Warmer Regen im Winter
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 76
ISBN: 978-3-7116-0384-5
Erscheinungsdatum: 19.12.2024
Hinter der scheinbar perfekten Fassade von Bettinas und Wolfgangs Ehe bröckelt es. Doch nach einem schrecklichen Unfall, den Wolfgang erleidet, muss Bettina alles hinterfragen. Wer versucht, ihre Firma zu sabotieren? Und wieso geht Knut ihr nicht aus dem Kopf?
Kapitel 1
Endlich Freizeit! Bettina und Wolfgang haben ihn lange ersehnt, den Urlaub am Meer. Sie lieben ihre Arbeit in Kassel, aber nachdem ihre Töchter Michèle und Hannah vor drei Jahren flügge geworden sind, haben sie ihre Firma in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt.
Ihr Betrieb ist mit sechs Mitarbeitern relativ klein; dennoch bleibt für Bettina und Wolfgang viel Arbeit zu verrichten. Ihre Tage sind meistens sehr lang, selten verlassen sie ihr Büro vor 20 Uhr.
Vor wenigen Monaten hat Wolfgang auf Drängen seiner Frau seine langjährige Sekretärin Sarah unter dem Vorwand entlassen, Bettina wolle nun selbst diese Arbeit übernehmen. Ihren Mann davon zu überzeugen, hatte Bettina viel Geschick abverlangt, doch sie war nicht nur sehr sicher, sondern auch fest entschlossen, eine Affäre zwischen Wolfgang und Sarah entlarvt zu haben, nachdem beide zusammen drei Tage auf einer Messe in Hannover ausgestellt hatten. Den Beweis dafür konnte sie indes nie erbringen.
Es war vermutlich eine große Portion Eifersucht im Spiel, denn Sarah war eine sehr attraktive Frau. Ihr leicht gewelltes blondes Haar fiel locker auf ihre Schultern und umrahmte dabei ihr ebenmäßiges Gesicht mit den großen blaugrünen Augen und dem verlockend geschminkten Mund. Niemand sah ihr die bereits erreichten siebenundfünfzig Lebensjahre an.
Damit bildete sie rein äußerlich betrachtet einen Gegenpart zu Bettina, die mit ihren fünfundfünfzig Jahren zwar nahezu gleichaltrig war, aber mit ihrem selbst gefärbten knallroten Kurzhaarschnitt, der meistens nach Friseur, Pflegeshampoo und Bürste schrie, eher sportlich daherkam. Vermutlich hatten Bettinas Lippen nie einen Lippenstift, nicht einmal einen Pflegestift gesehen. Das Ganze paarte sie gerne mit Oversize-Kleidung, genau genommen mit einem nichtssagenden Schlabberlook, was die Frage offenließ, ob Bettina einfach ungepflegt war oder bewusst ein Statement setzen wollte.
Wolfgang hatte dieses Misstrauen seiner Frau verletzt, aus seiner Sicht hatte es dafür keinen Grund gegeben. Andererseits hatte ihm der Gedanke gefallen, dass Bettina um ihn zu kämpfen schien. Er erkannte, dass er Bettina ein wenig aus dem Blickfeld verloren und im Laufe der Jahre vergessen hatte, sie als Frau zu betrachten. Sie versorgte den Haushalt gut, die Küche war immer aufgeräumt, seine Oberhemden stets gebügelt. Alles lief scheinbar bestens.
Bettina selbst kam gar nicht auf den Gedanken, sie könne eifersüchtig sein. Sie war der Meinung, nur einer inneren Eingebung gefolgt zu sein. Weibliche Intuition oder Verlustängste? Beides führt zuweilen auf falsche Fährten.
Mit Sarahs Kündigung schien die Sache geklärt. Doch Bettina sollte sich täuschen, denn bei Sarah entwickelte sich zunehmend eine Form von Rachegelüsten, fand sie doch in Kassel und Umgebung keinen adäquaten Job mit so viel Eigenständigkeit, Verantwortung und so guter Bezahlung wie bei Wolfgang. Sie hasste Großraumbüros, wollte doch keine bedeutungslose Nummer in einem großen Betrieb sein.
Es ging ihr nicht gut, seit ihr gekündigt worden war. Ihr fehlten die freundliche, familiäre Atmosphäre, der Respekt und die Anerkennung ihrer Vorgesetzten.
Sie mochte Wolfgang sehr, verehrte ihn förmlich, aber ihn lieben? Nein, das tat sie wahrlich nicht!
Deshalb war ihr auch nie in den Sinn gekommen, Bettina könne eifersüchtig sein.
Eigentlich verschwendete Sarah keine Gedanken an Bettina, da diese nie im Betrieb präsent war und außerdem in ihrer eigenen Welt zu leben schien.
Wenn Wolfgang sich auch in einem gewissen Maße ärgerte, Sarah als kompetente Arbeitskraft verloren zu haben, so war er rein wirtschaftlich betrachtet sogar froh darüber, auf diese Weise seine finanzielle Lage begünstigen zu können.
Die Geschäfte liefen erträglich, doch nachdem der russische Absatzmarkt für ihn entfallen war, wurde seine wirtschaftliche Lage immer problematischer, und neue Absatzmärkte zu rekrutieren, erwies sich in der derzeitigen Situation als extrem schwierig.
Wolfgangs familiäre Verbindungen nach Rostow am Don hatten ihm im Laufe der Jahre zu einem vermeintlich stabilen und überaus profitablen Absatzmarkt verholfen.
In regelmäßigen Abständen hatten Bettina und er berufliche Anlässe für Besuche bei ihren Verwandten in Rostow genutzt. Dazu gehörten Spaziergänge in der Bol’shaya Sadovaya Straße, dem „Broadway“ von Rostow, mit dem Rathaus und vielen weiteren beachtlichen Gebäuden. Daneben luden interessante Geschäfte zum Kaufen ein. Dort zu flanieren, war stets Bettinas Lieblingsbeschäftigung gewesen, während Wolfgang sich in der Zeit häufig mit wichtigen Kunden zum Abendessen getroffen hatte.
Schöne Erinnerungen an wunderbare Reisen und zauberhafte Erlebnisse, angenehme Erinnerungen an für sie wirtschaftlich florierende Zeiten.
Neben Sarah mussten sie zwei weitere Mitarbeiter aus der Produktion entlassen, da die Auftragslage deren Beschäftigung nicht mehr zuließ.
Es stand zwar noch keine Insolvenz im Raum, doch ihr finanzielles Polster, das sie sich im Laufe der letzten fünfunddreißig Jahre nicht zuletzt durch Sparsamkeit zugelegt hatten, schmolz sichtlich dahin.
Aufgrund der allgemeinen Rezession in Europa und damit auch in Deutschland war es ein schlechter Zeitpunkt für einen möglichen Verkauf des Geschäftes. So beschloss Wolfgang, die Produktion von Regalwänden und Schränken für geschäftliche Zwecke herunterzufahren und sich stattdessen stärker auf die Ausgestaltung von Geschäftsräumen auf innenarchitektonischer Basis zu spezialisieren, um dann in einigen Jahren in den Ruhestand gehen zu können.
Nach einer Tischlerlehre hatte Wolfgang in jungen Jahren Innenarchitektur studiert, weil sein Vater es partout so wollte. Wenngleich Wolfgang das Studium auch nach sechs Semestern abgebrochen hatte, so konnte er doch in seinem späteren Geschäft durchaus davon profitieren.
Getreu dem Motto „Pläne braucht der Mensch“ hatte Wolfgang Bettinas und sein Leben von vorne bis hinten durchgeplant. Bettina liebte ihn dafür und war selbst nach sechsundzwanzig Ehejahren noch voller Bewunderung für ihren gutaussehenden und erfolgreichen Mann. Sie folgte ihm gern in seinen Entscheidungen. Von seinem nahenden Ruhestand erhoffte sie sich mehr Aufmerksamkeit für sie als Frau und Ehefrau, denn die emotionale Nähe war im Laufe der Jahre auf der Strecke geblieben. Hatte Wolfgang früher schöne Dessous an ihr geliebt, die er ihr sogar selbst geschenkt hatte, so blieben selbige nun schon seit Längerem ohne Wirkung. Wolfgang nahm sie gar nicht mehr wahr.
Hier sah Bettina plötzlich Handlungsbedarf und entwickelte schon so manche Idee, ihr Eheleben zu bereichern, vor allem angesichts der hoffentlich gerade abgewendeten Affäre ihres Mannes mit Sarah. Zu diesem Plan gehörte auch, dass sie beide nach nunmehr drei Jahren Umgestaltung der Firma für drei Wochen die Verantwortung ihrem Mitarbeiter Knut übergeben wollten. Knut gehörte gefühlt zum Inventar des Hauses, arbeitete er doch schon dreiundzwanzig Jahre für Wolfgang und war somit in alle Prozesse eingeweiht und daran gewöhnt, selbstständig zu arbeiten.
Als Zeichen der Wertschätzung und des Vertrauens hatte Wolfgang ihm anlässlich seines zwanzigsten Dienstjubiläums offiziell Prokura erteilt. Nach der Erhöhung zum Prokuristen und dem Eintrag ins Handelsregister war er nun auch zu gerichtlichen und außergerichtlichen Geschäften und Rechtshandlungen berechtigt.
Kapitel 2
Es ist 6 Uhr, der Wecker holt sie aus ihrem Tiefschlaf:
Urlaub, endlich Urlaub.
Bettina hüpft in ihre Küche, drückt auf den Kopf der Kaffeemaschine, um dann im Bad zu verschwinden. Heiße Dusche, kalte Dusche; erfrischt geht sie nur mit einem Bademantel bekleidet zurück in die Küche, um sowohl das Frühstück als auch die Lunchpakete für die Pausen auf ihrem Weg nach Rügen vorzubereiten.
