Spirit Vault: Japan
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-7116-0538-2
Erscheinungsdatum: 04.02.2026
Atsukos Schwester liegt im Sterben, und er hat nichts außer Mut. Verzweifelt sucht er nach Auswegen – und erhält die Chance, am Spirit Vault teilzunehmen. Alles oder nichts: Wird es ihm gelingen, ihr Schicksal zu wenden und die harten Proben zu bestehen?
Kapitel 1
Battle Royale
Mit der stillen Gelassenheit des frühen Morgens badeten warme Sonnenstrahlen Nahiko in ein sanftes, goldenes Licht. Dieser friedvolle Moment ließ kaum erahnen, dass sich hinter dem Glanz der Stadt ein Schattenreich verbarg. Dieses glänzende Juwel, Stolz seiner Bewohner, verbarg hinter seinem prächtigen Schein eine unbekannte, düstere Seite.
Im nördlichen Teil der Stadt, weitab von den majestätischen Hochhäusern und Prachtbauten, erstreckte sich ein schattiges Armenviertel. In den Schatten des nördlichen Stadtteils fanden der siebzehnjährige Atsuko und seine jüngere Schwester Hina ihr Zuhause – eine bescheidene Existenz, überschattet von der Last einer rätselhaften Krankheit, die ihre Tage bestimmte. Ihre Hoffnungen ruhten auf finanzieller Unterstützung, um lebensnotwendige medizinische Behandlungen zu finanzieren.
Dieser Morgen, der in trügerischer Ruhe begann, hielt für Atsuko unerwartete Wendungen bereit – Herausforderungen, die ihn bis an die Grenzen seiner Vorstellungskraft führen würden. Das Schicksal hatte bereits seine unsichtbaren Fäden gesponnen, ein Netz aus bevorstehenden Veränderungen und unerkannten Möglichkeiten, das sein Leben grundlegend umkrempeln sollte. Mit einem Hauch von Unruhe in sich trat der junge Mann in den Tag, bereit, seiner Bestimmung mutig entgegenzutreten.
Unaufhaltsam tickten die alten Zeiger der Uhr in Atsukos Zuhause voran, der Zeitpunkt – 8:43 Uhr am Morgen – markierte still den Beginn eines Schicksalstages. Ein leises Klicken begleitete ihre Bewegung und durchbrach die fast ungestörte Stille in dem bescheidenen Heim der Geschwister. Ihr Zuhause, ein einziger Raum, beherbergte alles, was sie besaßen. In dem Haus, markiert durch eine rostige Blechtür – stummer Zeuge vergangener Zeiten –, lag Atsukos einfaches Bett, das Reich seiner nächtlichen Träume und Ängste.
Während Atsuko tief schlummerte, suchten ihn seltsame Träume heim. In seinem Traum erschien ein geheimnisvolles Mädchen, umhüllt von Dornen, die sich vor seinen Augen langsam auflöste, als wäre sie nie mehr als ein Hauch gewesen. In der nächsten Szene stürzten vier Unbekannte in eine dunkle, tiefe Grube, aus der ein undurchdringlicher Schatten kroch, der sich schließlich in Nichts auflöste. Der surreale Traum nahm jedoch eine beklemmende Wendung, als Atsukos Bauch plötzlich der Faust eines blonden, jungen Mannes zum Opfer fiel. Plötzlich durchfuhr ihn ein entsetzlicher Schreck, der ihn mit einem schrillen Schrei aus dem Schlaf jagte und ihn unsanft auf den harten Lehmboden beförderte. Nach einem leisen Seufzen, das eine Mischung aus Verwirrung und Erschöpfung widerspiegelte, murmelte Atsuko: „Der Tag fängt ja mal gut an …“ und kämpfte sich mühsam auf die Beine.
Mit einer Mischung aus Gereiztheit und Sorge drehte sich Atsuko zu dem Bett seiner elfjährigen Schwester Hina um. Sie schlief noch tief und friedlich, unwissend von den Träumen und den Unruhen, die Atsuko durchlebt hatte. Ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er ihre seelenruhige Gestalt betrachtete. „Zumindest geht es dir gut …“, flüsterte er leise, voller Sorge um das Wohl seiner Schwester. In diesem stillen Augenblick erkannte er mit neuer Klarheit, dass er alles tun musste, um für sie und ihre gemeinsame Zukunft zu kämpfen – koste es, was es wolle. Trotz der Ungewissheit, die der Tag mit sich brachte, war Atsuko fest entschlossen, sein Äußerstes zu geben, um für sich und Hina eine bessere Zukunft zu sichern.
Während der Junge sich zur Tür begab, grübelte er über seine Probleme. ‚Hina wird täglich schwächer. Was als leichte Erkältung begann, hat sich stetig verschlimmert. Nun ist sie zu schwach, um auch nur ihr Bett zu verlassen‘, grübelte Atsuko, während er die wackelige Blechtür öffnete … Kaum hatte er die Tür geschlossen, sank er hustend auf die Knie. Blutstropfen benetzten den Staub vor ihm. ‚Verdammt, hat sie mich etwa angesteckt?‘ Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, als er das Rot an seinen Händen betrachtete, erschüttert und verängstigt. Leise murmelte er vor sich hin: „Nein, ich darf nicht sterben. Was wird aus meiner Schwester, wenn ich nicht mehr am Leben bin?“
Er blickte zum Himmel hinauf, der sich gerade verdunkelte. Schnell wollte er zurück ins Haus laufen, doch es war bereits zu spät. Die Beine des jungen Mannes gaben nach und er stürzte zu Boden. Langsam verfinsterte sich alles und ihm wurde schwarz vor Augen. In seinen letzten wachen Momenten erschien vor ihm ein Mädchen mit weißen Haaren, das ihn anlächelte. Kurz darauf erwachte Atsuko, nun in völliger Dunkelheit, in einem Traum-Bewusstsein.
