Cover: Wächter des Friedens

Wächter des Friedens
Band 3 Schlüssel zur Unendlichkeit


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 266
ISBN: 978-3-7116-1805-4
Erscheinungsdatum: 02.06.2026
Wie geht es weiter nach einer Katastrophe? Wie kann man trauern, heilen und wieder zueinanderfinden? Mära muss ihren eigenen Weg durch Schmerz und Hoffnung gehen – und entdecken, wer sie wirklich ist.
1. Kapitel
Seelische Erschöpfung

Die Wirklichkeit bleibt nicht stehen. Sie bewegt sich weiter und das Jetzt mit all ihrem Frieden zog an ihr vorbei. Schneller, als ihr lieb war, holte sie das Außen wieder ein und auch ihr inneres feindliches Selbst. Sie hatte alles einfach losgelassen, was geschehen war, und sich vollkommen dem Jetzt gewidmet. Dem Augenblick mit Nihil und Lulu, in dem einfach alles so war, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Sie hatte einfach alles. Alles, was sie immer wollte, aber die Risse, die ihr die vergangenen Ereignisse zugefügt haben, waren tief und schrien nach ihrer Aufmerksamkeit. In der Simulation hatte sie sich selbst zerfleischt und irgendwann Frieden damit geschlossen. Frieden damit geschlossen, in ihren eigenen tiefen Abgrund zu fallen und davon verschlungen zu werden. Sie spürte jetzt, was das mit ihr gemacht hatte. Es hatte sie ausgelaugt, an ihr so sehr gezerrt, dass sie nicht mehr wusste, wie sie das alles wieder zusammenfügen sollte. Sie hatte Risse und Wunden in ihrer Seele. Das war immer schon so, aber jetzt waren sie aufgerissen und wund. Sie lagen offen vor ihr und nagten an ihrem gefundenen Frieden. All diese Angst, die sie empfunden hatte, sie hatte Spuren in ihr hinterlassen. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn es nicht so wäre, aber je länger die Ruhe andauerte, hier mit Nihil, desto deutlicher wurde es ihr bewusst. Nicht alles von ihr war zurückgekehrt. Sie fühlte den Schmerz, wusste ihn aber nicht in Worte zu fassen.

Eingehüllt in seine Dunkelheit ließ sie sich fallen und halten. Er hielt sie zusammen. Hielt, was noch von ihr übrig war. Und es war genug für den Moment. Das Jetzt war alles, was sie hatte, und sie wollte es sich nicht nehmen lassen. Nihils Fürsorge ließ sie ihre Ängste und Sorgen für einen Moment vergessen, aber sie würden warten. Das wurde ihr immer mehr bewusst. Der Abgrund in ihr lauerte immer noch darauf, sie zu verschlingen. Sie hatte es hinausgeschafft, aber sie war dabei in noch viel mehr Teile zerbrochen, als sie es je für möglich gehalten hatte. Am Ende hatte sie sich ergeben. Das Hinnehmen und Annehmen war ein Segen gewesen, ein Frieden. Dieser Frieden war aber ein zerbrechliches, kleines Ding. Er rückte immer weiter in die Ferne. Das Jetzt bot andere Möglichkeiten des Friedens, freudvolle Augenblicke. Aber auch wieder die Gefahr zu fallen. Wenn man sich erneut in die Höhe kämpfte, dann war es auch wieder möglich, zu Boden zu gehen oder sogar tiefer gerissen zu werden. Der Horror der Simulation holte sie ein und quälte ihre Gedanken, überschwemmte sie mit den schrecklichen Erlebnissen. Angstvoll drückte sie sich gegen Nihils gesamte Präsenz. Er gab ihr Halt. Doch das Bewusstsein, wie viel es sie und auch andere Wesen gekostet hatte, durchdrang zunehmend ihr Wesen und ließ sie straucheln. Sie war so müde. Trotz all der Freude, wieder bei ihm zu sein, bei ihrem Nachtmahr, wuchs eine Unruhe in ihr, die ihr die Zeit mit ihm zunehmend verdüsterte.

