Claire hat Gäste
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-99130-835-5
Erscheinungsdatum: 16.04.2025
Auf ihrem Anwesen in Burgund versammelt die literarisch ambitionierte Claire ihren jährlichen Schreibzirkel um sich. Schriftstellerische Ziele und Beziehungen zueinander geraten aus der Balance, als die Gäste sich einige Tage alleine überlassen sind.
PROLOG
Im Paradies
„Hier könnte man Bücher schreiben“, rufen viele Besucher aus, die zum ersten Mal Claires Anwesen betreten. Fast immer sind es die weiblichen unter den Gästen, die so ihr helles Entzücken bekunden. Nicht, dass eine von ihnen bis dahin ernsthaft vorgehabt hätte, jemals ein Buch zu schreiben (und dass es nach dieser einen, spontanen Aufwallung auch weiter so blieb, war in den meisten Fällen sicher auch gut so), oder gar, dass sie wüssten, worüber, wie man es anfängt und warum überhaupt. Auch könnten die wenigsten, fragte sie jemand danach, näher erklären, woran es liege, worauf es ankomme, dass ein Ort zum Schreiben beschaffen sei. Ihr Gefühl immerhin trügt sie nicht. Die Empfindsameren unter ihnen ahnen vielleicht etwas von der Versenkung und Ruhe, in der einst zwei Handvoll Mönche diese Prieuré als Gut des berühmten, nahegelegenen Klosters betrieben; auch wer nur betete, musste schließlich ab und zu essen und trinken. Die anderen sind beeindruckt von der Weitläufigkeit, von den Winkeln im Park, in denen sich ganze Nachmittage unentdeckt zubringen lassen, und von der übermannshohen Trutzmauer aus behauenem Stein, die das Anwesen gegen jeden Angriff schützend zu umarmen scheint, wenn auch die einst scharfen Zacken ihrer Krone längst bröckeln. Hat doch gerade dieses Zeichen der Vergänglichkeit etwas „unheimlich Romantisches“.
Die letzte Etappe sind die Ankömmlinge durch die burgundischen Weinberge gefahren, und die Kenner unter ihnen haben andächtig die Namen der berühmten Lagen geflüstert, die sie von den Schildern entlang der Strecke ablesen. Ein paar Kilometer noch, dann haben sie den Dorfplatz erreicht, um den sich, Schulter an Schulter wie eine Herde zur Futterzeit, ein gutes Dutzend Häuser schart: die Pharmacie mit den geschnitzten Regalen, das Haus des Zahnarztes, der vor zehn Jahren schon aufgegeben hat, der Laden für Lebensmittel, Zeitschriften und Kleinkram, der seit Neuestem auch Mobiltelefone und die Verträge dazu verkauft, und schließlich das Bistrot „Chez Marie“, vor dem unter einer grün-weiß gestreiften Markise drei Tische für die Stammgäste stehen, die hier ihre Vormittage verbringen. Nach kurzem Blick auf die Wegbeschreibung, die die Gastgeberin vorsorglich zugesandt hat (manche Navigationssysteme erfassen das Dorf immer noch nicht), biegen sie, gleich links, in die Zufahrt zwischen der hohen Umfriedungsmauer und einem länglichen Haus mit einem Sockel aus grob behauenem Feldstein. Und schon geraten die neu Angekommenen auch ins Schwärmen: „So einladend und freundlich“, begeistern sich die einen an dem blassrosa getünchten Haupthaus, aus dem gleich die Hausherrin treten wird. „Diese Proportionen! Wie wohltuend – Goldener Schnitt!“, beweisen andere ihr Kennertum. Fünf sandsteingefasste Fenster mit Läden im Rot der hiesigen Weine verteilen sich in gleichmäßiger Reihe über die Front. Darunter, exakt in der Mitte, das hohe Portal mit den beiden eisenbeschlagenen Flügeln (geöffnet wird, außer zu hohen Festen, nur noch eines), zu dem zwei flache, ausgetretene Steinstufen führen. Rechts und links davon, niedriger und bescheidener, zwei Zugänge, die auf Wunsch der Hausherrin – der besseren Helligkeit im Entrée wegen – heute verglast sind; früher mögen sie zu einem Wirtschaftsraum und zum Stall für die Ziegen geführt haben.
Manchen mag es erstaunen: Die hohen, schmiedeeisernen Torflügel der Zufahrt stehen Tag und Nacht offen. Aber so hat es die Hausherrin gleich zu Beginn verfügt und über Bürgermeister und Ortspfarrer im Dorf verbreiten lassen. Die Leute sollen nicht denken, auf eigenem Boden seien sie ausgeschlossen; von Fremden zumal. An jedem letzten Sonntag im Juli wird daher auch die Zufahrt mit französischen Kokarden und schwarz-rot-goldenen Fähnchen geschmückt und es gibt einen Empfang – mit dem Segen des Himmlischen Herrn durch seinen Statthalter im Dorf und gewundenen Toasts des Bürgermeisters auf ein blühendes Europa. Die Dame des Hauses reicht dazu große Mengen eigenhändig belegter Canapés und Wein aus Karaffen, und die Dorfbewohner erscheinen, Jahr für Jahr, ebenso zahlreich wie neugierig im Sonntagsstaat.
Geharkter Kies knirscht unter den Reifen. Man umrundet ein Rondell mit prachtvollen englischen Rosen. Von dessen Rand her schauen dem Besucher zwei in Stein gemeißelte Herren entgegen; wohlwollend neugierig der eine, eher skeptisch und hochmütig der andere. „Kant und Voltaire“, wird der Hausherr, so denn auch er einmal anwesend ist, denen, die danach fragen, erklären und lachen: Wer die beiden eingeladen habe, wisse er bis heute nicht; aber wenigstens wachten sie über den Geist des Hauses so streng, wie er über seinen Weinkeller.