Inmitten des Raumes stand jenes Mädchen, das der Junge bereits in seinem Traum und kurz bevor er in Ohnmacht fiel, erblickte. „Hallöchen!“, begrüßte das junge Mädchen ihn freudig. Atsukos Antwort kam zögerlich: „Äh … hallo?“ Sein überraschter Ton spiegelte seine Verwirrung wider. Er trat ein paar Schritte zurück, während er das Mädchen betrachtete. Ihre langen, weißen Haare fielen sanft um ein Gesicht, das von einer dunkelvioletten Stola– ein Kunstwerk aus Stoff – umspielt wurde, allerdings fast verborgen unter einem Dornenumhang. Atsukos Blick verharrte sprachlos auf dem jungen Mädchen, das ihn mit einem leichten Grinsen ansah. „Lass mich kurz vorstellen. Ich bin Psalida, ein Geist“, verriet sie mit einem mysteriösen Lächeln. Atsukos Antwort kam langsam: „Ein Geist?“ Seine Verwirrung war offensichtlich. Als er das sagte, fing das Mädchen plötzlich an zu lachen. „Es ist eine lange Geschichte, hahaha! Aber um es kurz zu machen: Ich suche einen Teilnehmer für den Spirit Vault. Andere Geister wählen ebenfalls Menschen aus, die sie repräsentieren sollen. Du wurdest ausgewählt, weil du deine Ziele mit außergewöhnlicher Entschlossenheit verfolgst.“
Der junge Mann war überrascht und verwirrt. „Moment! Spirit Vault? Geister? Was ist das alles und was hat das mit mir zu tun?!“ Plötzlich sah Psalida den Jungen mit einem leichten Grinsen an. So begann sie zu erklären: „Als Spirits – oder Geister – suchen wir nach Menschen mit der emotionalen Stärke, uns zu beherbergen. Auf der ganzen Welt gibt es nur wenige, die diese Bedingung erfüllen … Und du, Atsuko, bist einer der Auserwählten, einer von fünfzehn, die diese seltene Chance erhalten“, erklärte Psalida, während sie langsam auf Atsuko zukam. Sie flüsterte: „Also … willst du teilnehmen?“ und streckte ihm ihre Hand entgegen. Resigniert erwiderte er: „Was habe ich schon zu verlieren?“ und ergriff ihre Hand, woraufhin Psalida durchsichtig wurde und schnell in seinem Körper verschwand. Plötzlich fand sich Atsuko in seinem Bett wieder, verwirrt murmelnd: „Was zur Hölle war das gerade?“ Kurz hoffte er, es sei nur ein Traum gewesen, doch plötzlich hörte der Teenager ein Geräusch von dem einen Regal, das er seine Küche nannte.
Er schnellte herum, alarmiert vom Geräusch, und fand Psalida vor, wie sie genüsslich seine Kartoffelchips aß. „WAS ZUR HÖLLE?!“ entfuhr es ihm. Einen Moment lang herrschte eine unangenehme Stille zwischen den beiden, bevor das Mädchen zu grinsen begann. „Du hast ja überhaupt keine Snacks, außer dieser Packung Chips.“ Diese Begegnung machte den jungen Mann etwas wütend. „Sag mal, was machst du in meinem Haus und warum isst du meine Chips?!“ Schnell verließ er das alte Bett und riss dem Mädchen die Packung aus ihren Händen. Diese legte sich daraufhin gemütlich in das Bett.
„Nun, da ich ein Teil deiner Seele bin, wirst du mich nicht so einfach loswerden. Und außer anderen Geistermeistern wird mich niemand wahrnehmen können. Wenn du mit mir sprichst, kann das auch niemand hören, weil wir dann nur telepathisch miteinander kommunizieren. Das ist auch der Grund, warum deine kleine Schwester noch tief und fest schläft.“ Entmutigt ließ Atsuko sich zu Boden sinken, das Gesicht in den Knien vergraben. „Also bin ich jetzt wirklich nie mehr allein …“
Am selben Abend verließ Atsuko das Haus um 19:30 Uhr. Während er sich in seinen besten Anzug kleidete, zeigte Psalida ihre Verwunderung. „Warum ziehst du dich so schick an?“, fragte sie ihn in Gedanken. Zunächst gab Atsuko keine Antwort und verließ schweigend das Armenviertel. Während er durch die dunklen Straßen wanderte, konnte er nur an seine Schwester denken. Schließlich erreichte er ein gigantisches Hochhaus. An der Vorderseite des Gebäudes hing ein großes Schild mit der leuchtend gelben Aufschrift „CASHINO“. In diesem Moment gab der junge Mann endlich eine Antwort: „Um meine Schwester endgültig zu retten.“
Zwischenkapitel – Geschwister
Diese Geschichte trug sich zu, als Hina gerade einmal vier Jahre alt war.
Die Sonne senkte sich sanft über Nahiko, als Atsuko und Hina Hand in Hand den kleinen Hügel hinaufrannten. Ein leichter Wind wehte durch ihre Haare, während sie vor Freude strahlten. Die bunten Blumen am Wegesrand wirbelten im Takt ihrer fröhlichen Schritte. Atsuko lachte und Hina antwortete mit einem freudigen Jauchzen. Oben angekommen, blickten sie gemeinsam auf das Dorf hinunter, das in goldenes Abendlicht getaucht war.
„Unser Leben ist toll, nicht wahr?“ Atsuko warf sich voller Freude auf den Boden und betrachtete den schönen Abendhimmel. Hina legte sich neben ihren großen Bruder und nickte schüchtern. Der kleine Junge redete weiter: „Ich hab letztens gehört, wie so ein Typ jemanden verletzt hat, um seine Schwester zu beschützen. Ich finde so etwas einfach grausam …“ Hina nickte traurig, während sie auf den Boden starrte. „Ach, Hina!“ Der Junge war bereits aufgestanden und wollte seiner kleinen Schwester aufhelfen. „Lass dich davon nicht traurig machen. Du weißt, ich würde so etwas nie machen! Es ist schon spät, lass uns nach Hause gehen!“ Atsuko reichte ihr die Hand, und Hina ergriff sie zögernd. Sie wusste, dass ihr Bruder sie immer beschützen würde – nicht mit Fäusten, sondern mit seiner Wärme und seinem Lächeln. In diesem Moment schien der Abend noch goldener.