„Warum glaubst du, möchte Mama Makabar mit mir sprechen?“, fragte sie nach einer Weile der Zweisamkeit. „Sie möchte sichergehen, dass du dich erholt hast“, meinte Nihil ruhig, doch etwas an der Art, wie er sprach, ließ sie aufhorchen. „Was ist es, was du mir verschweigst?“, fragte sie ihn misstrauisch. „Ich denke, das hat noch etwas Zeit. Ruhe dich doch noch etwas aus und erhole dich erst von den Strapazen. Es war mehr als genug fürs Erste. Du hast es verdient, dich jetzt ganz auf dich zu konzentrieren und erst wieder ganz zu dir zu kommen“, beruhigte er sie. „Ich kann aber nicht. Ich kann nicht zur Ruhe kommen, Nihil. Ich bin nicht ruhig“, flüsterte sie unsicher.
„Ich weiß. Ich weiß, dass dir jetzt erst bewusst wird, was dir geschehen ist. Du wirst Zeit brauchen, es zu verarbeiten, und diese Zeit solltest du dir nehmen. Wenn du magst, können wir darüber reden? Mit Traumabewältigung kenne ich mich etwas aus. Viele bitten uns Nachtmahre mit unseren Fähigkeiten, die Traumata hervorzulocken und einen Weg zu finden, wie sie sie verarbeiten können. Sie sind dann schon so verzweifelt, dass sie selbst das versuchen. Meistens können wir sogar helfen. Die Angst wieder zumindest in annehmbare Grenzen eindämmen und aus ihrem Erleben drängen. Sie können dann mit ihrem Trauma umgehen und wieder eine für sie selbst annehmbare Form von Angst fühlen sowie mit ihren anderen Gefühlen besser umgehen. Leider funktioniert meine Kraft bei dir nicht mehr und ich kann dir daher nicht helfen. Nicht so jedenfalls. Aber falls du reden willst. Es hilft. Ich werde zuhören“, erklärte er ihr mitfühlend.



2. Kapitel
Die Monster im Inneren

„Ich will es gar nicht bewältigen. Es soll einfach weggehen. Es ist vorbei. Es sollte sich auch so anfühlen. Ich bin jetzt hier bei dir und ich will nicht wieder dorthin. Mich nicht daran erinnern. Warum lässt es mich nicht einfach in Ruhe? Ich habe es geschafft. Diese blöde Prüfung. Ich habe sie bestanden. Jetzt sollte ich Königin von Rorana sein. Zumindest hätte ich es sein sollen. Ich habe gewonnen. Aber es fühlt sich nicht mehr so an. Am Anfang, als ich aufgewacht bin und wie wir uns geliebt haben, da hat es sich kurz perfekt angefühlt. Doch es entgleitet mir. Das Jetzt. Mein Frieden. Ich selbst. All das entgleitet mir. Und ich weiß nicht, wie ich das aufhalte. Es ist einfach alles gut, wir sind zusammen, du bist bei mir. Aber es entspricht immer weniger dem, wie ich mich in meinem Inneren fühle. Verstehst du, ich hatte meinen Frieden, den absoluten Frieden, und jetzt stürzt die Wirklichkeit wieder über mich herein. Es ist schön, bei dir zu sein. Ich liebe dich. Doch du bist das Einzige, was mich noch zusammenhält. Ich fürchte, du wirst mich nicht ewig halten können. Irgendwann breche ich einfach auseinander. Nach allem, was ich erlebt und gefühlt habe, ist das Leben jetzt so weit weg. Die Vorstellung beängstigt mich. Ich fühle mich so fremd. Mir selbst entfremdet.“, gestand sie ehrlich. Das Gefühl der Sinnlosigkeit fiel über sie her, und auch das Monster in ihrem Inneren reckte sich. Ihre Angst vor diesem Monster stieg ins Unermessliche. Jetzt, wo sie wieder hier war, lebte und etwas zu verlieren hatte, ihn zu verlieren hatte, war an Aussöhnung mit dem Monster in ihrem Inneren nicht zu denken.

