Wächter des Friedens
Band 2 Ein mächtiger Schlüssel
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 246
ISBN: 978-3-7116-1539-8
Erscheinungsdatum: 04.03.2026
Was hielt die Ausbildung zur Wächterin des Friedens in Rorana noch an Überraschungen für Mära bereit? Sie war entschlossen, sich allem zu stellen, was kommen würde. Die Magie hatte sie längst in ihren Bann gezogen und trieb sie ihrer eigenen Wahrheit entgegen.
1. Kapitel
Angst ist ein Lügner
Sie liebte ihn. Ungläubig betrachtete Tian den eindeutigen Beweis. Er fühlte es nicht nur. Ihre Liebe hatte Form, Farbe, einen Raum. Sie war so wunderschön wie nichts, das er je gesehen und erlebt hatte. Diese Liebe war tiefer, wahrhaftiger und mächtiger als alles, was er sich auch nur vorstellen konnte. Und sie empfand es für ihn. Es war unfassbar und überwältigend. Und verdammt, es jagte ihm Angst ein. Nie hatte ein anderes Wesen je so für ihn empfunden. Die Intensität ihrer Liebe berührte ihn in seinem Inneren. Sie berührte seine Seele. Sie waren verbunden, wahre Seelengefährten. Diese Erkenntnis war schon lange in ihm, aber erst jetzt fühlte er die volle Tragweite dessen. Er nahm jede Nuance zwischen ihnen wahr, ließ sich von ihrer Liebe einnehmen, umhüllen und lieben. Nie schmeckte das Leben süßer, nie roch es besser, nie war er lebendiger als in diesem Augenblick.
Er genoss es in dem Wissen, dass er sich dem verwehren musste. Zumindest bis er es geschafft hatte, eine Lösung für ihr Menschsein zu finden. Eine Lösung für den Frieden Roranas. Eine Lösung für ein gemeinsames Leben mit ihr. Er hatte es ihr versprochen und sie gebeten, ihm zu vertrauen, ohne zu wissen, ob er es wirklich konnte. Er wollte so sehr, dass es ihm gelang. Er wollte glauben, es zu können. Er wollte sich um alles kümmern. Aber die Wahrheit offenbarte sich ihm immer deutlicher. Sie war seine Schwäche. Eine Schwäche, die er sich nicht leisten konnte. Eine Schwäche, die den Frieden bedrohte. Sie war eine Gefahr. Eine Gefahr, die er aus Befangenheit heraus nicht lösen konnte. Zu nah, sie fuhr ihm tiefer als nur unter die Haut. Sie war mit seiner Seele verbunden. Es würde ihn zerreißen, wenn er es zuließe.
Um das Problem zu lösen, musste er Abstand gewinnen. Nur aus der Distanz konnte er die Probleme lösen. Das, was man nach außen war, entsprach nicht immer den eigenen inneren Gefühlen. Gefühle erschufen Erwartungen. Davon war er immer schon überfrachtet gewesen, von den Erwartungen der Anderen an ihn. So hatte er immer gelernt, nach außen zu sein, was er sein musste. Seine Macht hatte ihm immer die Lasten aller überantwortet. Es lag in seiner Verantwortung, alles zu regeln. So war es schon immer gewesen und bislang hatte er seine Pflicht auch immer erfüllen können. Seine Pflicht hatte immer Vorrang gehabt vor allem anderen. In letzter Zeit hatte er sich zu träumen gewagt, dieser Pflicht zu entkommen oder sie sich erleichtern zu können. Die Gefühle zu ihr hatten ihn das vorgetäuscht. Doch auch für sie war er eine Erwartung, auch sie hatte Probleme, die es für sie zu lösen galt, die er für sie zu lösen hatte. Eine weitere Last, die sich auf seine Schulter legte, nur konnte er diese Last nicht ohne Weiteres tragen. Mit Gefühlen ließ es sich schwer denken, mit Gefühlen waren die Möglichkeiten, etwas zu lösen, eingeschränkt, das Denken war eingeschränkt. Doch er musste gerade jetzt klar bei Verstand sein, um eine Lösung für alles zu finden. Er konnte nicht der sein, den sie wollte, ihr nicht geben, was sie brauchte, nicht diesen Gefühlen nachgeben. Mit ihr zu fliehen, das war ein Wunschtraum, eine Illusion, eine dumme und naive Vorstellung. Ein Versprechen aus verliebter Torheit.
Sein Leben lang war er dazu getrimmt worden, für alle anderen ein Retter zu sein, und er hatte es auch für Mära dargestellt, es war das, was sie in ihm sah. Sie liebte dieses Bild von ihm, sie liebte ihn, weil er es für sie irgendwie regelte. Aber auch wenn er ihr versprochen hatte, alles zu regeln, wusste er einfach nicht wie. In seinem Inneren war er gespalten, um ihr zu helfen, musste er der Retter sein, aber dafür musste er der sein, der er immer war, nicht der, der er mit ihr wurde. Sie brauchte und liebte seine Funktion als Problemlöser, als Mächtiger, das, was er ihr immer vorgespielt hatte. Er konnte ihr nicht zeigen, wer er wirklich war oder was in ihm wirklich vorging. Konnte seine Angst nicht mit ihr teilen, war es gewohnt, selbst alles zu lösen, für sich allein. Auch mit all seinen Ängsten musste er jetzt alleine fertig werden. Seine einzige Lösung dafür war, sich all dem zu verwehren, nicht zuzulassen, all das zu fühlen, es wegzusperren und seine Gefühle erkalten zu lassen. Sie waren einfach zu viel.
