Auf der anderen Seite der Zeit
EUR 28,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 352
ISBN: 978-3-7116-1100-0
Erscheinungsdatum: 12.12.2025
Die dramatische Suche nach dem 15. Teil des Corpus Hermeticum führt von der Bibliothek Emma Destinns über den Prager Anwalt Karel Hartmann, der im Holocaust starb, bis zu geheimen Zeichen an Prager Hauswänden – und der Frage: Wo ist das Werk?
I
Arthur Riegerbaum beobachtete, wie sich der Sarg mit dem Leichnam seines langjährigen Freundes am Kopfende der Zeremonienhalle des Krematoriums in Prag-Strašnice in einen Vorhang hüllte. Der Sarg bewegte sich zwar nur langsam, aber doch schneller, als es das Leben seines Freundes verdient gehabt hätte. Das Schluchzen der Hinterbliebenen nahm noch an Lautstärke zu, je mehr ihnen bewusst wurde, dass dies unwiderruflich der letzte Moment war, wo sie diesen Menschen, dem sie in Liebe zugetan gewesen waren, würden sehen können, wenn auch nur hinter dem Holzbeschlag eines massiven Sarges. Sobald der Vorhang herabfuhr, würde die physische Existenz dieses kürzlich Verstorbenen ihr definitives Ende gefunden haben.
Es schien beinahe so, als ob das Krematorium die Verstofflichung des Todes und der Angst vor diesem präsentiere. Marmor und Messing vermittelten einen unerbittlichen, grausamen, unbarmherzigen und kompromisslosen Eindruck. Es war unmöglich, an diesem Ort an etwas anderes zu denken als an das Ende des Lebens, nicht nur des Lebens des Verstorbenen, von dem sich die Trauergäste gerade im Begriff waren zu verabschieden, sondern auch an das Ende ihres eigenen Lebens. Selbst die beißend kalte Luft roch nach Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit.
Das Gebäude an sich besaß auch nicht den Hauch von Transzendenz. Seine Architektur schien vielmehr für die Überzeugung zu stehen, dass das Leben nur die Aufeinanderfolge chemischer und physikalischer Prozesse ist, die ihrerseits den eisernen Gesetzen der Natur unterworfen sind; für die Überzeugung, dass die Existenz des Menschen sich auf einen nur kurzen Aufenthalt in dieser Welt beschränkt, ihr jedoch kein höherer Sinn innewohnt, ja dass ihr im Grunde keinerlei Bedeutung zukommt.
In solchen Momenten kam Arthur zu Bewusstsein, dass es Situationen gab, in denen ihm niemand helfen konnte. Als Kind hatte er geglaubt, dass er – mochten die Probleme auch noch so groß sein – stets auf die Hilfe seiner Mutter würde zählen können. Später stellte er fest, dass viele Probleme mit Hilfe von Freunden, Bekannten oder Geld gelöst werden konnten. Der Tod aber erwies sich als ein Problem, bei dem ihm niemand helfen konnte. Auch er selbst war diesem Gegner gegenüber hilflos ausgeliefert. Und genau diese Hilflosigkeit war es wohl, die für ihn das Bedrückendste an dieser ganzen Zeremonie war.
Arthur kannte Robert, dessen Körper in wenigen Minuten in einen mehrere hundert Grad heißen Ofen geschoben werden würde, schon seit seinem Jurastudium. In dieser Zeit und auch noch Jahre danach hatte sie eine enge Freundschaft verbunden. Doch dann hatte es Robert in eine andere, Arthur unbekannte Welt gezogen, und von da an empfand Arthur ihre gelegentlichen Treffen eigentlich nur noch als unangenehm.
Nun aber hatte Arthur den Kontakt zu Robert endgültig verloren. Er verlor mit ihm einen ihm ehemals nahestehenden Menschen, der ihm aber im Moment seines Fortgangs aus der sichtbaren Welt im Grunde fremd geworden war. Einen engen Freund zu verlieren, war für Arthur nichts Neues. In den letzten zehn Jahren hatte er diese Erfahrung ein ums andere Mal machen müssen. Diese Freunde waren jedoch nicht wie Robert für immer in einem monströsen, glühend heißen Ofen verschwunden, vielmehr hatten sie sich allmählich von Arthur entfremdet, und er sich von ihnen. Gemeinsame Themen und Interessen gab es irgendwann nicht mehr. Geblieben waren nur noch die Erinnerungen an alte Zeiten, aber die waren nicht immer ganz angenehm.
Treffen und Gespräche mit ehemals engen Freunden hatten Arthur mehr und mehr gelangweilt, aber mehr und mehr hatten umgekehrt auch sie sich mit Arthur gelangweilt. Selbst Menschen, die gemeinhin für interessant befunden wurden, empfand Arthur nur als Verkäufer aufpolierter Banalitäten. Im Laufe der Zeit waren hinter seinen ehemaligen Freunden unsichtbare geistige Vorhänge niedergegangen, nicht anders als der sichtbare Vorhang, der vorhin hinter dem Sarg mit Roberts Leichnam heruntergefahren war.
Mit diesen Gedanken betrat Arthur, aus dem Zeremoniensaal kommend, den nicht weniger bedrückenden Raum mit der ewigen Flamme. Ein wenig verlegen grüßten ihn die anderen Trauergäste, und er grüßte verlegen zurück. Sie standen nervös vor dem Krematorium, denn sie wussten nicht, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollten. Sollten sie schnell von hier verschwinden und damit ihre mehr als schwache Bindung zu Robert definitiv beenden, oder sollten sie sich mit den anderen unterhalten, um so nach außen hin ihre Trauer zu bekunden?
Arthur versuchte sich zu erinnern, ob er sie schon einmal gesehen hatte oder ob es ihm unbekannte Menschen waren, deren Weg sich hier nur infolge von Roberts Tod mit dem seinen gekreuzt hatte. Tatsächlich aber handelte es sich bei ihnen zu einem großen Teil um ehemalige Kommilitonen von der Fakultät, die er aber kaum wiedererkannte. Er versuchte, die schwarzen Faltenfächer um ihre Augen und das in gewisser Weise unsichtbare Gewicht, das sie mit überwältigender Schwere in Richtung Boden drückte, zu ignorieren.