Man parkt etwas seitlich am Rande, steigt aus und erahnt jetzt auch den weitläufigen Park, in dem ein Schwanenpaar lautlos wie ferngesteuertes Spielzeug über einen Seerosenteich gleitet. (Die Hausfrau hatte sich die anmutige Leda und ihren Zeus, der sein Gefieder gerne so protzig aufplustert, zum fünfzigsten Geburtstag gewünscht. Seitdem umhegt sie das Paar mit einer Hingabe, über die ihre Juristinnen-Tochter hinter vorgehaltener Hand als „romantisch-klimakterielles Syndrom“ spottet.) Vom Dorfplatz kommend war der Blick in den Park noch durch das langgestreckte Haus mit dem Feldsteinsockel verstellt, in dessen Mauern einst das Korn für das Kloster gemahlen wurde; die Mühlsteine lehnen noch, malerisch aufgereiht, neben dem Eingang. Heute ist es das Gästehaus – drei hübsch eingerichtete, geräumige Zimmer mit eigenem Bad, Kaffeemaschine, Kühlschrank und Blick in den Park. Man ist noch völlig gefangen vom Zauber des Ortes, wenn hinter der Haustür der Riegel zurückgeschoben wird, das Portal sich öffnet und die Hausherrin zum Willkommen hinaus auf die Stufen tritt. Claire.
Große Träume
Als sie klein war, wollte Claire Prinzessin werden. Sie sah sich in weißen Kleidchen mit wippenden Röckchen, mit Schleifen im Haar und silbernen Schühchen, auf Händen getragen und von allen für ihre Gaben bewundert; klug, liebreizend und die Schönste im Land. Das unterschied sie nicht von vielen anderen kleinen Mädchen. Was sie aber unterschied, war, dass sie recht schnell verstand, dass Prinzessinnen nicht in Städten wie Lüdenscheid oder Bad Münstereifel geboren wurden. Väter von Prinzessinnen arbeiteten auch nicht als Abteilungsleiter Haushaltskleingeräte in einem Provinzkaufhaus, in dem die Senior-Chefin am Abend persönlich die Kasse machte. Und Prinzessinnen-Mütter wussten Fremdwörter zu verwenden und ließen an der Ladentür nicht Damen den Vortritt, die sie ihres bestimmteren Auftretens wegen für vornehm hielten. Immerhin hatte das auch dazu geführt – und das dankt sie ihr heute noch –, dass ihre Mutter auf einem vornehm klingenden Namen bestand; Claire, so hieß sonst niemand in der Verwandtschaft. Mit zwölf oder dreizehn sah sie – hin- und hergerissen zwischen glühender Bewunderung und zum ersten Mal der ernüchternden Erkenntnis, wie ungerecht diese Welt doch sei – die scheu lächelnde Lady Diana, wie sie, in Seide und Spitze gehüllt, zum Altar schritt; vor aller Welt Augen und von derselben bejubelt. Da begriff sie, dass man, fing man es nur richtig an, zur Prinzessin auch werden konnte; man brauchte nur den passenden Prinzen zu finden.
Gero, Student des Bauwesens, dem sie zehn Jahre später, kurz vor seinem Abschluss, über die Freundin einer Freundin begegnen sollte, war zwar kein echter Prinz. Aber er fuhr damals schon einen gebrauchten Porsche; selbst finanziert und repariert, schließlich mit Gewinn verkauft und gegen ein schickes, neueres, teureres Modell eingetauscht. Er hatte eine Nase für solche Geschäfte und dieses wiederum Claire im Gefühl. Jahre erfolgreichen Bauens und vor allem Verkaufens und seine guten, von Claire mit Charme und Schick gepflegten Kontakte zu der Hand, die man die öffentliche nennt (die aber nicht immer öffentlich, das heißt, für alle durchschaubar ist und gibt), sollten ihm bald schon den Titel des „Freibäder-Königs“ eintragen. Immerhin. Außerdem sah er weit besser aus als Dianas Prinz Charles.
Die Wartezeit bis zur Begegnung mit ihrem Prinzen hatte Claire damit ausgefüllt, sich als Mittelpunkt eines „Salons“ zu träumen. Rahel Varnhagen und Henriette Herz in Berlin, Bertha Zuckerkandl in Wien, die arme Dorothea Schlegel und natürlich die Mesdames de Staël und Récamier – ihre Biografien hatte sie schon mit fünfzehn verschlungen; sie hatten sie in dieselben rauschhaft verklärten Zustände versetzt, wie ihre Freundinnen die Liebesgeschichten in der „Bravo“. Namhafte Künstler und Geistesgrößen, sie sah es schon vor sich, würden sich in ihrem Haus die Türklinke in die Hand und ihr die Ehre geben. Das Studium der Philosophie allerdings wurde ihr von den Eltern nach dem Abitur – Leistungskurse Deutsch, Geschichte und Politik – abgeschlagen; betrachtet aus deren Welt galt nur Lehramt als etwas Reelles, Rechtschaffenes für ein Mädchen, über das die Leute nicht reden sollten. In Claires Augen war die Welt ihrer Eltern nur wenig größer als deren Gemüsegarten hinter dem Haus; auch dort versuchten die beiden, ihre zarten Pflänzchen mit lächerlichen Zäunchen einzuhegen; böse Schädlinge sollten sich auf keinen Fall gegen alle elterlichen Mühen noch vor der Ernte daran gütlich tun. Auf Germanistik konnte man sich am Ende verständigen.
Claire war bereits schwanger, als sie die letzten Prüfungen bestand. Danach war sie verheiratet. Und dann jahrelang wütend. Nicht, dass sie ausdrücklich ihren Eltern oder Gero eine Schuld zuschob. Er war eine gute Partie, ihre Eltern waren mehr als zufrieden mit ihm und damit mit ihr. Gero gefiel ihr ja auch; im Grunde bis heute, zupackend, wie er in jeder Hinsicht war, auch im Schlafzimmer; soweit es noch dazu kam. Es lag an einem Gefühl, etwas zu versäumen, etwas Größeres, das über sie hinausreichte, ohne genau zu wissen, was es sein könnte. Nicht, dass sie laut rebelliert und Teller zerschlagen hätte: Ihre Wut glich eher einer anhaltend nervösen Gereiztheit, vergleichbar der, bevor sie ihre Tage bekam; ohne genau zu benennenden Grund entzündete sie sich an einem Nichts und erlosch ebenso schnell; vor allem, wenn man sie mit einem leichten Mittel wie einem Wochenende in einem schönen Hotel oder einer Opernpremiere betäubte oder – noch besser, höher dosiert – mit beidem zusammen.