Zwischenkapitel – Ende
Die Spielehalle präsentierte sich in edlem Ambiente, überall funkelte es im goldenen Glanz. Die Flure erstreckten sich wie endlose Labyrinthe, die Besucher in ihren Bann zogen. Inmitten des Systems aus Gängen und Hallen herrschte ein unfassbares Getümmel, durch das sich der junge Mann irgendwie durchkämpfen musste. ‚Verdammt, wie soll ich hier nur durchkommen?‘, raunte er in Gedanken, während er sich geschickt durch die dichten Menschenmassen manövrierte, um irgendwie den Aufzug in der Mitte des Gebäudes zu erreichen. Als er dies geschafft hatte, atmete der Junge noch einmal erleichtert durch und betrat den Fahrstuhl, der ebenfalls einen goldenen Schein von sich gab.
Daraufhin drückte er den Knopf mit der Aufschrift ,15‘ und fuhr in den fünfzehnten Stock. Während der Fahrt holte er ein billiges Parfüm aus seiner Tasche und sprühte damit zweimal auf seinen Hals. Wieder einmal ließ das Spiritmädchen eine ihrer spitzen Bemerkungen fallen. „Oho, bereitet sich da jemand auf ein Date vor?“ Etwas genervt versuchte der junge Mann, sie davon zu überzeugen, dass er sich bloß mit einem Freund treffen wolle, doch das Mädchen gab einfach nicht auf.
Endlich kam der Aufzug bei seinem Ziel an und Atsuko hatte seine Ruhe. Im fünfzehnten Stock war ein großer Teppich ausgerollt, der die Leute zu den Räumen führte. Diese Ebene war dafür bekannt, dass sich die Gäste hier üblicherweise zu zweit trafen, um in Duellen gegeneinander zu spielen. So tat es auch der junge Mann. „Hey, Yasutora!“, begrüßte der Jugendliche leicht genervt, als er den vereinbarten Raum betrat, vor dem Yasutora schon wartete, in Gedanken versunken. Als der Junge sich dem Mann näherte, traf sein Blick sofort auf den von Yasutora. „Ah, Atsuko, etwas spät dran, wie?“, kommentierte der 32-Jährige mit einem Lächeln, das eher bemüht als herzlich wirkte. Atsuko erkannte sofort die Fassade – das Lächeln erreichte Yasutoras Augen, die von Schlafmangel gezeichnet waren, nicht. Vor allem seine Augenringe zeugten von mangelnder Erholung in den letzten Tagen. So erwiderte der ohnehin schon aufgebrachte junge Mann: „Entschuldige, aber ich bin nur eine Minute zu spät.“, und warf dem Mann mit den zurückgegelten Haaren einen leicht genervten Blick zu. Dieser drehte sich einfach um und öffnete die Tür. „Kein Problem, das war nur ein Scherz. Ich habe für uns eine Stunde reserviert. Das sollte passen, oder?“
Atsuko bedankte sich, nickte und betrat einen Saal. Beide nahmen auf den braunen Holzstühlen Platz, die im Zentrum der Halle standen. Die roten Baumwollteppiche, die bereits auf den Fluren zu sehen waren, erstreckten sich auch in diesem Raum. Die Wände waren in einem hellgrauen Ton gehalten und die großen Fenster an der gegenüberliegenden Wand verliehen dem Saal einen modernen Touch, der an ein Bürogebäude erinnerte. Yasutora holte ein Kartenspiel aus seiner Tasche und legte das Kartenspiel mit einem ausdruckslosen Mimik auf den Tisch zwischen sie. „Ein Spiel entscheidet: Bei meinem Sieg – 150.000 Yen von dir. Bei deinem Sieg – das Medikament, das du suchst. Einverstanden?“ Atsuko bedankte sich und nickte. „Wo sind all die Spiele?“, fragte Atsuko, sein Blick wanderte durch den unerwartet leeren Raum. Yasutora erwiderte gelassen: „Dieser Bereich dient nicht den üblichen Glücksspielen wie Roulette oder Black Jack. Hier geht es um persönlichere, direktere Wetten – ein Raum für Herausforderungen der besonderen Art.“
Der Mann legte das schlichte Kartenspiel auf den Tisch. „Die Regeln sind einfach“, begann Yasutora. „Wir ziehen jeweils eine Karte aus dem Stapel. Jede Karte hat einen Basiswert, der sich aus ihrer Farbe und Zahl ergibt. Ein leeres Symbol zählt als eins. Die Farben – Herz als eins, Pik als zwei, Kreuz als drei und Karo als vier – multiplizieren wir mit der Zahl auf der Karte, die von eins bis neun reicht.“
Beide blickten sich tief in die Augen, während sie jeweils eine Karte zogen. Gerade als Atsukos Hand sich dem Kartenstapel näherte, flüsterte Psalida verführerisch in seinen Gedanken: „Willst du nicht meine Kraft nutzen, um sicherzugehen, dass du die stärkste Karte ziehst?“ Trotz der Versuchung zog Atsuko entschlossen seine Karte. „Ich will dies aus eigener Kraft schaffen …“, antwortete er in Gedanken, die Karte fest in seiner Hand, noch verborgen vor aller Augen. Yasutora meldete sich ebenfalls und sagte: „Lassen wir uns nun unsere Karten sehen.“, während er seine Karte bereits in der Hand hielt.
Nach einem dramatischen Countdown hoben beide gleichzeitig ihre Karten hoch und enthüllten sie – ein Moment, in dem die Zeit stillzustehen schien. Atsuko, dessen Herz in der Brust hämmerte, starrte entsetzt auf die Karo-Acht in Yasutoras Hand. „Ich kann nicht verloren haben … Was nun?“ Die Angst lähmte ihn kurz, als er Yasutoras vermeintlichen Sieg betrachtete.