Mit jeder verstreichenden Minute wurde es ihm bewusster. Er hatte in einer Blase gelebt, der Blase der Verliebtheit, und die war geplatzt. Nicht weil die Gefühle nicht da waren, sondern weil er begann, darüber nachzudenken und nicht einfach zu fühlen. Er dachte darüber nach, wohin ihn das führen würde. Jetzt, wo sie all dies für ihn fühlte, kam es ihm in den Blick, wie ihr Leben aussehen würde. Zuerst waren es gestohlene Augenblicke und naive Wunschträume, ihm so unüblich, dass er sie nicht gleich als das durchschaut hatte. Im Rausch der Gefühle hatte er doch wirklich geglaubt, ein Leben mit ihr führen zu können. Nun dachte er über die Zukunft nach, über all die Probleme, die aufgeworfen worden waren. Aber auch über das kurze Leben eines Menschen. Seine kurze Lebenszeit. Mära war ein Mensch, sie würde ihm nur für wenige Momente bleiben. Seine Gefühle erschwerten es ihm, zu sehen, was sie wirklich war. Gefühle waren für andere, sie standen der Pflichterfüllung im Weg. Aber sein Verstand übernahm wieder die Kontrolle, vielleicht war es auch die Angst.
Tian dachte darüber nach, was sie für ein Leben hätten. Er riskierte einen Krieg, würde so viele andere Leben gefährden, für die er verantwortlich war, für ein kurzes Leben mit ihr. In seinem Inneren begriff er, dass er das nicht durfte. Seine Verantwortung wog schwerer als seine Gefühle, obwohl es ihn zerriss. Aber auch ihr war er verantwortlich gegenüber. Musste es auch für sie lösen. Die Lösung bestand aber nicht in der Liebe. Die Gefühle verhinderten es, eine Lösung zu finden. Er wollte mit ihr leben, zumindest seinem Gefühl nach, aber sein Verstand mahnte ihn, klüger zu sein als das. Die Angst sagte ihm, es wäre doch sowieso nur ein viel zu kurzes Glück. Darauf könnte er doch gleich verzichten, so wäre es leichter für ihn. Den Gefühlen erlegen, würde er niemandem helfen können und seinen Aufgaben nicht gerecht werden. Gerade auch für sie musste er der vernünftige Mann bleiben, den sie kannte, den sie liebte. Der Mann, den er immer nur vorgab zu sein, den er allen vorspielte, weil er es musste. Er musste der Mann bleiben, der ihrer aller Erwartungen gerecht wurde und kein verliebter Narr.
Sie waren sich gegenseitig der Todesstoß. Ihre Liebe, so schön, selten und kostbar sie war, sie war schon immer von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Er würde versuchen, sie zu retten. Würde versuchen, mit ihr zu leben. Es würde sie beide töten. Sie war sein Ende. Sie war sterblich und ihre Zeit begrenzt. Er konnte noch so sehr versuchen, sie festzuhalten. Er blickte geradewegs in seinen Tod, in sein Verderben. Sein Herz brach und eine Dunkelheit schlich sich darin ein. Er verschloss sich vor ihrer Liebe und tat das, was er gelernt hatte. Er wurde kalt, sperrte sie aus. Die Angst, sie zu verlieren, war zu übermächtig.
Er würde es vielleicht zulassen, wenn er sie vor allem bewahren konnte, was ihr drohte. Vielleicht, wenn er eine Möglichkeit fand, sein Versprechen, sie zu beschützen, ihr ein gutes Leben zu ermöglichen, einzulösen. Vielleicht, wenn er es schaffte, einen Weg zu finden, ihre Sterblichkeit hinauszuzögern. Vielleicht könnte er dann zulassen, dass sie sich wahrhaft lieben. Vielleicht könnte er dann die Angst ertragen, die diese Liebe ihn durchleiden ließ. Denn diese Angst wuchs mit jeder gemeinsamen Sekunde ins Unermessliche. Ihre Liebe war ein Geschenk, aber sie forderte einen Tribut, einen, den er nicht geben konnte, obwohl er es so gerne wollte. Er wollte ein Leben mit ihr, ein Für-immer. Aber alles, was ihm blieb, war zu wenig Zeit. Es würde immer zu wenig Zeit sein. Diese Angst, dieses Wissen, verschlang ihn.
Mit dem Ende konfrontiert, war ihre Liebe zu ihm eine schmerzhafte Erinnerung, ein Dolch, der ihm das Leben nahm. An dieser Liebe würde er zerbrechen. So wunderbar sie war. Sie raubte ihm mehr, als er zu geben bereit war. Diese Klarheit ließ ihn sich innerlich distanzieren. Er tat das, was er in seinem langen Leben gelernt hatte. Nach außen ließ er sich nichts anmerken. Aber in ihm hatte sich etwas verändert. Er wusste es, und einem Teil von ihm tat es leid. Einem Teil von ihm tat sie leid. Er würde sie nie so lieben, wie sie es verdiente. Ihr nie geben, was sie sich wünschte. Er würde diese Liebe, wie sie sie fühlte, nie erwidern. Das hatte er beschlossen. In diesem Augenblick. Er hatte sich gegen sie entschieden. In dem Moment, in dem sie ihm ihre Liebe darbot, hatte er erst wirklich begriffen, dass es für sie keine Zukunft gab. Er traf die einzige Entscheidung, die er treffen konnte. Er entschied sich für sein Leben und dafür, die Verbindung zu ihr mit der Zeit sterben zu lassen. Ihre Zeit war begrenzt, sie an sich zu ketten, machte keinen Sinn. Seine Gefühle für sie würden mit der Zeit weniger und die Verbindung ihrer Seelen enden. Das forderte er von sich selbst.
Die Angst ließ ihn gar keine andere Wahl treffen. Die Angst vor dem Tod, ihrem Tod, ihrer Sterblichkeit. Denn Angst ist ein Miststück, ein Lügner und der größte Manipulator von allen. Sie ist hinterlistig und schleicht sich heran, wenn man es am wenigsten vermutet. Ja, wenn man am wenigsten dagegen tun kann, weil man gar nicht vorbereitet ist. Sie trifft einen, befällt einen und ist ein langsames Gift. Die Angst lügt und betrügt uns. Sie war schon seit ihrem Kennenlernen still und heimlich in ihn eingesickert, vermehrte sich dort, nährte sich von den Ereignissen, und nun war sie lauter als alles andere. Im Angesicht ihrer enormen Liebe für ihn und der damit einhergehenden Erfüllung all seiner Träume, Wünsche und Hoffnungen, im Angesicht all dieses Glücks, war die Angst vor dem Verlust all dessen ebenso ins Unermessliche gestiegen.
2. Kapitel
Entscheidungen
Wie sollte es von diesem Höchstpunkt je weitergehen, außer durch Fallen? Manchmal kann die Erfüllung all dessen, was man je wollte, erschreckender sein als alles andere. Manchmal kann es einem den Boden unter den Füßen wegreißen und in einen bodenlosen Abgrund stürzen lassen. Wenn man alle Ziele erreicht hat, alles geschafft hat, was gibt es dann noch zu tun? Vielleicht braucht man Zeit für neue Träume und Ziele. Vielleicht erkennt man, dass es nicht die richtigen Träume und Ziele für einen waren. Vielleicht wird man auch einfach mit dem Ende konfrontiert. Man ist dann an einem Ende angelangt. Auch wenn man sich am Anfang nichts sehnlicher wünscht, als das Ende zu erreichen. Wenn es dann da ist, ist es vorbei und mit ihm die Zeit endgültig abgeschlossen, die man dafür aufgewandt hat, es zu erreichen. Zeit, die unwiderruflich hinter einem liegt und vielleicht viel zu wenig geschätzt wurde. Man fühlt vielleicht einen Verlust, weil man durch die Erfüllung seiner Träume und Wünsche beraubt ist. Seinem Ziel. Es fehlt vielleicht die Orientierung, eine Neuorientierung. Es benötigt vielleicht einfach nur einen neuen Anfang.
Das Licht braucht Dunkelheit, so heißt es, um als solches überhaupt erkannt zu werden. Das Ende einen Anfang und umgekehrt. Die Unterschiede ermöglichen erst ein differenziertes Wahrnehmen. Ein Vorher braucht ein Danach. Vielleicht auch nur im Verständnis mancher Lebensformen. Die Unterschiede gestalten erst das Leben, sonst gäbe es nur Stillstand und unendliches Nichts.
Als ihre Liebe ihm alles schenkte, was er je wollte, erschütterte sie ihn so sehr. Erschütterte sein gesamtes Wesen und entzog ihm seinen Halt. Es war ein Gewinn und ein Verlust. Oft sind die besten Dinge so. Sie sind ein Sowohl-als-auch. Alles trägt alles in sich. Das größte Glück kann auch ein Verlust sein. Es kann beides sein und nichts von alledem. Leben ist Chaos. Gefühle sind Chaos. Sie folgen nicht unbedingt einer Logik. Glück, Liebe, Träume, Wünsche, die eigene Seele erschließt sich nicht immer. Ihr Chaos macht das Leben zu dem, was es ist. Und dieses Chaos kann bedrohlich wirken, zu überwältigend. Es kann einen zu verschlingen drohen. Dann gilt es, sich zu entscheiden. Doch der Verstand war nicht immer auf der eigenen Seite, nicht immer so unbefangen, wie er vorgab zu sein, nicht immer so klar, wie man hoffte. Der Verstand, auf den man sich verließ, um Entscheidungen zu treffen, konnte durchaus korrumpiert worden sein von den eigenen Gefühlen. Vielleicht kam einem auch etwas logisch vor, was es in Wirklichkeit gar nicht war. Der Verstand konnte lügen, betrügen, täuschen und sich irren. Gefühle und Verstand gaben Entscheidungsmöglichkeiten und bestimmten die Entscheidungen, die uns möglich waren zu treffen. Gewohnheit spielte dabei eine wichtige Rolle. Wenn wir verloren sind, greifen wir auf das zurück, was wir gewohnt sind, um uns Halt zu geben. Wir entscheiden, was wir immer entschieden haben, es sind geprägte Pfade, die sich mit jeder weiteren Entscheidung nur noch mehr vertiefen. Tian hatte ein langes Leben voller festgefahrener Entscheidungen geführt. Ein Leben ohne Gefühle, ohne Liebe und nur für andere, seiner Pflicht ergeben. Er kehrte dorthin zurück. Das ist das Verrückte an Entscheidungen, sie scheinen uns so vernünftig zu sein, aber auch was uns vernünftig vorkommt, ist nur abhängig von der Perspektive, von dem Gedankengut, auf das wir aufbauen, ist anerzogen. Entscheidungen können unterschiedlich ausfallen und alle können einem selbst völlig vernünftig erscheinen.
So viele Entscheidungen stehen zur Wahl, die allererste ist eine für oder gegen das Leben. Entscheidet man sich für das Leben, sowie Mära es getan hat, folgt die nächste Entscheidung, wie man dieses Leben leben will, in dem Rahmen, der einem gegeben ist. Mära entschied sich, ihn zu lieben und ihm dies auch offen zu legen. Sie entschied sich für ein Leben mit ihm. Aber er entschied sich im Anbetracht dieser überwältigenden Liebe, der Erfüllung all dessen, was er eigentlich in weiter Ferne dachte, fast schon unerreichbar wähnte, für ein anderes Leben. Er entschied es so aus Angst vor Verlust, aus Angst vor dem Ende, aus einem Verantwortungsbewusstsein heraus, das ihm auferlegt worden war, seit er geboren wurde, und aus reiner Gewohnheit. Er entschied sich anders, als sein Innerstes, seine Seele, fühlte. Es war eine bewusste Entscheidung. Er bremste das sich immer schneller drehende Rad der Zeit. Er bremste sich, seine Gefühle, die Zeit selbst. Es hatte ihn überrollt, überwältigt, war ihm viel zu schnell gegangen. Er versuchte, hinterherzukommen. Wieder Kontrolle zu erlangen. Sich dem Chaos entgegenzustellen. Und kehrte zu dem zurück, was er kannte, was ihm Sicherheit gab, zu seiner Gewohnheit. Er war es gewohnt, seine Gefühle zu kontrollieren, sich von allen zu distanzieren. Meisterhaft konnte er sich von allem und jedem lösen und einfach nichts fühlen. Er musste sich nur dazu entscheiden. Und er hatte sich entschieden, gegen das anzukämpfen, was sie verband. Ihr nicht dasselbe entgegenzubringen wie sie ihm. Er klammerte sich an sein ihm vertrautes Leben.
Die Folgen einer Entscheidung für sie gingen ihm zu nah. Sie waren zu enorm, um sie zu ignorieren. Er würde einfach alles verlieren. Auch sie. Dazu war er nicht bereit. Lieber sich ihr verwehren und etwas von sich selbst retten, als alles zu verlieren. Ansonsten würde einfach nichts bleiben. Für ihn war es die naheliegendste Entscheidung. Er würde sich an sie erinnern, so würde ihre Erinnerung die Zeit mit ihm überdauern. Das war alles, was er ihr im Gegenzug für ihre Liebe zu geben bereit war. Er kapselte sich von ihr ab, um den kommenden Verlust in seiner Gesamtheit nie tragen zu müssen. So würde er leben, selbst wenn sie es irgendwann nicht mehr tat. Dafür hatte er sich entschieden. Lieber ein dumpfes, gefühlloses Leben, ein Leben, wie er es kannte. Unvollständig, aber gerade deswegen noch voller unendlicher Möglichkeiten. Mit ihr war er mehr er selbst, aber er war auch beschränkt, definiert durch ihre Sterblichkeit, den Schmerz ihres Verlustes in jedem Moment kostend. Das war mehr, als er verkraften konnte, mehr, als er fühlen wollte. Zu viel. Sie war zu viel. Ihre Liebe war zu viel. Er wollte sie nicht mehr, jetzt, wo er sie hatte. Wo er um sie wusste. Er wehrte sich, um nicht in ihr zu ertrinken. Sie war so viel gefährlicher, als ihm je bewusst gewesen war. Ließe er es zu, sie würde ihn mit ihrer Liebe zerstören. Die Angst trennte ihn von ihr. Sie wog zu schwer, um sie zu ignorieren. Sie vergiftete seine Gedanken und Gefühle. Sie hatte es geschafft, sie auseinanderzubringen.
Er verschloss sein Herz, sperrte Mära aus. Von jetzt an wäre er nach außen ihr Freund. Schließlich hatte er ihr ein Versprechen gegeben. Dieses Versprechen wog, nun da seine Entscheidung so ausfiel, wie sie es tat, schwer. Seine Ehre und sein Pflichtgefühl geboten ihm, es zu halten. Zudem konnte sie nichts dafür. Sie konnte nichts für ihre Sterblichkeit. Nichts für die Gründe, weshalb er sich ihr verwehren würde. Es war nicht ihre Schuld. Er war es, der feige war, und ihm war das durchaus bewusst. Deswegen würde er eine Weile mitspielen. Bis es eine gute, friedliche Lösung für ihren Verbleib gab. Sie sollte ihr kurzes Dasein gut verbringen können. Das war alles, was er sich für sie noch wünschte. Ein friedliches, sterbliches Leben. Er wollte es nur nicht mehr mit ihr leben, zumindest nicht so wie noch vor wenigen entscheidenden Erkenntnissen. Er hatte beschlossen, seine Gefühle für sie zu begraben, sie wegzusperren. Nichts mehr zu fühlen. Auf Dauer würde sie es durchschauen, und es würde ihre Seelenverbindung trennen. Sie würde aufhören, ihn zu lieben. Er hatte sich damit abgefunden. Es war besser so. In seiner Logik erschien es ihm plausibel, möglich und das einzig Richtige. Für sie beide. Wie sehr wir uns doch selbst belügen können. Denn er wusste ganz genau, dass es sie sehr verletzen wird. Er wusste, es würde ihr Leid zufügen, er nahm es in Kauf und wollte es einfach nicht wahrhaben. Manchmal ist das so, wenn wir einen Fehler begehen: Wir sehen ihm direkt ins Auge, aber erkennen ihn nicht, weil wir es nicht sehen wollen.
Tian ließ sich von all dem nichts anmerken. Es war ein stiller Prozess in seinem Inneren. Mit weitreichenden Folgen, aber sie waren nicht von außen zu erkennen. Mära ahnte nichts.
3. Kapitel
Glück ist eine Momentaufnahme
Nur Moritz lief ein kalter Schauer über den Rücken, der ihm eine ungute Vorahnung bescherte, die er sich nicht einmal zu denken wagte. Etwas stimmte nicht. Nicht mehr. Aber er wusste, er konnte es nicht mehr ungeschehen machen. Es nicht mehr aufhalten. In einem Moment war noch alles besser als gut. Doch im nächsten hatte sich alles geändert. Er wusste nicht, wieso, nur dass es so war. Es beunruhigte ihn. Mära hatte ihnen so viel von sich gegeben. Sie war so besonders, und sie hatte so viel hinter sich. Der Lord hatte Glück. Moritz wusste, dass Märas Liebesgeständnis genau das für den Lord war: pures Glück. Der Lord war noch nie auf eine solche Weise geliebt worden. So alles umfassend. Diese Frau war seine Seelengefährtin. Moritz wusste, was das für seinen Lord hieß. Es war unvorstellbar. Ein Wunder. Warum also war er auf einmal so distanziert? So wie früher? Er hatte doch gerade alles, wovon er nicht einmal zu träumen wagte. Irgendetwas stimmte nicht. Er konnte es fühlen. Einem Kater konnte man nichts vormachen. Für so etwas hatte er einen Sinn. Ganz besonders, wenn es den Lord betraf. Er war über den Magiepakt mit ihm verbunden.
Etwas ging gerade vor, was sich seinem Verständnis entzog. Der Lord hatte innerhalb der letzten Minuten eine Veränderung durchgemacht. Eigentlich war es nur verständlich, dass ihm diese Offenbarung aus der Bahn warf und etwas mit ihm machte. Ihn veränderte. Aber diese Veränderung war anders, sie gefiel ihm nicht. Nicht im Geringsten. War nicht das, was er erwartet hatte. Er wusste nicht, wieso, aber es lief gerade etwas gewaltig schief. Um Mära nicht zu beunruhigen, nach allem, was sie hinter sich hatte, und nachdem sie sich ihnen so verletzlich zeigte, indem sie sich mit ihnen auf diese beeindruckende und wundervolle Weise teilte, ließ er sich nichts anmerken. Doch es missfiel ihm, dieses Geheimnis vor ihr zu bewahren. Es fühlte sich an, als würde er sie hintergehen.
…
Angst ist ein Lügner
Sie liebte ihn. Ungläubig betrachtete Tian den eindeutigen Beweis. Er fühlte es nicht nur. Ihre Liebe hatte Form, Farbe, einen Raum. Sie war so wunderschön wie nichts, das er je gesehen und erlebt hatte. Diese Liebe war tiefer, wahrhaftiger und mächtiger als alles, was er sich auch nur vorstellen konnte. Und sie empfand es für ihn. Es war unfassbar und überwältigend. Und verdammt, es jagte ihm Angst ein. Nie hatte ein anderes Wesen je so für ihn empfunden. Die Intensität ihrer Liebe berührte ihn in seinem Inneren. Sie berührte seine Seele. Sie waren verbunden, wahre Seelengefährten. Diese Erkenntnis war schon lange in ihm, aber erst jetzt fühlte er die volle Tragweite dessen. Er nahm jede Nuance zwischen ihnen wahr, ließ sich von ihrer Liebe einnehmen, umhüllen und lieben. Nie schmeckte das Leben süßer, nie roch es besser, nie war er lebendiger als in diesem Augenblick.
Er genoss es in dem Wissen, dass er sich dem verwehren musste. Zumindest bis er es geschafft hatte, eine Lösung für ihr Menschsein zu finden. Eine Lösung für den Frieden Roranas. Eine Lösung für ein gemeinsames Leben mit ihr. Er hatte es ihr versprochen und sie gebeten, ihm zu vertrauen, ohne zu wissen, ob er es wirklich konnte. Er wollte so sehr, dass es ihm gelang. Er wollte glauben, es zu können. Er wollte sich um alles kümmern. Aber die Wahrheit offenbarte sich ihm immer deutlicher. Sie war seine Schwäche. Eine Schwäche, die er sich nicht leisten konnte. Eine Schwäche, die den Frieden bedrohte. Sie war eine Gefahr. Eine Gefahr, die er aus Befangenheit heraus nicht lösen konnte. Zu nah, sie fuhr ihm tiefer als nur unter die Haut. Sie war mit seiner Seele verbunden. Es würde ihn zerreißen, wenn er es zuließe.
Um das Problem zu lösen, musste er Abstand gewinnen. Nur aus der Distanz konnte er die Probleme lösen. Das, was man nach außen war, entsprach nicht immer den eigenen inneren Gefühlen. Gefühle erschufen Erwartungen. Davon war er immer schon überfrachtet gewesen, von den Erwartungen der Anderen an ihn. So hatte er immer gelernt, nach außen zu sein, was er sein musste. Seine Macht hatte ihm immer die Lasten aller überantwortet. Es lag in seiner Verantwortung, alles zu regeln. So war es schon immer gewesen und bislang hatte er seine Pflicht auch immer erfüllen können. Seine Pflicht hatte immer Vorrang gehabt vor allem anderen. In letzter Zeit hatte er sich zu träumen gewagt, dieser Pflicht zu entkommen oder sie sich erleichtern zu können. Die Gefühle zu ihr hatten ihn das vorgetäuscht. Doch auch für sie war er eine Erwartung, auch sie hatte Probleme, die es für sie zu lösen galt, die er für sie zu lösen hatte. Eine weitere Last, die sich auf seine Schulter legte, nur konnte er diese Last nicht ohne Weiteres tragen. Mit Gefühlen ließ es sich schwer denken, mit Gefühlen waren die Möglichkeiten, etwas zu lösen, eingeschränkt, das Denken war eingeschränkt. Doch er musste gerade jetzt klar bei Verstand sein, um eine Lösung für alles zu finden. Er konnte nicht der sein, den sie wollte, ihr nicht geben, was sie brauchte, nicht diesen Gefühlen nachgeben. Mit ihr zu fliehen, das war ein Wunschtraum, eine Illusion, eine dumme und naive Vorstellung. Ein Versprechen aus verliebter Torheit.
Sein Leben lang war er dazu getrimmt worden, für alle anderen ein Retter zu sein, und er hatte es auch für Mära dargestellt, es war das, was sie in ihm sah. Sie liebte dieses Bild von ihm, sie liebte ihn, weil er es für sie irgendwie regelte. Aber auch wenn er ihr versprochen hatte, alles zu regeln, wusste er einfach nicht wie. In seinem Inneren war er gespalten, um ihr zu helfen, musste er der Retter sein, aber dafür musste er der sein, der er immer war, nicht der, der er mit ihr wurde. Sie brauchte und liebte seine Funktion als Problemlöser, als Mächtiger, das, was er ihr immer vorgespielt hatte. Er konnte ihr nicht zeigen, wer er wirklich war oder was in ihm wirklich vorging. Konnte seine Angst nicht mit ihr teilen, war es gewohnt, selbst alles zu lösen, für sich allein. Auch mit all seinen Ängsten musste er jetzt alleine fertig werden. Seine einzige Lösung dafür war, sich all dem zu verwehren, nicht zuzulassen, all das zu fühlen, es wegzusperren und seine Gefühle erkalten zu lassen. Sie waren einfach zu viel.
Mit jeder verstreichenden Minute wurde es ihm bewusster. Er hatte in einer Blase gelebt, der Blase der Verliebtheit, und die war geplatzt. Nicht weil die Gefühle nicht da waren, sondern weil er begann, darüber nachzudenken und nicht einfach zu fühlen. Er dachte darüber nach, wohin ihn das führen würde. Jetzt, wo sie all dies für ihn fühlte, kam es ihm in den Blick, wie ihr Leben aussehen würde. Zuerst waren es gestohlene Augenblicke und naive Wunschträume, ihm so unüblich, dass er sie nicht gleich als das durchschaut hatte. Im Rausch der Gefühle hatte er doch wirklich geglaubt, ein Leben mit ihr führen zu können. Nun dachte er über die Zukunft nach, über all die Probleme, die aufgeworfen worden waren. Aber auch über das kurze Leben eines Menschen. Seine kurze Lebenszeit. Mära war ein Mensch, sie würde ihm nur für wenige Momente bleiben. Seine Gefühle erschwerten es ihm, zu sehen, was sie wirklich war. Gefühle waren für andere, sie standen der Pflichterfüllung im Weg. Aber sein Verstand übernahm wieder die Kontrolle, vielleicht war es auch die Angst.