Als er an einer Frau vorüberging, die viel älter zu sein schien als er selbst, schaute sie ihm direkt ins Gesicht und grüßte ihn.
»Kannst du dich noch an mich erinnern?«, fragte sie.
Und ja, sie kam Arthur tatsächlich bekannt vor, aber woher er sie kannte, war ihm schleierhaft. »Na klar«, log er.
»Ich bin Dana, wir waren zusammen im selben Jahrgang«, sagte sie.
Dana war früher offenbar sehr hübsch gewesen, jetzt aber fielen bei ihrem Anblick neben gewissen Alterserscheinungen auch diverse hässliche Schwellungen ins Auge, die ihre Finger wie kleine speckige Würstchen aussehen ließen.
»Ja, ich weiß«, heuchelte Arthur weiter und versuchte dabei vergeblich, an irgendetwas zu denken, das ihn mit dieser Frau, die – wie er jetzt wusste – Dana hieß, verband. Doch da sein Gedächtnis ihn hier hoffnungslos im Stich ließ, war er dazu verurteilt, dieses Spiel mit unbekanntem Spieler auf unbekanntem Terrain weiterzuspielen.
»Hast du dich später noch öfter mit Robert getroffen?«, fragte Dana.
»In letzter Zeit nicht mehr so oft«, antwortete Arthur wahrheitsgetreu.
»Weißt du, woran er gestorben ist?«
»Ich habe keine Ahnung«, log Arthur zum dritten Mal, wie Petrus, als er Christus verleugnete.
»Ich dachte immer, du würdest ihn gut kennen«, sagte Dana in einem Ton, der diesen Satz eher wie eine Frage klingen ließ.
Arthur fragte sich, ob das wirklich so war. Ob er Robert also tatsächlich gekannt hatte. Aber wie hätte er ihn auch kennen können? Ja, er kannte seinen Namen und sein Gesicht. Er kannte seinen Beruf, er kannte viele Geschichten, die Robert allein oder mit Arthur zusammen erlebt hatte. Er kannte alle seine Ansichten. Er war mit allen seinen Bewegungen vertraut, und er wusste im Voraus, wie sein Freund in einer bestimmten Situation reagieren würde. Aber Roberts wirkliches Ich war für ihn genauso wie für alle anderen Menschen auf der Welt immer im Dunkel geblieben.
Niemand außer Robert selbst konnte wissen, was tief in ihm verborgen war – dort, wo er sich seiner selbst bewusst war, an jenem Ort, der sich, so glauben wir jedenfalls, irgendwo hinter unseren Augen befindet. Dort nämlich konzentriert sich unsere Wesenheit, wenn wir unsere Augen schließen und versuchen, unsere Umgebung nicht wahrzunehmen. Eigentlich aber spielt sich dies nur in unserer Vorstellung ab, die sich wiederum jeder Beschreibung in Worten entzieht.
Den echten Robert konnte man nicht sehen. Man sah seine Gestalt, hörte seine Stimme, beobachtete seine Bewegungen, spürte seine Berührungen, doch nie konnte man ihn wirklich sehen. Das Gleiche galt aber ebenso für Arthur. Er sah sich im Spiegel und hörte seine Stimme, aber war er es wirklich? Nein. Der echte Arthur war ein Fremder, der in seiner inneren Welt wohnte, der sich hin und wieder irgendwo zeigte und den Arthur für eine Selbstverständlichkeit ansah.
Wenn man bei der Frage »Wer bin ich?« auf seinen Beruf verweist, ist dies keine Antwort auf die Frage, wer man ist, sondern auf die Frage, was man macht. Beantwortet man diese Frage mit einer Beschreibung seines Aussehens, so ist auch dies keine Antwort, sondern lediglich eine Beschreibung der physischen Körpermerkmale. Die einzig richtige Antwort klingt etwas dümmlich: Ich bin, der ich bin.
Roberts physischer Körper hatte viele Veränderungen durchlaufen, mit unübersehbaren Ergebnissen. Die größte Veränderung fand zweifellos genau in jenen Momenten statt, als er durch die enorme Hitze zu Staub zerfiel. Alle Zellen sowie alle Atome und alle Moleküle, aus denen diese Zellen bestanden, waren im Laufe seines Lebens mehrmals ausgetauscht worden. Er starb nicht mit demselben Körper, mit dem er geboren worden war. Sein Bewusstsein aber hatte die ganze Zeit über fortbestanden. Daher konnte es nicht an seinen physischen Körper gebunden sein. Doch existierte es auch noch nach seiner vollständigen physischen Auflösung?
Wer hat in seinen mittleren Jahren nicht schon mal in den Spiegel geschaut und dabei nicht das Gefühl gehabt, noch in seinen Zwanzigern zu sein? Und wer hat sich nicht schon einzureden versucht, dass dieser runzelige und mehr und mehr abbauende Körper nicht wirklich er selbst sei? Der wirkliche Robert war kein alternder Körper, der in der verrinnenden Zeit gefangen war. Er war etwas anderes. Der wirkliche Robert war Roberts Bewusstsein.
Man weiß von niemandem, der Bewusstsein je gesehen hat. Daher glauben viele Menschen, dass es so etwas gar nicht gibt. Sie sind überzeugt, dass in der Maschine des Körpers ganz einfach kein Geist existiert. Dabei kann Bewusstsein weder gemessen noch beobachtet werden.
Die Leute gehen gemeinhin davon aus, dass sich der Sitz des Bewusstseins in unserem Kopf befindet. In dem aber befindet sich – technisch gesehen – nur das Gehirn. Wir werden dort weder Gedanken noch Ideen finden, nur die graue Substanz der Großhirnrinde und die Hirnmasse.
Die Immaterialität des Bewusstseins ist jedoch kein Argument gegen seine Existenz. Sie ist eine seiner Eigenschaften. Nicht anders als andere Menschen lebte auch Robert in zweierlei Welten. Die eine dieser Welten existierte in Raum, Zeit, Materie und Bewegung, die andere, die man als spirituell, psychisch, mental oder geistig bezeichnen könnte, war geheimnisvoll, unerkannt und vielleicht sogar unerkennbar.
»Ja, das stimmt, ich habe ihn gut gekannt«, erwiderte Arthur, nachdem er seinen Gedanken über Robert nachgehangen hatte. Dana begann daraufhin mit einer ebenso uninteressanten wie verworrenen Schilderung ihres letzten Treffens mit Robert. Die verlegene Atmosphäre unter den vor dem Zeremoniensaal stehenden Trauergästen wurde von einem von Roberts und damit auch von Arthurs ehemaligen Kommilitonen unterbrochen, der vorschlug, dass jetzt alle in das Restaurant gehen sollten, das sich in dem neuen Gebäude auf der anderen Straßenseite befand. Alle nahmen diesen Vorschlag freudig auf, denn damit war ihr Dilemma, ob sie schon gehen oder weiterhin nervös herumstehen sollten, um ihre Anteilnahme an Roberts frühem Tod zum Ausdruck zu bringen, gelöst.
Schon wenige Minuten später hatten alle an einem langen Tisch Platz genommen, der auf ihre rund zwanzigköpfige Gruppe geradezu gewartet zu haben schien. Das Gespräch nahm nun eine zunehmend entspanntere und ungezwungenere Form an. Einige bestellten ein Glas Wein, was den anfangs pietätvollen Charakter der Konversation nach einer Weile zu einem eher ausgelassenen mutieren ließ.
»Ich nehme noch ein Gläschen«, sagte Dana und schaute dabei in Richtung des Kellners.
»Ich liebe Wein«, reagierte darauf die Frau, die Dana gegenüber saß und deren Namen Arthur schon vergessen oder vielleicht auch nie gekannt hatte. Obwohl sie etwas korpulenter war, legte sie offensichtlich großen Wert auf ihr Äußeres. »Am liebsten mag ich den süßen Mährischen Muskat.«
»Das ist kein normaler Muskat, das ist ein Mährischer Muskat«, warf daraufhin der neben Dana sitzende Gast ein, bei dem es sich angeblich ebenfalls um einen von Arthurs Kommilitonen handelte. Er war im Gegensatz zu Dana von außergewöhnlich hagerem Körperbau, und sein Gesicht bestand im Grunde nur aus einer riesigen Brille. Man hätte in ihm eher einen Techniker als einen Absolventen der juristischen Fakultät vermutet.
»Ach wirklich? Bei uns in der Vinothek heißt er Mährischer Muskat«, erwiderte die Süßweinliebhaberin, die in diesem Punkt nicht klein beigeben wollte.
»Heutzutage nennt man ihn eher Mährischer Muskat«, dozierte Arthurs Kommilitone mit ernster Miene.
»Wie ich sehe, kennst du dich ja richtig gut aus«, antwortete die Frau nicht ganz ohne Koketterie.
»Ich kaufe Wein am liebsten in großen Flaschen«, fuhr der Mann in souveränem Ton fort.
»Aber die Flaschen sind doch alle gleich, oder?«
»Von wegen. Ist es beispielsweise eine Flasche mit der doppelten Standardmenge von 0,75 Litern, nennt man sie Magnumflasche. Einmal habe ich sogar eine 15-Liter-Flasche, eine sogenannte Nebukadnezar, gekauft.«
»Wie war das?«
»Nebukadnezar. Wie dieser ägyptische Pharao.«
»Das höre ich jetzt zum ersten Mal«, antwortete die Frau, die die ganze Diskussion angeschmissen hatte.
»War das nicht irgend so ein babylonischer König?«, mischte sich ein Mann ein, der bis dahin noch kein Wort gesagt hatte und der Arthur ebenfalls bekannt vorkam. Er war eher klein von Wuchs und hatte ein runzeliges Gesicht, was ihm einen gewissen Eindruck von Männlichkeit verlieh. Und obwohl er fast schon alle seine Haare verloren hatte, sah er doch ungewöhnlich jugendhaft aus.
»Ja, kann sein«, sagte der Weinkenner und beendete damit diesen Teil des Gesprächs.
Die Oberflächlichkeit der Debatte stand in krassem Gegensatz zu der Absolutheit und Unwiderruflichkeit des Ereignisses, dessen Zeugen sie vor gerade mal einer halben Stunde gewesen waren. Wie Arthur aus den weiteren Gesprächen seiner Tischnachbarn entnehmen konnte, waren die meisten von ihnen – wie er selbst – Rechtsanwälte. In der Zeit, als Arthur und Robert ihr Jurastudium beendet hatten, stand der Anwaltsberuf, galt er doch als überaus attraktiv und erstrebenswert, hoch im Kurs.
Die meisten von ihnen hatten daher mit mehr oder weniger großem Erfolg versucht, sich in diesem Beruf einen Namen zu machen. Mit jedem Gläschen Wein mehr, das der Kellner servierte, wurden die hier feilgebotenen Geschichten, die man zusammen mit Robert erlebt hatte, immer weniger, stattdessen drehte sich das Gespräch nun in zunehmendem Maße um die Erfolge der Anwaltskanzleien von Arthurs ehemaligen Kommilitonen und um deren aktuelle Fälle, und das war etwas, was Arthur schon immer unweigerlich rasend gemacht hatte. Sie glichen sich alle wie ein Ei dem anderen. Es handelte sich dabei stets um komplexe Fälle, die der jeweilige Erzähler trotz diverser Widrigkeiten – zumeist natürlich mit Erfolg – abgewickelt hatte.
Ein gewisses Maß an Prahlsucht scheint den meisten Rechtsanwälten eigen zu sein. Das beginnt schon während des Studiums und erreicht um das dreißigste Lebensjahr herum seinen Höhepunkt, um dann glücklicherweise langsam nachzulassen. Diese Prahlsucht verschwindet jedoch nie so ganz. Hin und wieder traf Arthur ehemalige Kommilitonen, die ihm von Wohnungen, Häusern und Autos erzählten, die sie gekauft hatten, die sie gerade dabei waren zu kaufen oder die sie vorhatten zu kaufen. Arthur musste sich dann stets ein wenig Neid eingestehen. Neid nicht so sehr auf diese Wohnungen, Häuser und Autos, die er sich nie würde leisten können, sondern vielmehr darauf, dass diese Dinge ihnen allem Anschein nach echte Lebensfreude bescherten, und Lebensfreude empfand Arthur nicht.
Trotz des prahlerischen Geredes der meisten Trauergäste stellte Arthur schon bald fest, dass sie am Ende nicht erfolgreicher waren als er selbst, ja dass sie ebenso müde, trübsinnig und desillusioniert waren.
Das Einzige, was Arthur am Gerede seiner Kommilitonen, das sich inzwischen längst nicht mehr um Robert drehte, wirklich faszinierend fand, war die ihm nun dämmernde Erkenntnis, dass er in Wirklichkeit Zeuge wurde, wie Robert gerade ein zweites Mal dabei war zu sterben. Es war das allmähliche Vergessen seiner Person und sein allmähliches Verschwinden aus dem Gedächtnis der Lebenden. In ein paar Jahren würde dieser Prozess abgeschlossen sein, und von Roberts kurzem Aufenthalt in dieser Welt würde nichts zurückbleiben. Und das gleiche Schicksal würde auch all jene ereilen, die jetzt mit Arthur zusammen an diesem Tisch saßen, auch Arthur selbst. Das Einzige, das sie Robert voraushatten, war ein gewisser Aufschub.
Von Robert wird nur ein Grabstein mit Namen und Geburts- und Sterbedatum bleiben. Zwischen diesen Daten wird auf jeden Fall ein Gedankenstrich stehen. Ein Gedankenstrich, in den Roberts gesamtes Leben, ja im Grunde auch seine gesamte Persönlichkeit hineinpassen muss. Es ist traurig, aber wahr, dass die meisten Leben auf einen solchen Gedankenstrich zusammenschrumpfen.
Im Laufe der Jahrtausende haben mehr als 100 Milliarden Menschen auf der Welt gelebt. Sie alle endeten ähnlich wie Robert jetzt, und von den allermeisten von ihnen blieben nur diese Gedankenstriche.
Das Telefon des Weinkenners begann laut zu klingeln. Er erhob sich vom Tisch, um den Anruf in Ruhe entgegennehmen zu können. Ein paar Minuten später kam er zurück und richtete das Wort an alle übrigen Teilnehmer dieser seltsamen Versammlung. »Ich hätte da so einen Fall. Wäre einer von euch vielleicht bereit, ihn zu übernehmen?«, fragte er. Dabei glitt sein Blick über alle, die hier saßen. »Um was geht es denn?«, fragte einer der Anwesenden.
»Ich habe gerade einen Anruf von einem Klienten erhalten. Seine Frau hatte einen Streit mit einem Polizisten. Ist wahrscheinlich nur eine Bagatelle. Normalerweise würde ich das selbst machen, aber wir haben morgen ein Fußballtennis-Turnier in Třebotov. Das will ich nicht verpassen.«
»Ich mach das«, rief Arthur. Er hatte sich vor allem deshalb gemeldet, damit die anderen ihm seine nur schwach ausgeprägte Gesprächigkeit nicht etwa als Arroganz auslegen sollten. »Er soll mich morgen früh in meinem Büro anrufen«, fügte er noch hinzu.
»Danke, hast was gut bei mir«, antwortete der Fußballtennis-Önologe.
Nach ungefähr einer Stunde verabschiedete sich Arthur, wobei er sich mit seiner Arbeit herausredete. Nachdem er und seine neuen Bekannten, die im Grunde ja alte Bekannte waren, einander versprochen hatten, sich irgendwann unbedingt wieder mal zu treffen, begab er sich in seine Kanzlei in der Celetná-Straße.
Die Einzige, die er dort antraf, war seine Assistentin. Für heute standen weder Besprechungen noch Gerichtsverhandlungen auf der Agenda, und so machte der Raum einen ruhigen, ja fast verschlafenen Eindruck. Er zog seine schwarze Krawatte aus und wusch sich das Gesicht, um so wenigstens symbolisch den tragischen Charakter dieses Tages abzuwaschen.
Er betrachtete im Spiegel die runzeligen Klüfte unter seinen Augen. Unwillkürlich bemächtigte sich seiner der Gedanke, dass ein ähnlicher Vorhang wie der, der sich hinter Robert zugezogen hatte, sich in nicht allzu ferner Zukunft auch hinter ihm zuziehen würde. Und zuziehen würde sich nach einiger Zeit auch der Vorhang hinter den Erinnerungen an seine Person. Es war nämlich etwas geschehen, von dem er nie erwartet hatte, dass es je geschehen würde. Seine Altersjahre hatten begonnen.
Anders als viele seiner Kollegen war Arthur kein erfolgreicher, berühmter oder reicher Anwalt. Bislang hatte er nur an gewöhnlichen Fällen gearbeitet, die es nie auf die Titelseiten der Zeitungen oder in Fernsehreportagen hineingeschafft hatten. Keiner seiner Fälle hatte die Chance, in die Liste berühmter Prozesse aufgenommen zu werden, anhand deren die Studenten die Juristerei erlernen.
Ihm war klar, dass sich an dieser Situation für den Rest seines inzwischen keineswegs mehr unvorstellbar langen Lebens auch nichts mehr ändern würde. Berühmt oder reich würde er nicht mehr werden, und das Gericht würde ihm auch weiterhin nur unbedeutende, banale und uninteressante Fälle zuteilen. Außerdem fand er, wenn er auf sein Leben zurückblickte, nichts, auf das er sich hätte stützen können. Er fand nichts, an das er sich wirklich gern und ohne Schmerzen erinnerte. Alles, was er sah, war ein Gewirr aus dahinschwindenden Gesichtern von Menschen, denen er in seinem Leben begegnet war.
Doch damit hatte er sich abgefunden. Er war nicht verzweifelt und auch nicht unglücklich. Er hätte nur nicht sagen können, ob dies einem Mix aus Weisheit und der Ausgeglichenheit des Lebens oder aber der Resignation vor dem Leben geschuldet war.
Arthur Riegerbaum beobachtete, wie sich der Sarg mit dem Leichnam seines langjährigen Freundes am Kopfende der Zeremonienhalle des Krematoriums in Prag-Strašnice in einen Vorhang hüllte. Der Sarg bewegte sich zwar nur langsam, aber doch schneller, als es das Leben seines Freundes verdient gehabt hätte. Das Schluchzen der Hinterbliebenen nahm noch an Lautstärke zu, je mehr ihnen bewusst wurde, dass dies unwiderruflich der letzte Moment war, wo sie diesen Menschen, dem sie in Liebe zugetan gewesen waren, würden sehen können, wenn auch nur hinter dem Holzbeschlag eines massiven Sarges. Sobald der Vorhang herabfuhr, würde die physische Existenz dieses kürzlich Verstorbenen ihr definitives Ende gefunden haben.
Es schien beinahe so, als ob das Krematorium die Verstofflichung des Todes und der Angst vor diesem präsentiere. Marmor und Messing vermittelten einen unerbittlichen, grausamen, unbarmherzigen und kompromisslosen Eindruck. Es war unmöglich, an diesem Ort an etwas anderes zu denken als an das Ende des Lebens, nicht nur des Lebens des Verstorbenen, von dem sich die Trauergäste gerade im Begriff waren zu verabschieden, sondern auch an das Ende ihres eigenen Lebens. Selbst die beißend kalte Luft roch nach Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit.
Das Gebäude an sich besaß auch nicht den Hauch von Transzendenz. Seine Architektur schien vielmehr für die Überzeugung zu stehen, dass das Leben nur die Aufeinanderfolge chemischer und physikalischer Prozesse ist, die ihrerseits den eisernen Gesetzen der Natur unterworfen sind; für die Überzeugung, dass die Existenz des Menschen sich auf einen nur kurzen Aufenthalt in dieser Welt beschränkt, ihr jedoch kein höherer Sinn innewohnt, ja dass ihr im Grunde keinerlei Bedeutung zukommt.
In solchen Momenten kam Arthur zu Bewusstsein, dass es Situationen gab, in denen ihm niemand helfen konnte. Als Kind hatte er geglaubt, dass er – mochten die Probleme auch noch so groß sein – stets auf die Hilfe seiner Mutter würde zählen können. Später stellte er fest, dass viele Probleme mit Hilfe von Freunden, Bekannten oder Geld gelöst werden konnten. Der Tod aber erwies sich als ein Problem, bei dem ihm niemand helfen konnte. Auch er selbst war diesem Gegner gegenüber hilflos ausgeliefert. Und genau diese Hilflosigkeit war es wohl, die für ihn das Bedrückendste an dieser ganzen Zeremonie war.
Arthur kannte Robert, dessen Körper in wenigen Minuten in einen mehrere hundert Grad heißen Ofen geschoben werden würde, schon seit seinem Jurastudium. In dieser Zeit und auch noch Jahre danach hatte sie eine enge Freundschaft verbunden. Doch dann hatte es Robert in eine andere, Arthur unbekannte Welt gezogen, und von da an empfand Arthur ihre gelegentlichen Treffen eigentlich nur noch als unangenehm.
Nun aber hatte Arthur den Kontakt zu Robert endgültig verloren. Er verlor mit ihm einen ihm ehemals nahestehenden Menschen, der ihm aber im Moment seines Fortgangs aus der sichtbaren Welt im Grunde fremd geworden war. Einen engen Freund zu verlieren, war für Arthur nichts Neues. In den letzten zehn Jahren hatte er diese Erfahrung ein ums andere Mal machen müssen. Diese Freunde waren jedoch nicht wie Robert für immer in einem monströsen, glühend heißen Ofen verschwunden, vielmehr hatten sie sich allmählich von Arthur entfremdet, und er sich von ihnen. Gemeinsame Themen und Interessen gab es irgendwann nicht mehr. Geblieben waren nur noch die Erinnerungen an alte Zeiten, aber die waren nicht immer ganz angenehm.
Treffen und Gespräche mit ehemals engen Freunden hatten Arthur mehr und mehr gelangweilt, aber mehr und mehr hatten umgekehrt auch sie sich mit Arthur gelangweilt. Selbst Menschen, die gemeinhin für interessant befunden wurden, empfand Arthur nur als Verkäufer aufpolierter Banalitäten. Im Laufe der Zeit waren hinter seinen ehemaligen Freunden unsichtbare geistige Vorhänge niedergegangen, nicht anders als der sichtbare Vorhang, der vorhin hinter dem Sarg mit Roberts Leichnam heruntergefahren war.
Mit diesen Gedanken betrat Arthur, aus dem Zeremoniensaal kommend, den nicht weniger bedrückenden Raum mit der ewigen Flamme. Ein wenig verlegen grüßten ihn die anderen Trauergäste, und er grüßte verlegen zurück. Sie standen nervös vor dem Krematorium, denn sie wussten nicht, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollten. Sollten sie schnell von hier verschwinden und damit ihre mehr als schwache Bindung zu Robert definitiv beenden, oder sollten sie sich mit den anderen unterhalten, um so nach außen hin ihre Trauer zu bekunden?
Arthur versuchte sich zu erinnern, ob er sie schon einmal gesehen hatte oder ob es ihm unbekannte Menschen waren, deren Weg sich hier nur infolge von Roberts Tod mit dem seinen gekreuzt hatte. Tatsächlich aber handelte es sich bei ihnen zu einem großen Teil um ehemalige Kommilitonen von der Fakultät, die er aber kaum wiedererkannte. Er versuchte, die schwarzen Faltenfächer um ihre Augen und das in gewisser Weise unsichtbare Gewicht, das sie mit überwältigender Schwere in Richtung Boden drückte, zu ignorieren.
Als er an einer Frau vorüberging, die viel älter zu sein schien als er selbst, schaute sie ihm direkt ins Gesicht und grüßte ihn.
»Kannst du dich noch an mich erinnern?«, fragte sie.
Und ja, sie kam Arthur tatsächlich bekannt vor, aber woher er sie kannte, war ihm schleierhaft. »Na klar«, log er.
»Ich bin Dana, wir waren zusammen im selben Jahrgang«, sagte sie.
Dana war früher offenbar sehr hübsch gewesen, jetzt aber fielen bei ihrem Anblick neben gewissen Alterserscheinungen auch diverse hässliche Schwellungen ins Auge, die ihre Finger wie kleine speckige Würstchen aussehen ließen.
»Ja, ich weiß«, heuchelte Arthur weiter und versuchte dabei vergeblich, an irgendetwas zu denken, das ihn mit dieser Frau, die – wie er jetzt wusste – Dana hieß, verband. Doch da sein Gedächtnis ihn hier hoffnungslos im Stich ließ, war er dazu verurteilt, dieses Spiel mit unbekanntem Spieler auf unbekanntem Terrain weiterzuspielen.
»Hast du dich später noch öfter mit Robert getroffen?«, fragte Dana.
»In letzter Zeit nicht mehr so oft«, antwortete Arthur wahrheitsgetreu.
»Weißt du, woran er gestorben ist?«
»Ich habe keine Ahnung«, log Arthur zum dritten Mal, wie Petrus, als er Christus verleugnete.
»Ich dachte immer, du würdest ihn gut kennen«, sagte Dana in einem Ton, der diesen Satz eher wie eine Frage klingen ließ.
Arthur fragte sich, ob das wirklich so war. Ob er Robert also tatsächlich gekannt hatte. Aber wie hätte er ihn auch kennen können? Ja, er kannte seinen Namen und sein Gesicht. Er kannte seinen Beruf, er kannte viele Geschichten, die Robert allein oder mit Arthur zusammen erlebt hatte. Er kannte alle seine Ansichten. Er war mit allen seinen Bewegungen vertraut, und er wusste im Voraus, wie sein Freund in einer bestimmten Situation reagieren würde. Aber Roberts wirkliches Ich war für ihn genauso wie für alle anderen Menschen auf der Welt immer im Dunkel geblieben.
Niemand außer Robert selbst konnte wissen, was tief in ihm verborgen war – dort, wo er sich seiner selbst bewusst war, an jenem Ort, der sich, so glauben wir jedenfalls, irgendwo hinter unseren Augen befindet. Dort nämlich konzentriert sich unsere Wesenheit, wenn wir unsere Augen schließen und versuchen, unsere Umgebung nicht wahrzunehmen. Eigentlich aber spielt sich dies nur in unserer Vorstellung ab, die sich wiederum jeder Beschreibung in Worten entzieht.
Den echten Robert konnte man nicht sehen. Man sah seine Gestalt, hörte seine Stimme, beobachtete seine Bewegungen, spürte seine Berührungen, doch nie konnte man ihn wirklich sehen. Das Gleiche galt aber ebenso für Arthur. Er sah sich im Spiegel und hörte seine Stimme, aber war er es wirklich? Nein. Der echte Arthur war ein Fremder, der in seiner inneren Welt wohnte, der sich hin und wieder irgendwo zeigte und den Arthur für eine Selbstverständlichkeit ansah.
Wenn man bei der Frage »Wer bin ich?« auf seinen Beruf verweist, ist dies keine Antwort auf die Frage, wer man ist, sondern auf die Frage, was man macht. Beantwortet man diese Frage mit einer Beschreibung seines Aussehens, so ist auch dies keine Antwort, sondern lediglich eine Beschreibung der physischen Körpermerkmale. Die einzig richtige Antwort klingt etwas dümmlich: Ich bin, der ich bin.
Roberts physischer Körper hatte viele Veränderungen durchlaufen, mit unübersehbaren Ergebnissen. Die größte Veränderung fand zweifellos genau in jenen Momenten statt, als er durch die enorme Hitze zu Staub zerfiel. Alle Zellen sowie alle Atome und alle Moleküle, aus denen diese Zellen bestanden, waren im Laufe seines Lebens mehrmals ausgetauscht worden. Er starb nicht mit demselben Körper, mit dem er geboren worden war. Sein Bewusstsein aber hatte die ganze Zeit über fortbestanden. Daher konnte es nicht an seinen physischen Körper gebunden sein. Doch existierte es auch noch nach seiner vollständigen physischen Auflösung?
Wer hat in seinen mittleren Jahren nicht schon mal in den Spiegel geschaut und dabei nicht das Gefühl gehabt, noch in seinen Zwanzigern zu sein? Und wer hat sich nicht schon einzureden versucht, dass dieser runzelige und mehr und mehr abbauende Körper nicht wirklich er selbst sei? Der wirkliche Robert war kein alternder Körper, der in der verrinnenden Zeit gefangen war. Er war etwas anderes. Der wirkliche Robert war Roberts Bewusstsein.
Man weiß von niemandem, der Bewusstsein je gesehen hat. Daher glauben viele Menschen, dass es so etwas gar nicht gibt. Sie sind überzeugt, dass in der Maschine des Körpers ganz einfach kein Geist existiert. Dabei kann Bewusstsein weder gemessen noch beobachtet werden.
Die Leute gehen gemeinhin davon aus, dass sich der Sitz des Bewusstseins in unserem Kopf befindet. In dem aber befindet sich – technisch gesehen – nur das Gehirn. Wir werden dort weder Gedanken noch Ideen finden, nur die graue Substanz der Großhirnrinde und die Hirnmasse.
Die Immaterialität des Bewusstseins ist jedoch kein Argument gegen seine Existenz. Sie ist eine seiner Eigenschaften. Nicht anders als andere Menschen lebte auch Robert in zweierlei Welten. Die eine dieser Welten existierte in Raum, Zeit, Materie und Bewegung, die andere, die man als spirituell, psychisch, mental oder geistig bezeichnen könnte, war geheimnisvoll, unerkannt und vielleicht sogar unerkennbar.
