ein Buch über die Vergänglichkeit des Lebens und einzelner sehr prägender Kapitel in meinem Leben.
Zu dieser Themenwahl hat sicherlich auch die Tatsache beigetragen, dass ich gerade eine Ausbildung zur Lebens-, Trauer- und Sterbebegleiterin mache.
Alles in unserem Leben wird durch uns selbst gesteuert. Unsere Gedanken, Entscheidungen und unsere positiven und negativen Glaubenssätze lassen ein von uns konstruiertes Leben entstehen. Keine Angst, es gibt kein Richtig oder Falsch bei unseren Entscheidungen. Allein diese Erkenntnis benötigt einiges an Mut. Aber das Leben macht keine Fehler. Vertrauen in sich selbst und dazu Menschen um dich, die dich nehmen, wie du bist – weil du gut so bist, wie du bist – und das Leben wäre ein Kinderspiel. Nun ist dem aber leider nicht so ganz. Immer wieder begegnen wir unseren sogenannten „Arschengeln“. Diesen Ausdruck leihe ich mir von Robert Betz, weil er perfekt ausdrückt, was ich empfinde. Arschengel sind Menschen, die unsere Knöpfe drücken. Es sind unsere negativen Glaubenssätze unserer Kindheit, z. B. „Du bist dumm!“ oder „Du bist nichts wert!“ Es sind die Taten, Aussagen oder einfach nur die Blicke, die uns triggern, also etwas in uns auslösen und Gefühle verstärken. Und schon sind sie wieder da, unsere Unsicherheit, unser „Selbsthinterfragen“ oder einfach nur unsere Traurigkeit oder unsere Ohnmacht, die uns erstarren lässt.
Jeder hat im Leben solche Arschengel! Und das ist gut so, denn erst durch sie können wir wachsen, lernen und uns entwickeln. Diese Menschen sind der Dünger für unsere Wurzeln, damit sie tiefer und tiefer in unser Seelenleben eindringen können, um uns in unseren Gefühlen zu uns selbst zu stärken. Wir leben, sprechen und handeln meist aus dem Kopf heraus. Leider! Unser Herz und unser Bauchgefühl kommt viel zu oft zu kurz.
Jeder sollte für sich der wichtigste Mensch sein, ohne dabei ein Egoist zu sein! Eigenliebe braucht es, um Empathie überhaupt entwickeln zu können. Empathie, die jeder benötigt, um unseren Arschengeln zu verzeihen, aber auch uns selbst. Im Grunde gehört jeder Fehler im Leben mit einem großen Fest gefeiert. Je größer er ist, umso größer die Party. Es gab Zeiten, da wäre ich aus dem Feiern gar nicht mehr herausgekommen. Denn nur durch unsere Fehler nähren wir uns selbst und lernen dazu. Darum nur Mut, lebt euer Leben, nicht das der anderen!
Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mache einen Plan
Ich beginne meine Geschichte an einem Punkt meines Lebens, an dem ich glaubte: Jawohl, geschafft, du bist angekommen! Wie gesagt, vermeintlich angekommen …
Ich war glücklich mit meinen beiden Söhnen Philipp und Timon und meinem Lebensgefährten. Die Lebensumstände haben unsere kleine Familie in eine kleine Gemeinde gebracht. Sehr ländlich und behütet, hier war die Welt noch in Ordnung – augenscheinlich. Alles lief, wie es alle von uns erwarteten und wie es „normal“ ist. Naja, wir waren noch nicht verheiratet. Das stieß manchen schon ein bisschen sauer auf. Aber sonst waren wir perfekt. Mein Partner und ich führten eine Traumbeziehung. Er war ein fürsorglicher Papa und ich eine brave und liebevolle Mama. Natürlich waren wir auch gegenseitig die Partner, die sich jeder von uns wünschte.