Ängstlich und voller Horror fuhr sie in ihren Äußerungen fort: „Mein Innerstes, es war so grauenhaft. In mir existiert ein Monster und ich fürchte, es wird eines Tages gewinnen. Ich werde ganz verschwinden und nur mehr dieses Monster sein. Es ist hasserfüllt, gewalttätig und grausam. Nichts macht mir mehr Angst, außer Insekten. Obwohl das wohl etwas gänzlich anderes ist. Das Monster in mir, das bin ich. Was ist, wenn ich eines Tages diese ganze Wut und Gewalt nicht mehr gegen mich selbst richte? Wie könnte ich je damit leben? Wie kann ich damit leben, wenn das Monster gewinnt und alles zerstört, was ich liebe? Wenn es nie die anderen waren, sondern immer nur ich. Ich selbst, das größte und schrecklichste Monster überhaupt. Was ist, wenn ich dich je verletze? Denn dieses Monster bin ich. Noch kann ich dagegen ankommen, aber was ist, wenn ich zu schwach werde, um es davon abzuhalten, unvorstellbare Dinge zu tun? Wenn ich jemand ganz anderer werde? Was ist, wenn ich nicht die Person bin, für die ich mich halte? Was ist, wenn ich nie die Person sein kann, die ich sein will, weil ich in Wahrheit dieses Monster bin? Was ist, wenn ich eines Tages die Liebe wegwerfe, die man mir schenkt, und alles zerstöre, was ich einmal geliebt habe? Was ist, wenn ich dich zerstöre?“
Diese Vorstellung jagte kalte Schauer über ihren Rücken. Sie wollte niemand anderes sein, kein Monster sein, und am allerwenigsten wollte sie Nihil verletzen. Lieber wollte sie auf der Stelle aufhören zu existieren, als ihm jemals Schaden zuzufügen. Das könnte sie sich nicht verzeihen. Aber was sollte sie dagegen tun, falls es dennoch geschah? Ihre Angst steigerte sich ins Unermessliche und war so präsent wie in der Simulation. Kalter Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn und sie rang nach Luft. Das Leben begann ihr zu entgleiten. Gefangen in ihren monströsen Vorstellungen war es ihr nicht möglich, zu genießen, dass sie überlebt hatte und lebte. Das Erlebte hatte sie eingeholt und raubte ihr jegliches Gefühl der Freude und des Friedens.

Panik erfüllte sie und völlig außer sich presste sie weitere Worte heraus, um sich Erleichterung zu verschaffen, die aber nicht kommen wollte: „In mir ist nicht nur Frieden. Ich bin nicht nur lieb und nett. In mir ist ein schwarzes Loch, ein riesiger Schlund, der einfach alles verzerrt. Das gesamte Leben. Mein Innerstes reißt das Leben aus einfach allem heraus und hinterlässt einfach Nichts. Der Schmerz schreit so laut und die Angst davor lässt mich denken, es wäre besser gewesen, in Frieden zu enden. Ich hatte Frieden am Ende, in deinen Armen. Es wäre ein gutes Ende gewesen, wenn es so etwas gibt. Ganz in dich eingehüllt habe ich ein friedliches Ende gefunden. Ein Ende, mit dem ich einverstanden war. Es hätte uns allen so viel erspart. Denn ich habe das Gefühl, euch alle zu zerstören. Meine Liebe zerstört. In meinem Inneren glaube ich das. Ich glaube daran und es geht einfach nicht weg.“
In diesem Moment wurde ihr selbst bewusst, wie viel leichter es war, nicht zu sein. Der Tod kam ihr als Erlösung vor. Es war einfach, nicht zu sein, nicht kämpfen zu müssen, aufzuhören. Jetzt rang sie nach Luft, jeder Moment war schwer und lag schwer auf ihr. Jeder ihrer Gedanken war zäh und leidvoll, voller Angst und Schmerz. Die schönen Momente von eben waren dahin und für sie nicht mehr erreichbar. Die Simulation hatte sie eingeholt, die Angst und das Monster ihres eigenen Hasses waren wieder aufgewacht. Beides erfüllte sie, und je mehr sie versuchte, beides loszuwerden, desto mehr Macht bekamen sie über sie. Der Kampf dagegen schien aussichtslos und düster. Das Wissen, dass es sich um eine Panikattacke handelte, half nicht dagegen anzukommen. Es verbesserte ihre Lage nicht und machte die Gefühle auch nicht verständlicher oder gar leichter zu händeln. Die Welt schien sie zu erdrücken und ihr das Leben herauszupressen. Ihre Welt war geschrumpft, klein geworden und engte sie ein, ließ sie dem Schrecken nicht entkommen. Es entzog ihr den Lebenswillen und Mära ertappte sich dabei, sich wirklich in den Moment zurückzuwünschen, als es vorbei war, alles endete und sie kurz vor dem Tod ihren Frieden gefunden hatte. Sterben und tot sein schienen ihr immer mehr eine wunderbare Lösung für all ihre Sorgen. Es würde aufhören, enden, und sie wäre einfach nicht mehr. Sie könnte auch nichts Schreckliches mehr fühlen oder anderen antun. Es war eine Lösung und sie erschien ihr in ihrem Wahn immer plausibler.

