Cover: Barrierezauber

Barrierezauber
Wieso eine Behinderung ein Geschenk sein kann


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 138
ISBN: 978-3-7116-1396-7
Erscheinungsdatum: 05.05.2026
Wie eine Behinderung ein Geschenk sein kann, zeigt Milly Stark in ihren persönlichen Erfahrungsberichten. Ein Barrierezauber ist für sie, trotz persönlicher Grenzen und gesellschaftlicher Ausgrenzungen immer wieder neue Ideen zu haben, diese zu überwinden.
Prolog

„Die Inklusion bietet einen gesellschaftlichen und sozialen Mantel, dem in Wirklichkeit Ab- und Ausgrenzung innewohnen. Da frage ich mich, ist es wirklich die Anpassung an Normen, die zum Funktionieren in der Gemeinschaft führt? Soll die Gleichstellung als eine Lösung gesehen werden, die uns alle gleich macht, obwohl wir nicht gleich sind? Dürfen wir alle Leistung erbringen, um Anerkennung zu erfahren?“

Jetzt ist er da, der Moment in einem Leben, in dem es um eine Verwandlung und weniger eine Veränderung geht. In Metaphern gesprochen, befindet sich eine Kreuzung voller unterschiedlicher Barrieren vor diesen beiden Möglichkeiten. Entweder wählt ein Mensch die aggressive Veränderung oder entscheidet sich für eine liebevolle Verwandlung. Wenn heutzutage beides nicht geht, spielt zumeist der blinde Gehorsam, die anerzogene Anpassungsleistung oder maßlose Egozentrierung eine wesentliche Rolle. Was könnte eine Veränderung oder gar eine Verwandlung mit dem Verständnis über Barrieren im Hinblick auf die heutige Gesellschaft und die Forderung nach Inklusion zu tun haben? Viel zu oft wird einem aktuell geraten, auf dem erfolgversprechenden Weg zu bleiben, welcher in der Vergangenheit aus bestimmten Bedürfnissen heraus gewählt wurde. Bleib dran – gib nicht auf – verfolge dein Ziel, heißt es dann immer wieder aus dem persönlichen Umfeld eines Menschen. Obwohl es sich möglicherweise um einen nicht barrierefreien Irrweg handelt und man sich auf der Suche nach einem besseren Leben verlaufen hat, gelingt es häufig nicht, umzukehren. Ein Irrweg sei doch aber ebenfalls ein Weg. Ob der Weg ans Ziel führt, entscheidet sich wohl von Fall zu Fall, oder? „So recht scheinen wir jedenfalls bis heute allesamt nicht zu wissen, wer wir sind. Suchende bestenfalls, aber als solche laufen wir eben auch ständig Gefahr, uns zu verirren“ (G. Hüther, 2019, S. 75). Diese Erkenntnis über das Leben, welche Hüther (2019) beschreibt, wird Milly Stark in einem inneren Monolog auf das Feld der Inklusion beziehen. Ihr geht es um die Phänomene, welche der Inklusion als Erklärungsversuch über gesellschaftliche Probleme zugeordnet werden. Inklusion wird heutzutage als die eine kraftvolle und unwiderrufliche Lösung in Bezug auf die Anerkennung von anderen oder vom Anderssein verstanden. Sie umfasst diverse Kategorien, wie Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtern, Menschen höheren Alters, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Religionszugehörigkeit usw. Hervorzuheben gilt, dass die Inklusion – so trifft es auf die Erfahrungen von Milly zu – die Verschiedenheiten von Menschen aufzeigt und dann davon ausgeht, die Sichtbarkeit dieser Unterschiede sei nicht relevant. Dieser Idee kann sich Milly aufgrund ihrer Ausgrenzungserfahrungen nicht anschließen. Unterschiede zwischen den Menschen wahrzunehmen und diese nicht zu bewerten, das wäre Millys Idee einer gelebten Inklusion. Da dies, zumindest was Millys Lebensereignisse betrifft, nicht gelingt, stellt sie sich in ihrer Selbstreflexion weitere Fragen. Sie interessiert sich dafür, aus welchen Gründen es so etwas wie Exklusion, Separation und Ausgrenzung von Menschen gibt. Seien demzufolge so manche bisher überzeugt davon, die Wahrnehmung der Unterschiede zwischen den Menschen wäre diskriminierend, die haben womöglich Folgendes noch nicht erkannt: Unterschiede machen Gemeinsamkeiten erst sichtbar. Milly Starks Lebenserfahrungen sind geprägt von Schmerz und Unterdrückung. Sie wurde in ihrem Leben nicht nur separiert und ausgegrenzt, sondern wurde eben auch zur Nutzerin von Inklusionsmaßnahmen gemacht. Warum das alles? Um optimal für die Gesellschaft zu funktionieren oder um keine Last für die Gesellschaft zu sein und sich anpassen zu können? Die Ablehnung und Ausgrenzung durch ihre Mitmenschen machten Milly bisher jedenfalls krank. Ihr wird klar, sie kann das nicht einfach so hinter sich lassen, denn das würde wohl für ihre Genesung nicht ausreichen. Sie möchte sich in die Stille begeben, um dort einen Raum zu finden, reflektieren zu können. Milly sucht diesen Ort der Selbstfindung in einem abgelegenen Waldstück und beschließt, sich dort für sieben Tage in völliger Stille zurückzuziehen. Millys Wunsch ist es, die Erfahrungen aus dem Gedankenspiel heraus in Worte zu fassen und dadurch ihre Vorstellungen vom Leben zu verwandeln. Ihre wohl wichtigste Frage über das Leben handelt davon, warum Menschen in behindert und nicht behindert kategorisiert werden. Folgende Fragen und Thesen haben für Milly einen besonderen Stellenwert: Aus welchen Gründen heraus kommt es überhaupt zum Produzieren von Behinderungen in der heutigen Gesellschaft? Gibt es Barrieren nicht ausschließlich in den Köpfen der Menschen? Stigmatisierungen oder – einfacher – einen symbolischen Stempel, diesen kann man vor allem jemandem mit einer sichtbaren oder bemerkbaren Behinderung aufdrücken. Muss das getan werden, damit ein Sozialarbeiter einen Job ausüben kann? Was bedeutet es, eine Behinderung zu haben? Werden sich die Medizin, die Politik, die Institutionen und die Organisationen um die Umsetzung der Interessen kümmern – werden sie ausreichend Maßnahmen, Ziele, Anordnungen schaffen – werden sie Belehrungen und Bewertungen als Werkzeuge nutzen, um sich für Menschen mit Behinderungen einzusetzen? Erschreckend sei jedenfalls immer noch der Umgang mit betroffenen Menschen, trotz vieler scheinbar positiver Veränderungen. Freiheitseinschränkungen sowie körperliche und psychische Formen von Gewalt zeigen sich in klassischen Institutionen weiterhin. Unterdrückung, Anpassung und Formen von Zwangsmaßnahmen gelten wohl kaum als Werkzeuge zur Umsetzung von Inklusion. Die Fremdbestimmung nimmt anstatt der Selbstbestimmung besonders in Betreuungssituationen einen viel zu großen Raum ein. Der Anpassungs- und Leistungsdruck, mit dem Menschen mit Behinderungen in der heutigen Zeit konfrontiert sind, macht sie zudem grundsätzlich zu Objekten von Absichten und Zielen, Belehrungen und Bewertungen, Maßnahmen und Anordnungen der Gesellschaft. All diesen angeführten Herausforderungen und Vorwürfen zum Trotz gibt es von vielen Menschen Bestrebungen dazu, das Zusammenleben und Zusammenhandeln würdevoll zu gestalten. Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist nach Milly Starks Meinung jedenfalls die Subjekthaftigkeit. Eine Idee von ihr geht davon aus, die Inklusion für nichts anderes zu halten als eine innere Haltung. Keine Forderung oder Zwangsmaßnahme, damit sich Selbstbetroffene eingliedern können, sondern eine innere subjektorientierte Vorstellung. Diese innere Vorstellung oder ein inneres Bild davon, was einen würdevollen Menschen auszeichnet, könnte möglicherweise diesen lang ersehnten Wunsch nach Chancengleichheit und der Anerkennung der Menschenwürde erfahrbar machen, ist sich Milly sicher.

Ins Zentrum des Romans rücken – Menschsein mit und ohne Behinderung, die Würde des Einzelnen, Subjektorientierung und verantwortungsbewusste Bildungsprozesse sowie der gesellschaftliche Umgang mit den Inhalten der Inklusion. Besonders hervorzuheben ist die derzeit gelebte und damit verbundene Objekthaftigkeit der Selbstbetroffenen. Als ein Erklärungsversuch wird davon ausgegangen, dass sich Menschen in einer Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft wie der heutigen eben allzu gerne zu Objekten verklären. Ein Appell richtet sich an all jene, die das Bedürfnis nach menschlicher Verbundenheit und Mitgefühl noch nicht verloren haben, und an jene, die den Glauben daran bereits verworfen haben, richtet sich dieser Roman im Besonderen.



KAPITEL 1
Illusion der Inklusion

Als Milly Stark den mit Moos bewachsenen Waldweg entlangspazierte, wollte sie es einfach nicht wahrhaben. Sie versuchte, den Blick starr nach vorne zu richten, um nicht zurückschauen zu müssen. Ihr Gang wurde immer schneller. Plötzlich stolperte sie über die Wurzel eines alten Lerchenbaumes. Millys Knie landeten direkt auf der Wurzel und schmerzten auf unbeschreibliche Weise. Sie hatte die vielen Hindernisse auf dem Waldboden einfach nicht erkennen können. Beim Aufstehen wurde ihr klar, sie musste zurückblicken, auf den Weg, welcher sie hierher führte. Nicht nur, dass ihr Gesicht aufgrund von leidvoller Verzweiflung schmerzte, sie musste sich so viele Fehler eingestehen. Ihr größtes Missverständnis begann damit, dass sie glaubte, ihre Inklusion in die Gesellschaft würde ihr bedingungslose Anerkennung schenken. „Alles ein großes Schauermärchen“, dachte sie. Ihr Fazit über die bisher erlebten Erfahrungen lautete: „Inklusion bietet einen gesellschaftlichen und sozialen Mantel, dem in Wirklichkeit Ab- und Ausgrenzung innewohnen“. Dieses Fazit offenbart für Milly schonungslos, dass die soziale Wirklichkeit einen immerwährenden Konstruktionsprozess der handelnden Individuen darstellt. Eine zentrale Bedeutung für die Inklusion haben die Barrieren oder noch präziser, die lautstarke Forderung nach Barrierefreiheit. Es stellt sich diesbezüglich die Frage, welche Veränderungen zu einem neuen Verständnis über Barrieren im Hinblick auf eine mögliche inklusive Gesellschaft führen können. Handelt es sich hierbei um eine wechselseitige Beeinflussung oder gar eine Wechselwirkung innerhalb der Lebensräume?

Milly war schon immer begeisterte Wanderin im Wald, denn dort gibt es keine Bewertungen, Belehrungen oder wohlwollenden Absichten anderer. Im Gegenteil, die Stille des Waldes offenbarte ihr bisher immer neue Gedanken. Da sie aus ihrer Vergangenheit zahlreiche Wunden mit sich trug, die sie auch im Schlaf verfolgten, suchte Milly schon länger einen Weg, um sich wieder lebendig zu fühlen. Im Wald war diese Lebendigkeit für Milly spürbar, dort wusste sie, dass ihre Lebensfreude noch nicht zur Gänze verschwunden war. Als sie einmal gelesen hatte, dass viele Menschen die Stille im Kloster suchen und sich dort für eine Woche zurückziehen, um zu reflektieren, kam ihr wieder ein Gedanke. Warum nicht sieben Tage in den Wald? Ganz alleine, nur mit dem Nötigsten ausgestattet und alles aufschreiben, was die Seele quält. Darüber musste sie gar nicht lange nachdenken, sie tat es dann einfach auch. Als sie sämtliche Vorbereitungen traf, um die sieben Tage in Stille nachzudenken und zu schreiben, erinnerte sie sich an eine Geschichte, die ihr einfiel, als sie auf dem Weg zu einer Inklusionsveranstaltung war. Im Rahmen solcher Veranstaltungen war es immer nötig, dass sich Milly bei den anderen Teilnehmern vorstellte, und weil sie die Kreativität liebte, erfand sie die Geschichte vom StehAufMenschlein. Die ging so:


Vor … Stellungen

Wie stellt sich jemand ohne Augenlicht andere Menschen eigentlich vor? Gibt es einen Unterschied zu jenen Vorstellungen über Menschen, die jemand nur als Schattengestalten wahrzunehmen in der Lage ist? Ließe sich behaupten, dass Menschen mit einer Seheinschränkung öfter hinfallen und wieder aufstehen müssen als all die anderen in der Gesellschaft? Eine tiefgreifende These besagt zumindest, Menschen ohne Augenlicht werden von der heutigen Gesellschaft viel zu häufig zu getriebenen Objekten von Erwartungen, Bewertungen, Fördermaßnahmen und Anordnungen verklärt. Die gut meinenden anderen Menschen und vor allem die vielseitig bekannten Institutionen zur Unterbringung nehmen hierbei eine sonderbare Rolle ein. Das führt zwangsläufig zu verletzenden Erfahrungen im Zusammenleben und Zusammenhandeln mit diesen anderen, auf die man zum Teil angewiesen zu sein scheint. Die Inklusion bietet nun Möglichkeitsräume, um den Menschen – die nicht zu den Normalen zählen – wieder ihre Subjekthaftigkeit zuzusprechen. Der Weg zur gesellschaftlichen Inklusion führt metaphorisch gesprochen über so einige Stufen. Beschritten werden diese bereits schon seit Längerem vom StehAufMenschlein, welches aufgrund seiner Erfahrungen immer wieder auf diesen Stufen zur Inklusion hingefallen ist. Nun möchte es andere dazu einladen und ermutigen, wieder aufzustehen. Das StehAufMenschlein sei überzeugt davon, hinzufallen sei kein seltenes und noch weniger ein seltsames Lebensereignis. Seltsam wären bloß die Vorstellungen jener, die meinen, Inklusion mit einer Betreuungstätigkeit zu verwechseln. So ist sich das StehAufMenschlein sicher, es braucht einen neuen Rahmen, der bei der Formulierung von Zielen zur Inklusion aller Menschen beiträgt. Meinungsverschiedenheiten und das Scheitern werden mit Sicherheit eine Rolle bei der Umsetzung von Inklusion spielen. Der Fokus sollte allerdings auf den partizipativen Möglichkeiten und der Anerkennung von subjektiven Lebensentscheidungen liegen. Wären es möglicherweise solche Rahmenbedingungen, würden sie jedem Nicht-Normalen dabei helfen, trotz des Hinfallens wieder aufzustehen.


