Cover: Shapeshifter

Shapeshifter
Liebe und Schicksal


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 338
ISBN: 978-3-7116-0923-6
Erscheinungsdatum: 25.06.2025
Kennst du das, wenn dein Leben plötzlich aus den Fugen gerät und nichts mehr so ist wie zuvor? Genau so ergeht es Elaena Darley und damit beginnt ihr schmerzhafter Kampf um mehr Selbstvertrauen und um die wahre Liebe. Wird sie ihr Schicksal besiegen können?
KAPITEL • EINS


Montag

Es war nicht üblich, dass der Bus in diesem verschlafenen Örtchen zu solch einer Zeit überfüllt war. Und auch jetzt war es keine Ausnahme. Und Kilchurn war ein kleiner Ort mit nur ein paar Tausend Einwohnern. Elaena Darley war auf dem Weg zur Schwimmhalle. Sie hatte schon immer in dieser Gegend gewohnt und sie liebte es hier. Ein Vorort, wie er in Schottlands Bilderbüchern zu finden war.
Umgeben von den sanften Hügeln der Highlands reihten sich die alten Steinhäuser aus verwittertem Sandstein und mit schiefergedeckten Dächern eng entlang der schmalen, gepflasterten Gassen. Eine kleine Kirche aus dem 12. Jahrhundert überblickte den Ort, angrenzend an einen Friedhof mit schiefen Grabsteinen, deren Inschriften längst durch den Einfluss des Wetters verblasst waren. Der Marktplatz von Kilchurn bildete das Zentrum des Ortes. Um den moosbedeckten Brunnen drängten sich wöchentlich Marktstände und Marktschreier. Am Rande des kopfsteingepflasterten Platzes fanden sich seit Generationen familiengeführte Krämerläden, eine Bücherei, ein Blumenladen und ein Café. Über dem Dorf thronte eine halbverfallene Festung, der Kilchurn ihren Namen verdankte. Von dort aus erspähte man den nahegelegenen Loch Corhold, dessen Ausläufer bis an den Ort heranreichten. Alles in allem wirkte Kilchurn, als hätte es die Jahrhunderte in stillem Schlaf verbracht. Und Elaena liebte es.

Beim Einsteigen schweifte Elaenas Blick aus Gewohnheit durch den nahezu leeren Fahrgastraum. Gerade einmal eine Handvoll Personen saßen vereinzelt auf den verblassten Sitzen. Sie genoss die Ruhe, die lediglich von dem Surren des alten Motors gestört wurde. Ein Geräusch, das sie leicht ausblenden konnte. Als sich die Türen schlossen, verbreitete der letzte eindringende Luftzug den muffigen Geruch, der über die Jahre sicherlich schlimmer geworden war. Mit dem ruckenden Anfahren machte Elaena einen schwungvollen Schritt den Gang zwischen den Sitzen hinab und nahm den Schwung, um sich in eine ruhige Ecke zu setzen, in der sie ihre Gedanken schweifen lassen konnte.
Ihre beste Freundin Hannah war am Freitag endlich wieder in Schottland gelandet. Weit über ein halbes Jahr hatten sich die beiden nicht gesehen und sie hatte jeden einzelnen Tag gezählt, bis sie ihre Freundin wieder in die Arme schließen konnte. Erst recht in den letzten Tagen spürte sie, wie ihre Aufregung mit jedem Herzschlag wuchs, in voller Vorfreude, ihre Seelenverwandte endlich wieder bei sich zu haben. Es wäre gelogen gewesen zu behaupten, Elaena wartete nicht schon regelrecht nervös auf eine Nachricht von Hannah. Sie wollte ihr Zeit geben, zu Hause anzukommen, sich zu sammeln, bevor sie ihr um den Hals fiel.
Drei Tage war Hannah nun schon wieder hier und sie hatten noch nichts voneinander gehört, doch Elaena blieb eisern, sie würde sich nicht aufdrängen, so war sie nicht, auch wenn es ihr in diesem Moment ganz anders zumute war.