Angestrengt und mühsam versuchte sie, Nihil zu erklären, was in ihr vorging: „Ich liebe dich, Hi, und ich versuche, mich an dir festzuhalten, aber was ist, wenn ich dich damit in den Abgrund reiße, in den Abgrund in meinem Inneren? Wenn es dich alles kostet, mich zu lieben und von mir geliebt zu werden? Es macht mir schreckliche Angst. Sie steigt wieder in mir hoch. Dabei hatte ich doch meinen Frieden. Aber jetzt mit dir hier, da habe ich Angst, dich zu verletzen. Ich bin nicht gut. Ich bin falsch, tief in mir drin weiß ich das schon immer. Ich war nie gut genug. Und ich bin es auch niemals. Ich bin dieses Monster in meinem Inneren. Voller Wut und Grausamkeit. Voller Hass auf einfach alles. Das Schlimmste ist, ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Ich versuche, es anzunehmen und zu lieben, aber es ist so schrecklich. Es war leichter, als ich dachte, es würde alles enden und keine Rolle spielen. Es ist leicht, hinzunehmen und anzunehmen, was ist, wenn man dem Tod ins Auge blickt. Denn mit dem Tod endet es. Da kann man auch ein Monster sein. Am Ende kann man ein Monster sein, es schadet niemandem mehr und man selbst hat auch nichts mehr zu verlieren. Das Leben entgleitet einem sowieso.“ Damit zu leben war viel schwerer, das war Mära nun bewusst geworden. Es auszusprechen wagte sie nicht. Aber es war so offensichtlich, fand sie. Damit zu leben, ein Monster zu sein, war unerträglich, es anzunehmen, anderen zu schaden, Monströses zu tun und die Folgen auch zu erleben, die das Monstersein mit sich brachte, war für Mära unerträglich. Sie fühlte sich in ihrem Leben auf einmal gefangen, die Last lag zu schwer auf ihr, erdrückte sie. Es gab keinen Raum, um sich auf Freudvolles zu konzentrieren. Da war nur mehr das Monster und ihre Angst davor. Sie bestand nur mehr aus dem Schmerz der Erkenntnis, ein Monster zu sein. Alles andere rückte in den Hintergrund. Diese Erkenntnis wurde übermächtig und verschlang Mära, zog sie in den Abgrund hinein.

„Ich lebe. Hier mit dir. Ich bin bei dir. Und jetzt bist du dem ausgesetzt. Dem in mir. Mir. Ich will dir nicht alles nehmen. Dich nicht ersticken. Dich nicht zerstören. Aber was ist, wenn ein Leben mit mir genau das bedeutet? Nichts als Zerstörung? Wenn am Ende kein Frieden wartet?“, versuchte sie, ihr innerstes Chaos auszudrücken.
Während ihrer Rede drückte Nihil sie fester an sich, um ihr mehr Halt zu geben und sie zu bestärken. Er fühlte sich selbst so hilflos, sie so verletzt zu erleben. Ihr Schmerz und ihre Verwirrung waren fast unerträglich für ihn. Doch er hielt sie fest, um sie nicht zu verlieren, es war so viel schlimmer, zu begreifen, was sie wirklich gesagt hatte. Sie sprach davon, dass es ihr lieber war, nicht mehr aufzuwachen. Es jagte ihm eine solche Angst ein wie noch nie etwas zuvor, und das erste Mal konnte er wirklich verstehen, was andere in seiner Gegenwart fühlen mussten. Er würde seine eigene Nähe auch nicht ertragen, wenn es immer mit diesem Gefühl einherginge.



3. Kapitel
Man darf auch ein Monster sein

„Dann gibt es eben keinen Frieden, meine Sonne. Dann gibt es eben nichts, mein schwarzes Loch“, sprach er behutsam auf sie ein und nahm dabei ihren Gedanken auf, um ihr zu zeigen, dass ihm diese Vorstellung eines schwarzen Loches keine Angst einjagte. Es war für ihn in Ordnung, wenn sie ein schwarzes Loch war. Für ihn durfte sie ein schwarzes Loch sein, und das wollte er ihr unbedingt vermitteln. Liebevoll fuhr er fort: „Ich werde mich gern von dir verschlingen lassen. Ob von deinem Schmerz oder deiner Wut, deinem Hass oder was auch immer sonst noch in dir wartet. Du kannst mich in Stücke reißen. Es ist nicht das Schlimmste. Verstehst du? Es ist überhaupt nicht schlimm. Du bist nicht falsch oder schlimm oder irgendein anderer Begriff, den du dir umhängst. Du bist du. Nicht mehr und nicht weniger. Wir wissen alle nicht, wohin irgendetwas führt. Wir haben alle keine endgültigen Antworten, nicht einmal, wenn das Ende uns endgültig einholt. So ist das nun mal. Lass uns einfach versuchen, an unserem Frieden zu arbeiten. Wenn er nicht zustande kommt, dann haben wir es versucht. Wenn du aber keinen Frieden willst, ist es für mich auch in Ordnung. Ich urteile nicht über dich. Mära, ich bin ein Nachtmahr, ich bin ein Monster für alle anderen. Damit lebe ich meine ganze Existenz. Und die Wesen hier haben auch gelernt, mit mir zu leben. Sie haben einen Weg gefunden, mich zu ertragen. Es ist ein hart erarbeiteter Frieden und wird stets immer wieder von Neuem ausgehandelt. Aber es funktioniert. Also, wenn du ein Monster bist, dann ist das eben so und wir verhandeln einen Frieden. Und wenn er nicht hält, ist das eben auch so. Wenn du mich zerstörst, dann ist es, wie es ist. Wir verletzen andere manchmal, manchmal zerstören wir sie. Nicht mit Absicht oder aufgrund von Bosheit oder weil wir es wollen. Es geschieht und es ist schwer, damit zu leben. Du wirst selbst entscheiden, wie du mit dem umgehst, und du wirst einen Weg finden, mit dem du leben kannst. Auch wenn du es dir gerade nicht vorstellen kannst. Du wirst einen Weg finden, mit all dem Erlebten abzuschließen und mit allem, was noch kommt, zu leben. Daran glaube ich.“