Doch zu seiner Verwunderung zog Yasutora die Medizin aus seiner Tasche und reichte sie Atsuko. „Herzlichen Glückwunsch, du hast gewonnen“, verkündete Yasutora, ein schmales Grinsen umspielte seine Lippen. Verblüfft über diese Wendung, drehte Atsuko seine Karte um – eine Karo-Neun! Gegen alle Wahrscheinlichkeit hatte er tatsächlich gewonnen, mit einer Punktzahl von 36 knapp über Yasutoras 32. „Hier ist deine Belohnung“, sagte Yasutora, während er Atsuko die Medizin übergab. Vor Freude strahlend nahm Atsuko sie entgegen. Nie zuvor hatte er so viel Glück gehabt. „Vielen Dank!“, sagte er, als er das Medikament in Empfang nahm. Yasutora stand auf und ging mit nachdenklichem Blick zum Fenster.
„Weißt du, ich glaube, unsere Welt hat den Wert echter Verbindungen vergessen. In einem Zeitalter, wo Oberflächlichkeit oft über Tiefe gestellt wird, fühlen sich viele isoliert – selbst jene, die scheinbar alles haben. Doch wahre Stärke liegt im Erkennen und Akzeptieren unserer Gefühle. Ich hoffe, du findest deinen Weg, Atsuko, und lässt dich nicht von den Erwartungen anderer leiten.“ Seine Worte trugen eine Melancholie, die mehr über sein eigenes Leben verriet, als er vielleicht beabsichtigte. Daraufhin stand er auf und ging zum Fenster. Mit einem letzten Lächeln lehnte er sich zurück und stürzte hinaus.
Atsuko erstarrte, unfähig, das Geschehene sofort zu begreifen. Ein Wirbel aus Schock und Unglauben hielt ihn gefangen, bevor er sich zum Fenster zwang, in der Hoffnung, die Realität möge anders sein. Doch der Anblick bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. So erblickte er den leblosen Körper von Yasutora auf dem Boden und eine Menschenmenge, die sich um ihn versammelt hatte.
Schweiß brach auf seiner Stirn aus und sein Atem wurde schwer. Blässe überzog sein Gesicht, er trat vier Schritte zurück und sank auf die Knie. In Verzweiflung und Trauer begann Atsuko zu schreien. Obwohl keine Tränen aus seinen Augen flossen, spiegelte sein Gesichtsausdruck die Last und den Kummer wider, die er empfand. Schmerzhaft schrie der Siebzehnjährige minutenlang, bis plötzlich alles um ihn herum schwarz wurde und er bewusstlos zusammenbrach.
Atsuko erwachte plötzlich aus der Dunkelheit, die ihn umfangen hatte. Verwirrt und langsam richtete er sich auf, nur um zu erkennen, dass er sich an einem völlig fremden Ort befand – weit entfernt von der düsteren Szene seines Zusammenbruchs. Aus irgendeinem Grund befand er sich nun an einem unbekannten Strand auf einer Insel. „Wo … befinde ich mich?“, fragte er sich verwirrt, während er aufstand. Neben ihm befand sich sein Spirit, Psalida. „Willkommen auf Delta, der Insel des Kampfes für deine Träume“, erklärte Psalida mit einem verschmitzten Grinsen. Atsukos Schock vertiefte sich. „Beginnt der Spirit Vault jetzt sofort?!“ Seine Stimme schwankte zwischen Unglauben und Faszination.
Obwohl sein Gesichtsausdruck von Ärger und Schock geprägt war, akzeptierte er innerlich die Tatsache, dass er nun gegen vierzehn andere Menschen antreten musste. „Also gut … was sollen wir jetzt tun?“, fragte Atsuko, seine Anspannung kaum verbergend. Psalidas Grinsen wurde noch breiter, schelmisch und voller Geheimnisse. „Du bist der Meister. Die Entscheidung liegt bei dir“, antwortete sie. Nachdem die Frau dies gesagt hatte, verschwand sie in Atsukos Innerem, seiner Seele, um genau zu sein. Erschöpft und nachdenklich ließ Atsuko sich zurück auf den Sand fallen, das Rauschen des Meeres im Hintergrund. „Natürlich“, murmelte er mehr zu sich selbst, „war zu erwarten, aber wie soll ich vorgehen …?“ Seine Worte verloren sich im Wind, während er nachdenklich in den Himmel blickte.
Plötzlich näherte sich jemand, der durch den Sand stapfte. „Hey! Endlich jemand!“, rief er erleichtert. „Darf ich mich zu dir gesellen?“, fragte der Unbekannte mit einer Mischung aus Hoffnung und Vorsicht in der Stimme. Atsuko drehte sich um und sah einen jungen Mann in seinem Alter, etwa 1,75 Meter groß. Er hatte schwarze Haare, die bis zur Nase reichten, und trug eine viereckige Brille mit einem Metallrahmen auf seiner Nase. Mit angemessenem Abstand setzte er sich neben Atsuko. „Ich bin Kunio, schön dich kennenzulernen!“ Obwohl Atsukos Nerven noch angespannt waren, gab er kurz seinen Namen preis: „Atsuko Hokoyama.“ Dann ließ er sich erneut in den Sand sinken, den Blick abgewandt.
Kunio betrachtete den Himmel und begann erneut zu sprechen. „Du bist wahrscheinlich auch wegen des Spirit Vaults hier, oder?“, sagte er ruhig und schloss seine Augen. Atsuko sprang schnell auf und ging einige Schritte zurück. Er dachte: ‚Noch ein Spirit-Master?! Er könnte eine Gefahr sein!‘, und war bereit zu flüchten.
„WAAAAH! SORRY, FALLS ICH DIR ANGST GEMACHT HABE! BITTE NICHT TÖTEN, BITTEEEE!“, schrie der Fremde verängstigt, während er auf die Knie fiel. „Oh, ähm … Rede zuerst einmal fertig.“, antwortete Atsuko. Daraufhin fuhr der andere junge Mann verängstigt fort: „Eigentlich möchte ich mich mit dir verbünden. Alleine sind wir stark, aber gemeinsam sind wir stärker. Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte töte mich nicht, okayyy?“, während er Atsuko seine Hand entgegenstreckte. Atsuko ergriff die Hand und half ihm beim Aufstehen. „Abgemacht.“
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Battle Royale
Mit der stillen Gelassenheit des frühen Morgens badeten warme Sonnenstrahlen Nahiko in ein sanftes, goldenes Licht. Dieser friedvolle Moment ließ kaum erahnen, dass sich hinter dem Glanz der Stadt ein Schattenreich verbarg. Dieses glänzende Juwel, Stolz seiner Bewohner, verbarg hinter seinem prächtigen Schein eine unbekannte, düstere Seite.
Im nördlichen Teil der Stadt, weitab von den majestätischen Hochhäusern und Prachtbauten, erstreckte sich ein schattiges Armenviertel. In den Schatten des nördlichen Stadtteils fanden der siebzehnjährige Atsuko und seine jüngere Schwester Hina ihr Zuhause – eine bescheidene Existenz, überschattet von der Last einer rätselhaften Krankheit, die ihre Tage bestimmte. Ihre Hoffnungen ruhten auf finanzieller Unterstützung, um lebensnotwendige medizinische Behandlungen zu finanzieren.
Dieser Morgen, der in trügerischer Ruhe begann, hielt für Atsuko unerwartete Wendungen bereit – Herausforderungen, die ihn bis an die Grenzen seiner Vorstellungskraft führen würden. Das Schicksal hatte bereits seine unsichtbaren Fäden gesponnen, ein Netz aus bevorstehenden Veränderungen und unerkannten Möglichkeiten, das sein Leben grundlegend umkrempeln sollte. Mit einem Hauch von Unruhe in sich trat der junge Mann in den Tag, bereit, seiner Bestimmung mutig entgegenzutreten.
Unaufhaltsam tickten die alten Zeiger der Uhr in Atsukos Zuhause voran, der Zeitpunkt – 8:43 Uhr am Morgen – markierte still den Beginn eines Schicksalstages. Ein leises Klicken begleitete ihre Bewegung und durchbrach die fast ungestörte Stille in dem bescheidenen Heim der Geschwister. Ihr Zuhause, ein einziger Raum, beherbergte alles, was sie besaßen. In dem Haus, markiert durch eine rostige Blechtür – stummer Zeuge vergangener Zeiten –, lag Atsukos einfaches Bett, das Reich seiner nächtlichen Träume und Ängste.
Während Atsuko tief schlummerte, suchten ihn seltsame Träume heim. In seinem Traum erschien ein geheimnisvolles Mädchen, umhüllt von Dornen, die sich vor seinen Augen langsam auflöste, als wäre sie nie mehr als ein Hauch gewesen. In der nächsten Szene stürzten vier Unbekannte in eine dunkle, tiefe Grube, aus der ein undurchdringlicher Schatten kroch, der sich schließlich in Nichts auflöste. Der surreale Traum nahm jedoch eine beklemmende Wendung, als Atsukos Bauch plötzlich der Faust eines blonden, jungen Mannes zum Opfer fiel. Plötzlich durchfuhr ihn ein entsetzlicher Schreck, der ihn mit einem schrillen Schrei aus dem Schlaf jagte und ihn unsanft auf den harten Lehmboden beförderte. Nach einem leisen Seufzen, das eine Mischung aus Verwirrung und Erschöpfung widerspiegelte, murmelte Atsuko: „Der Tag fängt ja mal gut an …“ und kämpfte sich mühsam auf die Beine.
Mit einer Mischung aus Gereiztheit und Sorge drehte sich Atsuko zu dem Bett seiner elfjährigen Schwester Hina um. Sie schlief noch tief und friedlich, unwissend von den Träumen und den Unruhen, die Atsuko durchlebt hatte. Ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er ihre seelenruhige Gestalt betrachtete. „Zumindest geht es dir gut …“, flüsterte er leise, voller Sorge um das Wohl seiner Schwester. In diesem stillen Augenblick erkannte er mit neuer Klarheit, dass er alles tun musste, um für sie und ihre gemeinsame Zukunft zu kämpfen – koste es, was es wolle. Trotz der Ungewissheit, die der Tag mit sich brachte, war Atsuko fest entschlossen, sein Äußerstes zu geben, um für sich und Hina eine bessere Zukunft zu sichern.
Während der Junge sich zur Tür begab, grübelte er über seine Probleme. ‚Hina wird täglich schwächer. Was als leichte Erkältung begann, hat sich stetig verschlimmert. Nun ist sie zu schwach, um auch nur ihr Bett zu verlassen‘, grübelte Atsuko, während er die wackelige Blechtür öffnete … Kaum hatte er die Tür geschlossen, sank er hustend auf die Knie. Blutstropfen benetzten den Staub vor ihm. ‚Verdammt, hat sie mich etwa angesteckt?‘ Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, als er das Rot an seinen Händen betrachtete, erschüttert und verängstigt. Leise murmelte er vor sich hin: „Nein, ich darf nicht sterben. Was wird aus meiner Schwester, wenn ich nicht mehr am Leben bin?“
Er blickte zum Himmel hinauf, der sich gerade verdunkelte. Schnell wollte er zurück ins Haus laufen, doch es war bereits zu spät. Die Beine des jungen Mannes gaben nach und er stürzte zu Boden. Langsam verfinsterte sich alles und ihm wurde schwarz vor Augen. In seinen letzten wachen Momenten erschien vor ihm ein Mädchen mit weißen Haaren, das ihn anlächelte. Kurz darauf erwachte Atsuko, nun in völliger Dunkelheit, in einem Traum-Bewusstsein.
Inmitten des Raumes stand jenes Mädchen, das der Junge bereits in seinem Traum und kurz bevor er in Ohnmacht fiel, erblickte. „Hallöchen!“, begrüßte das junge Mädchen ihn freudig. Atsukos Antwort kam zögerlich: „Äh … hallo?“ Sein überraschter Ton spiegelte seine Verwirrung wider. Er trat ein paar Schritte zurück, während er das Mädchen betrachtete. Ihre langen, weißen Haare fielen sanft um ein Gesicht, das von einer dunkelvioletten Stola– ein Kunstwerk aus Stoff – umspielt wurde, allerdings fast verborgen unter einem Dornenumhang. Atsukos Blick verharrte sprachlos auf dem jungen Mädchen, das ihn mit einem leichten Grinsen ansah. „Lass mich kurz vorstellen. Ich bin Psalida, ein Geist“, verriet sie mit einem mysteriösen Lächeln. Atsukos Antwort kam langsam: „Ein Geist?“ Seine Verwirrung war offensichtlich. Als er das sagte, fing das Mädchen plötzlich an zu lachen. „Es ist eine lange Geschichte, hahaha! Aber um es kurz zu machen: Ich suche einen Teilnehmer für den Spirit Vault. Andere Geister wählen ebenfalls Menschen aus, die sie repräsentieren sollen. Du wurdest ausgewählt, weil du deine Ziele mit außergewöhnlicher Entschlossenheit verfolgst.“
Der junge Mann war überrascht und verwirrt. „Moment! Spirit Vault? Geister? Was ist das alles und was hat das mit mir zu tun?!“ Plötzlich sah Psalida den Jungen mit einem leichten Grinsen an. So begann sie zu erklären: „Als Spirits – oder Geister – suchen wir nach Menschen mit der emotionalen Stärke, uns zu beherbergen. Auf der ganzen Welt gibt es nur wenige, die diese Bedingung erfüllen … Und du, Atsuko, bist einer der Auserwählten, einer von fünfzehn, die diese seltene Chance erhalten“, erklärte Psalida, während sie langsam auf Atsuko zukam. Sie flüsterte: „Also … willst du teilnehmen?“ und streckte ihm ihre Hand entgegen. Resigniert erwiderte er: „Was habe ich schon zu verlieren?“ und ergriff ihre Hand, woraufhin Psalida durchsichtig wurde und schnell in seinem Körper verschwand. Plötzlich fand sich Atsuko in seinem Bett wieder, verwirrt murmelnd: „Was zur Hölle war das gerade?“ Kurz hoffte er, es sei nur ein Traum gewesen, doch plötzlich hörte der Teenager ein Geräusch von dem einen Regal, das er seine Küche nannte.
Er schnellte herum, alarmiert vom Geräusch, und fand Psalida vor, wie sie genüsslich seine Kartoffelchips aß. „WAS ZUR HÖLLE?!“ entfuhr es ihm. Einen Moment lang herrschte eine unangenehme Stille zwischen den beiden, bevor das Mädchen zu grinsen begann. „Du hast ja überhaupt keine Snacks, außer dieser Packung Chips.“ Diese Begegnung machte den jungen Mann etwas wütend. „Sag mal, was machst du in meinem Haus und warum isst du meine Chips?!“ Schnell verließ er das alte Bett und riss dem Mädchen die Packung aus ihren Händen. Diese legte sich daraufhin gemütlich in das Bett.
„Nun, da ich ein Teil deiner Seele bin, wirst du mich nicht so einfach loswerden. Und außer anderen Geistermeistern wird mich niemand wahrnehmen können. Wenn du mit mir sprichst, kann das auch niemand hören, weil wir dann nur telepathisch miteinander kommunizieren. Das ist auch der Grund, warum deine kleine Schwester noch tief und fest schläft.“ Entmutigt ließ Atsuko sich zu Boden sinken, das Gesicht in den Knien vergraben. „Also bin ich jetzt wirklich nie mehr allein …“
Am selben Abend verließ Atsuko das Haus um 19:30 Uhr. Während er sich in seinen besten Anzug kleidete, zeigte Psalida ihre Verwunderung. „Warum ziehst du dich so schick an?“, fragte sie ihn in Gedanken. Zunächst gab Atsuko keine Antwort und verließ schweigend das Armenviertel. Während er durch die dunklen Straßen wanderte, konnte er nur an seine Schwester denken. Schließlich erreichte er ein gigantisches Hochhaus. An der Vorderseite des Gebäudes hing ein großes Schild mit der leuchtend gelben Aufschrift „CASHINO“. In diesem Moment gab der junge Mann endlich eine Antwort: „Um meine Schwester endgültig zu retten.“
Zwischenkapitel – Geschwister
Diese Geschichte trug sich zu, als Hina gerade einmal vier Jahre alt war.
Die Sonne senkte sich sanft über Nahiko, als Atsuko und Hina Hand in Hand den kleinen Hügel hinaufrannten. Ein leichter Wind wehte durch ihre Haare, während sie vor Freude strahlten. Die bunten Blumen am Wegesrand wirbelten im Takt ihrer fröhlichen Schritte. Atsuko lachte und Hina antwortete mit einem freudigen Jauchzen. Oben angekommen, blickten sie gemeinsam auf das Dorf hinunter, das in goldenes Abendlicht getaucht war.
„Unser Leben ist toll, nicht wahr?“ Atsuko warf sich voller Freude auf den Boden und betrachtete den schönen Abendhimmel. Hina legte sich neben ihren großen Bruder und nickte schüchtern. Der kleine Junge redete weiter: „Ich hab letztens gehört, wie so ein Typ jemanden verletzt hat, um seine Schwester zu beschützen. Ich finde so etwas einfach grausam …“ Hina nickte traurig, während sie auf den Boden starrte. „Ach, Hina!“ Der Junge war bereits aufgestanden und wollte seiner kleinen Schwester aufhelfen. „Lass dich davon nicht traurig machen. Du weißt, ich würde so etwas nie machen! Es ist schon spät, lass uns nach Hause gehen!“ Atsuko reichte ihr die Hand, und Hina ergriff sie zögernd. Sie wusste, dass ihr Bruder sie immer beschützen würde – nicht mit Fäusten, sondern mit seiner Wärme und seinem Lächeln. In diesem Moment schien der Abend noch goldener.
Zwischenkapitel – Ende
Die Spielehalle präsentierte sich in edlem Ambiente, überall funkelte es im goldenen Glanz. Die Flure erstreckten sich wie endlose Labyrinthe, die Besucher in ihren Bann zogen. Inmitten des Systems aus Gängen und Hallen herrschte ein unfassbares Getümmel, durch das sich der junge Mann irgendwie durchkämpfen musste. ‚Verdammt, wie soll ich hier nur durchkommen?‘, raunte er in Gedanken, während er sich geschickt durch die dichten Menschenmassen manövrierte, um irgendwie den Aufzug in der Mitte des Gebäudes zu erreichen. Als er dies geschafft hatte, atmete der Junge noch einmal erleichtert durch und betrat den Fahrstuhl, der ebenfalls einen goldenen Schein von sich gab.
Daraufhin drückte er den Knopf mit der Aufschrift ,15‘ und fuhr in den fünfzehnten Stock. Während der Fahrt holte er ein billiges Parfüm aus seiner Tasche und sprühte damit zweimal auf seinen Hals. Wieder einmal ließ das Spiritmädchen eine ihrer spitzen Bemerkungen fallen. „Oho, bereitet sich da jemand auf ein Date vor?“ Etwas genervt versuchte der junge Mann, sie davon zu überzeugen, dass er sich bloß mit einem Freund treffen wolle, doch das Mädchen gab einfach nicht auf.
Endlich kam der Aufzug bei seinem Ziel an und Atsuko hatte seine Ruhe. Im fünfzehnten Stock war ein großer Teppich ausgerollt, der die Leute zu den Räumen führte. Diese Ebene war dafür bekannt, dass sich die Gäste hier üblicherweise zu zweit trafen, um in Duellen gegeneinander zu spielen. So tat es auch der junge Mann. „Hey, Yasutora!“, begrüßte der Jugendliche leicht genervt, als er den vereinbarten Raum betrat, vor dem Yasutora schon wartete, in Gedanken versunken. Als der Junge sich dem Mann näherte, traf sein Blick sofort auf den von Yasutora. „Ah, Atsuko, etwas spät dran, wie?“, kommentierte der 32-Jährige mit einem Lächeln, das eher bemüht als herzlich wirkte. Atsuko erkannte sofort die Fassade – das Lächeln erreichte Yasutoras Augen, die von Schlafmangel gezeichnet waren, nicht. Vor allem seine Augenringe zeugten von mangelnder Erholung in den letzten Tagen. So erwiderte der ohnehin schon aufgebrachte junge Mann: „Entschuldige, aber ich bin nur eine Minute zu spät.“, und warf dem Mann mit den zurückgegelten Haaren einen leicht genervten Blick zu. Dieser drehte sich einfach um und öffnete die Tür. „Kein Problem, das war nur ein Scherz. Ich habe für uns eine Stunde reserviert. Das sollte passen, oder?“
Atsuko bedankte sich, nickte und betrat einen Saal. Beide nahmen auf den braunen Holzstühlen Platz, die im Zentrum der Halle standen. Die roten Baumwollteppiche, die bereits auf den Fluren zu sehen waren, erstreckten sich auch in diesem Raum. Die Wände waren in einem hellgrauen Ton gehalten und die großen Fenster an der gegenüberliegenden Wand verliehen dem Saal einen modernen Touch, der an ein Bürogebäude erinnerte. Yasutora holte ein Kartenspiel aus seiner Tasche und legte das Kartenspiel mit einem ausdruckslosen Mimik auf den Tisch zwischen sie. „Ein Spiel entscheidet: Bei meinem Sieg – 150.000 Yen von dir. Bei deinem Sieg – das Medikament, das du suchst. Einverstanden?“ Atsuko bedankte sich und nickte. „Wo sind all die Spiele?“, fragte Atsuko, sein Blick wanderte durch den unerwartet leeren Raum. Yasutora erwiderte gelassen: „Dieser Bereich dient nicht den üblichen Glücksspielen wie Roulette oder Black Jack. Hier geht es um persönlichere, direktere Wetten – ein Raum für Herausforderungen der besonderen Art.“
Der Mann legte das schlichte Kartenspiel auf den Tisch. „Die Regeln sind einfach“, begann Yasutora. „Wir ziehen jeweils eine Karte aus dem Stapel. Jede Karte hat einen Basiswert, der sich aus ihrer Farbe und Zahl ergibt. Ein leeres Symbol zählt als eins. Die Farben – Herz als eins, Pik als zwei, Kreuz als drei und Karo als vier – multiplizieren wir mit der Zahl auf der Karte, die von eins bis neun reicht.“
Beide blickten sich tief in die Augen, während sie jeweils eine Karte zogen. Gerade als Atsukos Hand sich dem Kartenstapel näherte, flüsterte Psalida verführerisch in seinen Gedanken: „Willst du nicht meine Kraft nutzen, um sicherzugehen, dass du die stärkste Karte ziehst?“ Trotz der Versuchung zog Atsuko entschlossen seine Karte. „Ich will dies aus eigener Kraft schaffen …“, antwortete er in Gedanken, die Karte fest in seiner Hand, noch verborgen vor aller Augen. Yasutora meldete sich ebenfalls und sagte: „Lassen wir uns nun unsere Karten sehen.“, während er seine Karte bereits in der Hand hielt.
Nach einem dramatischen Countdown hoben beide gleichzeitig ihre Karten hoch und enthüllten sie – ein Moment, in dem die Zeit stillzustehen schien. Atsuko, dessen Herz in der Brust hämmerte, starrte entsetzt auf die Karo-Acht in Yasutoras Hand. „Ich kann nicht verloren haben … Was nun?“ Die Angst lähmte ihn kurz, als er Yasutoras vermeintlichen Sieg betrachtete.
Doch zu seiner Verwunderung zog Yasutora die Medizin aus seiner Tasche und reichte sie Atsuko. „Herzlichen Glückwunsch, du hast gewonnen“, verkündete Yasutora, ein schmales Grinsen umspielte seine Lippen. Verblüfft über diese Wendung, drehte Atsuko seine Karte um – eine Karo-Neun! Gegen alle Wahrscheinlichkeit hatte er tatsächlich gewonnen, mit einer Punktzahl von 36 knapp über Yasutoras 32. „Hier ist deine Belohnung“, sagte Yasutora, während er Atsuko die Medizin übergab. Vor Freude strahlend nahm Atsuko sie entgegen. Nie zuvor hatte er so viel Glück gehabt. „Vielen Dank!“, sagte er, als er das Medikament in Empfang nahm. Yasutora stand auf und ging mit nachdenklichem Blick zum Fenster.
„Weißt du, ich glaube, unsere Welt hat den Wert echter Verbindungen vergessen. In einem Zeitalter, wo Oberflächlichkeit oft über Tiefe gestellt wird, fühlen sich viele isoliert – selbst jene, die scheinbar alles haben. Doch wahre Stärke liegt im Erkennen und Akzeptieren unserer Gefühle. Ich hoffe, du findest deinen Weg, Atsuko, und lässt dich nicht von den Erwartungen anderer leiten.“ Seine Worte trugen eine Melancholie, die mehr über sein eigenes Leben verriet, als er vielleicht beabsichtigte. Daraufhin stand er auf und ging zum Fenster. Mit einem letzten Lächeln lehnte er sich zurück und stürzte hinaus.
Atsuko erstarrte, unfähig, das Geschehene sofort zu begreifen. Ein Wirbel aus Schock und Unglauben hielt ihn gefangen, bevor er sich zum Fenster zwang, in der Hoffnung, die Realität möge anders sein. Doch der Anblick bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. So erblickte er den leblosen Körper von Yasutora auf dem Boden und eine Menschenmenge, die sich um ihn versammelt hatte.
Schweiß brach auf seiner Stirn aus und sein Atem wurde schwer. Blässe überzog sein Gesicht, er trat vier Schritte zurück und sank auf die Knie. In Verzweiflung und Trauer begann Atsuko zu schreien. Obwohl keine Tränen aus seinen Augen flossen, spiegelte sein Gesichtsausdruck die Last und den Kummer wider, die er empfand. Schmerzhaft schrie der Siebzehnjährige minutenlang, bis plötzlich alles um ihn herum schwarz wurde und er bewusstlos zusammenbrach.
Atsuko erwachte plötzlich aus der Dunkelheit, die ihn umfangen hatte. Verwirrt und langsam richtete er sich auf, nur um zu erkennen, dass er sich an einem völlig fremden Ort befand – weit entfernt von der düsteren Szene seines Zusammenbruchs. Aus irgendeinem Grund befand er sich nun an einem unbekannten Strand auf einer Insel. „Wo … befinde ich mich?“, fragte er sich verwirrt, während er aufstand. Neben ihm befand sich sein Spirit, Psalida. „Willkommen auf Delta, der Insel des Kampfes für deine Träume“, erklärte Psalida mit einem verschmitzten Grinsen. Atsukos Schock vertiefte sich. „Beginnt der Spirit Vault jetzt sofort?!“ Seine Stimme schwankte zwischen Unglauben und Faszination.
Obwohl sein Gesichtsausdruck von Ärger und Schock geprägt war, akzeptierte er innerlich die Tatsache, dass er nun gegen vierzehn andere Menschen antreten musste. „Also gut … was sollen wir jetzt tun?“, fragte Atsuko, seine Anspannung kaum verbergend. Psalidas Grinsen wurde noch breiter, schelmisch und voller Geheimnisse. „Du bist der Meister. Die Entscheidung liegt bei dir“, antwortete sie. Nachdem die Frau dies gesagt hatte, verschwand sie in Atsukos Innerem, seiner Seele, um genau zu sein. Erschöpft und nachdenklich ließ Atsuko sich zurück auf den Sand fallen, das Rauschen des Meeres im Hintergrund. „Natürlich“, murmelte er mehr zu sich selbst, „war zu erwarten, aber wie soll ich vorgehen …?“ Seine Worte verloren sich im Wind, während er nachdenklich in den Himmel blickte.
Plötzlich näherte sich jemand, der durch den Sand stapfte. „Hey! Endlich jemand!“, rief er erleichtert. „Darf ich mich zu dir gesellen?“, fragte der Unbekannte mit einer Mischung aus Hoffnung und Vorsicht in der Stimme. Atsuko drehte sich um und sah einen jungen Mann in seinem Alter, etwa 1,75 Meter groß. Er hatte schwarze Haare, die bis zur Nase reichten, und trug eine viereckige Brille mit einem Metallrahmen auf seiner Nase. Mit angemessenem Abstand setzte er sich neben Atsuko. „Ich bin Kunio, schön dich kennenzulernen!“ Obwohl Atsukos Nerven noch angespannt waren, gab er kurz seinen Namen preis: „Atsuko Hokoyama.“ Dann ließ er sich erneut in den Sand sinken, den Blick abgewandt.
Kunio betrachtete den Himmel und begann erneut zu sprechen. „Du bist wahrscheinlich auch wegen des Spirit Vaults hier, oder?“, sagte er ruhig und schloss seine Augen. Atsuko sprang schnell auf und ging einige Schritte zurück. Er dachte: ‚Noch ein Spirit-Master?! Er könnte eine Gefahr sein!‘, und war bereit zu flüchten.
„WAAAAH! SORRY, FALLS ICH DIR ANGST GEMACHT HABE! BITTE NICHT TÖTEN, BITTEEEE!“, schrie der Fremde verängstigt, während er auf die Knie fiel. „Oh, ähm … Rede zuerst einmal fertig.“, antwortete Atsuko. Daraufhin fuhr der andere junge Mann verängstigt fort: „Eigentlich möchte ich mich mit dir verbünden. Alleine sind wir stark, aber gemeinsam sind wir stärker. Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte töte mich nicht, okayyy?“, während er Atsuko seine Hand entgegenstreckte. Atsuko ergriff die Hand und half ihm beim Aufstehen. „Abgemacht.“
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