Philipp hatte gerade begonnen, den Kindergarten unsicher zu machen. Wohlgemerkt bereits mit gerade einmal drei Jahren. Damals war das sehr früh. Heute ist das ein ganz normaler Vorgang. Wir lebten in einer Tausendfünfhundertseelengemeinde und da gingen die Kinder maximal zwei Jahre in den Kindergarten, bevor der sogenannte „Ernst des Lebens“ begann. Auch so ein Ausdruck, den ich gar nicht mag. Liebe Eltern, nehmt euren Kindern doch nicht schon von Anfang an die Freude an unserem Bildungssystem. Lasst sie doch um Himmels willen ihre eigenen Erfahrungen machen und daraus lernen, was wirklich wichtig ist im Leben! Denn diese Erfahrungen kommen unweigerlich! Ich treffe hier ganz bewusst keine Unterscheidung zwischen guten und schlechten Erfahrungen, denn auf beiden kann man ganz wunderbar aufbauen.
Auch wenn es mit der weiteren Geschichte nichts zu tun hat, so musste das einmal gesagt werden.
Mein älterer Sohn war nun also im Kindergarten mit drei Jahren und mein jüngerer, Timon, gerade einmal ein halbes Jahr alt, daheim bei Mama, also mir. Meine Mutterrolle erfüllte mich zwar, aber irgendwie kam ich dabei ein wenig zu kurz. „Nur“ Haushalt, Kinder und Noch-nicht-ganz-Ehemann! Mein Ego wollte mehr – eine Herausforderung! Zwar war ich für die organisatorische Leitung der Mutter-Kind-Gruppe verantwortlich und war die Vorsitzende des Kindergartenbeirates, aber das war mir eben zu wenig. Den Kindergartenbeirat, den ich ins Leben gerufen habe, gab es übrigens auch erst, seitdem mein Sohn diesen Kindergarten besuchte. Für mich war klar, dass das eine gute Sache war. Zuerst waren die Kindergartenpädagoginnen da anderer Meinung. Aber bald verwandelte sich diese anfängliche Skepsis in ein begeistertes Miteinander. Skikurse, Schwimmkurse und auch Englischkurse wurden von mir organisiert und von den Eltern, aber besonders den Kindern, begeistert angenommen.
Was also macht eine quasi vollbeschäftigte Mutter? (Ich sagte immer gerne: „Ich bin eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern“, weil ihr Vater zwar ein sehr fleißiger Partner, aber sehr wenig zu Hause war.) Klar, sie geht in die Politik! Wie ich schon erwähnt habe, war die Gemeinde, in die es mich und meine Lieben verschlagen hatte, eine Tausendfünfhundertseelengemeinde, daher reden wir hier von Kommunalpolitik.
Mein leider schon verstorbener Vater sagte zu mir als Kind immer: „Entweder hast du einmal einen Granini-Stand“, weil er sich mich perfekt als Verkäuferin bzw. Marktschreierin vorstellen konnte, „oder du gehst in die Politik!“ Recht sollte er also bekommen. Ich wurde Fraktionsvorsitzende. Die Partei tut, so finde ich, in der Kommunalpolitik nichts zur Sache. Hier geht es rein um die Inhalte und das, was man,, bewegen kann. Natürlich hatte ich davor einen Lehrgang besucht. Dieser wurde speziell für Frauen mit dem Titel „Salzburg braucht Bürgermeisterinnen“ angeboten. So ist das. Wir Frauen müssen immer alles zuerst lernen, bevor wir uns etwas zutrauen. Männer würden dieses Amt einfach bekleiden, ohne auch nur eine Minute darüber nachzudenken, ob sie das können oder nicht. Denn natürlich können sie das. „Klischee“, werden da jetzt manche aufheulen. Natürlich! Leider ein selbstgestricktes Klischee. Wir Frauen dürfen uns ruhig mehr zutrauen. Das habe ich auch lange so gesehen und gelebt. Heute habe ich gerne die größeren „Eier“.