Wolfgang liebt eher die raue Nordsee: Ebbe und Flut, kräftige Westwinde, leichten Regen mit Sturm, dazu eine Baseballkappe und eine wasserdichte Jacke – für ihn ein absoluter Hochgenuss. SPO, St. Peter-Ording: Strand so weit man schaut, etwa zwölf Kilometer lang mit feinkörnigem Sand und von einer unvorstellbaren Breite. Bei Ebbe laden die vorgelagerten Wattflächen zum Erfrischen und Entdecken einer einzigartigen Flora und Fauna ein. Das Watt lebt!
Doch Wolfgangs Argumente konnten Bettina dieses Mal nicht überzeugen. Das liegt vermutlich an ihrer Oma Erna, die ihr ganzes Leben auf Rügen verbracht hat. Jeden Sommer hatte Bettina als Kind ihre Ferien bei Oma Erna verbringen dürfen. Rügen – das ist Oma, Oma – das ist Rügen.
Während Wolfgang noch sein spärliches Haar nach dem Duschen sortiert und dem Bart den letzten Schliff gibt, zieht Bettina ihre neue Jeans mit der passend gestreiften Bluse an, die sie eigens für diesen Urlaub erstanden hat. Sie betitelt das Outfit als ihre persönliche Urlaubsvorbereitung. Es war tatsächlich eine gute Entscheidung, weil diese neue Jeans wie auch die Bluse weder ausgeblichen noch verwaschen sind und sogar ihrer tatsächlichen Konfektionsgröße entsprechen.
Noch schnell die Oberbetten und die Kopfkissen über das Balkongeländer, die Laken glatt gestrichen und die Nachtwäsche in den Wäschekorb.
Bevor Wolfgang sich komplett angekleidet hat, ist das Schlafzimmer in Ordnung und alle Fenster abreisebereit verschlossen.
Um ihrer Vorfreude Ausdruck zu verleihen, versucht Bettina, ihren Mann liebevoll in den Arm zu nehmen, und Wolfgang lässt es zu. Zärtlich flüstert sie ihm ins Ohr, wie sehr sie sich darüber freue, dass er Rügen zugestimmt habe. Leicht steif und scheinbar außer Übung hält Wolfgang still – vermutlich hat er gar keine Wahl um des lieben Friedens willen.
Genussvoll, wenn auch bereits ein wenig gehetzt, trinkt Bettina ihre zweite Tasse Kaffee aus, während Wolfgang bedächtig seinen Rooibos-Vanille-Tee, mit etwas Süßstoff gezuckert, schlürft – sein Ritual eben. Während eines einmonatigen Praktikums in Tokio hat er gelernt, Tee richtig zu genießen. Wenn er des Rituals wegen belächelt wird – und das geschieht immer wieder –, dann lächelt er gekonnt stoisch und erklärt: „Meine Frau macht für ihre Entspannung Yoga im Garten, ich trinke dafür einfach Tee.“ Dem etwas hinzuzufügen, wagt kaum jemand.
Die Idylle wird plötzlich durch den schrillen Ton des Telefons gestört. „Lass es doch klingeln, Liebling, wir sind doch fast schon ‚on the road‘ nach Rügen!“
Doch wieder und wieder das schrille Klingeln des Festnetzes. Bettina beschleicht plötzlich das Gefühl, es müsse sich doch um etwas Wichtiges handeln.
Ihre Töchter – ist ihnen etwas zugestoßen?
Brauchen sie Hilfe?
Hat Michèle vielleicht ein Problem?
Gestern ging es ihr gar nicht gut. Sollte es doch eine Blinddarmentzündung sein?
Ist sie möglicherweise in die Klinik gekommen?
Oder Hannah? Sie ist immer im Stress, läuft stets auf Hochtouren. Ist sie eventuell in der Eile die Treppe hinuntergestürzt wie Bettina selbst vor zwei Jahren? In einem Augenblick der Unaufmerksamkeit lag sie mit gebrochenem Unterschenkel plötzlich am Fuße der Treppe – völlig hilflos, wie sie es grundsätzlich gar nicht gut ertragen kann.
In Sekundenschnelle schießen Bettina die Gedanken wie kleine Blitze durch den Kopf. Offensichtlich ist es auch Wolfgang nicht ganz geheuer, und er entschließt sich, das Telefongespräch doch anzunehmen.
Dabei erkennt er, dass es sich um die Firmennummer handelt.
„Ja, bitte? Knut, du??“
Alle Farbe weicht aus Wolfgangs Gesicht und Bettina ahnt Übles. „Bettina, wir fahren nach Rügen – aber nicht jetzt, nicht heute! Schnell, zieh dich an, wir müssen in die Firma“, stößt er gepresst hervor.
In Windeseile erreichen sie ihre Firmenräume in der Niedervellmarer Straße, wo Knut sie bereits erwartet.
Mit ihnen treffen auch zwei Einsatzwagen der Polizei ein. Aus dem ersten Wagen steigen zwei Personen im weißen Ganzkörperanzug, die Spurensicherung, aus dem anderen ein Polizist in Uniform und ein Kommissar in Zivilkleidung. Welch ein Aufgebot!
Bettina spürt einen Hauch von Übelkeit und nahender Ohnmacht. Ihre Firma, Wolfgangs „Baby“ – wer hat es gewagt, ihr Schaden zuzufügen?
Bettina und Wolfgang eilen zu ihren Büroräumen, dürfen aber nur einen Blick hineinwerfen, damit mögliche Spuren nicht verfälscht werden. Vorschrift!
Blankes Entsetzen, als sie in ihr persönliches Büro schauen: der Tresor geöffnet und offensichtlich leer gefegt, auf dem Boden der Inhalt sämtlicher Schubladen – Stifte, Akten, Ordner …
Auf den Schreibtischen liegt nichts mehr, kein Locher, kein Stempel, nichts. Wie heißt der Hurrikan, der diesen Überfall verursacht hat? Wer hatte ein Interesse daran?
Wolfgang steht wie angewurzelt vor dem Chaos, während Bettina die Tränen über die Wangen laufen. Sie ist nur froh, dass weder Knut noch andere Mitarbeiter verletzt worden sind.
Während die Spusi sofort ihre Arbeit aufnimmt, beginnt der Kommissar mit der Sondierung des Tatortes. Wurde ein Fenster eingeschlagen oder die Eingangstür beschädigt? War das Büro möglicherweise unverschlossen? War es etwa einer der Mitarbeiter? Wer ist im Besitz eines Büroschlüssels und hatte damit unauffällig Zugang zu den Räumen? Und wenn ja, warum? Gibt es einen Hinweis auf die Tatzeit?
Der Computer auf Bettinas Schreibtisch scheint unberührt. Er kann sicher viele Fragen beantworten; deshalb beschlagnahmt der Kommissar ihn, um ihn in seinem Dienstbüro auszuwerten. Schließlich kommt die Frage, die für weitere Übelkeit bei Wolfgang, Bettina und auch bei Knut sorgt: „Wo waren Sie gestern zwischen 18 Uhr und 8 Uhr heute früh?“
Wolfgang und Bettina hatten am Abend zuvor als letzte das Büro verlassen und abgeschlossen, nachdem Knut bereits gut instruiert nach Hause gegangen war. Er hatte es eilig, da seine Ex-Frau überraschend gekommen war. Wahrscheinlich war sie wieder klamm und brauchte Geld. Wenn das der Fall war, tauchte sie immer bei Knut auf, der ihr, gutmütig wie er war, stets aus der Patsche half. Es ärgerte ihn zwar selbst, aber ihre Bitte abzulehnen, vermochte er auch nicht.
Sowohl Bettina und Wolfgang als auch Knut sind nach der Befragung emotional tief bewegt. Es macht sie traurig und wütend gleichzeitig, verdächtigt zu werden, etwas mit dem Überfall zu tun zu haben.
Der Kommissar zeigt sich aber doch sehr einfühlsam und verweist im freundlichen Ton darauf, dass er die Fragen aus dienstlichen Gründen stellen müsse – reine Routine.
Als die Spusi schließlich ihre Arbeit beendet hat, dürfen Bettina und Wolfgang kurz die Räume betreten. Wolfgang lässt sich auf seinen Bürostuhl fallen und bleibt wie versteinert sitzen.
Sein Blick ist starr, als sei er gedanklich in eine andere Welt abgetaucht, um diesem Anblick zu entfliehen.
Doch als er plötzlich ruckartig seine linke Hand geballt auf seine Brust drückt, greift Bettina eilig ihr Handy und ruft ihren Hausarzt an, der in derselben Straße eine internistische Praxis betreibt. Wohl im Bilde, was Wolfgangs gesundheitlichen Probleme betrifft, versorgt er ihn nur kurze Zeit später mit einer stärkenden Infusion. Nach zehn Minuten geht es ihm sichtbar besser. Dennoch kann der Arzt nicht umhin, ihm mitzuteilen: „Wolfgang, du brauchst dringend Erholung, nicht irgendwann, sondern jetzt!“
Bettina versucht verkrampft, ihre Gedanken zu sortieren, als der Kommissar sie auffordert, in den Nebenraum zu gehen, um dem Anblick der Verwüstung zu entgehen.
In der Personalküche finden sie die notwendige Ruhe.
Blass hat Wolfgang auf einem bequemen Stuhl Platz genommen, ein Glas Wasser griffbereit vor sich. „Möchte jemand einen Tee? Schwarzen Tee, Pfefferminztee oder Rooibos?“, fragt Bettina.
Bettina versucht es mit „business as usual“, schaut dabei aber ängstlich auf ihren Mann, der ebenso wie sie vollkommen neben sich steht. Was hat der Übeltäter bloß gesucht? Geld, okay. Aber das fand er doch im Safe! Warum also das restliche Chaos? Man konnte doch kein weiteres Geld erwarten. Insider wissen außerdem, dass am Abend die Kasse im Safe verschwindet.
Hatte der Täter noch weitere Wertgegenstände oder gar Informationen gesucht?
War es womöglich Werksspionage? Ach, nein, das erscheint allen doch ein wenig hoch gegriffen. War es unter Umständen gar kein Insider?
Bettina und ihr Mann sind sich keiner Feinde bewusst und haben in der Vergangenheit auch niemanden übervorteilt.
...
Endlich Freizeit! Bettina und Wolfgang haben ihn lange ersehnt, den Urlaub am Meer. Sie lieben ihre Arbeit in Kassel, aber nachdem ihre Töchter Michèle und Hannah vor drei Jahren flügge geworden sind, haben sie ihre Firma in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt.
Ihr Betrieb ist mit sechs Mitarbeitern relativ klein; dennoch bleibt für Bettina und Wolfgang viel Arbeit zu verrichten. Ihre Tage sind meistens sehr lang, selten verlassen sie ihr Büro vor 20 Uhr.
Vor wenigen Monaten hat Wolfgang auf Drängen seiner Frau seine langjährige Sekretärin Sarah unter dem Vorwand entlassen, Bettina wolle nun selbst diese Arbeit übernehmen. Ihren Mann davon zu überzeugen, hatte Bettina viel Geschick abverlangt, doch sie war nicht nur sehr sicher, sondern auch fest entschlossen, eine Affäre zwischen Wolfgang und Sarah entlarvt zu haben, nachdem beide zusammen drei Tage auf einer Messe in Hannover ausgestellt hatten. Den Beweis dafür konnte sie indes nie erbringen.
Es war vermutlich eine große Portion Eifersucht im Spiel, denn Sarah war eine sehr attraktive Frau. Ihr leicht gewelltes blondes Haar fiel locker auf ihre Schultern und umrahmte dabei ihr ebenmäßiges Gesicht mit den großen blaugrünen Augen und dem verlockend geschminkten Mund. Niemand sah ihr die bereits erreichten siebenundfünfzig Lebensjahre an.
Damit bildete sie rein äußerlich betrachtet einen Gegenpart zu Bettina, die mit ihren fünfundfünfzig Jahren zwar nahezu gleichaltrig war, aber mit ihrem selbst gefärbten knallroten Kurzhaarschnitt, der meistens nach Friseur, Pflegeshampoo und Bürste schrie, eher sportlich daherkam. Vermutlich hatten Bettinas Lippen nie einen Lippenstift, nicht einmal einen Pflegestift gesehen. Das Ganze paarte sie gerne mit Oversize-Kleidung, genau genommen mit einem nichtssagenden Schlabberlook, was die Frage offenließ, ob Bettina einfach ungepflegt war oder bewusst ein Statement setzen wollte.
Wolfgang hatte dieses Misstrauen seiner Frau verletzt, aus seiner Sicht hatte es dafür keinen Grund gegeben. Andererseits hatte ihm der Gedanke gefallen, dass Bettina um ihn zu kämpfen schien. Er erkannte, dass er Bettina ein wenig aus dem Blickfeld verloren und im Laufe der Jahre vergessen hatte, sie als Frau zu betrachten. Sie versorgte den Haushalt gut, die Küche war immer aufgeräumt, seine Oberhemden stets gebügelt. Alles lief scheinbar bestens.
Bettina selbst kam gar nicht auf den Gedanken, sie könne eifersüchtig sein. Sie war der Meinung, nur einer inneren Eingebung gefolgt zu sein. Weibliche Intuition oder Verlustängste? Beides führt zuweilen auf falsche Fährten.
Mit Sarahs Kündigung schien die Sache geklärt. Doch Bettina sollte sich täuschen, denn bei Sarah entwickelte sich zunehmend eine Form von Rachegelüsten, fand sie doch in Kassel und Umgebung keinen adäquaten Job mit so viel Eigenständigkeit, Verantwortung und so guter Bezahlung wie bei Wolfgang. Sie hasste Großraumbüros, wollte doch keine bedeutungslose Nummer in einem großen Betrieb sein.
Es ging ihr nicht gut, seit ihr gekündigt worden war. Ihr fehlten die freundliche, familiäre Atmosphäre, der Respekt und die Anerkennung ihrer Vorgesetzten.
Sie mochte Wolfgang sehr, verehrte ihn förmlich, aber ihn lieben? Nein, das tat sie wahrlich nicht!
Deshalb war ihr auch nie in den Sinn gekommen, Bettina könne eifersüchtig sein.
Eigentlich verschwendete Sarah keine Gedanken an Bettina, da diese nie im Betrieb präsent war und außerdem in ihrer eigenen Welt zu leben schien.
Wenn Wolfgang sich auch in einem gewissen Maße ärgerte, Sarah als kompetente Arbeitskraft verloren zu haben, so war er rein wirtschaftlich betrachtet sogar froh darüber, auf diese Weise seine finanzielle Lage begünstigen zu können.
Die Geschäfte liefen erträglich, doch nachdem der russische Absatzmarkt für ihn entfallen war, wurde seine wirtschaftliche Lage immer problematischer, und neue Absatzmärkte zu rekrutieren, erwies sich in der derzeitigen Situation als extrem schwierig.
Wolfgangs familiäre Verbindungen nach Rostow am Don hatten ihm im Laufe der Jahre zu einem vermeintlich stabilen und überaus profitablen Absatzmarkt verholfen.
In regelmäßigen Abständen hatten Bettina und er berufliche Anlässe für Besuche bei ihren Verwandten in Rostow genutzt. Dazu gehörten Spaziergänge in der Bol’shaya Sadovaya Straße, dem „Broadway“ von Rostow, mit dem Rathaus und vielen weiteren beachtlichen Gebäuden. Daneben luden interessante Geschäfte zum Kaufen ein. Dort zu flanieren, war stets Bettinas Lieblingsbeschäftigung gewesen, während Wolfgang sich in der Zeit häufig mit wichtigen Kunden zum Abendessen getroffen hatte.
Schöne Erinnerungen an wunderbare Reisen und zauberhafte Erlebnisse, angenehme Erinnerungen an für sie wirtschaftlich florierende Zeiten.
Neben Sarah mussten sie zwei weitere Mitarbeiter aus der Produktion entlassen, da die Auftragslage deren Beschäftigung nicht mehr zuließ.
Es stand zwar noch keine Insolvenz im Raum, doch ihr finanzielles Polster, das sie sich im Laufe der letzten fünfunddreißig Jahre nicht zuletzt durch Sparsamkeit zugelegt hatten, schmolz sichtlich dahin.
Aufgrund der allgemeinen Rezession in Europa und damit auch in Deutschland war es ein schlechter Zeitpunkt für einen möglichen Verkauf des Geschäftes. So beschloss Wolfgang, die Produktion von Regalwänden und Schränken für geschäftliche Zwecke herunterzufahren und sich stattdessen stärker auf die Ausgestaltung von Geschäftsräumen auf innenarchitektonischer Basis zu spezialisieren, um dann in einigen Jahren in den Ruhestand gehen zu können.
Nach einer Tischlerlehre hatte Wolfgang in jungen Jahren Innenarchitektur studiert, weil sein Vater es partout so wollte. Wenngleich Wolfgang das Studium auch nach sechs Semestern abgebrochen hatte, so konnte er doch in seinem späteren Geschäft durchaus davon profitieren.
Getreu dem Motto „Pläne braucht der Mensch“ hatte Wolfgang Bettinas und sein Leben von vorne bis hinten durchgeplant. Bettina liebte ihn dafür und war selbst nach sechsundzwanzig Ehejahren noch voller Bewunderung für ihren gutaussehenden und erfolgreichen Mann. Sie folgte ihm gern in seinen Entscheidungen. Von seinem nahenden Ruhestand erhoffte sie sich mehr Aufmerksamkeit für sie als Frau und Ehefrau, denn die emotionale Nähe war im Laufe der Jahre auf der Strecke geblieben. Hatte Wolfgang früher schöne Dessous an ihr geliebt, die er ihr sogar selbst geschenkt hatte, so blieben selbige nun schon seit Längerem ohne Wirkung. Wolfgang nahm sie gar nicht mehr wahr.
Hier sah Bettina plötzlich Handlungsbedarf und entwickelte schon so manche Idee, ihr Eheleben zu bereichern, vor allem angesichts der hoffentlich gerade abgewendeten Affäre ihres Mannes mit Sarah. Zu diesem Plan gehörte auch, dass sie beide nach nunmehr drei Jahren Umgestaltung der Firma für drei Wochen die Verantwortung ihrem Mitarbeiter Knut übergeben wollten. Knut gehörte gefühlt zum Inventar des Hauses, arbeitete er doch schon dreiundzwanzig Jahre für Wolfgang und war somit in alle Prozesse eingeweiht und daran gewöhnt, selbstständig zu arbeiten.
Als Zeichen der Wertschätzung und des Vertrauens hatte Wolfgang ihm anlässlich seines zwanzigsten Dienstjubiläums offiziell Prokura erteilt. Nach der Erhöhung zum Prokuristen und dem Eintrag ins Handelsregister war er nun auch zu gerichtlichen und außergerichtlichen Geschäften und Rechtshandlungen berechtigt.
Kapitel 2
Es ist 6 Uhr, der Wecker holt sie aus ihrem Tiefschlaf:
Urlaub, endlich Urlaub.
Bettina hüpft in ihre Küche, drückt auf den Kopf der Kaffeemaschine, um dann im Bad zu verschwinden. Heiße Dusche, kalte Dusche; erfrischt geht sie nur mit einem Bademantel bekleidet zurück in die Küche, um sowohl das Frühstück als auch die Lunchpakete für die Pausen auf ihrem Weg nach Rügen vorzubereiten.
Wolfgang liebt eher die raue Nordsee: Ebbe und Flut, kräftige Westwinde, leichten Regen mit Sturm, dazu eine Baseballkappe und eine wasserdichte Jacke – für ihn ein absoluter Hochgenuss. SPO, St. Peter-Ording: Strand so weit man schaut, etwa zwölf Kilometer lang mit feinkörnigem Sand und von einer unvorstellbaren Breite. Bei Ebbe laden die vorgelagerten Wattflächen zum Erfrischen und Entdecken einer einzigartigen Flora und Fauna ein. Das Watt lebt!
Doch Wolfgangs Argumente konnten Bettina dieses Mal nicht überzeugen. Das liegt vermutlich an ihrer Oma Erna, die ihr ganzes Leben auf Rügen verbracht hat. Jeden Sommer hatte Bettina als Kind ihre Ferien bei Oma Erna verbringen dürfen. Rügen – das ist Oma, Oma – das ist Rügen.
Während Wolfgang noch sein spärliches Haar nach dem Duschen sortiert und dem Bart den letzten Schliff gibt, zieht Bettina ihre neue Jeans mit der passend gestreiften Bluse an, die sie eigens für diesen Urlaub erstanden hat. Sie betitelt das Outfit als ihre persönliche Urlaubsvorbereitung. Es war tatsächlich eine gute Entscheidung, weil diese neue Jeans wie auch die Bluse weder ausgeblichen noch verwaschen sind und sogar ihrer tatsächlichen Konfektionsgröße entsprechen.
Noch schnell die Oberbetten und die Kopfkissen über das Balkongeländer, die Laken glatt gestrichen und die Nachtwäsche in den Wäschekorb.
Bevor Wolfgang sich komplett angekleidet hat, ist das Schlafzimmer in Ordnung und alle Fenster abreisebereit verschlossen.
Um ihrer Vorfreude Ausdruck zu verleihen, versucht Bettina, ihren Mann liebevoll in den Arm zu nehmen, und Wolfgang lässt es zu. Zärtlich flüstert sie ihm ins Ohr, wie sehr sie sich darüber freue, dass er Rügen zugestimmt habe. Leicht steif und scheinbar außer Übung hält Wolfgang still – vermutlich hat er gar keine Wahl um des lieben Friedens willen.
Genussvoll, wenn auch bereits ein wenig gehetzt, trinkt Bettina ihre zweite Tasse Kaffee aus, während Wolfgang bedächtig seinen Rooibos-Vanille-Tee, mit etwas Süßstoff gezuckert, schlürft – sein Ritual eben. Während eines einmonatigen Praktikums in Tokio hat er gelernt, Tee richtig zu genießen. Wenn er des Rituals wegen belächelt wird – und das geschieht immer wieder –, dann lächelt er gekonnt stoisch und erklärt: „Meine Frau macht für ihre Entspannung Yoga im Garten, ich trinke dafür einfach Tee.“ Dem etwas hinzuzufügen, wagt kaum jemand.
Die Idylle wird plötzlich durch den schrillen Ton des Telefons gestört. „Lass es doch klingeln, Liebling, wir sind doch fast schon ‚on the road‘ nach Rügen!“
Doch wieder und wieder das schrille Klingeln des Festnetzes. Bettina beschleicht plötzlich das Gefühl, es müsse sich doch um etwas Wichtiges handeln.
Ihre Töchter – ist ihnen etwas zugestoßen?
Brauchen sie Hilfe?
Hat Michèle vielleicht ein Problem?
Gestern ging es ihr gar nicht gut. Sollte es doch eine Blinddarmentzündung sein?
Ist sie möglicherweise in die Klinik gekommen?
Oder Hannah? Sie ist immer im Stress, läuft stets auf Hochtouren. Ist sie eventuell in der Eile die Treppe hinuntergestürzt wie Bettina selbst vor zwei Jahren? In einem Augenblick der Unaufmerksamkeit lag sie mit gebrochenem Unterschenkel plötzlich am Fuße der Treppe – völlig hilflos, wie sie es grundsätzlich gar nicht gut ertragen kann.
In Sekundenschnelle schießen Bettina die Gedanken wie kleine Blitze durch den Kopf. Offensichtlich ist es auch Wolfgang nicht ganz geheuer, und er entschließt sich, das Telefongespräch doch anzunehmen.
Dabei erkennt er, dass es sich um die Firmennummer handelt.
„Ja, bitte? Knut, du??“
Alle Farbe weicht aus Wolfgangs Gesicht und Bettina ahnt Übles. „Bettina, wir fahren nach Rügen – aber nicht jetzt, nicht heute! Schnell, zieh dich an, wir müssen in die Firma“, stößt er gepresst hervor.
In Windeseile erreichen sie ihre Firmenräume in der Niedervellmarer Straße, wo Knut sie bereits erwartet.
Mit ihnen treffen auch zwei Einsatzwagen der Polizei ein. Aus dem ersten Wagen steigen zwei Personen im weißen Ganzkörperanzug, die Spurensicherung, aus dem anderen ein Polizist in Uniform und ein Kommissar in Zivilkleidung. Welch ein Aufgebot!
Bettina spürt einen Hauch von Übelkeit und nahender Ohnmacht. Ihre Firma, Wolfgangs „Baby“ – wer hat es gewagt, ihr Schaden zuzufügen?
Bettina und Wolfgang eilen zu ihren Büroräumen, dürfen aber nur einen Blick hineinwerfen, damit mögliche Spuren nicht verfälscht werden. Vorschrift!
Blankes Entsetzen, als sie in ihr persönliches Büro schauen: der Tresor geöffnet und offensichtlich leer gefegt, auf dem Boden der Inhalt sämtlicher Schubladen – Stifte, Akten, Ordner …
Auf den Schreibtischen liegt nichts mehr, kein Locher, kein Stempel, nichts. Wie heißt der Hurrikan, der diesen Überfall verursacht hat? Wer hatte ein Interesse daran?
Wolfgang steht wie angewurzelt vor dem Chaos, während Bettina die Tränen über die Wangen laufen. Sie ist nur froh, dass weder Knut noch andere Mitarbeiter verletzt worden sind.
Während die Spusi sofort ihre Arbeit aufnimmt, beginnt der Kommissar mit der Sondierung des Tatortes. Wurde ein Fenster eingeschlagen oder die Eingangstür beschädigt? War das Büro möglicherweise unverschlossen? War es etwa einer der Mitarbeiter? Wer ist im Besitz eines Büroschlüssels und hatte damit unauffällig Zugang zu den Räumen? Und wenn ja, warum? Gibt es einen Hinweis auf die Tatzeit?
Der Computer auf Bettinas Schreibtisch scheint unberührt. Er kann sicher viele Fragen beantworten; deshalb beschlagnahmt der Kommissar ihn, um ihn in seinem Dienstbüro auszuwerten. Schließlich kommt die Frage, die für weitere Übelkeit bei Wolfgang, Bettina und auch bei Knut sorgt: „Wo waren Sie gestern zwischen 18 Uhr und 8 Uhr heute früh?“
Wolfgang und Bettina hatten am Abend zuvor als letzte das Büro verlassen und abgeschlossen, nachdem Knut bereits gut instruiert nach Hause gegangen war. Er hatte es eilig, da seine Ex-Frau überraschend gekommen war. Wahrscheinlich war sie wieder klamm und brauchte Geld. Wenn das der Fall war, tauchte sie immer bei Knut auf, der ihr, gutmütig wie er war, stets aus der Patsche half. Es ärgerte ihn zwar selbst, aber ihre Bitte abzulehnen, vermochte er auch nicht.
Sowohl Bettina und Wolfgang als auch Knut sind nach der Befragung emotional tief bewegt. Es macht sie traurig und wütend gleichzeitig, verdächtigt zu werden, etwas mit dem Überfall zu tun zu haben.
Der Kommissar zeigt sich aber doch sehr einfühlsam und verweist im freundlichen Ton darauf, dass er die Fragen aus dienstlichen Gründen stellen müsse – reine Routine.
Als die Spusi schließlich ihre Arbeit beendet hat, dürfen Bettina und Wolfgang kurz die Räume betreten. Wolfgang lässt sich auf seinen Bürostuhl fallen und bleibt wie versteinert sitzen.
Sein Blick ist starr, als sei er gedanklich in eine andere Welt abgetaucht, um diesem Anblick zu entfliehen.
Doch als er plötzlich ruckartig seine linke Hand geballt auf seine Brust drückt, greift Bettina eilig ihr Handy und ruft ihren Hausarzt an, der in derselben Straße eine internistische Praxis betreibt. Wohl im Bilde, was Wolfgangs gesundheitlichen Probleme betrifft, versorgt er ihn nur kurze Zeit später mit einer stärkenden Infusion. Nach zehn Minuten geht es ihm sichtbar besser. Dennoch kann der Arzt nicht umhin, ihm mitzuteilen: „Wolfgang, du brauchst dringend Erholung, nicht irgendwann, sondern jetzt!“
Bettina versucht verkrampft, ihre Gedanken zu sortieren, als der Kommissar sie auffordert, in den Nebenraum zu gehen, um dem Anblick der Verwüstung zu entgehen.
In der Personalküche finden sie die notwendige Ruhe.
Blass hat Wolfgang auf einem bequemen Stuhl Platz genommen, ein Glas Wasser griffbereit vor sich. „Möchte jemand einen Tee? Schwarzen Tee, Pfefferminztee oder Rooibos?“, fragt Bettina.
Bettina versucht es mit „business as usual“, schaut dabei aber ängstlich auf ihren Mann, der ebenso wie sie vollkommen neben sich steht. Was hat der Übeltäter bloß gesucht? Geld, okay. Aber das fand er doch im Safe! Warum also das restliche Chaos? Man konnte doch kein weiteres Geld erwarten. Insider wissen außerdem, dass am Abend die Kasse im Safe verschwindet.
Hatte der Täter noch weitere Wertgegenstände oder gar Informationen gesucht?
War es womöglich Werksspionage? Ach, nein, das erscheint allen doch ein wenig hoch gegriffen. War es unter Umständen gar kein Insider?
Bettina und ihr Mann sind sich keiner Feinde bewusst und haben in der Vergangenheit auch niemanden übervorteilt.
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