Eine Zeit lang hatte sie noch Zuflucht und Perspektive in geistigen Duellen mit Papier und Feder nach dem Vorbild ihrer Idole in der Philosophie gesucht und bedeutungsschwere Briefwechsel begonnen; nur, leider, hatten ihr die Adressaten zu banal für ihre Erwartung und nach und nach gar nicht mehr geantwortet. Dem Gegenüber fehle es eben am Esprit eines Voltaire, war die einzige Erklärung, die Claire in Betracht zog, und sie war der Sache müde geworden.
Anstatt ihrer Wut auf den Grund zu gehen, sie zur Entladung zu bringen und mit der Energie, die das freisetzte, etwas Neues zu beginnen, ließ sie sie sang- und klanglos in kindisch kleinlichen Scharmützeln mit Gero verpuffen. Ihre Bestätigung bezog sie für die nächsten Jahre aus der Begleitung ihrer einzigen Tochter zu einem Spitzenabitur und anschließendem Studium der Rechtswissenschaften an den besten Universitäten und Abschluss in Harvard. Inzwischen geht Sophie ihrer eigenen Wege. Derzeit ist sie für die UN in Beirut. Davor war sie irgendwo in Zentralafrika. Gero versteht sie, ihr Wagemut gefällt ihm; Claire nicht. Zuletzt gesehen haben sie sich vorletzte Weihnachten. Sophie kommt nur noch selten nach Hause.
Als Gero vor gut zehn Jahren einem Geschäftsfreund den historischen Klosterhof zur Abwendung einer Insolvenz ab- und damit für sich den Freibrief für ausgedehnte Motorradtouren erkaufte, hatte sich Claire ihrer alten Sehnsucht erinnert. Jetzt, in ihren Fünfzigern, wird sie endlich schaffen, wovon sie immer geträumt hat, schwor sie sich. Sie wird der Mittelpunkt eines Kreises sein, der noch von sich reden macht. Sie wird ein Buch schreiben; und es wird ein Bestseller werden.
Die Konsequenz und Gründlichkeit, mit der sie ihr Ziel verfolgte, trug ihr selbst Geros aufrichtigen Respekt ein. Mit präzisen Vorstellungen war sie auf Kandidatensuche gegangen. Monatelang besuchte sie Literaturzirkel, Lesungen und Workshops, machte sich Geros Namen zunutze, verschaffte sich Einladungen und vertrat ihren Gatten bei Einweihungen, Jubiläen und Preisverleihungen mit hochkarätigen Gästen. Sie knüpfte Kontakte, beobachtete, bewertete, verwarf und trennte, nach und nach, durch das engmaschige Sieb ihrer strengen Kriterien, die Spreu vom Weizen. Schließlich war eine Handvoll ihr ebenso kultiviert wie ambitioniert erscheinender Adepten übriggeblieben, die sich in ihr Konzept fügen würden. In jedem von ihnen sah sie eine Bedeutung, die ihre eigene steigern würde.
Ihre Auserwählten reagierten zunächst überrascht, ob denn wirklich sie gemeint seien, sie kannten einander doch kaum. Jeder auf seine Weise hatten sie anfangs gezögert: Vier einander bis dahin Fremde, zu Gast unter demselben Dach (zugegebenermaßen einem traumhaft schönen, soweit auf Bildern zu sehen war) und ihr Obolus, zu entrichten in der Münze des gemeinsamen Schreibens nach einem straffen Plan, war das nicht ein gewagtes Unterfangen? Aber Claire kann man nur schwer etwas abschlagen. Ebenso wie ihren Charme weiß sie ihre Erscheinung zu nutzen: feenhaft blond und hellhäutig, weil sie die Sonne meidet, groß, aber nicht alle überragend und von der wohlgerundeten Schlankheit einer Madonna der Alten Meister, eine Figur, die sie sich niemals durch schweißtreibenden Sport ruinieren würde. So sorgfältig gepflegte Makellosigkeit weckt in Männern ein Gefühl bedingungsloser Anbetung und bei Frauen heimliche Furcht; manchmal auch umgekehrt. Stets liebenswürdig, wenn auch in ihrem Bemühen um eine aristokratische Attitüde ein wenig zu angestrengt und aus der Zeit gefallen, hat sie sich etwas Ätherisches zu eigen gemacht; in Gesellschaft bewegt sie sich, als berührte sie mit den Füßen nie ganz den Boden. Widerspruch duldet sie angesichts dieser Perfektion nur sehr selten und auch dann nicht von jedem. Und immerhin: war ihr Konzept nicht durchdacht und ihr Angebot mehr als verlockend?
DAS EREIGNIS DES JAHRES
Claires Gäste
Nun schon seit einigen Jahren, immer in den ersten Septembertagen, wenn das Licht milder, die Temperaturen angenehm und die Schatten wieder länger werden, treffen sich Claire und ihre Erwählten; hier, in der ländlichen Abgeschiedenheit des Burgund, wollen sie ihren Hang zu Literarischem teilen. Vor diesen Tagen flattert Claire durch das Haus, als erwarte sie einen heimlichen Liebhaber. Sie freut sich auf diese besondere Stimmung, in der sie als Gastgeberin aufblüht, rosige Wangen und glänzende Augen bekommt. Die Atmosphäre scheint sich dann im Haus aufzuladen. Es ist die Zeit vor der großen Buchmesse; die Longlist ist schon bekannt und sie werfen einander, wie Bälle, die Namen von Autoren, Verlagen und Buchtiteln zu, zitieren Kritiken und wann, wo und wie eine Neuerscheinung in den Himmel gehoben oder verrissen wurde. Claire ist als Fängerin ebenso gut wie im Abgeben, eine geschickte Spielmacherin. Dazwischen stößt sie Diskussionen über die großen Fragen der Zeit an und erntet Lob als großartige Gastgeberin. Entziehen kann sich dem keiner, will es auch nicht; sie hat sich die vier mit gutem Grund ausgesucht. Sie wissen den Wert einer Woche völliger Weltabgeschiedenheit zu schätzen und teilen ihre Ambitionen – wenngleich nicht mit derselben Absolutheit und Strenge; schreiben ist nicht alles in ihrem Leben. Aber sie tun alles, um Claire gute Mitspieler zu sein, lassen sich anstecken, und sie genießt das, als bade sie in Champagner. Dieses Jahr allerdings hat sie sich vorgenommen, muss es endlich einen entscheidenden Schritt vorangehen; Claire will heraus aus der gemütlich gewordenen Routine ihrer Treffen. Die Begeisterung ihrer Mitstreiter hat mit den Jahren an Farbe verloren wie eine zu oft gewaschene Bluse; zunehmend ferienselig geht diese Handvoll doch durchaus Begabter ihrer Liebhaberei nach – und das unbemerkt von der literarischen Welt. Nein, dem gibt sie nicht nach! Außer ihrem eigenen Manuskript muss wenigstens ein weiteres so weit gedeihen, dass es zum Abschluss kommt. Ein Textdokument mit Entwürfen für die Widmungen, nicht ohne gebührenden Dank an die Initiatorin, ohne deren Ägide und so weiter und so weiter und so weiter, hat sie bereits in der Schublade liegen. Claire überlässt nichts gerne dem Zufall.