Tian dachte darüber nach, was sie für ein Leben hätten. Er riskierte einen Krieg, würde so viele andere Leben gefährden, für die er verantwortlich war, für ein kurzes Leben mit ihr. In seinem Inneren begriff er, dass er das nicht durfte. Seine Verantwortung wog schwerer als seine Gefühle, obwohl es ihn zerriss. Aber auch ihr war er verantwortlich gegenüber. Musste es auch für sie lösen. Die Lösung bestand aber nicht in der Liebe. Die Gefühle verhinderten es, eine Lösung zu finden. Er wollte mit ihr leben, zumindest seinem Gefühl nach, aber sein Verstand mahnte ihn, klüger zu sein als das. Die Angst sagte ihm, es wäre doch sowieso nur ein viel zu kurzes Glück. Darauf könnte er doch gleich verzichten, so wäre es leichter für ihn. Den Gefühlen erlegen, würde er niemandem helfen können und seinen Aufgaben nicht gerecht werden. Gerade auch für sie musste er der vernünftige Mann bleiben, den sie kannte, den sie liebte. Der Mann, den er immer nur vorgab zu sein, den er allen vorspielte, weil er es musste. Er musste der Mann bleiben, der ihrer aller Erwartungen gerecht wurde und kein verliebter Narr.
Sie waren sich gegenseitig der Todesstoß. Ihre Liebe, so schön, selten und kostbar sie war, sie war schon immer von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Er würde versuchen, sie zu retten. Würde versuchen, mit ihr zu leben. Es würde sie beide töten. Sie war sein Ende. Sie war sterblich und ihre Zeit begrenzt. Er konnte noch so sehr versuchen, sie festzuhalten. Er blickte geradewegs in seinen Tod, in sein Verderben. Sein Herz brach und eine Dunkelheit schlich sich darin ein. Er verschloss sich vor ihrer Liebe und tat das, was er gelernt hatte. Er wurde kalt, sperrte sie aus. Die Angst, sie zu verlieren, war zu übermächtig.
Er würde es vielleicht zulassen, wenn er sie vor allem bewahren konnte, was ihr drohte. Vielleicht, wenn er eine Möglichkeit fand, sein Versprechen, sie zu beschützen, ihr ein gutes Leben zu ermöglichen, einzulösen. Vielleicht, wenn er es schaffte, einen Weg zu finden, ihre Sterblichkeit hinauszuzögern. Vielleicht könnte er dann zulassen, dass sie sich wahrhaft lieben. Vielleicht könnte er dann die Angst ertragen, die diese Liebe ihn durchleiden ließ. Denn diese Angst wuchs mit jeder gemeinsamen Sekunde ins Unermessliche. Ihre Liebe war ein Geschenk, aber sie forderte einen Tribut, einen, den er nicht geben konnte, obwohl er es so gerne wollte. Er wollte ein Leben mit ihr, ein Für-immer. Aber alles, was ihm blieb, war zu wenig Zeit. Es würde immer zu wenig Zeit sein. Diese Angst, dieses Wissen, verschlang ihn.
Mit dem Ende konfrontiert, war ihre Liebe zu ihm eine schmerzhafte Erinnerung, ein Dolch, der ihm das Leben nahm. An dieser Liebe würde er zerbrechen. So wunderbar sie war. Sie raubte ihm mehr, als er zu geben bereit war. Diese Klarheit ließ ihn sich innerlich distanzieren. Er tat das, was er in seinem langen Leben gelernt hatte. Nach außen ließ er sich nichts anmerken. Aber in ihm hatte sich etwas verändert. Er wusste es, und einem Teil von ihm tat es leid. Einem Teil von ihm tat sie leid. Er würde sie nie so lieben, wie sie es verdiente. Ihr nie geben, was sie sich wünschte. Er würde diese Liebe, wie sie sie fühlte, nie erwidern. Das hatte er beschlossen. In diesem Augenblick. Er hatte sich gegen sie entschieden. In dem Moment, in dem sie ihm ihre Liebe darbot, hatte er erst wirklich begriffen, dass es für sie keine Zukunft gab. Er traf die einzige Entscheidung, die er treffen konnte. Er entschied sich für sein Leben und dafür, die Verbindung zu ihr mit der Zeit sterben zu lassen. Ihre Zeit war begrenzt, sie an sich zu ketten, machte keinen Sinn. Seine Gefühle für sie würden mit der Zeit weniger und die Verbindung ihrer Seelen enden. Das forderte er von sich selbst.
Die Angst ließ ihn gar keine andere Wahl treffen. Die Angst vor dem Tod, ihrem Tod, ihrer Sterblichkeit. Denn Angst ist ein Miststück, ein Lügner und der größte Manipulator von allen. Sie ist hinterlistig und schleicht sich heran, wenn man es am wenigsten vermutet. Ja, wenn man am wenigsten dagegen tun kann, weil man gar nicht vorbereitet ist. Sie trifft einen, befällt einen und ist ein langsames Gift. Die Angst lügt und betrügt uns. Sie war schon seit ihrem Kennenlernen still und heimlich in ihn eingesickert, vermehrte sich dort, nährte sich von den Ereignissen, und nun war sie lauter als alles andere. Im Angesicht ihrer enormen Liebe für ihn und der damit einhergehenden Erfüllung all seiner Träume, Wünsche und Hoffnungen, im Angesicht all dieses Glücks, war die Angst vor dem Verlust all dessen ebenso ins Unermessliche gestiegen.
2. Kapitel
Entscheidungen
Wie sollte es von diesem Höchstpunkt je weitergehen, außer durch Fallen? Manchmal kann die Erfüllung all dessen, was man je wollte, erschreckender sein als alles andere. Manchmal kann es einem den Boden unter den Füßen wegreißen und in einen bodenlosen Abgrund stürzen lassen. Wenn man alle Ziele erreicht hat, alles geschafft hat, was gibt es dann noch zu tun? Vielleicht braucht man Zeit für neue Träume und Ziele. Vielleicht erkennt man, dass es nicht die richtigen Träume und Ziele für einen waren. Vielleicht wird man auch einfach mit dem Ende konfrontiert. Man ist dann an einem Ende angelangt. Auch wenn man sich am Anfang nichts sehnlicher wünscht, als das Ende zu erreichen. Wenn es dann da ist, ist es vorbei und mit ihm die Zeit endgültig abgeschlossen, die man dafür aufgewandt hat, es zu erreichen. Zeit, die unwiderruflich hinter einem liegt und vielleicht viel zu wenig geschätzt wurde. Man fühlt vielleicht einen Verlust, weil man durch die Erfüllung seiner Träume und Wünsche beraubt ist. Seinem Ziel. Es fehlt vielleicht die Orientierung, eine Neuorientierung. Es benötigt vielleicht einfach nur einen neuen Anfang.
Das Licht braucht Dunkelheit, so heißt es, um als solches überhaupt erkannt zu werden. Das Ende einen Anfang und umgekehrt. Die Unterschiede ermöglichen erst ein differenziertes Wahrnehmen. Ein Vorher braucht ein Danach. Vielleicht auch nur im Verständnis mancher Lebensformen. Die Unterschiede gestalten erst das Leben, sonst gäbe es nur Stillstand und unendliches Nichts.
Als ihre Liebe ihm alles schenkte, was er je wollte, erschütterte sie ihn so sehr. Erschütterte sein gesamtes Wesen und entzog ihm seinen Halt. Es war ein Gewinn und ein Verlust. Oft sind die besten Dinge so. Sie sind ein Sowohl-als-auch. Alles trägt alles in sich. Das größte Glück kann auch ein Verlust sein. Es kann beides sein und nichts von alledem. Leben ist Chaos. Gefühle sind Chaos. Sie folgen nicht unbedingt einer Logik. Glück, Liebe, Träume, Wünsche, die eigene Seele erschließt sich nicht immer. Ihr Chaos macht das Leben zu dem, was es ist. Und dieses Chaos kann bedrohlich wirken, zu überwältigend. Es kann einen zu verschlingen drohen. Dann gilt es, sich zu entscheiden. Doch der Verstand war nicht immer auf der eigenen Seite, nicht immer so unbefangen, wie er vorgab zu sein, nicht immer so klar, wie man hoffte. Der Verstand, auf den man sich verließ, um Entscheidungen zu treffen, konnte durchaus korrumpiert worden sein von den eigenen Gefühlen. Vielleicht kam einem auch etwas logisch vor, was es in Wirklichkeit gar nicht war. Der Verstand konnte lügen, betrügen, täuschen und sich irren. Gefühle und Verstand gaben Entscheidungsmöglichkeiten und bestimmten die Entscheidungen, die uns möglich waren zu treffen. Gewohnheit spielte dabei eine wichtige Rolle. Wenn wir verloren sind, greifen wir auf das zurück, was wir gewohnt sind, um uns Halt zu geben. Wir entscheiden, was wir immer entschieden haben, es sind geprägte Pfade, die sich mit jeder weiteren Entscheidung nur noch mehr vertiefen. Tian hatte ein langes Leben voller festgefahrener Entscheidungen geführt. Ein Leben ohne Gefühle, ohne Liebe und nur für andere, seiner Pflicht ergeben. Er kehrte dorthin zurück. Das ist das Verrückte an Entscheidungen, sie scheinen uns so vernünftig zu sein, aber auch was uns vernünftig vorkommt, ist nur abhängig von der Perspektive, von dem Gedankengut, auf das wir aufbauen, ist anerzogen. Entscheidungen können unterschiedlich ausfallen und alle können einem selbst völlig vernünftig erscheinen.
So viele Entscheidungen stehen zur Wahl, die allererste ist eine für oder gegen das Leben. Entscheidet man sich für das Leben, sowie Mära es getan hat, folgt die nächste Entscheidung, wie man dieses Leben leben will, in dem Rahmen, der einem gegeben ist. Mära entschied sich, ihn zu lieben und ihm dies auch offen zu legen. Sie entschied sich für ein Leben mit ihm. Aber er entschied sich im Anbetracht dieser überwältigenden Liebe, der Erfüllung all dessen, was er eigentlich in weiter Ferne dachte, fast schon unerreichbar wähnte, für ein anderes Leben. Er entschied es so aus Angst vor Verlust, aus Angst vor dem Ende, aus einem Verantwortungsbewusstsein heraus, das ihm auferlegt worden war, seit er geboren wurde, und aus reiner Gewohnheit. Er entschied sich anders, als sein Innerstes, seine Seele, fühlte. Es war eine bewusste Entscheidung. Er bremste das sich immer schneller drehende Rad der Zeit. Er bremste sich, seine Gefühle, die Zeit selbst. Es hatte ihn überrollt, überwältigt, war ihm viel zu schnell gegangen. Er versuchte, hinterherzukommen. Wieder Kontrolle zu erlangen. Sich dem Chaos entgegenzustellen. Und kehrte zu dem zurück, was er kannte, was ihm Sicherheit gab, zu seiner Gewohnheit. Er war es gewohnt, seine Gefühle zu kontrollieren, sich von allen zu distanzieren. Meisterhaft konnte er sich von allem und jedem lösen und einfach nichts fühlen. Er musste sich nur dazu entscheiden. Und er hatte sich entschieden, gegen das anzukämpfen, was sie verband. Ihr nicht dasselbe entgegenzubringen wie sie ihm. Er klammerte sich an sein ihm vertrautes Leben.