Klingende Gedanken des StehAufMenschleins

Es gilt, folgende Gedanken zum Mitdenken aufzumalen; Als StehAufMenschlein ist mein Leben geplagt von absoluter Verunsicherung und Uneinigkeit. Was bedeutet es – Anpassung oder Individualität in dieser Gesellschaft? Wie komme ich überhaupt zu solch einer Frage? Es geht um: Ausbildung, Arbeit finden, Ausbildung, Arbeiten, Geld verdienen. Oder nicht? Ein Irrweg, ein neuer Weg oder einfach nur ein aktueller Gedanke? Was ich nicht aushalte auf dieser Welt, ist das Kategorisieren von Menschen, und in diesem speziellen Fall geht es mir um die Unterscheidung von behinderten und nicht behinderten Menschen oder den Normalen. Werden denn Behinderungen nicht ausschließlich gesellschaftlich produziert? Gibt es Barrieren nicht ausschließlich in den Köpfen der Menschen? Stigmatisierung oder auf Deutsch: einen Stempel, diesen kann man vor allem jemandem mit einer sichtbaren oder bemerkbaren Behinderung aufdrücken, und das nur, damit man für Sozialarbeiter neue Jobs kreieren kann. Erschreckend ist, dass es sehr viele Definitionen darüber gibt, was Behinderung sein mag. Für mich als StehAufMenschlein war es immer schon: eine Sache der Perspektive! Und ist es nicht der Perspektivenwechsel, welcher von der Inklusion vorangetrieben werden soll? Die gesellschaftliche Inklusion hat es sich ja zur Aufgabe gemacht, das Phänomen der Behinderung im gesellschaftlichen Kontext zu betrachten. Als seltsames StehAufMenschlein gebe ich offen zu, ich habe einen sonderbaren Blick auf dieses Konfliktfeld. Für mich bedeutet der derzeitige Umgang mit Inklusion kurz gesagt: dass sich Menschen mit Behinderungen als Werkzeuge an die gesellschaftlichen Normen und Funktionen anpassen müssen!


Lebendige Ansichten

Dem seltsamen StehAufMenschlein wurde von Geburt an kein Augenlicht geschenkt, sondern bloß die Wahrnehmung von Schatten. Demzufolge könnte man festhalten, es sei nicht überraschend, zur oben berichteten Perspektive über Inklusion gekommen zu sein. Tiefgreifende Inkohärenzen entstanden aufgrund des Anpassungs- und Leistungsdrucks, mit denen das StehAufMenschlein zeitlebens konfrontiert war. Wobei das seltsame Menschlein mit großer Dankbarkeit erfüllt blieb, da es auch zauberhafte und lebendige Begegnungen in seinem einsamen Leben erfuhr. Momente von partizipativen Chancen schenkten neue Kräfte, damit das Aufstehen nach dem Hinfallen gut gelingen konnte. Die inspirierenden Begegnungen mit ermutigenden Menschen führten zur Auseinandersetzung mit ganz neuen Fragen zum bisherigen Leben: Was bedeutet es, in Würde zu leben? Was muss dafür getan werden? Geht es um Verzicht, Ent-Täuschungen, Versprechungen oder gar Ent-Wicklungen? Was könnte ein gesellschaftliches Anliegen sein? Wird sich die Inklusion von Menschen ohne Augenlicht dann verwandeln? Als seltsam versteht sich das StehAufMenschlein von selbst, da es trotz der heutigen Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft unwiderruflich die Würde des Menschen in den Mittelpunkt aller Sinnfragen stellt. Menschen seien aus seiner Sicht grundsätzlich dazu angehalten, mit ihrem angesammelten Wissen und ihren lebendigen Erfahrungen zum gesellschaftlichen Wohl aller Mitmenschen beizutragen. Jedem sei ans Herz gelegt, sich mit all seiner Herzensbildung darum zu kümmern, dass Menschen wieder ihre Subjekthaftigkeit spüren. Salopp gesagt: Mit einer Balance zwischen Herz und Verstand zu handeln, ist dem seltsamen StehAufMenschlein ein besonderes Anliegen. Bestenfalls könnte es dadurch gelingen, dass sich die Menschen nicht länger zu Objekten von Absichten und Zielen, Belehrungen und Bewertungen, Maßnahmen und Anordnungen machen.


Worte in Schrift verwandeln

Es heißt, etwas zu wissen, reicht nicht aus, um Veränderungen herbeizuführen. Vielmehr muss etwas verstanden werden – also unter die Haut gehen und emotional berühren –, dann wären nicht nur Veränderungen, sondern Verwandlungen möglich. Könnte dies immer häufiger jenen Menschen gelingen, die sich für die Umsetzung von Inklusion einsetzen, würde das Menschsein wieder in den Mittelpunkt rücken. Menschen mit und ohne Behinderung könnten Haltungen entwickeln, die ihnen dabei helfen, die Würde des Einzelnen anzuerkennen. Menschenrechte wären dann keine Forderung mehr, sondern täglich Brot. Das StehAufMenschlein ist sich sicher, nur diese Form der menschlichen und würdevollen Verbundenheit wird die Möglichkeitsräume schaffen, die Objekthaftigkeiten in der Gesellschaft zu verringern.

Das Ankommen im Wald gestaltete sich für Milly als großes Geschenk. An diesem ersten Tag ihrer emotionalen Rückblende spielt sich Milly durch trügerische, spöttische und zu hinterfragende Gedanken, sodass es ihr kaum gelingt, dies in Worte zu fassen. Veränderungen der sozialen Lebensräume lassen sich ganz grundsätzlich nicht aufhalten. Zumeist sind diese Veränderungen aggressiv und fordernd, weil sie etwas herausformen sollen, was sich ein Individuum oder eine Interessengruppe zum Ziel gesetzt hat. Hier gilt es, den Begriff der Verwandlung aufzunehmen. Eine Verwandlung ist viel mehr als eine Veränderung, da sich mit ihr nicht nur der Möglichkeitsrahmen verändert, sondern diese eben auch Orientierung stiften kann. Im Sinne eines Wechselspiels könnte man annehmen, eine Verwandlung ermögliche einen würdevollen Orientierungsrahmen, der dem blinden Gehorsam, der anerzogenen Anpassungsleistung oder der maßlosen Egozentrierung weniger Platz in den menschlichen Lebensräumen einräumt. Gehorsam, Anpassung und Egozentrierung sind deutliche Hindernisse für die Umsetzung von Inklusion und Barrierefreiheit. Mit Barrieren aller Art sind in der heutigen Gesellschaft vor allem Menschen mit Behinderungen konfrontiert, das weiß auch Milly. Doch aus welchem Grund werden Menschen in behindert und nicht behindert kategorisiert? Inwiefern stellen Barrieren ein Problem dar und weshalb braucht es die Forderung nach Barrierefreiheit? Grundsätzlich gilt es festzuhalten, dass sich Barrieren für Menschen mit Behinderungen auf vielfältige Art und Weise zeigen. Sie können demnach baulich, sozial oder psychisch bedingt sein und spielen sowohl auf der individuellen, der pädagogischen, arbeitsmarktpolitischen als auch auf der institutionellen und gesellschaftlichen Ebene eine tragende Rolle. Demzufolge sind über die Jahre hinweg, seit der Entstehung der Behindertenbewegung bis hin zur Forderung nach Inklusion, sehr unterschiedliche Perspektiven entstanden. Die Betroffenen selbst machen jedoch klar, es brauche Maßnahmen, Ziele, Anordnungen und Absichten, ohne die man Barrieren nicht abbauen könne. Sogar Belehrungen und Bewertungen sind Werkzeuge der gegenwärtigen zwischenmenschlichen Diskurse geworden. Nicht nur Werkzeuge, sondern vor allem zentrale Begriffe und deren Deutungen sind wesentlich für die Schaffung der sozialen Wirklichkeit. Immer geht es um individuelle und kollektive Wahrnehmungen über das Zusammenleben und Zusammenhandeln von Menschen. Die Inklusion bietet zudem die Möglichkeit, Menschen in mit und ohne Behinderungen einzuteilen. Doch dann stellt sich nach Millys Meinung wohl die berechtigte Frage, ob die Inklusion überhaupt den Anspruch erheben darf, alle Menschen in ihrem Anderssein bedingungslos anzuerkennen. Bedeutet dann Anderssein, zu kategorisieren und die menschlichen Verschiedenheiten in Stärken und Schwächen einzuteilen? Braucht es tatsächlich die Sichtbarkeit von Unterschieden oder sind diese der Nährboden für die gesellschaftliche Ausgrenzungsgefahr? Machen nicht gerade die Unterschiede – Gemeinsamkeiten sichtbar?

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