Harold ist schon vor einigen Tagen angereist. Er hatte sich für eine Fachsitzung zum Thema „Deutsche Romantik aus französischer Sicht“ in Dijon gemeldet und sich am Rückweg von einem Kollegen absetzen lassen, auch wenn es für den einen Umweg bedeutete. Die Unbeholfenheit des von Geburt an Kurzsichtigen, die Harold im Lauf seines Lebens für sich einzusetzen gelernt und charmant kultiviert hat, verhilft ihm zu Gelegenheiten wie dieser. Ohne schlechtes Gewissen nimmt er sie als Schadenersatzleistung des Schicksals für die Nachlässigkeit der Natur, mit der sie sich um seine körperliche Vollkommenheit geschert hat; die hätte doch auch ihm gebührt! Außerdem konnte es nicht schaden, im Kollegenkreis für Klarstellung zu sorgen, welche Freundschaften zu unterhalten er, Harold Wesendonck, der allzu oft Übersehene, imstande war. Tatsächlich hatte Dr. Moeller aus dem Referat C – Moeller mit „oe“, wie er auch Claire gegenüber wieder betont – nicht schlecht gestaunt und sich bei ihr sofort mächtig ins Zeug gelegt. Wie immer dachte er wohl, Harold auch hier den Rang ablaufen zu können. Wie ein Pfau hatte er Räder geschlagen und Komplimente gemacht, für deren Mangel an Eleganz Harold sich für ihn schämte. Seine Belohnung erhielt der Kollege dann auch in nichts weiter als dem gekonnt dosierten Lächeln, mit dem ihn Claire schon nach wenigen freundlich-belanglosen Worten auf die Weiterreise komplimentierte. Claire stelle eben Ansprüche, hatte Harold mit Genugtuung für sich vermerkt. Und man durfte sie nicht unterschätzen.
Als einziger der vier Gäste wohnt Harold direkt auf dem Grundstück, im ehemaligen Bootshaus am Seerosenteich; Claire hat es zu einem idyllischen Versteck mit rüschigen Bettbezügen in Blümchenmuster und einer Waschschüssel aus Porzellan umgebaut. Gerne nimmt er dieses Sonderrecht in Anspruch, das Claire ihm im ersten Jahr (in ihrem Überschwang ein wenig voreilig und zu generös, wie sie es heute sieht) eingeräumt hat.
Eigentlich war er nicht die erste Wahl für ihre literarische Runde gewesen. Ursprünglich hatte sie sich auf den namhaften Feuilletonisten mit den ausgefallenen Brillen kapriziert, dessen Kritiken sie wöchentlich buchstäblich verschlang und so lange studierte, bis sie seine Argumente für ihre Eigengewächse hielt. Schon gleich, als sie ihm am Rande eines Neujahrsempfangs vorgestellt wurde, hatte sie allerdings einsehen müssen, dass es so einfach nicht war. Über ihre sorgfältig vorbereitete, geistreiche Bemerkung zu seiner jüngsten Rezension war ihr Kandidat schlichtweg hinweggegangen, und sein so sicher erwartetes Interesse an ihr war – verglichen mit dem ihren an ihm – als bestenfalls „höflich unbeeindruckt“ zu definieren gewesen. Mit spöttisch gekräuselten Lippen hatte sie die geplatzte Hoffnung wie eine Fussel von der Schulter gestreift – „eigentlich ist seine Meinung doch häufig recht Mainstream“ – und sich abgewandt. Dabei war sie in der Menge der Gäste, die plaudernd hinter ihr standen, gegen Harold gestoßen:
Dr. Dr. Harold Wesendonck, Regierungsbeamter im Ministerium für Kultur und Wissenschaft, kurz vor dem Ruhestand. Fragen, was denn genau seine Aufgaben sind, beantwortet er mit einem feinen Lächeln, was bei ihm jeder als Diskretion und Bescheidenheit, die höchste Zier des Staatsdieners, versteht. Zu mehr als einem diffusen „zbV“, zur besonderen Verfügung, lässt er sich nicht hinreißen. Das kann alles bedeuten: eine Vertrauensstellung mit kurzem Draht nach „ganz oben“, zu der Amtsleiterin, die landesweit für ihren kirschroten Lippenstift bekannt ist, bis hinab zum Abgeschoben-Sein auf einen Posten von nachgeordneter Bedeutung. Stellt er sich vor, zögert er vor seinem Nachnamen kurz, als sei er nicht sicher, ob er ihn nennen könne, ohne bei seinem Gegenüber den Eindruck zu wecken, er wolle sich wichtigtun. Kommt dann tatsächlich die Frage, ob er mit „den“ Wesendoncks zu tun habe, lächelt er bescheiden und gibt sich ein wenig geniert; da gebe es womöglich Verbindungen.
Claire hatte sich nach dem Zusammenstoß auf dem Empfang wortreich bei Harold entschuldigt, während er, formvollendet, ganz alte Schule, beteuerte, es sei nun wirklich nichts passiert, und falls doch, dann habe es womöglich eine Bedeutung. Solchen Stil hätte sie hinter diesem stillen Herrn mit der starken Brille niemals vermutet, der inmitten all der breitbrüstig zur Schau gestellten Männer-Wichtigkeit schon wieder auffällig war. Beide waren sie Beobachter am Rande. Sie auf der Teilnehmerliste in der Kategorie „Begleitung“, auf dem Schild am Revers ihres Kostüms Geros Name; er dienstlich, als Stellvertreter der Stellvertreterin. Sie dekoratives, er protokollarisches Beiwerk. So waren sie ins Gespräch gekommen. Als Harold Wesendonck ihr zuraunt, er habe die Lobreden auf diesen Feuilletonisten noch nie so recht verstanden, pflichtet sie ihm umgehend bei: „Unbedingt! Sehr überschätzt von der breiten Masse der Leser.“ Dessen Artikel wird sie von da an überaus kritisch zerpflücken.
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Im Paradies
„Hier könnte man Bücher schreiben“, rufen viele Besucher aus, die zum ersten Mal Claires Anwesen betreten. Fast immer sind es die weiblichen unter den Gästen, die so ihr helles Entzücken bekunden. Nicht, dass eine von ihnen bis dahin ernsthaft vorgehabt hätte, jemals ein Buch zu schreiben (und dass es nach dieser einen, spontanen Aufwallung auch weiter so blieb, war in den meisten Fällen sicher auch gut so), oder gar, dass sie wüssten, worüber, wie man es anfängt und warum überhaupt. Auch könnten die wenigsten, fragte sie jemand danach, näher erklären, woran es liege, worauf es ankomme, dass ein Ort zum Schreiben beschaffen sei. Ihr Gefühl immerhin trügt sie nicht. Die Empfindsameren unter ihnen ahnen vielleicht etwas von der Versenkung und Ruhe, in der einst zwei Handvoll Mönche diese Prieuré als Gut des berühmten, nahegelegenen Klosters betrieben; auch wer nur betete, musste schließlich ab und zu essen und trinken. Die anderen sind beeindruckt von der Weitläufigkeit, von den Winkeln im Park, in denen sich ganze Nachmittage unentdeckt zubringen lassen, und von der übermannshohen Trutzmauer aus behauenem Stein, die das Anwesen gegen jeden Angriff schützend zu umarmen scheint, wenn auch die einst scharfen Zacken ihrer Krone längst bröckeln. Hat doch gerade dieses Zeichen der Vergänglichkeit etwas „unheimlich Romantisches“.
Die letzte Etappe sind die Ankömmlinge durch die burgundischen Weinberge gefahren, und die Kenner unter ihnen haben andächtig die Namen der berühmten Lagen geflüstert, die sie von den Schildern entlang der Strecke ablesen. Ein paar Kilometer noch, dann haben sie den Dorfplatz erreicht, um den sich, Schulter an Schulter wie eine Herde zur Futterzeit, ein gutes Dutzend Häuser schart: die Pharmacie mit den geschnitzten Regalen, das Haus des Zahnarztes, der vor zehn Jahren schon aufgegeben hat, der Laden für Lebensmittel, Zeitschriften und Kleinkram, der seit Neuestem auch Mobiltelefone und die Verträge dazu verkauft, und schließlich das Bistrot „Chez Marie“, vor dem unter einer grün-weiß gestreiften Markise drei Tische für die Stammgäste stehen, die hier ihre Vormittage verbringen. Nach kurzem Blick auf die Wegbeschreibung, die die Gastgeberin vorsorglich zugesandt hat (manche Navigationssysteme erfassen das Dorf immer noch nicht), biegen sie, gleich links, in die Zufahrt zwischen der hohen Umfriedungsmauer und einem länglichen Haus mit einem Sockel aus grob behauenem Feldstein. Und schon geraten die neu Angekommenen auch ins Schwärmen: „So einladend und freundlich“, begeistern sich die einen an dem blassrosa getünchten Haupthaus, aus dem gleich die Hausherrin treten wird. „Diese Proportionen! Wie wohltuend – Goldener Schnitt!“, beweisen andere ihr Kennertum. Fünf sandsteingefasste Fenster mit Läden im Rot der hiesigen Weine verteilen sich in gleichmäßiger Reihe über die Front. Darunter, exakt in der Mitte, das hohe Portal mit den beiden eisenbeschlagenen Flügeln (geöffnet wird, außer zu hohen Festen, nur noch eines), zu dem zwei flache, ausgetretene Steinstufen führen. Rechts und links davon, niedriger und bescheidener, zwei Zugänge, die auf Wunsch der Hausherrin – der besseren Helligkeit im Entrée wegen – heute verglast sind; früher mögen sie zu einem Wirtschaftsraum und zum Stall für die Ziegen geführt haben.
Manchen mag es erstaunen: Die hohen, schmiedeeisernen Torflügel der Zufahrt stehen Tag und Nacht offen. Aber so hat es die Hausherrin gleich zu Beginn verfügt und über Bürgermeister und Ortspfarrer im Dorf verbreiten lassen. Die Leute sollen nicht denken, auf eigenem Boden seien sie ausgeschlossen; von Fremden zumal. An jedem letzten Sonntag im Juli wird daher auch die Zufahrt mit französischen Kokarden und schwarz-rot-goldenen Fähnchen geschmückt und es gibt einen Empfang – mit dem Segen des Himmlischen Herrn durch seinen Statthalter im Dorf und gewundenen Toasts des Bürgermeisters auf ein blühendes Europa. Die Dame des Hauses reicht dazu große Mengen eigenhändig belegter Canapés und Wein aus Karaffen, und die Dorfbewohner erscheinen, Jahr für Jahr, ebenso zahlreich wie neugierig im Sonntagsstaat.
Geharkter Kies knirscht unter den Reifen. Man umrundet ein Rondell mit prachtvollen englischen Rosen. Von dessen Rand her schauen dem Besucher zwei in Stein gemeißelte Herren entgegen; wohlwollend neugierig der eine, eher skeptisch und hochmütig der andere. „Kant und Voltaire“, wird der Hausherr, so denn auch er einmal anwesend ist, denen, die danach fragen, erklären und lachen: Wer die beiden eingeladen habe, wisse er bis heute nicht; aber wenigstens wachten sie über den Geist des Hauses so streng, wie er über seinen Weinkeller.
Man parkt etwas seitlich am Rande, steigt aus und erahnt jetzt auch den weitläufigen Park, in dem ein Schwanenpaar lautlos wie ferngesteuertes Spielzeug über einen Seerosenteich gleitet. (Die Hausfrau hatte sich die anmutige Leda und ihren Zeus, der sein Gefieder gerne so protzig aufplustert, zum fünfzigsten Geburtstag gewünscht. Seitdem umhegt sie das Paar mit einer Hingabe, über die ihre Juristinnen-Tochter hinter vorgehaltener Hand als „romantisch-klimakterielles Syndrom“ spottet.) Vom Dorfplatz kommend war der Blick in den Park noch durch das langgestreckte Haus mit dem Feldsteinsockel verstellt, in dessen Mauern einst das Korn für das Kloster gemahlen wurde; die Mühlsteine lehnen noch, malerisch aufgereiht, neben dem Eingang. Heute ist es das Gästehaus – drei hübsch eingerichtete, geräumige Zimmer mit eigenem Bad, Kaffeemaschine, Kühlschrank und Blick in den Park. Man ist noch völlig gefangen vom Zauber des Ortes, wenn hinter der Haustür der Riegel zurückgeschoben wird, das Portal sich öffnet und die Hausherrin zum Willkommen hinaus auf die Stufen tritt. Claire.
Große Träume
Als sie klein war, wollte Claire Prinzessin werden. Sie sah sich in weißen Kleidchen mit wippenden Röckchen, mit Schleifen im Haar und silbernen Schühchen, auf Händen getragen und von allen für ihre Gaben bewundert; klug, liebreizend und die Schönste im Land. Das unterschied sie nicht von vielen anderen kleinen Mädchen. Was sie aber unterschied, war, dass sie recht schnell verstand, dass Prinzessinnen nicht in Städten wie Lüdenscheid oder Bad Münstereifel geboren wurden. Väter von Prinzessinnen arbeiteten auch nicht als Abteilungsleiter Haushaltskleingeräte in einem Provinzkaufhaus, in dem die Senior-Chefin am Abend persönlich die Kasse machte. Und Prinzessinnen-Mütter wussten Fremdwörter zu verwenden und ließen an der Ladentür nicht Damen den Vortritt, die sie ihres bestimmteren Auftretens wegen für vornehm hielten. Immerhin hatte das auch dazu geführt – und das dankt sie ihr heute noch –, dass ihre Mutter auf einem vornehm klingenden Namen bestand; Claire, so hieß sonst niemand in der Verwandtschaft. Mit zwölf oder dreizehn sah sie – hin- und hergerissen zwischen glühender Bewunderung und zum ersten Mal der ernüchternden Erkenntnis, wie ungerecht diese Welt doch sei – die scheu lächelnde Lady Diana, wie sie, in Seide und Spitze gehüllt, zum Altar schritt; vor aller Welt Augen und von derselben bejubelt. Da begriff sie, dass man, fing man es nur richtig an, zur Prinzessin auch werden konnte; man brauchte nur den passenden Prinzen zu finden.
Gero, Student des Bauwesens, dem sie zehn Jahre später, kurz vor seinem Abschluss, über die Freundin einer Freundin begegnen sollte, war zwar kein echter Prinz. Aber er fuhr damals schon einen gebrauchten Porsche; selbst finanziert und repariert, schließlich mit Gewinn verkauft und gegen ein schickes, neueres, teureres Modell eingetauscht. Er hatte eine Nase für solche Geschäfte und dieses wiederum Claire im Gefühl. Jahre erfolgreichen Bauens und vor allem Verkaufens und seine guten, von Claire mit Charme und Schick gepflegten Kontakte zu der Hand, die man die öffentliche nennt (die aber nicht immer öffentlich, das heißt, für alle durchschaubar ist und gibt), sollten ihm bald schon den Titel des „Freibäder-Königs“ eintragen. Immerhin. Außerdem sah er weit besser aus als Dianas Prinz Charles.
Die Wartezeit bis zur Begegnung mit ihrem Prinzen hatte Claire damit ausgefüllt, sich als Mittelpunkt eines „Salons“ zu träumen. Rahel Varnhagen und Henriette Herz in Berlin, Bertha Zuckerkandl in Wien, die arme Dorothea Schlegel und natürlich die Mesdames de Staël und Récamier – ihre Biografien hatte sie schon mit fünfzehn verschlungen; sie hatten sie in dieselben rauschhaft verklärten Zustände versetzt, wie ihre Freundinnen die Liebesgeschichten in der „Bravo“. Namhafte Künstler und Geistesgrößen, sie sah es schon vor sich, würden sich in ihrem Haus die Türklinke in die Hand und ihr die Ehre geben. Das Studium der Philosophie allerdings wurde ihr von den Eltern nach dem Abitur – Leistungskurse Deutsch, Geschichte und Politik – abgeschlagen; betrachtet aus deren Welt galt nur Lehramt als etwas Reelles, Rechtschaffenes für ein Mädchen, über das die Leute nicht reden sollten. In Claires Augen war die Welt ihrer Eltern nur wenig größer als deren Gemüsegarten hinter dem Haus; auch dort versuchten die beiden, ihre zarten Pflänzchen mit lächerlichen Zäunchen einzuhegen; böse Schädlinge sollten sich auf keinen Fall gegen alle elterlichen Mühen noch vor der Ernte daran gütlich tun. Auf Germanistik konnte man sich am Ende verständigen.
Claire war bereits schwanger, als sie die letzten Prüfungen bestand. Danach war sie verheiratet. Und dann jahrelang wütend. Nicht, dass sie ausdrücklich ihren Eltern oder Gero eine Schuld zuschob. Er war eine gute Partie, ihre Eltern waren mehr als zufrieden mit ihm und damit mit ihr. Gero gefiel ihr ja auch; im Grunde bis heute, zupackend, wie er in jeder Hinsicht war, auch im Schlafzimmer; soweit es noch dazu kam. Es lag an einem Gefühl, etwas zu versäumen, etwas Größeres, das über sie hinausreichte, ohne genau zu wissen, was es sein könnte. Nicht, dass sie laut rebelliert und Teller zerschlagen hätte: Ihre Wut glich eher einer anhaltend nervösen Gereiztheit, vergleichbar der, bevor sie ihre Tage bekam; ohne genau zu benennenden Grund entzündete sie sich an einem Nichts und erlosch ebenso schnell; vor allem, wenn man sie mit einem leichten Mittel wie einem Wochenende in einem schönen Hotel oder einer Opernpremiere betäubte oder – noch besser, höher dosiert – mit beidem zusammen.
Eine Zeit lang hatte sie noch Zuflucht und Perspektive in geistigen Duellen mit Papier und Feder nach dem Vorbild ihrer Idole in der Philosophie gesucht und bedeutungsschwere Briefwechsel begonnen; nur, leider, hatten ihr die Adressaten zu banal für ihre Erwartung und nach und nach gar nicht mehr geantwortet. Dem Gegenüber fehle es eben am Esprit eines Voltaire, war die einzige Erklärung, die Claire in Betracht zog, und sie war der Sache müde geworden.