Ihre zerrissenen Gedanken verpufften jedoch, als sie wahrnahm, dass sich jemand neben sie setzte. War sie so in Gedanken an Hannah vertieft, dass sie nicht einmal merkte, dass der Bus bereits die nächste Haltestelle angefahren hatte? Ein Mann setzte sich neben sie, nah neben sie. Ihre Beine berührten sich und unverzüglich legte er seine Hand auf ihren Schoß, während sich in der Reihe vor und hinter ihr zwei Fremde dazugesellten. Keine Frage, dass sie zu ihm gehörten.
Aufdringlich beugten sie sich über die Lehnen, um sie zu begutachten. Sie musterten sie wie Vieh, das zur Versteigerung stand.
„Was macht denn so ein hübsches junges Mädchen hier in Kilchurn? Dich würde man doch eher in Glasgow erwarten.“ Seine Stimme klang schmierig und anzüglich. Elaena würdigte die Männer keines Blickes. Im Gegenteil: Sie senkte ihren Kopf aus Verlegenheit, nicht wissend, wo sie sonst hingucken sollte. Die schwielige Hand auf ihrem Bein machte die Absichten der drei von Anfang an deutlich: Das sollte kein harmloser Small Talk werden. Der vermeintlich sanft streichelnde Daumen untermalte dies nur noch mehr. Sie hatte das Gefühl, als würden die drei regelrecht nach ihr lechzen. Ein Gefühl des Angewidert-Seins stieg in ihrer Kehle hoch.
„Ach nein, wende deinen Blick doch nicht von mir ab.“ Die schroffe Stimme neben ihr klang gespielt enttäuscht. Eine eisige Hand legte sich an ihr Kinn und übte leichten Druck aus, der sie dazu treiben sollte, ihren Kopf wieder zu heben. Doch sie weigerte sich, wehrte sich allerdings auch nicht. Ihre Hände spannten sich an und sie drückte ihren Daumen so sehr auf ihren Zeigefinger, dass ihre trockene Haut ein leises Knarzen von sich gab. Sie hoffte, dass sie vielleicht von ihr ablassen würden, wenn sie nicht mitmachte, einfach starr dasaß.
Der sanfte Druck am Kinn wurde zu einem festen Griff, und ihr Kopf wurde herumgerissen. Für einen Wimpernschlag sah sie dem Mann in die Augen, bevor sie ihren Blick abwendete, ihr Gesicht noch immer in seiner Kontrolle.
Wenn sie ihm auf der Straße begegnet wäre, hätte sie keinen Bogen um ihn gemacht. Er wirkte so unscheinbar, sein Gesicht sah eigentlich sogar recht freundlich aus. Oder vielleicht war sie auch einfach nur zu naiv, und man hätte vermuten können, was hinter der Fassade steckte, wenn man aufmerksam hinguckte.
Jetzt hätte sie am liebsten einen Bogen um ihn gemacht, hätte sich am liebsten an einen anderen Platz gesetzt. Doch sie war wie versteinert. Starr saß sie da, mit ihren Händen im Schoß und seiner Hand auf ihrem Oberschenkel, die nun nicht mehr versuchte, zärtlich zu sein.
„Ich habe gesagt, du sollst mich angucken!“ Seine raue Stimme legte sich schroff in ihr Ohr und die Hand an ihrem Kinn schüttelte sie leicht. Er klang sauer.
Eine weitere Hand strich durch ihr schulterlanges Haar. „Du machst sie ganz verlegen.“ Der Kerl, der vor ihr Platz genommen hatte, drehte eine goldbraune Strähne um seinen Finger, zog leicht daran. Er glitt mit einem verlangenden Blick über die Konturen ihres Gesichts.
Von hinten legten sich zwei weitere Hände auf ihre Schultern und begannen, sie zu massieren. Die Bewegungen sorgten dafür, dass sie leicht hin und her gewiegt wurde, doch anstatt etwas zu sagen, nahm sie es hin. Sie hätte viel zu viel Mut aufbringen müssen, um die Starre, die ihren Körper lähmte, zu überwinden.
„Finger weg!“ Bissig fuhr er neben ihr seine Freunde an, schlug sogar ihre Hände von ihrem Körper, bevor er sie auf seinen Schoß zog. „Sie gehört mir.“ Er untermalte den Anspruch, den er auf sie erhob, mit einem zu festen Griff in ihre Taille, der sie noch fester in seinen Schoß zog.
Ein leises Quieken entfleuchte Elaena, als sie mit einem Ruck von ihrem Sitz gerissen wurde. Sie saß rücklings auf dem Schoß des Typen, der so wirkte, als hätte er das Sagen. Ihre Knie pressten gegen den Sitz vor ihr und sie blickte hilfesuchend in die gierigen Augen ihr gegenüber.
Genervt starrte er sie an und legte die verschränkten Arme auf die Sitzreihe. Er machte sich nicht die Mühe, die Wut und Enttäuschung in seinem Blick zu verstecken, während seine Augen kurz zu dem Kerl wanderten, auf dessen Schoß sie saß. Zögernd versuchte er noch einmal, eine Strähne ihres Haares zu greifen, doch seine Bewegung wurde sofort durch einen mahnenden Blick, den Elaena regelrecht spüren konnte, gestoppt. Stattdessen strich der, von dem der Blick ausging, ihr die Haare hinters Ohr und fuhr mit seinen Fingern die Kontur ihres Halses nach, bis hin zu ihrer Halsbeuge, die sich unter ihrer Jacke versteckte.
Fordernd schob er den aufgestellten Kragen beiseite, und sie spürte seinen feuchten Atem auf ihrer fahlen Haut. Ein Schauer durchfuhr sie, doch es war keiner der guten Sorte. Sie ekelte sich, würde sich am liebsten seines Griffes entziehen.
Als seine spröden Lippen ihre Haut streiften, kniff sie mit einem verzerrten Gesicht die Augen zusammen. Die feuchte Zunge, die über ihre Haut fuhr, war jedoch nicht das Einzige, was sie wahrnahm. Da war ein monotones Vibrieren des Busmotors. Er musste stehen. Ein erneuter Schauer kam in ihr auf. Hoffnung.
Wie ausgewechselt nahm Elaena ihren gesamten Mut zusammen, vielleicht ein wenig mehr, als sie eigentlich aufbringen konnte, was wahrscheinlich dem Adrenalin zu verdanken war, das in einer Welle durch ihren Körper fuhr. Ihr Blick schnellte zur Tür herum. Sie stand offen. Augenblicklich bemerkte sie den leichten Luftzug, der durch das Fahrzeug ging.
Ihr Körper stieß eine weitere Welle des mutbringenden Adrenalins aus. Ihr wurde heiß. Wenn sie zögern würde, würde sie ihre Chance verpassen und sie wusste nicht, was man dann mit ihr anstellen würde. Sie nutzte diese zweite Welle und sprang auf. Mit ihrem Fuß blieb sie am Knie des Mannes hängen, entkam jedoch der nachgreifenden Hand. Fast stolpernd fand sie ihr Gleichgewicht und hastete zum Ausgang. In derselben Sekunde sprangen die drei Männer auf und hetzten ihr nach.
Ihre Hand streckte sich nach dem Griff an der Lehne der letzten Sitzreihe vor der Tür. Würde sie ihn erreichen, könnte sie die Kurve schneller nehmen und entkommen. Sie wagte es nicht, nach hinten zu gucken. Das brauchte sie auch nicht, denn sie hatte es fast geschafft. Nur noch ein paar Schritte trennten sie von dem Ausgang.
Ihre Finger griffen das abgegriffene Metall. In ihre Ohren legte sich ein warnendes Zischen. Nein! Die Türen würden sich schließen, aber sie konnte es noch schaffen, im letzten Moment durchzuschlüpfen. Die Muskeln in ihrem Oberarm spannten sich an, sie zog sich voran, um mehr Tempo zu bekommen, nutzte die Fliehkraft, den Schwung, um durch die Kurve zu kommen, als sich die Türen des Busses schlossen und sie ungebremst gegen die Scheibe krachte.
Ihr Kopf prallte gegen das Glas und der Aufprall ihres Körpers verursachte einen dumpfen Knall. Das war’s, Elaena hatte ihre Chance verpasst.
Mit jedem hastigen Atemzug verstrich ein weiterer Augenblick, ihr blieb nicht einmal die Zeit, sich von der Scheibe zu lösen, da wurde sie schon wieder an sie gepresst. Sie vernahm ein wütendes Knurren, ganz nah an ihrem Ohr. So nah, dass heißer Atem ihre Ohrmuschel streifte. Er war wütend, das wusste sie. Er musste seinen Zorn nicht weiter mit Worten untermalen.
„Hau ab, du hattest deine Chance. Jetzt bin ich an der Reihe.“ Die krächzende Stimme des Mannes, der ihre Schultern massiert hatte, übertönte das Knurren an ihrem Ohr, und er riss seinen Freund von ihr, nur um sich im selben Moment selbst an sie zu schmiegen.
Elaena hielt ihre Augen geschlossen, um nicht sehen zu müssen, was passierte. Selbst wenn sie sich hätte wehren wollen, hätte sie es nicht geschafft, denn ihr Körper wurde von der Scheibe gerissen, herumgewirbelt und mit dem Rücken wieder an sie gepresst. Der Typ mit der braungebrannten Haut setzte ein schmieriges Grinsen auf und drückte sein Becken gegen ihre Hüfte. Vielleicht war doch er derjenige, der die Gruppe anführte. Sein Ego triefte nur so vor Überheblichkeit.
Er war ihr so nah, dass sie seinen Atem an ihrem Hals spüren konnte, doch er berührte sie nicht. Sein nach kaltem Qualm riechender Atem strich über ihre zarte Haut und stieg in ihre Nase, sodass sie gezwungen war, die Luft anzuhalten.
Sie spürte seine schwielige Hand grob auf ihrem Hintern. Er steckte seine Hand in die Hosentasche ihrer Jeans, und die andere öffnete mit reißenden Bewegungen ihre Jacke, um anschließend seine Hand an ihre Taille zu legen. Auf seinem Weg dorthin glitt er über ihre Oberweite, verweilte für einen kurzen Moment, zeichnete mit einem Finger die Stelle nach, an der ihre Brustwarze saß.
Er kam ihrem Ohr näher, sodass sie seine Lippen fast spüren konnte, während er leise flüsterte: „Dir gefällt das alles, du kannst es mir ruhig sagen.“ Ekel und Angst durchfuhren Elaena und ein leises Piepen legte sich in ihr Ohr. Es betäubte sie, wurde immer lauter, hüllte sie in einen Kokon aus vermeintlicher Sicherheit. Die Hände auf ihrem Körper nahm sie nur noch schemenhaft wahr. Spürte, wie sie sie liebkosten, ihren Körper streichelten, bis das Gefühl komplett verblasste. Sie presste ihre Lippen aufeinander, traute sich nicht, zu atmen.
Die Griffe an ihrem Körper wurden fester, verlangender, intimer. Doch all das spürte sie nicht. Sie spürte nichts. Kein Gedanke streifte vor ihrem inneren Auge umher. Kein Wort legte sich in ihr Ohr. Da war nichts. Nichts, außer diesem gleichbleibenden Ton, der sie blind für ihre Umgebung machte.
Sie wusste nicht, wie lange sie in dieser Trance war, als sie sich ihrer Sinne wieder bewusst wurde. Mit einem Paukenschlag kam alles wieder: das Surren des Motors, der muffige Geruch der alten Polster und ein kühler Zug der lauen Frühlingsluft, der durch den Bus flog. Doch da waren keine Hände. Keine Finger, die ihren Körper liebkosten, kein Atem auf ihrer Haut, kein Knurren an ihrem Ohr. Etwas trieb sie dazu, sich umzusehen, auch wenn sie sich eigentlich gar nicht traute.
Zögernd öffnete sie ihre Augen. Ihren Kopf hielt sie noch immer gesenkt. Elaena blickte auf ein abgetragenes Paar verschmutzter Arbeitsschuhe. Sie waren weg, mutmaßte sie, denn solche Schuhe hatten sie sicherlich nicht getragen, dafür war ihre Kleidung zu sehr aufeinander abgestimmt gewesen.
Erleichterung blühte in ihr auf und sie erlaubte sich, zu atmen, dabei hatte sie Mühe, nicht hörbar nach Luft zu schnappen. Sie wollte sich und vor allem ihrem Gegenüber ihre Schwäche nicht eingestehen. Dass sie nichts unternommen hatte, um sich zu wehren. Dass sie einfach alles über sich ergehen lassen hatte.
Ein unwohles Gefühl in ihrer Magengegend hielt ihre Sinne geschärft. Sie konnte sich nicht sicher sein, ob es wirklich vorbei war. Ihr starrer Blick ließ es zu, dass sie gerade so im Alleräußersten ihres Augenwinkels sah, dass die Türen des Busses offen standen. Dieser Fehler würde ihr nicht noch ein zweites Mal passieren.
Mit einem ruckartigen Rückschritt trat sie die Flucht an, huschte aus der Tür und rannte. Sie drehte sich nicht noch einmal um, sah nicht noch einmal nach, ob sie verfolgt wurde. Etwas in ihr sagte ihr, dass es sicher war, und diesmal wusste sie, dass es stimmte.
Erst als ihr der Atem zu versagen schien, erlaubte sie sich, eine Pause zu machen und nach Luft schnappend die Hände auf die Knie zu stützen. Ihr rasendes Herz beruhigte sich mit jedem kontrollierten Atemzug ein wenig mehr. Als sich ihr Puls normalisiert hatte, richtete sie sich auf. Es überkam sie, sie musste sich umsehen. Sicherstellen, dass sie außer Gefahr war.
Unauffällig, aber gewissenhaft suchte sie ihre Umgebung ab. Sie war allein. Ein tiefer Seufzer, fast schon ein Schluchzen, drang aus ihrer Kehle. Sie dachte unweigerlich darüber nach, wie feige sie gewesen war, wie sehr es ihre Art widerspiegelte. Noch nie hatte sie für sich oder jemand anderen eingestanden. Sie hatte nicht den Mut, jemandem die Stirn zu bieten oder Grenzen zu setzen. Hastig schob sie diese Gedanken beiseite, besann sich und erinnerte sich daran, was ihr eigentlicher Plan gewesen war.
Sie wollte schwimmen. Sie musste schwimmen. Sie brauchte Ablenkung. Denn noch immer spürte sie die Finger der Männer auf ihrem Körper, in ihrem Haar, roch diesen widerlichen Atem. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie musste sich ablenken.
Eine Nachricht von Hannah leuchtete genau im richtigen Augenblick auf ihrem Smartphone auf. Ein Lächeln schlich sich auf Elaenas Lippen. Ein Stück weit gelang es ihr sogar, den Ekel und das beklemmende Gefühl zu übertönen.

El! Ich muss dich endlich wiedersehen. Kommst du nach der Arbeit vorbei?

Ihr Grinsen wurde breiter. Sie hatte so lange darauf gewartet, ihre beste Freundin wieder in die Arme zu schließen. Sicherlich hatte sie ihr so viel zu erzählen. In der Zeit, in der Hannah auf Weltreise war, war so viel in Elaenas Leben geschehen. Vorfreude machte sich in ihr breit. Sie konnten endlich wieder Zeit miteinander verbringen. Ganz so wie früher. Sicherlich könnte Elaena sich auch öffnen, ihr erzählen, was ihr passiert war, und Abstand zwischen sich und die Männer aus dem Bus bringen.
Kurz angebunden tippte sie eine zustimmende Antwort auf das Display. ‚Nach der Arbeit‘ hatte Hannah geschrieben. Sie wusste noch nicht, dass sie ihren Job als Dekorateurin vor ein paar Wochen verloren hatte. Sie hatte ihren Job gemocht, blühte regelrecht darin auf. Umso mehr schmerzte es, als sie dort nicht mehr arbeiten konnte.
Aber davon würde sie ihrer Freundin später erzählen. Elaena schulterte ihre Sporttasche quer über ihren Körper und ging die wenigen Hundert Meter zur Schwimmhalle zu Fuß. Eigentlich hätte der Bus direkt vor dem Eingang gehalten, doch sie verzichtete darauf. Die frische Luft tat ihr in diesem Moment ohnehin ganz gut.




KAPITEL • ZWEI


Solange Elaena sich zurückerinnern konnte, war Schwimmen ihr einziges und innigstes Hobby gewesen. Mehrmals die Woche nach der Schule oder am Wochenende hatte sie ihre Freizeit hier verbracht. Eine Konstante, die sich bis zu diesem Tag wie ein roter Faden durch ihr Leben zog. Doch einen Unterschied gab es nun: Sie hatte nichts mehr, was sie in ihrer Zeit einschränkte. Sie konnte herkommen, wann sie wollte. Solange sie wollte. Also hatte Elaena schnell herausgefunden, zu welcher Zeit es sich am ehesten lohnte, ihre Wohnung zu verlassen.
Um die Mittagszeit herum war die Schwimmhalle nie gut besucht. Lediglich eine Handvoll älterer Damen und noch weniger Herren, die herkamen, um an dem Aerobic Kurs teilzunehmen, leisteten ihr Gesellschaft. Jedoch auch mehr, um miteinander zu tratschen, als um sich sportlich zu betätigen.
Anders als zu den Stoßzeiten war am Einlass keine Schlange. Nicht einmal der in der Mitte platzierte Informationsschalter war besetzt. Sie löste ihr Ticket an einem Automaten. Ihre schweren Schritte hallten in der kargen Eingangshalle. Es war so still, dass sie beinahe auch den Widerhall ihrer Gedanken hören konnte.
Auch in den Umkleiden war keine Menschenseele anzutreffen. Es war fast schon gespenstisch still. Vereinzelt fand sie einen abgeschlossenen Spind, und der Boden in der Umkleide war nahezu trocken, die Duschen liefen auch schon eine Weile nicht mehr.

Elaena tapste mit nackten Füßen um die wenigen Pfützen am Beckenrand herum, um sich davor zu bewahren, auszurutschen. Ihr Handtuch legte sie auf die tribünenartigen Stufen am Beckenrand. Die wenigen Handtücher, die dort bereits lagen, waren mit großem Abstand zueinander verteilt. Sie hielt sich dort nicht lange auf. Es war vielmehr so, dass sie ihr Handtuch im Vorbeigehen fallen ließ und direkt zu den Startblöcken weiterging.
Der raue Untergrund des Podests kratzte an ihren Fußsohlen. Mit einem kurzen Blick in ihre Hand startete sie die Stoppuhr, die um ihren Hals hing, ging in Position und tauchte mit einem tiefen Atemzug in das kalte Wasser ein. Die Luft perlte über ihre Haut. Mit ihren Händen formte sie eine Spitze und ließ sich die ersten Meter unter der Wasseroberfläche gleiten, bis sie auftauchte, um ihren ersten Atemzug zu nehmen.
Mit rudernden Armen zog Elaena eine Bahn nach der anderen. Eine halbe Stunde lang. Eine Stunde. Zwei. Sie machte keine Pause. Das brauchte sie nicht, sie hatte genügend Ausdauer, um noch eine weitere Stunde zu schwimmen. Es war jedes Mal so, als würde sie durchs Wasser fliegen. Es kostete sie keine Mühe, Bahn um Bahn zu schwimmen, in einem Tempo, in dem sie jeden anderen im Becken überholte. Vielleicht lag es daran, dass sie bereits ein höheres Alter hatten, oder es lag daran, dass sie sich im Wasser jedes Mal wie zu Hause fühlte. Auf dem Podest am Beckenrand zu stehen, fühlte sich jedes Mal wie eine Einladung an, die sie dankend annahm. Es war immer wie ein Ruf, dem sie folgte. Es war, als wäre sie für das Wasser geboren.
Doch an diesem Tag war es anders. Sie schwamm nicht mit der gleichen Leichtigkeit. Zu Beginn war es zwar noch wie immer gewesen, doch mit jeder Minute, die verstrich, jedem Meter, den sie hinter sich brachte, wurde aus ihrer Leichtigkeit eine Last, und das befreite Gefühl wich einer Schwere, die sie unter die Oberfläche zu ziehen schien.
Als sie die schwieligen Finger wieder auf ihrem Körper spürte, wie sie über ihre Taille strichen, über ihre Brüste, wusste sie, dass sie versuchte zu fliehen. Sie war ihrem Unglück zwar entkommen, war davongerannt, doch ihre Flucht war noch nicht zu Ende. Das wurde ihr bewusst, während sie Berührungen spürte, obwohl sie niemand anfasste. Immer wieder tauchten die Gesichter der Männer vor ihren Augen auf, die verlangenden Blicke, und wie sie sich lechzend die Lippen leckten. Einer von ihnen hatte ihr durch ihr Haar gestrichen, seine Erregung konnte sie jetzt noch riechen. Ekel brannte in ihrer Kehle.
Elaenas Gedanken begannen sich im Kreis zu drehen. Wilder und immer schneller wechselten die Gesichter vor ihrem Auge. Gelegentlich kamen Hirngespinste dazu, in denen sie sich vorstellte, welchen anderen Grausamkeiten sie vor hatten, denen sie in Wirklichkeit jedoch entkommen konnte.
Genau wie ihre Gedanken begann auch sie sich nun im Kreis zu drehen. Sie wirbelte regelrecht umher, ihr Blick war unruhig und durchstreifte den Raum. Ihr Atem wurde schnell und verlor jeglichen Rhythmus. Suchend, jedoch nicht wissend wonach, hielt sie Ausschau, bis sie kurzerhand zum Beckenrand schwamm.
Für den Bruchteil einer Sekunde hielt sie sich an den kalten Fliesen fest, um sich in die Gegenwart zurückzurufen, ihren Atem zu normalisieren, doch ihre widerlichen Gedanken ließen sie nicht los. Fast schon panisch zitterte sie bei jedem Atemzug, bis sie tief einatmete, und einem Drang, der fast schon einer lockenden Stimme glich, nachkam und sich sinken ließ. Ein Lockruf, der ihr Ruhe und Sicherheit versprach. Sie wusste, dass dieses Verlocken ebenfalls aus ihrem Kopf kam. Doch es war so herrlich warm und einladend, dass sie ihm nachkommen musste.
Mühelos berührten erst ihre Füße, dann ihre Schenkel den Boden und es fiel ihr außerordentlich leicht, auf dem rauen Boden Platz zu nehmen und sich anzulehnen.
...
3 Sterne
Inhaltlich stellenweise fesselnd  - 21.11.2025
Romi-Eyline

Inhaltlich stellenweise fesselnd, dennoch fragwürdig wieso dieses Buch als Newcomer des Jahres gewählt wurde. Da gibt es meines Erachtens nach Besseres, aber Geschmäcker sind da bekanntlich verschieden

3 Sterne
Eigentlich 4 sterne, aber... - 24.07.2025
Jessy Linkmann

Ich habe mir das Buch von einer Freundin ausgeliehen und ich muss sagen, dass es mir wirklich gut gefällt. die einzigen Kritikpunkte: Der Anfang zieht sich für mich etwas in die Länge und mich nervt, dass die beiden immer wieder von einander getrennt werden - aus verschiedenen Gründen. aber darauf weiter einzugehen wären Spoiler. Sonst hätte das Buch wirklich 4 Sterne verdient - 5 bekommt nur Das Reich der sieben Höfe. := ich hoffe, dass es einen zweiten Band geben wird.