Von meiner Familie, das sind meine Mutter und meine Schwester, kam zu dieser Entscheidung leider wenig Unterstützung. Sie hätten mich lieber in einem Strickkurs gesehen. Mein Vater wäre da ganz anderer Ansicht gewesen.
Mein Papa war ein ganz besonderer Mann. Rechtschaffen, grundlegend ehrlich und gütig. Für ihn stand die Familie immer im Vordergrund. Da er um 17 Jahre älter war als meine Mutter, hatte er auch noch ganz andere Prinzipien in den Geschlechterrollen Auch wenn er das Familienoberhaupt war, das seine Familie versorgte, so hatte dennoch meine Mutter das Sagen. Mein Vater war von Beruf Sachbearbeiter in einer Versicherung. Er hatte in derselben Firma seine Lehre gemacht, in der er dann auch in Pension ging. Krankenstandstage hatte mein Vater in all den Jahren keinen einzigen! Die Karriereleiter hatte er nie wirklich erklommen, denn sein Naturell war zwar sehr loyal, aber Chefqualitäten hatte er keine. Zu Hause war mein Vater für alles zuständig, was den Garten, den Fuhrpark (er liebte alte Autos), die Haustechnik und sämtliche Reparaturen anbelangte. Meine Mutter führte den Haushalt, kochte und war auch für die Kindererziehung zuständig. Zu arbeiten hatte meine Mutter erst wieder begonnen, als ich 15 Jahre alt war. Ich war sehr gerne mit meinem Vater im Garten und habe ihm auch oft beim „Servicieren“ (wie er es nannte) seiner alten Autos geholfen. Dazu zählten zwei NSU-Prinz und ein alter Fiat. An den Benzingeruch der Autos erinnere ich mich noch heute sehr gerne. Natürlich haben mein Vater und ich auch mal gestritten, manchmal sogar, wenn wir einer Meinung waren. Aber nachtragend oder gar beleidigt war er danach nie. Er hatte nicht viele Freunde aber er hatte uns, seine kleine Familie und das reichte ihm absolut aus.
Als ich 27 Jahre alt war, erkrankte mein Papa schwer. Blasenhalskarzinom. Das war für die ganze Familie ein Schock. Diese Diagnose erhielt er, nachdem er endlich den Urologen gewechselt hatte, der über Jahre eine Blasenentzündung behandelt hatte. Leider kam diese Diagnose zu spät, die Erkrankung war schon zu weit fortgeschritten und es gab nur noch die Möglichkeit einer einjährigen Lebensverlängerung durch eine Resektion (operative Entfernung) der Blase. Dieser schweren OP hatte sich mein Vater auch unterzogen, um eben dieses eine Jahr länger bei uns bleiben zu können. Aber dieser Eingriff hatte nicht nur Vorteile, nein, er brachte auch viele Nachteile mit sich: Er bekam einen Seitenausgang, musste die Zeit nach der OP auf der Intensivstation verbringen, hatte starke Schmerzen und natürlich verlängerte sich mit all dem sein Leidensweg. Die Prognose stimmte leider, er bekam nur noch dieses eine Jahr. Er nutzte es, um noch alles in seinem Leben zu ordnen und meiner Mutter alles zu erklären, was bisher in sein Ressort gefallen war Diese musste alles brav in einem kleinen Heftchen mitschreiben, damit sie nichts vergaß. Eines Tages würde sie ihn ja nicht mehr fragen können – und das war meinem Papa sehr bewusst.