Anstatt ihrer Wut auf den Grund zu gehen, sie zur Entladung zu bringen und mit der Energie, die das freisetzte, etwas Neues zu beginnen, ließ sie sie sang- und klanglos in kindisch kleinlichen Scharmützeln mit Gero verpuffen. Ihre Bestätigung bezog sie für die nächsten Jahre aus der Begleitung ihrer einzigen Tochter zu einem Spitzenabitur und anschließendem Studium der Rechtswissenschaften an den besten Universitäten und Abschluss in Harvard. Inzwischen geht Sophie ihrer eigenen Wege. Derzeit ist sie für die UN in Beirut. Davor war sie irgendwo in Zentralafrika. Gero versteht sie, ihr Wagemut gefällt ihm; Claire nicht. Zuletzt gesehen haben sie sich vorletzte Weihnachten. Sophie kommt nur noch selten nach Hause.
Als Gero vor gut zehn Jahren einem Geschäftsfreund den historischen Klosterhof zur Abwendung einer Insolvenz ab- und damit für sich den Freibrief für ausgedehnte Motorradtouren erkaufte, hatte sich Claire ihrer alten Sehnsucht erinnert. Jetzt, in ihren Fünfzigern, wird sie endlich schaffen, wovon sie immer geträumt hat, schwor sie sich. Sie wird der Mittelpunkt eines Kreises sein, der noch von sich reden macht. Sie wird ein Buch schreiben; und es wird ein Bestseller werden.
Die Konsequenz und Gründlichkeit, mit der sie ihr Ziel verfolgte, trug ihr selbst Geros aufrichtigen Respekt ein. Mit präzisen Vorstellungen war sie auf Kandidatensuche gegangen. Monatelang besuchte sie Literaturzirkel, Lesungen und Workshops, machte sich Geros Namen zunutze, verschaffte sich Einladungen und vertrat ihren Gatten bei Einweihungen, Jubiläen und Preisverleihungen mit hochkarätigen Gästen. Sie knüpfte Kontakte, beobachtete, bewertete, verwarf und trennte, nach und nach, durch das engmaschige Sieb ihrer strengen Kriterien, die Spreu vom Weizen. Schließlich war eine Handvoll ihr ebenso kultiviert wie ambitioniert erscheinender Adepten übriggeblieben, die sich in ihr Konzept fügen würden. In jedem von ihnen sah sie eine Bedeutung, die ihre eigene steigern würde.
Ihre Auserwählten reagierten zunächst überrascht, ob denn wirklich sie gemeint seien, sie kannten einander doch kaum. Jeder auf seine Weise hatten sie anfangs gezögert: Vier einander bis dahin Fremde, zu Gast unter demselben Dach (zugegebenermaßen einem traumhaft schönen, soweit auf Bildern zu sehen war) und ihr Obolus, zu entrichten in der Münze des gemeinsamen Schreibens nach einem straffen Plan, war das nicht ein gewagtes Unterfangen? Aber Claire kann man nur schwer etwas abschlagen. Ebenso wie ihren Charme weiß sie ihre Erscheinung zu nutzen: feenhaft blond und hellhäutig, weil sie die Sonne meidet, groß, aber nicht alle überragend und von der wohlgerundeten Schlankheit einer Madonna der Alten Meister, eine Figur, die sie sich niemals durch schweißtreibenden Sport ruinieren würde. So sorgfältig gepflegte Makellosigkeit weckt in Männern ein Gefühl bedingungsloser Anbetung und bei Frauen heimliche Furcht; manchmal auch umgekehrt. Stets liebenswürdig, wenn auch in ihrem Bemühen um eine aristokratische Attitüde ein wenig zu angestrengt und aus der Zeit gefallen, hat sie sich etwas Ätherisches zu eigen gemacht; in Gesellschaft bewegt sie sich, als berührte sie mit den Füßen nie ganz den Boden. Widerspruch duldet sie angesichts dieser Perfektion nur sehr selten und auch dann nicht von jedem. Und immerhin: war ihr Konzept nicht durchdacht und ihr Angebot mehr als verlockend?
DAS EREIGNIS DES JAHRES
Claires Gäste
Nun schon seit einigen Jahren, immer in den ersten Septembertagen, wenn das Licht milder, die Temperaturen angenehm und die Schatten wieder länger werden, treffen sich Claire und ihre Erwählten; hier, in der ländlichen Abgeschiedenheit des Burgund, wollen sie ihren Hang zu Literarischem teilen. Vor diesen Tagen flattert Claire durch das Haus, als erwarte sie einen heimlichen Liebhaber. Sie freut sich auf diese besondere Stimmung, in der sie als Gastgeberin aufblüht, rosige Wangen und glänzende Augen bekommt. Die Atmosphäre scheint sich dann im Haus aufzuladen. Es ist die Zeit vor der großen Buchmesse; die Longlist ist schon bekannt und sie werfen einander, wie Bälle, die Namen von Autoren, Verlagen und Buchtiteln zu, zitieren Kritiken und wann, wo und wie eine Neuerscheinung in den Himmel gehoben oder verrissen wurde. Claire ist als Fängerin ebenso gut wie im Abgeben, eine geschickte Spielmacherin. Dazwischen stößt sie Diskussionen über die großen Fragen der Zeit an und erntet Lob als großartige Gastgeberin. Entziehen kann sich dem keiner, will es auch nicht; sie hat sich die vier mit gutem Grund ausgesucht. Sie wissen den Wert einer Woche völliger Weltabgeschiedenheit zu schätzen und teilen ihre Ambitionen – wenngleich nicht mit derselben Absolutheit und Strenge; schreiben ist nicht alles in ihrem Leben. Aber sie tun alles, um Claire gute Mitspieler zu sein, lassen sich anstecken, und sie genießt das, als bade sie in Champagner. Dieses Jahr allerdings hat sie sich vorgenommen, muss es endlich einen entscheidenden Schritt vorangehen; Claire will heraus aus der gemütlich gewordenen Routine ihrer Treffen. Die Begeisterung ihrer Mitstreiter hat mit den Jahren an Farbe verloren wie eine zu oft gewaschene Bluse; zunehmend ferienselig geht diese Handvoll doch durchaus Begabter ihrer Liebhaberei nach – und das unbemerkt von der literarischen Welt. Nein, dem gibt sie nicht nach! Außer ihrem eigenen Manuskript muss wenigstens ein weiteres so weit gedeihen, dass es zum Abschluss kommt. Ein Textdokument mit Entwürfen für die Widmungen, nicht ohne gebührenden Dank an die Initiatorin, ohne deren Ägide und so weiter und so weiter und so weiter, hat sie bereits in der Schublade liegen. Claire überlässt nichts gerne dem Zufall.
Harold ist schon vor einigen Tagen angereist. Er hatte sich für eine Fachsitzung zum Thema „Deutsche Romantik aus französischer Sicht“ in Dijon gemeldet und sich am Rückweg von einem Kollegen absetzen lassen, auch wenn es für den einen Umweg bedeutete. Die Unbeholfenheit des von Geburt an Kurzsichtigen, die Harold im Lauf seines Lebens für sich einzusetzen gelernt und charmant kultiviert hat, verhilft ihm zu Gelegenheiten wie dieser. Ohne schlechtes Gewissen nimmt er sie als Schadenersatzleistung des Schicksals für die Nachlässigkeit der Natur, mit der sie sich um seine körperliche Vollkommenheit geschert hat; die hätte doch auch ihm gebührt! Außerdem konnte es nicht schaden, im Kollegenkreis für Klarstellung zu sorgen, welche Freundschaften zu unterhalten er, Harold Wesendonck, der allzu oft Übersehene, imstande war. Tatsächlich hatte Dr. Moeller aus dem Referat C – Moeller mit „oe“, wie er auch Claire gegenüber wieder betont – nicht schlecht gestaunt und sich bei ihr sofort mächtig ins Zeug gelegt. Wie immer dachte er wohl, Harold auch hier den Rang ablaufen zu können. Wie ein Pfau hatte er Räder geschlagen und Komplimente gemacht, für deren Mangel an Eleganz Harold sich für ihn schämte. Seine Belohnung erhielt der Kollege dann auch in nichts weiter als dem gekonnt dosierten Lächeln, mit dem ihn Claire schon nach wenigen freundlich-belanglosen Worten auf die Weiterreise komplimentierte. Claire stelle eben Ansprüche, hatte Harold mit Genugtuung für sich vermerkt. Und man durfte sie nicht unterschätzen.
Als einziger der vier Gäste wohnt Harold direkt auf dem Grundstück, im ehemaligen Bootshaus am Seerosenteich; Claire hat es zu einem idyllischen Versteck mit rüschigen Bettbezügen in Blümchenmuster und einer Waschschüssel aus Porzellan umgebaut. Gerne nimmt er dieses Sonderrecht in Anspruch, das Claire ihm im ersten Jahr (in ihrem Überschwang ein wenig voreilig und zu generös, wie sie es heute sieht) eingeräumt hat.
Eigentlich war er nicht die erste Wahl für ihre literarische Runde gewesen. Ursprünglich hatte sie sich auf den namhaften Feuilletonisten mit den ausgefallenen Brillen kapriziert, dessen Kritiken sie wöchentlich buchstäblich verschlang und so lange studierte, bis sie seine Argumente für ihre Eigengewächse hielt. Schon gleich, als sie ihm am Rande eines Neujahrsempfangs vorgestellt wurde, hatte sie allerdings einsehen müssen, dass es so einfach nicht war. Über ihre sorgfältig vorbereitete, geistreiche Bemerkung zu seiner jüngsten Rezension war ihr Kandidat schlichtweg hinweggegangen, und sein so sicher erwartetes Interesse an ihr war – verglichen mit dem ihren an ihm – als bestenfalls „höflich unbeeindruckt“ zu definieren gewesen. Mit spöttisch gekräuselten Lippen hatte sie die geplatzte Hoffnung wie eine Fussel von der Schulter gestreift – „eigentlich ist seine Meinung doch häufig recht Mainstream“ – und sich abgewandt. Dabei war sie in der Menge der Gäste, die plaudernd hinter ihr standen, gegen Harold gestoßen:
Dr. Dr. Harold Wesendonck, Regierungsbeamter im Ministerium für Kultur und Wissenschaft, kurz vor dem Ruhestand. Fragen, was denn genau seine Aufgaben sind, beantwortet er mit einem feinen Lächeln, was bei ihm jeder als Diskretion und Bescheidenheit, die höchste Zier des Staatsdieners, versteht. Zu mehr als einem diffusen „zbV“, zur besonderen Verfügung, lässt er sich nicht hinreißen. Das kann alles bedeuten: eine Vertrauensstellung mit kurzem Draht nach „ganz oben“, zu der Amtsleiterin, die landesweit für ihren kirschroten Lippenstift bekannt ist, bis hinab zum Abgeschoben-Sein auf einen Posten von nachgeordneter Bedeutung. Stellt er sich vor, zögert er vor seinem Nachnamen kurz, als sei er nicht sicher, ob er ihn nennen könne, ohne bei seinem Gegenüber den Eindruck zu wecken, er wolle sich wichtigtun. Kommt dann tatsächlich die Frage, ob er mit „den“ Wesendoncks zu tun habe, lächelt er bescheiden und gibt sich ein wenig geniert; da gebe es womöglich Verbindungen.
Claire hatte sich nach dem Zusammenstoß auf dem Empfang wortreich bei Harold entschuldigt, während er, formvollendet, ganz alte Schule, beteuerte, es sei nun wirklich nichts passiert, und falls doch, dann habe es womöglich eine Bedeutung. Solchen Stil hätte sie hinter diesem stillen Herrn mit der starken Brille niemals vermutet, der inmitten all der breitbrüstig zur Schau gestellten Männer-Wichtigkeit schon wieder auffällig war. Beide waren sie Beobachter am Rande. Sie auf der Teilnehmerliste in der Kategorie „Begleitung“, auf dem Schild am Revers ihres Kostüms Geros Name; er dienstlich, als Stellvertreter der Stellvertreterin. Sie dekoratives, er protokollarisches Beiwerk. So waren sie ins Gespräch gekommen. Als Harold Wesendonck ihr zuraunt, er habe die Lobreden auf diesen Feuilletonisten noch nie so recht verstanden, pflichtet sie ihm umgehend bei: „Unbedingt! Sehr überschätzt von der breiten Masse der Leser.“ Dessen Artikel wird sie von da an überaus kritisch zerpflücken.
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