5 Sterne
Danke für diese tolle Geschichte - 17.07.2025
Jana

Vorerst muss ich danke sagen, da ich das große Glück hatte ein Rezensionsexemplar zu bekommen. Ich hatte auch das Glück, das Buch selbst mit in den Urlaub nach Schottland nehmen zu können und könnte so noch ein wenig mehr in die Atmosphäre eintauchen. *Die Geschichte spielt in Schottland. Die Reise der Protagonistin El ist wirklich packend. Es wird immer spannender und spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem der männliche Hauptcharakter in Erscheinung Tritt, wurde Shapeshifter zu meinem neuen Lieblingsbuch. Das Buch ist nicht zu schwer geschrieben und wir können der Geschichte fließend folgen. Ich denke, dass das Buch ab einem Alter von 16 Jahren geeignet ist. Für die welche sich entschieden das Buch zu lesen: gebt dem Anfang etwas Zeit sich zu entfalten, spätestens wenn die Magie ins Spiel kommt, könnt ihr das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Für mich eine klare 5 Sterne Bewertung. Hoffe auf eine Fortsetzung, doch die Autorin hat sowas angedeutet.

5 Sterne
Just buy it - 16.07.2025
Mokō

Das Buch von Luisa ist da <3 Ich kenne Luisa auch von Social Media ( @wortschmied.e ) Das Buch ist soooo toll. Kann es nur empfehlen. Von mir gibt es 5 Sterne *.*

4 Sterne
Ich bin total begeistert - 14.07.2025
Chrissi

Die Geschichte ist einfach zum Verlieben. Ich bin durch TikTok auf die Autorin aufmerksam geworden und was soll ich sagen, eine richtig tolle Geschichte zum Träumen und zum "sich in ihr verlieren". Ich hoffe so sehr, dass dies eine ganze Reihe wird. Schade, dass das Buch nicht bei Thalia ausgestellt wird, hätte es mehr als verdient. Hatte mir das Buch bei Amazon bestellt, kam am Freitag an und bin eben gerade (Sonntag) durch damit. Habe jedoch ein einzigen Kritikpunkt, weshalb es von mir nur 4 und nicht 5 Sterne gibt. Das Lektorat hat an der einen oder anderen Stelle anscheinend geschlafen. Schade für die Autorin. Trotzdem danke für die tolle Geschichte.

5 Sterne
absoluter comfort read - 11.07.2025

DAs buch hat mich bereits von der ersten Seite an gepackt. es gebinnt direkt mit einer knallerszene, in der die Protagonistin sich in einer bedrohlichen Lage beweisen muss... Ich kann mich in so vielen hinsichten in der Protagonistin wiederfinden. Ich hab das Buch direkt in einem zug durchgelesen. Nach dem Ende hoffe ich aber, dass noch mehr von der Autorin kommt...

3 Sterne
Ist okay aber holt mich nicht ab. - 11.07.2025
Brigitte Fischer

Dieses Buch ist vom Aufbau her gut geschrieben dennoch nimmt es mich persönlich nicht richtig mit. Nacht der Hälfte habe ich das Buch beiseite gelegt. Das Cover ist trotzdem gelungen, und bei der Autorin ist aufjedenfall Potential zu erkennen.

5 Sterne
Liebe zwischen den Welten - 10.07.2025
Sascha André R.

Verzaubert mit einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte und einem Hauch Magie – Elena ist eine starke Heldin, die man nicht mehr vergisst.

5 Sterne
Magische Liebe mit Herz und Geheimnissen - 10.07.2025
Sam

Shapeshifter ist eine fesselnde Mischung aus Romantik und Magie – Elena wächst einem sofort ans Herz, während sie sich zwischen Liebe und übernatürlicher Bestimmung behauptet.

2 Sterne
Klischee - 10.07.2025
Roland Ernst Wolper

Dieser Stoff ist millionenhaft variiert worden. Ist kraftlos.

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