Seine letzten Wochen verbrachte er im Krankenhaus. Dies war sein Wunsch, weil er große Angst vor dem Tod hatte. Seine schlimmste Vorstellung war es, zu ersticken. Er erhoffte sich im Krankenhaus die beste medizinische Versorgung für einen friedlichen Tod. Ich war zum damaligen Zeitpunkt mit meinem Sohn Philipp schwanger und im vorzeitigen Mutterschutz – zum Glück, denn dadurch konnte ich jeden Tag bei meinem Papa im Krankenhaus sein. Oft saß ich einfach nur da und las, weil mein Papa viel schlief. Aber wenn er wach war, dann hatten wir wunderbare Gespräche. Es klingt vielleicht sonderbar, aber die letzte Zeit mit meinem Papa habe ich wirklich sehr genossen. Seit ich mich erinnern kann hatte er immer diese „unruhigen Haxen“, wie er sie nannte („Restless Legs“ ist der Fachausdruck). Seit Beginn meiner Schwangerschaft hatte ich das auch. Weinlaubsalbe half bei mir, also massierte ich auch ihm jeden Tag die Beine damit, bis zu dem einen Tag im Mai.
Es war wunderschönes Wetter und die Sonne schien auf meinen Vater. Draußen blühte der weiße Flieder. Es war die Lieblingsjahreszeit meines Vaters. Der Gedanke, dass er diese wahrhaft zum letzten Mal erlebte, zerriss mir fast das Herz. Aber ich war vorbereitet auf das, was unausweichlich war: Mein Vater würde sterben. Ich sehnte es direkt herbei, weil dieses Leid ein Ende nehmen musste. Einmal bin ich auch auf den Friedhof zu den Eltern von meinem Papa gefahren und habe geschimpft mit ihnen, dass sie ihren Sohn doch bitte endlich zu ihnen holen sollten. Mein Papa wusste schon längst, dass es nicht mehr lange dauern würde und er war bereit, soweit man das sagen kann. Er hatte alle Stationen des Sterbens durchlebt: Trauer, Wut, Ohnmacht, Kampf gegen den Krebs und nun hatte er den bevorstehenden Tod angenommen. Ich wollte meinem Papa den Abschied nicht unnötig schwer machen, weswegen ich ihm gesagt habe, dass es okay wäre, wenn er stürbe. Wir würden weiterhin gut zurechtkommen und er solle sich bitte keine Sorgen machen. Meine Schwester tat sich wiederum enorm schwer, loszulassen. Immer wieder flehte sie die Ärzte an, sie sollten doch etwas tun, es konnte doch nicht sein, dass man unseren Papa einfach sterben ließe. Meine Mutter kam jeden Tag in ihrer Mittagspause und am Abend vorbei. Sie brachte auch meist etwas zum Essen mit, das mein Papa in der Vergangenheit immer gerne gegessen hatte. Aber er wollte nichts mehr essen. Für meine Mutter, die es sicherlich nur gut gemeint hatte, nicht verständlich, denn er musste doch etwas essen. Das Einzige, das mein Papa am Schluss zu sich genommen hatte, war ein Zitronensaft, den ich ihm, wenn er munter war, schlückchenweise gab.
An diesem Tag, eben im Mai, kam ich wieder einmal mit meinem Buch im Krankenhaus an. Mein Papa schlief, wie nun fast immer. Ich setzte mich auf meinen Stuhl und begann zu lesen. Irgendwann wurde mein Papa wach. Ich fragte ihn, ob er die Sonne spürte, die auf seine Beine schien – er verneinte es. Auch konnte er meine tägliche Beinmassage nicht mehr spüren. Die Schwestern hatten mir schon lange vorher eine Broschüre gegeben, in der beschrieben war, wie denn nun das Sterben ungefähr vor sich ging. Und da stand unter anderem, dass der Körper partiell stirbt. Nun erlebte ich den Vorgang selbst mit. Der Inhalt des Urinbeutels vom Katheter meines Vaters war mit schwarzer, blutiger Flüssigkeit gefüllt. Es war, als würde sich mein Vater innerlich zersetzen. Ein Gespräch war kaum mehr möglich, aber das brauchte es auch nicht sein. Ich wusste, was mir die Augen meines Papas sagen wollten – bald war es geschafft. Nach kurzer Zeit schlief mein Papa wieder ein. Zu Mittag kamen auch meine Schwester und meine Mutter vorbei. Mein Papa hatte inzwischen eine Sauerstoffbrille in der Nase, so wie er es wollte. Um 15 Uhr am Nachmittag wollten die Ärzte meinem Papa eine neue Infusion setzen, was misslang. Das Blut spritzte gerade nur so aus seinen Venen. Ich weiß nicht warum, ob es mit meiner Schwangerschaft zusammenhing oder nicht, aber mir wurde übel bei dem Anblick. Also entschied ich, für eine Stunde spazieren zu gehen. Ich sagte dies meinem dahindämmernden Papa, dass ich in exakt einer Stunde wieder bei ihm sein werde.