Sanft streichelte er über ihren Körper und versuchte, ihr damit Erleichterung zu verschaffen. Geduldig bemühte er sich, ihre Atmung zu beruhigen und ihr zu helfen, sich darauf zu konzentrieren. Das Zuviel an Gedanken und Gefühlen musste beruhigt und die Schuld von ihr genommen werden. Denn Nihil verstand, dass es Schuld war und ihre eigenen Vorstellungen, wie sie selbst sein sollte, die Mära auffraßen. Die Diskrepanz ihrer Vorstellung zu dem, wie es war, ergab eine Verletzung in ihrem Inneren, der sie nicht Herr wurde. Sie verletzte sich selbst, weil sie nicht annehmen konnte, wie sie war. Das verstand Nihil und verstand es auch nicht. Er als Nachtmahr war immer schon ein Monster gewesen und hatte immer schon damit leben müssen. Es war eben so.

Vorsichtig erklärte er ihr: „Ich erwarte nicht, dass du mich nicht verletzt, denn es kann passieren. Doch das heißt nicht, dass es so kommen muss. Und es heißt auch nicht, dass ich mich nie davon erhole. Falls du mich doch zerstörst, dann hast du mich halt zerstört. Du bist du und kannst nur du sein. Aber ich kann dir versichern, du kannst mitentscheiden, wer du bist und sein willst. Egal, wie schwach du dich fühlst. Du kannst du sein, alles von dir, auch dieses >Monster<, wie du den Teil von dir nennst. Du kannst es sein und ausleben, so wie du es für dich selbst entscheidest. Dein Du entscheidet. Auch die Aspekte, die dir nicht so gefallen. Aber eben nicht nur diese. Du hast Angst, die Kontrolle zu verlieren, überwältigt zu werden von deinen Gefühlen, auszurasten und einem Zustand ausgesetzt zu sein, bei dem du außer dir selbst bist. Es können Kurzschlussreaktionen nach Traumata entstehen. Man verhält sich dann vielleicht nicht wie man selbst, ist neben sich oder rastet aus. Das Trauma kann zu Kontrollverlust führen und davor fürchtest du dich. Das verstehe ich. Du hattest in der Situation keine Kontrolle. Du warst hilflos ausgeliefert einer Macht, die dir Gewalt angetan hat. Dem konntest du nicht entkommen, du konntest es nur hinnehmen. Du wirst einen Weg finden, das Geschehene so zu verarbeiten, damit du ganz du selbst sein kannst, ohne Angst vor einem Kontrollverlust haben zu müssen. Einem Verlust deiner Selbst. Im Moment kannst du dir das nicht vorstellen. Du bist psychisch erschöpft. Deine Seele muss sich erst erholen. Sobald du wieder Zeit hattest und deine Erfahrungen verarbeitet hast, kannst du dich vielleicht mit dir selbst aussöhnen. Auf jeden Fall wirst du dich wieder besser fühlen, auch mit dir selbst. Es dauert nur etwas. Vielleicht brauchst du auch Hilfe. Mehr Hilfe, als ich dir geben kann. Dann werden wir dir diese besorgen. Bitte gib dir einfach etwas Zeit. Du hast wirklich viel durchgemacht.“

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Weitere Bücher von diesem Autor

Cover: Wächter des Friedens

Malena Glück

Wächter des Friedens

Cover: Wächter des Friedens

Malena Glück

Wächter des Friedens

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder