Wächter und Hüter
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 432
ISBN: 978-3-7116-0358-6
Erscheinungsdatum: 29.04.2025
Sunny muss aufgrund ihrer übersinnlichen Kräfte zu ihrem Volk in eine Welt im Verborgenen fliehen. Sie und ihre Wegbegleiter erfahren, dass die Zukunft ihrer Familien in den Wurzeln dieses Volkes liegt. Doch was tun, wenn die eigene Vergangenheit ein Rätsel ist?
Kapitel 1
Der kurze, aber heftige Herbstregen endete genauso plötzlich, wie er begonnen hatte. Einige Tropfen fielen durch das lichte Blätterdach der Birke, unter der die junge Frau nur mäßigen Schutz vor der Nässe gefunden hatte. Auf dem Boden angekommen, mischten sie sich mit den stummen Tränen, die ihr trauriges Gesicht herunterliefen. Von der kleinen Anhöhe aus, auf der ihr dürftiger Unterstand wuchs, hatte sie die kleine Schar von Regenschirmen beobachtet, die sich ca. fünfzig Meter entfernt versammelt hatte und die nun langsam begann, sich aufzulösen. Zögerlich kämpfte sich die Sonne durch die Wolken und sandte einige Strahlen wie einen letzten Gruß auf die Trauernden, welche einer nach dem anderen das offene Grab verließen. Nur der alte Mann blieb zurück, als der Pfarrer sich mit ein paar tröstenden Worten verabschiedet hatte. Der Alte hatte ihn gar nicht wahrgenommen, sein Blick war stoisch auf die drei Särge gerichtet, die nun darauf warteten, von Erde bedeckt und unter Blumen und Kränzen verborgen zu werden. Er hatte auf einen Schirm verzichtet, daher klebte seine Kleidung jetzt nass und kalt an seiner Haut. Die junge Frau fasste Mut und schritt zaghaft auf den triefenden Mann zu.
Ihr Puls schlug nervös in ihren Venen und sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken, als sie sich bis auf wenige Schritte genähert hatte. „Verschwinde! Du hast hier nichts zu suchen!“ Erschrocken über die schroffen Worte hielt sie kurz inne, dann trat sie entschlossen neben den Alten an das Grab heran. „Sie waren auch meine Familie, Großvater!“
„Oh nein, das waren sie nicht, du hast dich gegen uns entschieden, als du dich zu den Freaks bekannt hast. Damals hast du aufgehört, dieser Familie, meiner Familie, anzugehören.“ Seinen Blick auf die Särge gerichtet, ballte er die Fäuste und sagte: „Ich bin sicher, dass ihr daran schuld seid, nur wegen deiner Sippe sind sie umgebracht worden!“ Die Frau ging an ihm vorbei und betrachtete das Bild auf dem hinter der Grube aufgestellten Kreuz. Die kleine Familie darauf sah glücklich aus, so wie sie ihr im Gedächtnis geblieben war, als sie die drei das letzte Mal besucht hatte. Sie erinnerte sich, das Foto selbst aufgenommen zu haben. Nathaniels erster Zahn, den er auf dem Bild lachend zeigte, war der Anlass gewesen. „Dawn hat das nicht so gesehen, sie wusste, dass keine Entscheidung uns trennen konnte. Wir waren Schwestern!“
„Und jetzt ist sie tot!“ Der Alte schrie die Frau an und scheuchte dadurch ein paar Vögel auf, die in einem Busch vor dem Regen Zuflucht gefunden hatten. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ließ sie stehen. Gebrochen schlurfte er davon, vorbei an den Särgen seiner Familie. Die junge Frau blieb mit ihrer Trauer allein zurück.
Sie hatte so gehofft, ihrer beider Schmerz gemeinsam etwas lindern zu können, aber ihr Großvater war dazu nicht bereit. Er gab ihr die Schuld, und das konnte sie ihm nicht verdenken. Er hatte das alles schon einmal durchmachen müssen, als er vor achtzehn Jahren seine Frau und seine Tochter ebenfalls durch ein Verbrechen verlor. Wahrscheinlich hat er Recht damit, das konnte kein Zufall sein. Aber wie hatten die Leute, die damals ihre Mutter und Großmutter töteten, Dawn und ihre kleine Familie finden können. Achtzehn Jahre! Achtzehn Jahre waren sie untergetaucht. Wie hat man sie gefunden? Erst als der Regen erneut einsetzte, verließ sie die drei Särge, um schnell den Parkplatz zu erreichen und nach Hause zu fahren.
Der Mann war ihr schon aufgefallen, als sie vor allen anderen Trauergästen am Friedhof angekommen war. Er mochte Mitte dreißig sein und hatte ein gepflegtes Äußeres, also kein Paparazzi. Wie ein Polizist sah er auch nicht aus, trotzdem vermutete sie, dass er irgendwie in ihre Geschichte involviert war. Diese Annahme bestätigte sich, als er auf sie zutrat. „Entschuldigen Sie, Miss Donavan, könnte isch Sie einen moman sprechen?“ Argwöhnisch betrachtete sie den Mann. „Woher kennen Sie meinen Namen? Sind Sie von der Polizei?“ Der französische Akzent sagte ihr zwar, dass er sicher kein Deutscher war, doch was sagte sowas heutzutage schon aus. Er lächelte sie entwaffnend an und antwortete: „Nischt im eigentlichen Sinne.“ Sunny fand sein ‚nischt‘ sexy und betrachtete ihn genauer. Seine blauen Augen wirkten durch die Lachfältchen sehr freundlich und die gebräunte Haut ließ sie besonders leuchten. Die vollen Lippen schienen zum Küssen gemacht zu sein und verliehen ihm zusammen mit seinem kantigen Kinn ein sehr attraktives Äußeres. „Nun, was sind Sie dann? Ein Privatdetektiv? Ich kann Ihnen nichts sagen, was nicht alle Welt schon aus der Presse weiß.“
„Nun, da bin isch anderer ’offnung. Mein Name ist Gérald Beloc und isch bin von Interpol. Sehen Sie!“ Er hielt ihr eine Marke unter die Nase, die sie kaum beachtete. Welcher Normalbürger wusste schon, wie ein echter Ausweis einer Behörde aussieht, mit der er in der Regel niemals in Kontakt kam. „So, so, und wie sind Sie auf mich gekommen? Ich habe mit der Sache doch gar nichts zu tun.“
„Oh, isch denke, sie ’aben eine Menge mit der Sach’ zu tun. Isch frage misch, warum die ’iesige Polisei nischts von der Schwester eines der Opfer weiß oder diese sisch nischt zu erkennen gibt, um bei den Ermittlungen zu ’elfen.“
Alarmiert starrte sie ihn an. „Woher wissen Sie das und wieso interessiert sich eine internationale Behörde für diesen Fall?“ Es hatte wieder angefangen, stärker zu regnen. Gérald öffnete seinen Schirm und bot ihn ihr an. „Wollen wir das nischt an einem etwas trockenerem Ort besprechen? Wie wäre es mit der Lobby meines ’otels?“ Er deutete auf seinen Wagen. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, ich steige mit einem Wildfremden in ein Auto, nach allem, was meiner Familie gerade passiert ist?“ Energisch schlug Sunny den Weg zu ihrem Auto ein. Er folgte ihr langsam. „Es gibt noch mehr solcher Fälle, wissen Sie, überall auf die Welt. Isch verfolge Morde in ganz Europa und Amerika. ’ierbei ’andelt es sich nischt um Einzelfälle! Das sind gesielte Anschläge. Isch vermute schon lange eine Organisation da’inter.“ Sunny verlangsamte ihre Schritte. Er holte auf. „Wenn isch Recht ’abe, sind auch Sie in Gefahr. Diese Leute löschen immer ganze Familien aus. Dabei sind sie sehr gründlich und wenn isch sie finden konnte, können die das wahrscheinlich auch.“ Am Wagen angekommen, drehte sie sich zu dem Mann um, der sie nun eingeholt hatte. „Sie glauben also, mich beschützen zu müssen? Wieso haben Sie der Polizei dann nichts von alledem erzählt? Arbeiten Sie denn nicht zusammen?“ Er trat näher an sie heran, um sie mit seinem Schirm vor dem stärker werdenden Regen zu schützen. „Um ehrlisch zu sein, ’abe ich damit aufgehört, die suständigen Behörden su informieren, seit mir aufgefallen ist, dass isch dadurch immer be’indert wurde und meine Gegner stets einen Schritt voraus su sein scheinen.“ Sunny starrte Gérald an. „Diese ominöse Organisation hat also die Polizei unterwandert? Wollen Sie das damit sagen?“
„Isch sage gar nischts, ich beobachte nur.“ Die junge Frau wurde sich seiner Nähe bewusst und trat einen Schritt zurück, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Aha, und bei diesen Beobachtungen sind Sie auf mich gestoßen?“
„In der Tat. Isch ’abe den Tatort nach anderen Kriterien durchsucht als die deutschen Kollegen. Isch bin gut in dem, was isch tue.“ Das glaubte sie ihm aufs Wort. Wenn er ihr etwas hätte antun wollen, gab es bereits mehr als eine Gelegenheit dazu. Sicherlich konnte er mit der Waffe sehr gut umgehen, die sie in dem Holster unter seinem Mantel bemerkt hatte. „Also gut, Sie erzählen mir mehr von ihren Beobachtungen und ich sehe dann, ob ich irgendetwas dazu beitragen kann. Aber machen Sie sich keine großen Hoffnungen. Ich weiß nämlich gar nichts. Welches Hotel?“
Sie hatten verabredet, sich am Abend in seinem Hotel zu treffen. Auf dem Heimweg dachte sie über seine Worte nach. Géralds Vermutungen trafen zu, das wusste sie. Sie hatte es schon als Kind schmerzlich erfahren müssen, als sie Mutter und Großmutter verloren hatte. Diese Leute, von denen Gérald vermutete, dass sie ganze Familien auslöschen, existierten tatsächlich. Ihr Großvater war damals mit seinen beiden Enkeltöchtern untergetaucht, um ihnen zu entgehen. Es hatte achtzehn Jahre funktioniert. Was war passiert? Wie hatten die sie nach all den Jahren aufspüren können? Konnte sie Gérald trauen? Was wusste er über die Familien, die im Fokus dieser mordenden Organisation standen? Ahnte er, dass es sich um ganz besondere Menschen handelt? Aufgewühlt durch die Ereignisse des Tages wurde der Schmerz wieder gegenwärtig, den der Tod ihrer Schwester verursachte. Auch der Vorwurf ihres Großvaters traf sie hart. Sie hätte doch nie zugelassen, dass irgendetwas Dawns Sicherheit gefährdete. Ihre Gedanken kehrten zu der Nacht zurück, in der das Grauenvolle geschehen war, als sie mitten in der Nacht schreiend erwachte und nur eine große Leere in sich fand. Die Verbindung, die sie zu ihrer Schwester hatte, dieses einzigartige Band existierte nicht mehr, sie konnte Dawn nicht mehr spüren. In Panik fuhr sie sofort zur Wohnung der kleinen Familie. Was sie dort vorfand, verfolgte sie jetzt Tag und Nacht. Jemand war in die Wohnung eingedrungen und hatte alles durchwühlt. Im Schlafzimmer wurden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Dawn lag in einer Blutlache auf dem Bett und starrte mit toten Augen zur Decke. Entsetzt sah sie sich nach ihrem Ehemann Daniel um, konnte ihn aber nicht finden. Dann griff eine Eiseskälte nach ihrem Herzen und sie lief ins Kinderzimmer. Das Bild, das sie dort vorfand, ließ sie beinahe den Verstand verlieren. Ihr Schwager hatte wohl versucht, sein Kind zu schützen, doch gegen den Gegner keine Chance gehabt. Er lag mit durchschnittener Kehle vor dem Kinderbettchen, das Gesicht zu einer ungläubigen Fratze verzehrt. Der kleine Nathaniel lag tot auf ihm. Ein Stich ins Herz hatte sein kurzes Leben genauso brutal beendet wie das seiner Mutter. Sunny hatte nichts mehr tun können oder dürfen. Es gab noch weitere Familienmitglieder, die es zu schützen galt, sie durfte sich nicht mit den Geschehnissen in Verbindung bringen lassen, auch ihr eigenes Leben war in Gefahr. Deshalb stellte sie sicher, dass keine Spuren von ihr zu finden waren, und verschwand aus dem Haus, ohne bemerkt zu werden.
Sie musste einen Fehler begangen haben, sonst hätte dieser Gérald sie niemals finden können. Das war eine der Fragen, die sie dem Mann stellen wollte, denn das beunruhigte sie sehr. Auch die Begegnung mit ihrem Großvater quälte sie. Es war die erste seit fünf Jahren. Das Bedauern, über die Trennung von dem Mann, der ihr und Dawn Vater und Mutter ersetzte, seit sie zwölf Jahre alt war, überwältigte sie und sie begann, schluchzend zu weinen, um wenig später in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Sie träumte von ihrer Mutter. Doch das Einzige, an das sie sich davon erinnerte, als sie drei Stunden später erwachte, war die mahnende Stimme ihrer Mutter: „Gib acht, du bist in Gefahr!“
„Ach Mom, das ist doch nichts Neues.“ Seufzend stand sie auf, um ihren Kleiderschrank zu durchstöbern. Was sollte sie nur anziehen? Sportlich, leger? Nein, so konnte sie nicht in das Hotel! Das kleine Schwarze? Auf gar keinen Fall! Das war schließlich kein Date. Business? Ja, wenn sie so was hätte. Am Ende fiel die Entscheidung auf eine elegante Jeans, eine weiße Bluse, Turnschuhe und den grauen Kurzmantel. Während sie sich die Zähne putzte, fragte sie sich, wie sie es am besten anstellte, dem Mann Informationen zu entlocken, ohne etwas preisgeben zu müssen, was irgendwie mit ihrer Familie zu tun hatte. Sie hatte geschworen, die Geheimnisse zu bewahren, diesen Schwur nahm sie sehr ernst. Sunny dachte an Gérald. Er war scheinbar sehr nett und obendrein auffallend attraktiv. Wann hatte sich das letzte Mal ein Mann für sie interessiert? „Du dumme Kuh!“, schalte sie sich selbst „Der interessiert sich nicht für dich, sondern für die Morde! Das ist auch alles, was dich zu interessieren hat!“ Trotzdem wurde sie sich wieder einmal der Einsamkeit bewusst, in der sie lebte. Jetzt noch mehr, da sie keine Dawn und keinen Nathaniel mehr hatte. Sofort stiegen ihr die Tränen in die Augen. Sie hatte die beiden so sehr geliebt und ihr grausamer Tod schnürte ihr das Herz zu. Welches Monster brachte es fertig, einen Einjährigen zu töten? Warum? Warum mussten die drei sterben?
Die Lobby war menschenleer. Nur Gérald saß etwas abseits auf einem Sofa und studierte offenbar interessiert eine Zeitung. Sunny fiel auf, dass er sich nicht umgezogen hatte. Er trug dieselben Sachen wie auf dem Friedhof. Trotzdem sah er aus wie aus dem Ei gepellt. Ein gutaussehender Mann, dachte sie. Dann bemerkte er sie und sprang auf, um sie mit einem Handschlag zu begrüßen. „Isch ´atte schon befürchtet, dass Sie misch versetzen. Ihr Deutschen seid doch sonst so für eure Pünktlischkeit bekannt.“ Gallant half er ihr aus dem Mantel. „Bitte setzen Sie sisch!“
„Tja, um ehrlich zu sein, habe ich mit dem Gedanken gespielt, aber ich bin sicher, dann hätten Sie es bei mir zu Hause versucht und ich habe sehr neugierige Nachbarn.“ Gérald nickte grinsend. „Berufskrankheit, isch lasse misch nischt abwimmeln. Was machen Sie beruflich?“ Sunny sah in seine wachen, blauen Augen, die sie unschuldig anblickten, und zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Spielen Sie keine Spielchen, Sie haben sich doch im Vorfeld genauestens über mich informiert. Sagen Sie einfach, was Sie von mir wollen!“ Der Mann hob beschwichtigend seine Hände und entgegnete schmunzelnd: „Alles klar, isch sehe schon, Ihnen kann isch nischts vormachen. Isch will nur verstehen, warum Ihre Schwester ins Visier einer Organisation geraten ist, die auf ganze Familien Jagd macht. Familien, die alle einen, sagen wir mal, ungewöhnlichen ’intergrund ’aben.“ Sunny wurde hellhörig. „Oha“, dachte sie, „da kommen wir also sofort in schwieriges Fahrwasser.“ Laut meinte sie: „Ich verstehe nicht ganz, was soll das bedeuten? Ungewöhnlicher Hintergrund? Meine Schwester lebte ein normales Leben, mit durchschnittlichem Job, einem liebevollen Ehemann in einer unauffälligen Wohnung. Sie waren engagiert, aber nicht abgehoben, ein wenig spießig, aber überall beliebt. Ganz normale Bürger eben.“ Gérald wurde ernst. „Und genau das nehme isch Ihnen nischt ab. Diese Leute nehmen keine Normalos aufs Korn! Jeder, der von ihnen sur Strecke gebracht wurde, ’atte Verbindungen zu Personen, die nischt gerade das gutbürgerliche Durchschnittsleben führen, das ihre Schwester angeblich lebte. Sie fallen da schon eher in das Beuteschema dieser Organisation.“
Die junge Frau zwang sich, ruhig zu bleiben. „Für wen oder was halten Sie mich denn Gérald? Was könnte mich denn so interessant machen für ‚die‘?“ Gérald lehnte sich zurück und strich eine Strähne seines blonden Haares aus der Stirn. „Sagen Sie es mir! Was ist das für ein Laden, den Sie führen?“
„Ich verkaufe keine Drogen, wenn Sie darauf hinauswollen, und ich habe auch keine Kontakte zur Drogenszene oder irgendwelchen Kriminellen. In meinem Laden kauft man Tee und Kräuter, Duftkerzen und so manchen spirituell angehauchten Krimskrams. Nichts weiter.“
„Sie sind also keine ’exe?“ Das war direkt! Darauf war sie nicht gefasst. „Wie bitte?“
„Sie wissen schon! Jemand, der irgendwelche Pülverchen und Tränke anrührt und seine Mitmenschen beeinflusst. Rituale im Mondschein und die Anbetung irgendwelcher obskurer, finsterer Gestalten?“ Sunny hatte sich schnell von ihrer Überraschung erholt und entgegnete schmunzelnd: „Sie haben den Tanz um den Blocksberg und die nächtlichen Ausritte auf dem Besen vergessen, obwohl wir heutzutage lieber einen Vorwerk-Staubsauger nehmen, akkubetrieben versteht sich.“ Gérald lehnte sich leicht zurück und blickte sie eine Weile lächelnd an. „Isch meine das völlig ernst, Miss Donavan, isch ’abe in den letzten fünf Jahren Dinge gesehen, die sisch nischt mit rationalen Argumenten erklären lassen. Dinge, die in keinem offiziellen Bericht auftauchen dürfen, weil man sonst Gefahr läuft, seinen Job zu verlieren oder in eine Anstalt eingewiesen zu werden. Dinge, die einem nachts den Schlaf rauben. Ja, wenn Sie so wollen, bin isch ein Gläubiger. Die Wahrheit ist irgendwo da draußen.“ Sunny hob beschwichtigend die Hände. „Immer schön langsam, Mr. Mulder! Ich glaube Ihnen, dass sich in Ihrem Beruf überall Abgründe auftun, und sicher gibt es genug Menschen, die sich in okkulte Welten flüchten, aber Sie glauben doch nicht ernsthaft an Hexerei?“
„Doch! Das tue isch und diese Leute, ’inter denen isch ’er bin, tun das auch. Da draußen findet eine Jagd statt! Eine Jagd auf Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Isch ’abe Opfer aus allen Gesellschaftskreisen, arm wie reisch, jung wie alt, schwarz, weiß oder sonstiger ’autfarbe, Frauen, Männer, Kinder. Alle ’aben nur eines gemein: Verbindungen zu Gruppierungen mit okkultem oder, wenn Sie so wollen, magischem ’intergrund. Isch bin es leid, immer zu Tatorten und Opfern gerufen zu werden, um festzustellen, dass jemand sie, wie auch immer, ausfindig gemacht und allesamt ermordet ’at. Sie, Miss Donavan sind etwas Besonderes. Das erste Mal ’abe isch ein Mitglied so einer Familie vor mir, das noch lebt. Isch werde diese Chance nischt verstreichen lassen und susehen, wie jemand Sie tötet. Dieses Mal werden die nischt gewinnen!“
Die Frau hatte ihn seinen emotionalen Vortrag beenden lassen, stand dann aber auf und meinte bedauernd: „Ich denke, ich verstehe Ihre Frustration, aber ich kann nur wiederholen, weder ich und ganz bestimmt nicht meine Schwester haben etwas mit irgendeinem Hokuspokus zu tun. Ich lasse gern meine Kunden in dem Glauben, der Laden habe etwas Mystisches, aber das sind reine Verkaufsstrategien. Es tut mir leid, aber ich denke nicht, dass ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein kann. Ich wünsche ihnen viel Erfolg bei Ihrer Suche, aber bitte lassen Sie mich in Zukunft damit zufrieden.“ Gérald erhob sich ebenfalls. „Das kann isch nischt, isch weiß, dass isch einer großen Sach’ auf der Spur bin, isch werde jetzt nischt aufgeben.“ Sunny ging um ihn herum. „Leben Sie wohl, Mr. Beloc!“ Dann verließ sie das Hotel. Er machte keine Anstalten, ihr zu folgen.
Es wäre schön gewesen, hätte sie ihm trauen können, doch in ihrer Familie lernte man noch vor dem Laufen, dass man niemandem vertrauen durfte. Sunny saß eine Minute hinter dem Lenkrad ihres alten Käfers und sammelte sich. Dann fuhr sie los. Heute wollte sie versuchen, etwas länger zu schlafen, obwohl sie die Angst vor ihren stets gleichen Albträumen nicht abschütteln konnte, die sie seit Dawns Tod jede Nacht heimsuchten. Gérald hatte schon Recht. Wenn er sie finden konnte, können die es wahrscheinlich auch. Sie war ganz in Gedanken über das, was er alles gesagt hatte, als ihr Telefon klingelte. „Samantha“ leuchtete im Display auf. Ihre einzige Mitarbeiterin, die sie heute im Laden vertreten hatte, war sehr zuverlässig. Wenn sie um diese Zeit anrief, musste irgendwas passiert sein, also ging sie, trotz der Müdigkeit, ran. „Hallo Sam, was gibts?“
„Oh, Gott sei Dank! Sunny!“, rief Samantha atemlos. „Sunny, hier wurde eingebrochen. Ich bin noch mal in den Laden gekommen, weil ich mein Handy hab’ liegen lassen, da hab’ ich es sofort gesehen. Die Polizei ist auch schon da. Die wollen mit dir reden.“
„Sam, beruhige dich! Ich bin eh gleich da.“ Sie beschloss, den Käfer nicht auf seinen Tiefgaragenparkplatz zu fahren, sondern schlug den Weg direkt durch die Altstadt zu ihrem Laden ein. Die Polizei würde sie sicher nicht abschleppen, wo sie doch gerade Opfer eines Einbruchs geworden war. „Sag der Polizei, dass ich in fünf Minuten da bin!“ Schnell beendete sie das Gespräch.
„Was glauben die wohl, was sie in meinem Laden vorfinden? Schwarze Altäre und umgedrehte Kreuze?“ Sunny war klar, dass das kein gewöhnlicher Einbruch sein konnte. Nur ein Zufall? Nein! Zufälle gab es nicht. ‚Die‘ mussten das gewesen sein. Sie hatten sie wohl gefunden, so wie Gérald es befürchtet hatte. Regenburgs verwinkelte Gassen waren jetzt, Ende Oktober, um diese Uhrzeit nicht mehr sehr belebt und so kam sie, ihre Ortskenntnisse nutzend, tatsächlich in fünf Minuten an ihrem Laden an. Schon von Weitem sah sie die Lichter des Polizeiautos blinken. Sam stand vor dem Laden und wedelte vor den Beamten aufgeregt mit den Armen umher. Ihre Freundin entsprach in ihrem Goth-Look schon eher dem Klischee einer Hexe und plötzlich wurde ihr bewusst, in welcher Gefahr Sam steckte, wenn hier tatsächlich ein Inquisitor sein Unwesen trieb. Wer wusste schon, was in diesen kranken Hirnen vorging. Vielleicht dachte so einer ja, er wäre hier auf ein ganzes Nest von Hexen gestoßen. Sie schüttelte die bösen Gedanken ab, wappnete sich für das Gespräch mit den Polizisten und stieg aus. Sam sah sie auf sich zukommen. „Sunny, Sunnyyyy!“ Ihre Freundin so aus dem Häuschen zu sehen, war ein ungewohntes Bild. Sonst gab sie sich immer cool und geheimnisvoll, jetzt schien sie fix und fertig zu sein. „Die haben ganz schön gewütet da drinnen. Ich kann dir nicht mal sagen, ob was weggekommen ist. Das muss in der halben Stunde passiert sein, die ich weg war. Stell dir vor, ich wäre eher gekommen. Vielleicht hätte ich den Dieb überrascht. Das Wechselgeld aus der Kasse fehlt aber nicht. Was haben die bloß gesucht?“ Sunny warf einen Blick an Sam vorbei in den Laden. Ein wildes Durcheinander sagte ihr, dass da erhebliche Kosten auf sie zukamen. „Hoffentlich deckt die Versicherung das ab.“ Einer der Polizisten trat auf die beiden Frauen zu. „Entschuldigung, sind Sie Frau Donavan?“ Sunny griff nach ihrer Handtasche. „Ja, die bin ich. Hier ist mein Ausweis.“
...
Der kurze, aber heftige Herbstregen endete genauso plötzlich, wie er begonnen hatte. Einige Tropfen fielen durch das lichte Blätterdach der Birke, unter der die junge Frau nur mäßigen Schutz vor der Nässe gefunden hatte. Auf dem Boden angekommen, mischten sie sich mit den stummen Tränen, die ihr trauriges Gesicht herunterliefen. Von der kleinen Anhöhe aus, auf der ihr dürftiger Unterstand wuchs, hatte sie die kleine Schar von Regenschirmen beobachtet, die sich ca. fünfzig Meter entfernt versammelt hatte und die nun langsam begann, sich aufzulösen. Zögerlich kämpfte sich die Sonne durch die Wolken und sandte einige Strahlen wie einen letzten Gruß auf die Trauernden, welche einer nach dem anderen das offene Grab verließen. Nur der alte Mann blieb zurück, als der Pfarrer sich mit ein paar tröstenden Worten verabschiedet hatte. Der Alte hatte ihn gar nicht wahrgenommen, sein Blick war stoisch auf die drei Särge gerichtet, die nun darauf warteten, von Erde bedeckt und unter Blumen und Kränzen verborgen zu werden. Er hatte auf einen Schirm verzichtet, daher klebte seine Kleidung jetzt nass und kalt an seiner Haut. Die junge Frau fasste Mut und schritt zaghaft auf den triefenden Mann zu.
Ihr Puls schlug nervös in ihren Venen und sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken, als sie sich bis auf wenige Schritte genähert hatte. „Verschwinde! Du hast hier nichts zu suchen!“ Erschrocken über die schroffen Worte hielt sie kurz inne, dann trat sie entschlossen neben den Alten an das Grab heran. „Sie waren auch meine Familie, Großvater!“
„Oh nein, das waren sie nicht, du hast dich gegen uns entschieden, als du dich zu den Freaks bekannt hast. Damals hast du aufgehört, dieser Familie, meiner Familie, anzugehören.“ Seinen Blick auf die Särge gerichtet, ballte er die Fäuste und sagte: „Ich bin sicher, dass ihr daran schuld seid, nur wegen deiner Sippe sind sie umgebracht worden!“ Die Frau ging an ihm vorbei und betrachtete das Bild auf dem hinter der Grube aufgestellten Kreuz. Die kleine Familie darauf sah glücklich aus, so wie sie ihr im Gedächtnis geblieben war, als sie die drei das letzte Mal besucht hatte. Sie erinnerte sich, das Foto selbst aufgenommen zu haben. Nathaniels erster Zahn, den er auf dem Bild lachend zeigte, war der Anlass gewesen. „Dawn hat das nicht so gesehen, sie wusste, dass keine Entscheidung uns trennen konnte. Wir waren Schwestern!“
„Und jetzt ist sie tot!“ Der Alte schrie die Frau an und scheuchte dadurch ein paar Vögel auf, die in einem Busch vor dem Regen Zuflucht gefunden hatten. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ließ sie stehen. Gebrochen schlurfte er davon, vorbei an den Särgen seiner Familie. Die junge Frau blieb mit ihrer Trauer allein zurück.
Sie hatte so gehofft, ihrer beider Schmerz gemeinsam etwas lindern zu können, aber ihr Großvater war dazu nicht bereit. Er gab ihr die Schuld, und das konnte sie ihm nicht verdenken. Er hatte das alles schon einmal durchmachen müssen, als er vor achtzehn Jahren seine Frau und seine Tochter ebenfalls durch ein Verbrechen verlor. Wahrscheinlich hat er Recht damit, das konnte kein Zufall sein. Aber wie hatten die Leute, die damals ihre Mutter und Großmutter töteten, Dawn und ihre kleine Familie finden können. Achtzehn Jahre! Achtzehn Jahre waren sie untergetaucht. Wie hat man sie gefunden? Erst als der Regen erneut einsetzte, verließ sie die drei Särge, um schnell den Parkplatz zu erreichen und nach Hause zu fahren.
Der Mann war ihr schon aufgefallen, als sie vor allen anderen Trauergästen am Friedhof angekommen war. Er mochte Mitte dreißig sein und hatte ein gepflegtes Äußeres, also kein Paparazzi. Wie ein Polizist sah er auch nicht aus, trotzdem vermutete sie, dass er irgendwie in ihre Geschichte involviert war. Diese Annahme bestätigte sich, als er auf sie zutrat. „Entschuldigen Sie, Miss Donavan, könnte isch Sie einen moman sprechen?“ Argwöhnisch betrachtete sie den Mann. „Woher kennen Sie meinen Namen? Sind Sie von der Polizei?“ Der französische Akzent sagte ihr zwar, dass er sicher kein Deutscher war, doch was sagte sowas heutzutage schon aus. Er lächelte sie entwaffnend an und antwortete: „Nischt im eigentlichen Sinne.“ Sunny fand sein ‚nischt‘ sexy und betrachtete ihn genauer. Seine blauen Augen wirkten durch die Lachfältchen sehr freundlich und die gebräunte Haut ließ sie besonders leuchten. Die vollen Lippen schienen zum Küssen gemacht zu sein und verliehen ihm zusammen mit seinem kantigen Kinn ein sehr attraktives Äußeres. „Nun, was sind Sie dann? Ein Privatdetektiv? Ich kann Ihnen nichts sagen, was nicht alle Welt schon aus der Presse weiß.“
„Nun, da bin isch anderer ’offnung. Mein Name ist Gérald Beloc und isch bin von Interpol. Sehen Sie!“ Er hielt ihr eine Marke unter die Nase, die sie kaum beachtete. Welcher Normalbürger wusste schon, wie ein echter Ausweis einer Behörde aussieht, mit der er in der Regel niemals in Kontakt kam. „So, so, und wie sind Sie auf mich gekommen? Ich habe mit der Sache doch gar nichts zu tun.“
„Oh, isch denke, sie ’aben eine Menge mit der Sach’ zu tun. Isch frage misch, warum die ’iesige Polisei nischts von der Schwester eines der Opfer weiß oder diese sisch nischt zu erkennen gibt, um bei den Ermittlungen zu ’elfen.“
Alarmiert starrte sie ihn an. „Woher wissen Sie das und wieso interessiert sich eine internationale Behörde für diesen Fall?“ Es hatte wieder angefangen, stärker zu regnen. Gérald öffnete seinen Schirm und bot ihn ihr an. „Wollen wir das nischt an einem etwas trockenerem Ort besprechen? Wie wäre es mit der Lobby meines ’otels?“ Er deutete auf seinen Wagen. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, ich steige mit einem Wildfremden in ein Auto, nach allem, was meiner Familie gerade passiert ist?“ Energisch schlug Sunny den Weg zu ihrem Auto ein. Er folgte ihr langsam. „Es gibt noch mehr solcher Fälle, wissen Sie, überall auf die Welt. Isch verfolge Morde in ganz Europa und Amerika. ’ierbei ’andelt es sich nischt um Einzelfälle! Das sind gesielte Anschläge. Isch vermute schon lange eine Organisation da’inter.“ Sunny verlangsamte ihre Schritte. Er holte auf. „Wenn isch Recht ’abe, sind auch Sie in Gefahr. Diese Leute löschen immer ganze Familien aus. Dabei sind sie sehr gründlich und wenn isch sie finden konnte, können die das wahrscheinlich auch.“ Am Wagen angekommen, drehte sie sich zu dem Mann um, der sie nun eingeholt hatte. „Sie glauben also, mich beschützen zu müssen? Wieso haben Sie der Polizei dann nichts von alledem erzählt? Arbeiten Sie denn nicht zusammen?“ Er trat näher an sie heran, um sie mit seinem Schirm vor dem stärker werdenden Regen zu schützen. „Um ehrlisch zu sein, ’abe ich damit aufgehört, die suständigen Behörden su informieren, seit mir aufgefallen ist, dass isch dadurch immer be’indert wurde und meine Gegner stets einen Schritt voraus su sein scheinen.“ Sunny starrte Gérald an. „Diese ominöse Organisation hat also die Polizei unterwandert? Wollen Sie das damit sagen?“
„Isch sage gar nischts, ich beobachte nur.“ Die junge Frau wurde sich seiner Nähe bewusst und trat einen Schritt zurück, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Aha, und bei diesen Beobachtungen sind Sie auf mich gestoßen?“
„In der Tat. Isch ’abe den Tatort nach anderen Kriterien durchsucht als die deutschen Kollegen. Isch bin gut in dem, was isch tue.“ Das glaubte sie ihm aufs Wort. Wenn er ihr etwas hätte antun wollen, gab es bereits mehr als eine Gelegenheit dazu. Sicherlich konnte er mit der Waffe sehr gut umgehen, die sie in dem Holster unter seinem Mantel bemerkt hatte. „Also gut, Sie erzählen mir mehr von ihren Beobachtungen und ich sehe dann, ob ich irgendetwas dazu beitragen kann. Aber machen Sie sich keine großen Hoffnungen. Ich weiß nämlich gar nichts. Welches Hotel?“
Sie hatten verabredet, sich am Abend in seinem Hotel zu treffen. Auf dem Heimweg dachte sie über seine Worte nach. Géralds Vermutungen trafen zu, das wusste sie. Sie hatte es schon als Kind schmerzlich erfahren müssen, als sie Mutter und Großmutter verloren hatte. Diese Leute, von denen Gérald vermutete, dass sie ganze Familien auslöschen, existierten tatsächlich. Ihr Großvater war damals mit seinen beiden Enkeltöchtern untergetaucht, um ihnen zu entgehen. Es hatte achtzehn Jahre funktioniert. Was war passiert? Wie hatten die sie nach all den Jahren aufspüren können? Konnte sie Gérald trauen? Was wusste er über die Familien, die im Fokus dieser mordenden Organisation standen? Ahnte er, dass es sich um ganz besondere Menschen handelt? Aufgewühlt durch die Ereignisse des Tages wurde der Schmerz wieder gegenwärtig, den der Tod ihrer Schwester verursachte. Auch der Vorwurf ihres Großvaters traf sie hart. Sie hätte doch nie zugelassen, dass irgendetwas Dawns Sicherheit gefährdete. Ihre Gedanken kehrten zu der Nacht zurück, in der das Grauenvolle geschehen war, als sie mitten in der Nacht schreiend erwachte und nur eine große Leere in sich fand. Die Verbindung, die sie zu ihrer Schwester hatte, dieses einzigartige Band existierte nicht mehr, sie konnte Dawn nicht mehr spüren. In Panik fuhr sie sofort zur Wohnung der kleinen Familie. Was sie dort vorfand, verfolgte sie jetzt Tag und Nacht. Jemand war in die Wohnung eingedrungen und hatte alles durchwühlt. Im Schlafzimmer wurden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Dawn lag in einer Blutlache auf dem Bett und starrte mit toten Augen zur Decke. Entsetzt sah sie sich nach ihrem Ehemann Daniel um, konnte ihn aber nicht finden. Dann griff eine Eiseskälte nach ihrem Herzen und sie lief ins Kinderzimmer. Das Bild, das sie dort vorfand, ließ sie beinahe den Verstand verlieren. Ihr Schwager hatte wohl versucht, sein Kind zu schützen, doch gegen den Gegner keine Chance gehabt. Er lag mit durchschnittener Kehle vor dem Kinderbettchen, das Gesicht zu einer ungläubigen Fratze verzehrt. Der kleine Nathaniel lag tot auf ihm. Ein Stich ins Herz hatte sein kurzes Leben genauso brutal beendet wie das seiner Mutter. Sunny hatte nichts mehr tun können oder dürfen. Es gab noch weitere Familienmitglieder, die es zu schützen galt, sie durfte sich nicht mit den Geschehnissen in Verbindung bringen lassen, auch ihr eigenes Leben war in Gefahr. Deshalb stellte sie sicher, dass keine Spuren von ihr zu finden waren, und verschwand aus dem Haus, ohne bemerkt zu werden.
Sie musste einen Fehler begangen haben, sonst hätte dieser Gérald sie niemals finden können. Das war eine der Fragen, die sie dem Mann stellen wollte, denn das beunruhigte sie sehr. Auch die Begegnung mit ihrem Großvater quälte sie. Es war die erste seit fünf Jahren. Das Bedauern, über die Trennung von dem Mann, der ihr und Dawn Vater und Mutter ersetzte, seit sie zwölf Jahre alt war, überwältigte sie und sie begann, schluchzend zu weinen, um wenig später in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Sie träumte von ihrer Mutter. Doch das Einzige, an das sie sich davon erinnerte, als sie drei Stunden später erwachte, war die mahnende Stimme ihrer Mutter: „Gib acht, du bist in Gefahr!“
„Ach Mom, das ist doch nichts Neues.“ Seufzend stand sie auf, um ihren Kleiderschrank zu durchstöbern. Was sollte sie nur anziehen? Sportlich, leger? Nein, so konnte sie nicht in das Hotel! Das kleine Schwarze? Auf gar keinen Fall! Das war schließlich kein Date. Business? Ja, wenn sie so was hätte. Am Ende fiel die Entscheidung auf eine elegante Jeans, eine weiße Bluse, Turnschuhe und den grauen Kurzmantel. Während sie sich die Zähne putzte, fragte sie sich, wie sie es am besten anstellte, dem Mann Informationen zu entlocken, ohne etwas preisgeben zu müssen, was irgendwie mit ihrer Familie zu tun hatte. Sie hatte geschworen, die Geheimnisse zu bewahren, diesen Schwur nahm sie sehr ernst. Sunny dachte an Gérald. Er war scheinbar sehr nett und obendrein auffallend attraktiv. Wann hatte sich das letzte Mal ein Mann für sie interessiert? „Du dumme Kuh!“, schalte sie sich selbst „Der interessiert sich nicht für dich, sondern für die Morde! Das ist auch alles, was dich zu interessieren hat!“ Trotzdem wurde sie sich wieder einmal der Einsamkeit bewusst, in der sie lebte. Jetzt noch mehr, da sie keine Dawn und keinen Nathaniel mehr hatte. Sofort stiegen ihr die Tränen in die Augen. Sie hatte die beiden so sehr geliebt und ihr grausamer Tod schnürte ihr das Herz zu. Welches Monster brachte es fertig, einen Einjährigen zu töten? Warum? Warum mussten die drei sterben?
Die Lobby war menschenleer. Nur Gérald saß etwas abseits auf einem Sofa und studierte offenbar interessiert eine Zeitung. Sunny fiel auf, dass er sich nicht umgezogen hatte. Er trug dieselben Sachen wie auf dem Friedhof. Trotzdem sah er aus wie aus dem Ei gepellt. Ein gutaussehender Mann, dachte sie. Dann bemerkte er sie und sprang auf, um sie mit einem Handschlag zu begrüßen. „Isch ´atte schon befürchtet, dass Sie misch versetzen. Ihr Deutschen seid doch sonst so für eure Pünktlischkeit bekannt.“ Gallant half er ihr aus dem Mantel. „Bitte setzen Sie sisch!“
„Tja, um ehrlich zu sein, habe ich mit dem Gedanken gespielt, aber ich bin sicher, dann hätten Sie es bei mir zu Hause versucht und ich habe sehr neugierige Nachbarn.“ Gérald nickte grinsend. „Berufskrankheit, isch lasse misch nischt abwimmeln. Was machen Sie beruflich?“ Sunny sah in seine wachen, blauen Augen, die sie unschuldig anblickten, und zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Spielen Sie keine Spielchen, Sie haben sich doch im Vorfeld genauestens über mich informiert. Sagen Sie einfach, was Sie von mir wollen!“ Der Mann hob beschwichtigend seine Hände und entgegnete schmunzelnd: „Alles klar, isch sehe schon, Ihnen kann isch nischts vormachen. Isch will nur verstehen, warum Ihre Schwester ins Visier einer Organisation geraten ist, die auf ganze Familien Jagd macht. Familien, die alle einen, sagen wir mal, ungewöhnlichen ’intergrund ’aben.“ Sunny wurde hellhörig. „Oha“, dachte sie, „da kommen wir also sofort in schwieriges Fahrwasser.“ Laut meinte sie: „Ich verstehe nicht ganz, was soll das bedeuten? Ungewöhnlicher Hintergrund? Meine Schwester lebte ein normales Leben, mit durchschnittlichem Job, einem liebevollen Ehemann in einer unauffälligen Wohnung. Sie waren engagiert, aber nicht abgehoben, ein wenig spießig, aber überall beliebt. Ganz normale Bürger eben.“ Gérald wurde ernst. „Und genau das nehme isch Ihnen nischt ab. Diese Leute nehmen keine Normalos aufs Korn! Jeder, der von ihnen sur Strecke gebracht wurde, ’atte Verbindungen zu Personen, die nischt gerade das gutbürgerliche Durchschnittsleben führen, das ihre Schwester angeblich lebte. Sie fallen da schon eher in das Beuteschema dieser Organisation.“
Die junge Frau zwang sich, ruhig zu bleiben. „Für wen oder was halten Sie mich denn Gérald? Was könnte mich denn so interessant machen für ‚die‘?“ Gérald lehnte sich zurück und strich eine Strähne seines blonden Haares aus der Stirn. „Sagen Sie es mir! Was ist das für ein Laden, den Sie führen?“
„Ich verkaufe keine Drogen, wenn Sie darauf hinauswollen, und ich habe auch keine Kontakte zur Drogenszene oder irgendwelchen Kriminellen. In meinem Laden kauft man Tee und Kräuter, Duftkerzen und so manchen spirituell angehauchten Krimskrams. Nichts weiter.“
„Sie sind also keine ’exe?“ Das war direkt! Darauf war sie nicht gefasst. „Wie bitte?“
„Sie wissen schon! Jemand, der irgendwelche Pülverchen und Tränke anrührt und seine Mitmenschen beeinflusst. Rituale im Mondschein und die Anbetung irgendwelcher obskurer, finsterer Gestalten?“ Sunny hatte sich schnell von ihrer Überraschung erholt und entgegnete schmunzelnd: „Sie haben den Tanz um den Blocksberg und die nächtlichen Ausritte auf dem Besen vergessen, obwohl wir heutzutage lieber einen Vorwerk-Staubsauger nehmen, akkubetrieben versteht sich.“ Gérald lehnte sich leicht zurück und blickte sie eine Weile lächelnd an. „Isch meine das völlig ernst, Miss Donavan, isch ’abe in den letzten fünf Jahren Dinge gesehen, die sisch nischt mit rationalen Argumenten erklären lassen. Dinge, die in keinem offiziellen Bericht auftauchen dürfen, weil man sonst Gefahr läuft, seinen Job zu verlieren oder in eine Anstalt eingewiesen zu werden. Dinge, die einem nachts den Schlaf rauben. Ja, wenn Sie so wollen, bin isch ein Gläubiger. Die Wahrheit ist irgendwo da draußen.“ Sunny hob beschwichtigend die Hände. „Immer schön langsam, Mr. Mulder! Ich glaube Ihnen, dass sich in Ihrem Beruf überall Abgründe auftun, und sicher gibt es genug Menschen, die sich in okkulte Welten flüchten, aber Sie glauben doch nicht ernsthaft an Hexerei?“
„Doch! Das tue isch und diese Leute, ’inter denen isch ’er bin, tun das auch. Da draußen findet eine Jagd statt! Eine Jagd auf Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Isch ’abe Opfer aus allen Gesellschaftskreisen, arm wie reisch, jung wie alt, schwarz, weiß oder sonstiger ’autfarbe, Frauen, Männer, Kinder. Alle ’aben nur eines gemein: Verbindungen zu Gruppierungen mit okkultem oder, wenn Sie so wollen, magischem ’intergrund. Isch bin es leid, immer zu Tatorten und Opfern gerufen zu werden, um festzustellen, dass jemand sie, wie auch immer, ausfindig gemacht und allesamt ermordet ’at. Sie, Miss Donavan sind etwas Besonderes. Das erste Mal ’abe isch ein Mitglied so einer Familie vor mir, das noch lebt. Isch werde diese Chance nischt verstreichen lassen und susehen, wie jemand Sie tötet. Dieses Mal werden die nischt gewinnen!“
Die Frau hatte ihn seinen emotionalen Vortrag beenden lassen, stand dann aber auf und meinte bedauernd: „Ich denke, ich verstehe Ihre Frustration, aber ich kann nur wiederholen, weder ich und ganz bestimmt nicht meine Schwester haben etwas mit irgendeinem Hokuspokus zu tun. Ich lasse gern meine Kunden in dem Glauben, der Laden habe etwas Mystisches, aber das sind reine Verkaufsstrategien. Es tut mir leid, aber ich denke nicht, dass ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein kann. Ich wünsche ihnen viel Erfolg bei Ihrer Suche, aber bitte lassen Sie mich in Zukunft damit zufrieden.“ Gérald erhob sich ebenfalls. „Das kann isch nischt, isch weiß, dass isch einer großen Sach’ auf der Spur bin, isch werde jetzt nischt aufgeben.“ Sunny ging um ihn herum. „Leben Sie wohl, Mr. Beloc!“ Dann verließ sie das Hotel. Er machte keine Anstalten, ihr zu folgen.
Es wäre schön gewesen, hätte sie ihm trauen können, doch in ihrer Familie lernte man noch vor dem Laufen, dass man niemandem vertrauen durfte. Sunny saß eine Minute hinter dem Lenkrad ihres alten Käfers und sammelte sich. Dann fuhr sie los. Heute wollte sie versuchen, etwas länger zu schlafen, obwohl sie die Angst vor ihren stets gleichen Albträumen nicht abschütteln konnte, die sie seit Dawns Tod jede Nacht heimsuchten. Gérald hatte schon Recht. Wenn er sie finden konnte, können die es wahrscheinlich auch. Sie war ganz in Gedanken über das, was er alles gesagt hatte, als ihr Telefon klingelte. „Samantha“ leuchtete im Display auf. Ihre einzige Mitarbeiterin, die sie heute im Laden vertreten hatte, war sehr zuverlässig. Wenn sie um diese Zeit anrief, musste irgendwas passiert sein, also ging sie, trotz der Müdigkeit, ran. „Hallo Sam, was gibts?“
„Oh, Gott sei Dank! Sunny!“, rief Samantha atemlos. „Sunny, hier wurde eingebrochen. Ich bin noch mal in den Laden gekommen, weil ich mein Handy hab’ liegen lassen, da hab’ ich es sofort gesehen. Die Polizei ist auch schon da. Die wollen mit dir reden.“
„Sam, beruhige dich! Ich bin eh gleich da.“ Sie beschloss, den Käfer nicht auf seinen Tiefgaragenparkplatz zu fahren, sondern schlug den Weg direkt durch die Altstadt zu ihrem Laden ein. Die Polizei würde sie sicher nicht abschleppen, wo sie doch gerade Opfer eines Einbruchs geworden war. „Sag der Polizei, dass ich in fünf Minuten da bin!“ Schnell beendete sie das Gespräch.
„Was glauben die wohl, was sie in meinem Laden vorfinden? Schwarze Altäre und umgedrehte Kreuze?“ Sunny war klar, dass das kein gewöhnlicher Einbruch sein konnte. Nur ein Zufall? Nein! Zufälle gab es nicht. ‚Die‘ mussten das gewesen sein. Sie hatten sie wohl gefunden, so wie Gérald es befürchtet hatte. Regenburgs verwinkelte Gassen waren jetzt, Ende Oktober, um diese Uhrzeit nicht mehr sehr belebt und so kam sie, ihre Ortskenntnisse nutzend, tatsächlich in fünf Minuten an ihrem Laden an. Schon von Weitem sah sie die Lichter des Polizeiautos blinken. Sam stand vor dem Laden und wedelte vor den Beamten aufgeregt mit den Armen umher. Ihre Freundin entsprach in ihrem Goth-Look schon eher dem Klischee einer Hexe und plötzlich wurde ihr bewusst, in welcher Gefahr Sam steckte, wenn hier tatsächlich ein Inquisitor sein Unwesen trieb. Wer wusste schon, was in diesen kranken Hirnen vorging. Vielleicht dachte so einer ja, er wäre hier auf ein ganzes Nest von Hexen gestoßen. Sie schüttelte die bösen Gedanken ab, wappnete sich für das Gespräch mit den Polizisten und stieg aus. Sam sah sie auf sich zukommen. „Sunny, Sunnyyyy!“ Ihre Freundin so aus dem Häuschen zu sehen, war ein ungewohntes Bild. Sonst gab sie sich immer cool und geheimnisvoll, jetzt schien sie fix und fertig zu sein. „Die haben ganz schön gewütet da drinnen. Ich kann dir nicht mal sagen, ob was weggekommen ist. Das muss in der halben Stunde passiert sein, die ich weg war. Stell dir vor, ich wäre eher gekommen. Vielleicht hätte ich den Dieb überrascht. Das Wechselgeld aus der Kasse fehlt aber nicht. Was haben die bloß gesucht?“ Sunny warf einen Blick an Sam vorbei in den Laden. Ein wildes Durcheinander sagte ihr, dass da erhebliche Kosten auf sie zukamen. „Hoffentlich deckt die Versicherung das ab.“ Einer der Polizisten trat auf die beiden Frauen zu. „Entschuldigung, sind Sie Frau Donavan?“ Sunny griff nach ihrer Handtasche. „Ja, die bin ich. Hier ist mein Ausweis.“
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