Wirklich eine Stunde später betrat ich das Krankenhaus wieder. Als ich aus dem Lift ausstieg, winkte mich schon eine Krankenschwester ins Zimmer meines Vaters. Drinnen angekommen, spürte man schon die tiefe Traurigkeit und den nahenden Tod. Ich setzte mich ans Bett meines Vaters und meine Mutter meinte: „Nun ist auch deine kleine Tochter wieder da.“ Und mein Papa machte tatsächlich noch einmal die Augen auf und wünschte mir mit schwacher Stimme alles Gute. Dann gingen seine Augen wieder zu. Meine Mutter betete ununterbrochen das Ave Maria. Mein Papa war zwar kein Freund der Kirche und an Gott glaubte er auch nicht wirklich, aber meiner Mama tat es gut. Dann sagte mein Papa doch noch etwas – seine letzten Worte! Und diese waren für uns und auch für all jene, denen ich diese erzählt habe, sehr schön, beruhigend und hoffnungsvoll: „Mei, es ist so schön …!“ Der Puls wurde immer unregelmäßiger, setzte, genau so wie seine Atmung, manchmal für kurze Zeit ganz aus. Die Atemzüge wurden von einem Rasseln begleitet. Dies ging etwa eine Stunde so. Ich saß nur da und hielt die Hand meines Papas. Plötzlich verzog er sein Gesicht, als wenn er in eine Zitrone gebissen hätte. Das erschreckte mich, aber ich blieb dennoch ganz ruhig. Am Ende war nur mehr das Ave Maria meiner Mama zu vernehmen, als mein Vater drei Mal tief ausatmete. Und dann war es plötzlich ruhig. Meine Mutter hörte auf zu beten, mein Papa war gestorben.
Die Krankenschwester kam und bat uns hinaus, damit sie meinen Papa „schön“ für uns herrichten konnte. Das bedeutete, die Kinnlade wurde hinaufgebunden, die Augen geschlossen und die Hände wurden wie zum Gebet gefaltet und mit einer roten Rose verziert. Auf seinem Nachttisch wurde eine Kerze entzündet. Nachdem all dies erledigt war, durften wir wieder hinein zu ihm, um Abschied nehmen zu können. Inzwischen waren auch der Freund meiner Schwester und mein Freund eingetroffen. Anfangs saßen wir alle einfach nur da, bestürzt, unendlich traurig und doch war ich irgendwie auch erleichtert für meinen Papa. Dann aber zückte meine Schwester ihren Fotoapparat und schoss unzählige Bilder von meinem toten Papa. Ich musste gehen.
Tags darauf begannen die Vorbereitungen für die Verabschiedung meines Papas. Er wollte verbrannt werden. Bei meinen vielen Besuchen haben wir auch über seine Vorstellungen gesprochen, wie er sich denn seine Verabschiedung vorstellen würde. Dies war für ihn ganz klar. Er wollte eine Verabschiedung im kleinsten Familienkreis mit vielleicht ein paar Freunden. Keine Kränze, das Geld sollte lieber für einen guten Zweck gespendet werden. Bescheiden und gütig, mein lieber Papa, bis zuletzt. Wünsche, die ganz leicht zu erfüllen gewesen wären. Leider kam alles ganz anders. Zu der Verabschiedung wurden per Partezettel unzählige Freunde und Bekannte, auch Leute, die mein Papa zuvor noch nie gesehen hatte, eingeladen. Auf meinen Widerspruch, dass das nicht der Wunsch von Papa war, wurde nicht eingegangen. Wie sähe denn das aus, wenn niemand käme …? Auch auf den Wunsch, auf Blumenspenden zu verzichten, wurde nicht eingegangen. Ohne Blumen wäre es doch eine sehr traurige Verabschiedung …! Natürlich würde es traurig werden. Auf den Punkt gebracht, die Verabschiedung meines Vaters wurde ein richtiges Staatsbegräbnis mit einer Unzahl an Kränzen, Buketts und Blumen und einer Menge Menschen. Meine Schwester filmte in der Kirche und schoss unzählige Fotos von dem traurigen „Event“. Sie ging sogar soweit, dass sie den Sarg am dritten Tag öffnen ließ, damit sie meinen Papa fotografieren konnte. All diese Fotos wurden in ein Album eingeklebt. Den Inhalt dieses Fotoalbums wollte ich nie zu Gesicht bekommen. Es lag ganz, ganz lange auf dem roten Fernsehsessel, den mein Papa immer zu Lebzeiten belagerte, gemeinsam mit dem Poloshirt, das mein Papa bei seinem Tod anhatte. Jeder darf mit dem Tod eines geliebten Menschen so umgehen, wie er will, aber ich bin heute noch traurig und wütend über diese Übergriffigkeiten meinem verstorbenen Papa gegenüber, noch nach seinem Tod hinaus. Für mich einfach nur krank.
Ich habe meinen Papa so in Erinnerung behalten, wie er war, als er noch lebte: Ein wunderbarer Mensch, von dem ich, wie ich hoffe, nicht nur die körperliche Größe geerbt habe, sondern auch sonst viele seiner Eigenschaften, die ich sehr schätze.
Meine Mutter nahm nach seinem Tod einiges an Gewicht ab und ging nur mehr zur Arbeit, aber sonst nicht mehr unter Leute. Vor dem tragischen Verlust war sie sehr gesellig. Anrufe ihrer Freunde, doch mit ihnen etwas zu unternehmen, gingen ins Leere. Jedes Mal, wenn ich meine Mutter besuchte, hatte sie geweint. Natürlich gingen ihr mein Vater und ihr Ehemann, mit dem sie über 30 Jahre verheiratet war, unsagbar ab, in vielen Belangen. Nun war sie in ihren vier Wänden ganz allein, hatte niemanden mehr, mit dem sie reden konnte. Aber sie erzählte mir immer wieder von Träumen, die sie von meinem Vater hatte, zum Teil waren diese sehr mystisch. Und jeder dieser Träume hatte für meine Mutter eine tiefere Bedeutung. Es war für sie, die damals erst 52 Jahre alt war, als Papa starb, ganz klar, dass sie keinen neuen Partner mehr wollte. Dies hat sie auch bis heute so gehalten.
Aber sie wurde noch immer sehr gebraucht, denn meine Oma gab es ja auch noch. Diese war in einem Pflegeheim untergebracht, da sie Parkinson hatte. Lange wurde meine Oma zu Hause gepflegt, denn sie hatte ihr kleines Häuschen direkt neben meiner Mama. Aber als mein Vater dann krank wurde und sich nicht mehr so gut um meine Oma, seine Schwiegermutter, kümmern konnte, war es unumgänglich, dass sie ins Heim kam. Da meine Mutter noch berufstätig war, hatte sich mein Vater wirklich aufopferungsvoll um sie gekümmert, bis zu dem Zeitpunkt, wo er krankheitsbedingt nicht mehr konnte.
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