Die Folgen einer Entscheidung für sie gingen ihm zu nah. Sie waren zu enorm, um sie zu ignorieren. Er würde einfach alles verlieren. Auch sie. Dazu war er nicht bereit. Lieber sich ihr verwehren und etwas von sich selbst retten, als alles zu verlieren. Ansonsten würde einfach nichts bleiben. Für ihn war es die naheliegendste Entscheidung. Er würde sich an sie erinnern, so würde ihre Erinnerung die Zeit mit ihm überdauern. Das war alles, was er ihr im Gegenzug für ihre Liebe zu geben bereit war. Er kapselte sich von ihr ab, um den kommenden Verlust in seiner Gesamtheit nie tragen zu müssen. So würde er leben, selbst wenn sie es irgendwann nicht mehr tat. Dafür hatte er sich entschieden. Lieber ein dumpfes, gefühlloses Leben, ein Leben, wie er es kannte. Unvollständig, aber gerade deswegen noch voller unendlicher Möglichkeiten. Mit ihr war er mehr er selbst, aber er war auch beschränkt, definiert durch ihre Sterblichkeit, den Schmerz ihres Verlustes in jedem Moment kostend. Das war mehr, als er verkraften konnte, mehr, als er fühlen wollte. Zu viel. Sie war zu viel. Ihre Liebe war zu viel. Er wollte sie nicht mehr, jetzt, wo er sie hatte. Wo er um sie wusste. Er wehrte sich, um nicht in ihr zu ertrinken. Sie war so viel gefährlicher, als ihm je bewusst gewesen war. Ließe er es zu, sie würde ihn mit ihrer Liebe zerstören. Die Angst trennte ihn von ihr. Sie wog zu schwer, um sie zu ignorieren. Sie vergiftete seine Gedanken und Gefühle. Sie hatte es geschafft, sie auseinanderzubringen.
Er verschloss sein Herz, sperrte Mära aus. Von jetzt an wäre er nach außen ihr Freund. Schließlich hatte er ihr ein Versprechen gegeben. Dieses Versprechen wog, nun da seine Entscheidung so ausfiel, wie sie es tat, schwer. Seine Ehre und sein Pflichtgefühl geboten ihm, es zu halten. Zudem konnte sie nichts dafür. Sie konnte nichts für ihre Sterblichkeit. Nichts für die Gründe, weshalb er sich ihr verwehren würde. Es war nicht ihre Schuld. Er war es, der feige war, und ihm war das durchaus bewusst. Deswegen würde er eine Weile mitspielen. Bis es eine gute, friedliche Lösung für ihren Verbleib gab. Sie sollte ihr kurzes Dasein gut verbringen können. Das war alles, was er sich für sie noch wünschte. Ein friedliches, sterbliches Leben. Er wollte es nur nicht mehr mit ihr leben, zumindest nicht so wie noch vor wenigen entscheidenden Erkenntnissen. Er hatte beschlossen, seine Gefühle für sie zu begraben, sie wegzusperren. Nichts mehr zu fühlen. Auf Dauer würde sie es durchschauen, und es würde ihre Seelenverbindung trennen. Sie würde aufhören, ihn zu lieben. Er hatte sich damit abgefunden. Es war besser so. In seiner Logik erschien es ihm plausibel, möglich und das einzig Richtige. Für sie beide. Wie sehr wir uns doch selbst belügen können. Denn er wusste ganz genau, dass es sie sehr verletzen wird. Er wusste, es würde ihr Leid zufügen, er nahm es in Kauf und wollte es einfach nicht wahrhaben. Manchmal ist das so, wenn wir einen Fehler begehen: Wir sehen ihm direkt ins Auge, aber erkennen ihn nicht, weil wir es nicht sehen wollen.
Tian ließ sich von all dem nichts anmerken. Es war ein stiller Prozess in seinem Inneren. Mit weitreichenden Folgen, aber sie waren nicht von außen zu erkennen. Mära ahnte nichts.
3. Kapitel
Glück ist eine Momentaufnahme
Nur Moritz lief ein kalter Schauer über den Rücken, der ihm eine ungute Vorahnung bescherte, die er sich nicht einmal zu denken wagte. Etwas stimmte nicht. Nicht mehr. Aber er wusste, er konnte es nicht mehr ungeschehen machen. Es nicht mehr aufhalten. In einem Moment war noch alles besser als gut. Doch im nächsten hatte sich alles geändert. Er wusste nicht, wieso, nur dass es so war. Es beunruhigte ihn. Mära hatte ihnen so viel von sich gegeben. Sie war so besonders, und sie hatte so viel hinter sich. Der Lord hatte Glück. Moritz wusste, dass Märas Liebesgeständnis genau das für den Lord war: pures Glück. Der Lord war noch nie auf eine solche Weise geliebt worden. So alles umfassend. Diese Frau war seine Seelengefährtin. Moritz wusste, was das für seinen Lord hieß. Es war unvorstellbar. Ein Wunder. Warum also war er auf einmal so distanziert? So wie früher? Er hatte doch gerade alles, wovon er nicht einmal zu träumen wagte. Irgendetwas stimmte nicht. Er konnte es fühlen. Einem Kater konnte man nichts vormachen. Für so etwas hatte er einen Sinn. Ganz besonders, wenn es den Lord betraf. Er war über den Magiepakt mit ihm verbunden.
Etwas ging gerade vor, was sich seinem Verständnis entzog. Der Lord hatte innerhalb der letzten Minuten eine Veränderung durchgemacht. Eigentlich war es nur verständlich, dass ihm diese Offenbarung aus der Bahn warf und etwas mit ihm machte. Ihn veränderte. Aber diese Veränderung war anders, sie gefiel ihm nicht. Nicht im Geringsten. War nicht das, was er erwartet hatte. Er wusste nicht, wieso, aber es lief gerade etwas gewaltig schief. Um Mära nicht zu beunruhigen, nach allem, was sie hinter sich hatte, und nachdem sie sich ihnen so verletzlich zeigte, indem sie sich mit ihnen auf diese beeindruckende und wundervolle Weise teilte, ließ er sich nichts anmerken. Doch es missfiel ihm, dieses Geheimnis vor ihr zu bewahren. Es fühlte sich an, als würde er sie hintergehen.
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