»Ja, das stimmt, ich habe ihn gut gekannt«, erwiderte Arthur, nachdem er seinen Gedanken über Robert nachgehangen hatte. Dana begann daraufhin mit einer ebenso uninteressanten wie verworrenen Schilderung ihres letzten Treffens mit Robert. Die verlegene Atmosphäre unter den vor dem Zeremoniensaal stehenden Trauergästen wurde von einem von Roberts und damit auch von Arthurs ehemaligen Kommilitonen unterbrochen, der vorschlug, dass jetzt alle in das Restaurant gehen sollten, das sich in dem neuen Gebäude auf der anderen Straßenseite befand. Alle nahmen diesen Vorschlag freudig auf, denn damit war ihr Dilemma, ob sie schon gehen oder weiterhin nervös herumstehen sollten, um ihre Anteilnahme an Roberts frühem Tod zum Ausdruck zu bringen, gelöst.
Schon wenige Minuten später hatten alle an einem langen Tisch Platz genommen, der auf ihre rund zwanzigköpfige Gruppe geradezu gewartet zu haben schien. Das Gespräch nahm nun eine zunehmend entspanntere und ungezwungenere Form an. Einige bestellten ein Glas Wein, was den anfangs pietätvollen Charakter der Konversation nach einer Weile zu einem eher ausgelassenen mutieren ließ.
»Ich nehme noch ein Gläschen«, sagte Dana und schaute dabei in Richtung des Kellners.
»Ich liebe Wein«, reagierte darauf die Frau, die Dana gegenüber saß und deren Namen Arthur schon vergessen oder vielleicht auch nie gekannt hatte. Obwohl sie etwas korpulenter war, legte sie offensichtlich großen Wert auf ihr Äußeres. »Am liebsten mag ich den süßen Mährischen Muskat.«
»Das ist kein normaler Muskat, das ist ein Mährischer Muskat«, warf daraufhin der neben Dana sitzende Gast ein, bei dem es sich angeblich ebenfalls um einen von Arthurs Kommilitonen handelte. Er war im Gegensatz zu Dana von außergewöhnlich hagerem Körperbau, und sein Gesicht bestand im Grunde nur aus einer riesigen Brille. Man hätte in ihm eher einen Techniker als einen Absolventen der juristischen Fakultät vermutet.
»Ach wirklich? Bei uns in der Vinothek heißt er Mährischer Muskat«, erwiderte die Süßweinliebhaberin, die in diesem Punkt nicht klein beigeben wollte.
»Heutzutage nennt man ihn eher Mährischer Muskat«, dozierte Arthurs Kommilitone mit ernster Miene.
»Wie ich sehe, kennst du dich ja richtig gut aus«, antwortete die Frau nicht ganz ohne Koketterie.
»Ich kaufe Wein am liebsten in großen Flaschen«, fuhr der Mann in souveränem Ton fort.
»Aber die Flaschen sind doch alle gleich, oder?«
»Von wegen. Ist es beispielsweise eine Flasche mit der doppelten Standardmenge von 0,75 Litern, nennt man sie Magnumflasche. Einmal habe ich sogar eine 15-Liter-Flasche, eine sogenannte Nebukadnezar, gekauft.«
»Wie war das?«
»Nebukadnezar. Wie dieser ägyptische Pharao.«
»Das höre ich jetzt zum ersten Mal«, antwortete die Frau, die die ganze Diskussion angeschmissen hatte.
»War das nicht irgend so ein babylonischer König?«, mischte sich ein Mann ein, der bis dahin noch kein Wort gesagt hatte und der Arthur ebenfalls bekannt vorkam. Er war eher klein von Wuchs und hatte ein runzeliges Gesicht, was ihm einen gewissen Eindruck von Männlichkeit verlieh. Und obwohl er fast schon alle seine Haare verloren hatte, sah er doch ungewöhnlich jugendhaft aus.
»Ja, kann sein«, sagte der Weinkenner und beendete damit diesen Teil des Gesprächs.
Die Oberflächlichkeit der Debatte stand in krassem Gegensatz zu der Absolutheit und Unwiderruflichkeit des Ereignisses, dessen Zeugen sie vor gerade mal einer halben Stunde gewesen waren. Wie Arthur aus den weiteren Gesprächen seiner Tischnachbarn entnehmen konnte, waren die meisten von ihnen – wie er selbst – Rechtsanwälte. In der Zeit, als Arthur und Robert ihr Jurastudium beendet hatten, stand der Anwaltsberuf, galt er doch als überaus attraktiv und erstrebenswert, hoch im Kurs.
Die meisten von ihnen hatten daher mit mehr oder weniger großem Erfolg versucht, sich in diesem Beruf einen Namen zu machen. Mit jedem Gläschen Wein mehr, das der Kellner servierte, wurden die hier feilgebotenen Geschichten, die man zusammen mit Robert erlebt hatte, immer weniger, stattdessen drehte sich das Gespräch nun in zunehmendem Maße um die Erfolge der Anwaltskanzleien von Arthurs ehemaligen Kommilitonen und um deren aktuelle Fälle, und das war etwas, was Arthur schon immer unweigerlich rasend gemacht hatte. Sie glichen sich alle wie ein Ei dem anderen. Es handelte sich dabei stets um komplexe Fälle, die der jeweilige Erzähler trotz diverser Widrigkeiten – zumeist natürlich mit Erfolg – abgewickelt hatte.
Ein gewisses Maß an Prahlsucht scheint den meisten Rechtsanwälten eigen zu sein. Das beginnt schon während des Studiums und erreicht um das dreißigste Lebensjahr herum seinen Höhepunkt, um dann glücklicherweise langsam nachzulassen. Diese Prahlsucht verschwindet jedoch nie so ganz. Hin und wieder traf Arthur ehemalige Kommilitonen, die ihm von Wohnungen, Häusern und Autos erzählten, die sie gekauft hatten, die sie gerade dabei waren zu kaufen oder die sie vorhatten zu kaufen. Arthur musste sich dann stets ein wenig Neid eingestehen. Neid nicht so sehr auf diese Wohnungen, Häuser und Autos, die er sich nie würde leisten können, sondern vielmehr darauf, dass diese Dinge ihnen allem Anschein nach echte Lebensfreude bescherten, und Lebensfreude empfand Arthur nicht.
Trotz des prahlerischen Geredes der meisten Trauergäste stellte Arthur schon bald fest, dass sie am Ende nicht erfolgreicher waren als er selbst, ja dass sie ebenso müde, trübsinnig und desillusioniert waren.
Das Einzige, was Arthur am Gerede seiner Kommilitonen, das sich inzwischen längst nicht mehr um Robert drehte, wirklich faszinierend fand, war die ihm nun dämmernde Erkenntnis, dass er in Wirklichkeit Zeuge wurde, wie Robert gerade ein zweites Mal dabei war zu sterben. Es war das allmähliche Vergessen seiner Person und sein allmähliches Verschwinden aus dem Gedächtnis der Lebenden. In ein paar Jahren würde dieser Prozess abgeschlossen sein, und von Roberts kurzem Aufenthalt in dieser Welt würde nichts zurückbleiben. Und das gleiche Schicksal würde auch all jene ereilen, die jetzt mit Arthur zusammen an diesem Tisch saßen, auch Arthur selbst. Das Einzige, das sie Robert voraushatten, war ein gewisser Aufschub.
Von Robert wird nur ein Grabstein mit Namen und Geburts- und Sterbedatum bleiben. Zwischen diesen Daten wird auf jeden Fall ein Gedankenstrich stehen. Ein Gedankenstrich, in den Roberts gesamtes Leben, ja im Grunde auch seine gesamte Persönlichkeit hineinpassen muss. Es ist traurig, aber wahr, dass die meisten Leben auf einen solchen Gedankenstrich zusammenschrumpfen.
Im Laufe der Jahrtausende haben mehr als 100 Milliarden Menschen auf der Welt gelebt. Sie alle endeten ähnlich wie Robert jetzt, und von den allermeisten von ihnen blieben nur diese Gedankenstriche.
Das Telefon des Weinkenners begann laut zu klingeln. Er erhob sich vom Tisch, um den Anruf in Ruhe entgegennehmen zu können. Ein paar Minuten später kam er zurück und richtete das Wort an alle übrigen Teilnehmer dieser seltsamen Versammlung. »Ich hätte da so einen Fall. Wäre einer von euch vielleicht bereit, ihn zu übernehmen?«, fragte er. Dabei glitt sein Blick über alle, die hier saßen. »Um was geht es denn?«, fragte einer der Anwesenden.
»Ich habe gerade einen Anruf von einem Klienten erhalten. Seine Frau hatte einen Streit mit einem Polizisten. Ist wahrscheinlich nur eine Bagatelle. Normalerweise würde ich das selbst machen, aber wir haben morgen ein Fußballtennis-Turnier in Třebotov. Das will ich nicht verpassen.«
»Ich mach das«, rief Arthur. Er hatte sich vor allem deshalb gemeldet, damit die anderen ihm seine nur schwach ausgeprägte Gesprächigkeit nicht etwa als Arroganz auslegen sollten. »Er soll mich morgen früh in meinem Büro anrufen«, fügte er noch hinzu.
»Danke, hast was gut bei mir«, antwortete der Fußballtennis-Önologe.
Nach ungefähr einer Stunde verabschiedete sich Arthur, wobei er sich mit seiner Arbeit herausredete. Nachdem er und seine neuen Bekannten, die im Grunde ja alte Bekannte waren, einander versprochen hatten, sich irgendwann unbedingt wieder mal zu treffen, begab er sich in seine Kanzlei in der Celetná-Straße.
Die Einzige, die er dort antraf, war seine Assistentin. Für heute standen weder Besprechungen noch Gerichtsverhandlungen auf der Agenda, und so machte der Raum einen ruhigen, ja fast verschlafenen Eindruck. Er zog seine schwarze Krawatte aus und wusch sich das Gesicht, um so wenigstens symbolisch den tragischen Charakter dieses Tages abzuwaschen.
Er betrachtete im Spiegel die runzeligen Klüfte unter seinen Augen. Unwillkürlich bemächtigte sich seiner der Gedanke, dass ein ähnlicher Vorhang wie der, der sich hinter Robert zugezogen hatte, sich in nicht allzu ferner Zukunft auch hinter ihm zuziehen würde. Und zuziehen würde sich nach einiger Zeit auch der Vorhang hinter den Erinnerungen an seine Person. Es war nämlich etwas geschehen, von dem er nie erwartet hatte, dass es je geschehen würde. Seine Altersjahre hatten begonnen.
Anders als viele seiner Kollegen war Arthur kein erfolgreicher, berühmter oder reicher Anwalt. Bislang hatte er nur an gewöhnlichen Fällen gearbeitet, die es nie auf die Titelseiten der Zeitungen oder in Fernsehreportagen hineingeschafft hatten. Keiner seiner Fälle hatte die Chance, in die Liste berühmter Prozesse aufgenommen zu werden, anhand deren die Studenten die Juristerei erlernen.
Ihm war klar, dass sich an dieser Situation für den Rest seines inzwischen keineswegs mehr unvorstellbar langen Lebens auch nichts mehr ändern würde. Berühmt oder reich würde er nicht mehr werden, und das Gericht würde ihm auch weiterhin nur unbedeutende, banale und uninteressante Fälle zuteilen. Außerdem fand er, wenn er auf sein Leben zurückblickte, nichts, auf das er sich hätte stützen können. Er fand nichts, an das er sich wirklich gern und ohne Schmerzen erinnerte. Alles, was er sah, war ein Gewirr aus dahinschwindenden Gesichtern von Menschen, denen er in seinem Leben begegnet war.
Doch damit hatte er sich abgefunden. Er war nicht verzweifelt und auch nicht unglücklich. Er hätte nur nicht sagen können, ob dies einem Mix aus Weisheit und der Ausgeglichenheit des Lebens oder aber der Resignation vor dem Leben geschuldet war.

